Mnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 83. Freitag den 29 April 1910 CRaaftcuS verbot«!,.) 21] Die Hrena. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte»Uebersetzung von Julio Brouta. „Was diese Evastochter schon alles durchgemacht hat, Juan!" sagte der Verwalter.„Die Köpfe, die sie in zehn Jahren verdreht hat, von einem Ende Europas bis zum andern I Stelle Dir vor, sie ist das reinste Geographiebuch, mit intimen Bemerkungen am Rande eines jeden Blattes I Sicherlich kann sie keine Landkarte ansehen, ohne bei den Hauptstädten zur Erinnerung ein Kreuz zu machen... Und der arme Botschafter! Ohne Zweifel starb er aus Lange- weile, weil ihm kein Ort mehr blieb, wo er noch sein Vater- land hätte vertreten können. Seine Gemahlin wollte hoch hinaus. Die gekrönten'Häupter, die dieses Täubchen ver- wirrt gemacht hat! Die Königinnen zitterten bei ihrer An- kunft, als wäre sie die Cholera. Schließlich blieben dem braven Botschafter für die Betätigung seiner diplomatischen Fähigkeiten nur noch die Republiken Südamerikas. Das grämte ihn sehr,' und er zog es vor, zu sterben. Glaube aber nicht, daß der Engel sich nur mit solchen begnügte, die in königlichen Palästen verkehren. Wenn es wahr ist, was man sich erzählt I Sie ist den Extremen hold, entweder alles oder nichts; bald hat sie es aus das Höchste abgesehen, und bald scheint sie die Erde aufwühlen zu wollen. Man sagte mir, daß sie in Rußland einem jener Mähnenmenschen nachgelaufen sei, die Bomben werfen; einem Bürschchen mit einem Wetber- gesicht, der ihr keine Beachtung schenkte, weil sie ihm in seinen Geschäften hinderlich war. Gerade deswegen ließ das Engel- chcn nicht von ihm ab, bis man ihn schließlich aushenkte. Auch soll sie Beziehungen zu einem Maler in Paris gehabt haben, und man versichert sogar, er habe ihr Bild, so ziemlich unver- hüllt, gemalt, den Arm vor das Gesicht gehalten, damit man sie nicht erkannte: so soll sie auf Streichholzschachteln zirku- lieren. Das ist aber jedenfalls nicht wahr, und übertrieben. Wahrscheinlicher ist, daß sie die Freundin eines Deutschen gewesen ist. eines Musikers, der Opern komponierte. Wenn Du sie Klavier spielen hören könntest!... Und wenn sie singt! Genau wie eine Primadonna, wie sie am Theater von San Fernando während der Ostersaison singen. Und glaube nicht, daß sie nur italienisch singt, sie bringt alles fertig, französisch, deutsch, englisch. Ihr Onkel, der Marquis de Moraima, der, unter uns gesagt, ein etwas eingebildeter Patron ist, behauptet, wenn er von ihr im., Fünfundvierziger Klub" spricht, er habe sie im Verdacht, daß sie Lateinisch ver- stehe... Was für eine Frau, he, Juanito? Welch ein interessantes Weib!" Der Verwalter sprach von Donna Sol mit Bewunderung und hielt alle Begebenheiten ihres Lebens, sowohl die ein- wandfreien wie die fragwürdigen, für außerordentlich und eigenartig. Ihre Geburt und ihr Vermögen flößten ihm, wie Gallardo, Respekt und Wohlwollen ein, und sie verhan- Velten über sie mit beifälligem Lächeln. Dieselben Tatsachen würden einer anderen Frau eine Flut von respektwidrigen Urteilen zugezogen haben, und jedenfalls würde sie wegen eines solchen Vorlebens den Verworfensten ihres Geschlechts zugezählt worden sein. „Hier in Sevilla," fuhr der Verwalter fort,„führt sie ein musterhaftes Dasein. Deshalb zweifle ich an der Wahr- heit dessen, was man vom Ausland erzählt. Es süjd wahr- scheinlich Verleumdungen gewisser Aspiranten, die auf Trau- ben ausgehen und sie zu grün finden." Und indem er die Keckheit dieser Frau lachend feierte, die zeitweilig mutig und herausfordernd wie ein Mann war, wiederholte er die Gerüchte, die in gewissen Klubs der Sierpers-Straße über sie herumgeboten wurden. Als die „Botschafterin" nach Sevilla zurückkam, hatten die jungen Leute eine Art Hof um sie gebildet. „Stelle Dir vor, Juanito; eine elegante Frau, wie es keine hier gibt, die ihre Kleider und Hüte aus Paris, ihre Wäsche und Parfüms aus London bezieht und überdies die Freundin von Fürsten ist... Sozusagen, als wären die Ab zeichen der ersten Stierzüchtereien Europas in sie eingebrannt ... Wie Verrückte folgen sie ihr auf Schritt und Tritt, und das Täubchen gestattet ihnen gewisse Freiheiten, da es unter ihnen wie ein Mann zu leben wünscht. Aber einige gingen zu weit, sahen irrtümlich vie Ungebundenheit für etwaS anderes an, und wo Worte fehlten, wollten Hände zugreifen ... Es gab Ohrfeigen, Juanito, und noch Schlimmeres. Donna Sol versteht sich aufs Fechten und sie kann Faust- schlüge austeilen wie ein englischer Matrose. Außerdem kennt sie die japanische Kampfesweise, die Jiu- Jitsu heißt. Jetzt wird sie weniger belästigt, aber sie hat Feinde, die ihr Uebles nachreden. Die einen loben an ihr, was nicht wahr ist, und die andern gehen so weit, ihre Schönheit in Abrede zu stellen." Wie der Verwalter behauptete, war Donna Sol von ihrem Aufenthalt in Sevilla entzückt. Nachdem sie lange Zeit in nebligen und kalten Ländern verlebt hatte, bewunderte sie den tiefblauen Himmel, den matten Goldglanz der Winter- sonne und sie konnte die Wonne des Lebens in dieser, wie sie sagte, so pittoresken Gegend nicht genug loben. „Sie ist ganz hingerissen von der Freiheit und Unge- bundenheit unserer Sitten, wie eine jener Engländerinnen, die zur Karwoche hierherkommen. Als ob sie nicht in Sevilla zur Welt gekommen wäre! Sie will fortan den Sommer im Aus- land und den Winter hier zubringen. Ihres Lebens an Höfen und in Palästen ist sie überdrüssig, und wenn Du wüßest, mit welcher Art Leuten sie verkehrt!... Sie hat sich als Mit- glied einer religiösen Brüderschaft aufnehmen lassen, der volkstümlichsten, der des Cristo de Triana oder des Santi- simo Cacharro und sie hat ein schönes Stück Geld für Man- zanillawein für die Brüder ausgegeben. Manchmal ist ihre Wohnung abends voll von Gitarrespielern und Tänzerinnen, allen jungen Mädchen, die in Sevilla Gesang und Tanz lernen. Mit ihnen kommen ihre Lehrer, ihre Familien, ihre entferntesten Verwandten. Alle stopfen sich voll von Oliven, Wurst und Wein, und Donna Sol, in ihrem Sessel wie eine Königin thronend, wird nicht müde, einen Tanz nach dem andern zu verlangen. Sie sagt, es sei für sie ein Genuß wie der, ich weiß nicht welchen Königs, der Opern für sich allein aufführen ließ. Ihre Diener, Leute, die sie mitgebracht hat, lang und steif wie englische Lords, laufen befrackt mit großen Präsentiertellern herum und verteilen Wein an die Tänze- rinnen, die in ihrer Ausgelassenheit ihnen die Backenbärte zupfen und Olivenkerne ins Gesicht werfen. Kann es ehr- barere und fröhlichere Feste geben?" So setzte Don Jos6 dem Matador die Eigenarten Donna Sols auseinander. Vier Tage, nachdem Gallardo sie in der Pfarrkirche zu San Lorenzo gesehen hatte, näherte sich der Verwal�r dem Matador mit einer gewissen Geheiinnistuerei in einem Kaffeehaus der Sierpesstraße. „Bursche, Du bist das reinste Glückskind. Weißt Du, wer mit nsir von Dir gesprochen hat?" Und er näherte seinen Mund dem Ohre des Stierfechters und sagte mit gedämpfter Stimme:„Donna Soll" Sie hatte ihn nach seinem Maestro gefragt und den Wunsch ausgesprochen, er möge ihn ihr vorstellen. Er sei von einem eigenartigen, so ganz spanischen Typus!... „Sie sagte, sie hätte Dich mehrere Male in der Arena gesehen: einmal in Madrid, ein andermal ich weiß nicht wo ... Sie hat Dir Beifall geklatscht und gibt zu, daß Du sehr tapfer bist... Paß auf, ob sie wohl etwas mit Dir im Sinne hat! Welch eine Ehre! Du würdest mit einem Male zum Schwager aller Könige des europäischen Kartenspiels avancieren." Gallardo lächelte bescheiden und schlug die Augen nieder, aber gleichzeitig wiegte er seine schlanke Gestalt hin und her» als ob er die Vermutung seines Verwalters als etwas ganz Selbstverständliches betrachtet hätte. „Aber mach' Dir nur keine Illusionen, Juanito," fuhr dieser fort.„Donna Sol will einen Stierfechter aus der Nähe sehen. Ein Genrebild, weiter nichts. Bringen Sie ihn morgen nach Tablada, hat sie mir gesagt. Du weißt, was das bedeutet: Stiere aus der Züchterei Moraima nieder- werfen; ein Fest, das der Marquis zu Ehren und zur Zer- streuung seiner Nichte veranstaltet. Wir werden hingehen; mich hat er auch eingeladen."— Andern Tages ritten des Nachmittags der Maestro und sein Verwalter durch die Feriavorstadt, unter den erwartungs- vollen Blicken der Bewohner, die zu den Türen eilten und auf den Trottoirs zusammentraten. „Sie gehen nach Tablada," sagten sie,„zur Viehauslese." Der Verwalter, auf einer weißen, knochigen Stute, war auf ländliche Weise gekleidet: Kurze, steife Jacke, Tuchhosen mit gelben Gamaschen und darüber einen ledernen Schait, der die Schenkel bedeckte. Der Matador hatte zu dieser Fest» lichkeit die gewöhnliche kleidsame Tracht der alten Siier- fechter erwählt, aus einer Zeit, da moderne Sitten und Ge- bräuche ihre Kleidung noch nicht der der übrigen Sterblichen gleichgemacht hatten. Seinen Kopf bedeckte ein spitzer Samt- Hut mit gekräuselten Plüschfasern, der durch einen Riemen unter dem Kinn festgehalten wurde. Die kurze Jacke und die Weste waren von weinfarbigem Samt, mit Besätzen und Ver- zierungen von schwarzem Astrachanpelz: der Gürtel von roter Seide, die kurze, enganliegende Hose von dunklem Stoff modelte die muskulösen, schlanken Beine des Stierfechters; sie war mit schwarzen Schnallen an den Knien befestigt. Die beiden Reiter, über der Schulter die lanzenförmige Garrocha aus feinem und widerstandsfähigem Holze, deren Eisenspitze ein kleiner Tuchballen verhüllte, galoppierten durch die volkreiche Vorstadt, und ihr Erscheinen rief überall Beifallsbezeugungen hervor. Es leben die schmucken Burschen I Tie Frauen grüßten mit den Händen. „Gott sei mit Euch, schöner Manul Viel Vergnügen, Herr Juan!" lFortseyutig folflt.Jj lNachdruck Bettoten.) Ss werde Lieht! Ein Maiblatt der Erinnerung zu Leopold JacobyS siebzigstem Geburtstage. Leopold Jacoby, der Dichter der sieghaft aufsteigenden prole- tarischen Zukunftsgläubigleit. hat ein Recht darauf, daß seiner gedacht wird, ivenn die herannahende Maifeier die Herzen und Köpfe der Arbeiter aller Länder sonnig warm macht. Wre Freilia- rath mit der Märzfeier in natürlicher Einheit zuiammengehöN,»o Leopold Jacoby mit der Maiseier. Denn sein Dichten ist eng ver« wachsen mit der Zeit, die aus dem großen lichten Gefühl unwiderstehlich wachsender Macht heraus endlich die Maifeier gebar. Es ist kein Zufall, daß gerade Jacobqs Gedichte in den letzten zwanzig Jahren immer wieder am ersten Mai zur Festweihe lebendig ge- macht wurden. Diesmal aber liegt ein besonderer Anlaß vor, dieses Dichters zu gedenken: wenn er noch lebte, wenn der Tod nicht allzu früh sein mühebeladenes Leben ausgelöscht hätte, so sähe er heute die Maifeier als ein Siebzigjähriger. Der Dank, der dem Lebenden am siebzigsten Geburtstage gewiß wäre, soll aber dem Toten nicht fehlen. Leopold Jacoby war ein Zeuge der bewegten Jahrzehnte, in denen Sozialismus und Darwinismus trotz Gegenwehr und Ver- gewaltigung im deutschen Geistesleben eine Macht wurden. Alter Plunder, Spießerkleinheit, Zielarmut, dos Halbe und ohnmöchng Schwache kleinbürgerlicher Kultur. wurde ausgeklopft und berannt und aufgesprengt. Ein mutiges Wagen reiste, das sich von großen Zielen leiten ließ, und von unten her wuchs dieser Bewegung die größte, entscheidende Kraft zu. Eine Massenbewegung, die um Be» steiung von Druck und Banden der alten angeerbten Autoritären rang, schuf den Boden, aus dem die Generalion von 1890 weiter« kämpfte, und daß die Kampffreude und Siegsicherheit und der schrankenlose Weitflug beglückter Gedanken und Hoffnungen jener Zeit der Pionierarbeit in Leopold Jacobys Schriften am Werke sind, das gibt ihnen nicht geringen geschichtlichen Wert. Die Literatur- geschichtschreibung weiß freilich von diesem Werte noch nichts. So hat sie also eine Ungerechtigkeit mehr aus ihrem dicken Schuldbuch zu tilgen. Die Sünde wiegt um so schwerer, als Jacoby nicht nur ein Denker war, der seine Gegenwan in geistigen Mühen mit« lebte; er war auch ein Dichter, der etwas Eigenes bedeutete, einer, der anders als der große Haufen der abseits tändelnden Poeten mit seiner schönheitsuchenden Kunst enge Fühlung mit den regen Kräften des Lebens seiner Zeit hielt. Aber er ging seinen Weg kühner, als die bürgerlichen Literatnraewaltigen vertragen konnten z er schlug sich„auf der Menschheit linke Seile": nickt bloß zur d a r w i n i st i s ch e n Idee der Eniwickelung. sondern auch zur ozialistischen, und da hat ihn die Acht des Totschweigens getroffen, wie sie seinen Zeitgenoffen Johannes Wedde traf. Aber in der Arbeiterschaft Deutschlands hat Jacobys Name feit den siebziger Jahren lebendig geklungen Der Klang Hub an mit dem Buche: Es werde Lichtl Vom deutsch-französischen Kriege erhoffte nationale Begeisterung, deren Kurzsichtigkeit Schlachten- siege für kulturelle Großtaten hielt, jahrelang die Erlösung der deutschen Dichtkunst aus den Froschtünipeln armsesiger Seichtheit; in die sie nach dem kraftlosen Verhallen des Sturmjahres von 1848 geraten war. Diese Seichtheit der Literatur stellt sich in nicht geringem Grade als Seichtheit deS LesepublikumS dar, das die eckten Dichter, die damals schufen, nicht beachtete. Denn Dichter wie Hebbel und Keller gehören jener trüben Zeit nach 1843 an. Was aber nun Jacoby unmittelbar nach dem Kriege mit der mutig-srohen Dichtung„Es werde Licht" gab, das war allerdings ein Lickiblitz der deutschen Dichtung und wurde auch so von charaktervollen Männern wie dem greisen Hoffmann von Fallersleben empfunden; indes auf heiße bürgerliche Liebe konnte es nicht wohl rechnen, denn frischweg fegte eS mit dem Spottbesen in den Wust der gespreizten aufgedonnerten Seichtheit der herrschenden Spießergewalt hinein. Und mehr noch: mit herber Klage zeigte das Buch das soziale Elend ohne Schleier und mit jauchzendem Gesänge stimmte es die frohe Botschaft von der kommenden sozialistlichen Gesellschaft an. Der Lohn für diese Tat blieb nicht aus: das Spießertum wurde vom biSmärckrschen Regime gerächt. Aber das Sozialistengesetz brandmarkte sich selbst, als 1878 das inzwischen in zweiter Auflage erschienene Buch Jacobys als erstes aus die erste Liste verbotener Schriften gesetzt wurde. Doch das Ge'etz sollte nun einmal den erwachten Trotz der Maffen knicken. Da mußte einem Buche ein Schloß an den Mund gehängt werden, in dem unverblümt zur Moral der Rebellion auf« gereizt wurde: In trüben Tagen Ohne Zagen Aller Welt entgegenschlagen Und just das Allerkeckjte wagen. Der Lüge und der Heuchelei, Der trat ich kühn den Kopf entzwei, Oder ich reiße ihr mindestens munter D»e Maske von dem Geficht herunter. Du willst vertuschen, so will ich aufdecken, Du willst einlullen, ich will wecken. Ist es nicht hoch und hehr und schön und groß, Zu lehren Die da find niedrig und elend und blind und bloß? Ihnen die Augen aufzutun? So woll'n wir darin nicht rasten noch ruh'n. Und steb'n wir auch wie in der Wüste allein, Und ist auch der Ansang noch winzig und klein, Wir dürfen und wollen nicht mutlos sein. Lieber weinend gesät und lachend gemäht, Als feig abwarten, bis beides zu fpät; Und was winzig war. wächst ungeheuer. Aus Funken wird Feuer. Wt den konservativen AutorttätSmächten und ihrem Ber- gangenheitSkultus hatte Jacobys Dichtung nichts, gar nichts gemein. Alles war auf Gegenwart und Zukunft eingestellt. Die neue Ethik der Massen schoß in leuchtenden Strahlen auf: Die Treue gegen Viele. Und dann der Mahnruf, der ein früher Vorklang zum uns nun geläufig gewordenen Worte vom Jahrhundert des Kindes ist:„Und ihr sollt vorwärt« dankbar sein." Als Jacoby die Dichtungen dieses Buches schrieb, hatte er weder Marx noch Lassalle gelesen. Er wollte die soziale Wirklichkeit aus eigener Kraft erkennen, von nichts als seiner Erfahrung, seiner gesunden Logik und seiner Humanität geleitet. Er hatte den Instinkt für das Richtige, wie ihn der Proletarier hat. Auch sein Leben war proletarisch hart gewesen. AuS der Hein- bürgerlichen Gedrücktheit eines jüdischen KantorhauseS in dem hinterpommerscken Fabrikstädtchen Lauenburg stammte er— am 29. April 1840 war er geboren— und unter harten Ent- behrungen, aus karge Stipendien und Selbsthilfe durch Privat« stunden angewiesen, mühte er sich ab, um den Besuch von Gymnasium— in Danzig— und Universität— in Berlin— zu ermöglichen. Als Student der Medizin gab er sich der zeitraubenden und anstrengenden Arbeit der parlamentarischen Berichterstattung hin: er stenographierte von 1862 an die Reden des preußischen Abgeordnetendauses. Dann drängt ein paar Jahre lang das Jntereffe für Nalurwiffenschaften— insbesondere für Zoologie— die Medizin völlig beiseite und er wendet sich ihr erst wieder zu. als der Plan einer wissenschaftlichen Reise nach den Tropen ihn ernsthaft beschäftigt. Der Krieg von 1870 treibt ihn als Arzt zum deutschen Heere und unmittelbar vor dem Einzugstage erlebt er den Eindruck des revo- lutionär erregten Paris, das dem Ereignis der Komnmne entgegen» ging. Er selbst hat gesagt: durch das, waS er in jenen Urlaubstagen gesehen, sei er Sozialift geworden. Aber offene Augen hatte er schon vorher für gesellschaftliche Schwächen und Schäden: das 1869 erschienene erste VerSbuck Jacobys„Weinphantasien" zeugt davon; eS schlägt viele von den kritischen Tönen zuerst an, die dann in„Es werde Licktl" gedanklich und dichterisch weitergereist aber« mals hörbar werden. Das blutig endende Ereignis der Pariser Kommune, die Teil« nähme an den Versammlungen der laffalleonischen Arbeiter« organisatton in Berlin, der wüste Hexensabbat der Gründer» Periode, der Anblick des proletarischen Elends, den ihm die Freund» schafr mit dem Berliner Augenarzte Hermann Joseph verschafft, da» Studium endlich der Werke von Lafsalle und Marx führen Jacoby vorwärts auf der Bahn der sozialistischen Erkenntnis. und nun verdichtet sich sein Glauben und Urteilen und Wollen zu dem sozialphilosophischen Werke Die Idee der Entwich- l u n g, das zuerst 1376 erschien und später, unter dem Sozialisten- gesetz 1887, in Zürich bei Schabelitz abermals gedruckt wurde. Es ist ein glaubensfreudiges Verkünderbuch, aus der Fülle ernst- erworbener Lebensanschauung ununterbrochen strömend. Unzuläng- lich und irreführend ist die Frage: warum? Zur Erkenntnis Hilst nur die Frage: wie? Denn fie zeigt alle? Geschehen in seinen verzweigten Zusammenhängen und führt zu einem Ziele und zu einem Ideale,.und dieses Ziel, welches eine vollendete Schönheit in sich schließt, ist von einer ganz spezifischen Bedeutung, nämlich so geartet, daß es nicht der Emzelmensch, wohl aber erne höhere menschliche Organisation, die organisierte Menschheit, zu erreichen und zu vollführen gezwungen ist". DieS Buch, das als unveränderte Wiedergabe einer stenogra- phisch aufgenommenen Rede des Dichters hohen persönlichen Wert hat, ist ein Dokument der Zeit, in der das sozialistische Denken die letzten großen gesellschaftlichen Aufgaben tatnahe herangerückt fühlte. Das Auge spähte nun aus nach den Menschen, denen die Tat anver- traut war, und im Proletarier stand der Besteier und Erlöser in der Zeit. Jacobys Menschenliebe ist feierlichen GlückeS voll, wenn fie im Arbeiter die Spuren des vorausgeahnten neuen menschlichen Werdens erschaut. Unbewußt bereitet die Wandlung sich vor, plötzlich wird fie bewußte Kraft. Bon dieser Sehnsucht nach edler menschlicher Schönheit, die mit der neuen Zeit kommen wird, ist Jacobys hoch- gestimmte indisch-mythische Dichtung Cunita erfüllt, die im Be- ginn der achtziger Jahre drüben in den Vereinigten Staaten ent- stand, wohin den Dichter die elenden politischen Verhältnisse Deutschlands stieben. Und alles, waS in Leopold Jacobys Denken und Fühlen sonnig war, sstählt abgeklärt golden aus seinem letzten Buche Deutsche Lieder aus Italien, das 1892 erschien als eine Frucht der arbeitsschweren, bis zum körperlichen Zusammenbruch durchkämpften Jahre in Mailand, wo der Dichter sich eine Stellung als akademischer Lehrer der Literatur und deutschen Sprache erobert hatte. Nach dem Schlaganfall, der ihn im Frühjahr 1892 aus dem Wege zur Akademie staf, hat er noch drei Jahre in Zürich gelebt, von Freundesfürsorge umhegt, und dort schloß er am 29. Dezember 189b die Augen: voll stoh ausdauernden Zukunftsalaubens auch in den Jahren, als die Lebenskraft versagte. Das starksreudige Wort des sterbenden Greises aus Eunita paßt auf ihn: Aus der Nacht der Zukunft bricht hell Ein Lichtquell l Ich nun geh in den Tod, Doch auf Erden kommt eine neue Zeit Und die Wende der Not Mit Notwendigkeit! Daß Leopold Jacoby in den achtziger Jahren schnell Fühlung fand zu jüngst-deulschen Literaturrevoluttonären, namentlich zu K a r l Henckell, entsprach nicht etwa nur seiner gesunden Art, die ge- wannen war, wo menschliche Kraft fich frisch für ideale Ziele ein- setzte, hier führte in der Tat der gleiche Kampf zusammen, der Kampf gegen die jämmerliche Epigonendichtung und die hervorbrechende Begeisterung für das sozialistische Ideal. Jacobys Weinphanlafien Von 1869 sind viel mehr, als der Titel vermuten läßt, sind etwas anderes als die damals zeitüblichen Schenkenbücher, wenn'S auch an Trinlfingerei durchaus nicht darin fehlt. Die Form ist mir Köder, um den Philister heranzulocken. Sie find ein Spottbuch wider allen Zeit- trübfinn, und in einem lang ausgesponnenen Gedicht, dem be- deutendsten des Buches, in der deutschen Makame»Das bemooste Haupt", gehen fie mit offenem Visier zu energischem Angriff vor wider den süßlichen, witzlosen Singsang, wider eine Poesie, in der »sich Blödsinn und Ohnmacht die Hände reichen". Das Gedicht preist die von Rückert geliebte orientalische Makame wegen der»Freiheit der Form": Denn die Freiheit der Form ist ihre Stärke Und damit vollbringt fie Wunderwerke. So hat also die Makame bei Jacoby, der fie später in Es werde Licht I und in Cunita frei verwendet hat, nicht den Sinn einer äußer- lichen Formliebhaberei, sie kehrt sich mit geradezu rebellischer Abficht gegen die leere Formdichterei des Epigonentums. Auch in dem Werke»Idee der Entwicklung" kam Jacoby auf den Verfall von Kunst und Literatur zu sprechen. In der zweiten Auflage des Werkes, zwölf Jahre später— 1887—, verschärfte er sein Wort:»eine ideenlose Niedlichkeitspoesie mit dem charakteristischen Wahlspruch: Politik verdirbt den Charakter l feien heute ihre Triumphe". Dem aber fügte er die Bemerkung bei:»Doch bereits ist eine jüngere Dichtergeneration ausgestiegen, welche aus innerem Sturm und Drang heraus den Kampf gegen die Mode, gegen den glänzenden Moder, aufzunehmen beginnt. Ein tiefer Zug dichterischen Fllhlens hat die begabtesten und besten aus der Schar instinktiv in die Richtung zu dem Ziele geleitet, in welchem gegen- wärtig allein und sters deutlicher erkennbar ein Ideal durchleuchtet." Er meinte den Sozialismus. Wie viel Glück muß ihm in jener von höchsten Hoffnungen ge- spannten Zeit zugeströmt sein aus der Erkenntnis: wie sehr neue und immer neue Kräfte dem Sozialismus zum Besten dienten I Seine Sehnsucht hat einen Spruch geschrieben und dem Werdegeist in den Mund gelegt. Der ruft ihn der Elektrizität über die Gegenwart hin- weg zu, aber mahnen soll er alle Kräfte, die das Leben unserer Zeiten gestalten, auch die Kräfte de» Menschen selbst: Dies soll dein Wahrspruch sein: Machtvoll, still und rein Sollst du dem Mensch er Dienste weih'» Und ihn vom Arbeitsfluch befrei'nl _ Franz D i e d e r i ch. Der Sinfluß der Kultur auf die Yogelwelt, Die Tierwelt unserer Erde ist in ihrer Zusammensetzung und ihrem Vorkommen einer steten Veränderung unterworfen, die nicht zum wenigsten durch den Menschen hervorgerufen wird. Der Ein. fluß des Menschen auf die ihn umgebende Tierwelt macht sich schon in sehr alten Zeiten bemerkbar. Bereits der Steinzeitmensch ver. machst es trotz seiner primitiven Waffen, Steinbeil und Lanze. weil zur Ausrottung der größeren Tiere wie Mammut, Riesen- Hirsch, Höhlenbär, die ihm willkommene und lohnende Jagdobjekte waren, beizutragen. Der Einfluß des Menschen auf die leicht- beschwingst Welt der Vögel macht sich erst viel später bemerkbar. Erst als aus den nomadisierenden Jägerbölkern setzhafte Ackerbauer wurden, als später Landmann und Mönch begannen, weite Strecken Urwaldes niederzulegen, um Land zum Anbau des Brotkornes zu gewinnen, werden Veränderungen wahrnehmbar. Die Vögel des Waldes wurden zurückgedrängt resp. vermindert, und Vögel der Steppe, Rebhuhn, Wachtel, Trappe, Lerchen und Ammern bevölker- ten, aus Südosten eindringend, die zu Feldern(künstlichen Steppen) umgewandelten Waldgebiete. Große Veränderungen brachte tmS letzte Jahrhundert der Vogelwelt. Die Reste des Urwaldes, der ehedem von den Alpen bis zur Nord- und Ostsee ganz Mittel, und Westeuropa bedeckte, unsere jetzigen Waldbestände, werden nach ganz bestimmten, nur das Interesse des Besitzers wahrenden Ge. sichtspunkten bewirtschaftet. Auf dem Felde sucht die rationelle Landwirtschaft jeden Fußbreit Acker auszunutzen und duldet keine Brachäcker mehr, die den Feldvögeln ungestörte Brutplätze bieten könnten. Gebüsche und Hecken werden als lästig ausgerodet, und sogar die ländlichen Anwesen werden statt mit lebendem Buschwerk mit Drahtzäunen umgeben, wodurch den Vögeln natürlich die sicheren Brutplätze genommen" werden. Hierzu kommt das fort- währende Pflügen, Hacken, Mähen und Bearbeiten des Ackers, das unzählige Vogelbruten vernichtet. Alle diese und viele andere llm- stände vereinen fich zu einem ernsten, das Dasein der Vögel arg gefährdenden Faktor. Die durch die menschliche Kultur erzeugten Veränderungen in der Vogelwelt erfolgen demnach in mehr indirekstr Weise. Direkt schädigend, vielleicht durch Jagd, kann der Mensch nur auf den Be- stand weniger Vogelarten wirken, da ja den Vögeln von der Natur die Gabe des Fluges als treffliches Mittel zur Behauptung ihrer Existenz verliehen worden ist. Meist nur solche Vögel, denen das Flugvermögen fehlt, find der Jagdlust des Menschen zum Opfer ge- fallen. Zwei Beispiele, wenn auch nicht aus der heimischen Bogel« weit, zeigen uns das deutlich. Ilm den 60. Grad nördl. Breite, an den Küsten von Labrador, Grönland, Norwegen und auf und um Island lebte vor hundert Jahren der Riesenalk(�Ico impennis), auch Brillenali genannt. Das Leben dieses Vogels war dem Wasser angepaßt, seine Flugorgane verkümmert. Das Fleisch des Riesenalken war wegen seines reichen Fettgehaltes sehr begehrt, und weil dazu die Jagd auf diesen Vogel durch seine unbeholfene Organisation sehr leicht war, wurde ihm von den Bewohnern jener nördlichen Breiten eifrig nachgestellt. Der Alk wurde an den Küsten und Inseln aufgesucht und erschlagen. Durch diese sinnlose Raubjagd wurde der Riesenalk gänzlich ausgerottet. Die letzten zwei wurden von einer Jagdgesellschaft im Jahre 1844 auf der Felsen- insel Eldey bei Kap Reikjanes erlegt. Das zweite Beispiel bietet der Kiwi(Apteryx) von Neuseeland. Auch dieser Vogel befitzt rudimentäre Flugwerkzeuge, die fast nur am Skelett erkennbar sind. Ihm wird eifrig von den Eingeborenen und noch eifriger von den Weißen nachgestellt, so daß er, zumal der Kiwi sonst nir- gends vorkommt, beinahe ausgerottet ist. Ein Beispiel für die Verminderung einer Vogelart durch die Kultur bietet uns unser Storch. Früher beherbergte jedes Dorf Norddeutschlands eine ganze Anzahl Storchpaare. Aber seit die Dächer der Dorfhäuser und Scheunen statt mit Stroh und Schilf mit Ziegel und Schiefer gedeckt werden, vermindert sich ihre Zahl auffällig. Auch die Tele�raphenleit. ingen scheinen Meister Lang- dein nicht zu behagen. So zieht sich denn der Storch mehr und mehr in abgelegene, weniger kultivierte Gegenden zurück. DaS wäre aus ästhetischen Gründen sehr zu bedauern! Unsere Wälder und Gärten beherbergten ehedem ein über. reiches Vogellcben. Aus jeder Hecke, aus jedem Baum schallten im Frühling die Weisen unserer gefiederten Sänger. Aus den Vogelheerden der alten Vogelsteller wurden Tausende von Vögeln für Küchenzwecke gefangen. Jetzt ist das anders geworden. In manchen Gegenden Deutschlands kann man schon eine Stunde lang wandern und wird höchstens einige Lerchen, Buchfinken oder ein paar Sperlinge finden. Auch die größeren Vögel, Raubvögel, Waffervögel werden immer seltener. Der Grund hierfür ist aber nicht in Fang und Jagd zu suchen, wie bielfach angenommen wird. Auch nicht die wenigen Vögel, die für die Stubenvogelliebhaberei gefangen werden(meist Männchen, die fast stets im Verhältnis zu den Weibchen in der Ueberzahl vorhanden sind), haben schuld am Rückgange des Vogelbestandes. Die Hauptschuld trägt einzig und ollein die Kulturl Durch die Umwandlung urwüchsigen Natur» lande? in Nutzland für den Menschen werden vielen Vögeln die Lebensbedingungen genommen. Im Walde werden hohle und alte morsche Bäume meistens nicht geduldet, und so den Höhlenbrütern Spechten, Meisen, Staren, Rotschwänzen die Nistgelegenheiten ge- nommen. Das Unterholz wird ausgerodet und hierdurch Drosseln, Grasmücken, Rotkehlchen erstens die Möglichkeit zum Nestbau und zweitens die Nahrung geraubt, denn die auf dem Buschwerk leben- den Insekten, die den Vögeln zur Nahrung dienen, verschwinden natürlich auch. Dazu wird überall übermäßig Holzschlag betrieben. Ein solch„durchforsteter" Kiefernwald, wie der technische Ausdruck hierfür lautet, macht oftmals einen öden Eindruck und ist nichts weiter als ein Platz zum Anbau von Nutz- und Brennholz. Durch die Einförmigkeit des Baumbestandes werden dann vielfach die Baumschadlinge aus dem Jnsektenreiche herbeigelockt(Kiefern- schwärmer, Kiefernspinner) und beginnen ihr vernichtendes Werk. In derartig durchsichtigen Waldbeständen können sich auffällig« Vögel nicht mehr halten. Da verschwindet die Waldschnepfe; die Nester des Fischreihers werden nicht mehr bezogen; der Schwarze Storch, ein Verwandter unseres Hausstorches, ver» chwindet spurlos. Auch die Raubvögel, von denen viele gar nicht so schädlich find, und die den Waldgänger im Frühling durch ihre schönen Flugspiele erfrauen, ziehen sich weiter zurück. Der Kolkrabe, Deutschlands größte Rabenart, ist schon für die meisten Gegenden unserer Heimat eine Seltenheit. Der Uhu, die größte Eule, fast gar nicht mehr vorhanden. Bon den Adlern sind noch der Fisch, und Schreiadler einigermaßen bei uns verbreitet, ober auch schon recht rar, während Seeadler, Schlangenadler. Stein. adler nur noch in abgelegenen, ausgedehnten Forsten in einigen Paaren horsten. Den schaurig-schönen Anblick, auf der Havel einen Seeadler im Kampfe mit einem Schwane zu sehen, was vor fünfzig Jahren dort noch beobachtet wurde, kann heute niemand mehr haben. Unsere Baumgärten und Parks, die ja eigentlich nur modifi. zierte Wälder darstellen, und die infolge ihres verschiedenartigen Baum- und Strauchbestandes eine Heimstätte für die Kleinvogel- weit find, leiden häufig auch schon an auffallender Vogelarmut. Ich will nur von der Nachtigall, der Sangerkönigin, sprechen. Die Nachtigall war nach den Berichten und Aussagen früherer Beobachter in deft Anlagen der Großstädte ungemein häufig. Jetzt mehren sich die Klagen über ihre Abnahme mehr und mehr. Je mehr die Parks den Charakter der Urwüchsigkeit verlieren, je mehr sie stilisiert werden, desto weniger behagen sie Philomelen. Hierzu kommt, daß in den Anlagen das welke Laub peinlich sauber fort- geharkt wird. Die Nachtigall ist aber ein Bodenbrüter und setzt ihr Nest vorzugsweise in das alte Laub. Ich habe sie deshalb auch mehr auf den alten Kirchhöfen Berlins angetroffen, wo der mit Efeu überwucherte Erdboden günstigere Nistplätze bietet als direkt in den Anlagen der Stadt. Der vordringenden Kultur muß auch die Vogelwelt der Sümpfe und Brüche langsam weichen. Durch ein System von Gräben werden diese feuchten Gebiete langsam entwässert und reguliert, und aus der einstigen„Erlköniglandschaft" wird Weide- und Wiesenland. Mit der Poesie der Bruchlandschaft schwinden auch ihre gefiederten Bewohner, Rohrdommeln, wilde Schwäne, Gänse, seltene Entenarten, Säger. Rohr» Hühner, Kraniche, dahin, und einige Arten Wiesenvögel, Bachstelzen. Schmätzer, Pieper, treten an die Stell« des einstigen reichen Vogel- lebens. Als direkt schädigend für die Vogelwelt sind von menschlichen Kultureinrichtungen zu nennen die Telegraphendrähte und die Leuchttürme. Die Luftdrähte sind für den Vogel unver- mutete Hindernisse beim Fliegen, und groß ist die Zahl der Vögel. die durch Anfliegen an die Drähte zugrunde gehen. Gegen die Scheiben der Leuchttürme fliegen nachts Tausende von Zugvöge n, geblendet und angezogen vom grellen Licht, und stürzen tot zu Boden oder ins Meer. So ist also die Kultur eine Feindin der meisten Vogelarten. ES gibt aber auch Vögel, denen geradezu durch die menschlichen Einrichtungen günstige Lebensbedingungen geschaffen werden; ferner solche, die sich den veränderten Verhältnissen an» z u p a s s e n suchen. Vor allem Monsieur Sperling. UebSrall findet oieser kosmopolitische Vogel ein Plätzchen zur Unterbringung eine? Nestes. Jeder Mauerspalt ist ihm recht. Von den Star- kästen nimmt er mit genialer Frechheit Besitz. Auf dem Felde nistet er in der Tasche oder in dem Hute der Vogelscheuche. In Indien im hohlen Bambusrohr. In der Berliner Anlagen stehen die Sperlingsnester frei auf den Zweigen der Bäume.— Eng an- tescklossen hat sich die Schwarzdrossel dem Menschen. Diese Zrossel war früher ein scheuer Waldvogel, hat aber in neuerer Zeit foviel Gefallen an unseren Gärten und Anlagen gefunden, daß sie letztere dem Waldaufenthalte vorzieht und sich stark ver» mehrt. Wenn aucb der Schwarzdrossel viel Uebles nachgesagt wird — sie soll die Jungen anderer Vögel aus dem Neste rauben und töten— so muß doch ihr Heimischwerden in den Städten be; rüßt Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.= Druck u. Verlag: i werden, denn der schöne, flötende, getragene Gesang dieser Drossel vermag fast den Gesang der Nachtigall, die ja doch immer mehr verschwindet, zu ersetzen.— Einem Vogel belogt das steinerne Häusermeer der Großstadt prächtig, unserem Mauersegler. Früher nistete dieser schnellste unter den Fliegern in Felsenritzen im Gebige. Aber seitdem der Mensch seine Wohnungen aus Stein errichtet, hat sich der Segler ihm angeschlossen. Neuere Forschungen haben gezeigt, daß die Vögel in ihrem Nutzen im allgemeinen als indifferent zu bezeichnen sind, daß also Nutzen und Schaden einander ausgleichen; denn infcktenfressende Vögel verzehren auch nützliche Insekten wie Raupenfliegen, Schlupfwespen, Hanfkäfer, Regenwürmer in Menge. Aber gerade darin, daß die Vögel weder einseitig nützen noch schaden, liegt ihr ausgleichendes Wirken, ihr Nutzen für die Natur, und das Ver- schwinden der Vögel würde sich bald bitter rächen. Darum ist es neben ästhetischen auch aus praktischen Gründen von größter Wich- tigkeit, durch Schaffung von Nistgelegenheiten und Erhaltung von Wildland inmitten des Kulturlandes die Vogelwelt zu erhalten und zu fördern.__ Max Galling. Kleines f eullleton. Technisches. Wissenschaftliches von der Wäscherei. Die chemische Reinigung hat sich eine wichtige und berechtigte Stellung unter den Gewerben errungen, dagegen sieht eS keine Hausfrau gern, wenn eine chemische Behandlung auch aus die gewöhnliche Wäsche übergreift. Die Klagen über Löcher im Leinenzeug und anderen Geweben, die durch eine bequeme oder rücksichtslose Behandlung in der Wäscherei entstanden sein sollen, sind an der Tagesordnung. ES darf aber nicht übersehen werden, daß gewisse Bleichmittel ohne Schaden angewandt werden können, wenn nur die nötige Vorsicht beobachtet wird. Wenn trotz- dem Gewebe beim Waschen zu Schaden kommen, so liegt das in vielen Fällen an deren minderweniger Beschaffenheit. Um billige Gewebe von ansehnlichem Aeußern herzustellen, wird leider häufig eine Belastung mit mineralischen oder anderen nicht hineingehörigen Stoffen vorgenommen, die gleichsam das Skelett für ein schwaches Material abgeben. Wenn nun dies„Skelett" durch eine bloße Behandlung mit Wasser und Seife angegriffen wird, so verliert da» Gewebe gleichsam seine „Knochen", und die Folge ist eine schnell« Zersetzung des Ganzen. Als ein neues Mittel, das ohne Schaden auf Grund wissen» schaftlicher Untersuchungen die Wäscherei iu wirksamer Weise unter» stützen kann, wird jetzt im„Lancet" eine sogenannte Malzdia st ase empfohlen. Sie lost die Stärke in unsauberem gestärkten Leinen» zeug auf, bevor es gewaschen wird. Da« ist von großem Vorteil, und daS Mittel hat keine der bedenklichen Eigenschaften, die an Soda. Chlorkalk oder Borax zu fürchten find. Die Diastase ist ein Körper, der zu den weit verbreiteten und für den Haus- halt der Natur äußerst wichtigen Enzynien gehört und hauptsächlich auS Gerstenmalz durch Behandlung mit Alkohol gewonnen wird. Eine der wesentlichsten Eigenschaften der Diastase besteht nun eben in der Fähigkeit, die Stärke aus einem unlöslichen Zustand in einen löslichen zu verwandeln, indem zunächst Dextrin und dann Malzzucker entsteht. Diese Wirkung der Diastase ist so stark, daß sie die fünfzig- tausendfache Menge von Stärkemehl zu verwandeln vermag, und zwar mit großer Schnelligkeit. Man kann sich leicht vorstellen, wie günstig die Benutzung dieses Stoffe» bei der Wäscherei sein muß. Wegen der schnellen Verwandlung der w der Wäsche enthaltenen Stärke in eine lösliche Form kann dies» leicht auS dem Gewebe aus- gewaschen werden und damit wird da« Leinen einer wirksamen Be- Handlung mit Wasser und Seife zugänglich. Der Tonograph. Der„Tonograph"(Tonschreiber)— nicht zu verwechseln mit„Phonograph"(Stimmenschreiber)— ist ein von dem amerikanischen Arzte H o l b r o o k erfundener Apparat zur sichtbaren Veranschaulichung von Tönen und Lauten: Eine Art Trompete von stattlichem Durchmesser geht unten in einer Biegung schalltrichterartig aufwärts. In diesen Trichter ist eine Gummi. Membran so montiert, daß sie beim Ansetzen des Mundes an das Instrument wagrecht liegt. Um nun die Ver- schiedenheit der Töne, Stimmen usw. zu veranschaulichen, bepulvert man die Membran mit einem feinen Gemisch aus Kochsalz und Schmirgel. Beim Hineinfingen,-sprechen usw. in den Apparat gerät da? Pulver in Schwingungen, und eS werden(wie bei den bekannten Chladnifchen Klangfiguren. wo der G'e igenbogen an eine Metall- oder Glasplatte streicht und die Schwingungen auslöst) Figuren erzeugt, und zwar je nach Höhe oder Tiefe des sie hervorrufenden Tones verschieden und einem bestimmten Tone je eine bestimmte Tonfigur auf der Membran entsprechend! ES ist leicht einzusehen, daß der Tonograph für Gesangslehrer und-schüler von außerordent- licher Bedeutung ist, da man ja mit Hilfe de» Apparats beut» l i ch sichtbar veranschaulichen kann, ob noch Schwankungen, Unreinheiten. Schwächen zu verzeichnen sind; denn erst bei ganz tadellosem Stimmansatz zeigen sich auf der Membran klare, saubere und regelmäßige Klangfiguren von teilweis geradezu prächtiger Liniatur und wundervoll harmonischer Bildung.__ Borwnrl» Buchtruckerei u.)UeiUti*aniiaU)siaul Singet&