Nnterhalwngsblatt des vorwärts SK. 80. Dienstag den 26 April. 1910 �Nachdruck bectotcs.) 18] Die Hrena. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Wenn er die Auslassungen des Nacional nicht mit feinde lichem Schweigen und grimmigen Blicken aufnahm, versuchte er, ihn zu reizen, indem er die Ansicht verteidigte, daß alle, die die Schundblätter im Volk verbreiteten, sofort erschossen werden sollten. Der Nacional war zehn Jahre älter als sein Maestro. Als dieser anfing, an den Capeas teilzunehmen, war er schon Banderillero im weitesten Sinne des Wortes, und er war aus Amerika gekommen, wo er in Lima als Matador aufgetreten war. Beim Beginn seiner Laufbahn war er beim Publikum wegen seiner jugendlichen Gewandtheit beliebt gewesen. Auch er hatte während einer kurzen Zeit zu den berufenen Stier- fechtern gezählt, und die Sevillaner Enthusiasten erwarteten, daß er die Matadore der anderen Provinzen in den Schatten stellen würde. Das dauerte aber nicht lange. Bei seiner Rückkehr von der überseeischen Reise umgab ihn der Nimbus unbestimmter ferner Taten, und das Volk drängte sich in die Arena von Sevilla, um ihn Stiere abfertigen zu sehen. Tausende blieben ohne Platz, aber in dem entscheidenden Augenblick versagte ihm das Hcr�. Er brachte die Banderillas mit Festigkeit an, wie ein gewissenhafter, ernster Arbeiter, der seine Pflicht erfüllt, aber ohne Schwung, und im Moment des Tötens war der Selbsterhaltungstrieb stärker als fein Wille, hielt ihn vom Stiere entfernt, ohne daß er die Vor- teile seiner hohen Statur und seines starken Armes aus- genützt hätte. Der Nacional verzichtete auf den höchsten Ruhm der Stierfechterei: ihm genügte es, ein Banderillero zu sein, ein Tagelöhner seines Berufs, und er ergab sich darin, jüngeren Leuten zu dienen, um als Gehilfe einen armseligen Sold zu beziehen, mit dem er seine Familie erhalten und einen be- scheidenen Nebenerwerb gründen konnte. Seine Herzensgüte und seine reine Lebensführung waren unter den Kollegen sprichwörtlich. Die Frau seines Matadors war ihm sehr zugetan: sie sah in ihm eine Art Schutzengel ihres Mannes. Im Sommer, wenn Gallardo in einer Provinzialstadt nach getaner Arbeit sich in Vergnügungen zerstreute und in irgend- einem Tingeltangel amüsierte, blieb der Nacional inmitten der leichtgekleideten und geschminkten Sängerinnen stumm und ernst, wie ein Einsiedler der Wüste zwischen den Hetären Alexandriens. Er äußerte keinen Unwillen, er wurde nur traurig in Gedanken an Frau und Kinder, die ihn in Sevilla erwarteten. Alle Verderbnis dieser Welt war für ihn die Folge einer mangelhaften Schulbildung. Sicher konnten diese armen Weiber weder lesen noch schreiben. Ihm selbst ging es ebenso, und da er in diesem Mangel die Ursache seiner yeisti- gen Armut erblickte, schrieb er ihr alles Elend und Unheil der Welt zu. „Ich weiß," sagte er als alter Genosse,„daß diese Stier- asfären reaktionär... etwas wie aus den Zeiten der In- quisition sind, vielleicht drücke ich mich nicht richtig aus. Das Volk braucht, ebenso wie das tägliche Brot, Lesen und Schreiben, und es tut nicht recht daran, sein Geld für uns auszugeben, während noch so großer Mangel an Schulen herrscht. So sagen die Zeitungen, die von Madrid kommen. Aber die Genossen wisien mich zu schätzen, und das Komitee hat nach einer Aussprache Don Joselitos beschlossen, daß ich der Partei auch ferner angehören darf." Sein ruhiger Ernst, der jedem Spott der Tafelrunde Widerstand, nahm einen stolzen Ausdruck an wegen der Aus- nähme, durch die ihn seine Parteigenossen ausgezeichnet hatten. Wenn Don Joso und andere Freunde des Maestros beim Nachtisch die Lehren des armen Nacional mit spöttischen Ein- würfen bekämpften, fiel er in Nachdenken und kratzte sich die Sfirn. „Ihr seid Herren und habt studiert, und ich kann weder lesen noch schreiben. Deswegen sind wir, die wir der unteren Klasse angehören, eine Herde Schafe. Wie schade, daß unse» Don Joselito nicht hier ist, um Euch Rede zu stehen! Beim Leben der blauen Taube l Wenn Ihr ihn hören würdet wenn er seine Zunge wie ein Engel löst!.. Der stärkste Haß dieses simplen Freigeistes galt der Geist- lichkeit, die das Volk im Zustand der Verdummung ließ. Di« Pferdeburschen, die Picadores, verrichteten ihre Gebete in der Kapelle neben dem Zirkus, sie traten dann in die Arena mit der stillen Hoffnung, durch die in ihre Kleider eingenähten Talismane vor Gefahren behütet zu werden. Hatte der Nacional einen wilden Stier von kraftvollem Bau, starkem Nacken und schwarzer Farbe Banderillas anzu- setzen, so stellte er sich mit ausgebreiteten Armen, die spitzen Stäbe in den Händen, in kurzer Entfernung vor ihm auf und rief ihm Schimpfworte zu:„Heran, du Pfaffe I" Wütend kam das Tier herangeschnaubt, und beim Vor- beirennen stieß der Nacional ihm die Banderillas mit voller Kraft ins Widerrist, dabei wie nach einem gewonnenen Sieg« ausrufend:„Nimm hin, für die Schwarzkutten!" Gallardo mußte schließlich selbst über die seltsamen Ein- fälle des Nacional lachen.„Du machst mich noch lächerlich; die Leute werden auf die Cuadrilla aufmerksam und si« schreien uns noch als Ketzerbande aus. Dabei weißt Du ganz gut, daß das in gewissen Kreisen Anstoß erregt. Der Stier- fechter soll nnr an den Kampf denken." Bei alledem»var er dem Banderillero von Herzen zu- getan, und er erinnerte sich seiner Anhänglichkeit, die manch- mal der Aufopferung gleichkam. Es war dem Nacional glcictwültig. ausgepfiffen zu werden, wenn er besonders ge- fährlichcn Stieren die Banderillas auf irgendeine Weise bei- brachte, nur darauf bedacht, je eher je lieber fertig zu wer- den. Auf Ruhm ging er nicht aus, und er arbeitete nur um des Lohnes willen. Aber sobald Gallardo, den Stoßdegen in der Hand, einem bösartigen Stier entgegenging, blieb der Banderillero in seiner Nähe, bereit, ihm mit seinem schweren Mantel und seinem kräftigen Arm beizuspringen. Zweimal war es schon vorgekommen, daß Gallardo in den Sand rollte und sich nahe daran sah, aufgespießt zu werden, als der Nacional sich dem Ungetüm entgegenwarf, Frau und Kinder, Schenke, alles vergessend, nur vom Wunsche beseelt, zu sterben, um den Maestro zu retten Beim Eintritt in das Eßzimmer Gallardos wurde er wie zur Familie gehörig empfangen. Die Sennora Angustias fah ihn gern, mit jener Zuneigung der Niederen, die sich in besserer Gesellschaft zu ihresgleichen hingezogen fühlen. „Setze Dich her zu mir, Sebastian. Wünschest Du wirk- lich nichts? Erzähle mir, wie das Geschäft geht. Teresa und die Kinder sind hoffentlich wohl auf." Nun erzählte der Nacional der Reihe nach, was in den vergangenen Tagen verzapft worden war an Litern Wein und Branntwein, in und außer dem Hause; und die Alte hörte ihm mit der Aufmerksamkeit einer Frau zu, die selbst die Armut kennt und den Wert des pfennigweise erworbenen Geldes schätzt. Danach erzählte Sebastian von den Aussichten seine» Geschäfts. Ein Tabakverschleiß in der Schankwirtschaft war sein sehnlichster Wunsch. Der Maestro würde es sicher für ihn erreichen können, bei seinen Beziehungen zu einflußreichen Leuten, immerhin aber quälten ihn einige Skrupel, und er wußte nicht, ob er diese Begünstigung ohne weiteres akzep- tieren durfte. „Ihr seht, Sennora Angustias, die Vergebung von Trafiken ist Sache der Regierung, und ich habe hierin meine eigenen Grundsätze: ich bin Sozialist, gehöre der Partei und obendrein dem Komitee an. Was würden die Genossen dazu sagen?..." Die Alte wurde über diese Bedenken unwillig. Seine Pflicht sei, für die Seinigcn soviel wie möglich zu verdienen. Die arme Teresa, mit so viel Kindern! „Sebastian, sei kein Narr und schlag Dir diese Hirn- gespinste aus dem Kopf. Schweig still und fang nicht wieder mit Deinen Brandreden an. Bedenke, daß ich morgen nach der Macarena zur Messe gehe." Gallardo und Don Jose, die an der anderen Seite des Tisches vor einigen Kognakgläsern saßen und rauchten, woll- ten den Nacional zu weiteren Vortragen reizen, indem sie sich über seine Partei lustig machten; sie behaupteten dann von dem Führer Don Joselito, er sei ein Schwindler, der unwissenden Leuten wie dem Nacional die Köpfe verdrehe. Der Banderillero nahm den Spott Gallardos und seines Verwalters mit Sanfmut hin. Von Don Joselito Böses denken!... Solcher Unsinn konnte ihn nicht ausbringen, ebensowenig wie wenn von seinem anderen Abgott, von Gallardo, jemand behauptet hätte, er könnte keinen Stier niederstoßen. Als er jedoch sah, daß der Sattler, gegen den er einen unbezwinglichen Abscheu hegte, sich den Spöttern beigesellte, verlor er die Ruhe. Wer war am Ende jener Hungerleider, der von seinem Maestro und seinem Brot lebte, um mit ihm zu rechten? Indem er alle Zurückhaltung von sich warf, ohne Rück- ficht auf die Mutter, auf Frau und Schwester des Matadors, ging er nun mit Volldampf an eine Darstellung seiner Grund- sähe, mit einer Begeisterung, als spräche er im Komitee. Da ihm bessere Beweisgründe fehlten, erging er sich in Beleidi- gungen gegen den Glauben seiner Widersacher. „Die Bibel?... Schwindel I Die Schöpfung der Welt in sechs Tagen? Schwindel! Adam und Eva? Alles Schwindel! Nichts als Schwindel und Aberglaube! Mich heißt man Sebastian Vanegas, und so ist es; und Du, Juanito, nennst Dich Gallardo, und Sie, Don Jos«, haben Ihren Familiennamen, und jedermann hat den seinigen, und nur die der Verwandten sind einander gleich. Wenn alle Menschen Abkömmlings von Adam wären, und, angenom- men, Adam hätte Perez geheißen, so müßte Perez unser aller Famalienname sein! Verstanden!... Da nun jeder von uns seinen eigenen Namen trägt, so hat es eben viele Adams ge- geben, und was die Pfaffen erzählen, ist alles Schwindel, Aberglauben und Rückständigkeit I Uns fehlt Bildung, und daher treiben sie Mißbrauch mit uns.... Ich denke, ich habe mich deutlich genug ausgedrückt." (Fortsitzung folgt.x XNachdruS dilbotin.i 181 Glenn die JVatur ruft. Von Jack London. Autorisierte llebcrsetzung von L. Löns. Die Hunde wurden abgeschirrt, und Buck in seinem eigenen Geschirr vor den Schlitten gespannt. Er fühlte, daß etwas Auf- regendes vor sich ging, und daß es etwas Großes war, daß er jetzt leisten sollte. Ein Gemurmel der Bewunderung ging durch die Menge, als er daher kam. Er war vorzüglich in Form; sein Fell glänzte wie Seide, und er hatte nicht ein Gramm Fleisch zu viel oder zu wenig. Die Haare auf dem Rücken und am Halse sträubten sich ein wenig von der Aufregung, und alle seine Muskeln schienen zu beben. ..Donnerwetter!" schrie einer der reichsten Ansiedler, den sie König von Skokum nannten, begeistert.„Tonnerwetter! Thornten, ich gebe achthundert Dollar für den Hund, hier auf der Stelle, achthundert Dollar, wie er da steht." Thornten schüttelte den Kopf und trat an BuckS Seite. „Weg da," rief Mathießen,„ganz weit weg alle zusammen." Die Menge wich zurück. Es wurde ganz still, nur ab und zu hörte man die ganz vom Spielteufel Besessenen noch Wetten an- bieten, die keiner halten wollte. Jeder gab es ja zu, daß Buck ein wundervolles Tier war, aber zehn Zentneesäcke Mehr konnte er boch nicht vom Fleck bringen. Thornten kniete noch einmal neben Buck nieder. Er nahm seinen Kopf in die Hand und legte sein Gesicht darauf. Er wollte ihm wie sonst das lange Fell zausen, aber war nicht dazu imstande; auch die gewohnten Schimpfworte wollten nicht über seine Lippen. Er legte nun seinen Mund an des Hundes Ohr und flüsterte heiser: „Wenn du mich lieb hast, Buck. wenn du mich lieb hast...." Buck winselte vor Erregung. Die Leute sahen dem sonderbaren Schauspiel neugierig zu. ES war so geheimnisvoll, wie Zauberformeln hörte es sich ay. Da stand Thornten auf, und Buck nahm seine Hand zwischen die Zähne und biß darauf. Das war seine Antwort. Thornten trat zurück. „Nun zu, Buck!" sagt? er ruhig. Da zog der Hund die Stränge trafst ging dann ein paar Schritt zurück, wie er es gelernt hatte, und mit kurzem Anlauf scharf nach rechts, bis ein plötzlicher Ruck ihn zum Stehen brachte. Die Ladung zitterte ein tvenig, und ein Krachen wurde hörbar. Und wieder folgte dasselbe Anziehen scharf nach links. Wieder kam das Krachen. Die Kufen bewegten sich; der Schlitten war los» gebrochen. Die Leute hielten unwillkürlich den Atem an. .Hüh!' Wie ein Pistolenschuß klang der Ruf durch die Stille. Buck warf sich mit aller Macht in die Riemen. Sein ganzer Körper zitterte, jede Muskel schwoll unter dem seidigen Fell. Seine Brust berührte fast den Schnee und sein Kopf lag auf den Vorder- Pfoten, die wie rasend auf der harten Schneedecke kratzten, um Halt zu gewinnen. Der Schlitten zitterte und bebte und rührte sich ein wenig von der Stelle, glitt vorwärts, langsam, ganz langsam, aber immer stetig. Ein Zentimeter, zehn, zwanzig, dreißig; zum Stillstehen kam er nicht wieder. Ein tiefes Aufatmen ging durch die Reihen der eng gedrängt stehenden Menschen. Thornten lief nun hinter den Schlitten hev und rief Buck ermunternde Worte zu. Die Entfernung war vor- her abgemessen, und als der Schlitten in die Nähe des Holzstoßes kam, der als Ziel ersehen war, begann ein Schreien und Heulen. das geradezu betäubend wurde, als es erreicht war, und der Befehl zum Halten erklang. Jeder lief hinzu, sogar Mathießen. Hüte und Handschuhe flogen in die Lust. Ganz unbeteiligte Leute scbüttelten einander die Hände, als ob ihnen wer weiß was für ein Glück widerfahren wäre. John Thornten war neben Buck in die Knie gestürzt und zauste ihn und schüttelte ihn hin und her.„Du Schafskopf, du Dummkopf, du verfluchter Kerl" und ähnliche Worte rief er mit so liebevoller Stimme, daß sich alle verwundert ansahen. „Donnerwetter! Donnerwetter!" fluchte der Skokum-König. „Tausend Dollars für den Hund, zwölfhundert Dollars, Herr; den Hund muß ich haben." Thornten sprang auf die Füße. Seine Augen waren feucht. und die Tränen liefen ihm über die Backen.„Der Teufel soll Sie holen mit samt Ihrem dreckigen Gelde," rief er wütend. Buck nahm Thorntens Hand zwischen die Zähne und biß darauf, und sein Herr zauste ihn wieder und schüttelte ihn hin und her. Da fühlten die Leute, daß sie hier nichts zu suchen hatten, und gingen schweigend davon. VII. Der Ruf. Als Buck damals seinem Herrn in wenigen Minuten sechzehn- hundert Dollar verdient hatte, stand der lang ersehnten Reise nach dem Osten nichts mehr entgegen. ES gingen über«ine gewisse Gegend allerhand Gerüchte von einer fabelhast wertvollen Mine. Viele waren schon ausgezogen, sie zu suchen, aber nur wenige hatten sie gefunden: die meisten waren überhaupt nicht mehr zurück- gekommen. Die geheimnisvolle Mine hatte manchen Mannes Leben gekostet. Keiner wußte, wer sie entdeckt hatte. Die ältesten Neber- lieferungen reichten so weit nicht zurück. Aber ihr Dasein hatten noch manche im Sterben beschworen und ihre Wort« mst Gold- klümpchen bewiesen, wie sie sonst nie und nirgends gefunden wur- den. Es sollte auch eine Hütte in der Gegend liegen, aber keines Lebenden Auge hatte sie gesehen, und die Toten waren tot; von ihnen war keine Auskunft zu holen. Da galt es also nun, auf gut Glück auf die Suche zu gehen, und das taten John Thornten. Hans, Peter, Buck und noch ein halbes Dutzend andere Hunde. Erst fuhren sie mit ihrem Schlitten siebzig Meilen den Zsukon hinauf, wandten sich dann rechts auf den Stewartfluß und verfolgten ihn bis hinauf zu seiner Quelle. John Thornten lag wenig an anderen Menschen, und er fürch- tete die Wildnis nicht. Mit einer Handvoll Salz und einem Ge- wehr hätte er sich überall hingewagt. Eile hatte er ja nicht, und wie es die Gelegenheit so mit sich brachte, reisten oder rasteten sie und jagten ihr Wild je nach Bedarf. Neben Waffen. Schießbedarf und Handwerkszeug hatten sie nicht allzuviel Gepäck bei sich. Das war ein Leben, so recht nach Bucks Herzen; jagen, fischen und uinherrennen, das war seine Lust. Wochenlang ging er manch- mal Tag für Tag vor dem Schlitten, um dafür auch wochenlang im Lager auszuruhen. Die Hunde liefen dann umher, während die drei Männer Feuer machten und das hartgefrorene Erdreich auftauten, es in ihre Pfannen brachten und auswuschen. Die Mühe war aber stets vergeblich; es fand sich kein Gold. Manch- mal mutzten sie alle hungrig zur Ruhe gehen, ein anderes Mal wieder gab es Wild und Fische im Ueberfluß. Als der Sommer in das Land kam, toar es mit dem Schlitten- fahren zu Ende, und jeder hatte sein Päckchen auf dem Rücken zu tragen, über blaue Berge, in sonnige Täler und durch finster« Wälder, über blinkende Seen, in Gegenden, die keines Menschen Fußspur trugen, und wo doch Menschen gewesen sein mußten, wenn die Geschichte wahr war von der verlassenen Hütte bei der fabelhaften Goldmine. So hatten sie die Gewitter des Hoch. sommers erlebt, und beim matten Schein der Mitternachtssonne gefroren; sie hatten Landstriche getroffen, wo sie kaum vor Fliegen und Mücken leben konnten, hatten im Schatten vom ewigen Äse Erdbeeren gepflückt, so süß und reif, wie der Süden sie kaum her- vorbrachte, und hatten Blumen gebrochen, wie sie nicht schöner dort zu finden waren. Die Monate kamen und gingen. Einmal stießen sie auch auf menschliche Spuren. Es war auf einem Weg mitten im Urwald und sie dachten, daß die Hütte nun wohl nicht weit sei. Aber der Weg fing nirgendwo an und hörte nirgendwo auf und blieb ge- heimnisvoll, wie der Mann, der ihn angelegt hatte, und der Grund, warum cS gescbehen war. Dann trafen sie eine verlassene Jagd- Hütte, und zwischen den verfaulten Decken eines Lagers lag eine langschäftige Flinte. John Thornten kannte das Fabrikat aus seiner Jugend, als diese Waffen noch mit Gold aufgewogen wur- dat. Das war alles, sonst war nirgends eine Spur von dem eh«. maligen Bewohner zu finden. Als der Frühling wieder in das Land zog, fanden sie zwar nicht die gesuchte Hütte, aber in einem weiten Tale ein flaches Becken, auf dessen Grunde das reine Gold zwischen dem Sande glänzte. Nun hatte die Reise ein Ende. Jeden Tag arbeiteten die drei. und jeden Tag fanden sie Wohl tausend Dollar Wert in kleinen Goldfornchen. Sie wurden in Säcke von Elchsellen gefüllt, fünfzig Pfund in jeden. Diese stapelten sie neben dem Zelte auf, wie zu Hause das Feuerholz. Tag für Tag arbeiteten sie und die Tage flogen dahin, so schnell wie die Träume einer Nacht. Für die Hunde war nichts zu tun; höchstens halfen sie Thorn- ten bei der Beschaffung des Fleisches. Buck hatte nun wieder Zeit zum Träumen, und stundenlang konnte er am Feuer liegen. Dann erschien ihm auch wieder der kleine, kurzbeinige, behaarte Mann, und er folgte ihm in eine andere Welt. Wenn er ihn beobachtete, wie er am Feuer saß, den Kopf zwischen die Knie gedrückt, die er mit den Armen umschloß, dann sah er ihn oft im höchsten Schrecken auffahren. Er schien in be- ständiger Angst zu leben, starrte spähend in das Dunkel de? Waldes und warf dann frisches Holz auf das glimmende Feuer. Wenn er am Ufer des Sees entlang ging, wo er fischte und die Beute gleich verzehrte, so blickten seine Augen angsterfüllt nach allen Seiten, als ob er stets bereit sei, zu flüchten. Geräuschlos kroch er durch den Wald dahin, und Buck immer dicht hinter ihm; stets waren sie auf der Hut, stets wachsam auf jedes Geräusch und auf. merksam auf jeden Geruch. Der haarige Mensch konnte so scharf hören und riechen wie der Hund. Er konnte auch auf die Baume springen und sich von Zweig zu Zweig, von Baum zu Baum schwingen; niemals fiel er, niemals tat er einen falschen Griff. Er war sogar geschickter in den Bäumen, als auf dem Boden, und Buck erinnerte sich an Rächte, wo er am Stamme eines mächtigen Baumes lag und wachte, während der haarige Mann oben im Baume hing und schlief. Ganz frei hing er da und auch im Schlaf fiel er nicht herunter. .(Fortsetzung folgt.h Vie Pantomime. Eine große, den Abend ausfüllende Pantomime wurde am Sonntag in den Kammerspielen des Deutschen Theaters aufgeführt; von einem Hintergrunde szenischer Pracht, wie sie Rem- Hardts Regie so meisterhaft hinzuzaubern vermag, hob sich die mimische Gewalt der Schauspieler, nicht von dem Wort, nur von der Musik unterstützt, in ihrer reinen und erschütternden Wir- kung ab. Es ist erklärlich, daß gerade die raffinierte Steigerung der Bühnenwirkung, die im Berliner Deutschen Theater gepflegt wird, nach der Pantomime hindrängt, denn diele Form schau. spielerischen Ausdrucks bedeutet Anfang und Ende aller mimi- schen Darstellung, aller Reproduktion menschlicher Gefühle, stellt zugleich die primitivste und verfeinertste Stufe des Dramas dar. Wundt hat in seiner Völkerpsychologie alle mimische Betäti- gung des Menschen als eine Weiterbildung jener Ausdrucks- bewegungen bezeichnet, die im Mienenspiel des Gesichts die allge- meine Gefühlsrichtung und in den instinktiven Bewegungen und Gebärden die Verstellungsinhalte der Leidenschaften wieder- spiegeln. So entwickeln sich bei den primitiven Völkern mimische Tänze, in denen bestimmte Handlungen nachgeahmt und bestimmte Wesen als handelnd eingeführt werden. Das intensive Miterleben einzelner bedeutender Borgänge, z. B. von Krieg und Jagd, for- dert zu einer nachahmenden Tätigkeit heraus, die auch schon bei den Ausdrucksbewegungen und bei den aus ihnen sich entwickelnden Gebärden die entscheidende Rolle spielt. In solch mimischen Vor- stellungen, wie sie sich bei den Papuas so gut wie bei den EskimoS, bei fast allen primitiven Rallen finden, werden die wichtigsten Bor- gänge d«S Lebens, Liebe und Krieg, Säen und Ernten, durch Ge- bärden ausgedrückt, und damit find bereits die Keime einer dra- malischen Wiedergabe des Daseins durch die Pantomime gegeben. Besonder? wichtig find die Tierpantomimen, z. B. ein Froschtanz mit Ouakbegleitung, die Nachahmung des Känguruhsprunges bei den Australiern, die Schilderung ganzer Szenen aus dem Leben der Tiere. Tritt zu dieser Pantomime das gesprochene Wort, dann ist die Geburt des Dramas vollzogen, wie wir an der EntWicke- lung des griechischen Bocksreigens zur Tragödie verfolgen können. Die Tierpantomime ist bei den Griechen auch noch in einer Zeit hochentwickelter Kultur gepflegt worden. Die Darsteller hüllten sich in MaSken und Felle und ahmten die Bewegung deS Löwen, des Fuchses, der Nachtcule täuschend nach. Das war aber nur ein kleiner Scherz in der reich ausgebildeten, in mannig- fachen Formen sich auslebenden pantomimischen Kunst der Gric- chen, der Orchestik. Das orchestikche Spiel, das aus rhyythmisch zur Musik ausgeführten Bewegungen des Kopfes, der Hände und des Körpers bestand, wurde im Theater und auf Marktplätzen ausgeführt, aber auch bei Festen aller Art, Hochzeiten und Gelagen. Schon bei Homer hören wir von dem mimischen Reigentanz der Jünglinge am Hofe des Alkinoo» und von den orchestischen Spielen der Freier im Hause des Odysseus. Die Pantomimen wurden teils völlig nackt ausgeführt, damit die Anmut der Körperformen, da» reizende Spiel der Muskeln bewundert weiden könnte, teils wurden Masken und Kostüme verwendet. Die Vor« führung einer Pantomime war dem Athener und noch mehr dem Lakonier oder Shrakusaner ein gern geübtes Mittel gesellige» Unterhaltung. Als Solokcherze waren z. B. beliebt: die Schilde- rnng eines leichten Dämchens, das ihr« Verführungskünste an einem Gimpel ausübt, dann die tolle Wüstheit eines betrunkenen Bauern, die klapperige Drolligkeit eines gebückten Alten, die mimisch erzählte Geschichte eines Jungen, der beim Bäcker Kuchen stiehlt und ertappt wird. Eine von Jünglingen und Mädchen ge- meinsam ausgeführte Pantomime war die„Halskette", bei der im anmutigen Wechsel der Glieder die Knaben mit stolzem Krieger» schritt den mit weicher, sanfter Zartheit hintänzelnden Jung» frauen die Hände reichten. Aber alle diese anmutigen Spiele waren mehr eine dilettantische Fertigkeit, die wohl einzelne mit höchster Virtuosität übten, denn eine wirklich durchgebildete Kunst« Die Bollendung und Blütezeit der Pantomime brachte erst die römische Kaiserzeit. Wohl war auch im griechischen Drama die pantomimische Aktion ein wichtiges Darsi«llungsmittel gewesen; nun wurde aver unter Augustus das Wort völlig aufgegeben und die Musik nur als Begleitung und Resonanz der Gebärde geduldet. Die Texte dieser Pantomimen, die von Chören hinter der Szene gesungen und von einem rauschenden Orchester begleitet wurden, enthielten wirksame Szene aus den nun ganz absterbenden alten Tragödien; alle diese dramatischen Solos stellte der eine Pantomime allein dar, so daß er abwechselnd als Mann und Weib, jetzt als Jupiter und dann als Semel«. erst als König und dann als Soldat, als Greis und Jüngling austrat,„so daß man glaubte, daß er Viele Personen enthalte". In wildtragischen Berzweiflungsszenen, in leidenschaftlich finnlichen Liebesgeschichten entfaltete er seine vir» tuose Kunst, er mußte durch sein Spiel dem Zuschauer auch die anderen Personen des Stückes vor die Seele zaubern, bei der Darstellung des an den Felsen geschmiedeten Prometheus auch den Vulkan andeuten, durfte in der Verlebendigung des ZeuS die Huldgestakt des Ganymed nicht vergeflen. Nicht einnial Statisten wurden verwendet, um Nebenpersonen vorzustellen. Ganz allein herrscht der Künstler auf der Bühne und wahrlich, das Unmögliche gelang seiner bis ins Ungcmessene gesteigerten Ausdrucksfähigkeit. Die Sprache der Hände, noch heute bei dem Südländer diel beredsamer und lebendiger als bei uns, muß im Altertum an ollgemein verständlichen Gesten sehr reich gewesen sein; jede Ber- änderung der Handhaltung, jede Nuance in der Stellung der Finger hatte einen Sinn, drückte einen genau bestimmten Inhalt aus. Dazu kamen die Biegungen, Wendungen und Drehungen« die Sprünge und Akrobatenstücke, die der Pantomime mit seinen» Körper ausführte. Aeußerlich charakterifiierende Gebärden wurden jedoch von guten Künstlern verschmäht; eS galt für plump, etwa Krankheit durch die Geste des Pulsfühlens oder das Zitherspiel durch die des Saitenschlagens zu versinnbildlichen. Eine sehr feine und höchst komplizierte Tradition der Gebärdensprache schrieb dem Künstler die Formen des plastischen Ausdrucks genau vor. So weit wurde die Naturwahrheit getrieben, daß der Lehrer Pylades mit seinem Schüler Hylas unzufrieden war, weil seine Bewegungen bei der Darstellung des blinden Oedipus die eines Sehenden waren. Vom sinnlichen Reiz der wechselnden Maske, vor» der Pracht eines bis ins Kleinste berechneten Kostüms begünfttgt. erschien der Pantomime wirklich wie der verwandlungsreiche Proteus, von dem der skeptische Lukian behauptete, er habe nur durch seine pantomimischen Künste sich in jede Figur verwandeln können und so alle die von der Sage berichteten Wunder voll» bracht. Seine Ausbildung erhielt dieser darstellende Tanz durch den Chlicier Pylades und den Alexandriner BathhlluS, die in leiden» schaftlicher Gegnerschaft ihre Kunst entfalteten und sogar politische Streitigkeiten entfesselten. Ueberhaupt wurde die Leidenschaft für die Pantomimen, besonders bei den Frauen,„direkt eine Krank» heit", wie Seneca sagt. Die Pantomimen waren die verhätschelten Lieblinge der Kaiser und der höchsten Gesellschaft. Ein wahrer Rausch und Taumel der Entzückung riß das Publikum diese» dekadenten, der Vernichtung entgegengehenden Zeitalters hin. Mit dem römischen Weltreich sank auch die Pantomime in? Grab. Während des ganzen Mittelalters und der Renaissance hat sie sich nicht frei und selbständig entwickeln können. Wohl übten die fahrenden Spielleute und Sänger der Ritterzeit auch panto» mimische Künste, unterstützten die Anschaulidsteit ihrer epischen Vorträge durch körperliche Jllustrierung, durch reiche Gebärdensprache und Mienenspiel. Die lustige Person des Dramas übernahm von ihnen die Tradition plastischer Darstellung. Besonders in der Steg» reiflomödie der Italiener lebte die alte pantomimische Begabung wieder auf; Harlekin machte seine handfesten, derb anschaulichen Späze, die Lazzi, die eine nicht mißzuverstehende Fülle prägnanter Gesten begleitete. Doch die eigentliche Pantomime entfaltete sich erst wieder in der Kultur des Rvkkoko» die in ihrer Ueb-erreife manche Achnlichkeit mit der des ersten christlichen Jahrhunderts hatte. Der Tänzerin Marie Salle gebührt der Ruhm, die Panw» mime, die bis dahin mit Ballett und Oper vermischt gewesen war, zuerst in ihrer rein künstlerischen Form durchgefiihrt zu hoben. Sie emanzipiert sich von der feststehenden Gebundenheit der Tanzschritte, läßt sich ihre Gebärden und Beivegungen nur durch die Leidenschaft diktieren, die die dargestellte Handlung io ihr hervorruft; sie wagt eS. da» steife Kostüm der Ze>t von sich zu werfen und mit aufge- löstem Haar, in einem nach dem Muster einer griechischen Statue drapierten Musselingewand aufzutreten. Di« suggestive Gebärde, die Biegsamkeit des ganzen Körpers wird bei ihr zum Ausdruck einer dramatischen Handlung; sie erscheint zuerst in London in Pantomimen ihrer eigenen Erfindung, in denen sie mit wunder- barer Gewalt die ewigen Grundtriebe des Menschenherzens, hin- gebende Liebe, wilde Verzweiflung, heiße Verführung und stumme Seelenqual auszudrücken weiß. Neverre, der Reformator der Tanzkunst und eigentliche Er- neuerer der Pantomime, ist nur ihr Nachfolger, der aber die„sction dramatique" zum Siege fuhrt. Der beginnende Klassizismus unter- stützt mit seinen antikisierenden Tendenzen die Herrschaft einer plastischen Ausdruckskunst des Körpers. Der dänische Ballettmeister Vincenze Galeotti trennt noch stärker als es Neverre getan, die Pantomime von; Ballett. Er ordnet nach dem Vorbild griechischer Bildwerke in rhythmisch-plastischer Gruppierung Männer, Frauen und Kinder zuiammen, die in edlen Stellungen und charakteristi- schem Ausdruck die Liebe darstellen oder den Krieg oder den Tod oder die Freundschaft. Die Mode der„lebenden Bilder", der erstarrten Pantomime, beginnt. Während die Salle und nach ihr die Allard und die Guimard in dem stets wechselnden Fluß ihrer Stellungen und ihres Mienenspiels das reiche vielgestaltige Leben selbst festgehalten hatten, gibt nun die berühmte Lady H a- milton die plastiiche Pose. Ihre Wandlungen bieten nicht mehr ein« psychologisch fortschreitende Handlung, sondern nur noch jähe Uebergänge aus einer Rolle in die andere,„schreckliche und rüh- rende Momente". In dem weißen faltenreichen Gewand einer antiken Statue, mit einfachem Bande gegürtet, durch den Shawl sich bald verhüllend, bald enthülleird, erscheint sie als keusche Vestalin und wandelt sich zur rasenden Bacchantin, zeigt als Galatea, als Iphigenie, als Medea, als Maria Magdalena Szenen der Sehnsucht, der Raserei, der Reue, der Schwärmerei, Goethe bewundert sie auf der italienischen Reise, Tischbein malt sie. Nach ihr tritt das Tänzerpaar Vigano zuerst in solchen öffentlichen Vorstellungen auf. In Deutschland bringt die große Schauspielerin Henriette H e n- del-Schütz diese Kunst der Pantomime zur höchsten Blüte; neben ihr wurde Bürger? geschiedene Gattin Elise viel gefeiert. Das Fieber der pantomimischen Posen aber drang überall hin und führte zu merkwürdigen Exzentrizitäten. So produzierte sich in Brighton eine Mrs. Hum�ries als schaumentstiegene Venus im Wasser und ein Herr von Seckendorfs trat ganz nackt als Apollo auf. Die EntWickelung der Pantomime im 19. Jahrhundert nimmt ihren Ausgang von der französischen Romantik, die den beliebtesten Pantomimenhelden unserer Tage, den P i e r r o t, schuf. Die Ka- barettS des Montmartre nahmen den Pierrot und damit auch die Pantomime wieder auf; so kam sie mit dem„Ueberbrettl" zu unS nach Deutschland. Eine Uterarische Vertiefung der Pantomime haben verschiedene moderne Dichter versucht, Maeterlinck in seinen unheimlich phantastischen Spielen, Dehme! in seinem tiefsinnig grandiosen„Lucifer", Hofmannsthal in seinen melancholisch-zarten Symbolen, Wedekind in seinen Grotesken, Bierbaum. Keiner hat die spezifischen Wirkungen der Pantomime so scharf herausge- arbeitet, wie es einige französische Schriftsteller Catulle Mendäs, Armand Silvestre, Paul Margueritte taten, deren geistreiche Sze- nerien der in der großen Tradition der alten Pantomime zum Meister herangereifte Severin genial und erschütternd ge- staltet hat._ Dr. P. L. Die SclbltbÜdmlTc der platteten. Der Streit um die Marskanäle, der in der letzten Zeit wieder »nit großer Heftigkeit entbrannt ist, hat überhaupt die Aufmerk- samkeit sowohl der Astronomen wie der Laien neuerdings der Frage der Oberslächengestaltung auf den Planeten zugewandt. Prof. Dr. Percival L o w e l l, der Direktor der Flaggstaff» Sternwarte in Arizona und neben Schiaparclli der bedeutendste lebende Marsforscher, hat Sonnabend abend in der Berliner Treptow-Sternwarte einen Vortrag über die von ihm erzielten Fortschritte in der Erforschung der Planetenoberfläche gehalten, die wegen der Resultate der Lowellschen Untersuchungen von höchstem Interesse sind. Der amerikanische Astronom ging bei seinen Untersuchungen von der Erwägung aus, daß die Photographie imstande sein müsse, Unsicherheiten optischer Wahrnehmungen zu beseitigen und gleichzeitig Erscheinungen festzuhalten, die das menschliche Auge infolge seiner begrenzten Kapazitäten nicht mehr zu beobachten vermag. Kleine Einzelheiten, so führte er aus, von denen man gar nicht geglaubt hätte, daß sie sich lange genug auf einem Fleck halten ließen, um auf die Platte zu wirken, sind unzweifelhaft auf der Photographie zu sehen, die dazu dienen sollte, die merkwürdigen Zeichen auf dem Planeten MarS zu erklären, der ja sozusagen unser nächster Nachbar im Weltenraum ist. Schiaparelli hat zuerst diese Zeichen wahrgenommen und sie Marskanäle*) genannt. *) Die Frage der Marskanäle ist keineswegs entschieden. Vor allem wird die Lowellsche Erklärung, daß sie künstlichen Ursprung? sind und von intelligenten Wesen herrühren, von anderen For» schern durchaus bestritten. Lerantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Die beim MarS erzielten günstigen Resultate der planetari. schen Photographie gaben Anlaß, das Verfahren auch bei anderen Planeten anzuwenden, wobei nicht minder überraschende Resultate erzielt worden sind. So gelang es. die schwachen Fransen der Aequatorialstreifen des Jupiter photographisch zu fixieren und beim Saturn haben sich noch schwächere und flüchfigere Details auf der photographischen Platte bemerkbar gemacht. Die älteren Methoden der Himmelsphotographie, die so wunderschöne Bilder von Sternen und Nebeln gaben, waren allerdings nicht zu brauchen. Ihre Unzulänglichkeit erklärt sich daraus, daß das ganze Planeten- bild sich auf einen Raum konzentrierte, der die Größe eines Steck- nadelkopfes hatte. Auch das Spiegelteleskop kann nicht mit Erfolg benutzt- werden; denn dabei wird jeder Fehler des Instruments oder jede Unruhe der Luft dreimal mehr vergrößert als bei einer Linse. Das erzielte Bild mag imposant aussehen, aber, was leicht der- ständlich ist, alle feineren Einzelheiten gehen dabei verloren. Die Aufzeichnungen der Details sind aber gerade für die Wissenschast von Wichtigkeit. Wer mit Erfolg die Marskanäle photographieren will, muß sie erst gesehen haben, um beurteilen zu können, wann der günstigste Augenblick zur Aufnahme gekommen ist. Es ist aber weder die Absicht noch der Zweck der von Lowell verbesserten Pia- netenphotographie, das Auge entbehrlich zu machen. Die Unter- suchungen der Planeten werden auch in der Zukunft in letzter Linie auf der Kraft der Netzhaut beruhen müssen, wobei das menschliche Gehirn nützliche Hilfe leisten wird. Es ist aber nahezu unmöglich, das Auge in der kurzen, zur Verfügung stehenden Zeit auf eine an Details reiche Scheibe genau einzustellen. Die Platte hat alle ihre Teile dazu gleichzeitig bereit. Auch Licht und Schatten trennt die Photographie deutlicher; freilich übertreibt sie die Kontraste im Vergleich zum Auge. Das ist aber kein Nachteil. Lowell ist es gelungen, im letzten Herbst das Auftreten de» ersten Winterfrostes in den antarktischen Regionen des MarS zu photographieren, eine Erscheinung, die beinahe in demselben Mo- mente, in dem sie vor sich ging, auf der Flaggstaff-Stcrnwarte bemerkt und aufgezeichnet wurde. Sie wurde zuerst mit dem Auge entdeckt und dann sogleich photographiert. Man ist also imstande, das Wetter auf unserem Nachbargestirn aufzuzeichnen. Das staunenswerteste Resultat der planetarischen Photographie ist der Nachweis der Bildung neuer Marskanäle. Schiaparelli bezeichnete mit diesem Ausdruck jene merkwürdigen Linien, die wie ein geometrisches Netzwerk die ganze Oberfläche de? Planeten überzieht. Es sind darunter aber nickt Kanäle, wie etwa der Suez- oder Panamakanal zu verstehen, die einen künstlichen Graben bilden, sondern es handelt sich dabei um künstliche Frucktbarkeits- streifen auf dem Lande, denen daS Wasser von den Polen auf irgend welchem mechanischen Wege zugeführt wird. Der Beweis für ihren künstlichen Charakter liegt in der Tatsache,� daß sie sich gerade dann in der Richtung vom Pol zum Marsäquator ent- wickeln, wenn der Schnee in der Polarregion zu schmelzen be- gönnen hat. Denn auf einem so ebenen Körper, wie sie die MarS- oberfläche darstellt, könnte daS Wasser nickt diesen Lauf zum Aequator hin nehmen, wenn es nickt absichtlich dorthin geleitet würde. Womit die Bewegung der ungeheueren Wassermassen er- zielt wird, wissen wir nicht. Wir sehen nur die befruchtende Wir- kung in der Entstehung einer Vegetation. Wir kennen auch nicht die Organismen, die diese Arbeit leisten, und eS ist auch wohl kaum anzunehmen, daß sie Aehnlichkeit mit Menschen haben. Als am 30. September 1909 die östliche Region der großen Syrte auf dem Mars nach ihrer periodischen Unsichtbarkeit von wenigen Wochen, die in der ungleichen Drehung von Erde und Mars ihre Ursache hat, wieder in Sicht kam, wurden zwei große Kanäle bemerkt, die von der Syrte nach Südosten zogen, und zwar durch Gebiete, in denen vorher keine.Kanäle beobachtet worden waren. Das Aussehen dieser Kanäle, die Art ihrer Erscheinung und der Weg, auf dem sie und ihre Ncbenzweige in das Hauptkanalsystem einmünden, als ob sie immer ein Teil davon gewesen wären, macht eS zur Gewißheit, daß sie nicht die Folge irgend einer Katastrophe auf dem Planeten sein können, sondern ihren Ursprung in der gleichen künstlichen Unterstützung der Natur finden, der die älteren Kanäle den ihrigen verdanken. Mir sind also gerade Zeugen de? bemerkenswerten Vorgangs von der Entstehung eines Kanals ge- worden So haben sich also diese Photographien fähig erwiesen. Einzel- heiten getreu aufzuzeichnen, die noch bestehen werden, wenn d»e, die sie aufgenommen haben, längst dahingegangen sein werden. Sie werden eine feste Grundlage bilden für daS, was man in der Zukunft auf der Oberfläche des Planeten sehen wird und den Nach- weis späterer Veränderungen außerordentlich erleichtern. Die Photographien stellen so eine Selbstbiographie der Planeten dar, ihre Geschickte, die vom Licht geschrieben wurde; und in ihrer großen historischen Bildersammlung, wo die Vergangenheit der Planeten in ewiger Jugend für immer fortleben wird, werden die Astronomen der Zukunft die früheren Stufen des großen kosmischen Drama? vom Werden und Vergehen der Planetenwelt zu sehen bekommen. das sich langsam, aber sicher im Laufe der Jahrtausende ent. wickelt. Vorwärts Buchdruckerer u.PerlagianitattPaul'srnger öcCo., Berlin 8W.