Unterhaltungsblatt des Horwärts Sk. 82. Donnerstag, den 23 April. 1910 CltagttuS verdstea.) 20] Die Hrcna. Roman vonVicenteBlaSeo I b a n e z. Autorisierte Uebersetzuug von Julio Brouta. »Wohl bekomm's, Caballeros. Habt Dank für Euer An- erbieten, aber ich trinke nicht." Und er setzte, indem er einem mit einem Glas bewaff- neten Verehrer auswich, seinen Weg fort, wurde aber in einer anderen Straße von zwei alten Frauen, Freundinnen seiner Mutter, aufgehalten. Sie wünschten, er möge dem Enkel- kind einer von ihnen zu Gevatter stehen. Ihre arme Tochter konnte jeden Augenblick niederkommen; ihr Schwiegersohn war ein leidenschaftlicher Verehrer Gallardos, der schon mehrere Male beim Verlassen des Zirkus seine Verteidigung übernommen hatte und dabei in Händel verwickelt worden war, sich aber nicht getraute, ihn selbst anzusprechen. „Aber den Teufel auch!... Bin ich etwa eine Amme? Ach habe mehr Patenkinder, als es im Findelhaus gibt." Um sie los zu werden, riet er ihnen schließlich, mit seinem Mütterchen zu sprechen. Sie würde bestimmen. Und er schritt weiter und hielt sich nicht mehr auf, bis er in die Sierpes- Straße kam; einige wurden mit einem Gruße abgefunden, andere genossen die Ehre, an seiner Seite ein paar Schritte vor aller Augen gehen zu dürfen. Er näherte sich dem„Klub der Fünfundvierzig", um zu sehen, ob sein Verwalter da wäre; es war dies eine Ver- einigung von Aristokraten mit beschränkter Mitgliederzahl, wie schon ihr Name andeutete, in der nur über Stiere und Pferde geredet wurde. Sie bestand aus reichen Liebhabern der Stiergefechte und aus Stierzüchtern, und der Marquis de Moraima nahm, wie ein Orakel, eine der ersten Posi- tionen ein. Auf einem dieser Spaziergänge, es war am Freitag- abend, kam Gallardo der Wunsch an, in die Pfarrkirche von San Lorenzo einzutreten. Auf dem Platze davor hielten prächtige Equipagen; die Vornehmsten der Stadt beteten an jenem Tage vor dem wundertätigen Bild Unseres Herrn Jesus von der großen Macht. Schwarzgekleidete Damen, mit kostbaren Schleiern geschmückt, entstiegen ihren Kutschen, und von den weiblichen Besucherinnen angezogen, traten die Männer in die Kirche ein. Gallardo tat ein Gleiches. Ein Stierfechter soll die Ge- legenheit benützen, mit hochgestellten Leuten zusammenzu- kommen. Der Sohn der Sennora Angustias fühlte den Stolz eines Siegers, wenn die reichen Herren ihn grüßten, und elegante Damen, ihn mit den Augen bezeichnend, seinen Namen flüsterten. Im übrigen war er selbst ein Verehrer des Herrn zur großen Macht. Er duldete die Ansichten des National über Gott oder die Natur ohne großen Unwillen, da die Gottheit für ihn ein entfernt liegender und unbestimmter Begriff war' er duldete sie ungefähr so, wie man in aller Ruhe allerlei Klatsch über jemand anhören kann, den man nur von Hören- sagen kennt. Aber die heilige Jungfrau der Hoffnung und der Herr Jesus von der großen Macht existierten für ihn seit seiner frühesten Jugend, und was sie anbetraf, durfte ihm keiner zu nahe treten. Sein rauhes Gemüt geriet in Wallung bei der Be- trachtung der Schmerzen Christi, wie er, das Antlitz mit Schweiß bedeckt, sein Kreuz schleppte. So waren ihm manche Berufsgenossen erschienen, die er im Krankenzimmer des Stierzirkus ausgestreckt gesehen hatte. Mit einem so mäch- tigen Herrn mußte man auf alle Fälle gut stehen; und vor dem Bilde betete er inbrünstig einige Vaterunser, wobei die widcrscheinenden Kerzen wie glänzende Sterne aus seinen dunklen Augen schimmerten. Unter den vor ihm knienden Frauen entstand eine Be- wegung, die seine Aufmerksamkeit ablenkte. Durch die Reihe der Betenden und von allen Blicken verfolgt, schritt eine Dame von schlankem Wuchs und unge meiner Schönheit, in helle Farben gekleidet, auf dem Kopfe einen großen federgeschmückten Hut, unter dem das hell« Gold ihres Haares lebhaft glänzend hervorstach. Gallardo kannte sie. Es war Donna Sol, die Nichte des Marquis de Moraima. die Botschafterin, wie man sie ili Sevilla nannte. Ohne auf die neugierigen Bewegungen der Frauen zu achten, ging sie zwischen den Reihen hindurch, von ihren Blicken und ihrem Wortgeflüster befriedigt, die sie wie eine selbstverständliche Huldigung aufnahm. Der exotisch elegante Anzug und der riesige Hut stachen von den dunklen Kleidern der übrigen Frauen ab. Sie kniet« nieder, neigte den Kopf, wie wenn sie einige Augenblick« betete, und dann ließ sie ihre klaren, mit Goldglanz gefüllten Augen ruhig durch den Tempel gleiten, als ob sie in einem Theater die Zuschauer gemustert und bekannte Gesichter ge» sucht hätte. Wenn ihre Augen das Gesicht einer Freundin trafen, schienen sie zu lächeln, und als sie weiter streiften, begegneten sie denen Gallardos, die fest auf sie gerichtet waren. Bescheidenheit war nicht Sache des Matadors. Daran gewöhnt, allgemein begafft und bewundert zu werden, glaubte er ohne weiteres, daß da. wo er war, alle Blicke sich not- wendigerweise auf seine Person zu richten hätten. In ver- traulichen Stunden hatten ihm viele Frauen die Aufregung und Begierde eingestanden, die sie empfanden, wenn sie ihn zum ersten Male in der Arena erblickten. Donna Sol senkte ihren Blick nicht, als er mit dem des Stierfechters zusammentraf, vielmehr heftete sie ihn, mit der Ruhe einer Weltdame, fest auf den Matador und zwang diesen, der vor den vornehmen Leuten Respekt hatte, den seinigen abzulenken. „Kapitales Geschöpf I" dachte Gallardo sofort, unter allerlei Nebenvorstellungen.„Ob sie mir wohl im Geheimen zugetan ist?... Beim Heraustreten aus der Kirche blieb er an der Tür stehen, da er das Bedürfnis fühlte, sie noch einmal anzu- sehen. Sein Herz sagte ihm etwas Außerordentliches voraus, wie an den Nachmittagen, da er in der Arena Glück hatte. Es war dasselbe geheimnisvolle Ahnen, das ihn trieb, auf dem Kampfplatz dem Widerspruch des Publikums kein Gehör zu geben und immer größere Tollkühnheiten zu begehen, die stets den größten Erfolg hatten. Als sie zur Kirche heraustrat, schaute sie ihn ohne Be- fremden an, als ob sie erraten hätte, daß er sie an der Tür erwarten würde. Sie bestieg einen offenen Wagen in Be- gleitung zweier Freundinnen, und als der Kutscher die Pferde anspornte, wandte sie sich noch einmal um, indem ein leises Lächeln ihren Mund umspielte. Gallardo war den ganzen Abend sehr zerstreut. Er dachte an seine früheren Liebschaften, an die Erfolge der Bewunde- rung und der Neugier, die er durch seinen Wagemut errungen hatte, Eroberungen, die ihn mit Stolz erfüllten, auf Grund deren er sich für unwiderstehlich hielt und deren er sich jetzt doch etwas schämte. Ein Weib wie dieses, eine vornehme Dame, die weit gereist war und in Sevilla wie eine ent- thronte Königin lebte I... Das wäre eine Eroberung I Zu der Bewunderunxi ihrer Schönheit gesellte sich noch ein gewisse Ehrfurcht des Niedrig- geborenen vor der Aristokratin. Würde er die Aufmerkjgm- keit dieser Frau auf sich ziehen? Keinen größeren Triumph konnte es für ihn geben. Sein Verwalter, der mit dem Marquis de Moraima sehr befreundet spar und in Beziehungen zu den besten Gesell- schaftsklassen Sevillas stand, hatte ihm einige Male von Donna Sol gesprochen. Sie war kurz vorher, nach einer jahrelangen Abwesen- heit, wieder nach Sevilla zurückgekehrt, wo sie die Begeiste- rung der männliche» Jugend erweckte. Nach langem Aufent- halt im Auslande sehnte sie sich wieder nach Dingen ihrer Heimat, sie fand Gefallen an den volkstümlichen Gebräuchen, und alles erschien ihr sehr interessant, sehr eigenartig, sehr künstlerisch. Die Stiergefechte besuchte sie in dem klassischen Kostüm einer Maja, indem sie den Schmuck und die Haltung der anmutigen Frauen, wie sie Goya gemalt hat, nachahmte. Von starkein Körperbau, an Sport gewöhnt, eine vortreff- liche Reiterin, ließ sie sich oft zu Pferde in den Straßen sehen. km schwarzen Amazonenkleid, mit einem kurzen Rock, mit roter Halsbinde und auf dem goldenen Schmuck ihres Haares einen breiten Filzhut. Zuweilen trug sie, auer vor sich über den Sattelknopf gelegt, einen lanzenartigen Stab und begab sich in Begleitung einer Anzahl Bekannten auf die Land- guter, um Stiere zusammenzutreiben und zu Falle zu bringen, eine gewagte, an Gefahren reiche Zerstreuung, die ihr sehr gefiel. Sie war kein Kind mehr. Gallardo konnte sich noch schwach entsinnen, sie in ihren Mädchcnjahren an der Seite ihrer Mutter auf der Promenade gesehen zu haben, während er, der arme Schlucker, um die Räder des Wagens sprang und Zigarrenabfälle suchte. Sie waren unzweifelhaft von demselben Alter; sie mußte am Ende der Zwanziger sein; aber wie strahlend, wie verschieden von anderen Frauen! Sie glich einem Paradiesvogel, der in einen Hühnerhof mitten unter stattliche und wohlgenährte Hennen geraten war. Don Joss kannte ihren Lebenslaus... Ein etwas lockerer Vogel, diese Donna Sol. Ihr romantischer Vorname paßte vortrefflich zu ihrem sonderbaren Wesen und der Ungebunden- heit ihrer Lebensweise. Nach dem Tode ihrer Mutter und im Besitz eines an- sehnlichen Vermögens hatte sie sich in Madrid mit einem hochgestellten Herrn verheiratet, der ihr an Jahren ziemlich voraus war, der ihr aber als Botschafter an verschiedenen Höfen eine große gesellschaftliche Stellung bieten konnte. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verdaten.) 153 Alenn die JVatur ruft. Von Jack London. Autorisierte Uebersetzung von L. L ö n S. (Schluß.) Nun hatte er Tag und Nacht keine Ruhe; Buck ließ ihn nie zufrieden, ließ chn kein Blättchen vom Strauch pflücken, keinen Tropfen Wasier aus dem Bach schöpfen. Er durste seinen brennen- den Durst nicht stillen und hörte doch das Wasier oft unter seinen Füßen rauschen. In heller Verzweiflung flog er oft in langen Fluchten davon. Dann war es Bucks Ehrgeiz durchaus nicht, ihm hart auf den Fersen zu bleiben; er ließ sick Zeit, denn er holte ihn doch, wenn es sein mußte, in wenigen leichten Sprüngen«in. Er ließ den Elch auch ruhig lange Zeit stehen und legte sich still da- neben, und griff erst an, wenn er sich äsen oder tränken wollte. Der schwere Kopf unter den großen Schaufeln sank immer tiefer zur Erde, der Gang wurde unsicherer von Stund« zu Stunde. Der Elch verhoffte jetzt oft und lange, die Muffel berührte fast das weiche Moos, die Lauscher hingen schlaff nach vorn, und Buck fand Zeit genug, für sich selbst Nahrung zu suchen. Wenn er so still dalag und den Elch im Auge hatte, dann war es Buck manchmal, als ob etwas vorging im Lande. Als die Elche einzogen, schien auch etwas anderes gekommen zu sein, aber er wußte nicht, was es war. Er konnte es nicht sehen, nicht hören und nicht riechen, aber mit einem anderen namenlosen Sinn ver- nahm er es doch. Es gingen seltsame Dinge vor, und wenn er die Sache mit dem Elch erledigt hatte, wurde es Zeit, danach zu sehen. Endlich am Abend des vierten Tages zog er den alten Schaufler nieder. Einen Tag und eine Nacht schenkte er sich Ruhe und fraß sich satt. Dann trat er erfrischt den Rückweg an. Im kurzen gleich- mäßigen Trab ging es voran, immer geradeaus, ohne Zeitverlust, ohne auch nur eine unnötige Schleife zu machen, geradezu auf das Lager; keine Magnetnadel hätte genauer die Richtung zeigen können. Und immer sicherer wurde er, daß etwas im Lande geschehen sei, von dem er nichts wußte. Er hörte die Vögel davon reden, die Eichhörnchen darüber schelten, und der Wind flüsterte geheim- nisvoll davon. Dann und wann blieb er stehen, sog die frische Morgenluft in langen Zügen ein, aber mit ihr auch etwas, das ihn zu einem eiligeren Laufe antrieb. Erst als er in das Tal einbog, wo das Zelt stand, gebrauchte er Vorficht. Er kam auf ein« Fährte, und diese Fährte führte geradeaus in das Lager, wo John Thornten war. Di« Rückenhaare sträubten sich, seine Augen glühten, jeder Nerv an ihm bebte. Er wußte jetzt alles, nur das End- noch nicht. Seine Nase hatte es ihm gesagt. in wessen Fußspuren er trat. Er empfand«ine Stille des Waldes, die er nie empfunden; alles Vogelleben war tot; kein Eichhörnchen rührte sich. Nur eins sah er, ein kleines graues Kerlchen, das sich dicht an einen rauhen grauen Stamm drückte. Wie«in Schatten glitt Buck dahin, aber plötzlich war es ihm, als würde er mit eisernem Griff zur Seite gezogen. Er folgte J der Weisung seiner Nase und fand im Dickicht Moor. Da lag er lang auSgestrear, tot, von Pfeil«, durchbohrt, deren befederte Enden aus seinem Körper heraussahen. Hundert Schritte weiter stieß Buck auf einen der neuen Schlittenhunde. die Thornten in Dawson gekaust hatte. Er lag im letzten Todeskampf. Vom Lagerplatz kam das Geräusch vieler Stimmen und ein eintöniger Singsang. Auf dem Gesicht liegend fand er Hans, mit Pfeilen bedeckt, wie ein Stachelschwein mit Stacheln. In demselben Augenblicke konnte er den Platz vor dem Zelt übersehen, und vor seinen Augen glänzte es blutigrot. Es war die Welle der Wut, die ihn überlief. Er wußte es selbst nicht, daß er es war. der das Geheul ausstieß, das jetzt die Luft er- jckütterte. Es war das letzte Mal in seinem Leben, daß die Leiden- schaft bei ihm Herr wurde über den Verstand. Es war die Liebe zu John Thoruten, die ihn den Kopf verlieren ließ. Es waren Deehats-Jndianer, die dort auf dem freien Platze vor dem Zelt ihre Tänze aufführten und dazu sangen. Plötzlich hörten sie ein furcbtbares Geheul und sahen ein Tier, wie sie noch keins gesehen hatten. Es war Buck. der sich zwischen sie stürzte. Er sprang auf den ersten zu, es war gerade der Häuptling, warf ihn zu Boden und riß ihm die Gurgel auf, daß das Blut weit umher« spritzte. In der nächsten Minute hatte er es mit dem zweiten geradeso gemackt, und auch über den dritten fiel er schon her. Er quälte sein Opfer nicht; dazu ließ er sich nicht Zeit. Von rechts nach links, nach hinten, nach vorn sprang er, zerriß, zerbiß und zermalmte, was ihm in den Weg kam. So schnell ging alles, und so eng hatten die Indianer zusammengesesien, daß sie nicht einmal ihre Pfeile gebrauchen konnte.-,. Ein junger Krieger, der mit dem Speer nach Buck warf, traf t nen anderen Indianer mit solcher Macht durch die Brust, daß das Speerende zum Rücken wieder her- auskam. Eine Panik entstand, und Todesgeschrei durchgellte die Lust. Alle flohen in den Wald, als ob der böse Geist hinter ihnen wäre. Und wie der leibhastige Satan gebärdete sich Buck in seiner Wut. Es war ein Schicksalstag für die AeehatS. Weit über das Land wurden sie zerstreut, und erst eine Woche später sammelten sie sich in einem entlegenen Tale; es waren ihrer aber nicht mehr viele. Als Buck von ihrer Verfolgung zurückkam, fand er zunächst Peter, der schon auf seinem Lager im Schlafe erschlagen war. Thorntens verzweifelten Kampf laS er aus den Fußspuren im Sande und verfolgte sie bis hinunter an den fiefen dunklen See. Am Ufer, die Vorderfütze im Wasier, lag Skeet, treu bis in den Tod. Der See aber war trübe und schlammig, und was er enthielt. war nickt zu sehen. Buck aber wußte es. John ThorntenS Fuß- spuren führten hinein, aber nicht wieder heraus. Den ganzen Tag lag der Hund dort oder wanderte ruhelos um das Zelt. Der Tod war ein Aufhören jeder Bewegung, jedeS Lebens; das hatte er ost beobachtet und er wußte, daß John Thorn- ten tot war. Er fühlte eine große Leere in sich und ein Gefühl des Schmerzes, wie Hunger. Aber es war ein Hunger, der nie gestillt werden konnte. Zu Zeiten, wenn er den Spuren der Ase- hats nachjagte und wieder ein paar zu Tode brachte, dann vergaß er den Schmerz wohl auf Augenblicke, und Stolz erfüllte sein Herz. Er hatte das edelste Wild gehetzt, Menschen gejagt, Menschen ge- tötet, und zwar nach dem Gesetze des Reißzahnes, mit dem Recht des Stärkeren war es geschehen. Er beschnüffelte die Toten neu- gierig. Sie waren so leicht zu töten; mit einem Polarhund gab es einen viel bärteren Kampf. Menschen waren keine würdigen Gegner, wenn sie nickt Knüppel oder Speere hatten; er würde sie nie mehr fürchten, höchstens die Waffen in ihrer Hand. Die Nacht kam, und der Vollmond stand still am Himmel über den dunklen Bäumen. Buck lag traurig am Ufer des Sees. Da tönte ein Laut zu ihm herüber, den er kannte. Er klang so nah und klang doch fern. Es war der Ton. den er schon ost gehört hatte in einer anderen Welt, der Ton, den seine Erinnerung ihm bewahrt hatte. John Thornten war tot; jetzt wollte er dem Rufe folgen, denn das letzte Band war zerrissen, das ihn an die Menschheit band. Auf ihren Jagdzügen waren die Wölfe durch das Land der Ströme und Seen gezogen bis hier in das Tal. Im Mondschein kamen sie daher wie ein Silberstreifen, und Buck stand hoch auf» gerichtet, sie zu erwarten. Sie standen starr vor Schrecken, als sie ihn plötzlich sahen, und es dauerte lange, bis der kühnste unter ihnen zum Angriff vorsprang. Buck faßte ihn gut und brach ihm das Genick. Dann stand er wieder da, regungslos und still. Drei andere versuchten ihr Heil und zogen sich blutüberströmt zurück. Plötzlich sielen alle zusammen über ihn her, und nur seine fabelhaste Gewandtheit konnte ihn retten. Er schnappte nach rechts und nach links, war hier und dort zu gleicher Zeit, aller- wärts und nirgends. Er mußte sich nur vorsehen, daß er sich den Rücken freihielt. Langsam ging er rückwärts bis an die Bucht am See. Dort hatten sie beim Goldwaschen einen Haufen Sand und Steinchen aufgeworfen. Sich rückwärts schiebend, drängte er sich hinein, sodaß er von drei Seiten geschützt war und sich nur nach vorne zu verteidigen brauchte. Und so gut verstand er eS. daß die Wölfe sich nach einer halben Stunde mißmutig zurückzogen. Sie schnaubten vor Wut, und ihre weißen Zähne leuchteten unheimlich vor Mordlust. Sie wußten aber nicht, was sie zunächst tun sollten; einige legten sich mit gespitzten Ohren nicht weit von Buck hin, andere standen und beobachteten ihn scharf, während einige zum Wasser hinunter gingen und tranken. Endlich kam ein Wolf näher. Es war ein alter, magerer, halb lahmer Geselle; er hob die Nase schnuppernd tn die Luft und kam dann freundlich knurrend näher. Da er» kannte Buck in ihm seinen wilden Bruder, mit dem er eine ganze Nacht und einen Tag durch die Wildnis gezogen war. Dann trat ein alter, mit Narben bedeckter Wolf herzu, der anscheinend auch freundlich gesinnt war. Buck aber fletschte die Zähne und knurrte grimmig. Da setzte sich der Wolf, richtete die Nase empor zum Mond und stieß ein jämmerliches Geheul aus. Buck horchte auf. DaS war der Ruf, jetzt erkannte er ihn genau, und eine unbestimmte Macht zwang ihn hervorzukommen, sich neben den Alten zu setzen und einzustimmen. Dann kam einer nach dem anderen heran, beschnupperte ihn und schloß sich dem Geheul an. Plötzlich sprang der Wolf auf und lief dem Walde zu, die anderen Wölfe folgten. An der Seite des wilden Bruders stürmte Buck laut bellend davon. Es dauerte nicht lange, bis die Deehats bemerkten, daß die Wölfe ihr Aussehen änderten. Einige hatten tiefbraune Flecken am Kopfe und ein weißes Mal vor der Brust. Und immer, wenn sie die Wölfe sahen, bemerkten sie an der Spitze des Rudels einen ungeheuer großen Wolf. Sie nannten ihn den Geisterwolf und fürchteten ihn mehr als alle anderen. Sie wußten wohl, daß er es war, der ihr Lager bestahl und ihre Fallen beraubte, aber er tat eS mit solcher Schlauheit, daß sie ihm nichts anhaben konnten. Sie gaben es auch auf, sich gegen ihn zu wehren, denn er zerriß alle ihre Hunde und furchtet« selbst ihre tapfersten Krieger nicht. Es waren viele, die sie schon mit aufgerissenem Halse gefunden hatten, und stets waren Spuren in der Nähe, die größer waren, als dre eines gewöhnlichen Wolfes. Jedes Jahr bei Beginn des Winters, wenn die Elche in die wärmeren Gegenden ziehen, und die Ueehats ihnen folgen, dann vermeiden sie ein gewiffes Tal. Viele Frauen verhüllten ihr Ge- sicht, wenn am Lagerfeuer davon gesprochen wurde, was einstmal geschehen ist, als der böse Geist dort zum ersten Male gesehen wurde. Dieses stille Tal hat aber einen Bewohner, und das ist ein großer Wolf mit seidenglänzendem, prächtigen Fell. Da, wo aus verrotteten Säcken von Elchhaut ein glänzender gelber Strom zwischen die langen Grashalme fließt, liegt er oft stundenlang und starrt still vor sich hin; manchmal geht er auch hinunter und sieht in das dunkle Wasser des stillen Sees, und«in Geheul, schrill und jämmerlich, erfüllt die Luft. Er ist nicht immer hier. Wenn die Wölfe vor den langen Winternächten des Norden? fliehen und ihren Beutetieren zum Süden folgen, dann läuft Buck m langen Sätzen an der Spitze des Rudels und stimmt beim bleichen Scheine der Mitternachtssonne mit ein in den uralten Sang der Wölfe. Björn ftjcnic Björn Ton, der stark und rauflustig wie das Raubtier, in seinem Namen Björe nämlich, der Bär, als Publizist, Lyriker, Dramatiker, Volksredner seit einem halben Jahrhundert den heimatlichen Norden in Atem gehalten, aber auch das übrige Europa zu erregen vermocht hat; der gleich dem Sternbild(Björnstjerne— der große Bär), das sein Rufname bezeichnet, am Himmel der Weltliteratur geblitzt:— er ist nicht mehr. Seltsam! Die Heimat verließ er wohl, mit Todesahnungen im Herzen, um am Strand der Seine zu sterben. Und wie anders hatte er doch vor fast drei Jahrzehnten gedacht und geschrieben? Als 1880 das Gerücht durch deutsche Blätter ging, daß Björnson, der heimischen Streitigkeiten satt, seinen Aufenthalt in München nehmen würde, schrieb er in einem Privatbrief:.Ich will iu Norwegen wohnen, ich will in Norwegen prügeln und ge- prügelt werden; ich will siegen und sterben in Norwegen." Nun ist es anders gekommen. Aber wenn gleich; Björnson war ja in Paris ebenso heimisch, wie in Deutschland, Italien oder wie bei sich zu Hause zwischen Fjorden und Stranden. Jetzt, da ihn der Tod abgerufen, der bereits seit Monaten die Knochenhand mahnend auf des tatfrohen Recken breite Schulter gelegt hatte, jetzt empfin» den wir mehr denn je, was er auch uns gewesen. Ein Clan- Häuptling und zugleich Seher und Skalde schritt er durch seines Volkes Mitte. Oder noch ein anderer. Wie hatte er bei der Eni- hüllung des Wergeland-Denkmals am 17. Mai 1881 gesprochen? „Ihr habt wohl alle davon gehört, daß Henrik Wergeland eine Zeit lang mit den Taschen voller Baumsamen einherging, auf seinen Spaziergängen hie und da eine Hand voll hinauswarf und seine Kameraden veranlassen wollte, dasselbe zu tun: denn man könne nicht wissen, was daraus aufginge." Dies Gleichnis paßt auch auf Björnson. Er i st, hat einmal Georg Brandes gesagt, der große Säemann Norwegens. Das Land ist ein GebirgS- land, kahl und wild. Gar manch ein Saatkorn fällt auf felsigen Boden und wird vom Winde fortgeweht; aber wo Erde vorhanden, da ist sie auch empfänglich, die Aussaat ist reich und unermüdlich setzte Björnson seine Tätigkeit fort. Vieles von seiner Saat hat er ja selber noch aufsprießen gesehen; und manches wird noch aufgehen und diese Frucht wird späteren Geschlechtern zugute kommen. Björnson wurde am 8. Dezember 1832 in einem Tale des Dovrefjäld zu Kvikne, wo sein Vater Pfarrer war, geboren. ES war eine öde unfreundliche Gegend, wo der Knabe bis zum schul, Pflichtigen Alter heranwuchs. Als er sechs Jahre alt war, wurde der Vater nach Nässel in Romsdalen, der wegen ihrer Schönheit berühmtesten Gegend Norwegens versetzt. Hoch und mächtig steigen hier zu beiden Seiten des Tales die Felsen mit kühngeformten Zinnen empor, die nach und nach, während die Ebene sich senkt und man sich dem Fjord nähert, in immer merkwürdigeren Bil» düngen dem Auge erscheinen. Keine andere norwegische GebirgS- landschaft läßt sich mit Romsdalen vergleichen. Zudem ist hier der Boden ungemein fruchtbar; und demzufolge wohnt hier ein Volk, zahlreich an Köpfen und wohlhabend. Natürlich blieb dies Bild nicht ohne Einfluß auf des Knaben Gemüt. Die großartige Natur und das bewegte Volksleben erfüllten die empfängliche Seele des reichbegabten Jungen. Nach der kleinen Stadt Moide in die gelehrte Schule geschickt, organisierte er Vereine unter seinen Ka- meraden und wurde bald eine Art Führer der lernenden Jugend. Er selbst las alles, was ihm von Dichter- und Geschichtswerken vor Augen kam und es gab wohl nichts an heimatlicher Volks, litcratur, das er nicht kannte. Siebzehn Jahre alt, kam Björnson nach Kristiania, um sich zum Studentenexamen vorzubereiten. Hier führte er ein geistig vielfach bewegtes, stürmisches, übermütiges Jugendleben. Hier packte ihn auch das Theater mächtig an. Als der zwanzigjährige Student ins Elternhaus zurückkehrte und dort ein Jahr verbrachte, tat sich das Volksleben in neuer Beleuchtung seinen Augen auf. Er lebte mit dem Volke und dichtete ihm Lieder, die oft von den Bauern auswendig gelernt und gesungen wurden. Nach Kristtania zurückgekehrt, trat Björnson hauptsächlich als Theaterkritiker auf. schrieb mit der ganzen Gewaltsamkeit genialer Jugend, mit der ganzen Ungerechtigkeit eines angehenden alles über den Haufen werfenden Dichters und erwarb sich viele Feinde. Nebenher und unter bunten Studien literar-phllosophischer Art begann sein Talent für die Bühne zu keimen. Ein paar Aus- flüge in die Nachbarländer, zuerst eine Studentenfahrt nach Upsala, unmittelbar danach ein längerer Aufenthalt in Kopenhagen brach, ten seine verschiedenen dichterischen Anlagen in Schuß. Hatte er zuvor in kurzen, echt volksliederartigen lyrischen Gedichten seinen Schaffensdrang, wenn auch nicht befriedigt, so doch beruhigt, so schrieb er jetzt sein dramatisches Erstlingswerk:„Zwischen den Schlachten", ein kleines ernstes Schauspiel in einem Aufzug. daS eine Episode aus den norwegischen Bürgerkriegen des frühen Mittelalters behandelt. Es war im Gegensatz zu den breitrollenden wortreichen Jamben- dramen aus der Oehlenschlägerschen Schule in knapper schroffer Prosasprache geschrieben und leitete somit überhaupt eine neue Form des nordischen Stils ein. Indessen wurde Björnson sein Beruf, Bauernnovellen zu schreiben, immer klarer. Schon hatte er anonym mehrere kleinere Erzählungen veröffentlicht. Da gab er 1857„Shnnöve Solbakken" heraus. Dies Erstlingswerk war auch sein erster Sieg und fand begeisterte Aufnahme, vornehmlich in Dänemark, kraft der Ursprünglichkeit, der Neuheit de? Stoffs und der DarstellungS- weise. In der Folge hat dann Björnson zahlreiche Schöpfungen auf diesem Gebiet gegeben. Sie sind einzeln nacheinander in deutschen Uebertragungen erschienen und schließlich vor einigen Jahren im Verlag seines Schwiegersohns Albert Langen in Mün, chen in drei starken Sammelbänden vereinigt worden. Dann folgten Dramen. Zunächst solche, die er, gleich den Novellen auf nationalem Boden und in Zeiten vor sich gehen läßt, in denen das Nordgermanen- und Heidentum von dem eindringenden Südgermanen- und Christentum in noch helleres Lichl ge- stellt wird, ohne daß man sagen könnte, ber Dichter Hütte tendenzwS Partei für das eine oder das andere genommen, oder die relative Berechtigung des einen oder des anderen geleugnet. ES waren die Dramen„Sigurd Slembe" und„Arnljot Gelline", überall der- selbe Typus: der geborene Häuptling, zum Wohltäter geschaffen, dem man aber sein Recht vorenthält, und der durch all das Un- recht, daS er erleidet, gezwungen wird, obwohl er das Beste will, auf dem Wege zu diesem Ziel eine ganze Menge Böses zu ver- üben. In die Zeit nun, wo Björnson zweimal Theaterdirektor war(1857— 1859 in Bergen, 1865— 1867 in Christiania) fallen zwei Dramen aus seinem ersten Lebensabschnitt,„Maria Stuart" und das Lustspiel„Die Neuvermählten". deren letztgenanntes sowohl in der Heimat wie auch in Deutschland Erfolg errang. Allmählich hatten sich auch die Einflüsse der modernen Zeit in Norwegen geltend gemacht. Anfangs der siebziger Jahre entstand eine neue geistige und literarische Bewegung, die ihre Nährkrast von Frankreich erhielt. Alle Ideen dieser Epoche waren zwar in Björnsons Dichtergeist eingedrungen, ohne daß er sich ihrer cndeS sonderlich bewußt gewesen. Dann lag mit einem Male die mo- derne Welt vor seinem Blick. Er bekam, wie er es einmal in einem Privatbrief ausdrückte,„die Augen, die sahen, die Ohren, die hörten". Er erkannte die Bedeutung des 13., aber auch die un» gleich gewaltigeren Aufgaben des 19. Jahrhunderts. Ueber dieser Klärung verstrichen mehrere unproduktive Jahre. Dann sprang Björnson mit dem Schauspiel„Ein Fallisse» ment" mitten ins moderne Leben hinein. In diesem Schau- spiel behandelt er als erster in Norwegen ein kapitalistisches Pro- blem: die Tragikomödie des Geldes. Dies Drama wurde 1874 auch in Deutschland und zwar in Berlin erstmalig gegeben, ohne freilich hier irgendwelche bemerkenswerke Umwandlung zu be» wirken. Gleichzeitig mit dem„Fallissement" erschien„Der N e» dakteur": eine leidenschaftliche Satire auf nordische Preßvcr- Hältnisse. Und dann folgten Schlag auf Schlag:„Der König", worin politische Fragen behandelt sind, ferner„DaS neue System",„Leonarda" sowie mehrere Novellen. Hand in Hand mit seinem dichterischen Schaffen und seiner praktischen Tätigkeit als Theatermann geht seine politische und journalistische. Schon in jungen Jahren war Björnson einmal Redakteur gewesen. Nun, zwischen 1866 bis 1867, war er als Leiter de»„Norwegischen Bolksblattes" einer der eifrigsten Wider- sacher des sogenannten„Unionsvorschlages", der den Zweck hatte, Schweden und Norwegen in nähere Verbindung zu bringen. Gleich- zeitig tritt er als Redner, als Agitator auf. Und so ist Björnson bis an sein Ende geblieben: ein leidenschaftlicher Po- lemiker, ein fanatischer Volksredner. Es ist erstaunlich, der Kopf wirbelt einem von all dem, worüber er geschrieben und geredet. Beiläufig an 16 666 Druckseiten sollen diese Artikel und Aufsätze füllen. Wiel er soviel Kraft auf Verhältnisse und Sachen einsetzte, die mit der Dichtkunst nichts zu tun hatten, so kommt es, daß er innerhalb 17 Jahren nur sieben Bünde neuer Dichtungen ver- öffentlichte. Freilich, was er hierin gab, war wohl das Bedeutendste. Es sind das die beiden großen Thesenromane:„Man flaggt" und„Auf Gottes Wegen", weiter„Neue Er- Zählungen", worunter die letzte,„Absalons Haar" daS Buch beherrscht. 1883 veröffentlichte Björnson zwei neue Schauspiele: „Ein Handschuh und„Ueber unsere Kraft", erster Teil. Dies gewaltige Doppeldrama ist ja auf unseren Bühnen heimisch geblieben; desgleichen das politische Schauspiel„Paul Lange und Tora Parsberg". Dagegen hat sich„La- boremas" nicht gehalten. Uebrigens ist dies soziale Stück nicht daZ letzte geblieben. Björnson hat noch mehrere Dramen hinterlassen. Wie sein Eintritt in die literarische Arena seines Heimatlandes von gewaltiger Nachwirkung begleitet war, so wird mit seinem Hinscheiden seine? Geistes Spur nicht verlöschen. Sein Name be- deutete soviel wie die norwegische Flagge, sagt Brandes. Er war in seinen Vorzügen und Fehlern, seinem Genie und seinen Schwächen so ausgeprägt national wie Voltaire für Frankreich oder Schiller für Deutschland. Er war einer der größten Kampfdichter unserer Zeit: Pmester, Tribun, Erzieher:— alles in einem. Ich lebte mehr, als daß ich sang; ich glaube. Groll und Lust umschlang mich, wo ich war zu Gaste. Dabei zu sein, wo's nötig war, daS galt mir allzeit mehr fürwahr, als waS die Feder faßte. Der Bär ist in die Unterweltshöhle zum ewigen Winterschlafe gegangen; das Sternbild ist erloschen; aber sein Nachglanz wird ugS verbleiben.£. K. Kleines f emllcton» Kulturgeschichtliches. Die Erfindung der Eisentechnik ist seit mehreren Jahren Gegenstand einer gelehrten Kontroverse, die zetzt zu einem gewissen Ergebnis geführt zu haben scheint. Wir geben nach- stehend einige Ausführungen des Dr. W. Belck in Frankfurt a. M. wieder, der diese Diskussion hauptsächlich in Fluß gebracht hat. Die Ueberlegenheit des Eisens über die den Alten bekannten Bronzcarten gründet sich nicht auf die Eigenschaften des Schmiedeeisens, das der harten Bronze an Güte vielfach erheblich nachsteht, sondern sie hängt in erster Linie von der Exi- stenz des gehärteten Stahls ab. WaS den Ursprung der Stahl- fabrikation angeht, so lassen uns die historischen Quellen bisher gänzlich im Stich. Es scheint, daß die Kenntnis der be- treffenden Technik Geheimnis der Sippe blieb, das unter keinen Umständen preisgegeben wurde. Selbst Plinius weiß davon nichts zu berichten, obwohl er die Verfertiger guten Stahls kannte. Sonach wären gewisse Bibelstcllen, in denen von den„eisernen" Sichelwagen der Kanaaniter die Rede ist, die ältesten direkten Nachrichten über die Verwendung von Stahl. Belck zwei- feit nicht, daß es sich hier nur um stählerne Sicheln gehandelt haben kann, aus Bronze hätte sich diese furchtbare Kriegswaffe kaum herstellen, geschweige denn während der«chlacht in dauern- dem Gebrauch erhalten lassen. Der Fabrikation solcher meter- langer Stahlsicheln muß schon eine Herstellung von anderen Waffen und landwirtschaftlichen Geräten aus Stahl vorherge- gangen sein, s» daß uns die Erwähnung der Sichelwagen direkt in eine schon hockentwickelte Stahlindustrie Hineinführt. Die Ze't der Crwtiijnung ist dos 13. Jahrhundert vor Chr. Nun ist unbestritten, daß die Assyrcr-Babylonier das Eisen überhaupt erst in späterer Zeit kennen lernten. Betreffs der Aegypter sind die tverantw. Redalleur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Meinungen ziemlich geteilt. Vereinzelt Hai man bei ihnen Eisen gefunden, und man sieht auf äghptiichen Gemälden in der Hand von Männern gewisse Gegenstände von blauer Farbe, waS eventuell als Eisen, aber auch als Arsenbronze gedeutet werden kann, und schließlich auch ganz andere Auslegung zuläßt. Luschan hat versuckt, den Nachweis zu führ-n, daß die Produktion von Schmiedeeisen bei der sc�varzen Bevölkerung Afrikas seit uralten Jenen bodenständig war, und daß Aegypten gleichsam als Ver- mittler diese Kenntnis an die Länder des Mittelmeers weiter- gegeben hat. Trotz all der widerstreitenden Ansichten scheint in diesem Punkte aber doch einigermaßen festzustehen, daß ton einer irgendwie nennenswerten Stahlindustrie in Aegypten nicht die Rede gewesen ist. Es bleibt also der Umstand zu erklären, daß eine solche Industrie, und zwar von vorgeschrittenem Umfang, bei den Kanaanitern bekannt war. Man wird zu der Annahme ge- drängt, daß sie gar nicht in Palästina vor sich gegangen sein kann, weil sie den Aegyptern so unbekannt blieb, sondern anderwärts, und daß sie von dorther erst kurz vor der Einwanderung der Israeliten importiert wurde. Alle diese Daten stimmen für daS Volk der Philister, das von allen Forschern als ein erst in verhältnismäßig später Zeit eingewanderter Stamm betrachtet wird. Nimmt man an, daß die durch die wiederholten Kriege mit den hethitischen Großkönigen herbeigeführte Schwächung der ägyp- tischen Vorherrschaft in Syrien und Kanaan von dem Jnselvolk der Philister zu ihrer Invasion und allmählichen Etablierung der fünf philsstäischen Fürstentümer benutzt wurde, und daß dann etwa 56 Jahre später der Einbruch der israelitischen Horden von Osten her erfolgte, so erklärt es sich vollkommen, daß in der Zwischenzeit die Erzeugnisse philistäischcr Eisen- und Stahl- industrie Eingang und Verbreitung bei ihren nächsten Nachbar- Völkern, eben den Kanaanitern. gefunden hatten, so daß die Jsrae- liten sie dort kennen, bewundern und fürchten lernten, ohne daß doch auch unbedingt schon die weiter entfernten Völker, wie Baby- lonier und Assyrer, oder die kaum Auslandhandel treibenden Aegypter davon Kenntnis erhalten haben mußten. Belck fügt hier» zu noch die Annahme, daß die Philister von der Insel Kreta herübergekommen seien, und daß die dortigen Anfänge der Stahl» fabrikation etwa in die Zeit von 1866 bis 1666 vor Chr. gesetzt werden könnten. Daraus würde folgen, daß auch die vorauf» gehende Technik des Schmiedeeisens älter ist, als bisher ange» nommen, also rund ab 2566 vor Chr. datiert. A. K. Astronomisches. Sbante ArrheniuS über den MarS und fein« vermeintlichen Kanäle. Zu der soviel umstrittenen Frage der Marskanäle ergreist nun auch Professor Svante Arrhenius in Stockholm das Wort. Der berühmte Chemiker und Astrophysiker hat seine interessanten Ausführungen dem„KoSmoS" in Stuttgart zu» gehen lassen, der sie im vierten Hefte seines„Handweisers" ver» öffcntlicht. Sie gipfeln in dem auf Grund der niedrigen Marsiemperatur und des geringen WasserdampfgehalteS seiner Atmosphäre gefällten Urtell. daß der Mars eine tote Welt ist. ohne lebende Organismen oder gar denkende Wesen. Somtt können die vermeintlichen Kanäle auch nicht von intelligenten Marsbewohnern künstlich angelegt sein. Sie entsprechen vielmehr Erdbebenspalten bei uns, die nahezu oder ganz geradlinig verlaufen wie die Srrahlensystcme und die Stillen aus dem Monde. In ihren Schnittpunkten aber, von denen sie ausstrahlen, liegen die Einsturz- zentren, die tiefsten Stellen der Marsoberfläche, in denen Lowell Binnenseen oder Oasen zu erblicken geglaubt hat. Die absolute Grad» linigkeit und die Regelmäßigkeit in der Verteilung der Kanäle bestreiten Cerulli und Antoniadi nach ihren Beobachtungen; danach handelt eS sich um Reiben von dunklen Flecken, deren Bilder im Auge leicht zu geraden Linien verschmelzen. Darüber find fast alle Forscher einig, daß die roten Partien, die den größten Teil der Marsoberfläche ausmachen, ausgedehnte Wüsten mit stark salzhaltiger Erde sind, auf denen sich Massen von Meteoriten oder von meteorischem Staub ab- gelagert haben. Der Stoff der Meteoriten ist höchst eisenhaltig und diese Eisemeilchen werden von dem in der Marslust nachgewiesenen Sauerstoff oxydiert. Dadurch entsteht Eisenoxyd, daS je nach der Körnergröße und dem Grade der Befeuchtung verschiedene Farben auf- weist. DaS Verschwinden der„Kanäle" im Winter und ihr spätere« Wieder- erscheinen beim Schmelzen oder Verdunsten der Polarkalotte, wobei sie vom Pol nach dem Aequator vorrücken, wird erklärt, ebenso die bei l2 Proz. nach gewiesene scheinbareVerdoppelung. Parallele Erdspalten sind nämlich sehr gewöhnlich, und Reihen von Seen entlang solcher Spalten finden sich z. B. außerordentlich häufig in Skandinavien. Aus dem MarS ist eigentlich nur ein einziges Welttneer vorbanden: daS größtenteils von Inseln und bisweilen völlig vom Wasser entblößten Untiefen erfüllte Südmeer(Mare australe) auf seiner Süd halbkugel. Auch die darauf bezüglichen Wahrnehmungen erörtert ArrheniuS, indem er dabei— wie für seine Darstellung der Verhältnisse auf dem Mar» überhaupt— ausschließlich die von unserer Erde bekannten physikalischen und chemischen Gesetze zugrunde legt. Borwärrt Buchdruckere» u.BerlagSansrau Paul Singer ScCo.. Berlin SW.