Anterhaltungsblatt des Horwärts Skr. 93. Dienstag, den 24. Mai. 1910 lRachdritck verboten.) 36] Die Hrcna. Roman von Vicente BlaSco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Und als wenn ihm daran gelegen war, sich Donna Sol angenehm zu machen, erging er sich in den größten Lobsprüchen über ihre Familie. Der Marquis de.Moraima sei einer der Männer, die er von allen in der Welt am meisten schätzte. „Wenn alle Reichen so wären, wie er, es gäbe keine Räu- ber. Mein Vater arbeitete für ihn und erzählte uns oft von feiner Mildtätigkeit. Einmal war ich fieberkrank und befand mich in einer Dchäfcrhütte auf einer seiner Besitzungen. Er erfuhr es und sagte nichts. Auf seinen Gütern hat er be- fohlen, mir zu verabreichen, was ich verlange, und mich in Frieden ziehen zu lassen. Solche Dinge vergißt man nie. Es gibt so viele reiche Schelme auf der Welt!... Man trifft ihn unversehens an, auf einem Pferde sitzend wie ein Jüng- ling, als ob ihm die Jahre nichts anhaben könnten.„Gott behüte Sie, Herr Marquis!"„Gesundheit, mein Bursche!" Er kennt mich nicht und vermutet nicht, wer ich bin, da ich meinen Gefährten(er zeigte auf seine Büchse) unter dem Mantel trage. Und ich habe die beste Lust, ihn anzuhalten und um seine Hand zu bitten, nicht um sie zu schütteln, nein — wie soll ein so gütiger Herr mir die seinige reichen?— mir, der ich so viele Totschläge und Missetaten auf dem Ge- wissen habe!— sondern um sie zu küssen, als wäre er mein Vater, und um mich ihm zu Füßen zu werfen, um ihm für seine Wohltaten zu danken." Die Ueberschwänglichkeit, mit der er von seiner Dankbar- keit sprach, imponierte der schönen Frau nicht sonderlich. Das war also der berüchtigte Plumitas! Ein armer Teufel, ein gewöhnlicher Feldhase, den alle, vom Hörensagen getäuscht, für einen Wolf hielten. „Es gibt sehr böse Reiche," fuhr der Bandit fort.„Wie sie die armen Leute drangsalieren!-.. Nahe bei meinem Dorf ist einer, der Geld auf Zinsen verleiht und schlimmer ist als Judas. Ich ließ ihm sagen, er solle die Leute nicht so hartherzig behandeln, und anstatt auf mich zu achten, benach- richtigte der Bösewicht die Gendarmen, um mich verfolgen zu lassen. Kurzum, ich zündete ihm eine Scheune an, und fügte ihm anderes Uebel zu, so daß er schon mehr als ein halbes Jahr nicht nach Sevilla gekommen ist und das Dorf nicht verläßt, aus Furcht, den Plumitas anzutreffen. Ein anderes Mal wollte er eine arme alte Frau auf die Straße werfen, weil sie seit einem Jahre die Miete ihrer ärmlichen Wohnung, die sie seit den Zeiten ihrer Eltern inne hat, nicht bezahlen konnte. Ich ging bei anbrechender Nacht zum Herrn, der sich gerade mit seiner Familie zum Abendessen an den Tisch setzte. „Mein Herr, ich bin der Plumitas und brauche hundert Duros." Er verabfolgte sie mir und ich eilte mit ihnen zur Alten.„Da, nehmt, Großmutter, bezahlt diesen Juden und, was übrig bleibt, behaltet für Euch und verzehrt es in Ge- sundkeit!" Donna Sol betrachtete den Räuber mit steigendem Interesse. „Und Tote?" frug sie.„Wie viele Menschen habt Ihr getötet?" „Senora, sprechen wir nicht davon," sagte der Bandit ernst.„Sie würden mich verabscheuen, und ich bin weiter nichts als ein armer Schlucker, ein Unglücklicher, den man von allen Seiten umstellt, und der sich verteidigt, wie er kann." Ein langes Stillschweigen trat ein. „Sie haben keine Ahnung, Frau Marquise, wie ich existiere," fuhr er fort.„Die wilden Bestien haben es besser als ich. Ich schlafe, wo ich kann, oder auch gar nicht. Ich erwache an einem Ende der Provinz, und am andern Ende lege ich mich nieder. Man muß die Augen weit offen halten und hartherzig sein, um respektiert und nicht verraten zu werden. Die Armen sind im allgemeinen gute Leute, aber das Elend ist ein schlimmer Ratgeber. Wäre ich nicht ge- fürchtet, schon längst hätte man mich den Gendarmen über- geben. Außer meinem Pferde und diesem hier(er zeigte wiederum auf sein Gewehr) habe ich keine wirklichen Freunds Manchmal erfaßt mich plötzlich die Sehnsucht nach meiner Frau und meinen Kleinen, und wenn ich nachts in mein Dors komme, drücken die Einwohner, die mich achten, ein Auge zu, Aber eines Tages wird alles ein böses Ende nehmen..» Zuweilen werde ich der Einsamkeit überdrüssig und muh unter die Leute gehen. Ich wollte schon längst nach La Rin- conanda kommen. Warum sollte ich nicht Herrn Juan Gallardo aus der Nähe bgrüßen, ich, der ich ihn kenne und ihm oft Beifall geklatscht habe. Jedesmal aber sah ich Si« mit vielen Bekannten, oder Ihre Frau und Ihre Mutter waren nebst Kindern im Landhause. Beim Anblick des Plu- mitas wären sie zu Tode erschrocken. Jetzt ist es etwa? anderes. Jetzt seid Ihr mit der Frau Marquise gekommen/ und ich sagte mir:„Wohlan, begrüßen wir die Herrschaften und plaudern wir einen Augenblick zusammen/' Das feine Lächeln, mit dem er diese Worte begleitete, wollte den Unterschied zwischen der Familie.des Stierfechters und jener Dame ausdrücken; er gab zu verstehen, daß die Be- Ziehungen Gallardos zu Donna Sol für ihn kein Geheimnis waren. In seinem bäuerlichen Gemüt lebte die Ehrfurcht vor der unverbrüchlichen Gesetzlichkeit der Ehe fort, und gegenüber der aristokratischen Freundin des Stierfechters glaubte er sich mehr Freiheiten gestatten zu können, als vor den Frauen, die zu dessen Faznilie gehörten. Donna Sol schenkte diesen Worten keine Beachtung und bestürmte den Räuber mit Fragen, indem sie zu erfahren wünschte, wie er zu seinem jetzigen Handwerk gekommen sei. „Durch nichts anderes, Frau Marquise, als durch eine Ungerechtigkeit, ein Unglück, wie solches uns armen Leuten zuzustoßen pflegt. Ich war einer der Aufgewecktesten in meinem Dorfe, und die Arbeiter wählten mich stets zu ihrem Sprecher, wenn von den Reichen.etwas zu verlangen war. Ich kann lesen und schreiben; als Jüngling war ich Küster, und man nannte mich Plumitas, Federlein, weil ich hinter den Gänsen her war und ihnen' Federn zu meinen Schrei- bereien ausriß." Ein Schlag Potages mit der Hand unterbrach ihn. „Gevatter, dacht ich mirs doch, seit ich Euch sah. daß Ihr eine Kirchenmaus oder so'was Aehnliches sein müßtet." Der National, der zu derartigen Vertraulichkeiten den Mut nicht hatte, verhielt sich schweigend, lächelte aber leise. Ein Küster in einen Banditen verwandelt! Was werde Don Jcselito sagen, wenn er ihm dies alles erzählte!... „Ich heiratete meine Frau, und wir bekommen das erste Kind. In einer Nacht klopfen ein paar Gendarmen an meine Wohnung und führen mich zum Dorf hinaus, wo das Korn gedroschen wird. Vor der Tür eines Reichen waren einige Schüsse gefallen, und die guten Leute behaupteten steif und fest, ich sei der Täter gewesen.... Ich leugnete, und sie schlugen mich mit den Gewehren— ich leugnete wieder und erhielt neue Schläge. �Kurzum, sie behielten mich bis Morgenanbruch und schlugen meinen ganzen Leib wund, einige Male mit den Ladestöcken, andere Male mit dem Kolben, bis sie es müde wurden und ich besinnungslos am Boden liegen blieb. Ich war an Händen und Füßen ge- fesselt, und sie schlugen auf mich wie auf einen Ballen ein. Außerdem sagten sie zu mir:„Bist Du nicht der Tapferste im Dorfe? Setz' Dich zu Wehr; laß sehen, was Du kannst." Das war es, was mich am meisten wurmte, der Spott. Mein armes Weib pflegte sich, so gut sie konnte, aber ich fand meine Ruhe nicht wieder und konnte den Gedanken an die Schläge und den Spott nicht loswerden. Um mich kurz zu fassen, eines Tages fand man einen der Gendarmen tot auf dem Korn- platz, und ich, um der Gefahr zu entrinnen, floh in die Berge ... und so ging es weiter." „Bursche, eine sichere Hand hast Du," sagte Potage be- wundernd.„Und der Andere?" „Ich weiß es nicht; er scheint in der Welt herumzu- fahren. Er verließ das Dorf, bat, bei all seinem Mut, um Verätzung; aber ich verpasse ihn nicht. Ich habe ibm eine Mitteilung zu machen. Einmal vernehme ich zufällig, er sei am andern Ende Spaniens; ich reise hin, und wenn es in der Hölle wäre. Ich übergebe die Stute und den Karabiner irgendeinem Freunde zum Aufbewahren und nehme htv Nsenbahn, ö)Te ein Herr. Ich fear schon m Barcelona, in Valladolid. in vielen Städten. Ich gehe in die Nähe der Kaserne und sehe die Gendarmen aus- und eingehen.„Das ist mein Mann nicht dieser auch nicht." Ich erhalte irrige Auskunft, aber es schadet nichts. Ich suche ihn seit Jahren und ich werde ihn finden, er müßte denn gestorben sein, was mir wirklich sehr leid täte." Donna Sol folgte dieser Erzählung mit Entzücken. Eine eigenartige Gestalt dieser Plumitas. Sie hatte sich getäuscht. als sie ihn für einen Hasen ansah. Der Räuber schwieg und zog die Augenbrauen zusammen. als fürchte er, zuviel gesagt zu haben, und als wollte er einen neuen Ausbruch von Vertrauensseligkeit zurückdrängen. „Mit Eurer Erlaubnis." sagte er zum Stierfechter, .„geh' ich in den Stall, um nachzusehen� wie Sie das Pferd behandeln. Kommst Du mit. Kamerad?... Du wirst etwas Gutes sehen." Potage. dem die Einladung galt, verließ mit chm die Küche. Als der Stierfechter und die Dame allein zurllckblieben, gab jener seiner schlechten Laune Ausdruck.„Weshalb sei sie heruntergekommen? Es sei eine Unvorsichtigkeit, sich einem Manne, wie diesem, zu zeigen, einem Banditen, dessen Name der Schrecken der Leute sei." Allein Donna Sol. von ihrem persönlichen Erfolg be- - friedigt, verlachte die Angst des Matadors. Der Räuber kam ihr vor wie ein guter Kerl, wie ein Gemütsmensch, dessen Uebeltaten die Einbildungskrast des Volkes aufgebauscht hatte. Fast sei er ein Diener ihrer Familie. „Ich habe ihn mir anders vorgestellt; jedenfalls aber bin ich froh, ihn gesehen zu haben. Wir werden ihm ein Almosen geben, wenn er weggeht. Es ist doch ein eigen- artiges Land hier!... Und wie merkwürdig ist seine Ver- fclgung des Gendarmen durch ganz Spanien! Man könnte damit ein spannendes Feuilleton schreiben!" Die Arbeiterfrauen des Gutes zogen aus dem Küchen- feuer zwei große Kochtöpfe, die einen angenehmen Wurst- geruch verbreiteten. „Zu Tische, meine Herrschaften!" rief der Nacional, der sich das Amt eines Hausmeisters auf dem Gute seines Maestros beigelegt hatte. (Fortsetzung folgt. x Oer deimilche Cdortfcbatz/) Von Prof. Dr. Oskar Weise. Die Zahl der Wörter, über die die Mundarten verfügen, ist keineswegs geringer als die der Schriftsprache. Zwar findet man darin manche Gebiete schwach vertreten, auf denen die Rede der Gebildeten großen Reichtum entfaltet, z. B. die Wissenschaft und die Kunst, sowie das Staats- und Heerwesen mit ihren zahlreichen heimischen und stemden Fachausdrücken. Aber dafür gebieten die Dialette über eine große Fülle von Wörtern im Bereiche alles dessen, womit sich das Volk gern abgibt und was ihm fichtbar vor Augen liegt, für Ackerbau und Viehzucht, Fischerei und Sckist- fahrt, Spinnerei und Weberei, überhaupt für gewerbliche Tätigkeit und Handel aller Art, ferner für die Erscheinungen der nächsten Umgebung, die heimisehcn Pflanzen, Tiere usw. Während die uns vom Ausland zugeführten Blumen und Sträucher, Küchen- kräuter und Arzneipflanzen. Obstbäume und Feldfrüchte wie Rose und Lilie, Lorbeer und Myrte, Sellerie und Kohlrabi, Pftrfich« und Aprikose, Linse und Erbse meist mit einem einzigen Namen durch ganz Deutschland gehen, sind die heimischen Gewächs« des Gartens und Feldes, der Wiese und des Waldes gewöhnlich mehr-, oft veilnamig; denn fie werden in der einen Gegend so und in der •) Wir entnehmen die obensteher.den Ausführungen der Schrift von Prof. Dr. Oskar Weise:.Die deutschen Mundarten, ihr Werden und Wesen"(Verlag von B. G. Teubner, Leipzig). Preis in Lein- wand gebunden M. 3,—. Das Buch will zunächst über die Be- sonderheiten der lMundarten in Lautgestalt, Wortbiegung, Wort- bildung, Wortschatz, Stil in Prosa und Volksdichtung aufllären, aber auch die Beziehungen zwischen Dialekt und Volksart auf- decken; weitere Abschnitte untersuchen, wieviel altertümlicbe< Sprachgut die Mundarten fortführen, inwieweit sie Blicke in die höhere Kultur unseres Volkes ermöglichen, in welchem Maße beut- sche Dichter und Denker in ihrer Schriftsprache mundartlich« Formen oder Ausdrücke verwenden, endlich welche Besonderheiten der Volks- Witz bei den einzelnen Stämmen zeigt. In einem einleitenden Ab- schnitte aber ist das Werden, die Entstehung und allmähliche Eni- Wicklung der dialettischen Formen erörtert. ander« ander» genannt. Die Masse der bisher gesammelten Pflanzennamen, die für zweitausend und einige Hundert bekannte Arten in den verschiedensten Länderstrichen des deutschen Sprach- gebietes verwendet werden, beläuft sich auf etwa 24 OVO. Für einige Arten gibt es mehr als hundert Benennungen, z. B. Wacholder und für Löwenzahn, für andere mehr als fünfzig, z. B. für Primel und Herbstzeitlose. Fleisch und Brot, Essig und Salz, Milch und Ei, Wolle und Seide, Zucker und Kaffee haben im Deutschen keine zahlreichen Synonyme(gleich-bedeutende Ausdrücke) entwickelt, weil sie wichtige Handelsartikel sind, aber die dem weiter reichenden Verkehr fern bleibenden Dinge erstellen sich meist einer größeren Mannigfaltig- keit der Ramen. So haben wir für den Quark Ausdrücke wie Topfen, Hopf, Hott«, Schotten, Matten. Matz, Gugger, Wrungel, Käsle, Zieger, fiir den Rahm die Wörter Sahne, Kern, Schmant, Schmetten, Flot(Flöte), Nidel, Obers, für Speisen aus Milch und Eiern, Kartoffeln und Mehl zahlreiche Ausdrücke wie Zammede oder Samete(von demselben Stamme wie sammeln), Puffer, ScharbS, Pulfe, Detscher, Pericke u. a.(sämtlich thüring.), und während die Getreidearten wie Weizen. Roggen, Gerste, Hafer(auch Heu und Grumt) nur wenige verschiedene Benennungen aufweisen, gibt e» für den Getreide- oder Heuhaufen zahlreiche Bezeichnungen wie Feimen, Miete, Diemen, Barme, Beige, Schober, Hock, Schelfe. Puppe, Tock, Hauste, Stürze, Mocke. So ist das Brot fast ein- namig, der Brotrand vielnamig, z. B. Rand, Ranft, Renken, RunkS, Knaus, Knust, Knaggen, Knubbe, Kant, Konz, Scherzel, Aufschnitt u. a. Die meisten Körperteile wie Kopf, Hand, Ohr, Auge, Rase usw. haben einheitliche Bezeichnungen, aber Unebenheiten der Haut, Er- krankungen einzelner Glieder usw. sehr verschieden. Allgemein verbreitete Wekleidungsgegenstände wie Hose, Rock, Jacke, stimmen veilfach überein, örtliche Besonderheiten und Einzelheiten wie Tasche, Saum, Schmutzrand weichen stark voneinander ab. Geräte und Geschirr weisen eine Menge lokaler Ausdrücke auf(z. B. für die Ahje, Säule, Pfriem, Ort, Oertel, Pfinne und dementsprechend find auch die Namen der Handwerker oft verschiedene. So erscheint der Töpfer als Hafner, Stürzner, Euler, Pötter, der Böttcher als Büttner, Küfer, Faßbinder, Scheffler, der Klempner als Flaschner» Blechner, Spengler, Klamperer, der Fleischer als Metzger, Selcher, Knochenhauer, Fleischhauer, Schlachter, Wurster, Schmelzer, der Schuhmacher als Schuster, Suttner, Suter(— lat. sutor), der Wagner als Radmacber, Stellmacher u. a. Im übrigen aber kann man als Regel aufstellen, daß Namen für das Allgemeine, lln- fastende weiter verbreitet sind als solche für das Einzelne, die Gattungsbegriffe als die Artbezeichnungen. Wagen und Pflug sind überall anzutreffen, ihre Teile(Schoßkelle, Pflugsterz usw.) werden mundartlich verschieden benannt, das Haus kennt jeder, die Teile des HauseS führen verschiedene Ramen, z. B. Schlot, Esse, Schornstein, Rauchfang; Hausflur, Hausärn, Diele u. a. Der Ausdruck Korb ist in den meisten Gegenden bekannt, aber während die Schriftsprache höchstens zwischen Handkorb und Trage- korb unterscheidet, gibt es in den Mundarten zahllose Bezeichnungen für die verschiedenen Arten je nach Aussehen, Größe, Zweck usf. Der Maikäfer hat in Oberhessen je nach den Ortschaften die Benennungen Maiklette, Maikleber, Maivogel. Maiwiebel, Baum- klette, Laubvogel, Muhämmel, Klawinkel. Der Mund wird in Thüringen bezeichnet als Maul. Freffe, Schnute. Klappe, Gusche, Schmanze, Schlutte, Lobbe, Flappe, Rand, Metsche, Bratsche, Schlabber, ein biegsamer Zweig im Altenburgischen Rute, Gerte. Miede, Zeincben, ein aus Weidenrinde oder Holunderschale her» gestelltes Kinderblasinftrument im Hessischen Huppe, Farze oder Pfeife. Selbst der Wortschatz des einzelnen Menchen ist auf manchen Gebieten reich an verschiedenen Ausdrücken, mit denen nicht selten allerhand Abschattungen des Begriffs wiedergegeben werden. Für Trinken und Betrunkensein, prügeln und ohrfeigen, betrügen und stehlen, verschwenden und verderben, schlau und dumm, schlecht und schlumpig, töricht und verrückt stehen dem ein- zelnen eine große Zahl von Wörtern zur Verfügung, so kann der B e r l i n e r für stehlen sagen: atern, ausführen, ausspannen, izen, kiesen, klemmen, mausen, mopsen. Patern, schießen, stemmen, striezen, sich zu Gemüte ziehen, für betrügen beluchsen, beschum- meln, beschuppen, besimpeln, hoch nehmen, einseifen, bloßmeiern, lackmeiern, leimen, meiern, bemogeln, zudecken balbieren. Die Ohrfeige benennt der Kölner mit mehr als fünfzehn Ausdrücken, die Spielkugeln haben im Munde der Elker selber Kinder recht ver- scbiedene Namen. Unerschöpflich ist besonders die Fülle der Wörter» mit denen Körperbewegungen, körperliche Verrichtunzen und körper- liche oder geistige Gebrechen der Mitmenschen bezeichnet werden. Auf einem Probebogen zum rheinischen Wörterbuch« find an die hundert Verba ftir die Arten des Gehens und Laufens zusammen- gestellt. Da gibt es besondere Ausdrücke, um die Dauer der Be- wegung, das Zweckmäßige oder Störende des Laufens wiederzu- geben, ebenso für die nachlässige, träge, schlendernde Gangart, für das plumpe, watschelnde, müßig« Gehen, für das steife und zier- iche, schiefe, hinkcnde, schleifende, mühsame Fortkommen, für das Patschen durch Schmutz und Wasserlachen, für das Gleiten, Schlüpfen, Tänzeln, Zappeln u. a. Für solche dem Schriftdeutschen meist gleichgültige Begleiterscheinungen hat das Volk ein sehr scharfes Auge und ein außerordentlich geschultes Ohr; das bloße „gehen" kommt ihm ir vielen Fällen als zu matt und farblos vor. Ebenso verhält es sich mit anderen LebenSaußerungen des Menschen und der ihn umgebenden Natur. Zum Ausdruck des Sprechen» genügt dem Bauer nicht die Angabe der Tätigkeit durch Wärter wie reden, sprechen, sagen, sondern er bezeichnet vielfach auch die be» gleitenden Umstände, das, waS ihm dabei ins Auge oder Ohr fällt, ob leise oder laut, schnell oder langsam, durch die Nase oder durch die Zähne, mit starker oder schwacher Betonung gesprochen wird usw. Zahlreich sind ferner die Ausdrücke, die jede Mundart bietet zur Bezeichnung für menschliche Eigenschaften, besonders Mängel des Körpers oder des Geistes. Im allgemeinen kann man sagen, datz die Mundart Neigung hat, stark aufzutragen und zu vergröbern. Gewöhnlich kann man beobachten, datz die Volksausdrücke an- a u l i ch e r und greifbarer sind, als die vielfach verblatzten Schriftsprache. Zum Beweise dessen genügt eS, ein paar Tatsachen vorzuführen. Ueberall in deutschen Landen benennt das Volk gern gelbe Blumen nach der ihm so nahestehenden Butter als Butterblumen oder Schmalzblumen und weitze als Käseblumen; grohe Tiere oder Pflanzen werden gern zusammengesetzt mit Rotz, Gaul, Pferd, Bär wie Pferdehornisse, Rotzameise, Rotzkäfer, Rotz- kastanie. Und wie anschaulich ist nicht das nd. Poggenstaul (Froschstuhl) für den Pilz, das egerländische Derhasen(erHasen— erschrecken wie einen Hasen), aufmänneln(sich als Neberlegenen aufspielen), Regenmutter(ebenso bei Eichstätt) und in Salzungen— regenverkündend« Wolke). Aehnlich verhält es sich auf anderen Ge- bieten. Für das farblose„sehr" bedient sich das Volk viel anschau- sicherer und greifbarer Steigerungsmittel und sagt z. B. riesig grotz, Schmählich kalt, schrecklich heitz, furchtbar klein, mächtig weit, der- lucht grob, höllisch tief, schauderhast, arg, klobig, klotzig, knollig, laufig, diebisch, mordsmätzig, blödsinnig, aasig, haarig, eklig, ge- hörig, hübsch, tüchtig, ochsig u. a. Fremdwörter ersetzt es gar durch heimische, z. B. werden in Obersachsen die Rosen gut gemacht (— okuliert) und die Kinder eingesegnet(= konfirmiert). (Zwipvrua der Voten.) Das Knften der Vögel Von E. S ch e n k l i n g. Der Anblick eines brütenden Vogels ist eins der lieblichsten Naturbilder und selbst dem Wissenschaftler könnte der Kopf mit dem Herzen durchgehen, wenn er Worte liest, wie etwa: die Handlung des Brülens selbst ist für einen finnigen Menschen ungemein anziehend. Man mutz es selbst gesehen haben. mit welcher Zartheit, mit welchem Bewutztsein der Vogel sein ihm von der grotzen Mutter übertragenes Wunderwerk ausübt, um sein Betragen beim Neste würdigen zu können. Er weitz es vielleicht nicht, was er tut, aber er ahnt es. datz er eine heilige Handlung verrichtet. Deshalb schweigt er, solange er seinen Eiern die Wärme des Herzens strahlen lätzt; deshalb rührt er sich nicht, solange er wachen AugeS einem wonnigen Traum sich hingibt. Er träumt dem werdenden Leben, einem Wunder der Schöpfung ent« gegen. Wochenlang geduldig ausharrend, wirkt nun die treue Elternliebe unter Freude und Leid, bis ihrer Hingebung eine wohl- verdiente Krone wird... Das sind Worte kür scntimeutal-gemütvolle Leutchen. Wir halten eS mit dem Forscher R o m a n e S, dem Vertreter deS Dar- winiSmuS in England, der da meint, datz unmöglich jemals ein Tier seine Eier habe warm halten können in der bewutzlen Absicht, sie auszubrüten, und man nur vermuten könne. datz der Brut- instink t damit begann, datz warmblütige Tiere ihren Eiern den Grad von Aufmerksamkeit zuwandten, den wir oft genug bei kalt- blütigen, so bei den asiatischen Pythonschlangen. begegnen, die ihre Eier auf einen Haufen legen, den sie mit ihrem zusammen- gerollten Körper solange bedecken, bis die Jimgen entschlüpfen. So lst auch der Brüteakl beim Vogel kein freiwilliger. Er ist vielmehr der Ausflutz eines Naturtriebes, bei dessen Ausübung in keiner Weise von einer Liebe zur Nachkommenschaft in dem Sinne die Rede ist. in dem wir das Wort Liebe gewöhnlich deuten. Dieser Naturtrieb ist so stark entwickelt, datz Trut» und Haushühner ohne Bedenken Fasanen- und Enteneier ausbrüten. Auch wenn man die Eier durch andere runde Gegenstände ersetzt, bleibt das brütelustige Weibchen so mancher Vogelart unverdrosien darauf sitzen, so datz ein lustiger Franzose einst von der Truthenne behauptete, ste wäre imstande, Kartoffeln auszubrüten. Der Bogel übt also mit dem Brüten einen Akt der Notwendig- keit auS, dem er sich unter normalen Berhältniffen nicht zu entziehen vermag: er mutz ebenso brüten wie er Eier legen mutz. Man könnte also daS Brutgeschäst schlechthin alS„Auslösung eine« Reizes" bezeichnen. Aus welche Weise die physischen und psychischen Veränderungen durch den Brutzustand im Organismus des Vogelkörpers hervorgerufen werden, kann natürlich nur vermutet werden. Die hauptsächlichste physische Wirkung besteht jedenfalls in dem starken Blutandrang nach dem Unterleibe, wodurch die Hobe Wärme er- zeugt wird, welches der hauptsächlichste Zweck des ganzen Akres genannt werden mutz. Denn die Wärme allein ist es, die die Entwickelung der Eier bedingt, wie das die Biologie der australischen bezw. ozeamschen Grotzsi�tzhübner(Megapodius) beweist. Wollten diese, die etwa die Grütze eines weiblichen FasanS erreichen, ihre Eier selbst ausbrüten. so würde der Erfolg ziemlich staglich sein, denn eine Henne ver- möchte mit ihrem Körper kaum drei ihrer recht grotzen Eier zu decken. Um mm die Art zu erhalten, praktizieren die Weibchen die Vier in Haufen von abgestorbenen Pflanzenteilen, ans Humus, Baumzweigen, Blättern, Pilzen usw., die sie mit ihren kräftigen, starkzehigen Fützen zusammengescharrt haben und die oft mehrere Meter Höhe erreichen. Uuter Einwirkung des tropischen KlimaS beginnen die Pflanzenstoffe bald in Fäulnis überzugehen, wodurch daS Genist erwärmt wird und in den etwa armtief eingegrabenen Eiern die Jungen zeitigt, die dann ohne jegliche Hilfe ans Tageslicht kommen. ES gibt aber auch noch andere derartiger Brutöfen in der Bogelwelt. Man weitz, datz die Aegypter sdbon Taufende von Jahren vor unserer Zeitrechnung eS verstanden, Hühnereier nnt Hilfe künstlicher Wärme zur Entwickelung zu bringen. Ebenso war in China die künstliche Bebrütung schon in ältester Zest bekannt. Man bediente sich dazu aus Lehm hergestellter Kammern, in denen die Eier auf Strohschütten lagerten und aller sechs Stunden gewendet wurden. Die Heizung geschah durch unterirdisch angelegte Ziegelsteinöfeu. Und datz dte Wärme die Hauptsache bei dem Brutakt ist, lätzt schlietzlich auch jenes Geschichtchen erkennen, daS uns Plinius erzählt und noch dem Julia Augusto, die Gemahlin deS Tiberius, Eier in ihrem Busen ausgebrütet habe. Anhaltende» Brüten hat bei vielen Vogelarten zur Bildung der sogenannten Brulflecke geführt. Sie treten als einzelne kahle Stelle auf; betrachtet man deren zwei, so find sie von Haus auS als auf einem mehr oder weniger krankhaften Prozetz beruhend zu be- trachten. Es lätzt sich denken, datz durch anhaltenden Druck von den harten Kalkkugeln(Eier) auf die Haut deS Bauches ein gewisser Reiz ausgeübt wird, der schlietzsich zu einer Art von Ent- zündung der gedrückten Stelle führt und die Hautgebilde an ihnen zerstört, wie dies ja auch zufolge Geschirrdrucks am Pferdekörper und .Pickelhaubendrucks' auf dem Kopfe fo manchen gedienten ManneS zeigt. Bei dieser Enzündung am Vogelkörper wird die Blutzufuhr nach der betreffenden Hautstelle gesteigert, infolgedeffen werden die Federn teils von selbst ausfallen, teils werden sie vom Vogel, ver» anlatzt durch daS die Entzündung begleitende juckende Gefühl aus« gerisien werden— beides zum Vorteil der sich im Ei entwickelnden Embryonen, denn ohne diese Einrichtung würde der Vogel seinen Eiern und Jungen„di« Wärme seines Herzens nicht strahlen lasten können" meint der Gemütsmensch. Die gesteigerte Temperatur der entzündeten Stelle ist also für den Eiinhalt— ein Ei bedarf durch- schniltlich 40° C Brutwärme nur vorteilhast. Da bei gefangen ge- haltenen Vögeln die Brulflecke nicht auftreten, mutz die Ursache ihrer Gegenwart in ihrer jeweiligen äutzeren Ursache zu suchen sein. Der brütende Vogel kennt merkwürdigerweise auch von vorn- herein die Dauer der Brutzeit, die bei den verschiedenen Arten doch ganz verschieden ist. Jede Art weitz. wie lange sie zu brüten hat, und daS zum erstenmal brütende Weibchen weitz das so gut wie ältere Vogelmütter. Wennschon diese Frist bei ein und derselben Spezies nach der herrschenden Temperatur um ein geringes abweicht, so sind die Grenzen dem brütenden Weibchen doch genau bekannt. Fallen die Eier nicht zur rechten Zeit aus, so werden ste ohne weiteres verlosten. In vielen Fällen unterzieht sich dem Brutgeschäst nur eines der beiden Geschlechter oder es beteiligen sich Männchen und Weibchen in verschiedenem Umfange daran. Da, wo Polygamie herrscht. kümmern sich die Männchen kaum um die Wöchnerinnen, um die Brut vollends gar nicht. Auch bei monogam lebenden Vögeln kommt es vor, datz die Weibchen nur allein brüten, so bei den Tauben, Raben, Eis- und Raubvögeln. Aber dann find die Männchen höchst ansmerksame Gatten, tragen dem brütenden Weibchen reichlich Nahrung zu und unterhalten es durch ihren Gesang oder ihre Flugkünste. Die meisten der in monogamischer Ehe lebenden Vögel teilen sich jedoch in das Brutgeschäst und zwar in verschiedenem Grade. Bei gewisten Spezies setzt sich das Männchen nur während der kurzen Spanne Zeit, die das Weibchen zum Nahrungsuchen braucht, auf die Eier, hält sie gewissermatzen wann(so der Pirol), bei anderen brütet das Männchen aber vollkommen mit. Bei drittel» Arten ist daS Männchen ganz und gar zum Siemandl(Männchen, das einem Weibchen gleicht) geworden. So besorgen die Strautzenmännchen nicht nur d»e Herrichtung des Nestes(was allerdings keine grotze Arbeit ist), sondern unterziehen sich obendrein noch der Mühe deS BrütenS, während Madame längst wieder in gewohnter Weise durch die Steppe streicht und sich den Magen mit allen möglichen und unmöglichen Dingen beladet. Ebenso brütet bei den amerikanischen Strautzen, den Wassertretern und den Rallenschnepfen nur das Mänilchen. Das Verhalten der Vögel gegen die im Reste liegenden Eier ist sehr verschieden. Die Eigenschaft unserer Haushühner, ohne Be- denken fremde Eier in Pflege zu nehmen, ist zu bekannt, als datz darüber noch Worte zu verlieren wären. Aber nicht nur diese, sondern auch Gänse, Truthennen und sogar Truthähne brüten die ihnen»mtergelegten Eier— welcher Art sie auch sein mögen— nickt nur aus, sondern führen, schützen und warnen die Brut auch. Absichtlicher Umlausch von Eiern ist am häufigsten in Kanarienvogel- nestern gemacht worden, wie denn da« Kanarienvogelwcibchen eine autzerordentliche DuldsanFeit gegen fremde Eier an den Tag legt und gutwillig die Eier vom Stieglitz, Hänfling, Buchfink und vielen anderen heimischen Stubenvögeln bebrütet. Ebenso haben in Ge- fangenschast gehaltene Raubvogel, wie Mäusebussarde, die Eier vom Hausgeflügel nicht m»r willig angenommen, sondern auch ausgebracht. Die ornnhologifche.vogelkundige' Literatur kann in diesem Punkte mit einem interestanten Beispiel aufwarten. Eine junge Gabelweihe legte HZufig Windeier. Man gab ihr einen Korb zum Brutplatz und legte ihr im Laufe von 17 Jahren 69 Hühnereier unter, von denen 63 ausschlüpften. Die alte Anficht, daß mit der Milck der Amme etwas von ihrem Naturell auf den ihr anvertrauten Säugling übergehe, schien sich in diesem Falle zu bestätigen, denn eine Eigenschaft schien von der Natur der Weihe auf die Jungen, wenigstens auf die männ- lichen, übergegangen zu fein, nämlicd der Hang zu Gewalttätig- leiten. Die Hähne zeigten sich ohne Ausnahme so unverträglich und rauflustig, datz sie auf keinem Geflügelhofe gehalten werden konnten. Ebenso haben von Hühnern ausgebrütete Erpel eine entschiedene Vorliebe für Hühner und umgekehrt stellen von Enten großgezogene Hähne der Tugend der Entcnwcibchen nach. Eine ähnliche Gleichgültigkeit gegen fremde Eier bekunden auch die in Kolonie» brütenden Seevögel, z. B. verschiedene Möwenarten, die sogar im Kompagniegeschäft mit einer Nachbarin ein Doppel- gelege anlegen und den gemeinsamen Eiervorrat zusaiumen oder ab- »vechselnd bebrüten. Häufig sind eS sogar Eier verschiedener Vogel- arten, wie z. B. der Seeschwalbe und Lachmöwe, die in einem Neste gefunden und in der eben erwähnten Weise versorgt werden. An den Haubenlerchen, Singdrosseln, Fasanen hat man dasselbe be- obachtet, und in den Nestern von Wachteln wird zuweilen eine so beträchtliche Anzahl von Eiern gefunden, daß deren Herkunft von einer Mutter kaum angenommen werden kann. Ohrenlen, Wald- käuzchen, Habichte, Meisen und viele andere Vögel nehmen sich der ihnen von Menschenhand ins Nest gelegten Eier ebenfalls wie der eigenen an. Freilich führt das nicht selten zu einer Tragödie. Einem Habichtshorst hatte man zwei Hühnereier anvertraut. Ob nichts ahnend oder aus Ergebung in das Schicksal— jedenfalls brütete das Weibchen die Eier aus, als es aber die ausgefallenen Küken er- blickte, die in dem goldgelben Flaumkleidchen von ihren eigenen Nachkommen, die bekanntlich als Nestjunge die reinsten Scheusäler find, sich so vorteilhaft unterschieden, verschlang eS beide. Während bei den in Kolonien nistenden Singvögeln Doppel- gelege nichts Seltenes sind, kommen sie bei den ebenfalls in Gesell- schoflen horstenden Rabenvögeln, wie bei den Dohlen, Saatkrähen uiw. nie vor. Wo Fischreiher und schwarze Störche, die bekanntlich auch gesellschaftlich nisten, häufiger sind, wird das eine oder andere Weibchen wohl einmal gezwungen, ihr Ei in einem fremden Neste unterzubringen. Die Eigentümerin merkt das aber sofort und ent- fenrt das Ei durch Herauswerfen. Das sind dann die unter Reiher- ständen und Storchkolonien liegenden„Bodeneier", die man natürlich zumeist zerschlagen findet. Schließlich gibt es nicht wenig Vogel- arten, die Nest und Gelege einfacb verlassen, sobald sie merken, daß ein Ruhestörer sich daran zu schaffen machte. Wir können das Kapitel nicht schließen, ohne jenes Vogels zu gedenken, deffen Brutgescdäft jedenfalls das interessanteste ist. Der Kuckuck ist als Brutparasit aber zu bekannt, als daß wir hier näher auf sein Schmatzerlum eingehen könnten. Es sei nur an jenen Sturm der Entrüstung erinnert, den vor mehreren Jahren der treff- liche Oberförster Adolf Müller unter den Kuckucksforschern dadurch erregte, daß er berichtete, ein brütende? Kuckucksweibchen beobachtet zu haben. So ganz unglaublich scheint diese Tatsache aber doch nicht zu sein, Ivenn man sich vergegenwärtigt, wie es die Ver- wandten unseres Kuckucks in anderen Ländern treiben. Der in Amerika beheimatete Regenkuckuck, bei dem das Selbstbrüten bisher noch Regel ist, legt nämlich zuweilen einige Eier in fremde Nester. Der Bronzekuckuck in Australien vertraut seine Eier mehrfach fremden Nestern an. sucht aber dann die Jungen auf, füttert sie und entführt sie den Pflegeeltern, sobald sie flügge sind. Von dieser Art tun sich auch gelegentlich Männchen und Weibchen in gleicher Anzahl zusammen, bauen Nester, belegen jedes mit drei Eiern und brüten sie selbst aus. Der schwarze„Gnckel" in Indien legt seine Eier in die Nester der Glanzkrähe und beobachtet sie sorgfältig. Sobald nämlich die Jungen ihr geflecktes Jugendkleid anlegen, werden sie von den Pflegeeltern als Fremdlinge erkannt und aus dem Neste geworfen. Dann bleibt der rechten Mutter nichts anderes übrig, als sich der Jungen anzunehmen. Interessante Brutschmarotzer sind ferner die in Afrika lebenden Spähvögel, die ihre Eier ans den Erdboden legen, um sie dann mit dem Schnabel in die geeigneten Pflegernester zu tragen. Ein Naturforscher be- richtet über diesen Vorgang folgendes: Das Weibchen brachte seine drei Eier in der geschilderten Weise bei drei Pflegern unter, worauf es mit dem es begleitenden Männchen verschwand, um erst nach einigen Wochen wieder zu erscheinen. In dem einen der Nester, das ich mir genau gemerkt hatte, befand sich jetzt ein junger Spähvogel. So- bald er fliegen konnte, wurde er von seiner rechten Mutter gerufen und folgte ihr sofort zum großen Leidwesen seiner Stiefeltern. Sie führte ihn seinem Vater zu, der sich des Jungen so lange annahm, bis die Mutter die anderen aus den beiden Nestern, in denen sie die Eier untergebracht hatte, ebenfalls entführt halte. Die Entstehung der Brutpflege erklärt Haake in seiner.Schöpfung der Tierwelt" folgendermaßen: Eine eigentliche Brutpflege ist erst dadurch entstanden, daß die Eier längere Zeit in der Mutter ver- weilten. Die älteste Art der Brutpflege ist die innere, zu der erst später die äußere gekommen ist. Letztere ist entweder dadurch zu- stände gekommen, daß die Eltern sich der neugeborenen Jungen oder der von den Weibchen abgelegten Eier annahmen. Oft scheint eS indessen nicht die Mutter, sondern der Vater oder ein anderes Männchen gewesen zu sein, das die Sorge für die Eier oder die Brut übernahm. Das erscheint sehr merkwürdig, ist aber verständ- licher als die Entstehung der nicht vorhandenen Liebe der Weibchen zu Eier und Brut. Es scheint, daß der von den Eiern ausgehende und dem de» Weibchens ähnliche Duft bei den Männchen ein angenehmes Gefühl hervorruft und sie veranlaßt hat, die Eier an sich zu nehmen, so daß also die Ursache der männlichen Brutpflege durch den Geschlechtstrieb zu erklären ist. Das Männchen gewöhnte sich daran, die Eier mit sich herumzutragen oder zu be- wachen. Die Gewöhnung wurde zum erblichen Instinkt und wurde so auch auf die Weibchen vererbt, wodurch sie allmählich die voll- kommnere Art der Brutpflege entwickelte, wie sie bei den höher entwickelten Tieren zu finden ist. Daß es vielfach das Männchen war, das ursprünglich die Brutpflege übernahm, wird durch die Tatsache erwiesen, daß bei vielen auf niederer Entwickelungsstufe stehenden Tieren das Männchen noch heute die Brutpflege ausübt; es sei nur an die Geburtshelferkröte, den Stichling und die als Aquariumfische allgemein bekannten Makropoden erinnert. Ebenso sind es bei den erwähnten Wallnistern(Großfußhühnern) die Männchen, die die Bruthaufen anlegen, sie bewachen und den Jungen beim Ausschlüpfen behilflich find, wie auch bei anderen Bogelarten die Männchen das Brutgeschäft besorgen. kleines Feuilleton. Astronomisches. Wo kommen die Kometen her?— Die Landsleute von Halley, der, abgesehen von seiner Stellung als königlicher Astronom, Professor der Geometrie in Oxford war, haben das Andenken des Gelehrien durch Begründung einer„Halleh-Vorlesung" an derselben Hochschule geehrt. Den ersten Vortrag dieser Art hat der Stifter selbst, Dr. Henry Wilde, gehalten, und zwar über„Himmlische Aus- würflinge". So viel in den letzten Wochen auch über die Kometen geschrieben worden ist, so ist von der Herkunft der Kometen doch wenig die Rede gewesen, was eben daraus zu verstehen ist, daß sich wenig Sicheres darüber sagen läßt. Zunächst bleibt»och die grundlegende Frage zu lösen, ob die Kometen ihrem Ursprung nach zum Sonnensystem gehöre» oder nicht. Die periodischen Kometen, die in bestimmten Zeitabständen wiederkehren, vollführen eine geschlossene Bahn um die Sonne, sind also zu deren Trabanten zu rechnen. Dagegen werden auch fast in jedem Jahre neue Kometen entdeckt, die nie zuvor wahrgenommen waren und nach der Berechnung ihrer Bahn auch niemals wiederkehren werden. Man muß sich also vorstellen, daß diese Gestirne in ihrem Lauf durch den Weltenraum sozusagen zufällig dem Sonnen- system nahe gekommen und vorübergehend von ihm eingefangen sind, ohne daß die Sonne die Macht hätte, sie dauernd an sich zu fesseln. Jnfolgedeffen äußerte der berühmte Laplace die Meinung, die Kometen seien kleine Nebel, die sich irgendwo im Weltenraum ver- dichtet haben und nun von einem Fixstern zum anderen umherirren. Da die Wissenschast über die Beschaffenheit der Kometen noch immer auf Vermutungen angewiesen ist, ist auch über den Ursprung der Kometen seit Laplace kaum eine neue Theorie vorgebracht worden. Mit einer solchen hat nun Dr. Wilde die Halley- Vorlesungen in Oxford eingeleitet. Seine Ansicht über die Art, wie ein Komet geboren wird, ist fteilich so sonderbar, daß eS fraglich erscheinen muß, ob sie viel Anhänger gewinnen wird. Er geht von der durch Laplace und Kant begründeten Weltnebel- Hypothese für die Entstehung des Sonnensystems auS, die er durch die neueren Forschungen bestätigt findet. Die Planeten hält er aber nicht wie manche Geologen für durchaus feste Körper, sondern glaubt, daß sie in ihrem Innern unter der festen Kruste und einer darunter liegenden Flüssigkeitszone aus ursprünglichen Gasen im Zustande hohen Drucks bestehen. Diese Anschauung bringt ihn auf den Gedanken, daß die Kometen, die doch wahrscheinlich zum großen Teil auch aus gasigen Stoffen zusammen- gesetzt sind, gewissermaßen Auswürflinge namentlich der größeren Planeten seien. Da die Sonne so überaus gewaltige Eruptionen von Gasen hervorbringt, die sich auf viele Millionen Kilometer in den umgebenden Raum hinaus erstrecken, so sollten der- gleichen Vorgänge bei den größeren Planeten nicht undenkbar sein. Dr. Wilde kennzeichnet die Entstehung einer Kometenmaffe auS einem Planeten dahin,. daß sie aus diesem gewissermaßen herausgesogen wird, wenn andere Planeten gemeinsam auf eine be- stimmte Stelle der Oberfläche eine starke Anziehungskraft ausüben. Auffallend ist es, daß der Astronom nicht an die GasauSbrüche der Sonne selbst als Ursprung der Kometen gedacht hat. Sie könnten vielleicht einen Teil der periodischen Kometen erklären. und die von außen in das Sonnensystem kommenden würden dann eben als entsprechende GaSausbrüche anderer Fixsterne auf- zufassen sein. Duch eine solche Annahme würde auch die überaus große Leichtigkeit der Kometenmasse verständlich sein, da bis auf die feinsten Gase die Ausbnichsmassen der Sonne auf diese wieder zurückfallen müssen. Diese Hypothese findet übrigens noch einen weiteren Halt durch die Forschungen von Strutt, der nach- gewiesen hat, daß die Atmosphäre der verschiedenen Himmelskörper nur aus solchen Gasen zusammengesetzt sein kann, die von dem be- treffenden Körper durch seine Massenanziehung festgehalten werden. Die Erde z. B. vermag das Helium nicht festzuhalten, obgleich es als Ausscheidung von Vulkanen entdeckt worden ist._ Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Borwärre Buwdruckerei u.Verl«g«anstalr Paut«mgcr scEo..Berlin LAi.