Nnttthaltungsblatt des Horwärts Nr. 87. Donnerstag den 6 Mai. 1910 MaHdruck eertotts.) 25] Die Hrena* Roman von Vicente BlaSeo Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Lächelnd folgte Donna Sol den Einzelheiten aus dem Leben dieser rauhen, stets totbereiten Männer, die sie bisher nur aus der Ferne bewundert hatte. Der Champagner war Gallardo bereits in den Kopf ge stiegen, und als er sich vom Tische erhob, bot er, über seine Kühnheit selbst erschrocken, der Dame seinen Arm. War es nicht so der Brauch in der besseren Gesellschaft? Er kam sich nicht mehr so unbeholfen vor, wie es auf den ersten Blick hätte scheinen können. Im Nebenzimmer wurde der Kaffe eingenommen, und der Matador bemerkte eine Gitarre. Donna Sol reichte sie ihm hin und forderte ihn zum Spielen auf. „Ich verstehe leider nichts davon! Ich hpbe keine Spur von Kenntnissen, außer was Stiertöten anbelangt!"... Hierbei bedauerte er die Abwesenheit des Puntilleros aus seiner Cuadrilla, eines Kerls, dessen Gitarrespiel das Ent- zücken seiner weiblichen Zuhörer erweckte. Die Beiden verharrten in langem Schweigen. Gallardo saß auf dem Sofa und zog an der köstlichen Havannazigarre, die ihm ein Diener gereicht hatte. Donna Sol rauchte eine jener Zigaretten, deren Duft sie in einen traumhaften Zu- stand versetzte. Die mühsame Verdauung des Stierkämpfers hemmte seine Bewegungen und schloß ihm den Mund, dessen blödes, starres Lächeln das einzige Lebenszeichen blieb. Die Dame wurde zuletzt des Schweigens überdrüssig, in dem ihre Worte verhallten, sie setzte sich an einen Flügel und mit männlicher Kraft ließ sie die fröhlichen Weisen einiger Malaguennas erklingen. „Bravo!... Schön gespielt, sehr gut," rief der Stier- fechter, seine Trägheit bekämpfend, aus. Nach den Malaguennas ertönten Sevillanas und daraus alle jene halbmelancholisch träumerischen Gesänge des Südens, die Donna Sol in ihrer Schwärmerei für heimische Sitten ihrem Gedächtnis eingeprägt hatte. Gallardo unterbrach die Musik mit seinen Ausrufen, als habe er sich vor den Brettern eines Cqfs chantant befunden. „Ausgezeichnet! Das nenn' ich spielen! Noch eins!" „Liebt Ihr Musik," frug Donna Sol. „Oh sehr!..." Gallardo hatte sich bisher diese Frage nie gestellt, aber zweifelsohne liebte er Musik. Allmählich ging Donna Sol vom lebhaften Takt der Volksgesänge zu einer langsameren, feierlicheren Musik über, die der Matador als Kirchenmusik respektieren zu müssen glaubte. Seine enthusiastischen Ausrufe verstummten. Eine wun- derbare Ruhe legte sich auf ihn, und seine Augen schlössen sich; er merkte noch rechtzeitig, daß er einschlafen werde, wenn diese Töne noch weiter andauern sollten. Und, um den Schlaf zu verscheuchen, betrachtete er die schöne Frau, die ihm den Rücken zukehrte. Beim Himmel, welch' herrliche Gestalt! Seine glühenden Blicke richteten sich auf ihren runden, zarten, Weißen, mit goldglänzenden kecken Härchen besetzten Nacken. Ein wahnsinniger Gedanke durch- zuckte sein träges Hirn und hielt ihn mit dem Kitzel der Ver- suchung wach. „Was würde sie tun, wenn ich aufstünde und leise zu ihr hinschliche, um ihr den herrlchen Nacken zu küssen?" Allein seine Absicht kam nicht über den bösen Gedanken hinaus: diese Frau flößte ihm einen unbezwinglichen Respekt ein. Zudem erinnerte er sich der Worte seines Verwalters: der Schneidigkeit, mit der sie sich der Zudringlichen zu er- wehren verstand, jenes im Auslände erlernten Kraftspiels, mit dem sie sich des stärksten Gegners entledigen konnte... Er versank wieder in die Betrachtung jenes weißen Nackens, der ihm durch den Nebel seiner schläfrigen Blicke wie ein in Goldhauch gehüllter Mondglanz vorkam. Konnte er denn den Schlaf nicht bezwingen? Er fürchtete, daß plötzlich ein rauhes Schnarchen diese Musik, von der er nichts verstand, die aber deswegen herrlich sein mußte, unterbrechen könnte. und, um sich wach zu halten, kniff er sich in die Beine, streckt» die Arme aus und hielt sich die Hand vor den Mund, um seu» Gähnen zu verstecken. Längere Zeit verstrich. Gallardo war nicht sicher, ob et wirklich geschlafen hatte. Plötzlich ertönte die Stimme von Donna Sol und riß ihn aus seinem lethargischen Zustand. Sie hatte die blaue Spiralwölkchen erzeugende Zigarette bei» seite gelegt und mit gedämpfter aber leidenschaftlicher Stimme begleitete sie ihr Spiel. Der Stierfechter spitzte die Ohren, um etwas zu ver« stehen... Kein Wort. Es waren fremde Lieder.„Zum Teufel auch! Warum nicht eine Zigeunerweise oder ein Tanz« lied?... Und da soll ein Christenmensch dabei nicht ein, schlafen!" Donna Sol glitt mit den Fingern über die Tasten hin und, während sie den Kopf zurückwarf und ihre Blicke nach oben schweifen ließ, bebte ihre Brust beim Hervorbringen der Töne. Es war das Gebet Elsas, die Klage der goldhaarigen Maid, deren Gedanken beim Helden, beim stattlichen Krieger weilten, der für Männer unbesiegbar und unter Frauen von bestrickender Zärtlichkeit war. Der einfache, kraftvolle Mann! Der Recke!... Viel« leicht befand er sich hinter ihr... Warum nicht? Sein Anblick glich nicht dem des Helden der Sage: er war plump und unbeholfen, aber die mutige Entschlossenheit, mit der er ihr vor wenigen Tagen hilfreich beigesprungen war, stand noch ungetrübt und lebhaft in ihrer Erinnerung, ebenso wie sein lächelndes Selbstvertrauen im Kampf mit einer brüllenden Bestie, das dem der Wagnerschen Helden glich, die ungeheuere Drachen bezwangen. Gewiß, er war ihr Recke. Ein wollüstigs Angstgefühl überlief sie vom Scheitel bis zur Fußsohle, und indem sie das ersehnte Vordringen hinter ihr zu spüren glaubte, ergab sie sich zum voraus als besiegt. In ihrer Verzückung schaute sie ihren Helden, ihren Paladin, wie er sich mit liebeglllhenden Blicken vom Sofa erhob, sie hörte seine gedämpften Schritte und fühlte, wie seine Hand sich auf ihre Schulter legte. Dann ein feurigre Kuß auf den Nacken, ein Brandmal der Leidenschaft, das ihr für immer als einer Ueberwundenen aufgeprägt bleiben werde... Aber die Romanze ging ohne Unterbrechung zu Ende, und in ihrem Rücken spürte sie nichts als ihr eigenes, von Furcht und Wunsch zitterndes Schauergefühl. Enttäuscht von soviel Zurückhaltung, drehte sie sich auf ihrem Klaviersessel herum und hörte zu spielen auf. Der Held, in das Sofa eingebettet, saß ihr gegenüber und versuchte schon zum vierten Male seine Zigarre wieder anzuzünden, wobei er die Augen weit aufriß, um sich des Schlafes zu er« wehren. Als er sah, wie sie ihre Blicke fest auf ihn heftete, erhob er sich... also jetzt kam der entscheidende Augenblick heran. Der Held ging auf sie zu, um sie mit männlichem Feuer an sich zu drücken, sie zu besiegen und sein eigen zu machen.... „Gute Nacht, Donna Sol... Es ist Zeit, daß ich gehe. Sie werden der Ruhe bedürfen." Voller Erstaunen und Aerger hatte sie sich ebenfalls er« hoben und. ohne zu wissen, was sie tat. reichte sie ihm ihre Hand. Schwerfällig und einfach wie ein Held!... Durch ihre Gedanken jagten in wildem Flug alle weiblichen Vorurteil« und überlieferten Einwände, die keine Frau, selbst nicht in Augenblicken vollster Hingebung, vergißt. Ihr Wunsch war unerfüllbar... das erste Mal, daß er ihre Wohnung be» trat.... Nicht der leiseste Anflug von Widerstand!... Sollte sie auf ihn losgehen?... Aber als sie die Hand deS Stierfechters drückte, sah sie in seine Augen, die mit Leiden« schaft fest auf sie gerichtet waren, und aus denen unsagbar gierig seine heimlichsten Hoffnungen, seine wildesten Wünsche hervorleuchteten. „Gehe nicht fort.... Komm! Komm!" Und weiter sagte sie nichts. 4. Zu den zahlreichen Ursachen, die Gallardos Stolz und Eitelkeit schmeichelten, war eine neue Befriedigung hinzu» gekommen. Wenn er mit dem Marquis de Moraima verkehrte, sah et zu ihm mit beinahe kindlicher Liebe auf. Dieser hoch- gestellte Herr, der wie ein Landmann gekleidet war, trug einen berühmten Namen, konnte seine Brust mit Sternen und Ordensbändern schmücken und im königlichen Palast mit goldgestickter Uniform, in die ein goldener Schlüssel ein- genäht war, erscheinen. Seine Urahnen waren mit dem Monarchen nach Sevilla gekommen, der die Mauren Vertrieben hatte, und sie erhielten zur Belohnung ihrer Verdienste dem Feinde abgenommene ungeheure Ländereien, von denen die ausgedehnten Triften, auf denen gegenwärtig die Stiere des Marquis weideten, nur noch Ueberreste waren. Sein Groß- Vater war Freund und Ratgeber des Monarchen gewesen, er hatte durch die Teilnahme an den großen Hosfestlichkeiten ein ansehnliches Stück seines Vermögens aufgebraucht. Und er, der gütige und freigebige Edelmann, der mit ländlicher Un- gezwungenheit die vornehmen Manieren seiner Herkunft verband, wurde von Gallardo sozusagen wie ein naher Ver- wandter angesehen. Der Sohn des Flickschusters trug einen Stolz zur Schau, als ob er Angehöriger dieser Familie geworden wäre. Vettern von ihm, und mehr oder weniger entfernte Verwandte waren auch alle die jungen Herren geworden, die ihn früher mit etwas herablassender Zutraulichkeit behandelt hatten, und mit deneir�er nun umzugehen anfing, als seien sie seinesgleichen. Sein Leben und seine Gewohnheiten waren verändert. Er ging jetzt selten in die Kaffeehäuser der Sierpes-Straße, in denen die Aficionados zusammenkamen, gute, einfache, der Sache ergebene, aber doch nur. den niederen Volksklassen an- gehörende Leute: kleine Kaufleute, Arbeiter, die Meister ge- worden waren, bescheidene Angestellte und Leute ohne Erwerbszweig, die auf unbekannter Weise von dunklen Be- fchäftigungen lebten und von denen man nur wußte, daß sie über Stiere zu sprechen verstanden. Wenn Gallardo vor den Fenstern des Kaffeehauses vor- beiging, grüßte er seine Verehrer, die ihm mit lebhaften Handbewegungen antworteten, damit er eintrete.„Ich komme gleich zurück," tönte es von feinen Lippen, aber er kehrte nicht wieder, sondern er begab sich in ein aristokratisches Klublokal derselben Straße, wo es Diener in Kniehosen, imposante gotische Wandverzicrungen und gediegenes Silber- geschirr auf den Tischen gab. Jedesmal, wenn der Sprößling der Sennora Angustias zwischen den militärisch stramm stehenden Dienern hindurch- ging und ein Lakai würdevoll wie ein Stadtoberhaupt und mit einer silbernen Kette um den Hals ihm Hut und Stock abnehmen wollte, durchzog ihn ein Gefühl selbstgefälliger Eitelkeit. Es war eine Lust, mit so feinen Leuten in Be- rührung zu kommen. In hohe Sessel, die wie zu einem romantischen Trauerspiel gehörig aussahen, lehnten sich junge Leute, die von Pferden und Weibern sprachen und alle in Spanien zum Austrag kommenden Duelle sorgfältig er- örterten, da sie sämtlich Männer von leicht verletzbarem Ehr- gefühl und verpflichtender Tapferkeit waren. Ein im Innern gelegener Raum diente als Fechtsaal, in einem anderen wurde von den ersten Nachmittagsstunden an bis nach Sonnenaufgang gespielt. Gallardo wurde wie eine eigen- artige Ausnahme des Klubs geduldet, da er ein Stierfechter von Anstand war, gute Kleider trug, Geld ausgab und vor- nehme Beziehungen hatte. „Er ist sehr gebildet," sagten die Mitglieder nachdrücklich, indem sie zugaben, daß er von allen Dingen so viel wie sie verstand. Die gern gesehene und weitverschwägerte Persönlichkeit Don Josss, des Verwalters, diente dem Stierfechter als Gewähr in dieser neuen Lebensweise. Außerdem verstand es Gallardo, mit der Verschmitztheit eines früheren Gassen- jungen, sich bei dieser ckennessv dore« beliebt zu machen, in der er Verwandte dutzendweise vorfand. lFortsetzung folgt. Von äen Sinnesorganen cler Mn leben uncl Ziere* Von Dr. Richard Hesse. (Schluß.) Für ein tieferes Eindringen in die Wirkungsweise der Sinnes- vrgane bildet die Bobachtung am Menschen den Ausgangspunkt. Durch viele Reize werden hier bewußte Empsindungen ausgelöst, und dadurch wird eS möglich, die Reizwirkung mit dem ange- wandten Reiz zu vergleichen. Die verschiedenen Sinne geben uns verschiedene Emfpindungen. Werden nun durch die Sinnesorgane die Qualitäten der umgebenden Welt gleichsam in uns hinein» geleitet, oder mit anderen Worten, sind unsere Empfindungen so wenig oder so sehr verschieden wie die äußeren Reize, wodurch sie hervorgerufen werden? Es ist leicht erweislich, daß dies nicht der Fall ist. Der quantitativen Verschiedenheit in der SchwingungS- zahl der Reize, die Auge und Ohr erregen, entsprechen qualitativ verschiedene Empfindungen, die verschiedenen Farben bezw. Töne: treffen 40(1 Billionen Aetherschwingungen unser Auge, so haben wir die Empfindung von Rot; sind es deren etwa 700 Billionen, so empfinden wir Blau; die Reize verhalten sich wie 4 zu 7; die ausgelösten Empfindungen lassen sich in dieser Weise nicht ver- gleichen. Der gleiche Reiz hat auf verschiedene Sinnesorgane nicht die gleiche Wirkung: Chloroform schmeckt uns süß; aber die Geruchs« empfindung, die es hervorruft, hat mit dieser Geschmacksempfindung gar keine Aehnlichkeit, und wiederum mit beiden unvergleichbar ist die Schinerzempfindung, die es an dünnen Hautstellen verur» sacht. Dieselben Schwingungen einer Stimmgabel, die vom Ohr als Ton empfunden werden, rufen bei der Berührung der Zungen» spitze mit dem Instrument einen Kitzel hervor. Aetherwellen von geringerer Schwingungszahl(um 480 Billionen in der Sekunde) werden vom Auge als rotes Licht, von der Haut als Wärme em- Pfunden. Dagegen beantwortet das gleiche Sinnesorgan verschiedene wirksame Reize mit der gleichen, ihm eigenen Empfindungsart. Die verschiedenartigsten Reize, die auf das Auge wirken, rufen Lichtempfindung hervor; so die Aetherwellen von der angegebenen Schwingungszahl, der elektrische Strom. Druck und mechanische Verletzung der Netzhaut bei Operationen. Elektrische Reizung be» wirkt auf der Haut, je nach der Stelle, wo sie ansetzt, Wärme-, Kälte-, Schmerz- oder Druckempfindung: sie bewirkt im Ohr Hören, im Auge Lichtempfindung und an verschiedenen Stellen der Zunge süßen, sauren, salzigen und bittern Geschmack. Nicht bloß Reizung der Endorgane, sondern auch solche der betreffenden Nerven ruft die spezifische Wirkung hervor: Durchschneiden des Sehnerven beim Herausoperieren kranker Augen wird vom Patten- ten als Lichtblitz empfunden, und mechanische Reizung der einen Teil der Schmeckorgane innervierenden„Chorda tympani", wie sie bei Verletzungen im Mittelohr zu weilen vorkommt, köst Ge- schmacksempfindungen aus. Die Art des Reizerfolges, also beim Menschen die Art der Empfindung, wird somit nicht durch die Art des Reizes bestimmt, sondern durch die Eigenart des gereizten Sinnesapparats: Johannes Müller, der diese Tatsachen zuerst gebührend würdigte, bezeichnet das als die«spezifische Energie" des Sinnesnerven oder der Sinnessubstanz. Diese Eigenart oder spezifische Energie ist nicht eine aus- schließliche Eigentümlichkeit der Sinnesapparate: sie kommt aller lebenden Substanz zu. Es ist die Eigenart des Hühnereies, daß daraus ein Huhn, die des Enteneies, daß daraus eine Ente wird, bei völliger Gleichheit der auf sie ein- wirkenden Brutwärme. Auf elektrische, chemische, thermische und mechanische Reize antwortet die Drüsenzelle gleichermaßen mit Sekretion, die Muskelzelle mit Zusammenziehung, die Flimmer- zelle mit Beschleunigung der Flimmerbewegung. Die Eigenart der Nierenzellen ist es, Harn abzusondern, die der Leberzellen, Galle zu bilden. Ebenso ist es bei den einzelligen Wesen: eine Amöbe beantwortet die verschiedenartigsten Reize von gewisser Stärke mit Einziehung ihrer Pseudopodien, eine bloctiluca mit Leuchten. Und so ist es auch im Nervensystem: dieselbe Nerven- safer kann nicht qualitativ verschiedene Erregungen leiten, der- selbe Neuron im Zentralnervensystem kann nicht in qualitativ ver- schiedencr Weise affiziert werden. Die qualitative Verschiedenheit von Reizerfolgen wird durch die individuelle Verschiedenheit der greizten Elemente bedingt. Die Eigenart der Sinnesapparate ist nur ein Einzelfall von einer allgemeinen Eigentümlichkeit aller lebenden Substanz. Vielleicht bietet sich uns mit dieser Erkenntnis zugleich eine Erklärung für die Bedeutung, die der Verschiedenheit der End» organe an den Sinnesapparaten zukommt. Wenn ein SinncS- organ auf jeden beliebigen Reiz stets mit der gleichen Erregung?- qualität antwortet, so wird es dann am meisten für die Orten- tierung des Tieres leisten, wenn es seiner Beschaffenheit nach nur für eine Reizart zugänglich, gegen alle anderen Reizarten jedoch geschützt ist. Dadurch wird es möglich, die den einzelnen Sinnes- apparaten eigentümlichen Reizerfolge je mit einer bestimmten Reizart in geregelte Verknüpfung zu bringen: so können die Reiz- arten.unterscheidbar" werden. Dies ist die Aufgabe der End- organe eines SinneLapparats; sie sortieren die Reize; die einen lassen sie zu, die andern halten sie ab. Sinnesorgane, die nur einer Art von Reizen zugänglich sind, nennt man elektive oder spezifische Sinnesorgane. So sind die menschlichen Sinnesorgane insgesamt beschaffen. Dagegen ist es wohl denkbar, daß es auch Sinnesorgane gibt, die normaler- weise auf mehrere Reizarten reagieren, wie ja die Amöbenzelle durch mechanische, chemische, thermische und optische Reize erregt wird. Solche Sinnesorgane kann man als aneleitive(nicht aus- wählende) oder Universalsinnesorgane bezeichnen. Ihre Leistung ist aber nicht so zu verstehen, daß die verschiedenartigen Reize auch qualitativ verschiedene Wirkungen Hervorbringen; sondern wie die Amöbenzelle auf die genannten Reize stets in gleicher Weise mit Einziehung ihrer Scheinfüstchen und Abkugelung ihres Zelleibes antwortet, so mutz auch bei anelektiven Sinnesorganen der Reiz- erfolg bei verschiedenartigen Reizarten gleichartig sein. Es ist nicht notwendig, datz solche Organe für alle Arten von Reizen zu- gänglich sind; ein Sinnesorgan ist schon anelektiv, wenn es etwa durch chemische und mechanische Reize in gleicher Weise erregt wird. Beim Menschen sind derartige Sinnesorgane unbekannt. Doch hat man Gründe, die Sinnesorgane an den Pedicellarien, den Stielzangen der Seeigel und die Haarzellen auf der Haut der Weichtiere für anelektw zu halten. Der Zustand der universalen Sinnesorgane dürfte wohl der ursprüngliche sein, aus dem die elektiven sich entwickelt haben. Es ist vielfach die Ansicht geäutzert, die Tastorgane als die verbreitetsten unter den Sinnesorganen seien auch die primitivsten, und die übrigen Sinnesorgane seien nur Umwandlungen der Tastorgane. Wir finden aber einmal bei den niedersten einzelligen Tieren nicht nur eine Reaktion auf mechanische Reize, sondern ebenso auf chemische, optische und thermische. Ferner aber ist nicht zu ver- stehen, wie der Uebergang von einem elektiven Tasto?gan zu einem elektiven Sehorgan oder Riechorgan vor sich gehen soll. Aus an- elektiven Sinnesorganen aber können elektive werden durch Fern- Haltung einer Anzahl von Reizen und Zulassung nur einer Reizart. So ist vielleicht auch zu erklären, datz solche Sinnesorgane, die normalerweise den inadäquaten Reizen nicht zugänglich sind, doch durch künstlich zugeführte Reize solcher Art erregt werden wie unser Auge durch Druck. Gefühl Gehör, Geschmack, Geruch, Gesicht, da? find die fünf Sinne, die gewöhnlich unterschieden werden. Es ist eine rein topographische Einteilung, die der Selbstbeobachtung entsprungen ist; es sind die Sinne der Haut, des Ohrs, der Zunge, der Nase, des Auges. Aber diese Einteilung ist weder erschöpfend noch rationell. Das Gefühl oder der Hautsinn umsatzt autzer dem Tast- stnn den davon ganz verschiedenen Wärmesinn. Geschmack und Geruch sind nahe verwandt: sie umfassen die Reaktion von Sinnes- organen auf die Einwirkung chemischer Stoffe, in einem Fall flüssiger, im andern Fall gasförmiger Stoffe; bei Wassertieren lassen sie sich nicht trennen. Ausserdem gibt es noch weitere Sinne, die in dieser Einteilung nicht einbegriffen sind. DaS ist vor allem der statische.oder Gleichgewichtssinn: von dem Vorhandensein dieses Sinnes, dessen Organ im Ohrlabyrinth mit entbalten ist, hat der naive Mensch keine Ahnung. Auge und Ohr können in ihrer Tätigkeit unterbrochen werden durch willkürliches Abhalten der Reize; der Nase, der Zunge und dem Getast werden die Reize mehr oder weniger willkürlich zugeführt. Das Organ des Gleich- gewichtssinnes aber ist ständig in Funktion; es kann nicht aus- und eingeschaltet werden wie die anderen Sinne: so wird sein Vor- handensein nicht durch die Kontrastwirkung erkannt. Ausserdem gibt es noch Untergruppen des Hautsinnes, wie die Gefühle von Kitzel und Wollust. An Stelle jener subjektiven Einteilung der Sinne wird daher besser eine objektive Einteilung nach der Natur der Reize gesetzt. Man unterscheidet demnach mechanischen, chemischen, thermischen und optischen Sinn. Der mechanische Grundsinn ist wiederum mehrfach verschieden; wir können innerhalb desselben Tastsinn, Schmerzfinn, Gleichgewichtsfinn und Hörsinn unterscheiden. Der chemische Sinn zerfällt, je nach dem flüssigen oder gasförmigen Aggregatzustand der einwirkenden Stoffe, in Geschmack und Geruch. Oer I�aubenkolonift als Gärtner und Kleintierzuchten Taubenzucht. Seit Wochen schon drängelt mich Prietzke, nicht etwa weil ich ihn angepumpt hatte, denn ich pumpe überhaupt nicht, höchstens auf meinem Grundstück, und da ist es schwer anzupumpen, aus. zupumpen überhaupt unmöglich, sondern weil ich schon diesen oder jenen Artikel versprochen, aber nicht geschrieben habe. Lange hat er mir von der Taubenzucht vorgefaselt, über die ich mal etwas geschieden hätte, aber doch nichts Genaues. Kaum hatte er die Sache damals gelesen, so lief er nach der Taubenbörse„Zum fidelen Jacob", um sich ein paar echte Tauben zu kaufen, die schliesslich auch ausgeflogen, aber nicht wiedergekommen sind. Nun steht die grosse Taubenkiste draussen auf dem Laubendach leer, und Prietzke ärgert sich jedesmal, wenn er hineinsieht. Lehrgeld mutz schliesslich aber jeder zahlen; aus bösen Erfahrungen zieht man Nutzen, und Prietzke ist fest entschloffen, das Züchten von Tauben erneut zu riskieren. Tauben einzugewöhnen und mit Erfolg so zu züchten, datz sie Freude machen und einigen Nutzen bringen, ist nicht so einfach, wie eS den Anschein hat. Das erste, was wir unternehmen müssen, ist: dafür zu sorgen, datz sie sich bei uns wohl fühlen. Das ist aber nur in einem guten, allen Anforderungen entsprechenden Schlage der Fall, die grossen Kisten, die man so häufig auf den Laubendächern in den Kolonien sieht, nach vorne mit Draht ver- gittert und an einer Seite mit einem Ausflug versehen, deren ganze innere Einrichtung aus einer Sitzftange und einer Nistgelegenheit besteht, sind wenig dazu angetan, den Tauben ein behagliches Heim zu bieten. Am besten richtet man den Taubenschlag auf einem Dachboden ein; es braucht das durchaus nicht ein Boden- verschlag in einem vier- oder fünfstöckigen Hause zu sein, da jede? kleine Gartenhäuschen, ja jede bessere Laube schon genügt. Nur für sogenannte Flugtauben, mit denen man Flugsport betreiben will, empfiehlt sich möglichst hoch gelegener Schlag. Bei allen übri- gen Rassen genügt es, wenn das Ausflugloch so hock? ist. datz weder vom Boden noch von Nachbargebäuden aus vierbeiniges Raub- gesindel in den Schlag gelangen kann. Marder. Wiesel, ja selbst Haustatze wüten furchtbar unter den Tauben, ivenn sie sich Ein« gang zu verschaffen wissen. Die Grösse des Schlages richtet sich ganz nach der Zahl der Taubenpaare, die man halten will. Meine beiden Taubenschläge haben je 20 und M Quadratmeter Grund- fläche; in jedem derselben halte ich bis höchstens lü Paare. Wenn man es haben kann, wähle oder errichte man den Taubenboden so, datz er etwa 2 Meter hoch ist, damst ein Erwachsener aufrecht in ihm gehen und unbehindert darin arbeiten kann. Da bei uns die Winde fast ständig von Westen wehen, darf der Ausflug niemals nach Westen gerichtet sein. Ist es zu ermöglichen, so richte man die Ausflugöffnung möglichst nach Osten, oder nach Süden; sie wird dann schon früh am Morgen von der Sonne beschienen, was die Insassen frühzeitig zum Ausfliegen anregt. Hat das Grundstück Hof- und Gartenseite, so empfiehlt es sich, den Ausflug nach ersterer zu richten, damit die Tiere sich von vornherein mehr an den Hof als an den Garten gewöhnen. Bei den verschiedenen Rassen der Feldtauben ist das aber nicht von besonderer Bedeutung, da diese, nach Nahrung suchend, wähend des Tages weite Flüge unter- nehmen. Dagegen können Haustauben, die tagein tagaus in nächster Nähe des Schlages umherliegen, an treibenden Gemüsepflanzen und durch Aufpicken ungenügend bedeckter Saat einigen Schaden anrichten; auch stellen manche Tauben den Johannisbeeren stark nach. Eine gewisse Höhe des Taubenschlages ist schon des- halb erwünscht, weil der Ausflug mindestens 60 bis 160 Zentimeter über dem Boden gelegen sein soll; liegt er gleicher Erde, so ver- lassen die Jungen, noch nicht richttg flugfähigen Tauben den Schlag oft zu früh, sie können dann mcht mehr in ihn zurück- fliegen und fallen allem möglichen Raubzeug zum Opfer. Meine Taubenschläge befinden sich unter den Dächern meines Garten- Häuschens und meines Geräteschuppens. Eine Treppe führt nicht zu ihnen empor, ich bediene mich vielmehr einer anzulegenden Leiter. Dadurch find die von den untern Räumlichkeiten voll- ständig abgeschloffen, Ratten und Mäuse finden keinen Zutritt. Die innere Einrichtung besteht aus Nisttästen an den Wänden und aus Sitzftangen, die aber nicht quer, sondern parallel laufen sollen, da- mit sie beim Reinigen des Schlages, bei Nachsehen der Brüten usw. nicht stören. Feld- und Brieftauben benutzen die ihnen gebotene Nistgelegenheiten nur gelegentlich. So nisten meine Grieftauben fast durchweg auf dem Boden des Schlages, wo ich durch eine An- zahl von Querlatten primitive, aber geräumige Gefache gebildet habe. Der Boden des Schlages wird am besten mit Lehm oder Zement ausgestrichen, die Wände und Sitzstangcn werden all- jährlich gekalkt. Will man auch im Winter Brüten erzielen, so sind direkt unter dem Dach befindliche Schläge innen noch gut mit ge- fugtem Holz auszukleiden, weil ohne diese Auskleidung unter Ziegel- und Schieferdächern die Temperatur ausserordentlich schwankt, sich im Winter ungewöhnlich abkühlt und im Sommer stark erhitzt, da Schiefer und Ziegel gute Wärmeleiter sind. Zu beachten ist auch bei der Einrichtung des Schlages, datz die Tauben eine helle Wohnung lieben, weshalb durch ein oder mehrere Fenster für genügenden Lichtzutritt gesorgt werden mutz. Ich habe es auf billige Art in der Weise erreicht, datz ich in das Dach aus Falz- ziegeln einige Scheiben in Falzziegelform einlegte. Erst wenn der Schlag fix und fertig ist, beginnt man mit der Einbringung und Eingewöhnung der Tauben. Be- kanntlich ist die Heimatliebe bei allen Tauben sehr entwickelt. Jede neue eingebrockte Taube hat deshalb das Bestreben, wenn sie später frei gelassen wird, den alten heimatlichen Schlag wieder auf- zusuchen. Aus diesem Grunde ist die Anschaffung alter Tauben, namentlich soweit Brief- und Feldtauben in Frage kommen, immer mit einem mehr oder weniger grossen Risiko verbunden. Deshalb empfiehlt sich die Anschaffung sogenannter picpjunger Tauben, das find solche, die eben selbständig geworden und möglichst den hei» mischen Schlag noch nicht verlassen haben. Wenn bei diesen Tauben die letzten Flaumhaare am Kopf und Halse verschwunden sind, kann man sicher annehmen, datz ste selbständig saufen können. Im neuen Schlage brauchen sie nur wenige Tage eingesperrt zu bleiben und können dann frei fliegen. Die einzige kleine Schattenseite bei der Beschaffung piepjunger Tauben besteht darin, dass auch der Kenner die Geschlechter mit Sicherheit noch nicht unterscheiden kann, weshalb man also nicht weiss, ob man richtige Paare er- hält. Dass diese jungen Tauben nicht sofort nisten, ist selbst- verständlich. Im günstigsten Falle machen aus Frühbruten her- vorgegangene Tauben im Herbste des gleichen Jahres noch eine oder zwei Brüten; gewöhnlich beginnen sie erst im Januar oder Februar des nächsten JahrcS mit dem Brutgeschäft. So lange die Tauben eingesperrt gehalten werden, darf eS im Schlag« nicht an frischem Wasser und gutem Futter fehlen. Das beste Tauben fut t er ist Weizen und Gerste; weniger empfeh- lcnswert find Wicken, Erbseu und Perlmais. Fliegen die Tauben bereit» au», so füttere man nur zweimal pro Tag am Schlag«, morgen» und gegen Abend. Man gewöhne sie zur Aufnahme des Futters an eine bestimmte Stelle und gebe stets nur so viel, als sie gierig fressen; niemals dürfen Futterreste liegen bleiben. Für gut feldernde Tauben, wie Brieftauben, langschnäblige Tümmler, Lerchen, Strasser und ähnliche genügt von Mitte Juli, der Zeit der Roggenernte, bis zum Beginn deS Winters täglich einmalige? Füttern, welches dann am Nachmittage stattsindet. Hat man, um bald Nachzucht zu sehen, ältere Tauben an- geschafft, so must man diese unter allen Umständen so lange im Schlage lassen, bis sie halb entwickelte, d. h. schon ziemlich befiederte Junge im Neste haben, dann kann man annehmen, daß sie sicher bleiben. Eine Ausnahme machen nur Brieftauben, die, wie ich aus Erfahrung weist, häufig auch die Jungen im Stiche lassen, um dem angestammten, oft viele hundert Kilometer weit entfernt liegen- den Schlag wieder zuzufliegen. Die Tauben bauen ein sehr primitives Nest, am liebsten aus trockenen Birken und ähnlichen Reisern, dem sie keinerlei weiche Einlage geben. Jedes Gelege besteht aus zwei Eiern, die etwa 17 bis 18 Tage gebrütet werden. Täubin und Täuber brüten ab- wechselnd; der letztere von frühmorgens 9— 10 bis nachmittags 3— i, die Täubin in der übrigen Zeit. Beide füttern auch die Jungen gemeinsam grost. Als Nesthocker entschlüpfen die jungen Tauben nackt und blind dem Neste, in dem sie etwa einen Monat, bis zu vollständiger Entwicklung, verbleiben. Vom Verlassen des Nestes bis zum Verlassen des Schlages, d. h. bis zur Selbständig- keit, vergehen dann weiterhin nach 8 bis 10 Tage. In den ersten 0 bis 7 Tage ernähren die Eltern die junge«Brut mit einem sich in ihrem Kropf bildenden milchartigen Brei, von da ab mit Kör- itern, die sie im Kropf aufweichen. Dast aus jedem Gelege ein richtiges Paar hervorgehen soll, d. h. ein Männchen und ein Weib- chcn, ist ein weit verbreiteter, aber, wie ich durch Jahre hindurch festgestellt habe, durchaus irrtümlicher Glaube. Es geht bei den Tauben wie bei uns Menschen. Aber während bei uns Menschen das schöne oder schwache Geschlecht vorwiegt, ist bei den Tauben das starke Geschlecht in der Ueberzahl. Wer erfolgreich Tauben züchten will, muh dauauf achten, dast das Gleichgewicht zwischen beiden Geschlechtern nicht gestört wird, denn die unfreiwilligen Jung- gesellen richten, wenn sie in das zuchtfähige Alter kommen, ob aus Neid, Bösartigkeit oder Langeweile, lasse ich dahingestellt? unter den richtigen Paaren und deren Brut viel Unheil an, wo- durch der Zuchterfolg empfindlich beeinflustt werden kann. Ueber die Vermchrungsfähigkeit der Tauben ist auch sehr viel gefabelt worden; so viel steht jedenfalls fest, dast sie sich mit der der Ratten, Mäuse und Kaninchen nicht entfernt messen kann. Manche Tauben, namentlich solche der feinen Luxusrassen, brüten schlecht und pflegen die Jungen nachlässig, so dast man, falls man sich nicht der„Ammen" bedient, d. h, gewöhnlicher Tauben, denen man die eigenen Eier fortnimmt und die der feinen Rassen unterlegt, am Ende der Brutperiodc froh sein kann, wenn man einen oder Zwei Nachkommen zu verzeichnen hat. Die am besten züchtenden Nutz- tauben sind die Antwerpen«! Brieftauben, die deutschen Feldtauben, soweit sie noch nicht degeneriert sind, und die langschnäbligen Tümmler, zu denen auch unsere Berliner Flugtauben gehören. In der Zahl der brüten stehen die letztgenannten an erster Stelle, sie sind aber klein und fleischlos und deshalb als Schlachttaubcn schlecht zu verwerten. Alles in allem ist zurzeit die Antwer- pener Brieftaube die beste Rutztaube. Von guten Paaren erzielt mau unter günstigen Verhältnissen durchschnittlich 10 bis 12 Junge im Jahre. Meine Schläge sind eiskalt; mein grosser Schlag liegt direkt unter dem nicht verschalten Falzzicgeldach, trotzdem brüteten meine Antwerpener Brieftauben in diesem Schlage den ganzen ver- flossenen, allerdings milden Winter hindurch. Gelegentlich ein- setzende Fröste brachten dann natürlich Verluste, doch kamen ins- gesamt 50 Proz. der Winterbruten auf, während ich von den Früh- jahrS- und Sommcrbruten 9ö bis 100 Proz. aufbringe. In stren- geren Wintern tut man auch in wärmeren Schlägen gut daran, die Tauben vom November bis zum Februar nicht brüten zu lassen. also die gelegten Eier rechtzeitig fortzunehmen. Vom Februar bis Oktober folgt ungefähr alle 0 bis 0 Wochen eine neue Brut. Wenn die Nesttauben erst halb entwickelt sind, also noch der Pflege der Eltern bedürfen, sind diese bereits nebenbei wieder mit neuer Brut beschäftigt. Obwohl jedes Taubcngelege nur aus zwei Eiern besteht, sind die Tauben doch befähigt, gleichzeitig deren drei aus- zubrüten. Das sich der Züchter zunutze machen. Man findet oft einzeln auf dem Boden des Schlages umherliegende Eier, meist von jungen Tauben herrührend, die nur spielerisch nisten. Diese Eier sammle ich sorgfältig auf und gebe immer je eines von ihnen, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet, in ein ordnungsmähiges Gelege älterer Tiere, die dann stets alle drei Eier erfolgreich bebrüten und die drei Nestiungen auffüttern. Freilich darf man nicht immer darauf rechnen, aus jedem richtigen Gelege auch zwei Nest- junge grost zu ziehen; ab und zu ist eines der ociden Eier unbe- fruchtet ab und zu geht auch eines der beiden Nestjungcn durch Schwäche oder aus anderen Umständen zugrunde. Auch Mist- geburten kommen vor. So hatte ich dieser Tage erst eine Nest- taube mit 6 normalen Schwanzfedern und 6 weiteren von doppelter Länge, aber ohne Schwungfedern in den Flügeln. Dast aber zwei zusammengewachsen waren, wie die beiden Schwestern Blaczek, und dast dann eiw» davon mit einem Täuberich gegirrt und danach gelegt hat. ohne dast die andere etwas davon wustte. so etwa» tft mir freilich bei meinen Tauben noch nicht vorgekommen! Kick, Kleines f euilleton» Literarisches. Der Verband der Lithographen und Stein» drucker hat jetzt zu dem von ihm in historischem Gewände neu herausgegebenen Lehrbuche der Lithographie und deS Steindrucke» von Alois Senefelder(München 1821) auch die bi» jetzt un» auffindbar gewesenen Musterblätter ebenfalls reproduziert heraus« gegeben. Es handelt sich um Musterblätter, die Senefelder seinem Lehrbuche beilegte, um so die Leistungsfähigkeit der lithographischen Technik zu illustrieren. Die beiden ersten dieser Blätter stellen gravierte Musterleistungen feinster Schrift dar. Dann folgen litho» graphische Federzeichnungen, die zum Teil wie die Nachahmung eines englischen Holzschnittes mit der Feder und der Nadel ge» zeichnet find. Das letztgenannte Blatt ist eine technische und künstle- rische Musterleistung, die sich den besten graphischen Kunstblättern von heute ebenbürtig anreihen kann. Dann sind noch mehr als ein Dutzend Kunstblätter anderer Art, ein- und mehrfarbig, darunter ein gestochener Plan, und Konstruktionszeichnungen als Muster- beilagen durch Senefelder seinem Werke beigegeben worden. Sie zeichnen sich sämtlich durch höchste Qualität aus. Als besonders er- freulich muh es immer wieder bezeichnet werden, dast der Verband der Lithographen und Steindrucker sich der Mühe unterzogen hat, da? Buch und seine Beilagen durch historisch getreue Reproduktion den weitesten Kreisen wieder zugänglich gemacht zu haben. Es ist eine Leistung erzielt, die vom Standpunkt der heutigen Technik aus in jeder Hinsicht als mustergültig bezeichnet werden kann. IlcberdieS ist diese Tätigkeit einer Gewerkschaft eine hübsche Illustration zu den Behauptungen ihrer Gegner, dast sie nur ver- hetzend und kulturell unfruchtbar wirke. Hygienisches. Ueber den Eisengehalt de» Spinate«. Der an- geblicb hohe Eisengehalt des Spinates, dem dieses Gemüse den Ruf ieines grossen Nährwerte» und eines Mittels gegen Blutarmut ver- dankt, soll nacb einer fast allgemein verbreiteten Anschauung auf dem Reichtum dieser Pflanze an Chlorophyll(Blattgrünj beruhen. Man nahm bis jetzt al» ziemlich feststehend an, dast das Chlorophyll Eisen enthalte ähnlich wie auch der Blutfarbstoff(Hämoglobin), mit dem das Chlorophyll chemisch Verwandtschaft zu zeigen scheint, eisen- haltig ist. Nun ist durch die vor kurzer Zeit erschienenen Arbeiten deS Chemikers Prof. Dr. Willstätter in Zürich festgestellt worden. dast in dem Chlorophyll nicht wie sim Hämaglobinf Eisen, sondern Magnesium vorhanden ist. Mithin fällt auch der Grund, ein an Chlorophyll sehr reiches Gemüse für besonders eisenhaltig zu er- klären, fort. Trotzdem kann der Spinat ein besonder? nahrhafte» und zu« ttäglicheS Gemüse sein, nur ist der Grund dafür wohl nicht mehr wie bisher in dem Eisengehalt zu suchen. Wie entgeht man der Aderverkalkung? Die Ader- Verkalkung, mit wiffenschastlicher Bezeichnung ArterioskleroBe, gehört zu den Leiden deS menichtichen Körpers, denen in höherem Alter niemand entrinnt, die aber oft auch früher eintteten und dann zu einer beträchtlichen Abkürzung der Lebensdauer führen. Ihr Wesen und Verlauf ist der Hauptsache nach bekannt, und namentlich dürfte jeder wissen, dast als Folge dieses Vorganges die Zerreistung von Adern und Blntgefästcn stattfindet und selbstverständlich zu Schlag- flüssen führt, wenn die» im Gehirn geschieht. Einer der berühmtesten Aerzte der Gegenwart. Professor Osler in Oxford, hat bei einer Vorlesung über die Herzensangst(.Angiiut pectoris) auch über die Aderverkalkung gesprochen, die neben anderen Leiden ge- wöhnlich zu derartigen Fällen führt. Wenn jemand, sagt Osler, die Grenze der Lebenszeit überschritten hat, die den Höhepunkt seiner Kraft bedeutet, gleichviel ob man sie mit Plato auf 25, mit Montaigne aus 40 oder nach milderen Anschauungen vielleicht sogar auf 00 Jahre ansetzt, beginnt da» Gefästsystem Spuren der Abnutzung zu zeigen, während der Blutdruck allmählich steigt. Damit entsteht die Gefahr des ZerreistenS der Blutgefässe. Gemindert kann sie werden durch Herabietzung de» Blutdruck», die aber äusserst schwer auf die Dauer zu erzielen ist. Arzneien haben darauf nur einen sehr geringen Einflust. Die dazu empfohlenen salpetrigsauren Salze wirken nur für kurze Zeit. Eine vernünftige Einrichtung der Lebenögewohnheiten ist die erste Bedingung. Osler erteilt in dieser Hinsicht bauptsKchlich zwei Vorschriften: Gehe langsam I Ist weniger!— Er meint, ein Mann, der vollen Dampfdruck in dem Kessel seines Körpers hat, must lernen, ihn herabzusetzen, und damit zufrieden sein, wenn er nw�kioch zehn Knoten in der Stunde laufen kann, was natürlich nur Midlich im Vergleich zu einem Dampffchiff mit altersschwachem Kessel gemeint ist. E» ist kein Wunder, wenn ein solcher Dantpfkessel in Stücke geht, fall« er in derselben Weise geheizt wird wie der eine» neuen Ozeandampfer». Der alternde Mensch niust sich eben daran gewöhnen, die Heizung und Betätigung 'eines Körpers anders zu regeln, al» er es in seiner Jugend tun durfte. Kerantw. Redakteur: Rtchan» Vatth, Berlin.— Druck u. Verlag:«orwartSBuchdruckcrei u.Verlagtanjtalt PaulStnger StEo.pverlmSAi.