Anterhaltungsblatt des'Dorwärts Nr. 101. Freitag, den 27 Mai. 1910 CRü&dtiiif Mrtetta.) SSj Die)Zrena. Roman von Dicente BlaSco Jbanez. Autorifierte Uebersetzung von Julia Brouta. „Ich habe keine Angst vor den Gendarmen," fuhr der Räuber fort,„Wohl aber fürchte ich die armen Leute. Es sind ja sonst alle gute Menschen, aber wie gesagt, das Elend ist ein schlimmer Ratgeber. Ich weih, daß die mit dem Drei- spitz mich nicht töten werden. Ihre Kugeln sind nicht für mich. Wenn mich jemand tötet, wird es ein Armer sein. Unsereiner Iäf$ sie ahnungslos an sich herankommen, weil sie unser eigenes Fleisch und Blut sind, und dann machen sie sich die Sorglosigkeit zu nutze. Ich habe Feinde, die sich gegen mich verschworen haben: zuweilen gibt es Spitzbuben, die einen in der-Hoffnung auf etliche Pesetas zur Anzeige bringen, oder Niederträchtige Schufte, die das. was man ihnen aufträgt, nicht besorgen; und. um sich Respekt zu ver- schaffen, muh man alle mit Härte behandeln. Tut man ihnen ein Leid, so bleibt die Familie übrig, um ihn zu rächen. Ist man milde und begnügt sich damit, ihnen mit Brennesseln und Disteln einen Denkzettel auf eine gewisse Körperstelle zu versetzen, so erinnern sie sich ihr ganzes Leben hindurch an diesen Späh... Ja, vor den Armen, vor meinesgleichen habe ich Furcht. Plumitas hielt einen Augenblick inne. Dann fuhr er, indem er den Stierfechter ansah, fort: „Außerdem sind die Jünger, die Schüler, die Nachahmer da. Sagt die Wahrheit, Sennor Juan: Wer macht Euch mehr zu schaffen, die Stiere, oder alle jene Neulinge, die, von Hunger getrieben, es dem Maestro zuvor tun wollen? So ist es bei mir auch. Ich sage es ja, wir gleichen einander.. In jedem Dorfe gibt es einen wackeren Burschen, der davon träumt, mein Nachfolger zu werden, und mich eines Tages im Schatten eines Baumes eingeschlafen zu finden hofft, um mir den Garaus zu machen. Der, welcher den Plumitas kalt gemacht, wird nicht geringes Ansehen davontragen." Darauf begab er sich, von Potage gefolgt, in den Stall, und eine Viertelstunde später brachte er das starke Pferd, feinen unzertrennlichen Begleiter, in den Hof des Wohn- Hauses. Das knochige Tier schien größer und stattlicher ge- worden zu sein nach den vor gefüllten Krippen verbrachten Stunden. Plumitas streichelte ihm die Weichen, während er die Decke über dem Sattel zusammenlegte. Das Tier konnte zu- frieden sein. Der Bandit gab zu, daß es selten so gut g» pflegt worden sei wie auf dem Gut des Sennor Juan. Nun hieß es, sich tapfer halten, denn der Tagesmarsch werde lang sein. „Und wohin geht die Reise. Kamerad?" sagte Potage. „So etwas fragt man nicht. Ich selbst weih es nicht. Herum in der Welt. Dahin, wo es was zu holen gibt!" Und er schwang sich hinauf, indem er eine Fußspitze in einen der rostigen und beschmutzten Steigbügel setzte, und blieb aufgerichtet im Sattel. Gallardo trennte sich einige Schritte von Donna Sol, die den Vorbereitungen zur Abreise mit seltsamem Ausdruck und bleichem, vor Erregung zusammengepreßtem Mund zusah. Der Sticrfechter fuhr in die innere Tasche seiner Jacke und ging auf den Reiter zu, indem er ihm verstohlen einige lü» seiner Hand zusammengefaltete Papiere überreichte „Was ist das?" sagte der Räuber. „Banknoten I" „Ich danke, Sennor Juan. Man hat Euch roahrscheinlich erzählt, man müsse mir etlvas geben, wenn ich mich von einem Gute entferne. Das gilt aber nur den anderen, den Neichen, die Geld wie Heu haben. Ihr verdient das Eurige mit eigener Lebensgefahr. Wir sind Kollegen. Behaltet es, Sennor Juan." Gallardo steckte die Banknoten wieder zu sich, von der Weigerung des Banditen etwas enttäuscht, der sich in den Kopf gesetzt hatte, ihn wie einen Berufsgenossen zu betrachten. .Ihr werdet mir einmal einen Stier widmen, wenn wir uns im Zirkus treffen." fugte Plumitas hinzu.«Das ist mehr wert, als alles Gold der Welt." Donna Sol schritt dazu, bis sie neben dem Reiter stand, und indem sie eine Herbstrose von ihrer Brust nahm und ihm schweigend überreichte, sah sie ihn mit ihren goldgrün glänzenden Augen an. „Ist das für mich?" fragte der Räuber mit einer Be« tonung der Ueberraschung ttnd des Erstaunens.„Für midk Frau Marquise?" Als er sah. wie die Dame kopsnickend bejahte, nahm er die Blume verlegen in seine schwerfällige Hand, als ob sie von überwältigendem Gewicht wäre. Er wußte zuerst nicht, wo er sie hinstecken sollte, und wies ihr schließlich einen Platz in einem Knopfloch seines Kittels an, zwischen den beiden Enden semes roten Halstuches. „Das ist wirklich etwas Schönes!" rief er aus, und sein volles Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.„In meinem Leben ist mir so etwas nicht vorgekommen." Der rauhe Reitersmann schien bewegt und gerührt zu» gleich von diesem Geschenk aus Frauenhand. Rosen, und für ihn!... Er zog die Zügel des Pferdes an. „Bleibt alle gesund. Ihr Herrschaften. Bis auf Wieder, sehen.... Gesundheit, mein braver Bursche. Ich werde Dir einmal eine gute Zigarre zuwerfen, wenn Tu Deinen Stier recht anstichst." Mit einem rauhen Händedruck verabschiedete er sich vom Picador, der ihm mit einem Faustschlag auf den Schenkel antwortete, daß die kraftvollen Muskeln des Banditen zitterten. Wie angenehm dieser Plumitas doch war! Inder Rührung seines Rausches wollte Potage sich mit ihm ins Feld schlagen. „Lebt wohl, lebt wohl!" Und dem Pferde die Sporen gebend, verlieh er in scharfem Trab das Gut. Gallardo war froh, als er sich entfernte. Dann blickte er nach Donna Sol. die unbeweglich dastand und mit den Blicken dein Reiter folgte, der in der Ferne immer kleiner wurde. „Welches Weib!" murmelte der Stierfechter entmutigt. „Welch närrische Frau!..." Es war ein Glück, daß der Bandit häßlich war und in Lumpen gehüllt und schmutzig wie ein Landstreicher herumzog. Sie wäre sonst mit ihm gegangen. „Es ist geradezu unglaublich, Sebastian, daß ein Mann wie Du. der Frau und Kinder hat, sich zu solchen Kuppeleien hergibst... Ich hätte das nicht von Dir gedacht, und hatte Vertrauen zu Dir, wenn Du mit Juanito auf die Reise gingst! Ich war beruhigt, weil ein ch»raktervoller Mann ihn begleitete!... Was ist nun aus Deinen guten Gesinnungen geworden? Werden solche Dinge in Eurer Partei gepredigt?" Der Nacional erschrak über den Unwillen von GallardoS Mutter, und die Tränen Carmens, die im Stillen weinte und ihr Gesicht in einem Taschentuch verbarg, rührten ihn. Er verteidigte sich ungeschickt, aber bei Vernehmen der letzten Worte richtete er sich mit einem priesterlichen Ernst in die Höhe. „Sennora Augustias, ruht nicht an meine Ideen und laßt, wenn ich bitten darf, die Partei außer Spiel, die mit diesen Dingen nichts zu tun hat. Beim Leben der blauen Taube! Ich ging mit nach La Rinconada. weil mein Maestro es mir befahl. Wißt Ihr. was eine Cuadrilla ist? Dasselb« wie ein Regiment. Disziplin und Unterwerfung muß sein. Der Matador befiehlt und man muß gehorchen: denn alles, was mit den Stieren zusammenhängt, stammt aus den Zeiten der Inquisition, und ein rückschrittlicheres Handwerk gibt es nicht." „Hanswurst!" rief die Scnnora Angustias aus...Schön« Geschichten das. Deine Fabeln von Inquisition und Rück» schritt! Alle zusammen bringt ihr noch diese Aermste um. die den ganzen Tag Tränen vergießt, wie die Schmerzens- reiche. Du bezweckst nichts anderes, als die Schandtaten meines Sohnes zu verdecken, weil Du sein Brot ißt." »Ihr habt recht, Sennora Angustias. Juan gibt mir meinen Unterhalt zu verdienen, so ist es. Und weil ich durch ihn verdiene, muß ich ihm gehorchen... Aber nun hört mich an, Sennora: verseht Euch in meine Lage. Mein Maestro sogt mir, ich soll mit ihm auf La Rinconada fahren. Bei der Abfahrt im Automobil finde ich mich mit einer sehr hübschen Dome von Stand zusammen. Was soll ich nun dagegen tun! Zudem kam ich nicht allein. Potage fuhr auch mit, und der ist schon etwas älter und gesetzter, wenngleich er ein Stück Vieh ist. Er lacht nie." Die Mutter des Stier ,'echters geriet über diese Ausrede noch mehr in Zorn. „Potage, ein Lump, den Juan nicht in seiner Cuadrilla haben sollte, wenn er Schamgefühl hätte. Rede mir nicht von diesem Trunkenbold, der seine Frau prügelt und besten Kinder Hungers sterben." „Gut. lassen wir Potage beiseite. Wie gesagt, ich fand jene Dame vor, was war da zu tun? Es war keine Dirne, es war die Nichte des Marguis, eine Anhängerin des Maestro, und Ihr wißt, daß Stierfechter mit Leuten von Stand auf gutem Fuß stehen müssen. Mcm lebt vom Publikum. Was ist da weiter Böses dabei!... Nachher, auf dem Gute, ist nichts vorgefallen. Ich schwöre es Euch, bei meiner Familie, nicht! Ach bin derjenige, der eine Unziemlichkeit ruhig mit ansieht. Ich bin ein anständiger Mensch, Sennora Angustias, und es ist nicht recht von Euch, mir den häßlichen Namen zu geben, wie Ihr es vorhin tatet!... Wenn man dem Komitee angehört und an den Wahltagen um Rat gefragt wird, und Stadträten und Abgeordneten die Hand geben darf, ich sollte meinen, da kann man doch nicht gewisse Rollen übernehmen... Ich wiederhole, nichts ist vorgefallen. Sie siezten einander, ein jeder brachte die Nacht für sich allein zu. Kein ungeziemender Blick, kein anstößiges Wort, alles im schönsten Anstand, und wenn Ihr wollt, daß Potage kommen soll, er wird es bestätigen." Allein Carmen unterbrach ihn mit klagender, von Seufzern unterdrückter Stimme. „.An meinem Hause!" stöhnte sie entsetzt.„Auf dem Landgute! Und sie schlief in meinem Bette!... Ich wußte von allem früher, und schwieg, schwieg still. Aber so etwas! Herr Jesus! So etwas. In ganz Sevilla gibt es keinen Mann, der sich so etwas herausnimmt!..." Der Nacional fiel besänftigend ein.„Nur ruhig, Frau Carmen. So schlimm ist ef doch nicht. Ein Besuch auf dem Landhause von feiten einer vornehmen befreundeten Dame, die aus eigener Anschauung sich das Leben dort ansehen wollte, ist schließlich nicht so übel aufzufassen. Diese halb- fremden Damen sind stets eigenwillig und seltsam. Wenn Sie die Französinnen gesehen hätten, als die Cuadrilla in Nimes und Arles auftrat! Kurzum,'s ist weiter nichts da hinter. Alles Dummheiten. Aber beim Leben der blauen Taube, ich möchte wissen, wer der freche Kerl ist, der die Sache ausgeplaudert hat. Ist es jemand vom Gute, ich würde ihn an Juanitos Stelle fortjagen, und ist es ein Fremder, ihn beim Gericht anzeigen, wegen böswilliger Ver- leumdung." Carmen weinte in einem fort, ohne die Ergüsse des Banderilleros anzuhören, während die Sennora Angustias in ihrem Sessel, dessen Armlehnen ihre überschwellende Kor- pulenz einzwängten, die Augenbrauen zusammenzog und den behaarten, saltigen Mund krampfhaft zudrückte. Dann begann sie wieder. „Schweig still, Sebastian, und lüge nicht. Ich weiß alles. Der Ausflug nach dem Landhause war eine schanilose Orgie, «in Zigeunerfest. Man sagt sogar, der Räuber Plumitas sei unter Euch gewesen." Vor Erstaunen und Unruhe schnellte der Nacional auf. Ihm war es, als träte in den Patio, die Marmorplatten ent- weihend, ein klobiger Reiter mit schmierigem Hute ein und stiege vom Pferde, indem"r seinen Karabiner auf ihn als einen Schwätzer und Feigling richtete. Alsdann glaubte er Dreispitze, viele Dreispitze von glänzendem, schwarzem Wachs- tuch, bärtige Oberlippen, die ihn in einem fort ausfragten, schreibende Hände und zuletzt die ganze Cuadrilla in ihren Kampfgewändern zu sehen, wie sie mit gefesselten Armen den Weg nach dem Gefängnis einschlug. Hier mußte mit aller Entschiedenheit geleugnet werden. „Schwindel! Nichts als Schwindel! Was schwatzt Ihr da von Plumitas? Nichts als anständige Leute waren dort. Na, weiter fehlte nichts, als daß man einem Bürger wie mir. der mehr als hundert Stimmen aus seinem Viertel in die Urne brachte, nachsagen könnte, er habe Umgang mit einem gev'iogrn! Da hört doch alle-», auf!" Die Sennora Angustias war durch die Einwände des Nacional zum Schweigen gebracht worden, und da sie in Betreff der letzten Tatsache keine volle Gewähr hatte, glaubte sie schließlich nicht daran. „Schön, ich gebe zu. daß Plumitas nicht da war. Macht auch nichts aus. Aber das Andere, um Gotteswillen 1 Eine Landpartie mit jenem... Weibe!" Und mit der blinden Beharrlichkeit einer Mutter, die jegliche Verantwortung für die dummen Streiche des Sohnes auf andere abwälzen wollte, setzte sie ihre Beschuldigungen gegen den Nacional fort. „Ich werde Deiner Frau schon sagen, welch netten M ann sie hat. Die Arme reibt sich in ihrem Laden auf von früh- morgens bis abends spät, und Du gehst wie«in junger ver» luderter Kerl dem Vergnügen nach. Du solltest Dich schämen — in Deinem Alter, mit so vielen Kindern!" lgortsetzun» folgt. t ölumen und fraucn* Von Werner Peter Larsen. In diesen Tagen muß ich immer an Mutter Falb denke».— Ich köre sie da draußen bantieren. sie putzt und scheuert irgend etwas, manchmal trippelt sie auch von der Küche in die Stube und zurück; i» glaube, sie hat getagt, bald sei irgend ein Fest und da müsse alles in Ordnung sein;— sie ist eine tüchtige Person;— übrigens Hai sie vorhin dem Bäckcrjungen gesagt, er sei ein Etel, das hätte sie können lein lassen; die Sache ist nämlich die. daß uns täglich die Brötchen gestohlen werden— ganz systematisch — und das ärgert sie; erst waren wir über den Täter völlig im Dunkeln, aber nun meint sie, der Junge— der„Esel"—«fräße sie'elbst auf", das bestreite ich: der arme Kerl sieht so entsetzlich verhungert aus. gar nicht als ob er Bäcker wäre(was ja allerdings nichts sagen will), jedenfalls aber nicht nach einem Früh- stück van sechs Schrippen.— obwohl fie ja in letzter Zeit sehr klein sind. Aber das war es eigentlich nicht. waS ich sagen wollte. Ich muß immer an Mutter Falb denken, ja, die ganze Zeit, und da sitze ich nun und denke nach, warum ich das muß; ich meine, das macht vielleicht der kleine kranke Geraniumstock. den ich von meinem Fenster auS sehe; nun hat er nur noch drei winzige grüne Blätter, die anderen sind alle vertrocknet und abgefallen, und nun wird er bald sterben. Es ist ein rechter Jammer, GaS in der Wohnung zu haben. Bequem ist es ja und ich möchte es selbst kaum missen, aber die Blumen, o, die Blumen I Da ist nun dieser Geraniumstock. Es gab eine Zeit— seine Jugend— da fragte ich täglich nach ihm, nach seinem Wachsen und Gedeihen; daS habe ich nun aufgegeben; ich fühle, es schmerzt Mulier Falb nur. von ihm zu sprechen, ja, ja, und ich sehe ja schließlich auch selbst, wie daS Gas ihn würgt. Das Gas und die engen Mauern.... Aus dem Friedhof, wo der alte Falb schläft, da ist eine schöne fette Erde, das muß man wohl sagen, und die Luft ist auch ganz prächtig, io richtig würzig; Stiefinllttcrchen sind da. die schönsten, die ich je gesehen habe, aber auch die Immortellen lassen sich sehr gut an i da könnte er vielleicht noch aufkommen— vielleicht. Ich habe schon gefragt, ob sie ihn vielleicht hinbringen will, aber— nein, das will sie nicht. Sie war ganz erschreckt. «Dann bin ich ja ganz allein in meinen vier Wänden,' sagte sie. Und dann läckielte fie, so ein klein wenig verlegen, als hätte sie eine Dummheit gesagt; nun, ich nickte nur, aber ich iah sehr wohl, daß eS ihr Ernst war, o, sehr wohl! Ich kenne dies Gefühl, diese Furcht vor der Emimuleit; danials als Jia gegangen war, da habe ich es gespürt; wieviel Nächte habe ich nicht in den Cafos zu» gebracht, mit welchem Gesindel m einem Zimmer gesessen, um nur nicht allein zu sein! Nun, davon wollen wir nicht sprechen. Ja. also, wie gesagt, den Geraniumstock will fie nicht fort- bringen. Nun gießt sie ihn morgens mit Blut und nachmittags mit Kckffee und nieinr, das könne ihn stärken. Sie macht ein ganz be- fonderes Gesicht dabei. Sic ahnt ja nicht, daß ich sie beobachte. — nein—; unlängst habe ich ein junges Weib gesehen, daS seinem Sohne die Brust gab, das hatte so ein Gesicht; daran muß ich nun imnier denken. Gon, denke ich oft, diese Frauen I Wie hat man sie gehetzt und geschunden, wie hetzt man sie heute noch, wieviel schmutzige schlüpfrige Hände berühren, bedrücken, würgen sie, und da— trotz allem!— wieviel Liebe I Ich komme immer wieder ab. Ja, ich wollte noch sagen, was Mutter Falb mir von der anderen Wohnung erzählt hat, ich meine die im Vorort, wo sie noch mir dem Alten wohnte. Das ist eine schöne Wohnung. Sie liegt nahe der Fabrik, wo der Alte war— nur eine Wiese liegt da- zwischen—. rechts am Hause fließt ein Bach vorbei und rings herum sind Felder. Nachts, wenn es still ist, dann hört nian den Bach so erdentlich glucksen... ja, da gediehen die Blumen l — 403— Zimmer uud Fenster waren dicht besetzt, alles grünte und blübte� und Mutter Falb sagt selbst, daß sie dort das Kind eigentlich nicht sehr vermißte, das fie fich so heiß gewünscht hatte... Aber hier-- ,Ach, hier wächst ja doch nichts.. .Sie sollten sich ein Stück Laubenland pachten/ sage ich oft. Aber sie meint, das sei ihr zu viel, das sei mehr etwas für junge Leute. Ost aber am Nachmittag setzt Mutter Falb den Kapotthut auf, dm ersten Kapotthut. den ich nun seit fünf Jahren kenne, streicht sorgsam über ihr Kleid und verläßt das Haus, Sie bleibt dann lange fort, an drei, vier Stunden, und wenn sie wiederkommt, spüre ich, wenn ich gerade gut riechen kann, einen Hauch von Erde und Grün. «Gehen Sie in den Wald?* Nein, in den Wald geht fie nicht. «Gehen Sie in den Park?' «ch. nein, in den Park— dahin auch nicht; da find so viele feine Herrschaften... und dann all' die Pferde und Wagen nein, nein, da wird man ganz wirr im Kops... Nein, fie geht nur ein bißchen in die Lust, hinauf zu ihrem Slten. Eine Erde ist da I— der reine HumuS—; und der Totengräber ist auch ein anständiger Mensch: ist das nicht anständig— filr das Aufbewahren der Gießkanne und der Kelle das ganze Jahr fünfzig Pfennige? Ja. das muß man sagen. Im übrigen ist da draußen eine An�fel, die sitzt immer über des Alten Grab— oben. in der Trauerweide.— da« ist ein ganz prächtiger Bogel l Seit vier Jahren kommt fie nun immer wieder. Und wie fie fingt! Fast wie eine Nachtigall... Da» ist doch eine rechte Freude, so zu sehen, wie die Wurzelchen angehen und die Klengel fich ranken, da vergißt man oft fast, daß eS ein Grab ist. auf dem fie wachsen � ja—; der Alte ist nun auch schon vierzehn Jahre tot und das Kind-- das Kind blieb aus. und noch manches andere auch—; nun, es hat wohl nicht sein sollen. ES hat wohl nicht sein sollen... Aber wenn man so die Blumen sieht und die Amsel hört, dann— vergißt man das oft ganz... Nur der kleine Geraniumstock—. Ja, aber vielleicht kommt er doch noch auf, vielleicht doch,— wenn man ihn gut pflegt und gießt--. Wenn Wutter Falb heim kommt, hängt in ihren Kleidern em Hauch von Erde und Grün, ja manchmal ist mir, als hörte ich gar die Amsel und sähe die alte Trauerweide im Sonnenschein. So ist eS. Früher habe ich nie die Menschen begreifen können, die einen Bogel halten, einen Kanarienvogel, sie kamen mir stets so indifferent vor; das mindeste für eine Freundschaft, meinte ich, mllfle doch ein Pferd sein, ein Hund, eine Katze; nun aber weiß ich, daß eS defien nickt dedarf, ja daß es sich ganz gleich bleibt, ob es ein Vogel ist, den man liebt, oder ein Geraniumstock, oder ein blaues Stiefmütterchen. ES bleibt sich wirklich gleich. Und so manche? noch. Früher, da konnte ick auch die Fronen nicht begreifen, die alten Mütterchen, die da zum Friedhof pilgerten; ich meinte, fie täten es aus Langeweile, aus Gedankenlosigleit, ja aus Gewohnheit; nun weiß ich. daß mehr dahinter ist; ich weiß nun, daß auf dem Friedhof Amseln wohnen, Amseln und Nachtigallen, und daß dort eine Erde ist. eine wahrhaft prächtige Erde, in der die Blumen wachsen, die uns das Leben zertritt. Ich weiß nun. daß es gleich ist. wen man liebt, ob einen Vogel, oder einen Hund, oder ein Sliefmüilerchen, das weiß ich— eS ist ganz, ganz gleich. Jemanden aber— irgend jemanden muß man liebe». Und ich weiß auck, daß der Friedhof ein Land ist, ein großes Land für sich, ein stiller Born der Erinnerung, in dem die Jagend wohnt, und so manche schöne Stunden, und Freunde und Geliebte, und Blumen, Blumen— o, so viele Bluinen, die uns das Leben zertreten. Da sitze ick nun und denke an Mutter Falb, die ganze Zeit schon;«S ist vielleicht so eine Friedhofsstimmung in mir; vielleicht ist eS auch der kleine Geraniumstock, der nun sterben muß; ich weiß es nickt. «Sie sollten ein Stück Laubenland pachten,' sage ich. Ach nein, das ist wohl zu viel. Das ist für jüngere Leute. Und dann ein Laubenland— muß man da nickt immer daran denken, das Geld herauSzuwirtschasten? DaS muß man doch, nicht? Und das ist das Richtige nicht.... Und anderswo? J» den großen ParkS— da sind so viele feine Herrschasten, die sehen einen immer so komisch an, weil man schwielige Hände hat und nicht so fein ist.... Und dann bleibt einem dort ja doch alles fremd, es ist ja nichts, das man kennt, wie der kleinste Blumentopf oder wie ein Grab, ein Land, das man lieben kann.... Das Volk hat keine Gärten. In den Kellern und Höfen wohnen keine Amseln, und die Blumen an den Fenstern— o, ich muß immer an Kinder denken, an unsere bleichen, blutarmen Kinder; aber gegen die Einsamkeit, ja, und zum Lieben— für die Frauen— da mögen fie ja gut sein... Diese Frauen I Sind fie nickt ein Wunder? Ich sehe sie an: wie sie ihre Kinder säugen, wie fie ihre Blumen anschauen— ich sehe sie über den Gräbern--. Sie können noch immer lieben! Selbst über Gräbern. Das mflirche Ballett* Der Sinn für die lebei oige Schönheit, für die geheimnisvolle Sprache der Bewegungen, für den tiefen, hinreißenden Ausdruck der Mienen und Gesten ist uns verloren gegangen. Westeuropa dient der Vernunft. Was man will, sagt man; bleibt da noch Raum für etwas Uniagbares? Ist es nicht höchst überflüssig, sich zu Exalta« ttonen zu erbeben, in denen die Glieder sich wild erregen, in denen das Wort zu Nein wird, untergeht in den chaotischen Wirbeln de? Körperlichen, das unS mit einem Male fortreißt in Gefilde, die uns fremd find? Die Russen aber haben noch diese Gewalt der Primitivität, der gegenüber die trockene Ueberlegung nickt Herr wird. Sie haben noch den Reichtum durcheinanderwogender Empfindungen, die sich nicht klären wollen. Darum tanzen sie, und ihr Tanz ist voller Sckön» heilen und Reize, weil die Rusien mit der Rassigkeit ihrer Natur» anlage die Kulturform des westeuropäischen Balletts verbinden. Das sollte Kunst fein? Diese Wildheit der Bewegungen, diese berierkerhafte Wut der rasenden Wirbel, diese hintaumelnden Ent- zückungen in Wollust und Weichheit, dieses schmeichelnde Nahen und lockende Fliehen? Wir lieben in der Kunst das Abgezirkelte. Alles muß genau seinen Wert und Rang und seine Bedeutung erweisen. Hier aber ist alles weit, groß, wild, tief. Und selbst wenn wir lanzen, wollen wir nickt Hingebung. Taumel, Raserei, sondern höchstens ein maßvolles Hüpfen, und ein fanstes Schweben, und ein mildes Kokettieren, auf daß alles beim alten bleibe und die Welt der Regelmäßigkeiten nicht erschüttert werde. Beileibe nicht! Hier die Welt der Alltäglichkeiten und der Ordnung; und jenseits dieser die Welt der Kunst. Aber sie muß hübsch dezent sich verhalten, nicht ungebärdig sein und nicht diese Grenzen überschreiten wollen. Die Tanzkunst ist nicht tot. Sie lebt bei den Russen. Sie lebt überall da, wo ungebrochene Instinkte tiefsinnig und symbolisch im Volkscharakter wirken. Sie lebt auch in Indien, im Orient über- Haupt, fie lebt überall da. wo das Wort nicht aller Dinge Sinn erklärt. Man muß etwas Chaotisches in sich haben, um tanzen zu können, um die Sehnsucht zum Tanz zu haben. Da wir das nicht mehr haben, darum stirbt die Tanzkunst ab bei uns, wie bei allen Völkern des Westens. Daß gerade die Rüsten so hinreißend wirken, liegt daran, daß fie zwischen den Kulturen stehen. Sie sin! halb Orient, halb West- europa. Daher dieser Reichtum an Mischungen im Charakter, daher das halb Primitive, halb Raffinierte. Und vor allem: sie haben die Anlage und sie verbinden mit der Wucht volkstümlichen Aus- drucks im Tanz die Eleganz raffiniertester Kultur. Und bleiben doch fie selbst. Zu dieser Fremdartigkeit der Erscheinung tzvigt die Eigenartigkeit der Farben entscheidend bei. Nicht nur jene Note des Volks- künstlerlsche». Allerdings wirken diese sta.'ken, sich wiederholenden Nuancen, dieses Rot und Grün, in ihren starken, unvermittelten Kontrasten faszinierend, aufreizend. Dazu kommt nun der Reichtum schwelgender Farbigkeit, die dem Orient eigen ist und an derjRußland, das zur Hälfte Orient ist, Teil hat. Dies alles wäre aber nur Material und es würde nur um der Exotik willen gefallen, vielleicht aber auch, da Volkskunst sowohl wie Orient uns zu geläufig geworden sind und leider speziell in billiger Basarware, Gefahr laufen, von uns mißachtet zu werden. Dazu tut auck nichts, daß die Stofie alle echt und im Material so gewählt sind, so daß dadurch jede Möglichkeit einer Verwechselung mit billigen Effekten beseitigt ist. Das Echte ist noch nicht maßgebend. Maßgebend ist. daß in allem ein künstlerischer Geschmack, der vielleicht instinktiv waltet, wirksam wird. Dieser Geschmack betont fich nie prätentiös; aber er macht sich dadurch bemerkbar, daß man sich keines Bildes ent- finni, das in der farbigen Erscheinung geschmacklos wäre. Dies ist um so wunderbarer, als die Wirkungen immer starke sind, die Fülle der Farben immer schwelgend und reich ist; aber nie ist die Grenze überichritren, wo Fülle zur Geschmacklosigkeit wird. DaS legt nahe, daß Künstler vier mitwirkten. Sie haben es verstanden, a»S der Volkskunst, wie aus dem Orient die wertvollen, künstlerischen An- regungen zu entnehmen und die Wirkur gen geschmackvoll zu dis- zipliniercn. Sie geben in den Bauerntänzen eine Fülle strahlender und echter Erscheinungen, rassig eigen und doch allgemein gültig, ver» ständlich ohne DetailkennMtS von Land und Sitte. Sie überwinden durch die Kunst die Ethnologie. Sie heben das übliche Ballett- kostüm zu elwaö entzückend Persönlichem; nur durch ein bißchen Farbe, ein Orange; oder durch besondere Formen. Und im Ensemble stimmen sie diese Gazeröckchcn zu einer Mondscheinvision. Da liegen ie wie große, weiße Blumen beieinander; da entschweben sie zwischen grünen Zweigen. Da stehen sie in Reihen und horchen und lauschen, aufgereiht wie ein Blumenbeet, das im Mondlicht silbern schwin nt. Sie überwinden das Alte und machen es neu. Sie gestalten stilisierte Kostüme von unerhörtem Raffinement in freier Erfindung, von exotischer Pracht, byzaminisch-hierausch treng, wo die dunkle Farbe des Körpers, d>s BanckteilS, der Beine entscheidend mitwirkt. Sie überwinden die kitschigkeit des Orients durch die Strenge ihres eigenen Stils. Und dann wieder gefallen sie sich in nie Ermüdender Pikanterie darin, Kostüme für Herren und Damen aus der Biedermeierzeit zu erfinden, ganz echt, ganz Stil, und doch ist in der Betonung mancher farbigen Rote die eigene Art gewahrt, so daß der Biedermeierstil nnt Anregung ist. Man denkt an Porzellanpüppchen, wenn man diese Damen im bunten Reifrock, diese Herren in den enganliegenden, farbigen Sckofcrücken, den hohen Aylindern mit gerader Krampe sieht, und wenn dann noch ein so zierliches, lentzückendeS Per'önchen wie die Lopuchowa in ihrem Weißen Reifrock hereinichwebt, mit einem so jugendlich frischen GesichtSausdruck, so wird das Märchenreich Andersens lebendig. In dieser Note tiegr wieder das Eigcnkünstlerische. daS alle Imitation eines vergangenen Stils überwindet. Dieser farbig gewählte Eindruck, der die Erscheinung des Einzelnen charatt-risiert, steigert sich in größeren Druppen zu um so wuchtigeren Wirkungen. Da sehen wir— wieder stuft sich das je nach dem Charakter der Darstellung ab— in den Volkstänze» Gruppen, in denen ein markantes Grün vorherrscht, so daß der Einzelne kaum noch für sich wirkt; die gesammelte Erscheinung wird auf der entsprechenden Seite variiert, indem daS Grün, das auch hier vorherrscht, durch ein Gelbbraun abg-'önt wird Ueberall ergeben sich solche Wirkungen der gehäuften. oriS- drucksvollen Harmonien und der schrillen Kontraste. Der Bacchanlentaumel ist ein rauschendes Wogen von Weiß und Dunkelviolett, in dem die Beine und Arme mit ihrem Fleischton aufgeregt wühlen. Wenn die Tariaren mit den Mädchen in ihren farbenprächtigen, aufregend roten und dumpfen grünen Kostümen tanzen, zucken die Farben zu einem breiten, hohen Teppich mit wogenden Ornamenten zusammen, und wenn sie alle nach vorn stürzen, scheinen sich Fluten von unerhörte'- Farbigkeit über die Bühne ergießen zu wollen. auS denen von Zeit zu Zeit Flammen aufzüngeln. Wie zart dagegen das Weiß in dem Mondscheintranme der „Sylphiden', das immer füll und träumerisch bleibt und schon mit seiner Erscheinung, die von keiner anderen Farbe unterbrochen ist. im ganzen wie in den einzelnen Gruppen wie ffurendeS Mondlicht. daS auf schlafenden Bäumen und Wiesen und Sträuchern liegt, wirkt. Bei der ägyptischen Pantomime dagegen ein Hin- und Herfluren von allen Farben, ein betäubender, aufreizender Rausch von Nuancen, die nicht ruhen, nicht sich fügen.... während in der.Karnevalszen?" bizarre, freischaffende Laune sich auslobt. Dekoratives, modernes Empfinden schafft auS den Masken der Harlekinskomödie und anS den Menschen der Biedermeierzeit eine Stimmung, die an die zärtlich- wehmutsvolle, laumg-übermütige Welt erinnert, die Künstler wie Somosf,»»ie Th. Th. Heine schusen. Wie Puppen tanzten die Menschen vor dem großen, grünen Vorbang, der als Hintergrund diente, vorbei und die Realität dieser Menschen schien last aufgehoben. Die Russen haben uns gezeigt, daß die Tanzkunst, dies« ur- sprünglichstc und erste Kunst der Menschheit, noch lebendig ikt und »ms neue Werte einer mimischen und rhythmischen Darstellung geben kann._ E. E. W. Kleinee f cinlletori. Aus dem Gebiete der Chemie. Der Steinkohle nteer, der früher als werlkoses Neben. Produkt der Leuchtgasfadrikation unbeachtet blieb, ist heute eineS der wichtigsten Rohmaterialien der chemisch-pharmazeutischen In» dustrie. Gewisie Industriezweige sind durch die Ausnutzung deS StrinkohlenteerS, der eine unerschöpfliche Fundgrube der� verschie- deiisten aromatischen Kohlenstoffverbindungen darstellt, überhaupt erst ins Leben gerufen worden, so die Industrie der Anilinfarben. die nach ihrem Ausgangsmaterial auch als Teersarbstoffe bezeichnet werden. Viele andere Substanzen, die namentlich in der Pharma- zeutik und Heilkunde die größte Wichtigkeit erhalten haben, wie bei- spielsweise die Karbolsäure, das Kresol(Lysol), das Benzol, werden direkt aus dem Steinkohlenteer bei dessen Destillation gewonnen, während andere nicht minder wichtige Stoffe wie die Salizhljäure, die Benzoesäure usw. zwar nicht direkt auS dem Rohstoff gewonnen. aber doch wie die Anilinfarben auS anderen dem Stein kohleuteer entstammenden Materialien hergestellt werden. Der Steinkohlenteer, der selbst bei der Destillation der rohen Steinkohlen zum Zweck der Leuchtgasfabrikation entsteht, wird weiter zur Trennung seiner verschiedenen Bestandteil« einer frak- tionierten Destillation unterzogen, d. h. unter Maßgabe deS Siede- Punktes durch Erhitzen und Verdampfen in mehrere Fraktionen (Teile) zerlegt. Man unterscheidet im allgemeinen vier Haupt- gruppen deS DestillationsprozesieS: daS L e i ch t ö l, das die bis 170 Grad Celsius vergasenden Teile, daS K a r b o l ö l, daS die zwischen>70 und 230 Grad Celsius vergasenden Bestandteil«. daS Sckweröl oder K r« o s o t ö l. das die zwischen 230 und 270 Arad Celsius vergasenden Bestandteile enthält, und schließlich das An- thrazenöl mit den über 270 Grad Celsius siedenden Teer» vestandteilen. Diese verschiedenen Fraktionen bestehen aber nun wiederum auS sehr verschiedenartigen Stoffen, sind durchaus noch nicht einheitliche chemische Verbindungen, sondern können, wieder «auf dem Wege feinerer Destillationen oder anderer Hilfsprozesse getrennt werden. Das Lt'chtvl enthält als wichtigste Substanz das Benzol, da» heut« im Nutomobilfahrlvtrieb eine wichtige Rolle spielt und dem Benzin, das bekanntlich bei der Petroleumdestilla- tion g.wonnen wird, große Konkurrenz macht. Außerdem enthält es andere niedrigsiedende Kohlentvasierstoffe wie Toluol, Tylol, die zum Benzol in naher chemischer Beziehung stehen, aber nicht dessen Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: große technische und wirtschaftliche Bedeutung haben. Die zweite Fraktion der Teerdestillation, das sogenannte Karbolöl, enthält als wichtigste Bestandteile das Phenol und die Kresole. ErstereS wird gemeinhin als Karbolsäure bezeichnet und hat dieser ganzen Gruvpe seinen Namen gegeben; die Kresole bilden den Hauptbestandteil des unter dem Namen Lysol in weitestem Maße gebrauchten Desinfektionsmittels. Das Lysol hat die Karbol- säure heute aus der Desmfektionstechnik in hohem Grade der» drängt. Trotzdem wird sie für gröbere Zwecke auch heute noch viel verwendet, zur Zimmer-, Kloakendesinsektion, überall dort, wo sie nicht mit lebendem Gewebe in zu nahe Berührung kommt; denn sie ist ein ziemlich starkes Gift und hat deshalb dem Lysol weicben müssen, das immerhin auch nicht harmlos ist und wegen der zahl« reichen damit verübten Selbstmordversuche neuerdings auS dem Handverkauf ebenfalls entfernt wurde. Der Karbolsäure gebührt aber vor allem das große historische Verdienst, das erste Mittel ge- wescn zu sein, das zur Durchführung einer wirksamen Antisepsis (Keimtölnng) in die Medizin, vor allem in die Chirurgie eingeführt wurde. Der große englische Chirurg L i st e r hat wegen ihrer anti- septischen Eigenschaften die Karbolsäure zuerst für den antisepti- scheu Wundverband benutz: und mit ihrer Hrlfe. basierend auf den grandiosen bakteriologischen Arbeiten P a st e u r s, die Vernichtung der krankheitserregenden Keim« ermöglicht. Heute sind an Stelle der Karbolsäure andere Mittel und andere Desinfektionsmethoden getreten. Eines der wichtigste!! Ersatzmittel ist das schon erwähnte Lysol geworden, das eine Mischung von Kaliseifen und Krcsolen darstellt. Die Kreiole, ebenfalls durch ihre hohe antiseptische Kraft ausgezeichnet bei einer im Verhältnis zur Karbolsäure geringeren Giftigkeit, sinden sich ebenfalls in der zweiten Fraktion der Teer- destillation, in dem sogenannten Karbolöl. Aus dieser Fraktion stammt auch dos Naphthalin, daS in der Farbstofstechnik, im Motorenbetrieb, zur Insektenvernichtung und vielen anderen Zwecken ausgedehnte Verwendung findet. Eine große Menge anderer Stoffe findet sich noch in den Teerdestillaten. Im Schwer- oder Krcosotöl, im Anthrozenöl außer den Stoffen Kreosot und An» thrazen, von denen dies« Fraktionen ihre Namen erhalten haben, noch viele andere aromat-fche Substanzen. Das Kreosot hat eine Zeitlang in der Medizin eine große Rolle bei der Tuberkulose- bchandlung gespielt und wird auck noch jetzt in der Form der be- kannten Kreosotpillen verordnet, wenn sich die Tuberkulosetherapie inzwischen auch vielfach geändert hat. Das An thrazen, daS aus der letzten Fraktion der Teerdestillation gewonnen wird, ist insofern von grundlegender Bedeutung geworden, als eS das Aus- gangSmaterial zur künstlichen Darstellung des wichtigen Pflanzen- farbstoffcS Alizarin bildet, der früher ausschließlich auS der Krappwurzel gewonnen wurde. Nachdem es im Jahre Grabe und Liebermann gelungen war. die nahen Beziehungen deS AlizarinS zum Anthrazen aufzudecken und den prachtigen roten Farbstoff zu synthetisieren(künstlich darzustellen), ist man immer mehr von der alten Methode abgegangen. Gegenwärtig wird eS fast nur noch künstlich dargestellt zusammen mit vielen anderen Farbstoffen, deren Synthese und rationelle Fabrikation die vervoll- kommnete Technik inzwischen ermöglicht hat. Ein äußerst wichtiger Stoff ist schließlich noch zu nennen, die Salizylsäure, die zwar nicht direkt aus den Destillations- Produkten gewonnen wird, aber doch mit Hllse gewisser Teerdcstil. late künstlich dargestellt wird. Es gibt«ine ganze Reihe von Syn- thesen zur künstlichen Darstellung der Salizylsäure, die ja zu den wichtigsten Arzneimitteln der modernen Medizin gehört. Ihren Namen hat sie daher, daß sie sich in der Rinde und den Blättern verschiedener Weidenarten(Salix— Weide) findet. Tie Weiden. rinde ist ein sehr altes Heilmittel, das schon im grauen Altertum Verwendung fand als fieberherabsetzendes Mittel. Das wirkende Prinzip darin, die Salizylsäure, wurde freilich erst in unserer Zeit entdeckt. Die Salizylsäure ist das souveräne Mittel zur Bekänchfung des akuten Gelenkrheumatismus und wird in reiner Form oder in Verbindung mit anderen Stoffen in großen Mengen verbraucht. Besonders bekannt ist das vielverwendete Aspirin, daS eine Ver- binduna der Essigsäure und Salizylsäure darstellt, und nicht nur in der Bekämpfung der störenden Gelenkschmerzen, sondern auch gegen Kopsschmerzen wirksame Dienste leistet. ES gibt eme Unmenge von Salizylsäureverbindungen, da fast all« größeren chemischen Fa» briken ein besonderes Präparat erfunden und auf den Markt ge» bracht haben. Als fieberherabsetzendes Mittel wird die Salizyl» säure noch heute wie in alter Zeit die Weidenrinde benutzt; zudem hat sie wie die meisten aromatischen Verbindungen antiscptische Eigenschaften, wenn auch hier ihre Bedeutung nicht an die anderer Desinfektionsmittel heranreicht. Der Steintohlenteer stellt— das sollte dies« kurze Ueberficht lediglich zeigen— jedenfalls eine ungemein wichtige Fundgrube hochbedeutender chemischer Verbindungen dar. Zum Teil sind eS die DeftillationSproduktc selbst, die in Technik und Heilkunde große Bedeutung erlangt haben, zum Teil sind es Stoffe, die zu de» Destillationspradukten in naher Beziehung stehen und mit ihrer Hilf« künstlich dargestellt werden. ES gibt vielleicht kaum noch ei'» anderes Rohmaterial, das für so zahlreiche Stoffe den Ursprung bildet, ein Rohmaterial, da? früher völlig unbeachtet war und als wertlos beiseite geworfen wurde. So gewaltig« Umwälzungen kann die wissenschaftliche Durchforschung eines einstmals unbeachteten Nebenproduktes hervorrufen. W._ 9on««xt< Buchdruckerei u.LcrlsgsnnftaU Paul Singer chEo.. Bertin SVL