Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 91. Donnerstag, den 12. Mai. 1910 lSachdruS UnBeten.) 291 Die Hrena» Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. „Dieses Ding!" murmelte Gallardo entmutigt,„hat, wie es scheint, stets mit Schurken verkehrt, die die Briefs aller Welt zeigten, und fürchtet sich nun vor Indiskretionen. Man könnte glauben, sie hielte mich nicht für einen Ehrenmann, weil ich ein Stierfechter bin." Andere� Eigenheiten der großen Dame stimmten den Matador geradezu traurig. Wenn er in ihre Wohnung kam, geschah es zuweilen, daß einer jener Bedienten, die wie her- untergekommene hohe Herren aussahen, ihm kalt den Weg versperrte.„Die Sennora ist nicht zu Hause."„Die Sennora ist ausgegangen." Er hielt es für einen Vorwand und glaubte Donna Sol in seiner Nähe, hinter Türen und Vorhängen zu ahnen. Ohne Zweifel war sie seiner müde und fühlte einen plötzlichen Widerwillen gegen ihn, beim Herannahen der Be- suchsstunde, den Dienern Auftrag gab, ihn nicht vorzulassen. — Nun ja, das Spiel ist aus!— sagte Gallardo beim Weg- gehen.— Ich komme nicht wieder. Dieses Ding hat an mir keinen Gefallen mehr. Und wenn er wiederkam, schämte er sich, an die Möglich- keit, Donna Sol nicht wieder zu sehen, geglaubt zu haben. Sie empfing ihn mit ausgestreckten Armen und schien ihn an ihrer weißen, festen Brust zerdrücken zu wollen, den Mund von einem krampfhaften Ausdruck der Begierde etwas ver- zogen, die Augen weit geöffnet und irre, wie in einem eigen- artigen Schimmer, der geistige Störung anzudeuten schien. „Warum parfümierst Du Dich?" protestierte sie, als ob sie die widerwärtigsten Gerüche verspürte.„Das ist Deiner nicht würdig.... Ich will, daß Du nach Stieren, nach Pferden riedtft. Das sind die Düfte, die mir gefallen. Dir nicht?... Sage ja, Juanito, Du himmlische Bestie, mein Tier!" Sie bohrte die Zähne in den Arm des Stierfechters und quälte dessen kräftig entwickelte Muskeln mit krampfhaften Bissen. Der Matador stieß vor Schmerz einen Fluch aus und riß sich los von der schönen Frau, deren Kopf mit den wirren Locken dem einer trunkenen Bacchantin glich... Donna Sol erwachte langsam.—„Armer Bub! Ich Hab' ihm Schinerzen verursacht. Ja, ich Scheusal, das zuweilen den Verstand verliert! Laß mich den Biß küssen, um ihn zu heilen. Laß mich alle Deine lieben Narben küssen. Armes Tierchen, man hat ihm wehgetan I" Die schöne Furie wurde auf einmal unterwürfig und zärtlich, und katzenartig liebkoste sie den Stierfechter. Gallardo, der ein Liebesverhältnis nach altem Brauch auffaßte, konnte niemals erreichen, eine ganze Nacht in der Wohnung von Donna Sol zu verbringen. Wenn er glaubte, dieses Weib unterworfen zu haben, wurde er in befehlendem Tone aufgefordert zu gehen. Sie schien in solchen Augen- blicken einen physischen Widerwillen gegen ihn zu empfinden. „Entferne Dich! Ich will allein sein. Du weißt, ich kann Dich nicht ausstehen: weder Dich noch sonst einen andern. Die Männer, diese wiederwärtigen Geschöpfe! Pfui!..." Gallardo machte sich davon, traurig verstimmt durch das seltsame Wesen dieser rätselhaften Frau. Als der Stierfechter sie eines Nachmittags zur Vertrau- lichkeit geneigt sah, fühlte er Neugierde, ihre Vergangenheit zu erfahren, und wünschte Näheres über die Fürsten und hoch- gestellten Persönlichkeiten zu hören, die. wie die Leute be- haupteten, im Vorleben von Donna Sol eine Rolle gespielt hatten. Sie antwortete auf seine Fragen mit einem kalten Blick ihrer hellen Augen. „Was gehen Dich diese Dinge an! Bist Du etwa eifer- süchtig?.. Und selbst wenn es wahr wäre, was dann?.." Sie verharrte längere Zeit in Schweigen und blickte unstät umher: es war jener Blick der Geistesabwesenheit, der bei ihr stets von widersinnigen Gedanken begleitet war. „Du hast jedenfalls schon Weiber geschlagen", sagte sie, indem sie ihn fragend ansah.„Leugne nicht. Das ist etwas, das mich sehr interessiert!... Deine Frau nicht, ich weiß, daß Ihr Euch sehr gut vertragt, und daß sie eine sehr gute Frau ist. Ich meine die anderen Weiber, alle die. mit denen Ihr Stierfechter verkehrt: die, welche um so heftiger lieben, je mehr sie geschlagen werden. Nicht?" Gallardo verwahrte sich dagegen mit der Selbstachtung eines tapferen Mannes, der nicht fähig ist, Schwächere zu mißhandeln. Donna Sol nahm seine Verteidigung mit einer gewissen Enttäuschung auf. „Ich hätte gern gewußt, wie das schmeckt", sagte sie lächelnd,„aber ich rate Dir trotzdem ab." Der Rat war nicht überflüssig, und Gallardo hatte Ge- legenheit, sich ihrer zu erinnern. Eines Tages, während eines traulichen Zusammenseins, genügte eine etwas rauhe Liebkosung seiner Kämpferhände, um die Wut dieser Frau zu entfesseln, die die Männer anzog und dabei mit Haß gegen sie erfüllt zu sein schien.„Da, nimm das!" Und ihre ge- schlossene, wie eine Keule harte Rechte fuhr von unten nach oben gegen die Kinnbacken des Stierfechters, mit einer Sicher- heit, die bestimmten Kampfregeln zu gehorchen schien. Gallardo war von Schmerz und Scham betäubt, während die Dame grollte: „Es soll Dir zur Lehre dienen. Ich kenne Euch Stier- fechter. Wenn ich nur einmal dazu schweige, würdest Du mich schließlich alle Tage wie ein Zigeunermädchen von Triana ausprügeln... Es ist Dir recht geschehen. Die Distanzen müssen innegehalten werden." An einem der ersten Frühlingsnachmittage kehrten die beiden von einer Auslese junger Stiere auf einer Besitzung des Marquis zurück, der in Begleihmg einer Anzahl Reiter die Landstraße benutzte. Donna Sol lenkte, vom Matador gefolgt, ihr Pferd auf die Wiesen und hatte ihre Freude an dem Gefühl der Weichheit, die das sanfte Graskissen den Tritten der Pferde verlieh. Die niedergehende Sonne färbte mit einem leichten roten Hauch das Grün der Ebene, das von den Feldblumen weiß und gelb gesprenkelt war. Auf dem weiten Grund, wo alle Farben wie von einer fernen Feuersbrunst einen purpurnen Ton annahmen, tanzten die schmalen, riesig gedehnten Schat- ten der Pferde und Reiter. Die über die Schultern gelegten Lanzen waren auf den Schattenbildern so groß geworden, daß sich ihre dunkle Linie verlor. Zur Seite rann der Lauf des Flusses zwischen hohen Gräsern wie rotes, flüssiges Eisen. Donna Sol blickte Gallardo mit befehlenden Augen an. „Leg Deinen Arm um meine Taille." Der Matador gehorchte, und so ritten sie weiter, die Pferde nebeneinander, und die Reiter mit umschlungenem Oberkörper. Die Dame betrachtete die ineinander verschlun- genen Schattenbilder, die auf dem geheimnisvollen Licht der Wiese, vom langsamen Gang geschaukelt, vorwärts schritten. „Es ist, als lebten wir in einer anderen Welt", sagte sie leise,„einer Welt der Phantasie, auf Wiesen hinschreitend, wie wir sie auf gewirkten Teppichen sehen. Ein Bild aus den Ritterromanen, der Held und die Amazone, die verliebt neben- einander reiten, die Lanze über der Schulter, und Abenteuer und Gefahren aufsuchen. Aber davon verstehst Du nichts, Du Bestte meines Herzens. Nicht wahr. Du verstehst mich nicht?" Der Stierfechter zeigte lächelnd seine gesunden und starken Zähne in ihrem glänzenden Weiß. Wie von seiner rauhen Unwissenheit angezogen, schmiegte sie sich enger an ihn und ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen, wobei der kitzelnde Hauch Gallardos auf ihrem Hals sie wollüstig er- schauern machte. So ritten sie schweigend weiter. Donna Sol schien auf der Schulter des Stierfechters zu schlafen. Plötzlich öffnete sie die Augen, in denen jener sonderbare Ausdruck wieder glänzte. „Höre. Hast Du niemals einen Menschen getötet? Gallardo schüttelte sich und riß sich, voller Erstaunen, von Donna Sol los. Was? er!... Niemals... Er war ein braver Bursche, der seinen Beruf erlernt hatte, ohne je- mand Schaden zu tun. Kaum daß er sich in der Jugend mit seinen Kameraden gestriiten Vaite, wenn um Geld gespielt wurde und die Stärksten unter ihnen den Gewinn einstrichen. Dann einige Ohrfeigen im Streite mit den Berufsgenossen. ein Hieb mit der Flasche im Kaffeehause, das waren alle seine Gewalttaten. Das Menschenleben flößte ihm eine unWider- stehliche Achtung ein. Etwas anderes waren die Stiere. „Also hast Du niemals Lust verspürt, einen Menschen zu töten?... Ich glaubte, daß die Stierfechter.. Die Sonne ging unter... Die Wiese verlor ihren phantastischen Farbenglanz, der Glanz vom Fluß her erlosch. und die Dame sah, wie die wunderbare Teppichlandschaft, die sie so sehr bewundert hatte, in nüchterne Dämnrerung zerrann. Die anderen Reiter waren weit entfernt, und sie gab ihrem Pferd die Sporen, um wieder zu ihnen zu stoßen, ohne ein Wort an den Matador zu richten, als ob sie vergessen hätte, daß er hinter ihr ritte. Während der Festlichkeiten der Karwoche kam die Familie Gallardos in die Stadt zurück. Der Matador sollte im Stier- gefecht am Ostertage auftreten. Es war das erste Mal, seit- dem er Donna Sol kannte, daß er in ihrer Anwesenheit Stiere töten sollte, und dieser Gedanke beschäftigte ihn, ließ Zweifel an seinen Kräften in ihm aufkommen. Außerdem konnte er nicht in der Sevillaner Arena auf- treten, ohne eine gewisse Erregung zu verspüren. In jedem anderen Zirkus Spaniens nahm er einen Mißerfolg ruhig hin, indem er den Vorsatz faßte, für längere Zeit nicht wieder hinzukommen, aber in seiner Heimat, da war es etwas ganz anderes. „Sieh zu, daß Du Dich hervortust", sagte der Verwalter, „denke an die, die Dir zusehen werden. Ich will, daß Du aus dem Kampf hervorgehst als der erste Mann der WeltI" Am Sonnabend vor Ostern fand in den späten Nacht- stunden das Einbringen der zum Kampf bestimmten Stiere statt, und Donna Sol wollte an dieser Expedition teilnehmen. Die Stiere sollten durch das nächtliche Gelände von dem Weideplatz in Tablada nach den Ställen des Zirkus in Sevilla gebracht werden. Gallardo beteiligte sich nicht, trotzdem er gewünscht hätte, Donna Sol zu begleiten. Der Verwalter ließ es nickst zu, indem er auf die Notwendigkeit der Ruhe hinwies, um für den folgenden Tag frisch und kräftig zu sein. Um Mitternacht war der Weg von der Wiese zum Zir- kus belebt wie an einem Jahrmarktstag. Auf den Land- Häusern waren die Fenster erleuchtet, und man sah durch sie hindurch aneinander geschmiegte Schatten, die sich tanzend unter den Klängen des Klaviers fortbewegten. Aus den Wirtshäusern am Weg warfen die erleuchteten Türen helle Vierecke auf den dunklen Boden, und im Innern ertönten Rufe, Gelächter, Gitarrentöne und Gläserklingen, alles An- zeichen, daß der Wein reichlich floß. Ungefähr um ein Uhr früh kam auf der Landstraße ein Reiter in kurzem Trab heran. Es war der„Anzeiger", der Herold, ein rauher Hirt, der vor den Schenken und den er- leuchteten Häusern anhielt, um anzukündigen, daß die Stiere in einer kurzen Viertelstunde vorbeikommen würden, damit man die Lichter auslösche und alles sich ruhig verhalte. iFortsetzung folgt.> 8] Das JVIccr. Von N. Ewald. Autorisierte Uebersetzung von H. Kih. (Schluß.) Jahr auf Jahr verging, und ein Bauerngeschlecht folgte dem anderen. Das neue Land war nicht von dem alten zu unterscheiden. Ruhig und grün lag es hinter den Deichen, die die Menschen fort- während stärker machen lernten, so daß sie dem Meere besser wider- stehen konnten, wenn es herankam; und das tat es ja hin und wieder. Ringsum in der Marsch— so hieß das fruchtbare Land— lagen reiche Höfe. Aus weiter Ferne kamen magere Kühe, weideten in dem saftigen Grase, stoßen sich fett und wurden zum Schlächter gesandt. Und vor den Deichen laA das Meer und hatte feine Ebbe und Flut und spülte über Salzkräuter hin, sdie Schlick sammelten, neues Land bildeten und von dem Strandhafer erstickt wurden— genau so wie früher. Dann kam ein Tag, wo einmal ein Hänfling in dem Flieder- stranch im Karten des Bauern saß. Er war auf dem Wege nach dem Süden, denn eS war Herbst; seine Kinder waren längst flügge, und die Fliegen begannen spärlicher zu werden. „Das ist ein schönes Land/ sagte er und sah über all das Grüne hin..Wären hier mehr Bäume, so hätte ich Lust, hier zu wohnen, wenn ich im Herbst zurückkomme." .Ich bin das schönste Land der Welt!" sagte die Marsch.„Aber ich bin auch auf seltsame Art entstanden. Aus dem Meere bin ich emporgestiegen. Das Meer hat mich gebildet. Vögel und Fische, Tang und Salzkräuter und tausend andere Tiere und Pflanzen haben mir jeder sein Scherflein gegeben. Darum bin ich schöner und merk« würdiger als alle anderen Teile der Erde." .Hat das Meer dich gebildet?" fragte der Hänfling..Wie merk- würdig! Ich habe immer gedacht, das Meer tut nur Böses. Darüber muß ich etwas Näheres hören. Erzähle. Ich habe Zeit. Die Sonne scheint heute so warm, und ich habe hier im Garten fieb- zehn Fliegen gefunden. Erst heute nacht reise ich weiter." Und die Marsch erzählte, wie alles zugegangen war. .Hörst du das Meer draußen hinter den Deichen?" fragte sie zuletzt.„Es ist meine Mutter. Ihr verdanke ich das Leben. Ge- duldig hat sie Millionen kleiner Stücke Lehm und Sand und Kreide zusammengetragen, um mich daraus zu bauen. Sie hat mich mit ihren eigenen Pflanzen gedüngt. Sie blieb stillstehen, damit daS alles Zeit fände zu sinken, und damit ich fest und gut würde." „Ja," sagte der Hänfling..Ich kenne auch eine Geschichte vom Meere. Die sollst du jetzt hören. Sie spielt viele, viele Meilen weit von hier; und eS ist viele, viele Jahre her. Dort lag ein Land, so schön wie du, aber ganz anders. Das ragte mit weißen Felsufern zum Himmel auf und trug grüne Wälder, wogendes Ge- kreide und üppiges Gras. Im Walde sangen die Vögel, und die Hirsche sprangen. Die Bauern pflügten ihren Boden, und überall dufteten die Blumen. Ganz zu äußerst am Felsufer hatte der Guts- Herr sein Schloß erbaut. Mit Türmen und Zinnen und goldenen Wetterfahnen ragte es in die Lüfte." .Das Land möchte ich sehen," sagte die Marsch. „Du kannst nicht hinkommen," fuhr der Hänfling fort.„Denn jenes Land exstiert nicht mehr. Es ist eines Tages zusammengestürzt und das Meer ist schuld daran." „Du lügst," sagte die Marsch..So etwas könnte daS Meer niemals tun. Es kann wohl hier und da einmal böse werden und bis über die Deiche hinaufspritzen. Ich habe auch den Bauer er- zählen hören, daß es eines Nachts zur Zeit seines Urgroßvaters ganz über mich hereingebrochen ist. Doch am nächsten Tage lief es wieder durch die Schleusen hinaus und lag hübsch da und baute Land wie früher." .Ich lüge nicht," sagte der Hänfling..Höre weiter. Jeden Tag nahm' das Meer ein Stück Kreide von dem Felsen fort und höhlte ihn so völlig aus. Dann schüttelte sich das Meer mit aller Gewalt und nahm einen Anlauf, und da stürzte das Felsufer ein. Menschen und Tiece und Bäume und Blumen stürzten nieder und wurden zerschmettert. Die Burg fiel ein mit ihren Türmen und Zinnen und goldenen Wetterfahnen. Am nächsten Tage überspielte das Meer das Ganze in aller Ruhe, als ob nichts geschehen wäre." „Ich glaube dir trotzdem nicht," sagte die Marsch.„Woher weißt du das?" „Ich habe es von meiner Urururururgroßmutter," erzählte der änfling.„Die hatte ihr Nest in einer wunderschönen Buche. Fünf unge hatte sie und dann natürlich einen Mann. Die stürzten alle nieder und kamen in den Wellen um. Sie selbst wurde durch ein reines Wunder gerettet. Aber die Katastrophe hatte sie so er- schüttelt, daß sie sie nie vergaß. Als sie im nächsten Jahr aus Italien zurückkehrte und einen neuen Mann nahm und sechs neue Kinder bekam, da erzählte sie es ihnen. Und die haben es ihren Kindern erzählt. Und so ist es bis zu mir gelangt. Und du kannst überzeugt sein, daß die Geschichte von dem bösen Meer sich von Generation zu Generation forterben wird." „Ich kann es nicht glauben," rief die Marsch. „Warte ein wenig," sagte der Hänfling. ,WaS ist denn das da?" Er flog auf den Deich, wohin der Bauer die alte, rostige Wetterfahne geworfen hatte, betrachtete sie und hackte mit dem Schnabel darauf. „Das ist eine Wetterfahne!" sagte er.„Und zwar eine feine Wetterfahne ist es gewesen. Vielleicht war sie auf dem Schloß am Felsnfer angebracht. Du solltest das Meer einmal stagen." Die Marsch lag ein Weilchen da und dachte nach. DaS Meer war unruhiger als gewöhnlich. Ab und zu spritzte Schaum über den Deich auf. .Hör' einmal dein sanftes Meer," sagte der Hänfling höhnisch. „Meer!" rief die Marsch. „Laß mich!" rief das Meer zurück.„Ich bin heute wütend und weiß nicht, was ich tue." Da rief die Marsch:„Stets habe ich dich als meine milde Mutter verehrt und dir gedankt, daß du mir das Leben gegeben hast. Nun sitzt hier ein Hänfling, der erzählt, du seiest böse und wild und habest ein entsetzliches Unglück angerichtet." „Ich mache, was ich will," erwiderte das Meer.„Sende den Hänfling zu mir heraus, so werde ich ihn ertränken." „Hör' mal an!" rief der Hänfling. Und die Marsch fragte:„Ist das wahr, daß du vor vielen Jahren ein prachtvolles Felsufer mit der Schloßherrschaft, mit Bauern, Hirschen und Wäldern und einer ganzen Hänflingsfamilie vernichtet hast?" »Das wird wohl stimmen/ antwortete daS Meer.»Was weiß ich noch von den alten Geschichten I Ich mache, was ich will/ „Ist daS die Windfahne des Schlosses, die da auf dem Deich liegt?" rief die Marsch. „Wenn da eine Windfahne liegt, so hat sie auch wohl mal irgendwo gesesien/ sagte das Meer.„Was soll all das Gerede?" Du bist mein Land. Ich habe dich gebaut; und was in dir ist, hast du von mir erhalten. Laß mich zufrieden. Und hüte dich!" „Hörst du es?* rief der Häusling. Die Marsch dachte nach. Die Dämmerung brach herein. Die Kühe legten sich im hohen Grase nieder, um wiederzuläuen. Der Bauer stand in seiner Tür und sah nach Westen. „Der Himmel steht schlimm aus," sagte er.„Und daS Meer ist heute abend sehr unruhig. Wenn wir zur Nacht nur lein Ge- Witter bekommen I" „Ich bleibe bis morgen hier/ zwitscherte der Hänfling.«Laß uns noch ein bißchen zusammen plaudern, Marsch. Ich verstehe recht fiut. daß du es satt hast. Es ist niemals angenehm, über einen Nächsten so etwas zu erfahren. Aber die Wahrheit ist die Hauptsache.* Die Marsch lag schweigend da und dachte nach. Der Abend rückte vor. Der Bauer schlief mit den Seinen. Im Busch schlief auch der Hänfling. Das Meer aber brüllte lauter und lauter. Wilde Wollen jagten am Himmel dahin. Da plötzlich erwachte die Marsch aus ihren Gedanken. „Du böse? Meer I' rief fie. „Was sagst du?* brüllte das Meer.„Bist du von Sinnen? Schiltst du mrch. aus, obwohl ich dir das Leben gegeben habe?* „Du böses Meer I* rief die Marsch wieder.„Dieb I Lügner I Heuchler! Kein Körnchen von dem, was du mir gabst, ist dein Eigentum. Du hast jeden Fetzen von mir geraubt. Dieb I Lügner I Heuchler! Den Fels zertrümmertest du und trugst ihn herüber und spieltest den Wohltäter mit deiner Diebesbeutel Jetzt kenne ich dich, und ich verachte dich.' „Rasest du?' brüllte das Meer, und alle die weißen Wogen- kämme sprangen auf den Deichrand.„Das Felsufer habe ich er- baut, und dich habe ich erbaut. Das Felsufer habe ich nieder« gerissen, und dich reiße ich nieder, sobald es mir Spaß macht. Ich mache, was ich will." „Dieb I Lügner I Heuchler I' schrie die Marsch. Es war, als ob das Meer vor Wut einen Augenblick still würde. Aber dann erhob es sich mit all seiner Macht. „Nieder mit dir, du undankbares Kind l" schrie es. Es durchbrach die Deiche und stürmte auf die Marsch loS. Es zerbrach die Schleusenpfähle, die Bäume und alles, was ihm im Wege stand. Es überschwemmte das Gehöft des Bauern, so daß er und die Seinen in ihren Betten ertranken, wie die Kühe auf der Wiese ertrunken waren. Das ganze spielte sich in kürzester Zeit ab. Eine Stunde, nachdem es begonnen hatte, standen die Marsch und noch viel mehr Land unter Wasser. Nur die höchsten Kirchtürme ragten noch auf. Kein lebendes Wesen war übrig geblieben. Auf der Flaggenstange im Garten des Bauern saß der Hänfling. Nur so entging er dem Wasser. Er schlug mit den Flügeln, war ganz verwirrt vor Schrecken und konnte nicht fliegen. „Du böse« Meer I" schrie er. „Ich mache, was ich will," sagte das Meer. Dann schlug eS auch über den, Hänfling zusammen, und nun war alles begraben. Städtebau. Ausstellung in der Charlottenburger Hochschule. I. Es ist eine Aufgabe, von der jeder Architekt träumen müßte: einem großen, umfassenden Gemeinwesen Form und Gestalt zu ver« leihen, das Nützliche in der Anlage des Stadtwesens zu bedenken, aus ihm das Schöne wie selbstverständlich herauswachsen zu lassen und so den Eindruck des Ganzen so zu steigern, daß es eine Einheit darstellt, trotzdem alles Einzelne sinngemäß und mannigfaltig be- dacht ist. Nicht nur der Architekt ermißt die Größe und die Schön« heit dieser Aufgabe; auch dem Laien ist die Bedeutung klar, wenn er sich nur einen Augenblick in die Vorstellung dessen hineinversetzt, was eS bedeutet, solchem Gemeinwesen, das in sich ein vielgliedriger Komplex ist, das zugleich aber eine beherrschende Einheit sein will, die nach außen mit Macht sich dokumentiert, die Form zu geben, die ihm eigen ist. Und es scheint sogar, daß die Vorstellung von der Bedeutung dieser Aufgabe in der Gegenwart so allgemein ge« worden ist, daß man mit Gelingen den Versuch unternahm, die breiteste Oeffentlichkeit dafür zu interessieren. Es liegt dem die Vor- stellung zugrunde, daß diese Forderungen rationellen und künstleri- schen Städtebaus stark auf soziale Momente sich gründen. Allerdings ist es zugleich immer ein Anzeichen, daß in den Kreisen der Berufenen, der Fachleute oder der matzgebenden Be- Hörden, etwas nicht in Ordnung ist. Man flüchtet sich nur dann in die Oeffentlichkeit, wenn der Widerstand der reaktionären und doch offiziell maßgebenden Kreise sich aufrichtet. Neue Ideen beanspruchen Geltung; Architekten, die wirklich ihr Fach beherrschen, die Gestalter sein wollen, in denen noch etwas von dem großen Geist der alten Bautradition ursprünglich lebt, während die Mehrzahl im Nützlichen stecken bleibt, nicht einmal mit diesem fertig wird und als Entgelt dafür in den schmückenden Stilformen überflüssige Reminiszenzen an die Vergangenheit bietet, stehen auf. Da regt sich die Opposition; fie schließt sich zusammen. Aber ebenso halten die reaktionären Elemente zusammen und meistens sind es diejenigen, die sich in Amt und Würden befinden, und während des Dekorums wegen ein Wettbewerb um die großen Aufgaben des Städtebaues stattfindet, sei es um ein offizielles Gebäude, ein Festspielhaus, eine Platz- anlage, tritt, nachdem die jungen Kräfte sich rüstig mühten, mit einem Male ein Offizieller auf, der den Auftrag in der Tasche hat. So richtet sich, um auf die neuen Aufgaben des Städtebaues zu exemplifizieren, ein gut Teil der Bemühungen auf Beseitigung dessen, was die nächste Vergangenheit sündigte, die Zeit der siebziger und der folgenden Jahre bis in unsere Gegenwart hinein, wo man ein- mal, um zu protzen, in Plätzen, Anlagen, Gebäuden große Vorbilder kopierte, um in eine lächerlich wirkende Imitation zu verfallen, wo man andererseits dem Ideal einer preußischen Exaktheit folgte und mit dem Lineal Straßen ausmeterte, deren langweilige Monotonie und schnurgerade Gleichmäßigkeit nur das Beamtenherz erfreuen konnte. Beides war eine Folge der Tatsache, daß wir Akademien bekommen hatten, die die Baukunst lehrten, und wie es immer ist, mit den verbrieften Examensmöglichkeiten flieht das Können, das Eigensuchen, flieht die Phantasie. Eine Akademie, eine Hochschule, die über solchen Stab von Lehrern gebietet, wie dies bei unseren modernen Instituten der Fall ist, müßte jedem Fall, jeder An- forderung gegenüber gewawsen sein. sie ist so unabhängig, daß sie sich die Pflege des Künstlerischen leisten könnte; statt dessen wird fie der Hort der offiziell behüteten Rückständigkeit und eine Städtebau- ausstellung muß kommen, um das öffentliche Gewissen zu wecken. Wie mannigfaltig die rein ästhetischen Aufgaben der Städte- baukunst sind, das erhellt schon bei oberflächlicher Ueberlegung und die zahlreichen Pläne, Grundrisse, Modelle, Photographien be- stätigen das. Schon gleich das Material zu dem Wettbewerb Groß-Ber lin, der durch ferne Aufstellung im Lichthof in den Mittelpunkt gerückt ist, zeigt die Aufgaben, die der Architekten harren, in deutlichem Licht. Es rst gewissermaßen der Auftakt zu all dem, was die Ausstellung sonst bietet. Manche anderen Modelle, z. B. der Entwicklung Wiens, gehen hiermit parallel und selbst kleinere Städte, wie Chemnitz, Stuttgart, Ulm, Köln liefern hierzu typische Beispiele. Manchmal ist man schon zu greifbaren Resultaten vorgedrungen und es ist einem Stadtwesen gelungen, Vergangenheit und Gegenwart zu einer Einheit zu verschmelzen; andere stecken noch in Versuchen drin und an anderer Stelle ssiehe Berlin) beginnt man erst, sich über die Aufgabe klar zu werden. Jedenfalls— die Wichtigkeit des Problems ist erhärtet. Gehen wir diesem Problem in seinen Einzelheiten nach, womit wir zugleich den besten Ueberblick über die Ausstellung selbst ge» Winnen. Eine wichtige Frage ist zunächst die Behandlung, alter, h i st o- r i s ch e r Stadtteile. Diese sind oft ein Verkehrshindernis und was das Wohnen anlangt, den hygienischen Anforderungen nicht ent- sprechend. Die Hygiene aber ist eine der wichtigsten Aufgaben der Wohnkultur. Lehrreich sind hierfür die Tabellen über die Sterblich- keit iir schlechten Mietskasernen und modernen Gartenstädten; die Ziffer sinkt ganz erstaunlich zugunsten der Gartenstädte, wie sie in England bei Arbeitergartenstädtcn festgestellt ist. Beispiele für solche Sanierungen alter Stadtteile bieten Wien, Salzburg, Dresden. Wir denken leicht immer gleich an Niederreißen. Hier aber ist ge« zeigt, wie man unter Wahrung des architektonisch reizvollen Bildes, das man nicht missen möchte, doch der Hygiene und dem Verkehr gerecht werden kann. Liebevolles Verständnis für daS Alte, starkes Gefühl für die Notwendigkeit des Neuen müssen Hand in Hand gehen, und siehe da, es ist durch ein paar gar nicht schwierige Aenderungen möglich, beiden gerecht zu werden. Wichtig ist fernerhin die Verteilung und Gruppierung der für die Stadt notwendigen und in ihr ansässigen Industrien. Diese müssen so gelegt sein, daß sie das Stadtbild nicht stören. Aus dem Notwendigen ihrer Erscheinung, die nicht häßlich zu sein braucht, kann etwas Monumentales, Großzügiges gestaltet werden, das dem Stadtbild Abwechselung zu geben sähig ist. Auch die RepräsentationS« gebäude gehören in das gleiche Kapitel. Auch sie müssen stark ihren Charakter betonen; sie dürfen nicht leerem Pomp überlieferter Stil» spräche verfallen. Sie können Sammelpunkte, Zentren des Straßen- bildes darstellen und der Würde der Stadt ein Denkmal setzen, wie wir das in alten Ratshäusern, Palästen sehen. Ebenso ist die Verkehrsfrage von wesentlicher Bedeutung. Der Verkehr im Innern, wie nach außen. Eine Tabelle erläutert an Beispielen(sogenannten Verkehrsspinnen) die Häufigkeit des Ver- kehr» in Berlin und nach den Vororten, steigend von Jahr zu Jahr. Ein anderer Ueberblick erlaubt einen Vergleich des Verkehrs der größten Städte der Welt im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl. Und eine statistische Berechnung erläutert die Tatsache, daß Unter- grundbahnen nur in der Stadt rentabil sind, während sie nach den Vororten wohl Zuschüsse erfordern, woraus hervorgeht, daß nach außen nur Hochbahnen möglich sind. Von einschneidender Bedeutung ist das Verhältnis der Stadt zur umgebenden Natur. Die Frage des Wald- und Wiesen- gürtelS, die w Wien so vorbildlich gelöst ist. daS ja cfate besonders bevorzugte Umgebung besitzt, ist st» für Berlin besonder? aktuell. Auch Berlin braucht sich seiner Umgebung nicht zu schämen. Manch schöne Vorschläge find in den Entwürfen zum Wettbewerb Grog- Berlin ent» halten und wenn es gelänge, sie in Taten umzusetzen, wäre daS ein unberechenbarer Gewinn. Wenn! Denn nirgends spielt die un- selige Bodenpolitik und der Spekulationsschacher eine so ausschlag- gebende Rolle wie hier. Es wird viel geredet von Waldschuy und Heimatschutz. Aber immer wieder überraschen Meldungen, die be- weisen, wie vergeblich die Oeffentlichkeit ankämpft gegen dieses Un- Wesen, das selbst an offizieller Stelle Begünstigung erfährt. In dieser Beziehung ist die große Karte des WaldsckutzverbandeS sehr lehrreich, indem hier durch farbige Markierung auffällig gezeigt ist, welche Stellen gefährdet sind: eS bleibt nicht viel Ungefährdetes übrig. Es bandelt sich darum, die Wohnungsfrage mit dem Natur- schütz so zu verbinden, daß der Allgemeinheit nichts geraubt wird. Aber wo ist die Kommune, die diese Aufgabe energisch anpackt? Sie überläßt das den Spekulanten. ES handelt sich auch darum, daß die Wohnverhältnisse sich nicht ungebührlich verteuern. Er- staunlich ist, waS da mehrere Tabellen mitteilen, die klipp und klar illustrieren, wie enorm die Mietspreise im Verhältnis zum Ein- kommen gestiegen ssind, wobei die kleinen Wohnungen im Preis konstant steigen, während der für große Wohnungen sinkt. Auch hier spielt die Verkehrsfrage hinein, indem erfordert ist, daß die Be« völkerung von allen Teilen der Stadt möglichst schnell mS Freie gelangen kann. Man bekommt einen Begriff von der ungeheuren Arbeits- intensität, die sich in einer Stadt konzentriert, wenn man die Ent- wäfferungsanlagen, die Kanalisationen, die Wafferzuführungen be- trachtet. Wie das alles von weither zugeleitet wird, sich unter- irdisch verteilt und wieder hinausgeführt wird, daS ist erstaunlich. Der immense Körper solchen Stadtkomplexes zeigt damit sein inten- fives Leben; die unterirdischen Kanalnetze durchziehen es wie Adern und dieses Leben ist fast unsichtbar und doch baut sich darauf die ganze Existenzmöglichkeit dieses Komplexes auf. Das Verhältnis der Stadt zur Natur wird auch nach innen wirksam in der Frage nach der Anlage von Plätzen, Parks. Das Grün der Bäume und Wiesen, die bunten Farben der Blumen- beete und Sträucher wirkt belebend auf den Stadtnrenschen. Es werden im Häusermeer Erholungsstätten geschaffen; Licht und Lust strömen ein und der Raumeindruck schafft durch seine Freiheit und Größe Weite. Dem Häusergewirr, der Straßenenge wird das Er- drückende genommen. Früher hat man solche Plätze oft so an- gelegt, daß man Repräscntationsgebäude mitten darauf pflanzte. Aber die alten Platzanlagen zeigen, daß die großen Gebäude gerade seitlich am Platz und nicht auf ihm liegen. Dann hat man in neuerer Zeit, wenn es sich um Anpflanzungen handelt, oft gar zu abgezirkelte Wege und Beete angelegt. Neuerdings bevorzugt man in richtiger Erkenntnis eine gewisse Freiheit in der Anlage, waS dem schönen Eindruck als Erholungsstätte sehr zu statten kommt, und wenn dann noch unter grünen Bäumen weiße Bänke stehen und nicht jene häßlichen, armseligen Eisenbänke, so machte das Ganze einen rntimen, freundlichen Eindruck. Auch die Frage, ob und wie man Plastik hier aufftellen solle, wird berührt. Früher rückte man Statuen aufdringlich in den Mittelpunkt und fast schien es, als sei der Platz nur um ihretwillen da. Jetzt verteilt man sie im Grünen, wo sie schöner wirken, da sie einen guten Hintergrund im Blattwerk finden. Ein schöner Platz ist eben kein Präsentier- und Paradestück, sondern eine Erholungsstätte. Geradezu imponierend und Vorbild« lich ist in dieser Hinsicht Chicago, das in der Stadt mit einem Kostenaufwand von 80 Millionen 25 vollständige Parks anlegte, mst Schwimmbassins, Spielplätzen, Planschmiesen für die ganz Kleinen, Lesehallen; eine ganze Reihe vorzüglicher Bilder illustrieren das Leben und Treiben der Kinder und Erwachsenen in diesen Parks. Amerika zeigt auch in der Anlage seiner Universitäten, die mitten in grünen Gärten liegen, eine vorbildliche Vereinigung von gesundem Leben und Wiffenschaft. L. E!. W. Kleines f eiiilleton» Literarisches. , M e i Erich*. Aus Otto Erichs Leben. Von Selma Hartlebeu(S. Fischer, Berlin). Vor f ünf Jahren verstarb der Dichter des.Rosenmontag* usw., Otto Erich Hartleben, 40 Jahre alt. Er war immer, was man ein fideles Huhn nennt gewesen. Und da einem Humoristen, tvenn er obendrein noch im Geruch eines warmfühligen, guten Menschen steht, kleine und selbst große Schwächen gern nachgesehen zu werden pflegen, so kommt's auch, daß die Erinnerung an ihn jahrelang nachschwingt. Nun sind wir ja der Meinung, daß lediglich des Dichters Werke von ihm zeugen sollen, weil alle Schnitzel- und Spänekräuselung, die von Katheder- gelehrten aufgelesen, spitzfindig und.scharfsinnig* registriert und kommentiert wird, eher zur Verdunkelung als zum Verständnis eines Künstlers beiträgt. Wer denkt nicht mit Schauder und Schrecken an die Goethe-Schiller-Wagner-.PHilologie'! Dieser Kram richtet viel Unheil an; und man muß es daher manchen Leuten nach- sehen, wenn sie, obwohl keine Literaten von Beruf, über den von jenen.Kommentatoren* unausgesetzt verübten Unfug Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: einmal wild werden, um nun, sei eS aus Unkenntnis oder aus Ab« neigung gegen alle Schöngeisterei die betreffenden Autoren dafür verantwortlich machen wollen, daß sie solche Zettelkasten nicht vor ihrem Tode einer gründlichen Säuberung unterzogen haben.... Auch über den guten.Otto Erich* ist schon mehr salbadert worden, als uns erträglich scheint. Man hat seine literarische Hinterlassen- schaft aus seines Schreibtisches Schubladen ans Licht der Oeffent- lichkeit gezogen— sehr zum Schaden des Dichters, weil eS meist „dowe* Geistesblitze waren. Man hat Liebeskorrespondenzen usw. publiziert, wofür doch gewiß keine Notwendigkeit vorlag. Das vor- liegende Büchlein enthält nun Erinnerungen an Hartleben von seiner Witwe. Man wird ihr das Zeugnis nicht versagen, daß fie un« endlich viel Geduld gehabt; denn eS ist gar nicht so einfach ge« wesen, Otto Erichs Exzentrizitäten zu vertragen. Im Grunde ge« nommen sind das aber Privatangelegenheiten. Trotzdem stoßen wir auf manche Schnurre, die uns lachen macht. Hartleben war wirklich eine durch und durch humorvolle Kreatur, dabei von einer liebens« würdigen Naivität in allem seinem manchmal doch auch ziemlich heiklen Tun. Davon sprechen diese anspruchslos � gegebenen A i- Zeichnungen. Sie gewähren dabei auch interesiante Einblicke in ine geistige Werkstatt eines Schaffenden. Völkerkunde. Primitive Volks stamme auf der Insel For- mosa. Auf einer noch sehr niedrigen Kulturstufe befinden sich, wie die„Zeitschrift für Ethnologie* mitteilt, die Eingeborenen der Insel Formosa, die von den eingewanderten Chinesen mehr und mehr in die mittleren und östlichen Gebirge zurückgedrängt worden sind und deren Zahl gegenwärtig noch etwa 120 000 Seelen beträgt. Wahrscheinlich gehören sie der malaiischen Völkerfamilie an und sind von Südwesten her in ihre heutige Heimat eingewandert. Sie sind in verschiedene Stämme gegliedert, die sich vereinzelt der höheren chinesischen Kultur bereits angepaßt haben, in ihrer über- wiegenden Zahl aber noch recht ursprüngliche Verhältniffe zeigen. Die politische Organisation beruht teils auf den Einzelfamilien, teils auf Familienverbänden. Die Gemeinden sind teilweise auf eine Art Selbstverwaltung gegründet, wobei die stimmberechtigten Männer nach dem Alter streng geschieden find. Hier und da richtet sich auch die Fähigkeit zur Wahrnehmung gemeinsamer Interessen — also vor allem der politischen Rechte und Pflichten— nicht nach dem Alter, sondern nach dem Grade der körperlichen Entwicke- lung, wobei bis zu elf verschiedene Klassen unterschieden werden, unter die auch die öffentlichen Arbeiten, Wegebauten, Wachehalten usw. ein für allemal verteilt, sind. Die Wohnungen bestehen nur in Ausnahmefällen aus Steinhütten, vielfach dienen als solche noch Höhlen. Ein Oberkleid, das vor allem ziemlich die Brust verhüllt, und ein viereckiger, plaidartiger Mantel, sind die Hauptkleidung dieser Völkerstämme. Eine Kopfbedeckung tragen nur die Männer in Form einer geflochtenen, schüsfelförmigen Kappe mit nach hinten getragenem Mützenschild, die zugleich als Hohlmaß benutzt wird. Alkohol wird in großen Mengen konsumiert. Zur Herstellung dient die Hirse; wo keine Hefe zu deren Gärung zur Verfügung steht, wird diese durch Speichel ersetzt, indem die Frauen die Hirse zuvor kanen. Ter Ackerbau selbst steht meist noch auf der Stufe des pri« mitiven Hackbaues: eine Pflege des BodenS kennt man nicht; ist er an einer Stelle ausgesogen, wird eine andere in Angriff ge- nommen und die ganze Ansiedlung verlegt. Dementsprechend wer- den mit Ausnahme einer kurzstieligen Hacke Ackergeräte nicht be- nutzt, vor allem fehlt der Pflug. Ebenso niedrigjtchcnd find die religiösen Anschauungen: Geister und Dämonen find eS, die sie völlig beherrschen. Sie begletten und umlauern den Menschen auf allen Wegen; Krankheit und Tod, Mißwachs und Unglück sind ihr Werk. Wahrscheinlich hängt mit diesem Glauben auch die grau- same Sitte der Kopfiagd zusammen, die auf Formosa noch nicht ausgerottet werden konnte. Kein Jüngling wird für großjährig erklärt, der nicht einen Kopf erbeutet. Wer die meisten Köpfe auf- weisen kann, genießt das größte Ansehen. Wo viel Schädel sind, da ist viel Macht, heißt es in einem Liede. Denn man glaubt, daß die Seele des Getöteten damit dem Jäger Untertan wird. Astronomisches. Eine drehbare Sternkarte. Gerade in diesen Tagen dürfte mancher mit erhöhterem Interesse als sonst den gestirnten Himmel beobachten. Die Tagesprefie ist voll astronomischer Notizen, die Namen von Sternen und Sternbildern schwirren durcheinander. Wie aber sich am Himmel selbst orientieren? Wie die Sternbilder, wie die Planeten und ihren Laus auffinden? Die Kärtchen in astronomischen Lehrbüchern sind für den Laien in den meisten Fällen zur Orientierung ungeeignet; fie veranschaulichen auch nicht die Be- wegungen der Gestirne. Von sehr großem Werte ist da eine dreh- bare Sternkarte, wie fie von A. Mang in Stuttgart zum Preise von 1,7ö M. herausgegeben worden ist. Eine sinnreiche An- ordnung ermöglicht es, auch den Lauf der Sonne und des Mondes, die durch glänzende Scheiben auf emem Zeiger dargestellt sind, zu verfolgen. Eine ausführliche Anleitung unterrichtet über da« Auf- suche» von Sternbildern, Sternen und Nebeln, über die Haupt- stellnngen der Sonne in ihrer Bahn, den Mondlauf, die Entstehung der Mondphasen, der Sonnen- und Mondfinsternis usw. Die Karte dürfte allen denen willkommen sein, die gern eine lebendige Bor- stellung vom Sternenhimmel haben möchten._ Vorwärl« Bucvdructerei u.Vert«g»ansmUMaut«Niger öcEo..Bertm SWT