Zlnterhaltimgsblall öes M. 105. Donnerstage den 2. Jum. 1910 4SI Die Hrena. lNaKdruZ fiepfielenj , � RoMan Vön Vicente Blasco Jbanez.' � Autorisierte Uebersetzung von I u l i o B r o u t a. >Nimm die Gelegenheit wahr, wackerer Kerl. Laß sehen, KaS Du kannst. Stoße nur fest zu." Gallardo wandte den Kopf ein wenig zur Seite, um Plumitas zu grüßen, der fortfuhr, sein lächelndes Vollmondgesicht auf seine Hände und die Jacke zu stützen., „Euch zu Ehren, Freund I..."'' Er trat mit dem Degen in der Hand vor das Tier, um zum Stoß auszuholen, aber in demselben Augenblick war es ihm, als ab der Erdboden erzittere und ihn weitab schleudere, der Zirkus zusammenstürze und ein wildbrüllender Windstoß einherbrause. Sein Körper erbebte urplötzlich von Kopf bis zu Füßen, als wollte er zerplatzen, sein Kopf brummte zum Zerspringen, tödliche Angst schnürte ihm die Kehle zu... und im verschwommenen Gefühl des Nichtseins stürzte er hinab in eine düstere endlose Leere. In demselben Augenblick, wo er sich zum Stoß anschickte, hatte der hinter ihm liegende tote Pferdekörper den Stier an- gezogen, und dieser war unerwartet auf den Matador los- gestürzt, mit elementarer Gewalt, und hatte ihn zu Boden geworfen und mit Füßen getreten. Er hatte ihn nicht mit den Hörnern erfaßt, aber der Anprall war furchtbar, nieder- schmetternd: die ganze gewaltige Breitseite der Bestie traf den Mann wie ein herabstürzender Felsblock. Der Stier, der nur das Pferd im Auge hatte, fühlte zwischen seinen Läufen ein Hindernis und ließ nun den toten Körper unbeachtet. Er machte eine Wendung, um den un- beweglich im Sande liegenden glänzenden Gegenstand von neuem anzugreifen, hob ihn auf sein Horn, warf ihn nach kurzem Schütteln einige Schritte weiter ab und schickte sich an, zum drittenmal auf ihn loszugehen. Die Menge der Zuschauer war durch die Schnelligkeit des ganzen Vorganges wie betäubt und schwieg mit verhaltenem Atem. Der Stier mußte ihn töten I Er war vielleicht schon totl... Plötzlich brach ein gellender Schrei des ganzen Publikums das angstvolle Schweigen. Ein Mantel wurde zwischen dem wütenden Tier und seinem Opfer entfaltet, ein fast seinen Nacken streifendes Tuch von zwei kräftigen Armen vorgehalten, das den Blick der Bestie gänzlich verschleierte. Es war der Nacional, der, von Verzweiflung getrieben und allein bestrebt, seinen Maestro zu retten, selbst auf Kosten des eigenen Lebens, sich an den Stier herangemacht hatte. Gereizt durch dieses neue Hindernis, warf sich die Bestie ihm entgegen und kehrte dem am Boden liegenden Mann den Rücken. Der Banderillero lief rückwärts vor den Hörnern, den Mantel hin und her schwingend, und wußte nicht, wie er sich aus dieser gefährlichen Lage befreien sollte: er sah jedoch mit Genugtuung, daß er den Stier immer mehr vom verwundeten Matador ablenkte. Das Publikum wurde von diesem neuen Zwischenfall er- griffen und hatte den Matador fast vergessen. Der Nacional war ebenfalls im Begriff, erfaßt zu werden: er konnte den Hörnern nicht entweichen... die Männer schrien, als ob sie dadurch dem Bedrängten beistehen könnten, die Frauen jam- werten angsterfüllt und wandten mit vorgehaltenen, zitternden Händen ihre Blicke ab, als der Banderillero, einen Äugenblick benützend, in welchem die Bestie den Kopf senkte, um ihn auf- zuspießen, den Hörnern auswich und einen Seitensprung machte, während das Tier blindlings vorwärts stürzte, den zerfetzten Mantel auf den Hörnern. Die Aufregung machte sich durch einen betäubenden Bei- fallssturm Luft. Die launische, durch das gefahrvolle Spiel hingerissene Menge jauchzte dem Nacional zu. Es war einer der schönsten Augenblicke seines Lebens. Das Publikum, damit beschäftigt, ihm Beifall zu spenden, achtete kaum noch auf den regungslosen Körper Gallardos, der von Stierfechtern und Bedienten aus der Arena hinausgetragen wurde. An dem Abend sprach die ganze Stadt nur von dem Un- glücksfall Gallardos, dem schrecklichsten, den er je erlitten. In vielen Städten des Landes erschienen Etraausgaben der Zettungen, die spaltenlange Berichte über die Angelegenheiß brachten. Der Telegraph hörte nicht auf zu arbeiten, als ob eine wichtige politische Persönlichkeit das Opfer eines Atten» tats geworden wäre. Durch die Sierpesstraße schwirrten niederschlagende Gä rllchte, die der zur Uebertreibung neigende südliche Charakter der Leute noch Wetter aufbauschte. Der unglückliche Gallardo sei gestorben. Der diese Trauerkunde gebracht, hätte ihn irt einem Bette im Krankenhause des Zirkus gesehen, bleich wir Wachs und mit einem Kruzifix in den Händen. Ein anderer erschien mit weniger bestimmten Aussagen. Er sei noch am Leben und habe einige Worte gestammelt, werde aber von einem Augenblick zum andern den Geist aufgeben.- „Alles hat sich von ihm losgelöst, das Herz, die Nieren, alles! Das Tier hat den Aermsten wie eine Schießscheibe durchlöchert." Die Zugänge zum Zirkus waren von Wachtposten besetzt worden, um zu verhindern, daß die Menge in ihrem Drang nach Nachrichten das Krankenhaus stürme. Vor dem Gebäude stauten sich die Menschenmassen, die die Ein- und Ausgehen« den nach dem Befinden des Matadors ausfragten. Der Nacional, der noch sein Kampfkostüm trug, erschien einige Male an der Tür in furchtbarer Laune und zusammen- gezogenen Augenbrauen, weil die nötigen Anordnungen zur Ueberführung des Maestros nach seiner Wohnung nicht ge« troffen waren. Als ihn die Leute sahen, vergaßen sie den Verwundeten und beglückwünschten ihn. „Herr Sebastian, Ihr habt Euch brav benommen. Wäret Ihr nicht dagewesen!..." Er aber wich diesen Glückwünschen aus. Was konnte ihm daran liegen, wo der arme Juan im Krankenzimmer zwischen Leben und Tod schwebte? „Und wie geht es ihm, Herr Sebasttan?" fragten die Leute, auf den Gegenstand ihrer Neugierde zurückkommend. „Sehr schlecht. Jetzt ist er wieder zum Bewußtsein ge- kommen. Ein Bein ist ihm verstümmelt, unter dem Arm ist eine tiefe Hornwunde, und was weiß ich alles!.. Der Arme sieht aus wie mein Namenspatron... Wir wollen ihn nach Hause bringen." Als es vollständig dunkel geworden war, brachte man Gallardo auf einer Tragbahre aus dem Zirkus heraus. Die Menge ging schweigend hinter ihm drein. Der Weg war lang. Der Nacional, der den Mantel auf dem Arm trug, und dessen gleißendes Stierfechtergewand von den gewöhnlichen Kleidern der Menge abstach, neigte sich alle Augenblicke über die Wachstuchdecke des Tragbettes und befahl den Trägern, anzuhalten. Die Zirkusärzte folgten hinterdrein und mit ihnen der Marquis de Moraima und Don Joss der Verwalter, der nahe daran schien, einigen Genossen aus den„Fünfundvierzig" ohnmächtig in die Arme zu fallen. Die gemeinsame Auf- regung hatte sie alle, elegante und in Lumpen Gekleidete, ein- ander nahe gebracht. Es herrschte allgemeine Bestürzung, tiefe Trauer, als wäre ein nationales Unglück geschehen, das die Klassenunterschiede aufhebt, weil es alle Bürger zugleich trifft. „Welch ein Unglück. Herr Marquis!" sagte zu letzterem ein blonder, dickwangiger Bauer, der die Jacke über einer Schulter trug. Zweimal hatte er einen der Träger rauh beiseite ge- stoßen, da er bei der Ueberführung mithelfen wollte. Der Marquis beobachtete ihn mit Wohlgefallen. Er mußte einer seiner Leute vom Felde sein, die gewohnt waren, ihn auf den Wegen zu grüßen. � „Jawohl, mein Freund, ein großes Unglück." „Und glauben Sie, Herr Marquis, daß er wieder auf- kommt?" „Man befürchtet das Gegenteil, wenn ihn nicht ein Wunder errettet. Er ist gänzlich verstümmelt." Und indem der Marquis seine Rechte auf die Schulter des Unbekannten legte, schien er ihm für die Trauer, die sich in dessen Gesicht widerspiegelte, seinen Dank abstatten zu wollen... Die Ankunft in Gallardos Wohnung war höchst peinlich. Im Patio drinnen ertönten Rufe der Verzweiflung. Auf der Straße standen klagend und sich das Haar ausraufend andere rauen, Nachbarinnen und Freundinnen der Familie, die uanito schon tot glaubten...... Potage mußte mit einigen anderen Gefährten semen Leib an der Eingangstür aufpflanzen und Stöße und Schläge austeilen, damit die Menge nickt im Gefolge der Tragbahre das Haus im Sturm nahm. Die Straße war gänzlich ange- füllt von einer wogenden Menschenmenge, die den Unglücks- fall besprach. Alle blickten nach dein Hause und brannten vor Begier, etwas durch die Mauern hindurch zu erfahren. Die Tragbahre wurde in ein an den Patio anschließendes Zimmer gebracht, und mit der größten Sorgfalt legte nian den Verwundeten zu Bette. Er war in Kleiderfetzen und blutige, stark nach Desinfektion riechende Verbände eingehüllt. Von seinem Kampfkostüm trug er nur noch einen rosa- farbigen Strumpf. Das Unterzeug war an einigen Stellen zerrissen, an anderen mit der Scheere aufgeschnitten. Der Zopf hing aufgelöst und verwirrt um seinen Hals, das Antlitz war bleich wie eine Hostie. Er schlug die Augen auf, als er eine Hand in der seinigen fühlte und lächelte matt beim Anblick Carmens, einer Carmen, so weiß wie er, mit trockenen Augen, farblosen Lippen und einem Ausdruck des Entsetzens, als wäre dies sein letzter Augenblick. Die ernsthaften, mit dem Stiersechter befreundeten Herren traten schonend dazwischen. Es konnte nicht so weiter gehen. Carmen sollte sich zurückziehen. Man hatte dem Verbündeten bloß einen Notverband angelegt, und es blieb den Aerzten noch viel zu tun übrig. Carmen verließ am Ende, von den Freunden des Hauses sanft gedrängt, das Zimmer. Der Verwundete machte mit den Augen dem National ein Zeichen, der sich über ihn beugte und alle Anstrengungen machte, sein leises Wispern zu vor- stehen. „Juan wünscht", murmelte er, auf den Patio hinaus- gehend,„man möge sofort an Doktor Ruiz telegraphieren." (Fortsetzung folgt.). lNoqdrua derdotez.) 8ara. Die Geschichte einer Liebe. Bon Johan Skjoldvorg.— Berechtigte Uebersetzung auS dem Dänischen von Laura Heidt. 1. Die Hallumer Höhen zeichnen sich am Horizont in so wunderbar schönen und schlichten Linien ab, als habe Gottes Finger diese Linien am Morgen oller Morgen selbst gezogen. Vor Kraft strotzend, wie der Rücken eines Riesentieres, dessen Füße tief m der Erde wurzeln, liegen sie da. Deshalb zieht diese Höhenlinie auch allemal den Blick auf sich, sei es. daß man den Weg benutzt, der dicht dabei vorbei führt, oder daß man sie nur in der Ferne, sich leicht und zart von den Wollen abhebend, schimmern sieht. Bei trübem Wetter stehen die Hügel schwermütig da, als grübelten sie über ihre eigenen Schatten. Der Weg hastet verstohlen an ihnen vorbei dem offenen, sonnigen, flachen Lande zu. Bei milder Beleuchtung jedoch fesseln diese weiten Heide» bewachsenen Erdhügel durch ihren Liebreiz; namentlich bei sinkender Sonne liegt es wie ein ewiger Friede auf diesen unberührten Höhen. Nur hie und da sieht man einen Fußsteig oder einen Hohlweg. Die wenigen Menschen, die hier wohnen, sind Neine Leute, die ein billiges Fleckchen Erde gefunden haben, wo sie untergekrochen sind. Und diese Leute gehen hin und her auf den Fußsteigen mit den schweren Schritten der Armen; still und schweigsam bewegen sie sich in der großen Einsamkeit. Eines Tages, es ist der erste November, kommt ein junges Mädchen durch die Talsenkung gegangen, die das L a n g e t a l heißt; gerade jetzt kommt sie hinter einem vorspringenden Hügel- knoten zum Vorschein. Diese hier geht nicht stille; man könnte weit eher sagen, daß sie über den weichen, halbwelken Grasboden dahintanzt. Sie mag ungefähr achtzehn Jahre zählen. Es ist Sara, die Tochter des WeidenbäuSlerS:— eS war nicht leicht gewesen, Namen für all die vielen Kinder zu finden. Sie ist die Tochter eines arbeitsgcwohnten, wettcrharten Ge- schlechts. Hier auf den Sandhügeln ist sie groß geworden. Hier oben gehört sie hin. Sie ist eine? der armen Mädel hier draußen von den Höhen, die von klein auf sich ihr Brot bei Fremden ver- dienen müssen. Hübsch ist sie nicht mit ihrem rötlichen Haar und den hervor- springenden Backenknochen. Doch ihre zarte Haut, ihre blendend weißen Zähne und ihre blitzenden blauen Augen legten einem förmlich entgegen, lieber ihrer Person liegt ein SM mm er von Unschuld und Gesundh�t, und ihre Augen und ihr Mund lassen ahnen, daß sie heimlich iui Herzen etwas Teures, Helles trägt. Sie schreitet über den Erdboden hin als würde fle von irgend» etwas in ihrem Innern sanft gehoben. Ihre Hüften sind voll Leben» und eine kitzelnde Unruhe ist ,n ihren Schultern. Jetzt geht sie erst nach Hause zu den Eltern und den Geschwistern» und dann soll fle ihre neue Stellung antreten im Wiesenhof unten am Fjord.... Es war Anders, der Sohn, der fle gedungen hatte. Sie hatten auf ein paar Sommerfesten viel miteinander getanzt,— wie der zu führen verstand...1 Sie lächelt und kann gar nicht ordentlich und vernünftig auf ihren Beinen gehen; fle muß dann und wann'mal einen kleinen Sprung machen. Es ist auch niemand da, der fie fleht: fle kann sich daher gehaben wie fie will. Und dann macht fle noch einen kleinen Sprung. Sie betrachtet ihre netten Knöpffchnhe; fie find fnnkelnagelneu. Sie hebt den Rocksaum etwas, um zu sehen» wie fich ihre Füße darin ausnehmen. Sara war noch nie in ihrem Leben so fein wie heute: braunes wollenes Kleid, schwarze anschließende Tuchjacke und Mütze, Kragen und Muff aus Pelzwerk.— Diese Pelzgarnitur war«S, die so viel gekostet hatte, daß der ganze Lohn draufgegangen war. Damit würden fie zu Hause nicht einverstanden sein. Sara seufzt bei dem Gedanken daran. Gleich.darauf jedoch spitzt sie den Mund und flötet ein paar Töne. Jetzt hat sie ein fließendes Waffer erreicht. Sie ist der Talsenkung gefolgt, die sich— gleich einem launen- haften Fjord— zwischen den Hohen aus- und einbuchtet. Jetzt ist sie an der Stelle angelangt, die sie so gut kennt und wo in alten Zeiten die Leute tief Hinemsanken in de» Morast. Es ist ein Fleckchen Erde mit schilfbewachsenen Sümpfen und mehreren dunklen Wasser« löchern. Alles steht hier und wächst von selber, ohne daß je eines Menschen tzand daran rührt. Sckilf und Gras schießt im Wasier in die Höhe, verfault und wird zu Moorboden. DaS von den Höhen herabrieselnde Wasser sickert durch diesen sumpfigen Boden und rinnt später weiter: ein kleiner, klarer Bach. Hier muß sie hinüber I Sie bleibt stehen. Sie horcht auf das Wasier, welches plätschert und rieselt und rinnt, alles so deutlich hörbar in der tiefen, fie umgebenden Stille. Ein Weilchen hält sie inne; fie scheint auf etwas zu lauschen, das in ihrer eigenen Brust quillt und rieselt und rinnt. Wie aus einem Traum erwachend, blickt fle auf, seufzt leicht— springt dann über die beiden nassen FelSsteine, durch die der Bach sich hindurchpreßt, und läuft, einmal im Zuge, gleich noch ein Stückchen weiter. Ihre Hand gleitet an dem Pelzkragen nieder und streichelt den Muff. Sie führt den weichen Pelz schmeichelnd an die Backe und begräbt die Nase darin. Plötzlich lacht fie laut auf. Um sich etwas Lust zu machen in ihrer Ausgelassenheit, ist fie nahe daran, laut zu rufen. Aber fie besinnt sich; fie gibt es plötzlich auf, als fürchte sie, daß dort drinnen in den Bergen etwas wach werden könne. Jetzt schrägt fie hinauf nach dem Schulsteig. Sie muh das Kleid schürzen, damit e? nicht zu innig mit dem Heidekraut in Berührung konrmt, das zu beiden Seiten des tief ausgetretenen Fuß- steigeS hängt. Seitwärts liegen die gewaltigen Sandhaufen, von der Zeit her. alS der Skarpholtmann tief unten aus den großen Gruben den Mergel holte. Hier kam Evend Post ums Leben, und hier hatte fich die Hock-Hanne ertränkt. ES waren ihrer wohl noch mehr. DaS versteckte Grab, das die Höhen verbargen, hatte eS den Leuten an- getan. E tüchtigen Fußes eilt fie daran vorbei. ine Schar Krähen zieht gen Osten dem Wäldchen zu, da? im Schutze der Berge liegt; die schwarzen Vögel zeichnen fich scharf ab gegen das helle Himmelsgewölbe, besten Kuppel gleichsam von den höchsten Spitzen ringsum getragen zu werden scheint. Sie beugt fich vornüber und strebt der Spitze zu. Oben angekommen, füllt sie die Brust mit Luft, die sie langsam wieder durch die roten Lippen aus» stößt. Frisch und blühend steht das achtzehnjährige Kind der Heide- Hügel hier oben und blickt hinaus in die weite Welt. Die fernen Toruper Berge gen Westen gleichen in ihrer Farbe und Zartheit den Wolken; die schweren Erdmassen scheinen zu schweben; sie sehen nicht mehr irdisch aus. sie wirken märchenhaft. Und im äußersten Osten streckt das Mörnper Moor fich sehnsüchtig dem Meere ent- gegen. Es gibt keine festen Grenzen. ES blaut unendlich nach allen Seiten hin. Sie späht. In ihren weitgeöffneten Augen liegt es wie er- wachende Sehnsucht, und fie steht da wie ein Vogel, der davon« fliegen will. Es liegt ein heidebewachsener kleiner Hüzel in der Nähe. Sie steigt hinauf, um besser sehen zu können. Sre muß so hoch hinauf wie nur möglich. Vor ihr die Ebene, die bis an den Fjord hmabreicht. ist frucht- bar und dicht mit Häuserr bestanden. In den Rübenfcldern wird gearbeitet, und alle Windmühlen drehen sich in dem frischen Winde. Ein paar belodene norwegische Schaluppen kreuzen hinauf, und«ine Galeasse mit hoch aus dem Wasser ragendem, leerem Schiffsrumpf eilt mit ausgebreiteten Segeln vorwärts, der Fjordmündung zu. Jenseits teS blauen Fjordstreifens stehen dt« nackten, jähen Lehm- abhänge merkwürdig träumend ganz drauhen im Wasser. Die Sonne scheint nicht, und doch ist es ein klarer Tag. ES liegt wie ein Heller Lichtstreifen über dem Fjord, über dem Flach- land, wo die Rübenfelder in den bunten Farben deS Herbstes welken, über den weitzgetünchten Häuserfronten. Soras Blick heftet sich auf den Wiesenhof. Hoch und schlank erhebt sich ihre Gestalt dort oben auf dem Hügel, straff vor fugend- licher Erwartung, während sie lange, lange den Bauernhof be- trachtet, deffen runde gewölbte Türöffnung ihrer wartet. Ihr 5kopf ist ein wenig seitwärts gebeugt, als horche sie auf einen Ton aus weiter Ferne. Und ihre großen, klaren Augen drücken die Lebcnsverwundcrung des jungen Gemütes auS. Der Wind preßt das Kleid gegen ihren Körper und gegen die Knie und wickelt es in Falten um ihre Beine. Mit hoher Brust und weitgeöffneten Nüstern trinkt sie die frische Luft in sich hinein, die sausend über die Höhen fährt. Sie beginnt den Hügel hinabzusteigen, doch wird alsbald ein Laufen daraus, und schneller und schneller geht eS die Böschung hinab, daß die Röcke nur so fliegen. Schließlich vermag sie gar nicht mehr innezuhalten. Es sieht fast gefährlich aus. Sie mutz stolpern. Sie weiß es, denn ihr wird angst, und trotzdem lächelt sie wie in einem süßen Schauder. Endlich stürzt sie kopfüber hin und rollt ins Heidekraut. Dort bleibt sie einest Augenblick ganz still liegen. Dann aber ertönt ein helles, überlautes Lachen, wie ein glucksender Strom unten zwischen den Heidekrautbüscheln. Nur noch wenige Schritte, und gerade vor ihr liegt das Weiden- Häuschen auf halber Höh« eine? Berges. Bei diesem Anblick wird ihr Blick so ruhig, so voll Frieden und herzlicher Freude. Es ist daS Vaterhaus. RingS um' daS Häuschen herum wächst kurzes, immergrünes Gras von der Art, wie man es auf Wällen sieht. Hier will das Heidekraut nicht gedeihen. DaS Grüne endet nach unten zn in einer Spitze. Dort liegt der Brunnen, der Quell, das beißt ein offenes Waslerloch, draus die Bewohner des Weidenhäuschens ihr Wasser holen, indem sie einfach einen Eimer hineintauchen. Es war einmal dort ein Garten, doch ist er aufgegeben. Die Menschen sind wohl der Mühe überdrüssig geworden. Man sieht dort nur noch ein paar moosbewachsene Stachelbeerbüsche und eine einzelne Weide, die so alt ist, daß niemand sehen kann, ob sie noch lebt oder ob sie«in- gegangen ist. Sie krümmt sich gen Osten und die Zweige ebenfalls. wie ein verkrüppeltes altes Weib, deffen Haare wild flattern, das aber noch bis zuletzt den Rücken steift. Da« Haus selber sieht zusammengedrückt aus infolge des schweren hohen Strohdaches und der niederen Lehmwände. Unterm Dachfirst kommen ein paar steine Fenster zum Borschein; recht kümmerlich und fast wie traurig sehen sie aus. Es ist nur ein ärmliches Kätnerhäuschen, vom Sturm zerzaust und gebrechlich, und eS liegt so geduldig und läßt Wind und Wetter über sich ergehen. DaS WcidenbäuSchen ist der Mittelpunkt, von dem aus Fuß- steige nach allen Richtungen hin laufen. Die Menschen hier haben sich von jeher ihren Unterhalt von weit her holen muffen. Jakob. der Weidenhäusler, geht getreulich in oller Frühe jeden Morgen und kehrt jeden Abend spät zurück auf diesen Steigen, die er mit seinen eisenbeschlagenen Holzschuhen tiefer und tiefer höhlt. Das tut er nun schon vierzig Jahre lang. Auf diesen Wegen haben die Eltern ihre Kinder hinausgesandt in die Welt, immer eins nach dem andern, im ganzen zehn an der Zabl. Das erstemal begleitete die Mutter sie so weit, daß sie. zurückblickend, daS Vaterhaus nicht mehr sehen konnten. Denn die Mutter weiß auS eigener Erfahrung, welche Macht eine solche Hütte wie daS Weidenhäuschen ausübt, wenn ein Kind sie verlassen soll. Waren sie dann die letzte Böschung hinabgeschritteu, dann hat sie ihr Kind geküßt und es mit tausend Ermahnungen fortgeschickt. Sie hat genickt und gelächelt, als sei sie vergnügt, während ihr doch die Tränen die Brust zuzuschnüren drohten. Und der kleine Knirps oder daS Mädchen haben einen wehmütigen Abschied genommen und sind mit ihrem Bündel auf dem Nacken davongetrabt. Endlich ist noch mehrmals gewinkt worden. Mit der Erinnerung an eine Mutter, die hoch oben steht und mit der Hand zum Abschied winkt, und dem Bild des Vaterhauses da drinnen in den Bergen zieht das Kind fort. Und jeden Tag in der Fremde denkt eS an das HauS mit dem Weidcnbanm und dem grünen Fleck. Jeden Tag nehmen die Ge- danken daran an Innigkeit zu. bis sich schließlich über der Heimat- lichen Hütte ein Glorienschein wölbt, um den alle Schlösser der Wtlt sie beneiden könnten. (Fortsetzung folgt.)] „Jüdifcher Geilt im modernen Mrtlckaftsleben." lieber«jüdischen Geist im modernen Wirtschaftsleben� hat Professor S o m b a r t diesen Winter einige Vorträge gehalten, die demnächst als Buch erscheinen sollen. Inzwischen laßt Herr Sombart dem größeren Publikum schon in einigen Artikeln der«Neuen Rund- schau� einen Vorgeschmack der Genüsse zukommen, die seiner harren- Ohne ein paar gemachte Geistreicheleien und verschrobene Schluß- folgerungen geht es bei Sombart nun einmal nicht ab. DaS hindert allerdings nicht, daß man von ihm mancherlei inrereffante Tatsachen erfährt, die vielen neu sein werden. So macht er im ersten (Februar-) Artikel auf folgende wenig beachteten Dinge aufmerksam: Bis zum IS. Jahrhundert waren die Italiener, Spanier. Portu- giesen in der Weltwirtschaft vorherrschend. Dann ging diese Bor- Herrschaft ziemlich plötzlich auf Holland über, später auf England, Frankreich, Deutschland. Eine ausreichende Erstärung hierfür ist— nach Sombart— bisher nicht gegeben worden. Run erinnert er daran, daß diese Verschiebung de« Schwergewichts der Weltwirtschaft zeitlich zusammenfällt mit der Vertreibung der Juden aus den slld- lichen Ländern und ihrer Ueberfiedelung in die genannten nörd- lichen.«Es sollte niemals vergeffen werden," schreibt Sombart, «daß am Tage, ehe Kolumbus aus PaloS absegelt«, um Amerika zu entdecken(3. August 1492), wie man sagt, 300000 Juden auS Spanien nach Navarra, Frankreich, Portugal und nach Osten aus« wanderten; und daß in den Jahren, in denen vaseo de Gama den Seeweg nach Ostindien fand, andere Teile der Pyrenäenhalbinsel ihr« Juden vertrieben."— Zur gleichen Zeit trat der Niedergang der spanisch-porwgiefischen BollSwirrschast ein. Sehnliche Dinge berichtet Sombart aus Deutschland. Die Juden wurde, t Vertrieben auS Augsburg 143S, Straßburg 1438, Erfurt 1458, Nürnberg 14S3, Regensburg 1519. In den folgenden Jahrzehnten trifft sie dasselbe Schicksal in Italien: 1540 Neapel, 1550 Genua und Venedig.«Auch hier fällt wirtschaftlicher Rückgang und Abwanderung der Juden zeitlich zusammen." Umgelehrt kamen die Orte und Länder in die Höhe, die die Juden aufnahmen. In Deutschland find«S vor allem Frankfurt a. M. und Hamburg, die zahlreiche Juden während deS 16. und 17. Jahrhunderts aufnahmen. Und seltsam: wenn einer mit offenem Blick im 13. Jahr« hundert Deutschland dereiste, so fand er alle ehemaligen(Reichs-) Handelsstädte im Verfall: Ulm, Nürnberg, Augsburg, Mainz, Köln. und konnte nur von zwei Reichsstädten sagen, daß sie ihren alten Glanz bewahrten und täglich steigerten; Frankfurt a. M. und Hamburg". Desgleichen soll an Frankreich, Holland und England zu beobachten sein, daß mit der Ansiedelung der Juden der Wirt- schastliche Auffchwung begann. Sombart bringt ein« Reihe Aeußerungen von Zeitgenoffen bei, deren Urteil ebenfalls dahin geht, daß die Anwesenheit der Juden einen wirtschaftlichen Aus- schwung des Gemeinwesens bedeute. Weit intereffanter ist der zweite Aufsatz im M a i h e f t der ge- nannten Zeilschrist. Hier erzählt Sombart auS der stühkapitalisti- scheu Zeit(16.— 18. Jahrhundert) u. a.: Die Geschäftsmoral gebot mit aller Entschiedenheit, ruhig in seinem Laden der Kundschaft zu harren. Auf daS strengste verpönt war aller Kundenfang; es galt als„unchristlich", als unsittlich, seinem Nachbar die Käufer abspenstig zu machen. Ganz folgerichtig waren dann aber auch alle Praktiken im einzelnen verpönt, die darauf hinausliefen, seine Kundschaft zu vergrößern. Noch während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts galt es selbst in London als unschicklich, wenn ein Kaufmann seinen Laden prächtig ausstattete und durch geschmackvolle oder sonstwie reizvolle Auslagen Käufer anzulocken trachtet. Zu den unerlaubten Dingen gehört auf lange Zeit bis tief ins 13. Jahr- hundert hinein die Geschäftsanzeige. UmS Jahr 1750 läßt sich ein englischer Schriftsteller wie folgt vernehmen: Noch vor wenigen Jahren hätten Geschäftsleute von Ansehen es für gemein und schimpflich erachtet, sich mittels einer öffentlichen Anzeige an das Publikum zu wenden; jetzt sei eS anders geworden; jetzt hielten selbst sehr kreditwürdige Personen die Zeitungsannonce für die einfachste und billigste Methode, dem ganzen Lande zur Kenntnis zu bringen, was sie etwa anzubieten hätten.— Für durchaus verwerflich galt aber noch lange Zeit, als die Geschäftsanzeige schon bestand, die Geschäfts r e k l a m e, daS heißt die Anpreisung, der Hinweis auf besondere Vorzüge, die ein Geschäft etwa vor anderen aufzuweisen sich anmaßte. Als den höchsten Grad kaufmännischer Unanständigkeit aber betrachtete man die Anlündtgting, daß man billigere Preise nehme alS die Konkurrenz I Das alles belegt Sombart durch eine Reihe intereffanter Dokumente. Er sagt: Jene ganze Zeit stand wirtschaftlich noch in der Anschnmmg der handwerksmäßigen Produktion, die hauptsächlich auf den Gebrauchswert und nicht auf den Tauschwert abzielte. auf die Befriedigung der Personen, ans die Herstellung guter Ware und nicht auf unablässige Steigerung des Gewinns: Güter werden erzeugt und gehandelt, damit die Konsumenten gut und reichlich ihren Bedarf decken können, aber auch die Produzenten und Händler ihr gutes und reichliches Auskommen finden. Das schrankenlose Streben nach Gewinn galt noch während dieser ganzen Zeit als un- statthaft, als«unchristlich". So war der Wettbewerb griiudsätzlich ausgeschloffen. Wie der Bauer sollte auch der gewerbliche Produzent und der Händler seinen umfriedeten Bezirk haben, innerhalb deffen er zu walten hatte. Die Kundschaft sollte den einzelneu gesichert bleiben, damit er stets sein Auskommen habe: auf dicsesZiel waren eine Menge wtrtschaftöpolitische Maßregeln gerichtet. Daher auch die strenge Trennung der Branchen. Wie im Handwerk die Zunft genau vorschrieb, was der eine und was der andere machen durfte, so galt es auch im Handel für an- ständig, nur eine Branche zu betreiben und nicht die Nase in mehrere zu stecken. An diese.christliche" Anschauungsweise nun sollen sich die Jude» von Anfang an nicht gekehrt Häven. Sic konnten es Wohl auch nicht. Wo wären sie geblieben, wenn sie geduldig auf die Kundschaft hätten warten wollen, die etwa zu ihnen gekommen wäre, oder wenn sie sich auf den Handel in einer Branche hätten beschränken wollen I? Die Neigung, sich in alle Branchen zu mischen, hatten die Juden frühzeitig schon deshalb, weil sich in ihren Läden allerhand der- fallene Pfänder verschiedenartigster Natur zum Verkauf anhäuften: Pfänder, die ohne jeden inneren Zusammenhang rein durch den Zufall hier zusammengeführt waren. Diese Trödelläden— das Urbild des modernen Warenhauses nennt sie Sombart— spotteten jeder zunst- mäßigen Gliederung und bedeuteten durch ihr bloßes Dasein eine beständige Auflehnung gegen die bestehende Ordnung von Handel und Gewerbe. Ebenso waren die Juden von jeher darauf angewiesen, sich Kundschaft zu suchen. Schon im Jahre 1V47 klagt eine Petition in Frankfurt a. M. darüber,„baß die Juden die Freiheit hätten. fremden Personen höheren und niederen Standes, sobald sie nach Frankfurt kämen, auf allen Straßen mit allerhand Waren, Tüchern wie die Kamele und Esel beladen, entgegen zu laufen".— Später tritt an die Stelle dieses Entgegenlaufens das Auf- suchen der Fremden in den Gasthöfen, der Konsumenten in ihrer Wohnung usw. Diese Findigkeit im Auffuchen immer neuer Kunden, in der»»aufhörlichen Ausdehnung des Umsatzes sieht Sombart als den wichtigsten Grund an, weshalb die Juden billiger verkaufen konnten. Sie sind die Väter des Grundsatzes: Großer Umsatz, kleiner Nutzen. Auf diese Weise haben— nach Sombart— die Juden unser ganzes Wirtschaftsleben umgewälzt. Denn in all dem, was sie taten(abgesehen natürlich von Betrügereien, die aber bei Christen ebenso gut vorkamen), liegt ja nichts anderes, als was der moderne Geschäftsmann als das Selbstverständliche erachtet.„Was sich hiernut siegreich durchgesetzt hat, sind nicht? anderes als die Ideen des Freihandels, der freien Konkurrenz. ist eben die moderne Wirtschaftsgesinnung, bei deren Ausbildung die Juden eine große, wenn nicht die entscheidende Rolle gespielt haben. Denn sie sind eS gewesen, die von außen her in einen anders gearteten JdeenkreiS hinein diese Anschauungen trugen." Diese Schlußfolgerung ist es, die wir verschroben nannten. Es ist nicht nötig, bei den Juden eine besonders geartete„Wirtschafts- gesinnung" vorauszusetzen, die Vorgänge lasse» sich auch anders und viel einfacher erklären. Die immer steigende Produktivität der Arbeit, ihrerseits hervorgerufen durch das unaufhörliche Wachstum der Bedürfnisse, brachte immer größere Warenmassen zustande, die verkauft werden mußten. Da reichten die alten, traditionellen Handelsgewohnheiten nicht mehr ans. Es mußten immer neue Wege gefunden werden, um die massenhaften Waren an die Kund- schast zu bringen. Diese Notwendigkeit ist es, welche die alten An- schauungen und Sitten im Handel zerstört und umgewälzt hat. Daß die Juden dabei hervorragend beteiligt waren, wird nach SombartS Feststellungen und nach dem, was auch sonst darübÄ: be- tonnt ist. schon richtig sein. Aber das liegt nicht an einer besonderen jüdischen„Wirtschaflsgesiilnung", sondern eS erklärt sich zur Genüge auS de» wirtschaftlichen Umwälzungen der Zeit. i. b. Die älteste Kunde von den Bakterien. Unter den berühmten Gelehrten des siebzehnten Jahrhunderts ist einer, auf den wegen seine? Ideenreichtums der Ruhm von Ent- deckungen der verschiedensten Art zusammengehäuft wird, darunter auch von solchen Entdeckungen, mit denen er nichts oder wenig zu tun gehabt hat. Dieser Mann ist der Jesuitenpater Athanasius Kircher. der später für sein Jahrhundert fast zu einem Orakel wurde. Seiner Schriften sind viele und fast jede von ihnen be- bandelt ein anderes Gebiet mit einer erstaunlichen Umfassungskraft. Naturwissenschaft, Physik, Geographie, Jngcnieurwesen, Sprach- forschung, Altertumskunde sind nur die lvesentlichste» der Wissen- schaflen, in denen dieser Mann sich betätigt hat. Um die Art seiner Forschung und Darstellung zu veranschaulichen, dazu dient am besten sein Prnchtwerk über den Turinbau zu Babel, worin er, von der babylonischen Sprachverwirrung ausgehend, die ver- gleichende Sprachforschung begründet und schließlich sogar zur Aus- stellimg einer Weltsprache nach Art des heutigen Esperanto gelangt und sich rühmt, daß mehrere Päpste und Monarchen sich dieser Sprache bereits bedient hätten. Unter den Erfindungen, die Kircher zugeschrieben werden, ist auch die Oatsma magica, doch ist sein Anteil an ihrer Entdeckung nicht sicher. Noch ein anderer Ruhmestitel Ivird ihm jetzt geraubt, nämlich die Ehre, als erster das Vorhandensein von unsichibarcn Klcinwcsen als KrankhcitSkeinie vermutet zu haben. Er hatte darin eine» Vor- läufer in dem italienischen Arzt Geronimo Fracastorio, der im Jahre 1434 geboren wurde, in Padua Medizin studierte und daun als Arzt und Dichter ein beschauliches Leben auf einem Land- fitz in der Nähe deS Garda-SeeS führte, wo er im Jahre 1553 starb. Das Werk, da? er in lateinischer Sprache„lieber die Ansteckung und liber ansteckende Krankheiten und ihre Heilung" im Jahre 1546 zu Venedig veröffentlichte, gilt jetzt als das erste, worin auf wissenschaftliche Art die wahre Natur der Ansteckung und der Uebertragung von Krankheitet» bargestellt ist. Er teilt die ansteckenden Krankheiten in drei Gruppen: j« nachdem sie durch unmittelbare Berührung oder durch vermittelnde Ansteckungsttäger oder endlich über weite Entfernung durch die Luft übertragen werden. Zur letzten Klasse rechnet er die Lungenschwindsucht, die pestilenziellen Fieber, eine Art der Augen- entzündung, die wohl der Bindehautentzündung entspricht, und ver- schiedene andere. In seiner ganzen Darlegung zeigt sich Fracastorio als ein Denker von ungewöhnlich origineller Kraft, der Einsicht in das Wesen der Krankheit weit über seine Zeit hinaus besessen hat; denn damals glaubte man sonst noch allgemein an die alte Lehre des Hippokrates, wonack, eine Krankheit nichts anderes sei als eine Verderbnis der Körpersäfte: der„Humore". Das Ahnungsvermögen, daß der alte italienische Arzt mit Bezug auf den wahren Vorgang der Uebertragung von ansteckenden Krank- heitcn gehabt hat, übersteigt fast den Grad des Glaublichen. Wenn man bedenkt, daß er mehr als ein Jahrhundert vor der Erfindung oder wenigstens vor der ersten erfolgreichen Benutzung de? Ver- größerungSglases lebte, so vermag man sich kaum vorzustellen, wie er bakteriologische Tatsachen mit seinem geisttgen Auge in solcher Schärfe hat sehen können. Er beschreibt die Krankheitskeime als Tierchen, die zu klein feien, um von unseren Sinnen wahrgenommen zu weiden, die aber in geeigneten Medien, der Fort- Pflanzung und somit auch der A n st e ck u n g der umgebende» Gewebe fähig seien. Ferner schreibt er ihnen eine zähe, leimartige Natur zu; er sagt mit Bestimmtheit, daß sie für eine gewisse Zeit in der Luft zu leben imstande sein müssen, weil sonst die Uebertragung von Krankheiten auf größere Ent- fernungcn nicht denkbar sei; er sagt mit verblüffender Schärfe die Entdeckungen voraus, die mehr als drei Jahrhunderte später über die Widerstandsfähigkeit dieser Keime gegen Hitze oder Kälte ge- macht worden sind. � Schließlich stellt er sogar die Theorie auf, daß diese Keime durch die Wirkung der tierischen Wärme ihre krankhei� erregenden Gifte entfalten. Danach blieb dem Athanasius Kircher 100 Jahre später nur noch übrig, einige der Visionen von Fracastorio durch Benutzung des mittlerweile erfundenen Vergrößerungsglases zu bestätigen._ Kleines f euilleton. Sprachwissenschaftliches. Nicht gut Kirschen essen.„Hier ist nicht gut Kirschen essen" oder„mit dem ist nicht gut Kirschen effen", das sind bekannte -Redensarten, über deren Ursprung etwas zu erfahren von Interesse ist. Die Redensart ist uralt: sie stammt bereits aus dem 13. Jahr- hundert. Zu Ende dieses Jahrhunderts gehörte das Schloß Hirfchstei» dem Bischof Witigo I. von Maßen, einem geborenen Grafen von Camenz. Dieser halte den Markgrafen von Meißen, Friedrich Thuta oder Teute(d. h. der Stammelnde) genannt, aus tödlichem Haß, weil er ihn in einer Fehde besiegt, aiif Schloß Hirschstein zur Jagd geladen und hier mit Kirschen, die vergiftet waren und die jener zur Löschung seines Durstes verlangt hatte, aus der Welt geschafft. Im Volke entstand damals jene Redensart, die sich bis heute lebendig erhalten hat. Das Wort„Gas" und seine Geschichte. Der belgische Chemiker Johann Baptist van Helmont(1577—1644) bat als Erster die Bezeichnung„Gas" in die Sprache eingeführt, und die Fachgelehrten sowie die Sprachforscher haben sich lange darüber ge- stritten, woher er die Bezeichnung genommen hat. In der„Chemiker» zeitung" gibt Max Speter ausführlichen Bericht über die Geschichte dieses Streites und über die Etymologie des Namens„Gas". Dem- nach ist die Annahme, Helmont habe„Gas" durch Umbildung des griechischen Warles Chaos, eine Annahme, die lange Zeit Geltung hatte, dann aber in Verruf kam, neuerdings wieder aufgenommen worden. Andere hielten nicht Chaos für das ursprüngliche Wort, sondern da? Sanskritwort.A. Ir a s b a, womit die Vedenliteratur seit uralten Zeiten den Lichtäther benennt. Ramsey wiederum ist der Ansicht, daß das Wort Gas von G e i st abgeleitet sei. Wichtiger als die Etymologie des Wortes Gas ist aber feine Geschichte. Nach Helmonts Tode geriet eS merkwürdigerweise in Vergessenheit und wurde erst von Macquer in seinem 1778 erschienenen victiounairo cks Cbz-rnis wieder aufgenommen. Daraus übernahm dann Lavoifier das Wort in sein System(Draitü hlämsutsiro, 1789). In Deutschland kam die Bezeichnung „Gas" schon 1783, im Anschluß an die Berichte über die Ballon- aufstiege Montgolfiers zu Paris, in Gebrauch. Es hieß damals noch„der Gaz". Das Wort kam bald allgemein in An- Wendung, aber noch der bekannte Wörterbuch- Verfasser I. Chr. Adelung sträubte sich heftig gegen das„barbarische Wort", das Helmont, ein„Schwärmer und Alchymist der ersten Größe", au? dem Hebräischen entlehnt, wenn er eS nicht vielmehr aus dem Holländischen Gcest(Geist) verstümmelt habe: er hofft,„daß unsere Naturkundigen ein schicklicheres Wort, welches nicht so sehr da? Gepräge der Alchymie an sich hätte, auSfündig machten". Die Folgezeit hat diesen Wunsch Adelungs nicht in Erfüllung gehen lassen. Trotzdem der Begriff„GaS" mannigfache» und großen Wandlungen unterworfen war, ist daS von van Helmont geprägte Wort bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben._ verantwortl. Redakteur: Haas Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchtruckerel u.Vert»g»aui.latt igaut«rngec&Ca.,Buuii b W.