Anterhaltungsblatt des Dorwärts A!r. 95. Donnerstag den 19 Mai. 1910 SSZ Oie)Zrena. SiachdruS teaatea.) Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. „Du weiht eben nicht, was diese Frau istl Du, Sebastian. bist ein braver Kerl, der nicht weiß, was gut ist. Betrachte alle Weiber von Sevilla zusammengenommen, sie sind nichts. Betrachte die von allen anderen Städten und Orten, sie sind gar nichts. Es gibt keine andere neben Donna Soll Wenn man eine kennt, wie die da, so hat man keine Lust mehr zu anderen... Fertig, sag ich Dir. Wenn Du sie kennen würdest wie ich, mein Junge I Unsere eigenen Weiber duften nach Reinlichkeit, nach sauberer, weißer Wäsche, aber diese da. Sebastian, diese!... Stelle Dir vor, alle Rosen im Garten des Alcazar zusammen!... Nein, noch besser: Duft von Jasmin, Geisblatt, Winde, wie sie wahrscheinlich im Para- diesgarten blühten, und diese wunderbaren Wohlgerüche kommen aus ihr heraus, nicht als ob sie sich damit parfü- mierte, sondern als kämen sie von ihrem Blute. Sie ist auch nicht von denen, die nach einem einmaligen Genutz ganz ver- braucht sind. Im Gegenteil, man will immer mehr von ihr haben. Bei ihr bleibt immer noch etwas zu begehren, etwas. das man erwartet und das nicht eintrifft. Kurzum, Sebastian, ich ttnn mich nicht deutlich erklären... Du weißt eben nicht, was eine Dame ist: somit predige mir nicht und halte den Mund." Gallardo erhielt keine Briefe mehr aus Sevilla. Donna Sol war im Ausland. Er sah sie einmal in San Sebastian. Die schöne Frau war in Biarritz und kam in Begleitung einiger französischer Damen, die den Stierfechter kennen zu lernen wünschten. Eines Nachmittags sah er sie. Dann ver» reiste sie. Während des Sommers erhielt er von ihr nur unbestimmte Nachrichten aus wenigen Briefen, die ihm zu- gingen, und aus Mitteilungen seines Verwalters, der durch den Marquis de Moraima unterrichtet war. Sie befand sich in vornehmen Badeorten, deren Namen der Stierfcchter zum ersten Male hörte und die auszusprechen ihm ein Ding der Unmöglichkeit war. Später erfuhr er, daß sie in England reiste und darauf nach Deutschland gegangen war, um in einem herrlichen Theater, das alljährlich nur während kurzer Wochen geöffnet war, einige Opern zu hören. Gallardo hatte die Hoffnung, sie wiederzusehen, beinahe auf- gegeben. Sie war ein abenteuerlustiger und unsteter Zug- Vogel, von dem nicht zu erwarten war, daß er neuerdings zu Beginn des Winters sein Nest in Sevilla wieder aufsuchen würde. Diese Möglichkeit, fiß nicht mehr anzutreffen, stimmte den Stierfechter traurig. Die Gedanken wurden ihm manch- mal zur unerträglichen Qual. Sie nicht mehr wiederzu- sehen!... Weshalb denn das Leben aufs Spiel setzen und berühmt sein? Was nützte dann aller Beifall der Menge?.. Der Verwalter beruhigte ihn. Sie werde schon zurück- kehren: er war dessen sicher. Donna Sol war, bei allen ihren Sonderlichkeiten, eine Prakttsche Frau, die das Ihrige zu- sammenzuhalten wußte. Sie war genötigt, den Beistand des Marquis in Anspruch zu nehmen, um den verwickelten Zu- stand ihres eigenen Vermögens und der Hinterlassenschaft ihres Mannes zu ordnen, die beide durch langen und glänz- vollen Aufenthalt im Auslande Einbuße erlitten hatten. Zu Ende des Sommers kehrte der Stierfechter nach Sevilla zurück. Es blieben ihm noch eine hübsche Anzahl von Stierkämpfen fiir den Herbst übrig, jedoch wünschte er wäh- rcnd einer Monatspause der Ruhe zu Pflegen. Seine Familie befand sich am Strand zu Sanlucar, um die etwas schwächliche Gesundheit seiner jungen Neffen durch die Meeresluft zu stärken. Gallardo erzitterte vor Aufregung, als ihm der Ver- Walter eines Tages anzeigte, das Donna Sol soeben zurück- gekehrt war, ohne daß jemand sie erwartet hätte. Sofort begab sich der Stierfechter zu ihr, und schon nach wenigen Worten fühlte er sich eingeschüchtert durch ihre frostige Höflichkeit und den seltsamen Ausdruck ihrer Augen. Sie sah ihn an, als wäre er ein anderer geworden. Ihre Blick? schienen ein gewisses Befremden über das rauhe Aeußere des Stierfechters, über den Unterschied zwischen ihL und den ungeschlachteten Stiertöter zu verraten. Auch er bemerkte die Kluft, die sich zwischen ihnen zll öffnen schien. Sie kam ihm vollständig verändert vor, wis eine vornehme Dame von anderer Rasse und anderer Her« kunst. Beide sprachen mit Ruhe. Es hatte den Anschein, als ob sie das Vergangene vergessen hätte und Gallardo hatte Wederz den Mut. sie daran zu erinnern, noch wagte er den geringsten Annäherungsversuch, da er einen ihrer Zornesausbrücho fürchtete. „Sevilla!" sagte Donna Sol nachlässig.„Ja, sehr schön und angenehm. Aber es gibt noch anderes in der Welt! Ich muß Euch sagen, Gallardo, daß ich den ersten besten Tag für immer auf und davon fliegen werde. Ich sehe hier Zeiten der Langeweile kommen. Mir kommt es vor, als habe man mir mein Sevilla umgewandelt." Sie duzte ihn schon nicht mehr. Einige Tage verstrichen, ohne daß der Stierfechter bei seinen Besuchen es versucht hätte, auf die Vergangenheit anzuspielen. Er beschränkte sich darauf, sie schweigend mit seinen kohlschwarzen, glühenden, anbeten» den, tränenfeuchten Augen anzublicken. „Ich langweile niich, bald mach ich mich auf und davon," rief die Dame bei jeder ihrer Zusammenkünste aus. Von neuem trat ihm der imposante Diener mit hoch» fahrender Geberde an der inneren Tür entgegen, um ihm mitzuteilen, daß die Sennora ausgegangen sei, während ev ganz bestimmt wußte, daß sie zu Hause war. Eines Nachmittags sprach er mit ihr von einem kurzen Ausflug, den er nach seinem Gut La Rinconada zu machen hatte, um einige Oelbaumpflanzungen zu sehen, die sein Ver- Walter während seiner Abwesenheit gekauft hatte. Auch wollte er sich über den Stand der Feldarbeiten unterrichten. Der Gedanke, den Stierfechter bei diesem Ausflug zu be- gleiten, erschien Donna Sol anfänglich widersinnig und zwang sie zu einem Lächeln. Auf jenes Gut zu gehen, wo die Fa» milie Gallardos einen Teil des Jahres zubrachte! Mit dem Lärm ihres exotischen Sündenlebens in jenen ruhigen Frieden des Landlebens eindringen! Das Unsinnige dieser Zumutung brachte sie zum Ent- schluß. Sie würde mitgehen; es interessiere sie, La Rinco- nada kennen zu lernen. Gallardo erschrak. Er dachte an das Gesinde des Guts, an die Schwätzer, die der Familie von diesem Ausflug er- zählen konnten. Jedoch ein Blick von Donna Sol drängte alle seine Bedenken zurück. Wer weiß!.... Vielleicht würde ihm dieser Ausflug ihre frühere Gunst wiedergewinnen helfen. Er wollte indessen diesem Wunsch ein letztes Hindernis entgegenstellen. „Und Plumitas?... Bedenken Sie, daß er jetzt, wie es scheint, in der Nähe von La Rinconada herumstreift." „Ha, so, Plumitas!" Das von Langeweile getrübte Gesicht Donna Sols erschien plötzlich wie von einer inneren Flamme verklärt. „Sehr merkwürdig! Es sollte mich freuen, wenn Ihr ihn mir vorstellen könntet." Gallardo bereitete also die Reise vor. Er hätte ge- wünscht, allein zu gehen, aber die Begleitung von Donna Sol zwang ihn, Verstärkung zu suchen, da er eine unliebsame Be- gegnung auf dem Wege befürchtete. Er suchte den Picador Potage auf, einen stumpfen Ge- sellen, der sonst nichts auf der Welt fürchtete, als seine Zigeu- nerin von einer Frau, die, wenn sie seiner Schläge müde war, ihn zu beißen suchte. Dem hatte er keine Auseinander- setzungen, sondern nur Wein zur Genüge zu spenden. Der Alkohol und die furchtbaren Stürze in der Arena erhielten ihn in beständiger Betäubung, wie wenn ihm der Kopf brauste, gestattete ihm nur langsame Worte und einen undeut- lichen Anblick der Außenwelt. Er beauftragte auch den Nacional, mit ihnen zu kommen; es war dies ein Mann mehr, und obendrein ein unbedingt verschwiegener. Der Banderillero gehorchte aus Unterwürfig- keit, knurrte aber zwischen den Zähnen, als er hörte, daß Donna Sol auch dabei war.— Beim Leben der blauen Toubej Da soll dich doch der.... Sollte man es nur für möglich halten, daß ein Familienvater sich in derlei Geschichten ein, lassen kann.... Was werden Carmen und die Sennora Angustias von mir denken, wenn sie hinter die Schliche kommen! Als er sich auf freiem Felde sah, neben Potage, auf dem Rückensitze eines Automobils gegenüber Gallardo und der schönen Frau, verflüchtigte sich nach und nach sein Aerger. Er konnte ihre Züge nicht gut unterscheiden, da sie von einem großen blauen Schleier eingehüllt wurden: aber sie war verteufelt schön!..., Und welch eine Konversation! Welch vielseitiges Wissen!.... Bevor die Hälfte des Weges zurückgelegt war, entschul- digte der National, trotz seinen fünfundzwanzig Jahren ehe- licher Treue, die Schwäche des Matadors und erklärte sich seinen Ethusiasmus für jene Frau. Er würde in demselben Falle das Gleiche tun!.... Ha, die Bildung!... Etwas so Großes, daß selbst die schwersten Sünden von ihr mit einer ehrbaren Hülle umgeben werden, 5. „Er soll Dir sagen, wer er ist, oder der Teufel soll ihn holen! Verdammte Menschen!.... Soll man denn nicht mehr schlafen dürfen?" Der Nacional hörte diese Antwort durch die Zimmertllr seines Herrn und teilte sie einem Gutsarbeiter mit, der auf der Treppe wartete. „Er soll Dir sagen, wer er ist. Sonst wird der Herr nicht aufstehen." Es war acht Uhr. Der Banderillo trat an ein Fenster und folgte mit den Blicken dem Arbeiter, wie er einen der Wohnung gegenüberliegenden Weg einschlug, bis er an das entfernte Ende der Drahteinfriedigung kam, die das Besitztum einschloß. Neben dem Eingang in die Umzäunung sah er einen durch die Entfernung seltsam verkleinerten Reiter. Mann und Pferd schienen einem Spielzeugkasten entnommen zu sein. lgortsetzung folgt.) Die neufcbrccken. Von R. Ewald. Autorisierte Uebersetzung von H. Kit). Tief drinnen in Afrika, wo die Neger wohnen, sprang die Heuschrecke eines Tages im Grase umher und fraß. Da kam die Schwalbe geflogen, setzte sich auf einen Strauch und sah ihr zu. »WaS bist du denn für eine?" fragte die Heuschrecke. Die Schwalbe nickte. Sie war gut gelaunt, denn morgen wollte sie wegreisen. Drum sang und zwitscherte sie: „Die kleine Schwalbe nennt man mich, kiwitt... kiwitt... kiwiwiwittl Im Norden fror es bitterlich. gar sehr ich Hunger litt. Ich fand kein Futter, fand kein Blatt, kiwitt l Drum flog ich mit dem Winde mit, nach Süden flog ich her, kiwitt, kiwitt I* „Willkommen I" rief die Heuschrecke.„Es freut mich, dich be- grüßen zu können. Hier ist genügend Futter von allen Sorten, wie du siehst." Aber die Schwalbe schüttelte den Kopf und sang weiter: „Es kribbelt in meinen Flügeln, nach Norden es wieder mich zieht; die Sehnsucht kann ich nicht zügeln: kiwitt, kiwitt, kiwitt! Jetzt grünen drüben die Blätter, kiwitt! nach Norden es wieder mich zieht: kiwitt, kiwitt, kiwitt!" »So so," sagte die Heuschrecke.„Du nimmst ReißauS. Das ist dumm. Wir hätten uns sonst viel Vergnügen verschaffen können. Du hast ein nettes, musikalisches Talent." „Man sagt es," entgegnete die Schwalbe.„Aber wer bist du denn?" Da sang die Heuschrecke mit einer feinen, klaren Stimme: „Die große Heuschrecke nennt man mich: hopp, hopp. ,.. Hoppe lopp... loppe hopp, hopp, hopp! Die Gräser alle freffe ich: hopp, hopp... Hoppe lopp... loppe hopp, hopp, hopp! Viel lieber platze ich, wenn es auch ärgerlich, als daß ich ein Hälmchen vergäße— hopp, hopp! Und immer und immer im Galopp I" »Du bist auch musikalisch?" fragte die Schwalb». „Nnd ob!" erklärte die Heuschrecke.»Ich spiele die erste MoNne in Afrika, wenn ich bitten darf. Uebrigens gereicht es dir zur Ehre, daß du das heraushörst. Viele können meinen Gesang gar nicht hören. Die Menschen zum Beispiel." „Ach... die Menschen," sagte die Schwalbe verächtlich. „Nein, die können weder hören noch sehen", sagte die Heuschrecke. „Und sie bilden sich obendrein ein, daß sie bester seien als wir. Mein Verlobter hat einen viel gröberen Ton. Seine Violine können sie hören." „Darf ich ftagen, wo du dein Instrument hast?" fragte die Schwalbe. »Das sitzt hier," erwiderte die Heuschrecke, und hob das Hinter« bein.„Innen am Schenkel. Die niedlichste Violine, die du dir denken kannst. Nun streiche ich sie mit den Flügelrippen." „Höchst interessant," sagte die Schwalbe.„Und ein feines Gehör hast du, so viel steht fest." „Meine Ohren sitzen an meinen Vorderbeinen," fuhr die Heu« schrecke fort. „Hat man je so etwas gehört!" rief die Schwalbe. Da erklang eine andere Violine drüben im Grase. „Verzeihung," sagte die Heuschrecke.„DaS ist mein Bräutigam. Er ruft mich. Wir feiern heute Hochzeit." „Viel Glück I" sagte die Schwalbe. Aber die Heuschrecke hörte eS nicht. Mit einem ungeheueren Satz war sie verschwunden. „Der Bursche hat ordentliche Beine," dachte die Schwalb«. Dann blieb sie im Busche fitzen, denn sie wollte nach Norden, sobald es dunkel wurde und sie ihre Angelegenheiten in Afrika geordnet hatte. Am Abend kehrte die Heuschrecke zurück. „Das wäre erledigt," sagte sie. „Darf ich dir Glück wünschen?" fragte die Schwalbe. „Nicht nötig," entgegnete die Heuschrecke.„Für mich und meinesgleichen ist die Hochzeit der Anfang vom Ende. Jetzt mutz ich nur noch meine Eier legen und dann sterbe ich. Und was wird aus deinem Manne?" „Er stirbt jedenfalls heute nacht, wenn er nicht schon zum Himmel gefahren ist." „Herr Gott," sagte die Schwalbe.„Andere Leute hoben«in Nest mit Jungen darin und einen Mann, der einem etwas vorsingt, wenn man..." „Entschuldige, daß ich dich unterbreche," sagte die Heuschrecke. „Das ist das gewöhnliche Vogel�eschwätz, und ich mag es, offen gestanden, nicht hören. Du bist ja viel gereist und hast dich in der Welt umgesehen, darum meine ich, daß du nicht sentimental zu werden brauchst. Latz uns als welterfahrene Leute über die Sache reden. Der eine singt vor der Hochzeit, der andere nachher. Jeder hat seine Manier. Nur Dummköpfe glauben, daß die ihre die einzig richtige ist." Die Schwalbe sagte nichts. Die Heuschrecke aber fraß große GraShappen; und sobald sie sich vollgefressen hatte, spuckte sie alles wieder aus. „Du issest nicht gerade hübsch." bemerkte die Schwalbe. „Kommst du mrr wieder damit?" erwiderte die Heuschrecke. „Ich esse auf meine Art. All das Stroh ist nichts für meinen Magen. Ich sauge bloß den Saft heraus. UebrigenS brauchst du wohl auch nicht alles, was du in dich hineinstopfst?" „Nein nein," gestand die Schwalbe.„Aber ich laffe eS den anderen Weg abgehen." „Hältst du das etwa für feiner?" fragte die Heuschrecke lachend. „Aver ich will über diese NarrenSpoffen nicht mit dir streiten. Sag mir einmal... du sitzest höher als ich.... Ist da viel Gras?" „Soweit ich sehen kann, ist überall nur Gras und wieder Gras," sagte die Schwalbe.„Genug Futter für eine Million Heuschrecken." „Aber was hilft das?" sagte die Heuschrecke mißniutig.„Wir haben eS hier sehr schön warm; und falls eS trocken bleibt, wenn die Jungen auskriechen, so bekommen wir ein gutes Heuschreckenjahr. Dann reicht das bißchen GraS nicht aus." „Wirklich?" rief die Schwalbe.„Was macht ihr denn dann?" „Dann wandern wir," entgegnete die Heuschrecke. „Ja, springen kannst du ja," sagte die Schwalbe.„Das habe ich gesehen. Aber etwas Großes kann es doch nicht werden." „Eins kommt zum andern," erwiderte die Heuschrecke.„Sag mir einmal... das Land aus dem du kommst... ist das grün?" „Ganz gewiß." sagte die Schwalbe froh.„Im Sommer ist es das grünste Land der Welt. Felder und Wiesen und Wälder und Moore... alles ist grün und herrlich anzusehen." „Ich werde daran denken," sagte die Heuschrecke. „DaS kannst du. wenn es dir Spatz macht," meinte die Schwalbe lachend. Aber du kommst nie so weit mit deinen dünnen, kurzen Flügeln. Es sind viele hundert Meilen bis dorthin." „Ich fliege besser, als du glaubst." erwiderte die Heuschrecke. „Wenn ich nicht zu viel gegessen und den Körper nicht voller Eier habe, dann kann ich sehr schnell fliegen. Ich bin überall hohl, mutzt du wissen. Ich pumpe mich voll Lust, und dann geht es." „Na ja, sagte die Schwalbe.„Es würde mich freuen, da oben einige von deinen Kindern zu treffen." „Einige?" wiederholte die Heuichrecke höhnisch.»Du hast mich wohl nicht richtig verstanden. Wenn eS Heuschrecken gibt, dann gibt es so viele, daß sie sich munöglich zählen lassen." ,60 so/ sagt« die SchwaQe. .Siehst du,' fuhr die Heuschreck« fort..Du hast deinen Mann, deine Kinde» und dein Nest; und du glaubst, daß du etwas vor- stellst. Sin« Heuschrecke aber glaubt nicht, daß sie etwas vor- stellt... so allem für sich. Wenn wir jedoch alle zusammenlommen, dann sind wir stärker als alle anderen. Niemand kann uns auf- halten, niemand kann un» widerstehen. Alles, was uns in den Weg kommt, vernichten wir. Willst du unseren Schlachtgesang hören?" .Ich habe nichts zu versäumen/ erwiderte die Schwalbe..Aber ich glaube, du prahlst.' .Dann höre/ rief die Heuschrecke, legte den Vogen an ihre violin« und sang: .Wir Heuschrecken... hopp, hopp, hopp... kommen gesaust im Galopp, lopp, lopp Ti. GraS und Strauch fressen wir, Meere durchmessen wir, verdunkeln das Sonnenlicht, morden und ruhen nicht. bis wir WS Menichennest trugen die Pest I Millionen... Villionen... Trillionen... Ouadrillionen.., fliegen... hopp, hopp, hopp... durch alle grünen Zonen im Galopp, lopp, lopp.' .Sehr gemütlich klingt das nicht gerade/ bemerkte die Schwalbe. .Aber wenn das wahr ist, was du sagst: was tut ihr denn, nachdem ihr alles aufgefressen habt?' .Das weiß ich nicht,' entgegnete die Heuschrecke..Ich weiß nichts. Jetzt muß ich meine Eier legen.' Und nun grub fie da, wo sie saß, ein Loch in die Erde und legte«ine Kapsel'Eier hinein. „Das waren fünfundzwanzig,' sagte fie. Dann grub sie noch ein Loch und noch eins und legte in jedes eine Kapsel. .Das erleichtert/ sagte fie..Jetzt sind nur noch fünfund- zwanzig übrig.' Als sie auch die gelegt hatte, ließ fie Kopf und Flügel hängen und sah sehr entkräftet auS. .Ich habe ihnen eingeschärft, daß sie nach Norden ziehen sollen,' sagte fie.„Dann erreichen sie vielleicht dein grüneS Land.' „Gott behüte,' rief die Schwalbe. Und dann fügte die Heuschrecke hinzu:„Jetzt sterbe ich. In meiner letzten Stunde denke ich an meinen Mann.' „Das ist hübsch von dir.' „Ich denke daran, wie fett er war, als er gestorben ist,— falls er nicht immer noch umhcrhüpft und ftißt,' sagte die Heuschrecke. „Alle Frauenzimmer in der Welt sind in dieser Beziehung einer Meinung: den Männern geht es schändlich gut.' Damit starb sie. Ende Mai, als die Schwalbe hoch oben im Norden auf ihren Eiern lag und jeden Tag erwartete, daß ihre Jungen auskriechen würden, da kamen die Houschreckenkinder aus der Erde hervor. Sie glichen ihrer Mutter aufs Haar, aber sie waren Keiner und hatten keine Flügel. Und sie glichen allen anderen Kindern darin, daß ihr erster Schrei dem Futter galt. (Fortsetzung folgt.)' Cbarlca de Coftcr und lein ,/Cyll Cllcn fpiegd."** ES gibt unter den literarischen Namen solche, nach denen gierig gegriffen wird und die man ohne Erschütterung, ja ohne Gedanken fortlegt. DaS find die bekanntesten. Es gibt andere, die ein Schweigen erbringen, wenn fie genannt werden, weil nicht immer ?leich der da ist, der fühlt, sie recht vertreten zu können. Es gibt olche, die wenig oder von niemand gekannt werden. Wer kennt Charles de Coster?— Ich sage zwei Worte dieses Mannes, um weiter von ihm reden zu dürfen: „Ich gehöre zu denen, die zu warten wiffen.' DaS sagte Coster, als man sein Hauptwerk nicht beachtete. Und:„Ich schätze mich ein auf etwas für beute, und auf viel für die Zukunft'.— Man fühlt: das ist nicht der autosnggestive Stolz des halben Talents, sondern die Gewißheit des überlegenen Schaffens. Solche Worte find wie ein geistiges Lächeln, hinter dem eine Tat steht. Die Tat Charles de CosterS ist sein„Tyll Ulcnspiegel' und hätte er keine sonst. Man denke dabei nicht an eine literarische lieber- tragung deS alten Volksbuches mit den einzelnm Schelmenstreichen seines Helden. De CosterS.Ulcnspiegel' ist der Repräsentant einer ganzen Raffe; die Personifikation deS unbändigen, unsterblichen •).Tyll Ulensviegel.' Von Charles de Coster. Uebersetzt von Oppeln-BronikowSki. Verlag Eugen DiedcrichS, Jena IVOS. Eine zweite Uebersetzuna stammt von Albert Weffelski und ist bei Wilhelm Heims in Leipzig erschienen. Freiheitswillens und Kampfes eines ganzen Volkes. DaS alte Ulen» spiegelsche Lachen und sein Humor, den eS im be- schränkten Sinne eines Gassenbubengenies für sich aus- lebte, feiert feine Auferstehung und Erklärung im Sinne CosterS und in seinem ursprünglichen Tief-Sinne: das grimme Weinen gebiert das starke Lachen. So ist CosterS.Ulenspiegel' von dem Tage an, wo er das erste fürchterliche Leid seines LebenS er- fährt, kein Schelm mehr, sondern ein feierlicher Rächer, ein König, weil ein überlegener Narr. Die Asche seines gefolterten und ver- brannten' Vaters brennt auf seinem Herzen. Coster stellt seinen Ulenspiegel in die große niederländische Freiheitsbewegung, in der er als Streiter für den Protestantismus kämpft, für den Protestan- tismuS als F r e i h e i t s s a ch e. In Domen in Flandern wird er geboren, als Sohn liebestiefer, flandrischer Volksleute. WaS sein Name bedeuten kann: Eule und Spiegel, Weisheit und Gaukelspiel — lebt in seiner Art und seinem Spiel. Es mögen die Attribute des Starken sein. Auch die de Costers, des phan- tastischen, intellektuellen, unsentimentalen, doch schwermütigen Dichters. Auch die eines Volkes: Ich möchte es möglichst vermeiden, Einzelheiten des Buches zu schildern. Fast jedes Kapitel ist ein scharfes, knapp umfchloffenes Bild für sich. Die starke Schön- heit der Einzelheiten liegt in dem treuen, delikaten und doch kraft- vollen Ausdruck der Farben, Sprache und Gebärden. Inhaltlich be- steht«in ParalleliSmuS: die zwei Zeitmächte, die gegeneinander handeln, kriegen und töten. Ulenspiegel und-seine Welt, und da« neben der grausame König Philipp IL, der Tier- und Menschen» schinder; die gemeine Tyrannei und Habgier der Großen. Ihr Brennen, Schänden. Morden und Foltern im Namen der heiligen Jungfrau und der Kirche. Hier verbirgt sich eine geschichtSphilosophische Einsicht, die ein Dichter selten so diskret, so scheinbar tendenzlos und doch so selbst- verständlich als wahr in das Gewand eines Kunstwerkes von höchster poetischer Schönheit birgt. Das ist das Buch von der Eule und dem Spiegel, ein Buch von vielen Eulen und vielen Spiegeln. Wohlverstanden gibt es vielerlei Eulen im Eulengeschlechte und nicht alle sind die„Weisheit', die wir oben meinten. Coster hat in einem geistreichen, keck ironischen Vorwort jene andere Art Etile gekenn- zeichnet: die Weisheit der Welt. Die Weisheit der kleinen Vorteile, die die großen find. Die Weisheit derer, die da berufen sind, von denen zu erben, die sie morden. Insonderheit die deS Königs Philipp, der, da er Geld brauchte, die heiligen Bilder in der Kirche zerstören ließ, um einen Aufstand zu bestrafen, dessen weiser Anstifter er selber war. Aber man lese die Weisheit dieser Eule im Vorwort selbst nach. CosterS Ulenspiegel mag in seinem nationalen Kostüm, auS seinem flandrischen Geiste und seiner Geschichte als eine nationale Freiheits« bibel gelten. Aber seine Genialität, daS Auge des Schöpfers und Dichters, daS uns über seinen Stoff hin wissend anblickt, mag eS für viele fast zur Erkenntnis allen Lebenskampfes überhaupt, und nicht minder auch zum Freiheitslied im Sinne der notwendig kämpfenden Kraft werden lassen. Dann ist Ulcnspiegel nicht nur mehr der Spiegel für die Lächerlichkeiten und Verbrechen eines Zeitalters, sondern— die trauernde Weisheit der Eule fragt: „Warum gerade diese Zeit an den Schandpfahl der Geschichte stellen? Weißt Du, ob in dieser Welt nicht mehr solcher Könige und Grausamkeiten regieren? Denn wovon lebte«ine Politik, seit- dem ihr die Welt regiert? Vom Erwürgen und Morden.'— Und die Eule nennt die Helden des Buches: das tapfere. arbeitsame, fröhliche, flämische Volk; den Vater Klaas, der sich lebendig um seine Gewissensfreiheit verbrennen läßt; die Mutter Sötkin, die vor Gram darum stirbt, Ulenspiegel, der die Waffen für allen Gram ergreift, Ncle, die Ulenspiegel liebt, und Lamm Goedzak, den Freund, der geradeaus geht, frißt und nur ehrlich und gut ist— und fragt:„Wer sagt Dir, daß dies nicht alles Narren und Dummköpfe sind(die eS kaum wo gibt), im Gegensatz zu Deinen spanischen Soldaten, den Mönchen, der Jnqui- sition usiv.' So überlegen schaut der Dichter seinen Stoff. Und so über« zeugend, groß und erschütternd kräftig ist er ein Dennoch, ein Frei- hcitSgedanke, ein Glaube geworden. Und so Kunstwerke Glaubens- bckenntnisse sind, können alle Eulen der Welt in Vor- und Nach- urteilen sie nicht töten. Uebcr die dichterische Qualität des Büches ließe sich— wie über die verschiedenen Elemente der Künste Costers allzuviel sagen. Intellektuelle? Maßhalten, derber, gelassener Realismus und eine prächtige, unsentimentale und feierliche Mystik scheinen mir die wichligsten. Wollte man die« Buch einer Musik vergleichen, so muß man an die deutsche, vielleicht an Bach denken. Unlyrisch fast und doch voll der Kraft eines harten, schönen Alltags klingen die Fugen und Melodien und wie unter ihnen, hartnäckig, wieder und wieder die protestierenden und doch bewegenden Leitsätze des Ganzen, die verborgenen Gesetze und Motive hörbarer Einzelstimmen, die auf- schreien und nicht loslassen über das Ende hinaus. Wie der äußere Gang der Geschichte des Buches seine realistische Gestaltung findet, so lebt sein innerer Rhythmus in den Träumen Ulenspiegcls und Neles in einer wundervollen Mystik. Hier rinnt des Dichters Wein, wie daS Blut der Natur, und sein Sinnen feiert Liebe zu seinen Gestalten. Seine Geister sind es, die da singen: Ehre sei der Kraft I Ehre der Natur I Ehre dem Leben! Charles de Coster wurde am 20. August 1827 in München ae» boren. Sein Vater war Intendant eines belgischen Bischofs. In — 380— der bischöflichen Pracht solchen Herkommens wuchs er auf. Fünfzig Jahre später wurde er von fanatischen Katholiken verfolgt und ohne Geistlichkeit begraben. Er starb am 7. Mai 1879. Sein Leben war doller Känipfe mit äußeren Lebensbedingungen. Früher ent- schloß er fich für die literarische Laufbahn und wurde Mitarbeiter cm Zeitungen und Zeitschristen. Seine gedankliche und ästhetische Kultur ist eine Synthese romanischen Geistes und germanischen Grübelns. Eine Hingabe an starken Natursinn und Geschlissenheit der Fonnen. So möchte ich, daß das wenige, was in einer Zeitung zu sagen möglich ist, genug sei, diesem Dichter nachzugehen Er ist ein Dichter, der wert ist, von den kräftigsten Deutsckien geliebt zu werden._ L u Märten. kleines Feuilleton. Medizinisches. Die Abschaffung der Operation im Hörsaal. Der bielgeschmähte französische Chirurge Doyen scheint nun doch «inen bedeutsamen Erfolg errungen zu haben. Er hatte bekanntlich die öffentliche Meinung derart gegen sich aufgebracht, daß die Stu- deuten ihn an der Aufnahme seiner Vorlesung verhinderten. Die Vorlesungen wurden denn auch unter polizeilichem Schutz fort gesetzt, aber es kam noch zu mehreren Verhaftungen und andern unangenehmen Szenen. Professor Doyen hielt es infolgedessen für notwendig, in einem besonders gemieteten Saal eine Vorlesung zu veranstalten, deren Besuch er noch dadurch exklusiver zu machen versuchte, daß er ein Eintrittsgeld von zehn Frank erheben ließ. Wenn auch dieser Ausweg keinen Beifall verdient, so war der Ver- lauf der Vorlesung doch von ungewöhnlichem Interesse. Doyen zeigte der zahlreichen Zuhörerschaft, wie nach seiner Methode durch Benutzung des Kinematographen und des Projektionsapparats die Vorführung von Operationen weit besser geschehen könne als durch die Vornahme der Operation im Hörsaale selbst. Doyen zeigte auf dem Schirm zunächst verschiedene Parallelschnitte durch den menschlichen Körper in jeder beliebigen Richtung, sowohl quer als der Länge nach, wie in andern Richtungen. Eine Anzahl dieser Bilder hatte die natürlichen Farben der einzelnen Körperteile. Die größte Ueberraschung aber erregte die unmittelbare Projektion von anatomischen Präparaten vermittels eines neuen Verfahrens. Das Objekt wird vor eine ungeheure photographische Linse gebracht und stark mit Azethlenlampen beleuckitet. Die Linse wirst dann ein Bild auf einen durchscheinenden Schirm, ganz wie auf der Milch glasplatte einer photographischen Kammer. Der Schirm befindet sich hinter dem Vortragenden, und das Bild kann von der ganzen Zuhörerschaft gleichzeitig gesehen werden. Während dieser nun das Präparat bespricht, zeigt ein neben dem Objekt stehender Assistent mit einem Stab auf die Teile, von denen gerade die Rede ist, und auch dieser Vorgang bildet sich selbstverständlich auf dem Schirm ab. Dadurch können die einzelnen Stadien einer chirur- gischen Operation weit besser veranschanlicht werden als durch die Vorführung einer wirklichen Operation, weil die Tätigkeit des operierenden Chirurgen immer nur von den nahestehenden Zu- schauern wirklich genügend verfolgt werden kann. Die Zukunft wird zu zeigen haben, ob durch die weitere Vervollkommnung dieser Mittel die Ausführung von Operationen im Hörsaal ganz wird unterbleiben können, was aus verschiedenen Gründen mit Genug- tuung zu begrüßen wäre. Aus dem Pflanzenleben. Die Wurzeltätigkeit der Gewächse. Wer im Frühjahr Samen keimen läßt lauf nassem Asbestpapier oder in feuchten Sägespänen), der kann bequem den Bau der Wurzeln studieren. Die Wurzeln entwickeln sich, wenigstens im Anfangs- stadium, ganz normal, und besonders auf Asbest läßt sich ihr Wer- den und Wachsen leicht beobachten. Man sieht regelmäßig hinter der feinen Wurzelspitze eine Zone von außerordentlich dünnen Haaren, die dem Wurzelende das Aussehen einer Bürste verleihen, wie man sie zum Flaschenreinigen gebraucht. Die Wurzelspitze selbst arbeitet wie ein Erdbohrer und bahnt den Wurzelhaaren den Weg, die das an den Bodenpartikelchen haftende Wasser aufsaugen. Je dünner die Wasserschicht um die Gesteinteilchen, um so inniger wird sie von diesen festgehalten(Adhäsion), und so kommt es, daß «in Boden, der noch 8 bis 12 Proz. seines Trockengewichtes Wlasser enthält, für die Pflanze absolut trocken sein kann, weil die Wurzel- saugkraft die Bodenadhäsionskrast nicht mehr überwinden kann. Wie Hauptfunktion der Wurzelhaare besteht darin, die Kalisalze, Phosphate und ammoniakhaltigen Substanzen des Bodens aufzu- lösen, was dadurch geschieht, daß die Haare eine saure Flüssigkeit absondern und die mineralischen Substanzen erst aufnahmefähig machen. Die Wirkung dieser ausgeschiedenen Säure bat wohl ein jeder schon an Grabsteinen usw. gesehen, die von Efeu umrankt waren. Selbst im härtesten Marmor kann man die tiefen Rinnen verfolgen, über denen einst der Efeu gekrochen war und die die Säure in das Gestein mit der Zeit eingegraben hat! Immer tiefer oder weiter vertikal bohrt sich die Wurzelspitze und merkwürdiger- weise unfehlbar nach den wasserreichsten Stellen des Erdreichs. Man spricht deshalb geradezu von dem Sinn siir Wassernähe bei der Wurzel. Daß sich das scheinbar so zarte Gebilde bei seinem -Vordringen in daS steinige Erdreich nicht beschädigt, liegt daran, daß die Wurzelspitze durch eine Haube geschützt ist, di« von kmten heraus fortgesetzt regneriert. Die wichtige Funktion der Wurzel- haare macht es begreiflich, daß sie sich stets in feuchtem Erdreich be- finden müssen. Und da finden wir wieder eine wunderbare Wech- selbeziehung zwischen Laubwerk und Wurzel. Jedermann weiß, daß er bei Regenwetter unter einem dichtbelaubten Baum einigen Schutz findet, weil das Regenwasser über die Blätter, von einem zum andern, wie über ein Ziegeldach nach der Peripherie der Laub- kröne abläuft und dann wie im Kreise den Boden durchdringt. Daraus können wir mit Sicherheit schließen, daß das Bereich der Wurzelhaare in dieser Peripherie liegt. Bei zahllosen an. deren Pflanzen, z. B. beim Rhabarber, beim Löwenzahn usw. sind die Blätter so angeordnet, daß über ihre Mittelrippen das Wasser dem Zentrum�der Pflanze zugeführt wird. Und in diesen Fällen dürfen wir gewiß sein, daß die betreffenden Gewächse wohl eine Pfahl Wurzel aber kein horizontal abstehendes Wurzelshstem haben. Bei vielen Pflanzen sind die Wurzelhaare verkümmert, schwach oder gar nicht vorhanden. Die Gewächse wären also nicht lebensfähig, wenn ihnen nicht gewisse Pilze zuHilfe kämen. So hat man festgestellt, daß die Wurzeln der Eichen und Buchen, Bir- ken und Weiden, Nadelhölzer und Heidekraut usw. von einem dich- ten Filz Pilzfäden umschlossen sind, die im Verhältnis der Sym- biose die Funktion der Wurzelhaare übernehmen. Auf die ver- schiedenen Arten dieser Lebensgemeinschaften brauchen wir hier nicht einzugehen. Buchenkeimpflanzen, denen man pilzfreien Boden gibt, bilden zwar merkwürdigerweise wieder Wurzelhaare, bleiben aber in der Entwicklung ganz auffallend zurück. Technisches. Straßenteer ung. Nach dem Bericht der städtischen Reini- gung sind im Jahre 1998/09 auch in Berlin erfolgreiche Versuche zur Beseitigung des Straßenstaube» angestellt worden. Die Bc- strebungen, die Entwickclung des Straßenstaubes energischer, als es durch Wasserbesprengung geschieht, zu hemmen, stammen erst aus dem Jabre 1901, Dr. Guglielminetti, ein Arzt in Monte Carlo, machte in diesem Jahre den Vorschlag, zu diesem Zwecke die chaussiertcn Straßen mit heißem Teer zu behandeln. Versuche in Frankreich bewiesen die Richtigkeit des Verfahrens, dessen ziel- bewußte Anwendung auf der Strecke zwischen Nizza und Mentone, der ftanzösischen Riviera, einen bedeutenden Vor» sprung gegenüber der italienischen Riviera verschaffte. In Deutsch. land wurde die Stratzenteerung zum ersten Male auf einen Teil der Rennstrecke für das Auiomobilrennen im Taunus mit Erfolg praktisch durchgeführt. In Deutschland wird die Straßenteerung hauptsächlich von den deutschen Westrumitwerken besorgt, die nach einem von Lassailly angegebenen Verfahren arbeiten. Der Teer wird in Maschinen durch Heizschlangen bis auf 90— 110 Grad erhitzt. Durch einen besonders konstruierten Sprengwagen wird der heiße Teer auf die Straße gebracht und dort automatisch durch acht Besen in die Straße hineingebürstet. Nach diesem System können täglich lö 000 bis 20 000 Quadratmeter geteert werden. In Berlin wurde die Teerung für Straßen mit Asphalt und Holzpflaster verwendet. Man brauchte derartig behandelte Straßen, die sonst täglich mehrnials mit Wasser gesprengt wurden, wochenlang nicht zu sprengen, ohne daß eine Belästigung durch Staub eingetreten� wäre. Nach den Angaben des Berichte», brauchen die Straßen während eines ganzen Sommers nur sechsmal mit Westrumitlösung besprengt zu werden, was eine bedeutende Ersparnis gegenüber� der jetzt üblichen Wasserbesprengung bedeuten würde. Es ist daher für die Sommermonate die allgemeine Einführung des Bcsprengcns mit Westrumit für Asphalt- und Holzstraßen in Aussicht genommen. Um die Wirkung des Wasser- sprengens zu verlängern, hat man auch versucht, dem Wasser hygroskopische Salze wie Chlormagnesium oder Cblorkalzium zuzu- setzen. In Berlin hat man gleichfalls Proben mit emer Chlor« magnesiumlösung gemocht. Die Versuche haben jedoch nur im Winter beftiedigende Resultate ergeben. Ein Vorteil dieses Ver- fahrenS zeigte sich darin, daß die Lösung wegen ihre» niedrigen GeftierpunkteS auch bei Frost gestattet, die Straßen mit Wasser zu besprengen, ohne daß fich Glotteis bilden würde. In Amerika hat man sehr gute Resultate durch Besprengung mit Rohpetroleum er- zielt, ein Versahren, das für Europa wegen der Kostenfrage nicht durchführbar ist. Bei chaussierten Straßen hat die Teerung noch den Vorteil, die Lebensdauer der Straßendecke zu verlängern, besonder» mit Rück- ficht auf den Automobilverkehr. Man hat auch versucht, den Teer schon bei dem Bau der Straße zu benutzen. Bei einem dieser Ver- fahren wird der Schotter mit Teer umhüllt und nach längerem Lagern kalt zum Straßenbau verwendet. Nach diesem in England ausgebildeten,„Ouarrite* genannten System wurden einige Querstraßen der Döberitzer Heerstraße ge- baut. Das Landwirtschastsminisierium bezog dos zu diesem Verfahren erforderliche Material'auf dem Seewege bis in die Havel aus England. In diesem Jahre soll in Brüssel ein internationaler.Straßenlongreß" stattfinden, bei dem Haupt- äcklich die Erfahrungen, die aus diesem Gebiete gemacht wurden, ausgetauscht werden sollen. In derselben Richtung wirkt der deutsch- österreichisch-schweizerische Straßenverein, und es ist zu hoffen, daß diese hygienisch so wichtige Frage bald ihrer Lösung näher geführt wird. Ltb. Werantw. Redakteur.' Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.Verlag»anstaltVaul Sniaer chCo..B«rlin?Ai.