Mterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 94. Mittwoch, den 18. Mai. 1910 lffiachdruS percwtea.Z 32� VLe Eyciml. Roman vonVicenteBlasco I b a n e z. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Gallardo schien mit seiner Beweglichkeit und seinen Toll- kühnheiten den ganzen Ring auszufüllen, nur darauf bedacht, alle seine Gefährten zu übertreffen und allen Beifall für sich allein einzuernten. Niemals war er seinen Verehrern so groß vorgekommen. Bei jeder seiner Heldentaten erhob sich der Verwalter und rief, indem er unsichtbare versteckte Gegner anschrie:„Laßt sehen, wer etwas zu bemerken wagtl... Was gesagt ist�bleibt gesagt... der erste Mann der WeltI Der zweite Stier, t>en Gallardo niederzustoßen hatte, wurde in seinem Auftrag vom Nacional durch geschickte Manöver mit dem Mantel bis unter die Loge geführt, in der das blaue Kleid und der weiße Schleier sich befanden. Neben Donna Sol saßen der Marquis und zwei feiner Töchter. Gallardo ging längs der Barriere hingen Degen und das rote Tuch in einer Hand, von den Blicken der Menge ge- folgt, und als er sich der Loge gegenüber befand, richtete er sich auf und entblößte sein Haupt. Er widmete seinen Stier der Nichte des Marquis Moraima. Viele Zuschauer lächelten maliziös. Ein Bsavo den Glückskindern I Er machte eine halbe Wendung, warf nach Beendigung seiner Ansprache die Kopfbedeckung zu Boden und erwartete den Stier, den die Kameraden mit Mantelschwenken in seine Nähe brachten. Der Matador sah zu, daß die Bestie sich nicht von der Stelle entfernte, und in einem Nu fertigte er sie ab. Er wollte vor den Blicken von Donna Sol den Stier töten; sie sollte ihn aus der Nähe, der Gefahr gegenüber sehen. Jede seiner Be- tvegungen mit dem Tuch war von Ausbrüchen des Jubels und der Angst im Zuschauerraum begleitet. Die Hörner gingen dicht an seiner Brust vorbei, es schien unmöglich, den An- griffen des Tieres unverwundet zu entgehen. Plötzlich richtete er sich auf, den Oberkörper mit dem Degen in gerader Linie vorbeugend, und, bevor das Publikum seine lärmenden Warnungen an ihn richten konQte, warf er sich gegen die Bestie, wobei während einiger Augenblicke Mensch und Tier einen einzigen Körper bildeten. Als sich der Matador vom Stier losgemacht hatte und unbeweglich dastand, entfernte sich das Tier mit unsicherem Schritt und mattem Gebrüll. Die Zunge hing zwischen den Lefzen hervor, und der rote Griff des Degens war am oberen Teile des Halses kaum sichtbar. Nach wenigen Schritten stürzte es zu Boden; die Zuschauer, wie von einer mächtigen Sprungfeder bewegt, erhoben sich wie ein Mann von den Sitzen und brachen in ei»en donnernden Beifallssturm aus. Keinen zweiten gab es auf der Welt, der Gallardo an Kühn- heit glicht Ob dieser Bursche wohl eimal Furcht gekannt hatte? Der Matador öffnete die Arme, die den Degen und das Tuch trugen, und grüßte zur Loge hinauf, während die weiß- behandschuhten Hände Donna Sols fieberhaft Beifall klatschten. Dann kam ein Gegenstand von der Loge zur Barriere herunter, von Zuschauer zu Zuschauer weiter befördert. Es war ein Taschentuch der Dame, dasselbe, das sie in der Hand getragen hatte, ein duftendes zierliches Gewebe aus Batist und Spitzen, durch einen Brillantting gezogen, den sie dem Stierfechter für seine Widmung zum Geschenk machte. Von neuem ertönte Beifall, diesmal über das Geschenk. und die Aufmerksamkeit des Publikums, die bis jetzt voll- ständig dem Matador gegolten hatte, zersplitterte sich, indem viele der Arena den Rücken kehrten, um Donna Sol zu be- trachten, deren Schönheit sie stürmisch mit der Ungezwungen- heit des andalusischen Wesens priesen. Ein kleines, behaartes und noch warmes Etwas wurde von Hand zu Hand nach der Loge hinaufgereicht: es war das Ohr des Stieres, das der Matador als Huldigung heraufsandte. Das Schauspiel war kaum zu Ende, als sich auch schon die Nachricht von' dem großen Erfolge Gallardos durch die Stadt verbreitete. Als der Matador seine Wohnung er- reichte, erwarteten ihn die Nachbarn an der Tür und klatsch- ten ihm Beifall, als ob sie in Wirklichkeit dem Kampfe beige« wohnt hätten. Indem der Sattler seinen Groll gegen der» Schwager dem Vergessen anheimgab, erging er sich in Lob« reden über ihn, weniger in Anbetracht des Kampferfolges, als wegen der wertvollen Freundschaftsbeziehungen. Seit einiger Zeit hatte er ein gewisses öffentliches Aemtchen im Auge, und er zweifelte jetzt nicht mehr daran, daß er eL er« halten werde, da Juan in den besten Kreisen Sevillas Zutritt hatte. Laß unS doch den Ring sehen! Sieh mal, Encarnacion, welch ein Geschenk. Ein echter Diamant und dick wie eine Kichererbse! Potztausend, muß ein schönes Stück Geld ge« kostet haben." Und der Ring ging von Hand zu Hand, begleitet von Ausrufen der Bewunderung seitens der Frauen. Nur Carmen verzog bei seinem Anblick das Gesicht:„Ei, ja, recht hübsch," und gab ihn schnell an ihre Schwägerin weiter, als ob sie sich die Finger daran verbrannt hätte. Nach diesem Stiergefecht kam für Gallardo die Zeit deS Reifens. In keinem der früheren Jahre hatte er so viele Engagements bekommen, als in diesem. Nach seinem Auf« treten in Madrid sollten alle anderen Stierzirkusse Spaniens an die Reihe kommen. Gallardo ging von Erfolg zu Erfolg. Niemals.hatte er sich so aufgelegt gefühlt; es schien, als ob eine neue innere Kraft ihn beseelte. Vor Beginn der Schauspiele allerdings wurde er oft von schrecklichen Zweifeln und einem der Furcht ähnlichen Gefühl befallen, das er wie in seiner ersten Zeit, als er anfing, berühmt zu werden, gekannt hatte, aber sobald er sich auf dem Schauplatz seiner Tätigkeit sah, waren jene Gefühle verflüchtigt und er selbst von einer Tollkühnheit, die stets vom Erfolg gekrönt wurde. Nach getaner Arbeit in irgend einer Arena der Provinz kehrte er in Begleitung seiner Cuadrilla, die mit ihm zu- sammen wohnte, in sein Absteigequartier zurück, �n Schweiß gebadet, vom Triumphe angenehm ermüdet, noch im Kostüm, ließ er sich nieder, und nun eilten die Sachverständigen des Ortes herbei, um ihn zu beglückwünschen.„Er war unerreichbar gewesen, er war der erste Stierfechter der Welt!"—■ Jener Degenstoß beim vierten Stiere! Das mußte man ge» sehen haben!— Wirklich?— fragte Gallardo mit kindlichem Stolz, und fügte dann selbst hinzu:„In der Tat Ist der Stoß nicht übel gewesen." Und über dem unaufhörlichen Wortschwall, der jede Unterhaltung über Stiergefcchte charakterisiert, verflogen die Stunden, ohne daß der Matador und seine Bewunderer müde wurden, über den Kampf des Nachmittags und über frühere, vor Jahren stattgehabte zu verhandeln. Die Nacht brach herein, Lichter wurden angezündet, und die Besucher machten noch keine Miene, zu gehen. Die Cuadrilla, getreu der Dis- ziplin ihres Berufes, lvartete in geduldigem Schweigen das Ende der Gespräche in einer Ecke des Gemachs ab. So lange es ihnen der Maestro nicht gestattete, durften die Jungen sich nicht umkleiden und ans Essen denken. Die Picadore, von ihren eisernen Beinschienen und den Stürzen mit den Pferden ermüdet, drehten ihre breitkrempigen, steifen Filzhüte zwischn den Knien hin und her. Die Banderillcros, in ihre engen, von Schweiß durchnäßten Seidengewänder eingezwängt, waren nach der heftigen Bewegung des Nachnittags hungrig geworden; alle hatten denselben Gedanken und warfen den Aficionados verstimmte Blicke zu. „Werden diese Schwätzer nun endlich gehen? Diese vermaledeiten Kerle!" Endlich traf sie ein Blick des Matadors, der ihnen ge- stattete sich zurückzuziehen. Und die Cuadrilla trat ab. sich gegenseitig wie Schulkinder zum Zimmer hinausdrängend, während der Maestro die Lobsprüche der Bewunderer weiter anhörte, ohne sich um Garabato zu kümmern, der schweigend den Augenblick, ihn zu entkleiden, abwartete. Von Zeit-zu Zeit kam für ihn eines jener kurzen, wohl» riechenden Briefchen an, die ihn zu seinen Erfolgen beglück» wünschten. Ahl Wenn er Donna Sol bei sich hätte! Bei diesem fortwährenden Herumziehen von einem Publikum zum anderen, vergöttert von den Aficionados. die ' ihm Kzs Leben im Ort angenehm zu machen sich bemühten. kam er mit Weibern in Verkeh't und wohnte ausgelassenen Festlichkeiten bei, die ihm zu Ehren veranstaltet waren. Er kam von diesen Festen stets mit vom Weine trüben Gedanken zurück und in einer wilden Verfassung, die ihn ungesellig machte. Er fühlte die grausame Begierde, Weiber zu miß- handeln, und einen unwiderstehlichen Drang, für die Quäle- xeien der Einen sich an anderen ihres Geschlechts zu rächen. Es gab Augenblicke, in denen es ihm ein Bedürfnis war, seine trüben Gedanken dem Nacional mitzuteilen, um sich zu erleichtern. Außerdem flößte ihm der Banderillero, fern von Sevilla, eine größere Zuneigung, gleichsam eine zurück- strahlende Zärtlichkeit ein. Sebastian kannte sein Verhältnis zu Donna Sol, er hatte sie, wenn auch nur von weitem, gesehen, und sie hatte oft gelacht, wenn sie von seinen Schrullen hatte erzählen hören.. Der Banderillero nahm die vertraulichen Mitteilungen des Maestros mit einer Geberde ernsten Bedenkens auf. „Was Du zu tun hast, Juan, ist, diese Dame dem Ver- gessen anHeim zu geben. Bedenke, daß der häusliche Friede mehr als alles andere wert ist, für uns, die in der Welt uniherziehen und der Gefahr ausgesetzt sind, zu allem un- fähig, nach Haus zurückzukehren. Bedenke, daß Carmen mehr weiß, als Du Dir einbildest. Sie hat von allem Kenntnis, zweifle nicht daran. Auch mir gegenüber hat sie indirekt Deine Beziehungen zur Nichte des Marquis erwähnt... die Ärmel Es ist eine Schande, ihr Kummer zu machen!.. Sie hat auch ihren Kopf, und wenn sie einmal im Zuge ist. wird sie Euch Unannehmlichkeiten machen." Allein Gallardo, dem Bereich seiner Familie entrückt und in seinen Gedanken von der Erinnerung an Donna Sol er- füllt, schien die Gefahren, von denen ihm der Nacional sprach, nicht zu begreifen und zuckte über dessen sentimentale Vor- stellungen die Achseln. Es war ihm ein Bedürfnis, seine Er- innerungen zu bekunden, und mit der Schamlosigkeit des sieg- haften Liebhabers, der in seinem Glück beneidet fein will, den Freund zum Vertrauten vergangener Wonne zu machen. l{fortsetzt! tiz folgt.Z Die flucht Joachims I. vor dem(Weltuntergang. Treibt die Furcht vor dem Zusammenstoß des Halleyschen Kometen mit unserer Erde im 20. Jahrhundert kaum noch in den am wenigsten aufgeklärten Schichten ihr Unwesen, so war bekanntlich früher der mit der Astrologie zusammenhängende Aberglaube auch in den höchststehenden außerordentlich mächtig. Aber das Ereignis, das wir hier nach einer alten Chronik erzählen wollen, dürfte denn doch einzig dastehen. Der Held unserer Ge- schichte ist der brandenburgische Kursürst Joachim I. Nestor, der von 1439—1535 regierte und wie schon sein Name besagt von seinen Zeitgenossen wegen seiner angeblichen Zuneigung zu den Wissen- schaften gerühmt wurde. ES ist übrigens auch derselbe, der sich durch seine Strenge dem wegelagernden märkischen Adel gegenüber be- kannt gemacht hat, und an besten Tür im Berliner Schloß der Junker von Otterstedt die so oft angeführten Schmähworte mit Kreide schrieb: Joachimken, Joachimken, hüte dy I Wo wy dy kriegen, da henken wy dh l Und dieser selbe Fürst entfloh eines Tages, weil ihm eine böse Konstellation der Gestune furchtbaren Schrecken einjagte, mit seinem ganzen Hofstaat aus seinem Berliner Schloß auf den Kreuzberg, der rhn als„Berg' vor der drohenden Sintflut retten sollte. Doch hören wir. was unö von dem unerhörten vor- kommnis berichtet wird: Dem Zuge der Zeit folgend, hatte Joachim sich mit Eifer dem Studium der Astrologie ge« Widmet und im Schloste. dort, wo sich setzt der sogenannte grüne Hut erhebt, eine Art Sternwarte einrichten lasten, von wo aus er häufig bis zum Morgen unter Anleitung seines LieblingS- sterndeuters Carion den Himmel beobachtete. Nun hatte im Jahre 1518 der berühmte Astrologe Stöffler geweissagt, daß im Fe- druar 1524 eine große Sintflut die ganze Erde zerstören werde. Eine Kunjunktion des Saturn. Jupiter und Mars im Zeichen der Fische trete dann ein, und das bedeute zweifellos eine ungeheuere Wasserflut. Da auch andere Astrologen diese Prophezeiung bestätigten, geriet ganz Europa in Schrecken und Verzweiflung. Viele verkauften ihrr Hab und Gut, man baute große Archen. Andere wieder vergeudeten alles, was sie besaßen. Aber der gefürchtete Monat erschien und die 5 Prophezeiung erwies sich al» trügerisch. Den Menschen sank ein chwerer Stein von der Brust. Anders Kurfürst Joachim, denn dicicr hatte vorder gewußt, daß die furchtbare Gefahr erst am 15. Juli 1525 zu erwarten sei. Carion hatte genau berechnet, daß Stöffler sich im Datum geirrt habe, und tueseS dem Kurfürsten heimlich mitgeteilt. Erst letzterer Termin sei der unglückbringende Tag, der durch eine Sintflut alles, auch die Städte Berlm und Cölln, zerstören würde. Der Tag brach klar und heiter an. Nirgends eine Wolke am tiefblauen Himmel, kein Vorzeichen, daß die Vorhersagung eintreffen würde. Der Mittag nahte, glühende Hitze herrschte, der Himmel hatte eine fahle, gelblichgraue Farbe angenommen und am Horizont stieg ein schwarzer Wolkensaum auf. Im kurfürstlichen Schloß zu Cölln begann die Dienerschaft sich zu regen.— Die Hofequipagen wurden in größter Eile angeschirrt. auf den Treppen und Gängen liefen Trabanten, Hofherren und Dienerschaft eilig durcheinander. Auf allen Gesichtern prägte sich die Angst vor nahendem Unheil aus, Joachim selbst ging mit verstörter Miene schwankenden Schrittes in seinen Gemächern auf und nieder. Er hatte noch einmal seinen Carion befragt, noch einmal die Be- stütigung des kommenden Unglücks gehört, die Sterne konnten ja nicht trügen. Die Hitze war kauin mehr zu ertragen, dumpsS Gewitterschwüle lag über Berlin und Cöln. Höher und höher hob sich die Wollenwand, schon bedeckte sie einen Teil des Himmels, und ferne Blitze zuckten. Da öffneten sich die Schloß« tore, der Kurfürst, seine Gemahlin und die fürstlichen Kinder fuhren im vierspännigen Wagen über den Schloßplatz, neben dem Wagen ritten die vornehmsten Räte und Offiziere. Im scharfen Trab, so schnell die Pferde laufen konnten, flüchteten die Geängstigten aus dem gefährdeten Cölln. Die Hofdienerschaft folgte zu Pferde oder zu Fuß; beladen mit dem kostbarsten Eigentum.— Nach dem Kreuzberg ging der Zug der Wagen, Reiter und Fuß« gänger, dort auf dem Gipfel der Anhöhe suchte Joachim Schutz vor der drohenden Sintflut.— Stunden vergingen und wieder Stunden. Der Kurfürst saß mit seinen Getreuen auf dem Kreuzberg und schaute bald nieder auf die Städte zu seinen Füßen, bald hinauf nach den schwarzen Wetterwollen, die immer drohender am Himmel heraufzogen. Ein anderes Wetter, das sich unter ihm zusammenzog, sah er nicht. Den Bürgern von Berlin und Cölln war die Prophezeiung CarionS nicht mitgeteilt worden und dennoch wußten sie von ihr. Einige verlachten die Gefahr, andere standen mit bleichen Gesichtern vor den Türen und schalten entrüstet den Kurfürsten, der den Weg zum Kreuzberg durch seine Trabanten hatte absperren lassen, der sich selbst retten wollte vor der Gefahr, die das Volk von Berlin und Cölln bedrohte. Schon war der Himmel mit Wolken dicht bedeckt, in jedem Augenblicke drohte sich daS Unwetter zu ent« laden, da brach plötzlich die Sonne wieder hervor, die Wolken teilten sich. War die Gefahr vorüber? Joachim glaubte es nicht, er war zu sehr von der Untrüglichkeit seines Carion überzeugt, aber während er vom Berg auf die dem Untergang geweihten Städte herabschaute, begann er sich seiner Furcht zu schämen, und als seine Gemahlin Elisabeth ihn dringend bat, nach dem Schloß zurückzukehren, dort mit seinem Volke auszuharren und mit diesem das Geschick zu teilen, das Gott senden möge, da ermannte er sich und gab Befehl, die Wagen wieder anzuspannen. Er kehrte nach Cölln zurück. Nicht mit freudigem Gruß, sondern mit finsteren Blicken wurde er empfangen, als er schnell durch die Gertraudtcn- und Breite Straße fuhr. Schon war er auf dem Schloßplatz angelangt, schon wollten die vier schnaubenden Rosse ins Burgtor einbiegen, da öffneten sich plötzlich die Wolken, die sich wieder zusammengezogen hatten, ein Blitzstrahl schoß hernieder und der Donner krachte, als bräche das mächtige Schloß in sich zusammen. Joachim war betäubt, geblendet. Als er durch den rauschenden, jetzt in Strömen herabfallenden Regen wieder ins Bewußtsein ge« rufen wurde, stand der Wagen still. Er sprang heraus; vor ihm lag die vom Blitz herabgeschleuderte Leiche deS Wagenknechtes. Luch die vier Pferde waren erschlagen. Sunsten— sagt Hafliz, der uns dieses Ereignis erzählt— hat das Wetter keinen Schaden mehr getan. P. B. Selbstverwaltung in der Schule« Die Entwicklung der Volksschule bewegt sich auf der Linie. die die Entwicklung des modernen Staates gezeichnet hat. Ge» boren aus den materiellen Bedürfnisten der im Aufschwung be- griffenen bürgerlichen Klasse, verwandelte sie sich in den Händen der staatlichen Machthaber bald zu einem wertvollen politischen Instrument. Der Staat brauchte die Schule; ohne sie hätte er niemals die moderne Verwaltung schaffen können, die an die Mitarbeit breiter Volksschichten so hohe Anforderungen stellt, niemals das moderne Heer zu schaffen vermocht, dessen Organisa- tion ein gewisses Maß von Schulung und Disziplinierung voraus» setzt. Auch das kapitalistische Unternehmertum, das in industriellen Großbetrieben auf das planvolle Zusammenwirken qualifizierter Arbeitskräfte angewiesen ist, hatte am Ausbau und der staatlichen Handhabung des Schulwesens hohes Interesse. So ist der Staat als höchste, umfassendste, jeder anderen übergeordnete Organisation Herr über die Schule geworden. Jede Wandlung im Charakter deS Staates prägt sich in der Verfassung des Schulwesens aus. Solange die aufgeklärten Des» poten des 17. und 18. Jahrhunderts nur brauchbare Arbeitskräfte und gehorsame Untertanen nötig hatten, war die Unterweisung in der Zucht des Herrn und die Unterordnung unter den Willen des Fürsten und seiner Diener die erste Aufgabe der Schule. Als unter Napoleon und Stein das Joch des feudal-dynastischen Ab- solutismus etwas gemildert wurde, erlebte das preußische Volks- schulwesen, wohltätig berührt von den gewaltigen Ideen Pestalozzis, einen ungeahnten Aufschwung, um dann um so tiefer wieder in den Sumpf der Muckerei und Knechtseligkeit zu versinken, als die schwarzen Flügel der vor. und nachmärzlichen Reaktion ganz Deutschland in finstere Schatten hüllten. Erst das jähe Empor- schnellen der kapitalistischen Wirtschaft unter dem Goldregen der französischen Kriegsmilliarden löste die lähmende Einschnürung des Schulwesen? und entwickelte lebensvolle Keime realpädagogischer Tendenzen. Wie aber auch immer der Staatsorganismus be- schaffen war, stets sicherte er sich das Recht aus die Schule und verfügte darüber in seinem Interesse, das jederzeit das In- teresse der wirtschaftlich Stärkeren war. Denn dieses Recht umschließt die Möglichkeit oder doch die Hoffnung dar- auf, die nachfolgenden Geschlechter in der Gesinnung der herrschen- den Gesellschaftsklasse so zu beeinflussen, wie es ihr wünschenswert erscheint. Nicht nur deshalb, weil jede Gegenwart meint, sie habe das Rechte und die Zukunft müsse so sein, wie sie in weiser Vor- aussicht dies bestimme, sondern vor allem aus dem realen Grunde, der bevorrechtigten Klasse die Macht, die ihr zu Gebote steht, möglichst lange und ungeschmälert zu erhalten. Um seine Zwecke und Ziele zu erreichen und um das Schul- Wesen in seinem Sinne zu regeln, erläßt der Staat Gesetze und Verordnungen, organisiert seinen Verwaltungsapparat und bildet einen Stab von Beamten heraus. Die Schulbureaukratie waltet ihres Amtes. Sie setzt Lehrplan, Lehrziel und Lehrmethode fest, wählt die Lehrmittel aus, beschafft und überwacht das Lehr- personal, übt Disziplinargewalt und handhabt einen bis ins Kleinste und Einzelnste gehende Reglementierung. Eine immer stärkere Zentralisierung, immer straffere Leitung von einer Spitze aus ist das Ziel. Und jederzeit hat der Staat die Macht, jede sich bemerkbar machende Lücke in seinen Machtmitteln, mittels der Gesetzgebung, auszufüllen. Unter einfachen, besonders ländlichen Verhältnissen begnügt sich die staatliche Ucberwachung mit der etwas primitiven Schul- oufficht, die am Aeußeren der Arbeit und Erfolge haftet und in vielen Fällen von Nichtfachteuten, meist Geistlichen, ausgeübt wird. Gegen diese Einrichtung führt die deutsche Lehrerschaft seit langem einen lebhaften und zähen Kampf. Fachaufsicht lautet ihre Lösung, und auch der Lehrertag in Straßburg wird wieder mit im Zeichen dieser Forderung stehen. Neben der Schulaufsicht für einfache Verhältnisse besteht heute schon für entwickeltere Schul- organisationen die Schulleitung, als.Inbegriff der päda- gogischen Beeinflussung, die man neben der Dienstaufsicht auf jeden Lehrer auszuüben für notwendig fand". Diese autoritative Schul- lcitung hat nun aber mit der Länge der Zeit eine Reihe schwerer Nachteile für Schule und Lehrerschaft zur Folge gehabt. Es hat sich ein System bureaukratischer Bevormundung und Knebelung herausgebildet, das die Freiheit der Bewegung und Entwicklung aufs schlimmste hemmt und auf ein geistiges Uniformtragen hin- arbeitet. Der formalistische Jurist an der Spitze der meisten beut- schen Schulverwaltungen hindert den pädagogischen Fortschritt, weil er selbst steril ist..Es hat noch niemals, sagt Prof. Ziegler, ein juristischer Studiendirektor einen pädagogischen Gedanken gehabt, der Epoche gemacht hätte auf dem ihm unterstellten Gebiet". Gegen dieses bureaukratische Schulrcglement gilt es sich zur Wehr zu letzen und Freiheit für die Entwicklung der Schule und die Arbeit oer Lehrerschaft zu fordern..Die menschliche Natur ist nun ein- mal so beschaffen, daß wir, je geistiger die Wirksamkeit ist, die man von uns erwartet, desto mehr des Gefühls der Selbständigkeit be- dürfen. Oder umgewandt: Je mehr der Mensch sich abhängig fühlt, desto weniger ist er dazu gemacht, mit seinem Geist auf andere Geister zu wirken".(L. Roth.) In einer gründlichen und eindringlichen Abhandlung über die Organisierung der Schulleitung auf Grundlage der Se l bst v e r w a lt u n g zieht der Nürnberger Schulmann Dr. Fr. Nüchter lebhaft gegen den Geist der Bureaukratie zu Felde. Mit rückhaltloser Offenheit legt er die argen Bergcwal- tigungen der Lehrerpersönlichkeit und Versündigungen am Kultur- zwecke der Erziehung bloß. Seine Ausführungen müssen dem Blindesten die Augen darüber öffnen, daß das System der burcau- kratischcn Schulleitung die Schule der Verknöcherung und Vor- kümmerung, der Unfruchtbarkeit und dem völligen pädagogischen Bankrott ausliefert. Schon die Tatsache— schreibt Nüchter zutreffend—, daß der Staat über eine große Menge Personen und Organisationen kom- mandiert, also als Großbetrieb arbeitet, erzeugt eine Reihe von sehr unangenehmen Folgen, die sich fast mit der Notwendigkeit von Naturgesetzen einstellen und die zum großen Teil dadurch cnt- stehen, daß an und für sich unbedenkliche, ja erwünschte Eigen- schaftcn sozusagen umbiegen und sich dadurch in ihr Gegenteil ver- kehren. In einem Großbetrieb sollen viele Hände und Köpfe ein »>nd dasselbe Ziel erreichen; ein Rad muß ins andere greifen. Also ist eine genaue Ordnung und Unterordnung, ein über allen •) Verlag von Fr. Sehbold, Ansbach i. B. 2. M.. Mit- und Teilarbeitern schwebendes Gesetz eine Notwendigkeit. Das soll möglichst gleiche korrekte Ergebnisse, eine Ausschaltung aller störenden persönlichen Willkür, aller Launenhaftigkeit, Ungeschick- lichteit oder Böswilligkeit verbürgen. Die Maschine mit ihrem unendlich exakten, mathematilch sicheren und genau berechenbaren Arbeiten ist das Vorbild auch für die menschliche Tätigkeit gewor- den. Den Menschen zum Automaten zu machen wurde das Ideal auch der Schule. Daher strenge Beaufsichtigung, fort» währende Kontrolle, sorgfältigste Regelung aller Arbeit durch Vorschriften und Regulative. die sich mit der Zeugungskraft von Bazillen vermehren. Ihre Er- füllung wird zum Prüfstein gewissenhafter Arbeit, die Vcrordnun- gen werden Selbstzweck und verdrängen die wirkliche Aufgabe. Der Buchstabe wird zur Gottheit. Wie dabei die Initiative des Ein- zelnen zusammenschrumpft, die Individualität der Lehrcrpersön- lichkeit in ein ausdruckloses Nichts sich verliert, kann sich jeder leicht denken. Ein Einlullen in den gleichmäßigen Gang des Dienstes, eine Art Hindämmern, eine bureaukratische Beschränkt- h e i t, die ein modernes Seitenstück zur längst bekannten Schul- dummheit darstellt, ist die Folge. Der konservative Charakter, der jedem Staatswesen anhaftet, wird noch verstärkt durch die passive Resistenz der V e r w a l» tungsüberlieferungen, die oft zwar eine Summe wert» voller Erfahrungen umschließen, noch häufiger aber ein Blei» gewicht von unheinilicher Schwere darstellen. Sie bewirken, daß jeder Besserungsversnch als ein Ausfluß schädlicher Neuerungs- sucht betrachtet, zum Verbrechen gestempelt und als unstürzle- risches Beginnen verurteilt wird. Worte wie Gehorsam, Pflicht» erfüllung, Autorität usw. werden zu Popanzen und Deckmänteln reaktionärer Gesamthaltung, wenn nicht gar zu Rechtfertigungen für brutale Gesinnungs- und Willenskncchtung. Auf demselben Acker gedeiht die Streberei, die spezifisch bureaukratische Form des Egoismus, die nach oben geschmeidig sich bückt, nach unten kräftig und rücksichtslos tritt und nur ein Ziel kennt, die Meinung des Vorgesetzten zu erraten und zu erfüllen, oft mehr als ihm lieb ist. Sie macht sich auch politisch bemerkbar in der Maske eines aufdringlichen, phrasenhaften, dabei hohlen und selbstsüchtigen Patriotismus, wie man ihm in Ncu-Deutschland in allen Spiel- arten begegnen kann. Die vollendet st e Charakter- l o s i g k e i t hat in diesem unheilvollen Getriebe und Geschiebe die meisten Chancen; die servilste und gesinnungs- lose st e Natur feiert die höchsten Triumphe des Erfolges. Und solchen unfreien, verachtenswerten Geistern wird dann die Jugend des Volkes ausgeliefert. Doch nicht bloß, daß die Rechte der Lehrerpersönlichkeit und die EntWickelung selbständigen pädagogischen Denkens aufs äußerste gefährdet werden, es bleiben auch wertvolle und für das Gedeihen der Schularbeit notwendig« Faktoren unbenutzt, besonders die Familie, wodurch viele fruchtbare Probleme der Erziehung in Vernachlässigung geraten. WaS aber soll, fragt Nüchter, an die Stelle der heutigen Schul- leitung treten, damit die Erziehungsaufgabe so gut als möglich erfüllt und doch gleichzeitig das Interesse derjenigen gewahrt wird, die die Schulen gründen und unterhalten? Antwort: Die Schulführung der Zukunft soll eine Schul» pflege sein, die sich auf folgenden Grundsätzen aufbaut: S e l b st- Verwaltung der Schulen durch die an der Erziehung betei» ligten Faktoren. Selbständigkeit der Lehrer in der Erfüllung der ihnen vorgeschriebenen Aufgabe, Organisation des gesamten städti» schen Schulkörpers als einer Arbeitsgemeinschaft durch Ausnützung aller Möglichkeiten, pädagogische Erfahrungen zu machen, zu ver- breiten und zu verwerten. Den organischen Auf- und Ausbau der Schulpflege denkt sich Nüchter wie folgt: Die Lehrer aller Klassen eines Schulhauses sind zu einer Untergruppe organisiert, die in der Lehrerkonferenz unter dem Vorsitz eines Oberlehrers, der aber nicht Vorgesetzter ist, alle Fragen der pädagogischen Vertvaltuug durch Beratung und Be- schlußfassung— durchaus demokratisch und kollegial— erledigt. Jeder Lehrer ist innerhalb der für alle gültigen Schulgesetze und' der für seine Klasse borgeschriebenen Jahrcsaufgabe, in seiner Tätigkeit vollkommen selbständig. Um eine ständige Verbindung mit den Familien aufrechtzuerhalten und der Schule einen er- ziehlichcn Einfluß über die Schulzeit hinaus zu sichern, besteht in jeder Schulgruppc eine aus dem Schulleiter, Lehrern, Eltern und Vertretern der Gemeinde gebildete Schulhauspfleg- s ch a f t, die durch Eltern, und Untcrhaltungsabende, Turn- und Spielveranstaltungen, Bibliotheken und Lesegelegenheit ihren Zweck zu erfüllen sucht. Den sachlichen Mittelpunkt der Schul» gruppe bildet die Lehrmittelsammlung, das pädagogische Archiv und die Bibliothek. Die zentrale Organisation der Schulpflege hat ihren Kern in der p ä d a g o g i s ch e n Kommission, die aus dem städtischen Schulrat, gewähltem Oberlehrern, gewählten Vertretern der Lehrer und den Leitern'ox.i pädagogischen Hilfsinstitute(Seminare, Ver- suchS- und Uebungsschule, Laboratorium usw.) besteht. Organ der pädagogischen Selbstverwaltung ist die G e s a m t kon f e r e n z, Organ der gesamten Schulpflege die Lokalschulkommis- s i o n, die aus gewählten Vertretern der Lehrer- und Elternschaft zusammegesetzt ist, also das städtische Schulparlament bildet. ®a8 ist in großen Umrissen die bon Dr. Nüchter vorgeschlagene Organisation der Selbstverwaltung auf dem Gebiete der Schul- erziehung. Sie erhebt nicht den Anspruch, in allen Stücken einwand- frei und mustergültig zu sein, so daß sie einer Verbesserung nicht noch fähig wäre. Sie ist nur ein Versuch, eine Anregung, ein erstes Beginnen. Aber sie ist durchweht vom Geiste der Demo- Zratie, von dem frischen Hauche der freien Selbstbestimmung und geht auf in der schönen Aufgabe: dem Lehrer die Schaffenslust, das eigene pädagogische Denken, die Lust zu pädagogischer Er- fahrung wiederzugeben und dauernd zu sichern, ihn vor innerer Verknöcherung zu bewahren und vor dem Stumpfsinn des Schul- meistertums zu retten. Ein edles Streben, das gerade in diesen Tagen, da deutsche Lehrer diese brennende Frage wieder einmal diskutieren, beachtet und gewürdigt zu werden verdient. Ob im Rahmen der gegenwärtigen Staats- und Herrschaftsver- Verhältnisse ernstlich an eine Verwirklichung des Nüch- terschen Ideals zu denken ist, das ist freilich eine andere Frage. O. R- Kleines fanlUton. Wunder japanischer Gartenkunst. Die fast märchenhaften Erfolge der japanischen Gartenbaukünstler haben seit jeher die Bewunderung der Europäer erregt, aber nie ist es gelungen, die Mittel und Wege zu erfahren, durch die die Mustergärtner des Ostens ihre Wunder erreichen. Was die Kunst der Gärtner Japans erreicht, davon erzählt eine englische Wochenschrift allerlei Jnter- essantcs. Die Japaner sind wahre Meister in dem Umsetzen von großen Bäumen. Das Alter der Bäume und ihr Umfang scheint bei ihnen gar keine Nolle zu spielen. Mit der gleichen Sicherheit, mit der junge Pflanzen umgesetzt werden, versetzen sie alte Wald- riefen von einem Ort an den anderen, und daß dabei ein Baum eingeht, gehört zu den auffälligen Seltenheiten: Nach zwei, höchstens drei Jahren sorgsamer Behandlung hat der Baumriese alle Folgen des„Unizuges" überwunden. Allem Anschein nach liegt das Ge- heimnis dieser Erfolge in einer besonderen Art der Wurzel- bchandlung. Verblüffend für den Europäer sind die erstaunlichen Vergrößerungen von Blumen und Blüten, die der japanische Gärtner leicht zu erreichen weiß. Die Pflaumen- und Kirsch- bäume werden in Japan nicht der Früchte wegen gezogen: ihr Zweck und ihr Ziel ist die lichte Herrlichkeit der Blüten. Durch eine besondere Behandlung werden diese Obstblüten bis zu dem Umfang von Rosen vergrößert. Man hat Pflaumenblüten gesehen, die sogar viermal so groß wie unsere gewöhnlichen Heckenrosen waren. Aber die Kunst des Gärtners erstreckt sich nicht nur auf die Blüte, auch der ganze Baum wird durch künstliche EntWickelung zu Größen gebracht, die den Fremden immer wieder von neuem staunen machen. Man hat Kirschen- und Pflaumenbäume gezüchtet, die eine so mächtig ausladende Astentwickelnng zeigten, daß ihr Um- fang 80 Meter und mehr maß. Solch ein Kirschbaum wird zu einer weiten Laubhütte, unter der das Laubdach durch Bambusstäbe ge- stützt werden muß, um nicht durch die eigene Schwere zur Erde zurückzusinken. Aber noch höhere Wunder werden auf dem Ge- biete der Verkleinerung hervorgebracht. Die Züchtung von Miniaturbäumen, bon wahren Liliputwäldcrn ist das größte Ge- heimnis der japanischen Görtnerkunst. In ihr verkörpert sich daS Ergebnis jahrhundertelanger, mühsam gesammelter Ersah- rungcn. Heute ist der japanische Gärtner imstande, völlig aus- gewachsene, regelrechte Bäume zu züchten, die kaum einen Fuß hoch sind und die in ihrem natürlichen Zustand zu mindestens 1b oder 20 Meter emporwachsen würden. In London wurde vor zwei Jahren ein winziger Kasten von nur 3 Zoll Länge und 1 Zoll Breite versteigert, der eine vollkommen ausgewachsene Föhre, einen alten Bambus und einen in voller Blüte stehenden Pflaumenbaum enthielt. Ein anderer Miniturkasten enthielt Exemplare aller Bäume, die in Japan wachsen. Wie diese Erfolge erreicht werden, davon werden nur wenige allgemeine Grundsätze verraten, die Details bleiben geheim. Gewöhnlich wird der ausgewählte Samen in einen winzigen Miniaturblumentopf gepflanzt, der kaum einen Quadratzoll Erde enthält. Die Saat wird auf dem Boden des Topfes gelegt. Wenn nach einiger Zeit die Wurzeln sich entwickeln, so streben sie auf der Suche nach Nahrung notgedrungen aufwärts. Sobald sie aber an der Oberfläche erscheinen, werden sie ab- geschnitten. Parallel mit dieser Behandlung der Wurzeln läuft die häufige Beschneidung der Aeste. Die Pflanze steht unaus- gesetzt unter Aufsicht. Der Grundsatz der Behandlung ist, ihr genau nur soviel Nahrung zu bieten, als sie gerade braucht, um ihr Leben zu fristen. Mit der Zeit wird der kleine Baum um- gepflanzt, erhält etwas mehr Erde, und das wird so oft wiederholt, bis die Pflanze voll ausgewachsen ist. Bei sorgsamer Behandlung können solche Liliputbäume Hunderte von Jahren leben. In der japanischen Ausstellung in London sind einige dieser winzigen Bäume zu sehen, die 200 und 300 Jahre alt sein sollen. K««stgewerbe. Die Orientalisch« Aus st eilung inMünkhen. Zu Pfingsten wurde in München die.Ausstellung der Meister- verantw. Redakteur: Richard Barth» Berlin.— werke mohammedanischer Kunst' eröffnet. Es ist eine Prachtausstellung in achtzig Räumen. Stunden braucht man, um nur die Hauptsachen zu sehen, was sage ich. zu bewundern, entzückt zu bestaunen. Wahrlich, hier find Meisterwerke der Kunst deS Islam vereinigt. Orientalische Märchenpracht schaut mau hier. Der Kunst- fteund, der Gelehrte wird hier Tage und Wochen studieren können. Hier in diesen Sälen ist, was nur immer an Schätzen deS Orients aufzubringen war, zusammengebracht. Die Schatzkammern der Kaiser und Könige, die Truhen von Fürsten, Schlössern, die Sammlungen von Kunstsammlern und Professoren haben ihre Schätze hergegeben und ihr Wert ist auf vierzig Millionen geschätzt und entsprechend versichert worden. Unter den 210 Ausstellern sind der Kaiser bon Oesterreich, der Sultan Mehmed, der Prinzregent von Bayern, diele Gelehrte. Granden von Castilien, Ravarra und Leon haben nach München ge« sendet, was auf ihren Schlössern von arabischer Kunst noch vor» Händen ist. Aus Petersburg kamen die Orientschätze der Eremitage. au« Konstantinopel eine Fülle der seltensten Dinge, viele alte, Herr» lich geschriebene Korane, perfische Miniaturen, Kostbarkeiten aller Art. Was dort nur sellen einmal einem Fremden zugänglich wird, da? kann hier ein jeder sehen. Alle europäischen Museen haben in löblichem Wetteifer das Beste von Oricntkunst hergelieben, und so gewinnt man hier«inen Ueber- blick über die Kunst deS Islam wie nirgendwo. Ein Glanzpunkt der Ausstellung ist die türkische Ausstellung. Den Saal schmücken türkische Teppiche, die in großer Zahl an den Wänden angebracht find, zugleich mit Waffen, Helmen, Rüstungs- teilen. Aus der Wiener Hofburg ist ein Teppich da, der als da? kostbarste Gewebe der Welt gilt. Eine geradezu wunderbare AuS- stellung veranstaltet Herr von Tucher. seine persischen und türkischen Teppiche find mit das schönste, was man hier sehen kann. Im nächsten Saale hat da? Münchener Museum ein türkisches Zelt errichtet. Schlachtenbilder zieren die Wände und ebenfalls wieder Waffen. Da ist mancher krumme Jatagan, der wohl einem Gjaur das Leben genommen hat. Zum Frieden aber mahnt der Anblick der vielen heiligen Bücher, der aufgeschlagenen Korane mit ihren köstlichen, farbigen Zierschriften, oft in den eigentümlichen eckigen Zügen der kufischen Schrift. In einem besonderen. Tag und Nacht sehr stark bewachten Saale sind die Kleinodien aufbewahrt. In dem Dutzend Schreine hier liegen viele Millionen. Da ist ein Säbel, mit Gold und Silber eingelegt, aufs reichste besetzt mit Edelsteinen. Die Inschrift lautet: .Eigentum deS Prinzen Johann Georg von Sachsen. Wert 30 000 M." Unter anderen Sachen steht: 130000 M., 80 000 M., SO 000 M. und mehr. Auf federgeschmückten, spitzen Mützen eine Menge von Edelsteinen, auch auf Helmen, Rüstungen, Waffen. Auch das Sattel- zeug, die Zügel, die Schabracken der Pferde, die einst türkische Paschas, perfische Könige und Fürsten ritten, glänzen von Edelsteinen. Es ist wie ein.Tausend und eine Nacht". Polnische Magnatenschlösscr gaben her, was während der langen Zeit der Türkenkriege erbeutet wurde, die Klöster des griechischen AthoS, der Kreml von Moskau haben reichgestickte Priesterge'.oänder gesandt, einst der Schmuck von Archimandriten. Hier ist auch der rot und goldene Mantel deS Kaisers Heinrich IL aus Bamberg. Arabien hat reizende Elfenbeinschnitzereien und die aus Holz zierlich geschlungenen und geschnitzten Gitter gesandt, die vor den Fenstern orientalischen Häuser angebracht find. AusPe rsien sind Gewebe von unschätzbarem Werte gekommen. Kleine Stücke sind von fabelhaftem Werte, denn sie entstammen dem 7. Jahrhundert, der Sassanidenzeit. Man sieht die Fürsten auf den überschlanken Rossen die ebenfalls sehr langen Löwen jagen, sieht ihre bunten Festumzüge. Dann aber heißt es:.Schon war gesunken in den Staub der Sassaniden alter Thron." Die Araber haben die Reste des Alexander-RcicheS zerstört und nun setzt hier ihre Kunst ein mit prachtvoller Töpferei. Hier sind auch viele maurische Lasen, Schalen, Krüge. Die Töpferei ist überhaupt ganz bewundernswert. Da ist namentlich die Stadt Kutahin in Kleinasien, Damaskus in Sirien, die Insel Rhodos zu nennen. Teller von da werden mit Tausenden bezahlt. Es ist erfreulich, daß einige Kunstfreunde an der Hand von alten Funden und etlichen Erbstücken die schöne Kunst jetzt neu aufleben lassen. Schon hat sich auf Rhodos eine kleine Schule für diese bunten Sachen gebildet. Ein Zimmer zeigt alte persische Glasmalerei. Das ist herrlich. Diese üppig farbigen Fenster sind Teppiche, die au« roten, blauen. grünen Lichtstrahlen von Zauberern gemalt find— verschwenderische sarbenftohe Pracht des Orients auch hier. Wenn man stundenlang durch diese eigenartige Ausstellung ge» wandert ist, ist man geblendet. Völker, die so herrliches geschaffen, eine so entzückende Kunst inS Leben gerufen haben, können, wie tief fie auch durch eine jahrtausendlang« Willkürherrschaft gesunken sind, sich wieder emporhelsen, sich auftaffeit. Der Anfang ist in Persieu, wie in der Türkei gemacht. Der 24. Juli 1908 hat ihnen die Verfassung gebracht, der 28. April 1908 hat die TyranniS dauernd vernichtet. Daß die alte, schöne Kunst noch nicht erloschen ist, das zeigen die herrlichen Stücke aus Kutahin, Damaskus. Rhodos. Diese Kunst wird in der Freiheit nur noch köstlicher aufleben und gedeihen. Dr.«. Druck u. Verlag: Vorwärt«Buch»ruckrre> u.Vcrl»g»u»MtPaui