Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 85. Dienstag den 3. Mai 1910 (Nachdruck oerdotca.) 231 Die Hrena« Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Die Gewandtheit, mit der der Stierzüchter das Wagnis ausführte, rief hinter den Palisaden einen Beifallssturm hervor. Die Alten hochl Niemand wußte mit den Stieren umzugehen, wie der Marquis. Er behandelte sie, wie wenn es sich um seine eigenen Kinder gehandelt hätte, er begleitete sie von ihrer Geburt an bis zu ihrem letzten Gang, als wären sie Helden, die das beste Los verdienten. Verschiedene andere Reiter wollten heransprengen und sich den Beifall der Menge erobern, aber de Maroima erhob Einspruch dagegen und gab seiner Nichte den Vorzug. Da sie ja doch gesonnen war, ein Wagestück auszuführen, so sei es besser, sie sofort ans Werk gehen zu lassen, bevor die Tiere durch die fortwährenden Verfolgungen wilder würden. Donna Sol spornte ihr Pferd, das durch die Gegenwart der Stiere beängstigt sich in einem fort bäumte. Der Mar- quis wünschte sie auf ihrem Ritt zu begleiten, sie schlug es aber aus und zog Gallardo, weil er ein Stierfechter war, vor. Wo aber steckte Gallardo? Der Matador, über seine Unbeholfenheit immer noch beschämt, begab sich an die Seite der Dame, ohne ein Wort zu sagen. Beide sprengten im Galopp an die dichte Schar der Stiere heran. Das Pferd der Reiterin hob sich zu wieder- holten Malen aus die Hinterfüße, den Leib fast senkrecht aufgerichtet, aber die geschickte Amazone zwang es immer wieder, weiter vorzurücken. Gallardo schwenkte seine Lanze und stieß Schreie aus, die ein wirkliches Stiergebrllll waren, wie er es in der Arena tat, wenn er die Tiere zum Angriff reizen wollte. Er brauchte keine großen Anstrengungen zu machen, damit ein Tier sich von den übrigen absonderte. Es war von weißer Farbe mit zimmtbraunen Flecken, riesigem, herabhängendem Hals und auf das feinste zuge- spitzten Hörnern. ES trabte dem Hintergrunde der Ein- friedigung zu, als ob ein gewisses Etwas unwiderstehlich dorthin gezogen hätte. Donna Sol galoppierte hinter ihm drein, gefolgt vom Matador. „Aufgepaßt, Sennoral" schrie Gallardo.„Es ist ein alter Stier, mit dem ist nicht zu spaßen!... Haben Sie Acht, daß er nicht umkehrt." Richtig so kam es. Als Donna Sol dasselbe Kunststück wie ihr Onkel ausführen wollte, und das Pferd auf die Seite lenkte, um die Lanze in die Schwanzwurzel der Bestie zu bohren, machte der Stier, die Gefahr witternd, plötzlich Kehrt und stellte sich drohend seinen Verfolgern. Das Pferd flog vor dem Stiere vorbei, ohne daß Donna Sol es in seiner Geschwindikeit aufhalten konnte, und die verfolgte Bestie, die nun die Rolle des Verfolgers übernahm, hinter ihm drein. Die Dame dachte nicht daran zu fliehen. Viele Tau- sende von Zuschauern folgten ihr mit den Blicken; sie fürchtete den Spott der Freundinnen und das Mitleid der Männer, hielt den Lauf ihres Pferdes an und bot dem Stier die Stirn. Die Lanze im Arm, wie ein Picador, hielt sie fest stand, und bohrte sie in den Hals des Tieres, das brüllend mit gesenkten Hörnern herankam. Ein Strom hervorquellen- den Blutes rötete den riesigen Bug des Ungetüms, das in seiner zunehmenden Versolgungswut nicht fühlte, daß die Wunde immer größer wurde, bis es schließlich die Hörner dem Pferde von unten in den Leib stieß, es schüttelte und sein ganzes Gewicht vom Boden aufhob. Die Reiterin wurde vom Pferde geworfen, und ein gellender Schrei der Erregung aus der Brust vieler Hunderte ertönte von kern. Das von den Hörnern freigewordene Pferd sprang mit blutbefleckter Brust und zerrissenem Bauchriemen wie toll umher, den losgeschnallten Sattel auf seinem Rücken hin- und herwerfend. Der Stier machte sich daran, es weiter zu verfolgen, aber etwas anderes erregte in nächster Nähe seine Aufmerk- samkeit. Es war Donna Sol, die, stat. unbeweglich am Boden liegen zu bleiben, sich soeben wieder ausgerichtet hatte, ihr« Lanze aufhob und mutig wieder unter den Arm nahm, um die Bestie aufs Neue herauszufordern: ein wahnsinniges Bs- ginnen, mit Rücksicht auf die Zuschauer, ein tödlicher Zwei- kämpf, unternommen, um der Lächerlichkeit zu entgehen. Kein Ausruf wurde mehr hinter der Einzäunung ver- nommen. Die Menge verhielt sich regungslos, in schrecklichem Schweigen. Alle Reiter sprengten in gestrecktem Galopp heran, aber die Hilfe schien zu spät zu kommen. Der Stier scharrte mit den Vorderfüßen den Boden und senkte den Kopf, um die kühne, kleine Gestalt, die ihn mit der Lanz« bedrohte, anzugreifen. Ein einfacher Hornstoß, und sie war weggefegt. In demselben Augenblick jedoch lenkte ein wildes Ge- brüll die Aufmerksamkeit des Stieres ab und ein roter Gegenstand glitt vor seinen Blick vorüber wie eine Feuer» flamme. Es war Gallardo, der von seinem Pferd gesprungen war. die Lanze weggeworfen und die kurze Jacke, die auf dem Sattelknopf lag, ergriffen hatte. „Heran... Nur heran!" Der Stier drang vor und sprang nach dem roten Lappen, von diesem seiner würdigen Gegner angezogen, indem er von der Gestalt im schwarzen Reitkleid abließ, die im Anblick der Gefahr regungslos, die Lanze unterm Arm, immer noch dastand. „Fürchten Sie nichts, Donna Sol; jetzt hat er es mit mir zu tun," schrie der Stierfechter noch bleich vor Erregung, aber lächelnd im Vertrauen auf seine Gewandheit. Mit der Jacke als einzigem Kampfmittel hielt er den Stier in Schach und entfernte ihn von der Dame, wobei er seinen wütenden Anfällen durch graziöse Seitensprünge ent» ging. Die Zuschauer vergaßen den empfundenen Schrecken und fingen an, stürmischen Beifall zu zollen. Was sie für ein Glück hatten! Sie waren zu einem einfachen Treiben her- gekommen und fanden ein förmliches Stiergefecht vor; sie sahen obendrein umsonst den Gallardo auftreten. Der Matador, angefeuert von der Wucht des vorwärts- stürmenden Tieres, vergaß Donna Sol und und die übrigen. Wütend sprang der Stier von einer Seite zu andern, als er sah, wie sein Gegner unverwundet seinen Hörnern ent- schlüpfte, und er stürzte immer von neuem auf ihn los, um immer wieder nur die flatternde rote Jacke zu treffen. Endlich überkam ihn Müdigkeit, und mit schäum- bedecktem Maul, gesenktem Nacken und zitternden Beinen stand er unbeweglich da. Gallardo benutzte diesen Augenblick, wo das Tier erschöpft und überwältigt war, nahm seinen Hut ab und schmückte damit den Kopf des Stieres. Ein un- geheurer Ausbruch hinter der Einzäunung belohnte dieses Bravourstück. Hinter dem Rücken Gallardos ertönten Zurufe, läuteten die Kuhglocken der zahmen Stiere, die, von den Aufsehern geführt, die Bestie von allen Seiten umringten, um sie schließ- lich langsam mit sich fortzuziehen. Gallardo suchte sein Pferd wieder auf, das, an die Nähe der Stiere gewöhnt, sich nicht von der Stelle gerührt hatte. Er hob seine Lanze auf, schwang sich in den Sattel und ritt in leichtem Trab nach der Einfriedigung. Sein langsames Vorrücken verlängerte den lauten Beifall der Menge. Die Reiter, die Donna Sol zurückgeführt hatten, zollten dem Matador ihre lebhafte Bewunderung. Der Verwalter zwinkerte ihm mit den Augen zu und sagte ihm im geheimen: „Junge, Du bist nicht faul gewesen. Famos, ausge- zeichnet! Ich sage Dir, Du hast sie erobert." Außerhalb der Palisaden, in einem Landauer der Töchter des Marquis befand sich Donna Sol. Ihre Cousinen um- gaben sie mit angswollen Blicken und befühlten sie, um die durch den Sturz möglicherweise entstandenen Verletzungen aufzufinden. Sie reichten ihr mit Manzanillawein gefüllte Gläser, um ihr den Schrecken auszutreiben, und sie nahm lächelnd, mit einem Ausdruck der Ueberlegenheit, diese Aeußerungcn weiblicher Gefühle entgegen. Beim Anblick Gallardos, der zu Pferde die Reihen der Huteschwenkenden Menge durchbrach, nahm die Heiterkeit ihres Gesichtsausdrucks zu. „Kommt nur heran, wackerer Kämpfer, wacker wie der Cid. und reicht mir Eure Hand." Und wiederum schütelten sie sich die Hände, mit einein Druck, der lange anhielt. In der Wohnung des Matadors wurde, als die Nacht kam. nur über diesen Vorfall gesprochen. Die Sennora An- gustias zeigte sich befriedigt, wie nach einem großen Stier- gefecht. Ihr Sohn der Retter einer jener Damen, zu denen fie, durch lange Dienstjahre an Unterwürfigkeit gewöhnt, mit Bewunderung aufblickte!... Carmen, die nicht wußte, was sie von der Sache denken sollte, hüllte sich in Schweigen. Einige Tage vergingen, ohne daß Gallardo Neues von Donna Sol zu hören bekam. Der Verwalter war von der Stadt ab- wesend, er befand sich mit Bekannten ans dem Fünfundvierziger Klub auf einem Jagdausflug. Eines Abends suchte ihn Don Jos6 in einem Kaffeehaus der Sierpesstraße, das ein Sammelplatz von Aficionados war. Er war zwei Stun- den vorher von der Jagd zurückgekehrt und hatte zu Hause ein gewisses Schriftstück vorgefunden, auf das hin er sich un- verzüglich zu Donna Sol zu begeben hatte. „Mein Gott, Mensch, Du bist ungeschlachter als ein Bär!" sagte der Verwalter, den Matador auf die Straße hinaus- schiebend.„Sie hat Deinen Besuch erwartet und ist alle Nachmittage zu Haufe geblieben. So etwas tut man nicht. Nachdem Du ihr vorgestellt worden bist und nach allem Vor- gefallenen bist Du ihr einen Besuch schuldig, wäre es auch nur, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen." Der Matador blieb stehen und kratzte sich den Kopf. „Ich..." murmelte er unentschlossen,„ich... ich� schäme mich. Jetzt Hab' ich's heraus. Jawohl, ich schäme mich. Sie wissen, Don Jos6, daß ich sonst kein Tropf bin und die Weiber zu behandeln weiß. Aber mit dieser da hat es seine Bewandtnis. Die ist mir zu gescheidt, und wenn ich sie sehe, muß ich mir sagen, daß ich ein Esel bin. und stehe da und halte mein Maul, und wenn ich es auftue, kommt nichts als dumnies Zeug heraus. Ne. daraus wird nichts. Don Jos6... Ich gehe nicht hin, ich kann nicht." Der Verwalter verzweifelte trotzdem nicht, ihn schließlich überzeugen zu können und brachte ihn in die Nähe der Woh- nung von Donna Sol, indem er ihm seine neuliche Unter- redung mit ihr erzählte. Sie fühlte sich durch die Unter- lassung Gallardos etwas beleidigt. Die beste Gesellschaft von Sevilla war nach dem Unfall von Tablada bei ihr gewesen, tun sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, nur er nicht. „Du weißt, daß ein Stierfechter mit Leuten von Stand auf gutem Fuße stehen soll. Man muß Formen haben und beweisen können, daß man kein Hungerleider von der Straße ist. Eine so hochstehende Frau, die Dich auszeichnet und Dich erwartet!... Na komm, ich begleite Dich." „Ach, wenn Sie mitkommen!.. sagte Gallardo auf- atmend, als ob er von einer großen Angst befreit worden wäre. lFortsetzung folgt.) ItaUemtcKe Briefe. Verona. Mit dem immer heißer werdenden Frühling zogen in den Dörfern am Gardasee die Kesselflicker und M« Korbfkchter ein. Als ich Abschied nahm von den Dörfern, hockten in Bordes mo die dunkeln Gestalten der fahrenden Handwerker um Feuergruben, die sie mitten in der Straße gegraben hatten und verzinnten den Bor- dolinern ihr über den Winter schadhaft gewordenes KupferF-räte'. oder sie flochten in alte hochbeinige Stühle neue Sitze aus grün- gefärbten Bensen. Der„signore tedesco"(der„deutsche Herr") war in den drei Wochen heimisch geworden und bekam aus mehr als einem Fenster noch einen letzten Gruß aus schwarzen Augen. Bei dem freundlichen Apotheker, der zur Erhöhung seiner Ein- nahmen einen feingebrauten Mocca mit kleinen Leckerbissen ver- kauft und dazu seine Kunden über das Neueste aus der Welt unter- richtet, trank ich den letzten schwarzen Kaffee, nicht ohne zahllose „cowplimenti" und gute Wünsche aus den Weg zu bekommen. An dem kleinen Bahnhof stand Andrea, der Hausknecht, ein biederer Toscaner, mit dem ich oft ganze Nachmittage in einer alten Carozza längs der wundervollen Gestade gefahren war zu ganzen fünfzig Centissimi die Stunde. Jetzt brachte«r mir meinen Koffm: und machte ein trauriges Gericht dazu und ich machte auch eins. Und als ich, der einzige Passagier, in dos Bähnchen einstieg, das von Garda nach Verona fährt, da schüttelt« ein altes dickes Weiblein mit pfirsichroten Wangen bedenklich das Haupt über so einen ver- wegenen Weltreijenden, wie ich einer war. Vor emhuuderldmßig Jahren kanuie Goethe schreiben: �Fch fühle wohl die Verwegenheit, unvorbereitet und unbegleiket in dieses Land zu gehen.... Aber wenn sie mich auf JxionS Rad nach Rom schleppen, so will ich mich nicht beklagen." Heute wird man nicht auf Jxions Rad geschleppt, sondern fährt außerordentlich bequem auf besseren und rascheren Räd«ru, und ich hatte gar keine Sehnsucht danach, den Weg vom Gardasee nach Verona so zu machen, wie dazumal der große Jtalienreisende aus W«imar. Er lud in Bardonino sein.Gepäck auf ein Maultier und sich selbst auf ein anderes" und ritt über den kolossalen Kiesel- dämm, der die Etsch von dem See scheidet und den jetzt das Bahn- chen einfach in einer Schleife umgÄht, um von dem Kamm des großen Moränenhügels herab endlich zum ersten Male das gelobte und geliebte Land zu sehen. Es findet sich in der„Italienischen Reise" über diesen eisten Eindruck folgend« Tagebuchnotiz:„Nun aber kam die Herrlichkeit der neuen Gegend, die man beim Herab- steigen übersteht, durch Worte nicht ausgedrückt werden:«s ist ein Garten meilenlang und breit, der am Fuße hoher Gebirge und schroffer Felsen ganz flach in der größten Reinlichkeit daliegt." Ja, ein Garten meilenlang und breit! Als ich in kaum zwei Stunden den W«g durchfuhr, zu dem Goethe acht Stunden brauchte, glühten die schroffen Felsenwände rot nnd gelb in der Sonne. Blau« Wolkenschatten eilten über die grünen Hügel, von denen helle Dörfer mit schlanken weißen Glockentürmen herabgrüßteu. und überall lag ein Glanz von Fruchtbarkeit, Größe und Anmut über der Erde, als ob dieses Stück Land bei der Verwünschung d«s Paradieses vergessen worden wäre. Langsam sank der Abend herab, als der kleine Zug fich Verona näherte. Ein purpurner Goldstaub durchflimmerte die Luft, so daß die alte, an den Hügelketten der Etsch hinaufgebaute Skaligerftadt aussah wi« ein Bild aus einem verzauberten Reich; aus Perlen schienen seine Häuser und Paläste gebaut und wie grüne schmale Flammen loderten die Zupressen des Giardino(Garten) Giusti gegen den verblassenden Himmel; die Festungsmauern liefen wie eine schwere wuchtige Fassung eines reichen Juwelenstücks um diu ganz« Stadt und das alte Kastell St�Pietro flammte wie ein düsterer Edelstein in diesem Riesengeschmeide. Hinter der Stadt erhoben fich die Berge des Etschtals mit ihren grandiosen Linien und darüber her leuchteten aus verträumten Fernen die weißen Firnen der Alpen. Und als eS nächtigte und alle Einzelheiten fich verloren, da lag Verona wie ein ungeheurer dunkler, mit Juwejen bestickter Prunkteppich da, der sich über steilen Stufen herabsenkte in die toskanische Ebene. So ganz über alle Maßen herrlich ist die Lage der alten Sla« ligerstadt, die mir die liebste wurde von allen Städte», die ich in meinen Lebenstagen gesehen. Es war schon Nacht, als ich zum zweiten Make durch die Porta vesca in die Stadt einzog, den hellerleuchleten Corso hinauf, der so breit ist, daß ein Bataillon Soldaten leicht in einer Linie darauf marschieren könnte. u»d den eine spazierende, plaudernde Menschen. menge füllte. Die Blätter der großen Palmen vor dem RathaüS wiegten sich in eine» milde« Nachtwind und durch die kolossalen Bogenöfsnungen der äußeren llmsaffungsmauer des römischen Amphitheaters schien hinter dorübereilenden Wolken hervor der Mond. Und dann tak ich in einem fremden Bett im fremde« Land nach einem glücklichen Tag einen glücklichen Schlaf, gerade als ob ich daheim wäre. Die Woche darauf dermag ich nicht zu beschreiben, so frei und froh und heiter verlief fie. Es war. als ob mich ein guter Geist geleitet hätte und dazu wurden mir so sonnige, lichterfüllte Tags beschert, daß es dem farbigen Leben der Gegenwart und durch das täglich« Augenbad an herrlichen Bildern der alten Beronefer Meister meine Seele wieder einmal ganz entstaubt wurde. Mein Ruheplatz von all den Besuchen bei den alten Malern, Bildhauern und ArchiteUen war ein Kaffee an der Piazza Erbe (Gemüsemarkt). Dort ließ es sich ohne Gewissensbisse stundenlang fitzen und dem Leben zusehen, das sich wie«ruf einer großen Bühne hj«r vor einem abspielt. Die Piazza Erb« ist, wenn auch künstlerisch kein wohlabgo stimmtet und stilvoller, so doch ein ungemein malerischer Platz. Leute, die mehr gereist sind als ich. sagen, der malerischste aller Plätze in Italien. Ein großes Rechteck, umschlossen von alten Palästen, an denen leider die Besitzer in den verschiedenen Jahr- Hunderten im Stile gerade ihres Jahrhunderts herumgepfuscht haben, bietet sich dem Auge hier. Da überdecken käfigartige Bor- bauten die herrlichen Fresken der ursprünglichen Fassade, und ein Kanfladcnschild steckt zwischen den Schlangenleibern eines kämpfen- den Laokoon; dort sitzt ein barocker Oberbau über einem wunder- vollen unteren Renaissancc-Stoökwerk. Schiedst restaurierte, tieftot gestrichene Säulenhallen tragen alle, zinnenüberkrönte Backstein- sassaden aus dem frühesten Mittelalter. Kurz, schon die Um- rahmung des Platzes ist ein kunsthistorischer Rumpelmarkt ersten Ranges. In den unteren Erdgeschossen der alten Palazzi sitzen die Drogisten. Friseure, Tuchhändler und Weinverkäufcr in ewig geschäftigem Nichtstun. Die Mitte des Platzes zieren aber zwei uralte Denkmale von sehr verschiedenem Sinne, die Madonna von Verona und der Gerichtsstuhl. Die Madonna von Verona ist eine antike von leichtem Gewand umflossene weibliche Statue mit einem Gesicht, das mit versteinerter Leidenschaftslosigkeit in all das Treiben um sie her hineinblickt. Dieser Kopf sowie die Arme find im elften Jahrhundert an den wundervollen Körper angesetzt worden und dann kam die Frömnng- keit des fünfzehnten Jahrhunderts, setzte ihr eine spitzzinkige der- goldete Krone auf und ernannte sie zur„Madonna von Verona". Weniger tragi-komisch ist der Nachbar dieser seltsamen Madonna, der Gerichtsstuhl. Unter seinem Dach mit den vier viereckigen Marmorsäulen fast zu Ende des Römerreichs der Prätor und hielt Gericht. Aber in der Zeit der Gewalthaber im elften Jahr- hundert wurde eine schwere Kette mit einer furchtbaren Hand- schelle an eine der Säulen geschmiedet und daran wurden die zum Tode verurteilten Staatsverbrecher der grausigen Neugierde des Volkes am Tag vor ihrer Hinrichtung ausgestelÜ. Um diese zwei Zeugen zweitausendjährigen Veroneser Lebens gruppieren sich heute in buntem Durcheinander die Blumcnver- käuferinnen mit ihren riefigen, hochroten Sonnenschirmen, die Fleischer mit ihren Ständen, die Gemüse- und Geflügelhändler, und vor allem die Vogelhändler mit ihren Hunderten kleiner, ge- fangener Sänger in engen Käfigen. Um die kleinen, ängstlichen Tiere stehen wie Kinder stundenlang Frauen und Männer und freuen sich an dem bunten Gefieder. Man muh dieses kindisch-rohe Schauspiel gesehen haben, um einen der liebenswürdigsten Menschen und Dichter aus der italienischen Heiligengeschichtc, den Franziskus von Asisfi zu verstehen, dessen Lieblingsvergnügen es war, mit er- betteltem Geld so viele dieser kleinen Vögel zu kaufen, als er konnte, sie zu füttern und ihnen dann auf dem Feld die Freiheit wiederzugeben. Aber es wird heiß vor dem Restaurant der Piazza Erbe, die Zitronen- und die Eisverkäufer kommen und schreien und schreien, dah mir Hören und Sehen vergeht und ich mich wieder rette_ in die kühlen stillen Hallen der romanischen Dome, in denen die Schätze der Veroneser Malerschule hängen. Das sind die Meister, von denen Goethe in seinen Aufzeichnungen von Verona sagt, dah,„wenn man diesem Sternenhimmel näher tritt, auch die Sterne zweiter und dritter Größe zu flimmern anfangen als zum ganzen Sternbild gehörend." Einen davon Hab ich besonders lieb gewonnen, den Giro- lamo. Er war am Gardasee zu Hause und uberall hinter seinen Madonnen schauen stille feine Landschaften heraus, die ich kenne. Und seine Madonnen selbst sehen mich mit Heimatsaugen an. Eines erschien mir merkwürdig. Für die vornehmste Zeit der veronesischen Baukunst, die romanische Epoche unter der Herrschaft der Skaligersürsten, hat Goethe offenbar keinen Sinn gehabt. Er sagt kein Wort darüber, obwohl er ja. um die Bilder zu sehen, in alle diese Dome von geschlossener Wucht und Einfachheit hinein mußte. Sein Sinn sah eben vorbei an diesen großen Zeugniffen schwerblütiger, massiger Kunst. Sein Geist floh in Italien ent- weder zurück in das heitere Altertum oder in die freudige Welt der Renaissance. lind doch ist Verona ohne die düstere Größe, welche ihm alles Bauwerk, das kriegerische wie das kirchliche aus der romanischen Zeit gibt, ohne die mächtigen Steinbrücken über die Etsch, die massi- gen viereckigen Festen, ohne die kühnen mit Zinnen überkrönten Warttürme aus der Zeit der Geschlechterkämpfe, wo jedes Haus eine Festung war, nicht denkbar. Seit zwei und einem halben Jahr- tausend hat die Kriegsfurie, wo sie auch losbrach, zwischen den Alpen und der Tiber, immer zuerst nach Verona mit ihren Krallen geschlagen. Nie hat diese Stadt eine wirkliche Glanzzeit wie andere Städte gehabt und ist trotzdem dabei immer stark und schön ge- blieben, wie eine trotzige Frau, die ihre Schicksale mit Stolz trägt und der kein Unglück etwas anhaben kann. Es ist unzählige Male ausgeraubt worden bis aufs Blut, von Feldherren des alten Rom, von deutschen Kaisern und von Vandalen, ob es nun Ostgoten im Mitteltalter oder französische Truppen der Neuzeit unter Napoleon waren. Wie viele von seinen schönsten Kunstschätzen hat nur dieser große Räuber allein entführt. Und doch ist Verona immer wieder aufgestanden und hat sich immer wieder erholt; manchmal als freie Kommune, oft unter dem Schutz mächtigerer Nachbarstädte und wohl auch einmal unter dem Schwert eines kriegerischen Genies, der auch als Mensch und Kunstmäcen groß war, wie der Skaliger Cangrande. Verona strotzt jetzt noch von Kunstschätzen, wenn es auch nicht so bekannt ist wie Venedig und Florenz, jenen üppigeren Städten, denen sowohl der herbe Reiz wie die wuchtige Größe der trutzig abseits lebenden Schwesterstadt fehlt. Mehr als jene ist Verona ein Stück gemeißelter Geschichte auS dem tiefen Altertum bis in die Neuzeit. Und alle seine Bauten und seine finsteren Backsteinpaläste, wie seine kühnen Warttürme, seine wunderbaren romanischen Kirchenbauten, wie sein altes römisches Amphitheater, das sind Reden in Stein, aus denen die Jahrhunderte lauter sprechen als aus dickbändigen Geschichtswerken. Die gewaltigsten Geschichtsvorträge aber, während deren ich mich mit melancholischer Heiterkeit an die elenden Lateinstunden auf dem Gymnasium erinnerte, hielten mir die Mauerquadern des römischen Amphitheaters, auf dessen höchster Ringkante ich abends spazieren ging und über die sechzig Stufen hinab in den gewaltigen Rinkrater sah. Die Arena von Verona ist noch größer als das römische Kolosseum. Es ist in seinem inneren Bau vollständig er- halten; die gewaltige Umfassungsmauer ist wohl überhaupt nie ganz vollendet worden. Auf den Sitzreihen haben 25 000 Menschen Platz, und am leichtesten kann man sich von der ungeheuren Größe dieses Bauwerks einen Begriff machen, wenn ich sage, daß gerade in diesen Tagen der untere Kreis, also der Platz, �auf dem in einem Zirkus die Vorstellungen stattfinden, als Stapel für acht große Luft- ballons benutzt wurde, die dort mit großen Zwischenräumen, prall gefüllt, standen, bevor das Zeichen zur Abfahrt gegeben wurde. Aber das war ein Possenspiel gegen die Gladiatorenkämpfe, die kaiserlichen Schaugepräge und die Volksversammlungen in kritischen Tagen des Römerreichs, wo eine festlich gekleidete Menge in weißen Togen mit farbigen Besätzen die Leere dieses Stein- Ungeheuers mit brausendem Leben erfüllte; wo die ersten Christen den Märtyrertod erlitten und wo ein unmündiges Volk durch „psnem et circenses" durch Brot und Vergnügen im Zaun ge- halten wurde. Noch einmal seit jenen Tagen hat das Amphitheater etwas von dem Glanz früherer Zeiten gesehen, als der große Korse zu seinen Ehren bier Stiergefechte veranstalten ließ und als im Jahre 1806 nach schweren Schlachten Verona aus österreichischer Herrschaft wieder zu seinem Mutterlande kam und in der Arena ein Siegesfest großen Stils feierte. Auf den letzten Tag hatte ich mir einen stillen Besuch auf« gespart. Draußen vor der Stadt, neben einem großen Platz, auf dem zweimal im Jahre die größten Pferdemärkte Italiens abgehalten werden, liegt eine alte Klosterruine. Man klopft an einer kleinen Pforte, um die sich dunkle Glycinien ranken. Ein freundlicher Pförtner öffnet und führt einen in ein kleines Gärtchen, das durch die leichten Bogen einer feinen Säulenfaffade ein feierliches An- sehen bekommt. Hinter den Säulen steht ein aus einem einzigen Stück rötlichen Marmors gehauener, offener Sarkophag von ein- fachster Form. Poetischer Sinn hat hierher an dieses stille traute Plätzchen das Grab von Julia Capulet, der unsterblichen Geliebten von Romeo Montecchi, der nach Shakespeares Drama die beiden Liebenden aus den feindlichen Häusern getraut hat, verlegt. Ich interessiere mich wenig dafür, ob hier, was einige Forscher bestreiten, die süße Julia wirklich begraben liegt. Der Geist der Liebe, der von diesem Paar wie ein unsterblicher Duft bis in unsere nüchterne Zeit erhalten blieb, weht in diesem kleinen Garten und ergreift die Menschen, ob fie wollen oder nicht. Man braucht dazu kein sentimentaler Jüngling zu sein. Solchen Mächten entzieht sich auch baS rauhere Männerherz nicht. Und so greife ich hinein in die dichten Haufen von Visitkarten und geschriebenen Hapierchen, die Menschen aus allen Landen in den Sarkophag der Märtyrerin einer großen Liebe legten. Und ohne Lächeln lese ich die Namen des Herrn Müller, Teilhaber der Seidcnfabrik in München-Gladbach, dann der höheren Töchterschülerin Lina Herz- feld aus Dresden, des Herrn Gardeleutnant Soundso aus Berlin� des Schneiders Schäfte aus Calw in Württemberg und vieler anderer, die hier die Schauer von Romeos und Julias Flammen- liebe empfanden. Und dann zog ich nach einigem Zögern ein Stückchen Papier auS der Tasche und schrieb als Abschied an Verona, seine lebenden Wunderwerke und seine tote Julie: Anton Fendrich, Schriftsteller aus Offenburg in Baden. Huö der populär-botamfcbeii Literatur, Mit dem Aufschwung der Anteilnahme an naturwissenschaftlichen Dingen geht eine Bücherproduktion einher, die fich überstürzt, in der sich vieles wiederholt und deren Abschätzung nicht immer leicht ist. Dem wißbegierigen Laien, den in den Schaufenstern der Buchhändler zierliche Bändchen mit bunten Titelbildern immer wieder reizen, werden daher gegenüber der Fülle der Angebote von Zeit zu Zeit einige Winke willkommen sein. „Die Bäume und Sträucher unseres Wäldes" behandelt Otto Feucht in einem sowohl textlich wie illustrativ sehr anheimelnd ausgestatteten Bändchen.(Verlag Strecker u. Schröder. Stuttgart. Preis gebunden 1.40 M.) Die Sprache ist klar und die stoffliche Ueberhäufung, die so manches der Bändchen ungenießbar macht, ist durch die Beschränkung auf das Wichtigste vermieden. Als eine Ergänzung läßt sich das Buch über»Die Heide" von W. Wagner betrachten(Verlag Quelle u. Meyer in Leipzig. Preis gebunden 1,80 M.). Bei Berlin spielt die Heide ja keine hervor- ragende Rolle. Um so größere Beachtung verdient das Buch für die naiurfteudigcn Anwohner ausgedehnterer Heidestreckeir. Außer der Pflanzenwelt sind hier auch das Reich der Tiere, die Hünengräber, die Heidschnucken und selbst die menschlichen Bewohner der(speziell Lüneburger) Heide in einer guten, verständlichen Sprache und unterstützt durch zahlreiche Abbildungen behandelt. Wir Verla sien Wald und Heide und lassen uns nmr von Dr. Ad. Kölsch „Von Pflanzen zwischen Dorf und Trift" erzählen(FranckhscherKosmoS- Verlag, Stuttgart. Preis 1 M.). Auch hier eine gute Ausdrucksweise und zum Teil sehr anregende Bilder. Aber Kölsch behandelt bio- logische Fragen, Rätsel des Pflanzenlebens. Das Interesse für diese Dinge, oder der Wunsch, es sich erwecken zu lassen, muß also bei dein Leser hier vvrauSgesetzt werden. Das Blütenleben der Pflanzen und seine Beziehungen zu den Insekten ist Gegenstand deS Buches Worgitzky„Blütengchei in nisse"(Verlag B. G. Teubner, Leipzig. Preis geb. 3 M.). In diesem modern ausgestaitetcn Bande wird die Biologie der Blüten von etwa 26 ziemlich allgemein ver- breiteten Pflanzen erläutert und illustriert; die hier besonders un- vermeidlichen Fachausdrucke werden in einem Anhang erläutert. DaS Buch ist für Fortgeschrittenere und auch die»An» lettung zur Beobacbtung der Pflanzenwelt� von Dr. F. Rosen sVerlag Quelle u. Meyer, Leipzig. Preis geb. 1,2S M.) ist denen zu empfehlen, die sich nicht mit dem Besitz, allenfalls mit dem Lesen des WerkchenS begnügen, sondern selbst beobachlen möchte», deren Anteilnahme an der Pflanzenwelt als schon über da? durch- schnittliche Matz hinausgeht. Das zuletzt genannte, reich illustrierte Bändchen berücksichtigt übrigens auch die niedersten Organismen und beginnt mit ihnen. Die Biologie der Alpenpflanzen nimmt in dem Bündchen„Die Natur in den Alpen' von R. H. Francö(Verlag Theodor Thomas, Leipzig, Preis 1 M.) nach einer Schilderung der Ver-� witterungserscheinnngen und Landschaften den grötzten Raum ein. Man braucht dem Verfafler, der aucd den Pflanzen ein»zweckniätziges Handeln' zuspricht, auf diesem Gebiete nicht zu folgen und wird sich doch gern von ihm erzählen lasten, wie sie über der Baumgrenze im Kampfe gegen Sturm, Schnee und Kälte ihr Dasein fristen und selbst im Winter an besonnten Felswänden Blüten entfalten. Die Abbildungen sind durchweg nach der Natur entworfene oder photographierte Originale. Bei dem verhällnismätzig geringen Umfange der meisten dieser Bändchen liegt ihr Schwerpunkt nicht zum kleinsten Teile in der grötzercn oder geringeren Güte des AbbildungSinaterialS. Ein gutes Bild kann eine ganze Reihe von Tcxlseiten ersetzen.— Wer schon ein gm Teil Pflanzen kennt, ein wenig niit den üblichsten botanischen Ausdrücken Bescheid weitz und die Flora seines Bezirks genauer kennen lernen will, dem kann S ch m e i l u. F i t s ch e n s„Flora von Deutschland"(Verlag Quelle u. Meyer, Leipzig. Preis geb. 8,30 M.) zur Anschaffung angeraten werden wegen ihrer Handlichkeit und Zuverlässigkeit. Kommt es auf einige Mark mehr nicht an, so mutz die jüngst erschienene Neuauflage der„Illustrierten Flora von Nord- und Mitteldeutschland" von Prof. Dr. P o t o n i ö(Verlag Gustav Fischer in Jena. Preis des Text- bandeS geb. 4 M., des Atlasbandes 3 M.) an die Spitze gestellt werden. Der Atlas enthält nicht weniger als IZOO Arten in Abbildungen, die das Erkennen der Pflanzen in bisher kaum gekannter Weife dem Anfänger erleichtern. Dabei find auch die VolkSnamcn berücksichtigt und Hinweise auf die LcbenS- weise der Pflanzen gegeben, denn das blotze„Kennen" einer Pflanze macht noch keinen Botaniker. Schlietzlich sei auf zwei Werkchen hingewiesen, die sich ausschlictzlich mit den„niederen" Pflanzen beschäftigen. Die„Allgemeine Pilzkunde" von Prof. M i g u l a(Verlag Strecker u. Schröder, Stuttgart. Pr. geb. 1,40 M.) gibt aus der Feder dieses bekannten PilzforicherS «ine gute Ueberstcht über die vielgestaltigen Abteilungen des Pilzreiches, mit Ausschlutz der Bakterien, während Dr. R. Timm in seinen„Niederen Pflanzen"(Verlag Quelle u. Meyer, Leipzig. Pr. geb. 1,80 M.) auch diese Gebilde, serner die Farne, Algen, Flechten und am ausführlichsten die Moose bespricht. Besonder? bei Timm ist die durch gute Vergleiche ge- förderte Verständlichkeit des Ausdrucks zu loben. ES mutz aber be- merkt werden, dah nur der Besitzer eines wenn auch kleinen Mikroi'kopeS mit Verständnis und Vorteil den Ausführungen über niedere Organismen folgen kann, seien sie auch noch so populär ge- schrieben und noch so vorzüglich illustriert. Glücklicherweise kann man heute schon zu verhältnismätzig billigem Preise sehr brauchbare Mikroskope erlangen._ L. Kleines Feuilleton. Aus der Vorzeit. Eine große Ansiedlung der jüngeren Bronze. zeit ist ganz in der Nähe von Berlin, auf dem Baugelände der neuen Irrenanstalt in Buch, entdeckt worden! Diese Tatsache wurde am letzten Freitag vom Leiter der Ausgrabungen, Dr. A. Kiekebusch, den Mitgliedern der Anthropologischen Gesellschaft vordemonstricrt. Die Fundstätten liegen eine kleine Strecke West- lich vom Bahnhof am Weg nach Schönerlinde. Beim Ausschachten wurde man zufällig darauf aufmerksam, daß nach Entfernen der Humusdecke eine große Menge von geschwärzten Stellen zum Vor- schein kam, die vom gclbweißen Sande so lebhaft abstachen, daß sie auch auf photographischen Aufnahmen aufs deutlichste zu erkennen waren. Man ging nun mit kleinen Gräben in die Tiefe, um Profilansichten zu gewinnen, und hob vorsichtig Schicht für Schicht ab. Es ergab sich bald, daß die schwarzen Stellen Pfosten- l ö ch e r waren. Die Hölzer, die in ihnen ehemals gestanden hatten, waren verkohlt: doch nicht allerorten so stark, daß sich nicht auch beträchtliche, nur braun verfärbte H o l z r e st e gefunden hätten, die ohne weiteres als solche erkennbar sind. Eiche und Kiefer scheint in der Hauptsache verwendet worden zu sein; doch steht die genauere Untersuchung der Holzfasern noch aus. In fast allen Fällen war es nun verhältnismäßig leicht, auS der Stellung 1 der Pfosten die Grundrisse der Häuser zu rekonstruieren 70 Grundrisse sind bis jetzt aufgedeckt, die zum Teil in engster Nachbarschaft nebeneinander liegen. Jeder Grundriß ist ein Viereck, auf der Vorderseite noch einmal geteilt, sodaß die Häuser also aus Hauptraum und Vorhalle bestanden. Die Wände waren entweder blockhausartig aus ineinander verzapften Hölzern auf- geführt, oder die Pfosten waren durch FIcchtwerk und kleinere Rundhölzer von Finger« bis Armstärke mit einander verbunden ' und dann mit Lehm verschmiert. Diese Art von vorgeschichtlichem . Rabitzputz läßt sich an den noch vorhandenen Lehmpatzen erkennen, I die alle Eindrücke aufs deutlichste erhalten zeigen. Die Grund« , fläche der Häuser faßt etwa 20—30 Quadratmeter. An den Außenseiten befinden sich Begleitpfosten, die einen Laufgang ab« geschlossen haben mögen, der allerdings für einen Aufenthalt von Menschen zu schmal gewesen sein muß und vielleicht zum Auf« stapeln von Holz oder sonstigen Vorräten gedient hat. Ein Mittel« Pfosten diente wohl hauptsächlich zur Stütze des Daches. Noch weiter außen befindliche Löcher lassen sich stellenweise als Pali- � sadenzaun ansprechen. Von großem Interesse ist natürlich in jedem Hause die Herdstelle. Sie markiert sich im Profilanschnitt sofort durch die auffallend tiefgehende und massige Schwärzung des Erd- bodenS gegenüber den einfachen Pfostenlöchern. Der Herd liegt an unregelmäßiger Stelle im Innern des Grundrisses und ist auS Steinen oder Lehm geschichtet. Eine Anzahl schöner Muster hiervon ist im Gelände aufgedeckt. Mehrere Mal fand sich ein großer Topf in die Erde eingelassen; möglicherweise diente dieser jener primi- tiven Art von Kocherei, bei der erhitzte Steine m die zu kochende Flüssigkeit hineingeworfen werden; es kann sich dabei aber auch um eine Vorratskammer oder einen kleinen Kühlkeller handeln. Von Vronzegeräten war am Tage der Besichtigung zum ersten Male etwas gefunden worden, nämlich eine Gewandnadel. Dagegen war bereits früher ans Tageslicht befördert ein zertrüm- mertes Schädeldach, das Prof. H. Virchow zur näheren Unter- suchung mitnahm, und ein Haufen von Tonscherben und Ge- räten aus Hirschgeweih. Bemerkenswert ist hiervon besonders eine schöne Hirschgeweih-Hacke mit viereckiger Durchbohrung zur Befestigung des Stils und durch den Gebrauch abgeschliffener Spitze- es ist ein Musterstück für den neuerdings angenommenen Hackbau, der in der primitiven Feldbearbeitung dem Gebrauch des Pfluges voranging. Ein unfertiger Hirschhornhammer weist die Spuren einer beginnenden Durchbohrung auf. Ein andere? Stück muß als Seitenstange einer Kandare gedeutet werden. Von 10 Deckeln zu Tongefäßen sind 3 ziemlich wohlerhalten. Ferner sind da allerhand Scherben von Tassen und eine hohle Tierfigui� In einem Teil der Ansiedlung, wo eine Anzahl von Häusern dicht gedrängt in einer Reihe nebeneinander liegt, befindet sich an deren Ende auch ein größerer Grundriß, der nicht einen, sondern aus» nahmsweise mehrere Steinherde enthält. Der Ort der Ansiedlung ist jetzt von der Panke durch den Bahndamm geschieden: doch dürfte (nach Ansicht des Referenten) ein Zusammenhang zwischen Ansied« lung und Panke bestanden haben; letztere ist ehemals vielleicht breiter gewesen oder hat inzwischen ihr Bett etwas verlegt. Gleich- falls bei Buch, aber an anderer Stelle, ist übrigens ein Gräberfeld aus der jüngeren Bronzezeit angeschnitten worden, das nach Be« endigung der jetzigen Ausgrabungen in Angriff genommen werden soll. Es wird sich dann zeigen, ob es zu dieser Ansiedlung Bezie- Hungen haben kann oder nicht. Ein kleiner Ausflug nach Buch ist recht zu empfehlen, da die Gegend landschaftlich reizvoll ist. Der Park, der von der Panke in sanften Bogenwindungen durchflössen wird, steht augenblicklich im Frühlingsschmuck, und auch die Ber- liner Institute, besonder? die Alte-Leute-Stadt, sind der Besichti« gung wert. Beim Betreten des offen daliegenden AuSgrabungS- geländes ist natürlich die größte Schonung vonnöten. Die Stellen der noch nicht freigelegten Pfostenlöcher sind durch vorläufiges Ein» stecken von kleinen Stäben markiert. A. K. Meteorologisches. Unser Wetter und die Sonnenflecken. Daß die Erde mit allem, was auf ihr lebt und sich bewegt, in Abhängigkeit von der Sonne steht, ist eine triviale Tatsache. Spricht man doch allgemein von der Sonne als dem Muttergestirn der Erde. Und zwar ist die Sonne die Mutter der Erde nicht nur unter der Vor- auSsetzung, daß unser Planet auS ihrem Leib hervorgegangen ist — eine Annahinc, die neuerdings von einigen Gelehrten bestritten wird—, sondern auch in der Hinsicht, daß die Erde dauernd den Quell alles Lebens durch die Sonnenstrahlen empfängt. Ob nun aber dieser Zusammenhang ein so naher ist, daß zede größere Störung des Sonnenkörpers auch eine Veränderung im Zustand der Erde hervorbringt, bedarf noch des sicheren Beweises. Be- hauptet hat man derartige Einflüsse der Sonne nicht nur auf da» Luftmeer, das die Erde umgibt, sondern auch auf die vermeint- lich feurig flüssigen Massen des Erdinnern. Da nun die Sonnen» stecken der aufsälligste Ausdruck der Störung in den Oberflächen- schichten der Sonnenmasse sind, so hat man zwischen ihrem Auf- treten und dem von schweren Stürmen, heftigen Niederschlägen und auch von Vulkanausbrüchen und Erdbeben Zusammenhänge gesucht. Wahrscheinlich ist dieser Zusammenhang ein wenig über- trieben worden, und ohne Zweifel ist das der Fall gewesen mit solchen Berechnungen, wie sie in Amerika zwischen der Periode vcr Sonnenflecken und der Zunahme der Selbstmorde oder gar den Schwankungen der Börsenkurse angestellt worden sind. Auf besserem Boden stehen die Untersuchungen, die jetzt von Dr. HumphrehS vor der Philosophischen Gesellschaft in Washington vorgetragen worden sind. Danach scheint eine Zunahme der Sonnenflecken ein erheb- liches Sinken der Temperatur im Luftmeer der Erde zu bedingen. Dieser Einfluß tritt aber deshalb nicht immer merklich Jn Er- scheinung, weil seine Wirkung noch von anderen Verhältnissen wie von der Verteilung des Luftdrucks, dem Feuchtigkeitsgehalt der Luft und anderem abhängig ist._ Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Lorwärr« ivuchdruckerel u.«er:»g»a»ilall Paul«inger ScEo..«erlln Lläl.