Anterhattungsblalt des vorwärts Nr. 96. Freitag, den 20 Mai. 1910 Machdrua ccrsoten.j 841 Die Hrena. Roman vonVicenteBlaSco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julro Brouta. Wenige Augenblicke später kehrte der Tagelöhner zurück, nachdem er mit dem Reiter parlamentiert hatte. Der Nacional, dem dieses Kommen und Gehen auffiel, empfing ihn am Fuße der Treppe. „Er sagt, er müsie den Herrn sehen", stieß der Arbeiter hastig hervor.„Er scheint einer zu sein, der nicht viel Spaß verstcht. Er sagte, der Herr solle sofort herunterkommen, er habe ihm eine Mitteilung zu machen." Der Banderilla klopfte sofort von neuem an die Tür des Matadors, ohne dessen Einwendungen zu beachten. Er solle aufstehen: für das Land sei es schon eine vor- gerückte Stunde, und jener Mann könne ihm etwas Wichtiges zu sagen haben. „Ich komme gleicht" antwortete Gallardo schlecht ge- launt, ohne sich vom Bette zu bewegen. Der Nacional trat wieder ans Fenster und sah, wie der Reiter auf dem Wege zur Wohnung näher kam. Der Arbeiter ging ihm mit der Antwort entgegen. Der arme Mann schien unruhig zu sein, und in seinem Gespräch mit'dem Banderilla stotterte er mit krankhaftem und un- sicherem Ausdruck, indem er sich nicht getraute, seine Gedanken zu offenbaren. Als er mit dem Reiter zusammentraf, horte er ihn einige Augenblicke an und kam dann den Weg, diesmal in größerer Eile, wieder zurück. Der Nacional hörte, wie er mit nicht geringer Schnellig» keit die Treppe heraufstürzte, bis er bleich und zitternd vor ihm stand. „Es ist Plumitas, Herr Sebastian! Er sagt, er sei Plu- mitas und müsse mit dem Herrn sprechen.., Ich dachte es mir doch gleich, als ich ihn sah." „Plumitas!..." Die Stimme des Tagelöhners, ob- schon stotternd und keuchend, schien sich beim Nennen dieses Namens plötzlich durch alle Zimmer zu verbreiten. Der Ban- derillero blieb vor Erstaunen sprachlos. AuS dem Zimmer dos Matadors wurden einige mit dem Herumwerfen von Klei- dern vermischte Flüche hörbar, und das Geräusch eines schnell aus dem Bette fahrenden Körpers. In dem für Donna Sol bestimmten Gemach vernahm man ebenfalls eine gewisse Be- wegung, die anscheinend ebenfalls mit der verblüffenden An- Meldung im Zusammenhang stand. „Verdammt auch! Was will dieser Mensch von mir? Weshalb kommt er hierher? Und gerade jetzt!..." Es war Gallardo, der in größter Eile, nur mit schnell über seine Unterkleider geworfener Hose und Jacke angetan, aus seinem Zimmer herausgestürmt kam. Er lief hastig an dem Banderillero vorüber, in der blinden Hast seines im- pulsiven Wesens und, mehr als gehend, flog er, vom Na- cional gefolgt, die Treppe hinunter. Am Eingang des Wohnhauses stieg der Reiter vom Pferde ab. Ein Arbeiter hielt die Zügel des Tieres, und die übrigen bildeten in kurzer Entfernung eine Gruppe, die den Ankömmling mit Neugierde und Ehrfurcht betrachtete. Er war ein Mann von mittlerer Größe, eher untersetzt als hochgewachsen, mit vollem Gesicht, heller Hautfarbe und kurzen, starken Gliedern. Er trug eine graue, schwarz- gesäumte Bluse, kurze, dunkle und abgetragene, vielfach ge- flickte Hosen und lederne, von der Sonne, dem Regen und Schmutz rissig gewordene Gamaschen. Unter der Bluse er- schien der Leib wie aufgedunsen von einem dicken Hüftentuch und einem mit Patronen besetzten Gürtel, wozu noch ein Revolver kam und ein Messer, beides durch den Gürtel ge- steckt. In der Rechten trug er ein Repetiergewehr. Seinen Kopf bedeckte ein Hut von ehemals weißer Farbe mit herunter. hängender, von Wind und Wetter zerrissener Krempe. Ein rotes, am Halse mit einem Knoten befestigtes Tuch war der auffallendste Schmuck seiner Persönlichkeit. Sein breites, ge- rundetes Gesicht hatte die heitere Ruhe des Vollmondes. Auf den Wangen, deren Weiß unter dem Edelrost des Sonnen» brands noch erkenntlich war, sproßten die roten Stoppeln eines schon lange nicht rasierten Bartes hervor, die unter dem einfallenden Licht die Durchsichtigkeit des Goldschaums an» nahmen. Die Augen waren das einzig Unruhige an diesem gutmütigen Dorfküstergesicht: klein, dreieckig, in Fettpolster gebettet, geschlitzt, erinnerten sie an die des Schweines, und ihr dunkelblauer Stern hatte einen bösartigen Ausdruck. Als er Gallardos in der Tür des Wohnhauses ansichtig wurde, erkannte er ihn sogleich und lüftete den Hut auf seinem runden Kopf.„Gott gebe uns einen guten Tag, Herr Juan", sagte er mit der ernsten Höflichkeit des andalusischen Land- manns. „Guten Tag!" „Ist die Familie wohl, Sennor Juan?" „Ja, ich danke. Und die Eure?" fragte der Stierfechter automatisch, in der gewohnten Fragenreihe. Die beiden Männer hatten sich einander genähert und betrachteten sich gegenseitig mit scheinbarer Unbefangenheit, als wären sie zwei auf freiem Felde sich begegnende Wanderer, Der Stierfechter war etwas bleich und biß sich auf die Lippen, um seine Bewegung zu verbergen. Ob der Wegelagerer wohl glaubte, ihn einzuschüchtern!... Unter anderen Um- ständen hätte ihm dieser Besuch wohl Furcht eingeflößt: aber jetzt, wo er da oben jene hatte, fühlte er sich im Stande, mit ihm wie mit einem Stier zu kämpfen, sobald er böse Absichten kundgeben sollte. Einige Augenblicke vergingen unter Schweigen. Alle Männer des Gehöfts, die nicht zu den Feldarbeiten ausge- zogen waren, mehr als ein Dutzend, betrachteten mit fast kind- lichem Erstaunen diesen Schreckensmenschen, durch den un» heimlichen Ruf seines Namens gebannt. „Erlaubt Ihr, daß mein Pferd im Stalle ein wenig aus« ruhe?" fragte der Bandit. Gallardo gab ein Zeichen, worauf ein Knecht das Tier am Zügel faßte und abführte. „Pflege es gut," sagte Plumitas,„bedenke, es ist das Beste, was ich auf der Welt habe, und es ist mir teurer, als Weib und Kind." Eine neue Persönlichkeit gesellte sich zum Stierfechter und dem Banditen, die mitten unter den verblüfften Knechten standen. Es war Potage, der Picador, der mit offenem Hals- kragen heraustrat und seine ungeschlachten Athletenglieder träge reckte. Er rieb sich die stets rötlichen, vom Mißbrauch der Getränke entzündeten Augen und ließ, indem er dem Räuber nahe trat, mit gesuchter Vertraulichkeit eine seiner Riesenhände auf dessen Schulter fallen, als ob es ihm Spaß machte, ihn unter der Wucht seiner Tatze zusammenfahren zu sehen, wobei er ihm zugleich seine Sympathie bezeugen wollte. „Wie gehts Plumitas?" Es war das erstemal, daß er den Räuber zu sehen bekam. Plumitas duckte sich, als wollte er unter dieser rauhen und ungeziemenden Liebkosung zum Sprunge ausholen, und seine Rechte erhob die Büchse. Aber die kleinen, blauen, auf den Picador gerichteten Augen schienen ihn plötzlich zu erkennen. „Du bist Potage, wenn ich mich nicht täusche. Ich habe Dich beim letzten Jahrmarkt in Sevilla Stiere stacheln sehen. Teufel noch'mal, was waren das für Stürze vom Pferde I. Du bist ein Stück Vieh, und Deine Knochen sind von Schmiede- eisen!" Und als wollte er ihm den Gruß erwidern, faßte er mit seiner schwieligen Hand einen Arm des Picadors, indem er dessen Muskeln mit bewunderndem Lächeln drückte. Beide betrachteten sich mit freundlichem Lächeln. Der Picador brach in ein schallendes Gelächter aus. „Hahaha! Ich hielt Dich für höher gewachsen, Plu- mitas!... Schadet aber nichts. Du bist immerhin ein stattlicher Kerl." f.. Der Räuber wandte sich zum Matador.„Kann ich hier frühstücken?" Gallardo sagte im Tone eines großen Herrn:„Niemand, der nach La Rinconada kommt, geht von dannen, ohne gespeist zu haben." Sie traten alle in die Küche des Landhauses, die sehr ge- raumig war und einen weiten, glockenförmigen Kamin hatte. Sie war der gewöhnlich; Empfangs- und Versammlungs- räum. Der Matador hatte sich in einen Armsessel niedergelassen, und ein junges Mädchen, die Tochter des Großknechts, war damit beschäftigt, ihm die Schuhe anzuziehen, da er in der Eile der Ueberraschung nur in Pantoffeln herunter- gekommen war. Der National, der auch ein Lebenszeichen von sich geben wollte, und der sich bereits über den Besuch beruhigt hatte, erschien mit einer Flasche Wein und Gläsern. „Dich kenne ich auch," sagte der Bandit bei seinem An- blick, ihn mit derselben Vertraulichkeit wie den Picador an- redend.„Ich habe Dich Banderillas anbringen sehen. Wenn Du willst, machst Du Deine Sache gut. Gewöhnlich aber machst Du Dich nicht nahe genug an die Stiere heran." Potage und Gallardo lachten über dieses Urteil. Als Plumitas das Glas in die Hand nahm, hinderte ihn in seinen Bewegungen der Karabiner, den er fortwährend zwischen den Knien behielt. „Leg doch das Ding weg, Mensch." sagte der Picador. „Behältst Du das Schießeisen in der Hand sogar, wenn Du auf Besuch bist?" Der Räuber nahm eine ernste Miene an. Es sei gut so, er sei es so gewöhnt. Die Büchse begleite ihn stets, selbst im Schlafen. Und dieses Anspielen auf die Waffe, die ihn unzertrennlich wie ein Körperglied begleitete, stimmte ihn me- lancholisch. Mit einer gewissen Scheu blickte er auf seine Umgebung. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck des Miß- trauens, die Folge der Gewohnheit, sich auf niemand zu der- lassen, sondern im steten Vorgefühl der ihn umgebenden Ge- fahr nur auf seine eigene Kraft zu vertrauen. Ein Tagelöhner durchschritt die Küche in der Richtung nach der Tür. „Wohin geht dieser Mann?" Bei diesen Worten richtete er sich auf seinem Sitze auf und zog mit den Beinen das schiefliegende Gewehr an fich. Der Mann ging auf ein nahegelegenes Feld, wo die Landarbeiter beschäftigt waren. Plumitas beruhigte sich. lFortsetzung folgt.)! Die k)eu trecken. Von R. Ewald. Autorisierte Uebersetzung von H. Kiy. Sie stoßen vom Ausgang bis zum Untergang der Sonne, und die flinksten von ihnen auch während der Nacht. Wenn die Schwalbe jetzt im Gebüsch gesessen hätte, würde sie den Kummer des Heu- schrcckenweibchcn verstanden haben. Denn es war ein gutes Jahr geworden, wie die Mutter prophezeit hatte; und soweit man auch sehen mochte, war nichts anderes vorhanden als stesiende Junge. Niemals wurden sie satt. Sie fraßen und fraßen und spuckten das Gestessene wieder aus; und nach zwei Tagen war kein Gras« Halm mehr in der Gegend. Die Blätter des kleinen Strauches waren mit daraufgegangen. Er ließ seine nackten Zweige in die Luft ragen, als ob es Winter wäre. Es sah schrecklich aus, aber die Neger freuten fich. Denn sie bauten kein Getreide und hatten kein Vieh mit Gras zu füttern, so daß sie keinen Schaden erlitten. Und dann glaubten sie auch, die Heuschrecken seien heilige Tiere. die Gott gesandt habe. Kein Neger trat mit Willen darauf, Aber trotzdem aßen sie sie. So ein Gericht gerösteter Heuschrecken war das Beste, was sie kannten. Als nun die Jungen gefressen hatten, waS zu stehen war, gerieten sie ganz außer fich. .Futter I Futter I Futter!' schrien sie, während ihnen der grüne Grassast aus dem Halse lief..Futter l Futter I Futter l Wir sterben vor Hunger." Und dann begannen sie zu wandern. Einige von ihnen gingen nach Norden.... DaS waren diejenigen, deren Mutter ihnen von dem grünen Land der Schwalbe mS Ohr geflüstert hatte. Und dann folgten die anderen nach. Sie gingen in langen, endlosen Reihen; und die Reihen folgten einander so dicht, daß die Hintersten den Vordersten auf die Fersen traten; und es waren so viele Reihen, daß niemand sie zählen konnte. Aus allen Richtungen kamen neue Scharen, die sich den Reihen anschlössen und mitmarschierten. Es war ein beständig wachsendes Heer von kleinen Soldaten, die das Land leerstaßen, wohin sie kamen. Nichts konnte ihnen Einhalt gebieten. Kamen sie an einen See; so marschierten sie frischweg ins Basier hinaus. Reihe nach Reihe, bis der See von einem dicken Teppich toter Heuschreckenkinder bedeckt war. den die nächsten dann überschritten. Es machte nichts aus, wenn eine Million oder zwei oder zehn Millionen erlranken. Es waren genug übrig. Und jeder Tag brachte neue, zahllos« Scharen. .Futter I Futter I Futter I" schrien sie und gingen weiter. Die Vögel stoßen so viele von ihnen, wie sie vermochten. Die Ameisen bissen sie tot, die Igel veranstalteten einen FestschmauS, und viele andere hungrige Burschen venchlangen sie. Große Herden von Elefanten, Nashorntteren und Antilopen liefen darüber hin und traten sie nieder. Aber dem ungeheueren Heuschreckenheer war der Verlust nicht anzumerken. ES wurde immer größer, was auch mit ihm geschah, und rückte immer weiter nach Norden vor. Und überall, wo die Heuschrecken gewesen waren, da war daS Land verödet. Die Elefanten und Antilopen brüllten vor Hunger, denn es war kein Blatt für sie zurückgeblieben. Wasser war nicht vorhanden, weil die Seen voller Heuschieckenleichen lagen, die ver-- faulten und weit umher Gestank verbreiteten. Die Insekten starben, weil keine Blätter da waren, die sie stesien tonnten. Und die Vögel starben, weil keine Insekten für sie und ihre Jungen da waren. Und weiter und weiter wanderte das Heer. Eines Nachts machte man Rast. Die ganze Erde glich einem wogenden braunen Teppich; nicht eine von den Heuschrecken war ruhig. .Ich berste I' schrie eine. .Wir bersten I Wir bersten I Wir bersten I" klang eS durch die Reihen hin. Und dann barsten sie. Sie hatten fich so groß und dick gestessen, daß sie es in ihrer Haut nicht mehr aushielten. Sie platzten der Länge nach, Katen aus den alten Häuten heraus und marschierten in den neuen weiter, die darunter saßen. Das war ihre Art zu wachsen und die ist ja eben- soviel wert wie jede andere. Am Morgen, als sie fort waren, lag das ganze Land voll alter Häute. Fünfmal platzten sie auf diese Art, und jedesmal wurden sie größer und gefräßiger, und jedesmal erscholl ihr Schrei nach Futter lauter. Und mit immer größerer Geschwindigkeit marschierten sie nach Norden. Eines Nachts, ein paar Tage darauf, waren sie zum fünften Male geplatzt. Sie hatten ein Lager oder richtiger tausend Lager aufgeschlagen, denn in der letzten Zeit war das Heer mehr angewachsen als je zuvor. Man konnte glauben, die neuen Scharen hätten auf ihrem Wege auf die anderen gewartet, wenn das Warten nicht das einzige gewesen wäre, was die Heuschrecken nicht konnten. Die Sache war die, daß überall ein gutes Heuschreckenjahr war, so wie das Heu- schreckenweibchen prophezeit hatte. Aber in dieser Rächt herrschte viel mehr Unruhe im Lager als gewöhnlich. Es waren so viele da, daß sie einander beständig im Wege waren. So drängten und stießen einander, aber sonderbarerweise schrie niemand wie sonst nach Futter. Es spuckte auch niemand Gras aus. Es war, als ob sie mit etwas fertig wären und darauf warteten, daß etwa? Neues beginnen würde. Mit großen Augen blickten sie emander an, steckten die Köpfe zusammen und flüsterten. .Heut nacht geschieht es," sagte die eine. .Heut nacht kommt eS," sagte die andere. .Heut nacht... heut nacht... heut nacht," erbrauste es durch die endlosen, zahllosen Reihen. Nicht eine einzige von den vielen Millionen war gleichgültig. Alle waren in feierlicher Stimmung und gespannt auf das Seltsame, das sie erwarteten. Und kurz vor Sonnenaufgang geschah es. Wie aus Kommando platzten alle Heuschrecken auf einmal. Aber eS war ganz anders als die anderen fünf Male, als sie geplatzt waren. Denn diesmal krochen sie aus der alten Haut als vollerwachsene Heuschrecken mit Flügeln und Violine und allem. Eine jede hatte vier schöne, klare Flügel, mit denen schlug sie um fich, und sie betrachtete fich und die anderen; ihr Vergnügen und ihre Freude wollten kein Ende nehmen. Da war ein Surren, Summen, Schwatzen und Pfeifen ohne Ende. Und sie hüpften und sprangen, flogen ein wenig umher und setzten fich wieder auf die Erde. Wenn sie die Flügel ausbreiteten, so sah eS aus, als wären doppelt so viele vorhanden wie vorher. Als die Sonne aufging und sie beschien, rief eine der Heu- schrecken: ..Futter l' .Futter, Futter, Futter!" schrien die Millionen. Es war kein Futter zu sehen, doch da» machte nichts; denn jetzt konnten sie ja fliegen. Alle Magen waren leer; so lange war es her, seit sie gefressen hatten. Und nun begannen sie, sich voll Luft zu pumpen, und sie pumpten und pumpten, bis sie richtige Lust- ballons waren. Und dann erhoben sie die Flügel. In diesem Augenblick stimmte eine Heuschrecke ihre Violine. Gleich fielen auch die vielen Millionen Violinen ein; und während der Schwann in die Lüfte stieg, klang es hernieder über das der- wüstete Land: .Wir Heuschrecken... hopp, hopp, hopp... kommen-gesaust im Galopp, lopp, lopp... GraS und Strauch fressen wir, Meere durchmessen wir, verdunkeln das Sonnenlicht, morden und ruhen nicht, bis wir ins Menschennest trogen die Pestl Millionen... Billionen... Trillionen... Quadrillionen... fliegen... bopp. hopp, hopp... durch alle grünen Zonen im Galopp, lopp, lopp." Und sie stiegen und stiegen in die Lust; noch nie hatte man eine so gewaltige flatternd« Schar gesehen. Sie verdeckten die Sonne gleich einer Wolke, so daß eS ganz dunkel wurde. Die Neger warfen sich aufs Gesicht und dachten, die Sonne sei erloschen und der Welt- Untergang nahe herangekommen. Aber einmal nimmt ja alle»«in Eiche. Als der Schwärm endlich nach Norden hin verschwunden war, da kam die Sonne wieder hervor, und neues Gras wuchs auf den verödeten Landen. Ganz im Norden von Aftika, an der Küste des Mittelländischen Meeres, liegt«in Land, daS eines der schönsten in der ganzen Welt ist. Regen und Sonne wechseln miteinander ab, so dah das Getreide aufs beste gedeiht. Das Gra» steht mannshoch auf den Wiesen, und die Weinreben auf den Bergen biegen sich unter den schweren Trauben. Dort gibt eS keinen Winter, der das Leben trübe und traurig macht, sondern blotz eine stille Zeit, wo alleS Wachsende ruht, ehe es wieder blüht. Und eS gibt keinen dürren Sommer, wo die Sonne das Gras absengt und das Wasier austrocknet, so daß Menschen und Tiere verdursten.— Die Quellen springen und geben UarrS, kühles Wasser, und die Sonne ist schön anzusehen, wenn sie über die Berge steigt, und wenn sie ins Meer sinkt. Die großen, wilden Tiere find längst erlegt. Der Wald ist voll springender Hirsche und munterer Vögel. Bienen und bunte Schmetterlinge schwärmen zwischen dustenden Blumen umher. Und mitten in all dem leben die Menschen, von der Sonne gebräunt, zufrieden mit ihrem Lose und Frieden miteinander be- wahrend. In einem Dorfe dieses Lande» waren eines Sonntags die Leute vor einem Gehöft versammelt, in dem eine Hochzeit gefeiert wurde. Alle waren seelenvergnügt, und die Munterkeit sollte gegen Abend noch größer werden, da auf dem Rasen getanzt werden sollte. Die Mütter halten ihre kleinen Kinder auf dem Arm,— alle wollten an der allgemeinen Freude teilnehmen. Die Musikanten stimmten ihre Instrumente; sie mußten aber noch ein wenig warten, denn ein alter Mann, der Aellrste des Dorfs, hielt eine Ansprache an das Brautpaar..Hier habt ihr'S bester als irgendwo anders in der Welt," schloß er..Wenn ihr nur gut und fromm seid, so sorgt der liebe Gott für das übrige. Die Erde gibt euch eure Aussaat hundert- fällig wieder; und nichts Böses bedroht die Menschen in unserem glücklichen Lande." Dann drückte er ihnen die Hände, und sie riefen alle Hurra. Auf einmal aber zeigte ein junger Mann nach dem südlichen Himmel und sagte: „Seht... seht... die schwarze Wolke dort. Wir bekommen zur Rächt ein Gewitter." .Zu dieser Jahreszeit bekommen wir kein Gewitter." entgegnete der Alte..Und seit hundert Jahren, so lange ich lebe, hat uns der Wind, der heute wehr, keinen Regen gebracht." »Was hat denn die Wolke zu bedeuten?" fragte der Jüngere. Da sahen alle nach der Wolke hin. Aber niemand konnte sagen, was sie bringen werde. Sie war groß und dicker und schwerer, als Wolken gewöhnlich sind. Sie schwebte ttef über der Erde und eS sah aus. als ob sie bis an den Rand des Himmels hinabreichle. Und sie kam näher und wuchs und wuchs. Die fle bettachteten, meinten bereu?, daß es um fle her finsterer werde. l Schluß folgt.) (Nachdruck Mc&oten.) Der ausgebliebene(Weltuntergang und feine folgen. Das Erscheinen de« Halleyschen Kometen hat wiederum die alte Mär vom bevorstehenden Weltuntergang zu neuem Leben erweckt, in manchem Kopf auch schon allerlei Unheil angerichtet. Daß der prophezeite Weltuntergang einst zu einem interessanten k o m m u- n i st i s ch e n Experiment mit beigetragen hat. dürste wenigen bekannt sein. Im Jahre 183S sollte nämlich die Welt auch untergehen. De« berühmte württembergische Theologe Bengel hatte diesen Zeitpunkt aus der Offenbarung Johanni hcrausgecechnet. 1833—34 sollte .da? Tier aus dem Abgrund", der„iintichrist" erscheinen, um» Jahr 1836 würde dann der Herr selbst kommen und der Herrschaft de? Anticdrist ein Ende bereiten. Viele Fromme in Württemberg glaubten steif und fest an diese Rechnung. Bei den Pietisten, denen der Rationalismus in der offiziellen Kirche ein Greuel war, hatte der WeltuntergangSglaube besonders fest Fuß gefaßt. Den religiösen Bewegungen in Württemberg ist stets ein stark konmiunistischer Zug eigen gewesen.?ler angeblich nahe bevor- stehende Weltuntergang ließ diese Seite der religiösen Schwärmerei naturgemäß besonders stark hervortreten. Und so kam es zur Gründung eines dörflichen Gemeinwesens auf fast rein komniunisti- scher Grundlage. Im Jahre 18!9 war bereits das Rittergut Kornthal bei Stuttgart von den Pietisten aufgekauft, parzelliert und zur An- fiedelung für die.Brüder" bestimnit worden. Um der AuSwande- rung der.Landeskinder" nach Rußland und Amerika entgegen- zuwirken, hatte König Wilhelm I. von Württemberg der Gemeinde Kornthal kirchliche Vorrechte gewährt. So galt fiir Konithal das AugSburgische Glaubensbekenntnis, der Kultus wurde nach dem der altwümembergischen evangelischen Kirche ausgeübt, anstatt des förmlichen Eides galt das einfache Ja oder Rein, Nichtgeistliche durften predigen usw. Die Gemeinde Kornthal erwieS sich bald als zu klein, die Menge der Gläubigen zu fassen. Man mußte an die Gründung einer zweittn Gemeinde denken. Mittlerweile hatte der Wind in den oberen Regionen aber mngeschlage». Die„Freigesinnten", im Besitz der Macht ebenso unduldsam wie stüher die Strenggläubigen, hatten des Königs Ohr gewonnen. Den Pietisten wurde die Gründung einer zweiten Gemeinde untersagt. Der Vorsteher der Gemeinde Kornthal. Hoffmann, ließ aber mit Bitten und Drängen nicht nach. Der König, ein praktisch veranlagter Mann, sann darauß wie er sich die unbequemen Bittsteller vom Halse schaffen könne, ohne es mit den kirchlichen Gewalthabern zu verderben, wie er aber auch die religiöse Schwärmerei dem Staate nutzbar machen könne. Erbot schließlich der Gemeinde Kornthal das Sengenweiler M o o S r i e d im Oberamt Ravensburg an der badischen Grenze. sumpfiges Moorland, etwa 160 Hektar umfaffend, zur Urbarmachung an. Einen Teil der Entwästerungslosten werde der Staat über- nehmen, die Hauptlast müßten aber die Kolonisten tragen. Das Land solle auf zehn Jahre völlig abgabenfrei überlassen, das aus dem Platze stehende Holz geschenkt werden. Die Kolonisten sollten sich aber weiter verpflichten, nur dieses Sumpfland zu kultivieren, das in der Nähe liegende gute Ackerland jedoch unberührt zu lasten. Die Gemeinde Kornthal ging auf diesen Borschlag ein. Im Jahre 1824 wurde mit der Anlage der neuen Ansiedelung begonnen. Ein ganz eigenartiges Gemeinwesen entstand in der trostlosen sumpfige» Wildnis. Die Anlage war folgende: In der Mitte des viereckigen Platzes die Kirche, ein quadratsörmiger Bau mit vier gleichen Eingängen, der Platz mit 16 ganz gleichen ein» stockigen, ebenfalls quadratfärmigeu Häusern umsäumt. Vier schnür- gerade Straßen in der Richtung der vier Himmelsgegenden recht- winklig und miteinander ein Kreuz bildend, laufen auf die Kirche zu. Jedes Haus an den Strafen einstöckig, kein Dachfirst durfte über de» anderen emporragen. Jedes HauS muß die gleiche Höhe und auch im Innern die gleiche E nrichrung haben. Auf Anordnung Hoffmanns, des Vorstehers von Kornthal. durften zum Bau eiserne Nägel fast gar nicht verwendet werden..Was mit einem hölzernen Nagel und mit hölzernem Riegel ausgeführt werden kann, dazu .nimmt man keinen eisernen; denn im Jahre 1836 kommt, wie Bengel ausgerechnet, der Herr. Alsdann wird alles uingestaltet, und unsere Häuser daben keinen Wert mehr." Diese Anlage des Dorfes, das nach dem König Wilhelm .Wilhelmsdorf" genannt wurde, halte zur Folge, daß, wenn Fremde hineinkamen und auf dem Platze einigcmale hin- und her- gegangen wareu, sie nicht mehr wußten, auf welcher Straße sie ins Dorf hereingekommen waren und aus welcher sie wieder hinaus» gehen inußte», denn alle Straßen und Häuser sahen einander ähn- lich wie ein Ei dem andern. Sehr viel unangeuehmcr wurde für die WilhelmSdorser selbst die leichte Bauart der Häuser. Das Jahr 1836 kam, der Weltuntergang blieb aber aus, und so blieb den Einwohnern nur übrig, ihre baufällig gewordenen Häuschen zu flicken und zu stützen, so gut es eben ging. An der Vorschrift, daß kein First über den anderen emporragen dürfe, wurde aber 25 Jahre lang festgehatten. Dann erst wurde dem Apotheker erlaubt, aus der Hinteren Hälfte seines HauseS aufzubauen. Mit der vorderen Hälfte mußte er unten bleiben. Nachdem so aber daS Prinzip einmal durchbrochen war, baute bald jeder nach Lust und Behagen. Die Verfassung dieses eigenartigen Gemeinwesens war eine roh kommunistische. Grund und Boden samt den Häusern darauf ge- hörten allen miteinander. Wollte der eine oder andere irgend ein Grundstück nicht mehr behalten, so fiel es an die Gemeinde zurück. Selbst mit den Mobilien war e» ähnlich so. Mußten infolge Slerbefall oder Wegzug oder aus anderer Ursache Mobilien der» äußert werde», so schätzte ein Ausschuß den Wert. Unter den neuen Liebhabern entschied dann das Los. Bis 1840 war der Grundbesitz von Steuern und Abgaben frei; von da an wurden die Steuern aus der Gcmeindelasie gezahlt. Gemeindesteuern, Schulgeld, Kirchen» steuern gab es selbstverständlich auch nicht. ES gab nur eine Kaste» die Gemeindeiasse. Der Vorsteher verfügte über sie und gab jedem davon nach dessen Bedürfnis oder seinem Gutdünken. Niemand konnte auf seine Grundstücke oder sein Häuslein Pfandschulden aufnehmen, das konnte nur die Gemeinde, deren Kasse das Geld der zuziehenden Familien und auch das geborgte zufloß und die es weitergab. Die Schuldner sollten von dem von der Gemeinde erborgten Gelde an die Gemeinde Zins zahlen. Aber wer keine Zinse zahlen konnte, der bezahlte auch keine. Zwangsmaßregeln wurden wegen Nichtzahlung niemals angewendet. Weiter durfte von einem Gewerbe nur ein Handwerker im Dorf seinen Beruf ausüben. Die Konkurrenz wurde als etwas Unchristliches angesehen. Arme, Bettler, Bankrott, Zwangsversteigerung gab es nicht. Bis zum Jahre 1847 hat sich diese kommunistische Verfassung erhalten, dann mußte sie durch eine andere, auf dem Privat- eigentum basierende ersetzt werden. Sie scheiterte und mußte scheitern an zwei Widerständen. Zum ersten konnte auch das ent- wässerte Moor die Menschen nicht nähren. Der Boden war und blieb unfruchtbar, trotz aller Mühe und Arbeit. Die Wissenschaft war noch nicht so weit, um eine den Bodenverhältnissen angepaßte Wirtschaft zu ermöglichen. Das geringe Viehfutter, da« auf dem moorigen Grunde wuchs, war kalkarm und salzlos. Es nährte nicht und machte das Vieh krank. Die Kolonisten, in der Bewirtschaftung von Moorboden unerfahren, verringerten durch Brennen und andere Methoden vielfach noch die schon geringe Ertragsfähigkeit des Bodens. Wintergetreide konnte überhaupt nicht gebaut werden, Sommergetreide wuchs nur in der Nähe der Abzugsgräben. Oft genug entführte aber der Wind die Pflanzen mitsamt den Wurzeln aus dem leichten Boden, oder Nachtfröste, die selbst im Juli fnur zu häufig auftraten, vernichteten die ganze Ernte. Brotkorn für die Menschen, Futter für das Vieh mußte gekauft werden. Die Ge- meinde verarmte mehr und mehr. Halte der Gemeinde, die im Jahre 1847 47 Familien zählte, gutes Ackerland zur Verfügung gestanden, so hätte sich die primitive kommunistische Verfassung wohl länger gehalten, denn die geringen Bedürfnisse der Gemeindemitglieder ließen sich durch Eigenproduktion zum allergrößten Teil befriedigen. So aber mußte die Gemeinde verarmen. Eine Ausdehnung der Gewerbebetriebe, die Produktion für die umwohnende Bevölkerung wollte die Leitung aber verhüten, um nicht in das Wirtschaftsgetriebe hineingezogen zu werden, das mit brüderlichem Kommunismus so gar nicht zu vereinbaren war. Gelegenheit zum genossenschaftlichen Betriebe eines GcwerbezweigeS war zudem nicht gegeben. Die Gemeinde trieb unrettbar dem Ruin zu. Die Pietisten in ganz Württemberg machten ungeheure An- strengungen, die Kolonie zu halten, mußte doch deren Untergang auch den Bestand der Muttergemeinde Kornthal, die volle Bürgschaft für Wilhelmsdorf zu tragen hatte, aufs äußerste gefährden. Zudem würde der Zusammenbruch Wilhelmsdorfs der Sache und dem An- fehen des Pietismus im ganzen Lande und darüber hinaus schwer schaden. Ungezählte Gelder waren bereits nach Wilhelmsdorf ge- flössen. Alles umsonst. Eine im Jahre 1847 angestellte Berechnung ergab, daß mindestens 100 000 Gulden, für die damalige Zeit ein gewaltiges Kapital, notwendig waren, um die ganze Gemeinde vor dem Konkurs zu retten. Das Geld wurde aufgebracht, zugleich der württembergischen Regierung das Ultimatum gestellt: entweder wird der Zukanf von gutem Ackerland gestattet, die Kolonie zur selb- ständigen Gemeinde erhoben und Kornthal der Bürgschaft entbunden, oder die Kolonie verlassen I Die Regierung gab nach, die Schulden wurden getilgt, die Einwohner in den Besitz ihrer Häuser und Grund- stücke eingesetzt und der Gesamtbürgschaft enthoben, die völlig Ver- armten wurden nach Amerika abgeschoben. Der alte urwüchsige Kommunismus nach dem Rezept, wie eS in der Apostelgeschichte des Reuen Testaments niedergelegt ist. war abgetan. Die Gemeinde hatte auch dann noch schwer zu kämpfen. Einen eigentlichen Aufschwung nahm sie erst, als Erziehungsanstalten ge- ründet wurden, die von den Kindern der Pietisten aus aller Herren änder besucht werden. Ein Vorsteher dieser Anstalten, I. Ziegler, hat die wechselvolle Geschichte der Gemeinde in einem Büchlein„Ein Königskind', im Verlag der Zieglerschen Anstalten in Wilhelmsdorf gedruckt, beschrieben._ Kleines f eullleton. Bauern als Kometcnentdccker. Mehr als irgend eine andere Wissenschaft ist— wie in Heft V des„KoSmoS" ausgeführt wird— vielleicht gerade die Astronomie reich an schätzenswerten Leistungen von Laien und Dilettanten gewesen. Verzeichnet diese Geschichte doch sogar zwei berühmt gewordene Bauern, die sich als Kometen- entdecker bekannt machten. Als im Jahre 17 38, zur Zeit des Sieben- jährigen Krieges, die Gelehrten das Erscheinen des Halleyfchen Kometen angekiindigh. hatten, da war der erste, der den Kometen entdeckte, der BauerP a l i tz s ch in Prohlis bei Dresden, ein heller Sachse also. Er lebte von 1723—1788, und betrieb als reicher Bauernsohn neben der Landwirtschaft in seinen Muße- stunden eifrig Sternkunde lind Botanik. Die Instrumente, deren Zahl und Feinheit die Bewunderung der Besucher erregten, fertigte sich Palitzsch selber. Als er in der Nacht des 25. Dezember 1753 den Kometen gesunden, den Pariser Astro- nomen erst einen ganzen Monat später sicbteten, wurde er von den Akademien zu London und Petersburg zum korrespondierenden Mit» glied ernannt. Trotz vieler Ehrungen blieb Palitzsch immer ein „frugaler teutscher Biedermann', mochten ihn Fürsten und Barone besuchen, mochte der Herzog von Braunschweig sich den merk- würdigen Bauer in nächster Nähe besehen, mochte er unangemeldet jederzeit Zutritt bei seinem Landesherrn, dem Kurfürsten, haben, Palitzsch verlor darüber nicht das seelische Gleichgewicht.— Einen Vorgänger hatte er aber in dem sächsischen Landsmann Christian Arnold, der, in Sommerfeld bei Leipzig geboren, bereits im 17. Jahrhundert mehrere Kometen entdeckt und sogar zuerst einen Vorbeigang des Merkur vor der Sonnenscheibe beobachtet hatte. Dieser Arnold lebte von 1650—95, entdeckte 1683 und 1686 Kometen und veröffentlichte Abhandlungen in den Leipziger„.Acta eruclitoruin"(gelehrten Nachrichten), besonders erscheinen ließ er die Schrift„Göttliche Gnadenzeichen in einem Sonnenwunder vor Augen gestellt'. Arnold korrespondierte mit den berühmtesten Gelehrten seiner Zeit. Die von ihm aufgezeichneten vieljährigen Beobachtungen vermachte er teils einein Fachastronomen, teils der Leipziger Rats- bibliothek. Der Rat der Stadt Leipzig, stolz auf solch einen Mit- bürgcr der nächsten Umgebung, ehrte ihn durch ein Geldgeschenk und befreite ihn lebenslang von allen Abgaben. Der Astronom Schröter benannte nach Arnold drei Täler des MondeS. Es verdient noch besonders hervorgehoben zu werden, daß der eine bäurische Kometen- entdecke! nach dem Dreißigjährigen Kriege lebte, also in einer der verkommensten Epoche der deutschen Geschichte, der andere während des Siebenjährigen Krieges und obendrein im Bereich der kriegerischen Vorgänge. Auch heute gibt es Bauern, die Astronomie treiben. Der englische Biograph S m i l e S berichtet von einer langen Reihe astronomisch beflissener Leute in den untersten Ständen; dieser Smilessche Aufsatz ist wohl der interessanteste Beleg, wieviel Geist und Willenskraft in der breiten Schicht des Volkes zu finden ist. Erziehung und Unterricht. DaS Formen, ein wichtiges B e s ch ä fti g un g S- mittel für Kinder. Die werktätige Beschäftigung, die Aus- hildung der Hand, ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung für den Auf- und Ausbau des geistigen Innenlebens bei Kindern. Je zahlreicher und mannigfaltiger die Empfindungen von einem Gegen- stände der Außenwelt, je vielseitiger die Anschauungen von einem Objekte sind, desto klarer und deutlicher sind die Vorstellungen und daniit desto besser und sicherer die Grundlage für eine gute geistige Ausbildung. Lernt man etwas nicht besser, wenn man es nicht bloß hört, sondern auch noch lesen, also mit dem Gesichte wahr- nehmen kann? Und sitzt eS nicht noch sicherer, wenn man eS hört, liest und vielleicht noch schreibt, wenn also nicht bloß Gesichts- und Gehörsempfindungen, sondern auch Gefühls- und Muskelsinn. die Bewegung der Hand, zur Unterstützung herangezogen werden? Ebenso ist es auch mit der werktätigen Beschäftigung der Kinder. Selbsttätig sein, heißt eS darum heutzutage mit Recht bei der geistigen Ausbildung der Kinder, der Jugend. Mannigfach sind nun die verschiedenen Arten und Zweige der Beschäftigungsmittcl. Vielleicht dürfte aber unter allen eine? einen besonderen Vorzug verdienen. ES ist daS Formen. Vor allen Dingen ist es dem Kinde am gelegensten. ES entspricht am meisten der kindlichen Naturanlage. ES beschäfttgt sich mit ihm am liebsten. Fragen wir das Kind selbst einmal. Gehen wir einmal an seinen Spielplatz und beobachten eS. Was treibt eS am liebsten? Ist eS nicht der„Sandhaufen'? Höhlen werden ge- graben, Gräben angelegt, Kuchen geformt u. a. m. Keine Spur von Langeweile, keine Spur von Ermüdung ist bemerkbar und dauert es noch so lange. Nicht anders ist eS später beim Formen mit Ton oder Plastilina. Daneben hat das Formen aber auch seine hohe geistbildende Bedeutung. Unwillkürlich wird daS Kind gezwungen, Auge und Geist zu üben, die Gegenstände genauer zu betrachten und zu fixieren, zu schätzen, einzuteilen, Raum- und Größen« Verhältnisse wahrzunehmen, wie es vielleicht durch nichts anderes in der Weife geschehen kann. Selbstverständlich geht damit wieder die Bildung klarer Vorstellungen und Begriffe Hand in Hand. Nicht unerwähnt darf ferner bleiben die Ausbildung der handlichen Ge- schicklichkeit, die das Formen mit sich bringt. Endlich verdient eS noch ernste Beachtung, weil eS kein allzu teurer Betrieb ist. Für Materialien hat man nicht allzu hohe Aufwendungen zu machen. Nußer einem Brettchen oder einem Linoleumstückchen als Unterlage ist erforderlich Ton oder Plastilina. JedeS der beiden letzteren hat feine Vorzüge, aber auch den einen oder den anderen Nachteil. Plastilina z. B. ist immer gebrauchsfähig. DaS Arbeiten damit ist sauber. Natürlich ist eS teurer als Ton. Dieser aber wieder hat den Vorzug der Billigkeit; doch bedarf er einer vorsichtigen Be- Handlung. Ein besonderer Vorzug deS Formens besteht darin, daß es nicht nur in der Schule zur Unterstützung des Unterrichts geübt, sondern auch in Haus und Familie gepflegt werden und an Stelle von Spiel und Unterhaltung treten kann. Da bewahrt eS das Kind vor Lange- weile; es ersetzt andererseits aber auch teure Spielsachen und hat dazu noch einen nicht zu unterschätzenden geistbildenden Wert. Kerantw. Redakteur: Richard Barth. Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärcSBuchsruckerei u. VerlagSanstallPaul Singer SlEo..Berttn8>äl.