Ur. 16. Abonnements- Kedhtgungen: VlbonnementS-Preli pränumerando: vierteljährl. 3M MI., monall. I,l0M!.. rvöchenllich 28 Pfg. frei ins Haus, Sinzeine Nummer 5 Pfg. Sonmags. Nummer mit illuNricrier Eonnlags- Beilage„Die Neue Well" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Mark pro Quartal. Singelragen in der Post- Zeitung»« Preisliste für isoo unter Nr. 7971. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Erscheint täglich nutzer Zvonkag». Devlinev Volksblakk. 17. Jahrg. Die Jnsiertwns-Wrbschr beträgt für die fechsgespaltens Kolonsl« zeilo oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlf chaftltche Vereins- und VerfammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Kiifeigen" jedes Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in derErvedition abgegeben werden. Die Erpcdttton ist an Wocher.- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Fernsprecher: Amt I, vr. 1303« Telegramm-Adresse: „Sorialdemokrat vrrliu" Csntralorgcm der socialdemokratischen Uartei Deutschland S. Redaktion: 19. Veuth-Straszr 2. Expedition: SW. 19, Veuth-Steasze 8. Eine verunglückte Komödie war die gestrige Interpellation über die Beschlagnahme deutscher Dampfschiffe. Verunglückt in doppelter Beziehung. Erstens weil die Antwort der Frage voransgegangen war, so daß man unwillkürlich an das Münchhansensche Posthorn denken mußte, dessen Melodien erst po8b festum auftauten. Und„das Geheimnis des Hmislmtrsts" muß auch in der anspruchloscsten Komödie doch so weit gclvahrt werden, daß eS vor Hebung dcS Vorhangs nicht von allen Spatzen gepfiffen wird, wie das hier der Fall war. Interpellationen haben mit der Begeisterung gemein, daß sie keine Heringsivare sind, die sich einpökeln läßt;— und wenn gar das Einpökeln ohne Salz geschieht, dann iverden die Jnterpellations-Fische zu faulen Fischen die bekanntlich kein sehr appetitlicher Bissen sind. Die Engländer aber hatten— war es nun Bosheit der Menschen oder Tücke des Schicksals— nicht bloß das große Geheimnis der Komödie sondern auch alle kleinen Geheimnisse des Geheimnisses 24 Stunden vor Hebung des Vorhangs mit ihrer gewöhnlichen Respcktwidrigkeit vor diplomatischen Geheimnissen in alle Welt telegraphiert. So war der Effekt von vornherein verdorben. Und zweitens ivar die Aufführung schlecht. Eine schlechte Komödie schlecht aufgeführt—„das ertrage, wem's gefällt!" singt Lcporello und die meisten Menschen ertragen es nicht. Eine schlechte Komödie— schlecht im Superlativ. Wer kennt nicht das französische Wort:„das einzige absolut schlechte Genre in der Litteratur ist das langweilige— das gom-s ennuyeux." Was von unpolitischen Komödien gilt, das gilt auch von den politischen. Und diese Komödie war langweilig bis zur Polizeiwidrigkeit. Von zwei Lcteuren wurde sie ge spielt, von denen der eine zum Komödienspiel ungefähr ebenso gut paßt, wie das Nashorn zum Seiltanzen, während der andre, der unzweifelhaft Talent zum Komüdienspiel hat, unter der Wucht des verratenen Geheimnisses zusammengeknickt war, und bis zum Fallen des Vorhangs nicht wieder auf die Beine kam. „Begründet" wurde die„Interpellation" von Herrn Möller, der nationalliberalcn Zwillingshälfte seines siamesischen Bruders Hilbck, des nrteutonischen ArbciterpaschaS mit dem czechischen Namen. Herr Möller, der sich auf die Erwerbung ungültiger ReichStags-Mandate besser versteht, als auf daS Nedchalten, las uns drei Viertelstunden lang mit seiner monotonen Rcibeiscustimmc im Auszuge vor, was wir seit vierzehn Tage» oder gar drei Wochen über die Beschlagnahme der Schiffe gelesen haben, las dann mit derselben unbannherzigen Stimme im Auszüge vor, was in der gleichen Zeit über das Scerecht geschrieben worden ist und nahm dann seinen Zuhörern, denen es um die Mundwinkel zu zucken begann— im Reichstag gilt das Gähnen für nicht anständig, wohl weil es sich gar zu sehr aufdrängt— einen Centnerstcin vom Herzen, indem er von der Rednertribüne hinunterstieg. Dem Acteur 1 folgte Acteur 2— Herr v. B ü l o lv. Wir sagten schon: er war von der Wucht des verratenen Geheimnisses und des gestohlenen Thcateresfckts erdrückt, und nicht der dichte Chorus der Bundestagsmitglicder, die ihn ermunternd der Photographie-Apparat, der der Tribüne aufgepflanzt war. um Man» und Augenblick„aufzunehmen", Opfer widriger Umstände emporzuheben. Mit der, für komische Wirkungen sonst so geeigneten Grabesstimme gab er einen Auszug aus den Auszügen, idie sein Herr Vor-Actenr über die Beschlagnahme der Schiffe und über das Seerecht vorgebracht hatte und— fertig war die Rede. Die Möllersche Rede in Rosinensauce und Zucker— das war die Rede des Herrn v. B ü l o lv. Die trockne Beredsamkeit des Herrn Möller hatte das Fahrzeug so erfolgreich auf den Saud gefahren, daß auch der Süßwassersee Büloivscher Beredsamkeit es nicht flott machen konnte. Am Schluß beider Reden nur ganz vereinzelter Beifall. Niemand war befriedigt, die Antiseniiten, die eine Gelegenheit zum Radauen erhofft hatten, schwangen sich zu einigen Unterbrechungen auf, die jedoch sofort eingestellt wurden, als die erwünschte» Hetzereien aiss- blieben. Dieses Ausbleiben der Hetzereien ist eS, was allein an der Komödie gelobt werden kann. Zu einer Debatte kam eS nicht— fdcr Zivischenfall ist ja— wie jeder ZeitungSleser schon vorher wußte— erledigt und die Engländer denken nicht dran— was jeder vernünftige Mensch von vornherein wußte—.Deutschland zu insultieren undsiewürdenähnIicheZfvischcnfällc nach Möglichkeit vcnncidcn. Auch die„Härten des Seercchts" wird man zu mildem suchen— vielleicht eine zweite Auflage der Haager Konferenz mit gleiche» Resultaten. DaS alles war selbstverständlich. Und jeder war des grausamen Spiels müde. Nur nicht Herr v. P o d b i e l S k i, der„starke Mann" und kommende Reichskanzler, der seinen Senf zugeben mußte, �lautaräs sxres diner— Senf nach der Mahlzeit. Und als der dicke,„starke Mann" fertig war und der Vorhang vor lautlosem Publikum zu fallen begann, huschte der alte, noch nicht gegangene Reichskanzler, der bisher durch Ab- Wesenheit geglänzt hatte, wie ein Schatten nach seinem Platz. Auch das gehörte zur Komödie. Die Sache ivar erledigt, die Komödie zu Ende. Herr v. Bülow schaute recht finster drein. Er sah gewiß im Geist das große Loch, das er— sehr wider Willen— in die Flottenagitations-Pauke geschlagen, und dachte nach, ivie auf Befehl ein andres Esclsfell zu beschaffen. Bon einer Besprechung der Interpellation ward Abstand ge- nommen. Auch die Socialdemokraten hatten keinen Grund, der Komödie»och einen neuen Akt durch HerisN LieHermgllN. V pn Sonne nberg hinzufügen zu laffcn. Mit Ausnahme der von der Socialdcmokratie veranlaßten Jnter- pellation über die Auslveisnngen aus Schleswig-Holstein sind s ämt- l i ch e politische Interpellationen des Reichstags b est e Ik't s A r b e i t gewesen und haben Fiasko gemacht. Ein solches Fiasko wie diese letzte hat keine gemacht. anschauten, ja nicht ihm gegenüber auf den welthistorischen vermochte es, das Wieder ein Ministerwechsel. -st- Wien, 17. Januar. Noch diese Woche wird aus dem geheimnisvollen Dunkel, das es bis heute umgiebt, das neue Ministerium, das Ministerium K ö r b e r emporsteigen. Der Kaiser kommt morgen von einem Jagdansflug zurück und das Ministerium Wittel wird dann sofort seine Demission überreichen. Herr v. Körber wird mit der Minister- bildnng betraut iverden und Sonnabend schon wird das neue Kabinett amtlich kundgemacht werden. Die Zusammensetzung des neuen Kabinetts ist trotz aller Ge- heimniskrämerei ziemlich genau bekannt. Sein Chef wird Herr v. K ö r b e r sein, der gleichzeitig die Leitung des schwierigsten und vcrautwortungsrcichsten Ressorts, das Ministerium des Innern, über- nimmt. Herr v. Körber war bereits zweimal Minister, allerdings beide Male sehr kurze Zeit. Er hat sich im Parlament als ein schlechter Redner und mittelmäßiger Taktiker erwiesen. Trotzdem begleitet ihn noch immer der Ruf eines eminent politischen Kopfes, eines Staatsmannes, der das Knnststück vollbringen soll, die Forderungen der Nationalitäten mit den Bedürfnissen des Staates zu versöhnen. Das zweitivichtigste Portefeuille ist Herr Dr. von B ö h m- B a lv e r k, dem bekannten National ökouomen zugedacht. Auch Herr v. Böhm war schon zwei mal Minister, aber auch er beide Male nur kurze Zeit. Er ivar Finanz- minister in zwei provisorischen Regierungen: der von Gantsch und der des Grasen Kiclmausegg, die nach dem Znsammenbruch der Koalition berufen worden waren. Herr v. Böhm ivird immer Finanz- minister, wenn man ei» seriöses Ministeriuni braucht; er verkörpert eine fachliche Befähigung, wie sie in Oestreich natürlich sehr selten ist. Die wisscuschaftlichen Qualitäten des Mamics, der jetzt Senats- Präsident beim Verivaltuugs-GcrichtShof ist, sind bekannt, schic politischen hat er erst zu beweisen. Von alten Männern übernimmt Herr v. Körber die unvermeidlichen Herren W e l s e r S h e i m b und i t t e k. Graf W e l s e r s h e i m b macht nun das neunte Ministerium mitf er ist noch ein Erbstück aus der Zeit Taaffes her. Könnte man es schließlich noch begreifen, daß der Landesvcrteidiguugs-Minister. nämlich der Graf Wclscrsheimb, als unpolitischer Ressortmcnsch betrachtet wird, so gilt das für Hern v. Witt et, den ewigen Eisenbahn- Minister und bisherigen Vorsitzenden im Ministerrat, absolut nicht. Herr v. Witt ck hat das Portefeuille nun zum fünstemnal iime; er galt schon als Sektionschef für die Seele dieses Ressorts. Aber er ist weit weniger als er scheint; ebensowenig ist er der Mann von Eisen, als den man ihn ausgiebt, wenn man das Verhältnis des Staates zu den Privatbahuc» im Auge hat, und noch weit weniger ist er der Socialpolitiker, welche' Rolle er so gerne posiert. Er ist, fachlich betrachtet, ein mittelmäßiger Eisenbahn- Minister, politisch aber ein Mensch, der zu jeder Charakter- losigkeit fähig ist. Wenn Herr v. Äörbcr den Mann mitnimmt, der nach dem Sturze Clarys die„geschaffte Arbeit" so willig vollführte und den elendesten Verfassungsbruch unternahm, der in diesen an Verfassungsbrüchen wahrlich nicht arnicn drei Jahren verbrochen wurde, so mindert er das Vertrauen zu seinem kon- stitusionellen Sinne sehr. Herr v. Wittel soll wohl die Brücke zu den Christlich-Socialen bilden, mit denen er seit Jahr und Tag sehr intim ist; ein Grund mehr, warum ihn anstündige Leute mißtrauen müssen. Das Untcrrichtsportcfcuille Ivird wieder Herr v. Härtel übernehmen— diesmal als wirklicher Minister. wogegen er im Kabinett Clarh nur Leiter ivar; diesmal werden überhaupt nur „vollwertige" Minister creicrt Iverden. Herr v. Härtel ist ein ernster, fast liberaler Mensch; das Kokettieren mit dem Klerikalismus, das unter Herrn v. Gautsch so emsig betrieben wurde, wird wobl nun ein Ende nehme». Von den neuen Männern erhält daS wichtigste Portefeuille Baron Spens-Boden, derzeit Statthalter in Mähren; er wird Jnstizminister werden. Herr v. Spcus ist der großen Oeffentlichkeit zuerst bei dem großen Ausstand der Textilarbeiter in Brünn bekannt geworden; er hat sich damals in ungewöhnlich taktvoller und arbeiterfreundlichcr Weise benommen, und die Bei- legung des Streiks ist nicht zum wenigsten seiner Intervention zu danken. Seine patriarchalisch-jovialc Art hat es auch bewirkt, daß er im mährischen Landtag, wo es so heiß zugeht, ein leid- liches Verhältnis mit den beiden Nationalitäten zu halten verstanden hat. Der Mann hat nur einen Fehler: seinen Hang zur Bequemlichkeit. Ackerbauminister wird wieder ein Klerikaler werden: Hofrat Bavo» Giovanelli, der merkwürdigerweise aus der richterlichen Sphäre genommen wird. Das Ressort ist ein Monopol der Klerikalen, es verträgt nämlich am leichtesten Borniert- heit. Hat doch ein witziger Kopf von einem dieser„Rindvieh- minister" gesagt, er sei, nachdem er zurücktrat, wieder vor den Pflug zurückgekehrt. Für das Haudelsportefeuille war ursprünglich der gegenwärtige Statthalter von Trieft ausersehen. Da jedoch dieses Ressort jetzt besonders wichtig ist— es naht die Erneuerung der Handelsverträge— hat man sich einen„Fachmann" aus der Diplomatie geholt. Es ist dies ein Herr v. C a l l- R o s e n b u r g, derzeit diplomatischer Agent in Sofia, der sonst ganz unbekannt ist und natürlich nichts mehr sein wird als die dekorative Repräsentanz 'eines Amtes. Eine eigenartige Thpe von Ministern repräsentieren die Minister ohne Portefeuille, deren das neue Kabinett zwei haben wird. ES sind das die sogenannten.Landsmannniinister" für Galizien und Böhmen. Den Minister für Galizien hat jedes Kabinett— derzeit ist es ein Herr Chlendowski. ein Beamter—, den für Böhmen hatte zuletzt Graf Taaffe gehabt. Der polnische Minister wird ein parlamentarischer Mini st er sein— der einzige im Kabinett— und zwar wird dazu der Abg. Pi entall ernannt werden, Professor an der llniversttät in Krakau. der jetzt erster Viccpräsident des Abgeordnetenhauses ist. Indem der Polenklub seine Einwilligung' giebt, daß ein Vertreter von ihm in, Kabinett Platz nimmt, hat er markiert, daß seine Stellung zu dem neuen Ministeriivn eine wesentlich andere sein wird, als sie zn den, Kabinett Clarh war. Aus der halb zuwartenden, halb feind- seligen Stellung rückt der Poleuklnb wieder in seine alte Position einer effektiven Regierungspartei ein. Auf eine so starke Intimität lassen sich die Jungczechcn natürlich nicht ein der czechische Landsmannniinister wird also kein Abgeordneter, sondern ein Beamter eifi. Es ist dies der Scktionschef im Unterrichtsministerium Dr. Rezek, der in das Käbknett halb als Vertrauensmann der Jung- czechcn, halb als Agent der Regierung b e i den Jungczechen eintritt. Ministers geplant, und Herr von Körber hatte große Lust, dazu den Abgeordneten P r a d e, den Führer der Deutschen Volkspartci, zu ernennen. Da jedoch die Deutschen diese Ernennung ziemlich kühl ablehnten, so wurde die Berufung eines außerparlamentarischen Vertrauensmannes inS Auge gefaßt, und bis in die letzten Tage galt die Ernennung des Wiener Professors Czyhlarz als beschlossene Sache. Sic wird aber unterbleiben; die deutschen Parteien haben erklärt, daß sie auf einen„eigenen" Minister für sie überhaupt keinen Wert legen. Wie man sieht, wird das neue Kabinett ziemlich bunt aus- schauen. Als Ressortleulo mögen die neuen und alten Männer ganz acccptabcl sein; Hauptsache aber ist, ob unter ihnen ein poli- t i s ch c r Kopf steckt, der fähig ist. Einfluß nach links u n d rechts zu gewinnen, um so die einander ividerstrcbcudcn Parteien zu- sammenzubringen. Wien, 19. Januar. Der bisherige Ministerpräsident Wittel überreichte heute vormittag dem 5laiser in besonderer Audienz die Demission des Kabinetts, welche der Monarch annahm. Alsdann empfing letzterer Dr. v. Körb er. welchen er mit der Neubildung desMinisteriums betraute.— Weiter hat der Kaiser ernannt: Den Feldzeugmeister Grafen Welsersheimb neuerlich zumZMinister für Landesverteidigung, Heinrich v. Wittel neuerlich zum Cisenbahnmiuister, Ritter Böhm v. Bawerk zum Finaiiznriuistcr, Statthalter in Mähren Alois Frhrn. v. Spens-Booden zum Justizministcr, Dr. v. Härtel zum Minister für Kultus und Unter» richt, Dr. Anton Rezek zum Minister, den bisherigen diplomatischen Agenten in Sofia Frhrn. v. C a l l zu Roseuburg und Culmbach zum Handelsminister, den Rat des VerwaltungsgcrichtShofcs Carl Frhrn. v. Giovanelli zum Ackcrbauministcr, endlich den ordentlichen Professor an der Universität Lemberg Hofrat Dr. P i e n t a k zum Minister._ Januar. A>olikisiche Mebovfichk. Berlin, den 19. Der Reichstag wollte oder sollte am Freitag einen„großen Tag" haben. Tas Publikum war auch in Massen ins Parlaments-Theater geströmt. Doch ach! aus dem„großen Tag" wurde nichts. wie nieistens, wenn„große Tage" in Aussicht gestellt sind« Das Publikum erlebte nur eine große Enttäuschung.(Siehe Leitartikel.) Der Reichstag aber wurde im später» Verlauf der Sitzung furchtbar dafür bestraft, daß er Herrn Lieber- mann von Sonuenberg nicht erlaubt hatte, aus der Jnter« pellations-Komödie eine burleske Farce zu machen. Herr Lieber« manu, der offenbar ein sehr rachsüchtiger Mann ist, züchtigte den Reichstag niit einer anderthalbstüudigen Rede, die nur den ein en Vorteil hatte, daß der hungrig gewordene Reichstag sich im Speisesaal stärken konnte. Und das war sehr nötig, denn vor Liebermann war ein„stärkerer Mann" über den Reichs» tag gekonlincn, dem er— der Reichstag— nicht hatte entrinnen können, weil er ihm seine Beredsamkeit wie einen Lasso um den Hals warf und den Strick vermittelst ein- geflochtener Fäden von Doppclwährung, Socialistentöterei, Bismarckverehrung, Agrariernot, Regierungsumsturz.? usw. so fest drehte, daß er nicht zu zerreißen war. Natürlich hieß der Lasso-Schwiuger Herr von K a r d o r f f, welcher der Re- gierung eine lauge Klage- und Anklagerede hielt, und ihr unter anderm von neuem vorwarf, daß sie dem Großkapital und der Socialdcmokratie diene. Herr v. Rardorff rechnet sich also nicht mehr zum Großbetrieb. Früher in den Tagen der L a u r a h ü t t e war es anders. Herr v. Rardorff hatte einen entschiedenen Heiterkeitserfolg. Und er hatte mehr: einen ernsten politischen Erfolg. Denn er bewirkte es, daß der Reichskanzler des Deutschen Reiches Fürst Hohenlohe in der längsten Rede, die er jemals gehalten, seit er Kanzler ist, sich gegen die Anklage ver- teidigte, ein Umstürzler, ReichSfeind und Junkervertilger zu sein, und daß er schließlich Abbitte that, den Verbindungs- Paragraphen abgeschafft zu haben, ohne dem Landtag Kompen- satiouen zu gewähren. Dieser sei aber nicht versammelt gewesen. So endete die Farce in einem kleinen Trauerspiel, dessen nieder- chlageuder Eindruck glücklicherweise durch den Morphium- Redner Liebermann von Sönncnberg verscheucht wurde, so daß der Reichstag, als er sich gegen ö'/e Uhr vertagte, wieder in normaler Stimmung war. Morgen 1 Uhr: Fortsetzung der Etatsberatung. Montag: Unsallgesetz-Novelle.—_ Z?lottcnspitzel? Das Bemerkenswerteste an der„Bundesrat"-Affaire ist die Frage, warum eigentlich die englischen Behörden diezweck- lose und den englischen Interessen keineswegs dienliche Astion unternommen haben. Man hatte doch wahrlich nicht den mindesten Nutzen davon, niit andren Ländern Händel zu suchen. Eine merkwürdige, aber doch die glaubhafteste Erklärung für das Verhalten der Engländer gab die„Kölnische Zeitung", die neuerlich schreibt: „Die Verzögerung der Aufklärung des Sachverhaltes bestätigt lediglich die Nichtigkeit der uns aus England gemachten Mitteilung, daß die englischen Marinebehörden das Opfer bedenklichster Spione geworden sind, die sich an Bord der einzelnen Dampfer einffeschmnggekt hatten und in den verschiedensten Hafenstädten die unglaublichsten Gerüchte ansammelten und als zuverlässige Nach- richten weitergaben." Ist die„Kölnische Zeitung" zutreffend unterrichtet— und die deutsche Regierung könnte sich noch bei der Etats- > czechcn, halv als ngem oerviegicrung v ei ocn zznngczemen emrrnr.>»w"«"v I Ursprünglich war auch die Berufung eineS deutsche» Landsmann-> beratung emmal darüber äußern-r so hatten Lockspitzel die Vcschlaguahme veranlaßt. Wer aber, fragt man weiter, hatte ein Interesse an solchen Gaunereien? Es müssen ent- iveder Feinde Englands diese Spitzel unterhalten haben, oder Elemente, die einen internationalen slonslikt für ihre Zlvccke brauchen. Auch die„Kölnische Voltszeitung" geht diesem eigentümlichen Problem nach, indem sie ausführt: „Haben diese Spione für eigene Ncchnung gehandelt, und welches eigene Interesse halten sie, oder waren sie Werkzeuge von Hinterm iinneru, und welche Zwecke verfolgten diese? Wem konnte es darum zu thun sein, einen e n g l i s ch- d e u t s ch e n Zwischenfall zu schaffen, welcher namentlich in Deutschland die öffentliche Meinung aufs äußerste erregte und die dort in den weitesten Kreisen zur Zeit bestehende anti-cnglische Stimmung auf ihren Höhepunkt brachte? Der durch die Buudcsratangclegcnheit genährte ChaiivimsmuS ist im Deutsche» Reich ganz zweifellos der für. manche Kreise mit schtverwirgcnden materiellen Interessen verkiiiipftc» Flottenagitatio» zu gute gekommen» deren lauteste Wortführer in der Presse aus vollem Halse schrien: Seht, ivie rücksichtslos die Engländer auftreten, da kann nur eine starke, der englischen, ebenbürtige Flotte helfen I" Die„Kölnische Volközcitung" deutet daniit au. daß diese Lockspitzel von den Interessenten der deutschen Marinevorlage angestiftet worden seien. Diese Vermutung ist nicht nur nicht unmöglich, sondern sie hat im Gegenteil eine große Wahr- schÄnlichkeit für sich. Immer hat man politische Zwecke in der Weise zu fördern gesucht, daß man die„Fälle" arrangierte. deren nian bedurfte, um die öffentliche Vieinung mit Entrüstung zu erfüllen und sie in dieser Stimmung für alles gefügig zu machen. Die energische Aufforderung, die das Essener Orgait Krupps neulich au die Regierung richtete, s o- fort die Flottenvorlage einzubringen, ehe die durch die Beschlagnahme der deutschen Schiffe hervorgerufene Be- geisterung verflogen sei, ist sicherlich nicht weniger schamlos als die Besoldung von Agenten zur Herbeiführung internationaler Verwicklungen. Noch unvergessen ist das Spitzelwerk der Alexandrinischen Beamtenverschwöruug, die insceniert wurde, um die Reise Wilhelms II. nach Aegypten zu verhindern. Warum sollte man da nicht auch„Material für Flotten- Verstärkungen" auf diese bewährte Weise erzeugen. Freilich alle diese Spitzelwerke haben außer der verbreche- rischen Skrupellosigkeit die außerordentliche Stupidität gemeinsam. Sie mögen vorübergehend Erfolg haben, werden aber schließlich das Gegenteil der ursprünglichen Absicht. Ist der jetzige deutsch> englische Zwischenfall von den Marine- Interessenten durch ihre Kreaturen angestiftet, so sind die Be- trüger die Betrogenen; denn die glatte Erledigung des Kön- flikts beweist ja gerade, daß Verständigungen zwischen Nationen nicht durch Panzerschiffe herbeigeführt werden. Die Episode hat derart schließlich Material gegen die deutschen Marinepläne geliefert.—_ Ei» Manifest gegen de» Krieg haben die englischen S o c i a l d e in o k r a t e n erlassen. Sie wenden sich an das englische Volk, um ihm klar zu machen, daß das Volk selbst keinerlei Interesse an dem menschcnmordenden Kriege n Südafrika hat. In scharfen Worten wird das gclvissenlose Treiben der Rhades, Jameson und Chamberlain gegeißelt. Mit kraftvoller Offenheit werden die wahren Motive aufgewiesen, die eine kleine. einflußreiche Clique veranlaßtcn, zum Kriege zu Hetzen. Das Manifest fordert auf zur Teilnahme an den Fricdensbestrcbnngen: „Arbeitsbrllder! Eure Feinde, das sind nicht die holländischen Bauern Transvaals, sondern die Aristokraten und Plutokratcn Großbritanniens. Wir beschwören Euch denn, laßt leinen der Eurigen für eine Sache kämpfen, die nicht die Eure ist. Schließt Euch uns an in nnsrcm Bestreben, den Frieden herbeizuführen." Des weiteren Ivcrdcn die großen Kriegskostc» aufgeführt, die etwa auf IV, Milliarde Mark einzuschätzen seien. Diese werden aus dem Volke gepreßt und ivandern zum größten Teil in die Taschen der Großkapitalistcn, Bankiers und Kapitalisten aller Art. „Der wahre Patriotismus," so schließt dnS Manifest,„besteht nicht darin, zu dominieren, andere Nationen zu unterdrücken, sondern in der moralischen, intellektuellen und materiellen Hebung der eigenen Ratio n."— «» Deutsches Zleich. Centrum und Flottcnvorlage. Die„Köln. Bolksztg." sieht in der Nicht-Limitierung der Flotten- vorlagecher Zeit nach merkivürdigeriveise„an und für sich" einen Siroßen Vorzug. In Wirklichkeit vergrößert die Elasticität dieser Be- timmungslosigkeit noch die Gefahr; die Flotte, deren Verdoppelung man im Princip einmal gutgeheißen hat, wird dann genau in dem Tempo gebaut werden, wie es die Leistungsfähigkeit der Industrie gestattet; das Recht der jährlichen Bewilligung durch den Reichstag wird, wenn man den Grundsatz gebilligt hät, zur leeren Formel. Im weiteren äußert sich die„Köln. VolkSztg." über die Deckung?- frage: „Es erscheint undenkbar, daß es ohne neue Steuern ab- gehe, zumal da der Vorschlag, die neuen Schiffe auf Anleihen zu bauen, grundsätzlich verworfen werden muß. Mit der Bestimmung des Flottengesetzes, daß die Mehrkosten nicht durch neue indirekte Reichssteuern auf Gegenstände des Massen- Verbrauches beschafft werden dürften, ist die Decklingsfrage»och in keiner Weise gelöst; diese Bestimmung stellt bloß eine Schranke nach der einen Seite hin auf. Wenn die Flottenfreunde ehrlich heraussagen wollten, wie sie die Kosten aufzubringen ge- denken, würde die Flottenfreundlichkeit an manchen Stellen wohl stark abgekühlt werden. An diesem Punkte ist im Reichstage vor allem anzusetzen." Auch die„Germania" beschäftigt sich mit der DeckungS- frage. Sie erinnert an den Deckungsparagraphen des Flottcngesctzes von 1898: „Derselbe hat zur thatsächlichen Voraussetzung und konnte naturgemäß nur zur Voraussetzung haben, daß die nach dem Flottengesctze und Flottenbauplan erforderlichen Mehr- ausgaben aus den Mehreinnahmen des Reiches eine ausreichende Deckung finden sollten, so daß der Deckungsparagraph eigentlich nur auf Eventualitäten Bezug nahm. Wenn aber die neue Flottenvorlage eine Verdopplung der Schlachtflotte in Aussicht nimmt, woran ja kaum noch zu zweifeln ist, dann sind die thatsächlichen Voraussetzungen des Deckungsparagraphen im alten Flottengesetze vollständig hinfällig geworden, dann haben wir nicht mehr mit der Möglichkeit zu rechnen, daß die in unerwarteter Weise steigenden Mehrausgaben für die Flotte durch Mehreinnahmen aus de» bestehenden Finanz- quellen des Reichs gedeckt werden könnten, sondern mit der sichern Gewißheit, daß dies nicht mehr der Fall sein wird. In der neuen Flottenvorlage würde der alte Deckungsparagraph ein absoluter finanzpolitischer Anachronismus und gerade ein Unsinn sein. Darum muß auch die Deckungs- frage in der neue» Flottenvorlage eine den veränderten that- sächlichen Verhältnissen, aber auch dem Princip desselben entsprechende neue Formulierung finden. die nicht mehr mit einer bloßen Eventualität, sondern mit einer nnabweis- bare» Notiveudigkcit neuer Stenern rechnet. Angesichts dieser unabwendbaren Notwendigkeit kau» und mutz man vom Bundesrat verlangen, daß er in'der„Novelle" zum Flottcngcsctz auch die Deckungsfrage, aber nicht unter dem Gesichtspunkte von Eventualitäten, die ihre thatsächlichen Voraussetzungen voll- kommen verloren haben, und nicht mit Anleihen � ans diesen Weg der Deckung wird sich die Majorität des Reichstages nicinals einlassen sondern in positive» Steucrvorschlägc» zu einer befriedigenden Erledigung zu führen sucht." Diese Centrunis-Vorbedingunge'n leiden an einer gefährlichen Halbheit. Sie behandeln die Festlegung der Dcckungsfragc nur unter der Annahme, daß es nicht möglich sein werde, mit den laufenden Mitteln auszukommen. Wäre es dein Centrum Ernst mit der Entlastung der Massen, so müßte es fordern, daß die sämtlichen Kosten des Märiueplaiis unter allen Umständen durch eine direkte Rcichsbesteuerung der Besitzende» aufgebracht werden. In einem anderen Artikel beklagt die„Germania" die Durch- pcitschung der Lorlage in» Bundesrat: „Die verbündeten Regierungen haben zunächst die politische Verantwortung für den b c d e u t u n g s v o l I st e n Schritt in der politische» Entlvicklung Deutschlands zu über- nehmen... ES handelt sich bei der Flottcnvorlage nicht lediglich um die Bewilligung einer nnßcrgeivöhnlich hohen Summe für die Verstärkung beziehungsweise Verdoppelung der maritimen Wehr- kraft deS Deutschen Reiches, sondern um die wichtigsten politischen und>v i r t s ch a f t l i ch e n Fragen und um die finanzielle Deckungsfrage. Alle diese Momente erheischen eine eingehende und sorgfältige Prüfung um so mehr, als sich schwerwiegende Bedenken daniit verknüpfen, Bedenken, die auch von einem großen Teil der Anhänger einer Flotteuvcr- mehrnng geteilt werden. In der knappen Frist von einer Woche läßt sich eine so wichtige Vorlage doch kaum nach allen Seiten hin prüfen." Nun, der vcrchrliche Bundesrat braucht sich die Sache nicht mehr zu überlegen. Er sagt Hurra, und das genügt.— Ter weltpolitische Karl. Der Dr. Karl Pciers mnß wirklich in Afrika Gold entdeckt haben, denn er verschwendet jetzt außer- ordentlich große Summen� für Briefporto. Kaum hat er seinen ersten Brief an Bebel geschrieben, und schon folgt ein zweiter, der recht anregend ist und die schönen klaren Schriftzüge zeigt. die Dr. Karl Peters'— Schreibmaschine eigentümlich ist. Diese zweite Epistel, die der Absender gleichzeitig an die Presse verschickt hat, lautet: Herrn Bebel, Berlin. Sie haben auf meine Aufforderung, mir die Quelle Ihrer verleumderischen Anschuldigungen gegen'mich in der Reichstags- sitzung vom 13. März 1896 zu nennen, nicht gcantivortet. Jch� entnehme dieser Thatsache, daß Sie nicht beabsichtigen, mir diese Quelle anzugeben. Hiermit beweisen Sie, daß Sie nicht wissen, was die Manneschre auch dem Gegner schuldet. Jemand, der Verleumdungen verbreitet, ohne deren Urheber anzugeben, ist nicht besser als der Verleumder selbst. Er ist genau so unanständig, lvie der Taschendieb oder der Meuchelmörder im Dunkeln. Ich finde, daß nian Gesellen lvie Ihnen und deren Treiben viel zu viel Gewicht beilegt in Deutschland. Ich hoffe, daß die Zeit komme» ivird, wo die deutsche vffcnt- liche Meinung sich von dem bösen Einfluß frei gemacht hat, welchen Sic und Ihres Gleichen in unser öffentliches Leben bringen. (gez.) Karl Peters. In d e m Stil ungefähr wird Peters, denken lvir uns, auch mit dem armen Mabruk gesprochen haben, bevor er ihn aus dem Leben beförderte; das ist so der Durchschnittsstil eines reichsdcutschcn Afrikaners und zugleich die typische Form der iveltpolitischen Paralyse. Seinen ersten Brief haben wir unter Himveis auf das Erkenntnis des Disciplinarhofcs niit einer kleinen Antwort beehrt. Den zweiten werden wir dem Kolonialmuseum überweisen, und die iveiter zn crlvartenden werden wir zu Gunsten der iveltpolitischen jFlottc an Liebhaber verkaufen; bei Abnahme eines Dutzends ge- währen wir höchsten Rabatt.— Freisinnige Wahlrcforu?. Die„Feis, Ztg." sagt, die von ihr beantragte Ncn-Eintcilung der Wahlkreise in Preußen könne nur der- jenige als wertlos ansehen, der alle RcforNieu nur vom Stand- p u ii k t s o c i a I d e in o k r a t i s ch e r Partei-Jnteressen bemißt. Tie„Freis, Ztg." bekennt damit freimütig, daß ein ge- rechtes Wahlrecht, dessen erste BorauSsttznng die Be- scitigiing des Dreiklassen-Systems ist, den frei- sinnigen Partei-Jiiteresse» nicht entspricht. Den Interessen der frcisimiigcn Partei entspricht die NeU-Eiitteilutig der Wahlkreise, aber nicht ein allgemeines, gleiches, geheimes, direktes Wahlrecht, das den Interessen des ganzen Volks entspricht. Die freisinnige Partei und dasVolkPrenßens haben entgegen- gesetzte Interessen. Wir sind der»Freis. Ztg." für diese Belehrung dankbar.— Den freisinuigen Geschäftspatriotc» widmet die„Volks- Zeitung" eine kleine Betrachtung, die in den Sätzen gipfelt: „Werden diese sonderbaren Käuze wirklich von der Vorstellung gequält, als müsse das Deutsche Reich ohne eine nfcr- lose Flotten- und PachtungS- beziehentlich Eroberungspolitik elendiglich zu Grunde gehen, so muß man die Herren wegen dieses auf ihrer freisinnigen Manuesbnist lastenden Albs aufrichtig bedauern. Leider wird parteioffiziös der wassermili'taristischen BcgeisteruiigSfähigkett ei» lirspriuigs- zeugniS dahin ausgestellt, daß einzelne Herren, die nichts weniger als begeistert für den neuen Flottenplan feien, durch den Hinweis gewonnen wurden, daß ihre Konkurrenten sich der Kundgebung der Marinelieferanten bereits angeschlofsen hätten. A e r g e r e S als das Verhalten dieser freisinnigen Profit- Wüteriche konnte der Partei nicht passieren. Es ist weit gekommen im freisinnigen Bürgertum! Ohne Grund ist die Reaktion nicht so mächtig geworden." Das Wasser der Weltpolitik schwemmt den letzten Rest des Freisinns fort— daran ist nichts mehr zu ändern; denn die Börse liebt natürlich den neuen Milliardcnsegen, den das Volt den Marine- liefcranten opfern soll.— Schutz den Gefühlen. Ein Andachtsbnch der Redemptoristen, aus dem die rcichsländischen Schulkinder Erbauung schöpfen, nennt Luther einen„eitlen Wüstling". Calvin einen„blutdürstigen Mörder", welche,„um ihren Lüsten zu fröhnen, eine neue Seite errichteten". „Eine Religion, die solche Stifter hat. kann nur ein Werl der Hölle sein". Die protestantischen Bibeln sind„heuchlerisch gefälscht und betrügerisch verstümmelt" usw. Wenn das der„Ull" von den Jesuiten zu sagen wagte!— Dresden» 19. Dezember.(Eig. Ber.) Landtag. In der zweiten Kammer gab es gestern eine lange und zum Teil recht scharfe Lehrerdcbatte. Es stand der Gesetzentwurf, dieGehalts- regelung und Alterszulagen der Lehrer an den Volksschulen betreffend, zur Schlnßberatung. Der konservative Abg. Justizrat Opitz hat sich bei der Vorberatung in sehr tadelnder Weise über die Art und den Ton, wie speciell die Leipziger Lehrer ihre Wünsche in ihrer Presse zc. vertreten, ausgesprochen. Das hat dem Herrn eine derbe Abfertigung in der„Lehrer- Zeitung" und sonst noch eingetragen; ein Lehrer hat sogar— wie schrecklich!— die Conrage gehabt, in der„socialdemo- tratischen Leipziger Voltszeitung" öffentlich das energische Eintreten der Socialdemokraten für die Interessen der Lehrer anzuerkennen, und als Verdienst hervorzuheben. Das geht natürlich einem Stock- konservativen über den Span. Herr Opitz las denn auch den Leip- ziger Lehrern, die dem„politischen Radikalismus" verfallen seien, gründlich den Text. Sogar Schmähschriften habe man ihm geschickt, was ihm bis jetzt nicht einmal von der Social- demokratie(dort werden Sie nicht so ernst genommen, Herr Opitz I) angcthan worden sei. Statt Dank habe die konservative Partei nur Verunglimpfung erfahren, und die lampflustige Stimmung der Leipziger Lehrer komme in eiiiern� förmlichen Haß und einer Vor- eiiigenommcnhcit gegen jede Autorität und die Kirche zum Ausdruck. Sie hätten die Frage zn einer politischen Machtfrage gestempelt usw. Die Rede des geärgerten Herrn klang schließlich dahin ans. daß die N a ii o n a ll i b e r a l c n. die in Leipzig noch einen gewissen Einfluß haben, sich vor den dortigen Lehrern in acht nehmen in ö ch t c ii. Diese niedliche T e ii u n z i o n o n wurde von den Natioiiallibcralen geschickt zurückgewiesen. Es ivnrnit die Kons«- vativen offenbar, daß der Siaat hier nicht Brotgeber ist, um durch ein Machtwort den Lehrern die politische Gesiiiming vor- zuschreiben, wie das gegenüber den Eisenbahnern z. B. geschieht. Diesen Gedanken brachte auch nnier Genosse Fräßdors treffend zum Ausdruck, und er nahm die Lehrer auch sonst noch gegen un- berechtigte Angriffe in Schutz. Recht bitler war für Herrn Opitz auch die Wahrheit, daß er sich hier über Tinge beschwert habe, welche bei den Konservativen nnd Antisemiten den Socialdemo- traten gegenüber als ganz entschuldbar und in der Ordnung gelten. Sachlicki vertrat Fräßdorf den priiicipicllen Staiidpniikt der Socialdcmokratie. Diese vcr- lange Uebemahine sämtlicher Schullastcn auf den Staat. Die Socialdemokraten stimmen aber für die Vorlage, weil sie doch Ver- besscrnngen bringt. Die Vorlage— der«: Inhalt wir schon früher wiedergegeben haben— wurde schließlich mit einigen unwesentliche» Änderungen angenommen. Eine Lehrerpetition, die noch iveiter- gehende Wünsche erfüllt wissen will, ließ man gegen die Stimmen der Socialdemokraten auf sich beruhen. Ebenso mit demselben Stimmenverhältnis eine Petition des Verbandes sächsischer Lehrerinnen um Errichtung obligatorischer Fortbildungsschulen für Mädchen.— Ein Flotte»- Bnbcttticrciil hat sich an der Oberrcalschnle zn Freiburg i. B. gebildet, er zählt 399 Mitglieder. Die Statuten des Vereins lauten,' dem Karlsruher„Voltöfrenud" zufolge: Satzungen der Schülerabteilimg des Deutschen Flottenberems in der Obcrrealschiilc zn F r e i b n r g im Brcisgan. § 1. a) Der Jugend soll durch diesen Verein die Aufgabe des„Deutschen Volkes", eine starke„Deutsche Flotte" zu schaffen. ans Herz gelegt werden, so daß sie später als Männer treu und fest fiir die große Sache eintreten. d) Der„Deutsche Flottenbere!»" soll unterstützt werden,»nd nicht nar moralisch, sondern auch materiell durch eine Summe, die sich aus den Beiträgen der Mitglieder ergiebt. Z 2. Der Verein führt den Namen: s ch ü l e r a b t e i I u n g des� Deutschen Flottenvereins an der Ober- r e a l s ch u I e zu F r e i b u r g im B r e i s g a u, und umfaßt alle Klaffen der Anstalt, d. h. es kann jeder Schüler Mitglied werden. '§ 3. Der Verein scheidet sich in einzelne K l a s s e n- verbände, denen je ein Schüler der Klaffe vorsteht, der die Liste der Mitglieder führt und die Beiträge einsammelt. § 4. Der Beitrag ivird auf monatlich mindestens b Pf. festgesetzt. KS. Halbjährlich sammelt ein Schüler der oberen Klassen, der. auch eine Hanptliste aller Mitglieder führt, die Gelder ein mid übcrmmiltclt sie dem Hauptansschnß des FlottcnvereinS für Baden.., tz 6. Die leitende Kontrolle des Vereins führt der Direktor der Anstalt, der auch Mitglieder, die sich irgend etwas zn schulden kommen lassen, aus dem Verein ausweisen kann. § 7. Alljährlich findet an einem für unsere Marine be- dentniigsvollen Tag eine Versammlung des ganzen 'Vereins statt, in der die Rcchiiniigsablage erstattet wird. Bei dieser Gelegenheit sollen die Mitglieder über die Ergebnisse des „Deutschen FlottelivereinS" unterrichtet und durch Vorträge von Schülern der oberen Klaffe allmählich mit der Flotten- frage vertraut gemacht werden. Nach diesem Muster werden nun auch die Kindergärten okgani- siert werden, denen sich eine S ä u g li n g s abteilung des Deutschen Flottcnvcrcins unmittelbar anschließen wird.— Von» Regime Pnttkamer. Ans Elsaß- Lothringen wird uns geschrieben: In S t r a ß b u r g ist uusern Parteigenosse» das Abhalten einer öffeill- liehen Versammlnng. die sich mit der zur Zeit das innerjiolitische Leben Dcntschlands beherrschenden Flottcnvorlage befassen und außerdem die Anfstelliiiig einer socialdemokratischen Reichstags- Kandidatur fiir die nächsten Wahlen vornehmen sollte, vom Bezirks- Präsidium ohne Angabe von Gründen verboten worden. Die Direktion des einem' klerikalen Kousortium angehörenden Union- sanlcs, der kurz vorher dem flottenfreundlichen Reichstags-Abgeord- iictcn der Stadt. Jnstizrat Riff, zur Abhaltung einer öffentlichen Versanmilung bereitwillig zur Verfügung gestellt worden war, hatte es unter nichtigen Borwänden abgelehnt, unser» Parteigenossen ihre Lokalitäten zu der nachträglich verbotenen Veranstaltung zu überlassen. Auch im Obcrclsaß. wo der älteste Sohn des Reichskanzlers, Prinz Alexander von Hohenlohe, als Bezirkspräsident residiert, wird der alte Pnttkamerschc Entrechttmgskurs weitergestenert. In Mül- hausen hatten unsere Parteigenossen, veranlaßt durch den Aufsehen erregenden militärischen Duellinord Schlabitz-Kißliiig, eine geschlossene Wqhlvcreins-Vcrsammlung ausgeschrieben, in der Genosse Bueb über das Thema„Duell, Mord, Ehre und Christentum" sprechen sollte. Alö die Besucher sich jedoch in das Versammlniigslokal begeben wollten, fanden sie dessen Eingänge von Schutzleuten besetzt, die jedem den Zutritt verwehrten. Die Maßregel erregt in Parteikreisen deshalb besonderes Anflehen, weil sie sich gegen eine ausdrücklich als nur für Mitglieder zugänglich erklärte Veriommlung eines polizeilich genehmigten Vereins richtet. Wir sind im Lande der Pütt- kamerschen„Rechtsgarantien" also glücklich so weit gekommen, daß die Polizeibehörden jede Zusammenkunft der Arbeiterschaft nach «Belieben verhindern kann. In dem obigen Fall wäre es fiir die Mülhauscr Polizeiorgane wohl zweifellos eine weit verdienstvollere Aufgabe gewesen, den in ihren: Machtbereich verübten militärischen Dnellmord nach Kräften verhindern zn helfen, als hinterher die öffentliche Kritik solcher privilegierter Verbrechen mit Gcwaltmaßregeln zn unterdrücken.— Ausland. England gicbt nach. Wie England für die Befchlagnabine deutscher Schiffe Genug« thuuiig zugesagt hat, so giebteS den Forderungen der Vereinigten Staaten in dem gegen ein amerikaiiifches Getreideschiff anhängig gemachten Bcichlagnahinevcrfahrcn nach. Nach einer Met- dung des„Reuterschen Blireans" aus Washington wird von zuständiger Seite erklärt, es bestehe in keiner Weise eine Meinungs- Verschiedenheit zwischen den Vereinigten Staaten und England hin« sichtlich der Rechtsfrage über die Beschlagnahine nmerikanisäier Waren. England habe riickhaltloS zngcgrbc», daß Waren der Beschlag- nähme nicht unterliegen, undjdies habe das Staatsdepartement völlig zufriedengestellt.— � �. Petersburg» 19. Januar. Es wird offiziell bestätigt, daß dir Engländer an der südafrikanischen Küste den russischen Lloyddanipfer „Wladimir Sawin", welcher Staatsgut zum Bau russischer Kriegs- schiffe für die Werft in Philadelphia an Bord hatte, beschlagnahmt haben. Schritte zur Freigebung des Dampfers sind in London bereits eingeleitet worden.—_ Oest» eich-Ungarn. Budapest, 19. Januar. Die Verlängerung deS Wehrgesetzes wurde im Reichstag in dritter Lesimg angenommen, ebenso wurde die Vorlage betreffend die Bewilligung des Nckruten-Kontingeuts bis Ende 1999 genehmigt.— Frankreich. Zu dein großen Erfolg des MtnisterinmS in der Donners- tag-Sitznng der Kammer erklären die republikanischen Blätter, die Abstimmung habe die Stellung des Ministeriums so gefestigt, daß die Opposition wohl fiir einige Zeit jeden Angriff aufgeben werde. Di« radikalen Blätter äußern sich besonders aiierleniiend über den Ministerpräsidciitcn Waldeck-Rousseau, der sich als echter Regierungs- mann und Republikancr gezeigt habe.— Der große Net>lmchch?ld Töroillsde hat nach der Ver- kanmmg seinen Sitz in San Sebastian, dicht an der Grenze Frank- kreichs' genominen. Einen? Bcsnchcr gegenüber, der ihn nach seinen Hoffnungen und Erwartungen befragte, und auf die Bemerkung, daß sich bei der Verurteilung und Verbannung des großen Mannes keine Hand in Paris regte, hat er nur ein geringschätziges Lächeln gehabt und mit übemältigender Ruhe geantwortet:„Gerade die scheinbare Gleichgültigkeit der Pariser ist der Beweis meines Einflusses. Glanbeir Sie denn, daß die Ve- völkerung still geblieben wäre, wenn ich es nicht gewollt und ge- fordert hätte?' An? Vorabend der Urteilsverkündung warei? zehn- tausend meiner Anhänger in dem Mille Colonncs-Saale versmnmclt lwohlgemerkt, so viel Menschen würde dieser Saal selbst dam? nicht fassen, wenn mal? sie wagerccht bis zur Decke aufschichtete), sie bebte?? vor Ungeduld und Ka???pslust und verlangten???ir?iach eine??? Befehl, un? loszugehe??. Ich ließ ihnen sagen:' Kinder, stillhalten. Wenn der Augenblick geko?n???en sein ivird, wird man es Euch sage??. Das genügte. Die Zehi?ta?lsend gingen gehorsan? nach Hause und bliebe?? ruhig, als sie mich in die Verbai?i?????g ziehe?? sahen. Ich will nicht, daß die Weltausstell????g gestört iverdc. Jeder Fra??zose soll das Geld verdiene??, das er sich von ihr verspricht. Aber??ach der Ausstellung ivcrde ich???it den Verrätern abrechne??." Deroulsde gla?ibt>vahrschei?ilich, was er sagt. Aber in den Augen jedes Verslä>?dige?? charakterisiert er sich nis daS, was er ist: ein politisches Kind, daS seilte Hir??gespii?ste für Wirllichkcit hält.— Spanien. Vom Anarchiftcnprozcß. Madrid, 19. Januar. Der oberste Rat für Krieg und Marine beschäftigte sich??iit der Prüfutig des Prozesses von Montjtlich lind beschloß, die Urte?Isvollstreckl»?g aus- z?lsetzei?, ohne jedoch eine Revisioll des VerfnhreilS anzuordnen. Madrid, 18. Januar. In Fum illavcgen der Koi?s??n?ste?lcr a?lsgcbroche??. Grlippen von Demonstranten zerstörten die Zollbä??ser, Archive lind die Telegrapheirliilie. Gcndar?nerie ist abgesaildt, u?n die Ordnung lviederhcrzustellen.—_ Der Liegmtzer Gattenmord-Prozetz. In der Nachnrittags- Sitzung des dritten Verhandlllngstagcs werde?? zunächst verschiede??e Kammerjäger vernomme??, die in? Laufe der Jahre in den Ställen solvie in? Schlosse des Glltes Nieder- Schützendorf gegen Ratten Gift gelegt haben. Einer hat Strychnin augeweildet i auch ist ih??? ei??mal eine Schachtel ftrychninhaltiges Rattengift auf dein Schlosse abgekauft ivorden. Rittmeister B e r n d t: Nach der ersten Vergiftungs-Angelegeltheit habe ihm seine Frau erzählt, daß er von einen? Brcslaner Kammerjäger eine Schachtel Schwabenpulver, mit Strychnin vcri?lischt, gekauft habe, sie wisse aber mcht mehr, bei welchem. Seine(des Zeuge??) Tochter Else habe ihn? einmal erzählt: Markivitz sei a?r den Osterfeiertagen mit seiner Tochter spazieren gegangen. Bei dieser Gelegenheit habe Markwitz ein Fläschchen aus der Tasche gczoge?? und dies dem Mädchen mit den Worten gezeigt: Das ist Gift, etile Kleinigkeit davon geniigt, um einen Menschen zu vergifte??.— Präs.: Markwitz, ist das richtig?- Markwitz: Ja- wohl, es war dleS das Choralhybrat, das ich' der Frau Berlldt weggenom?nen hatte.— Präs.: Wie kamen Sie dazu, der Frau Berndt das Chloralhydrat wegzunehmen? -�Malkwitz: Ich that das im Ji?tcresse der Berildt, weil diese einmal sagte: sie wolle sich vergifte??.— Rechnungsführer John: Er kenne den Markwitz vom Gynmasium her. Einige Tage nach der Vergiftungt-Angelegenheit sei Markwitz bei ih??? gewesen. Da allgemein gesagt wurde. Markwitz sei der Thäter, so habe er dem- selben apj? Scherz diesen Verdacht i« daS Gesicht gesagt. ES sei das aber nur Scherz gewesen, er habe eiice solche That dem Markwitz nicht zugetraut.—. Ein iveitercr Zeuge ist Tierarzt Prasse sKuner??): A??r 2. Juli 1899 sei er von Markwitz telegraphisch nach Nieder-Schütze??dorf gerlifei? worden. Markwitz habe ihm die«crgiftungs-Angelegc??heit erzählt. Er habe einem Hunde etlvas zum Fressen gegeben, dieser sei infolge dessen verendet, er(Zeuge) solle deshalb de?? Kadaver des H?l?ides öfstlen. Er habe gesagt, es sei das beste, den Hundckadaver an das cheinifche UntersuchungSamt nach Breslau zu schicke??. Markwitz habe den Verdacht der Thäterschast auf die Wirtschafterin gelenkt. Schon einige Zeit vorher habe ihm Markwitz gesagt: Benrdt habe thn schlecht behandelt und beleidigt, er werde daher de?? Ber?ldt fordern müssen.— Wirtschafts-Jnspektor Goltz(Ober-Kuminerilick): Markwitz habe ihm einmal erzählt: Rittmeister Berndt habe ein Ver- haltnis mit seiner Schwägerin. Als er(Zeuge) darauf dem Markwitz sagte: Sie solle?? ein Verhältnis mit Frau Berndt haben, habe Markivitz aar nichts erwidert, sondern??llr gelächelt. Marklvitz habe ihi? schließlich wegen Beleidigung verklagt,?veil er gesagt habe?? solle: Wenn er aus dem Gefängms entlassen werde, dann gehe ein Gift- Mischer frei aus. Diefe Klage habe der Angeklagte schließlich zurück- gezogen, er(Zeuge) habe eine solche Aeußerui?g??icmaIS gcthan.— ES wird hierauf RlttergutSbesitzer Dr. H e n?? e b e r g als Zeiige in den Saal gerufen: Ai?fang Juli 1399 habe ich die Familie Ber??dt auf ihrem Gute besuchen wollen. Ich traf jedoch nur de?? Inspektor Markwitz. Dieser sagte mir: die Herrschaft sei zu einer Beerdigung nach Patschkau gefahren. Markivitz erzählte mir darauf von' de??? VergiftungSvorlommnis und sagte: er habe ans die Wirt- schafterin Verdacht. Mir fiel es m?f, daß mir Markivitz ei??e solch' delikate Angelegeirheit in dieser Weise erzählte. Ich sagte ihm: Ich halte eS für nötig, diese Sache sofort der Staats- anwaltschaft anz??zeigen. Sind Sie der Meinung, sagte Mark- Witz, alsdann drehte er sich?i??? und sprach nicht weiter. Mein Wirtschaftsinspektor Goltz erzählte n?ir: Markwitz habe ihm über die Behandlung des Berndt geklagt ui?d gesagt: Er(Markivitz) fei Offiziersaspirant, er könne sich eine solche Behandlung!?icht ge- fallen lassen und müsse deshalb den Rittmeister fordern. Ferner habe ihm Goltz erzählt, Markwitz habe ihm gesagt: Berndt Unterhalte?nit seiner Schwägerin ein LiebcSverhälti?is. Dr. med. Lindner habe ihm erzählt: Als er an? 17. Juli auf das Schloß zu Nicder-Schützendorf gerufen wurde, habe auf ihn der ganze Ver- giftungsvorgang den Eindruck einer Komödie gemacht, denn Leute, denen schon zum zweiten???«! eine Bergiftungs'-Angelegenheit ernsthaft passiert, benehmen sich anders. Dr. Lindner sagte mir außer- de???: Er habe dein Markivitz kurz vor dc?n erste!? Vergiftungs- Vorgang eine kleine Teschingkngel a?>s dem Arm heraus- g e?? o?????? e n, die diesen? angeblich von unbekannter Seite beigebracht worden sei. Ans Dr. Lindner habe es den Eindruck ge?nacht, als ob Markivitz sich aus irgend einen? Grunde selbst geschossen hätte.— Ei?ies TageS traf ich dm Rittineister Berndt ??? Bresla??. Ich teilte dem Rittmeister mit, was ich über Markivitz erfahre?? habe, hierüber wurde Berndt sehr aufgeregt. Er sagte, denken Sie sich, in e i n e Frau hält die sc??? Menschen noch die Stange, ich kann doch ii?it eii?er solchen Frau nicht länger zusai???nenleben. Berndt weinte heftig und sagte, er müsse sich eine Kugel durch den Köpf schießen. Ich suchte den Berndt z?? beruhigen und forderte ihn auf, i??it mir z?i Kempiusky zu gehen und dort die Angelegenheit näher zu besprechen. Berndt sagte zu mir: es stehe bei ihm fest, daß Markwitz??icht mehr ci?ie Nacht unter seinem Dache schlafen dürfe, er bedürfe i??ir eines Zeuge??, da seine Frau in entschiedenster Weise für Markwitz Partei ergreife. Ich erbot???ich daher, mit Berndt nach Nieder-Schützendorf zu fahren i?nd ihm als Zeuge zu dienen. Berndt ivar in Niedcr-Schützc?ldorf so aufgeregt, daß ich schließlich das Wort führen mußte. Der beleidigte Markivitz. Markwitz weigerte sich z?l??ächst in ganz entschiedener Weise, z?? gehe??, zninal Frau Berndt ga??z energisch für Markwitz Partei nah????»id ihre??? Mann sagte: er habe gar kein Recht. den Markivitz zu entlasse??. Markwitz drohte dem Berndt: er werde den Vorfall bei dem Bezirkskommando in Breslau anzeigen und wenn er ihn in Breslau auf der Straße treffen sollte, so werde er es ih??? schoi?i besorge??. Berndt hat schließlich auch seine Frau aus de??? Hause gejagt, nachde??? er sich endlich überzeugt hatte, daß seine Frau seit langer Zeit???it Markivitz ein inti?nes Verhält???s u??terhaltei? hatte. Als Ber??dt bald dara??f wieder nach Breslau kam, niachte ihm seine Schwägerin wegen der Behandlung seiner Frau Vorwürfe. Frau Gottschalk sagte: D?? hättest Dich nicht so erniedrigen sollen. Erniedrigt hat sich lediglich nieine Frau, versetzte Berndt.— Amtsvorsteher Bremer: Er habe nach allen?, waS er in Erfahrung gebracht hatte, die Ueberzeugnng erlangt gehabt, daß die A??gcklagte?? die Thäter seien. Er hatte die Ucberzeug??ng erlangt, daß die Angeklagte Berndt zu alle??? fähig sei (Die' Angeklagte Berndt bricht bei der Ver?>eh?n?n?g dieses Zeuge?? in heftiges Schluchzen aus.)— Verteidiger Rechts anwalt Dr. Mamroth: Herr A?ntsvorsteher, können Sie außer dem, was Ihnen berichtet worden, noch bestiminte Thatsachen angebe??, auf Grund deren Sie Ihre Ueberzeugung er- langt habe???— Zeuge: Nein.— Oberlicutenant a. D. Ney ?na??n vermag sich heute auf Einzelheiten???>r du??kel zu eri?i?ier??. Es wird ihm infolgcdesse?? das Protokoll seiner bei dein Unter suchungsrichrer abgegebenen A??ssage vorgelesen. Danach hat der Zeuge ausgesagt: Markwitz habe ihm einmal erzählt: Rittmeister Berndt habe ihn vergiften wollen, er iverde es aber diesem noch besorge??. Außerdem habe Markwitz ihn(Zeugen) ersucht, seinen Vatcu(den Oberstabsarzt Dr. Markwitz) zu bewegen. ihm die Einwilligung zur Heirat mit der Frau Berndt zu geben.— Präs.: Markwitz, was sagen Sie dazu? Ländliche Ritterlichkeit. M a r k w i tz: Das ist vollständig unwahr. Ich wiederhole, daß ich nieinalS auch nur im entfer??teste?? die Absicht hatte, die Frau zu heirate??.— Präs.: Es ist nur eigentümlich, daß Sie,??achde?n Sie den Zeugen ersucht hatten, die Einivilligung Ihres Vaters zur Heirat der Frau Berndt zu erlangen, am folgenden Tage den heute mittag verlesenen Brief an Frau Berndt nach Patschkan geschrieben haben, ii? de??? Sie die Berndt beschwören, Sie solle Ihnen das Verspreche?? gebe??, Sie??ach ihrer Ehcschcid?n?g z?? heiraten, da Sie sonst sich etwas anthun Ivürden?— M a r k w i tz: Ich wiederhole, daß ich de?? Brief???ir geschrieben habe, um die Frau zu b e ruhige??, ich konnte mir doch??icht eine bescholtene Frau heiraten.— Präs.: Die B e s ch o l t e n h c i t der Frau tvar doch aber hauptsächlich durch den Umgang ???it Ihnen verschuldet?— M a r k w i tz: Ich????ißte mir doch auch sagen, daß eine Frau, die in dieser Weise de??? Manne die Treue bricht,???ir dies auch nach 2 Jahren ebenso machen iverde. Ich ivar scho?? deshalb Willc??s, mich langsam von der Frau zurückzuziehen.— Frau Berndt: Es ist mir??iemals auch nur entfernt in de?? Sinn gekommc??, den Markivitz z?? heirate??. Ich habe daS auch mehrfach dem Markwitz mit dem Be???erken erklärt, daß ich mich nicht lächerlich machen würde. Ich hätte mich ja vor der ga??zc?? Welt b l a?n i e r t, wenn ich mir den Markivitz geheiratet hätte.— Hierauf erscheint als Zeuge Versicherungsagent D r o s c i n s t i: Der Angeklagte Markivitz sei ihn? von Jugend au' bekannt. Dieser habe ihm cii?N?al erzählt, daß er mit seiner Prin� zipalin, der Frau Rittineister Ber??dt, ei?? ii?ti???cs Verhältniß unter- halte i die Frau schütte ihrein Ma??ne allabendlich Schlafpulver ins Essen, um eil? schirelles Ei?ischlafen desselben zu beivirken: Frau Berndt habe ihn ci?i?nal geftagt, ob er ihr zn Liebe einen Mei?schen töten könirte. Er(Zeuge) habe sofort den Markivitz gefragt, ivas er darau gea?itwortet habe. Dn traust mir doch so etwasjnicht zu, habe Markwitz versetzt. Seitdc??? mir die Frau diese Frage gestellt hat, habeich vor derselbe?? einen Ekel. Markivitz sagte außerdccn: die Frau habe vor ihren? Ma?>?le eii?cn Abscheu.— Der Vetter des Angeklagten Mark Witz, VcrsichenlngSagent Ladislaus M a r k w i tz(Bresla??) bekl?ndet, daß sein hier angeklagter Vetter, der einige Tage vor seiner Ver Haftung bei ih??? gewohi?t, ihn? 690 M. zur Aufbewahrung gegeben habe.— Kriminalkommissar K l i e h m(Breslau), der den Angeklagten Marlwitz ii? Breslau verhaftet hat, bc???erkt, daß ihn? an den? A??- geklagten nichts aufgefallen sei. Nochmals der Vater des Angeklagte«?. Auf Befrage?? des Verteidigers, Rechtsanwalt Dr. Z i ehe, be- kündet Oberstabsarzt Dr. Markivitz: Er hätte seinein Sohne 30— 40 0(X> M. gegeben, wenn es angebracht geivesen?väre.— Ver- tcidiger NcchtSäiiivalt Dr. Mamroth:' Herr Oberstabsarzt, wäre?? Sie in der Lage geivesen, diese Sunnne ans eigenen Mitteln Ihrem Sohi? zu geben?— Zeuge Zun? Juden brauchte ich deshalb nicht zn gehe??.— Präsident: Herr Oberstabsarzt, diese Antwort ist ungehörig, der Herr Verteidiger hat das Recht, an die Zeugen Fragen z?? stellen, bezw. die Stellung der Fragen bei?nir zu beantragen. Sie sind daher nickt berechtigt, auf die Fragen des Herrn Verteidigers eine ungebührliche Antivort zu geben. Ich frage Sie also: Wären Sie in der Lage geivesen, die von Ihnen genannte Geldsumme Ihrem Sohne ans eignen Mitteln zu geben?— Zeuge: Jaivohl. — Verteidiger sitechtSanivalt Dr. Ziehe: Hätte» Sie Ihrem Sohne die Einivilligung zur Heirat mit der Angeklagten Berndt gegeben?— Z e u g e: Niemals.— B e r t ei di g e r: Auch nicht, nie?!?? Ihnen die näheren Verhältnisse bekannt geiuescn wären?— Zeuge: Auch dann nicht.— Präsident: Haben Sie Jbre??? Sohne, während er in Nieder-Schützendorf tvar, Geld geschickt?— Zeuge: Jawohl.— Präs.: Wie viel war das?— Zeuge: Genau kam? ich das nicht sagen, jedenfalls aber mehrere hundert Mark.— Es meldet sich hierauf der Rittergutsbesitzer, Rittmeister Berndt: Ich habe noch etwas zu bc?nerkc», Meine Tochter hat mir mitgeteilt, daß Markivitz meine Frau ci???nal, da sie sich gegen seine Anträge sträubte, an der Gurgel packte«nd n?it Gelvalt zu Boden warf. Einmal hat Markivitz n?it einen? Hirschgeweih nach meiner Frau in so heftiger Weise geworfen« daß das Geweih zerbrach.— Präs.: Nun, Markivitz, was sagen Sie dazu?— M a r k w i tz: Das ist unwahr, in bewußtem Zustande habe ich die Berndt jedenfalls niemals an der Kehle gepackt und sie zu Boden geworfen. das könnte höchstens in hyp??otischcm Zustande geschehen sein.— Präs.: Geben Sie aber zn, daß Sie mit einem Hirschgeweih nach der Frau Berndt geworfen haben, daß das Geweih zerbrach?— M a r k>v i tz: DaS ist allerdings einmal vorgekommen.— Präs.: Was verankaßte Sie zu einem solchen Wutanfall?— M a r k w i tz: Die Berndt war so sehr kölnisch zu?nir. — Angeklagte Berndt, die während der Vernehinnng ihres ge schicdencn'Gatten heftig weinte, bemerkt: Ich versichere, daß Markwitz mich einmal an der Kehle gepackt und mich zu Boden geworfen hat. Ich hatte längst bereut, das Verbältnis angefangen zu haben, ich wollte es häufig lösen, ich stand aber unter den? Zwang des Markivitz. Dieser drohte mir ofttnals, daS Verhältnis meinem Manne zu verraten. Ick ka?n einmal auS der K i r ck e. In dieser wurde gepredigt von Ehe und Rene. AlS ich aus der Kirche kam.Asagte' ich zn Markivitz: Ich möchte gern das Ver- hältniS aufheben, me?n Mann thnt mir leid. Markivitz versetzte darauf: Das ahnte ich längst, daß Du wieder Deinen Mann liebst. Wenn Du das Verhältnis mit mir aufhebst, dann werde ich alle« sofort Deinem Mann sagen. Wenn ich einmal, wenn ich schon von Nieder-Schützendorf fort fein sollte, höre, daß Du wieder mit Deinem Mann verkehrst, dann iverde ich Dir auflauern. Dich totschlagen und Deinem Rinde etwas an- thun.— Angekl. M a r k w i tz: Da« ist eine Lüge. Ich wollte ?nchrfach weg und auf die Landwirtfchafts-Akademie in Halle gehen, die Frau ließ mich aber nicht fort.— Auf Befragen des BerteidigerS Rechtsanwalt Dr. Zieh» bestätigt Oberstabsarzt Dr Markwitz, daß sein Sohn d?e Absicht hatte, die LandwirtschaftS- Akademie in Halle zu besuchen.— Der Gerichtshof beschließt hierauf nach kurzer Beratung: die Zeugen Oberstabsarzt Dr. Markivitz, Rittmeister Berndt und Frau Gottschall wegen ihres nahen Verwandtschaft« lichen Verhältnisses zu den Ängeksaaten«licht zu vereidigen.— Die Zeugenvernehmung ist danach beendet.— ES werden danach die Sachverstiindigcn vernommen. Der erst vernommene Sachverständige, Direktor des chemischen Untersuchnngsaints der Stadt Breslau, Dr. Fischer, be- kündet: Es seien die in eineln Glasgefäß übersandte Sauce und der Magen und Darm des verendeten Hundes untersucht Ivorden. Sowohl in der Sauce als auch in den? Magen und den? Darin des Hundes sei salpetersaurer Strychnin geftmden worden. Es seien etwa 60 Gramm Sauce untersucht worden. In dieser seien 0,023 Gramm selpetersanrcs Strychnin gefunden ivorden. Den ge- samten Ninstände» nach sei anzunehmen, daß in der Saucierc etiva 200 Kubikcentimeter Sauce enthalten waren, die 0,09 Granu?? Strychnin enthielten. Alle Untstände sprechen dafür, daß, nach- dem die Sauce in die Sanciere gegossen ivar, das Strychnin in die Sauce und zwar in ungelösten? Zustande geko???me?? sei? das Strychnin habe sich erst durch die Hitze der Sance nach und nach aufgelöst. Brot, Butter und die Ansivurfsreste des Markwitz von? 17. Juli haben dagegen nicht den geringste?? Strychningchalt ergeben. In dem Kl?daver des an? 17. Juli verendeten Hundes sei allerdings Strychnin geftmden ivorden. Dem Hunde?nüsse ein Stück strychninhaltigcs Butterbrot vorgeworfen ivorden sein. Was den bitter?? Geschmack anlange, den laut ihrer' Bekundung Frau Gottschalk empfunden habe, so sei anzunehmen, daß dieselbe entweder sich diesen Geschmack eingebildet oder vielleicht ein kleines Körnchen Strychnin in den Mund be- konnneu habe. DaS in der Sance?n?d den Hnndckadavern gefundene Strychnin könne von den? dem Rittmeister Berndt gehörenden Strychnin cntiionnnen gewesen sein, ein zwingender Grund zu dieser Annahme sei aber nicht vorhanden.— Die Cheiniker Dr. Grüiihagen und Dr. Sartori(Breslau) und Dr. med. Lindner (Gr.- Tinz) schließen sich in? wesentlichen d>cse?n Gutachten an.— Dr. L i?? d>?? e r bekundet noch, daß ih??? die Vergiftungsangelegenheit a?n 17. Juli, nach den? Bcnehincii des Angeklagten zu urteilen, ivie eine Konrödie vorgckonnncn sei.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Mamroth beantragt, den llutersuchungsrichier Laudgerichtsrat Trantwei» über die Glanbivürdigkeit der Angeklagten Berndt und eine Reihe Iveitercr Fragen zn vernehmen.— Verteidiger Rechts- anivalt Dr. Ziehe?viderspr?cht diesen? Antrage.— Der Staatsanwalt schließt sich den? Antrage des RechtSanivalts Dr. B! a m r o t h an. Der Gerichtshof vertagt die Vcschlnßfassnng über diesen Antrag und auch die Verhandlung gegen 93/4 Uhr abends auf Freitag, vor- mittags 9 Uhr. Vierter Tag der Verhandlung. L i e g n i tz, 19. Januar 1900. Gegen 9 Uhr vorinittags eröffnet der Präsident. LandgcrichtSrat Berg.' wiedern»? die Sitzung und teilt?nit, daß der Gerichtshof beschlössen habe, den? Antrage des Berteidigers, NechtSaiiivalis Dr. Mamroth, stattzugeben und den Untersuchungsrichter, Land- gerichtsrat T r a u t w e i n, als Zeugen zu laden. Es sei aber not- ivendig, zunächst die Genchmignng des Landgcrichts-Präsidenten hierfür einzuholen. Ehe die Genehnrigung des Präsidenten ein- getroffen ist, wird der Gerichtsarzt. Privatdoccnt an der Breslauer Universität Dr. Bonhöffer aufgefordert, über den Geisteszustand des Angeklagte» Markivitz ein Gutachten abzugeben. Dr. Bonhöffer bemerkt: Ich habe den Angeklagten Markivitz vom 18. Noveniber bis zum 1. Dezember 1399 in der sogenannten BeobachtungS- Abteilung des BreSlauer Landgerichts beobachtet. Um ein genaues Bild von dem Geistes- zustande des Angeklagten zu haben, ist es wichtig, sich sein ganzes Vorleben zu ver'gegemvärtigei?. Der Angeklagte ist schon als Knabe in? Lernen nicht recht vorwärts gekommen. Er ist auf acht verschiedenen Gymnasien gewesen und hat es nicht bis zun? Abiturienten- Examen gebracht. Er hat sich von seinem sech- zehnten Lebensjahre als Medium benutzen lassen und die größten Absonderlichkeiten begangen. Er ist bei??? Militär bestraft und nicht zun? Offiziers- Examen zugelassen worden. Er hat auch als Landwirt vielfach feine Stellung gewechselt. Die Erzählung von seiner romanhaften Abstammung, sein Verhalten in Nicder-Schützen- darf in? Znsammcngc mit der Bekundung des Vaters des Angeklagten, daß er erblich belastet sei, hat die Beobachtung des Geisteszustandes des Angeklagten veranlaßt. Ich habe nun zunächst eine abnorme Schädel- bildung und auch eine abnorme Gesichtsbildung des Angeklagten fest- gestellt. Die Hintere Schädclbildnng dcS Angeklagten ist auffallend klein. Der Angeklagte hat sich in? großen und ganzen sehr ruhig benomme?? und auch keineswegs den Versuch einer Simulation ge- macht. Sein Erinnerungsvermögen ist durchaus normal, ganz be- sonders iv?lßte er sich genau auf alle Eii?zelhciten seines bevor- stehenden Prozesses zu erinnern. Er beivies auch eine vollständige Klarheit und ivußte ganz besonders in dieser Beziehung das Wesen?- lichc von? Nnwesent'lichcn zu unterscheiden. Dagegen bewies er, zumal iveni? man seine sociale Stellung in Betracht z?eht, eine ganz auffallende Unkenntnis über die bekanntesten Dinge. So wußte er z. B. nicht den Unterschied zivischcn Reichstag und Abgeordneten- Hans zn machen, er ivußte nicht, ivelche Landesteile zu England ge- hören nsiv. Ich habe a?lch mit den? Angeklagten hypnotische Versuche vorgenommen und gefunden, daß sich derielbe sehr leicht in einen hypnotischen Zustand versetzen läßt. Die Hypnose ist vollständig echt. Auch läßt sich der Angeklagte sehr lctcht suggerieren. Ich habe dem Angeklagten suggeriert, daß er, ivenn ich ihn steche, nicht bluten solle; ich habe ihm 30—40 Stichs beigebracht, sei?ie Blutgefäße haben aber nicht reagiert. Daß sich der' Angeklagte als Mediun? eignet, ist nichts AbnonneS; 97 Proz. aller Menschen e?gi?en sich daz??. Ich bin jedenfalls auf Gnind der mir bekannt gewordenen Thatsachen und der von???ir ge- machten Beobacht?n?gen zu der Ucberzc?lg??ng gelangt, daß der Angeklagte als geistig e??tartet zu bezeichnen ist. Seine ?ö???anhaften' Erzähl?lngeii über seine Abstam?nni?a und alle scii?e andern Märchen berechtigen z?? dem Schlrlß, daß der Angeklagte m? krankhafter Schwindelsncht leidet. Derartige Leute glanben selbst an die von ihnei? erzählten Märchen. Wen?? sie auch öi?rch daS Prahlen von hoher Abstämmling, hohen Verbindmrgen usw. vielfach Betrügereien begehen, so sind'diese Leltte doch von den geivöhiilichen Betrügern und Hochstaplern zu rinterschcidcn, da sie ??icht bloß schivindel??, un? sich einen rechtswidrigen Vermögens- vorteil zu verschaffen, sondern a?lch a?is Sucht zu renommieren. Sie befiiiden sich in einer krankhaften Selbsttä?lsch?i??g. Trotzdem geht mein Gutachten dahin: DerAngeklagte hat sich zur Zeit der Thnt nicht in einem Zustande befunden. n de??? sei??e freie Willensbestimmung aus- geschlossen war, eS spricht auch nichts dafür, daß er in eine??? hypnotischen A?lftrage den Giftmord- Versuch begangen. Der Angeklagte ist daher als vollständig geistig zrirech- nungsfähig zu bezeichi?e??, obivohl er??icht die volle Wider- tandskraft besitzt, um Herr aller sei?>er Handl????gen zu sein.— Der Präsident teilt mit, daß soeben die Gcnehmig?ii?g deS Landgerichts- Präsidenten eingegangen sei, den U>itersllchu>?aSricht'er, Landgerichtsrat Trantwei??, als Zeugen vernehmen zu dürfen. Diese Vernehmung ergiebt jedoch nichts Be?ncrkci?S>vertes.— Der Verteidiger Rechts- anivalt Dr. Fi ehe beantragt, den bei dem Angeklagten Markivitz gefundenen Ehering deS Rittmeisters Berndt, der' da«' Monogramm H. B," trägt, von eine?» Sachverständigen untersuchen zu lassen.— Nachdem jedoch die Angeklagte Berndt zugegeben hatte, daß sie ihren Ehering gewöhnlich nicht getragen und daß es möglich sei, sie habe einmal den Ring dem Markivitz gezeigt, so zieht der Verteidiger seinen Antrag zurück. Der Ver- tcidiger Rechtsanwalt Dr. Ziehe bemerkt, daß er auf seinen Antrag, eine' Lokalbesichtig??ng vorzunehmen, nicht verzichten tonne. Der Prästdeitt bemerkt dem Verteidiger, daß dieser Antrag nicht als Be- wejsmittel herangezogen sei. er' schließe daher die Beiveisaufnahme. Der Präsident verliest hierauf die den Geschtvorenc» vorzulegenden Schuldfragcn. die auf v e r s u ch t e i? Mord dcS Markivitz und a?ls Anstiftung zu diesem Verbrechen betreffs der Frau Ber??dt lauten. Auf A??trag ?eS Verteidigers Rechtsamvalt Dr. Mamroth wird noch ans Grund des§229 des Str.-G.-B. die Frage gestellt, ob Markwitz den? Ritter- » flicntiiß gehabt, den Fürsten Bismarck, der sprang der Todaldcmo- kratie allerdings auch nicht an die Gurgel, aber er kapitulierte anch nicht vor ihr. Der NcichSknnzler und sein Vertreter haben der Auf- fassniig, die ich heute hier vertrete, iviedcrholt lebhaft Ansdrnck gcacbc». In ihren Reden tvird man finden:„Die Socialdeinokratie ist eine Verschivörnng, die Millionen Stinnnen hinter sich hat, die über mehr Geldmittel verfügt, als alle anderen Parteien znsannncn gc- noinmeu" n. a. IN. Ich würde diesen Wechsel nicht so tragisch nehmen, ich würde annehmen, die Herren haben in diesem Augenblick, wo sie die Flotteuvorlagc bewilligt sehen möchten, andere Fragen vorläufig zurückgeschoben, wenn nicht eine andere Frage, die Kanalfragc, wieder angekündigt wäre. Bezüglich der Äanalvorlnge hat der Vertreter des Reichskanzlers auf meine Ncntzerung, diese Vorlage im Reichstage einzubringen, erwidert, mit diesem Vorschlage sei eS «Ut wohl nicht ernst gewesen. Dabei hat doch Oberst Budde die militärische und strategische Bcdcntnng des Kanals für das Reich des längeren auseinandergesetzt. Man hat sich kistig gemacht über unsere Bemerkung, es werde ein Kanal ohne Wasser sein. Freilich man kann auch in einen Kanal Wasser bringen, wenn man Pumpen und Hebewerk an der Nordsee anlegt. sGrofie Heiterkeit.) Nachdem der Kanal wieder im Abgeordneten- Hanse eingebracht ist, meine ich, datz die Ncgiernng vor der Social- demokratie die Waffen gestreckt hat. In der Generaldebatte zum Etat habe ich ausdrücklich erklärt, daß wir mit der anSWörtigc» Politik des Reichskanzlers ein- verstanden sind. Er hat sein Amt unter schwierigen Verhältnissen angetreten. Und ist cS ihm auch nicht möglich gewesen, den Staatswagen in das Geleise zu bringen, in dem er sich zu Bismarcks Zeit befand, so verdanken wir es doch seiner Erfahrung und Weisheit, daß er in bessere Bahnen eingelenkt ist. Es war auch Pflicht des Reichskanzlers, die Bermehrung der Flotte zu beantragen. Alle Staaten, vor allem auch Amerika, ans das sich Herr Richter früher immer berief, habe» ihre Flotte ver- stärkt. Wir sind am weitesten zurückgeblieben. Die Bemänglungen, die Ivir gegen den Reichskanzler und seine Politik geltend machen, liegen ans dem Gebiete der Landwirt- schaft. Fürst Bismarck hat es immerhin für seine vornehmste Aufgabe erklärt, für das Gedeihen der Landwirtschaft zu sorgen. Gras Posadowskh wies auf den kommenden antonomen Tarif hin. Ja, das ist sehr schön. Aver was wird denn in den drei Jahren, Ivo sie warten soll, anS der Landwirtschaft? Vierzig-, fünfzigmal so viel Bauern gehen zu Grunde, als durch die Ansiedlungs- kommission neue Banerngütcr geschaffen werden.(Sehr richtig! rechts.) Wir sind weiter mit der innerii Politik des Herrn Reichs- kanzlers nicht einverstanden. Nicht wir haben dem Reichs- kanzlcr den Krieg erklärt, sondern er hat den konservativen Parteien im SlbgeordueteuhauS den Krieg angedroht und ist sofort zu unerhörte» Feindseligkeiten geschritten, zu der Mastrcgelnug der Landräte. Ich darf auch hier darüber reden, denn nunmehr wird kein Landrat wagen, sich in den Reichstag wählen zu lassen. Er nuch ja fürchten, vor einer Abstimmung ans seinem Amte Ivcggejagr zn werden. Im Abgcordnctcnhausc hat nuch nicht eine Partei das Vorgehen der Regierung gebilligt, nicht ein Verteidiger ist ihr entstanden. Parteien, die auf sich etwas halten, müssen ihr persönliches Verhältnis zum Reichskanzler einer Revision unterwerfen. Auf miste Abstimmungen wird diese Thatsache aller- dings keinen Einflusz ausüben. Aber mein persönliches Bedauern wollte ich über diese Vorgänge aussprechen, weil sie die Autorität der Staatsrcgicrimg auf das empfindlichste geschädigt haben. sBravo! rechts.) Reichskanzler Fürst Hohenlohe: Ich habe seiner Zeit auH die Reden der Abgeordneten v. Lim- burg-Stirum und v. Kardorff nicht geantwortet, weil ich glaubte, daß diese Angriffe gegen mich von keiner besonderen Bedeutung seien. Das war ein Fehler. Einmal sind die Acnszcrunaen hervor- ragender Politiker immer von Bedentuna(Heiterkeit), ander- seits ist mein Schweigen von der Presse zu einer Niederlage aufgebauscht worden, die der Reichskanzler erlitten hätte. lieber den Angriff des Herrn v. Kardorff habe ich mich nicht gewundert, weil eine Reihe von Meinungsverschiedenheiten zwischen uns bestehen. Ich halte an der Goldwährung fest, weil ich der Meinung bin, das; die Ausgabe der bestehenden Währung zn einer Kalamität ersten Ranges führen würde.(Sehr richtig I links.) WaS die Landwirtschaft anbetrifft, so muff ich bestreiten, dast die Regie- rung nicht alles gethan hat, waS ihr möglich lvar. Für den Antrag Könitz konnte ich mich freilich nicht erwärmen.(Heiterkeit.) Meine Aeufferungen vom Industriestaat waren die einfache Konftatiernng einer Thatsache und haben trotzdem Anstoff erregt. In einer Ver- sammlung im Hannöverscheu ist sogar eine Resolution angenommen worden, worin es heißt, das; der Reichskanzler Deutschland über die Landwirtschast hinweggehend zu einem In- dustriestaate macheu wolle.(Heiterkeit.) Eigentümlich berührten mich damals in der früheren Debatte die Vorwürfe des Herrn Abg. v. Kardorff oder des Grafen Limbnrg-Stirtim, daß ich die Akachtinittel des Staates preisgäbe. Ich bin ein ebenso ent- schiedencr Gegner aller revolutionären Bestrebungen wie die beiden Herren; ich' halte es aber nicht für zweckmäßig, weim die konservative Partei oder einzelne ihrer Mitglieder solche Machtmittel in Form von Gesetzentwürfen zu Nutz und Frommen der sündigen Menschhelt jahraus, jahrein an die Wand malen, besonders wenn diese Entwürfe schlichlich die Zustimmung des Reichstages nicht finden. Ich halte den Ausdruck, den ich neulich einmal gelesen habe, für einen sehr weise», daß die Socialdeinokratie eine vorübergehende. Er- fchciiumg sei.(Hört! hört!) Dagegen kann ich das Gegenteil der Weisheit in dem Satz der„Hamburger Nachrichten� finden, Ivelche verlangen, daß die Negicnmg der Socialdeinokratie an die Gurgel springen s o l l e. um sie zu erwürgen. Das hat übrigens mein verehrter Herr Nachbar früher schon genügend zurückgewiesen. Als eine Preisgebung der Machtmittel des Staates wird es anch angesehen, daß wir das BcrbindnngSvcrbot aufgehoben haben und zwar unmittelbar, nachdem das Arbeitswilligen- gesetz in einer für die Slaatsregierng peinlichen Welse zurückgewiesen worden lvar. Die Herren vergessen aber, daß für uns gar keine Wahl blieb. Ich hatte lm Jahre 1896 im Namen der verbündete» Regierungen die Erklärung abgegeben, um das Znstandekommeii des Bürgerlichen Gesetzbuchs nicht zn gefährden, daß das Vcrbindnngsverbot vor dein Jiikrafttrctcu des Bürgerlichen Gesetzbuchs aufgehoben werden würbe. Daß es nicht früher geschehen ist und daß es ohne Kompensation geschehen in, das ist nicht meine Schuld. Nim stand der O Januar vor der Thür, der preußische Landtag lvar nicht ver- sanimdlt, eS blieb nns also gar nichts andres übrig, als den Weg der Rctchs-Gcsctzgcbimg sofort zu beschreiten. Das sind ungefähr die Punkte aus den letzten Debatten, die ich zu berühren hatte. Abg. Rtckert(stf. Vg.): Ich bin durch die so eniphatisch aiigekniidigten Angriffe des Herrn v. Kardorff ans den Reichskanzler' sehr enttäuscht ivorden. (Oh I rechts.) Er hat uns hier von preußischen Fragen unterhalten, vom Kanal, von den Maßregelungen. WaS hat er gegen den Herrn Reichskanzler eigentlich vorgebracht? Doch eigentlich nichts. Da greifen die Bündler die Reichsrcgicrung ganz anders an. Sie reisen im Lande umher und lassen Mißtrauensvota gegen den Reichs- kanzler annehmen. Was ist dem Grafen Bülow nicht alles in den agrarischen Blättern gesagt worden I Seine Tamoa-Politik ist erbärmlich genannt worden. Nun, ich glaube, wir können mit unsrer lmswirtigcn Politik sehr zustieden sein, das sage ich auch im Hinblick aus die heutige Rede BülowS. Der Bund der Landwirte aber hat Haß und Mißtrauen gegen die Leitung unsrer auswärtigen Politik gesät. Herr o. Kardorff hat den Stcichökanzler angegriffen, weiter das Verbindnngsverbot aufgehoben hat. Ist es denn möglich, daß luiser erster Beamter sich Ivicderholt hier gegen Angriffe zu verteidigen Hai. weiter ein feierliches Versprechen eingelöst hat.(«chr richtig! links.) Wo bleibt denn unsere sittliche, unsere politische Moral, wenn der erste Leiter des Reichs solche Anklagen wieder- holt zurückweisen muß?(Lebhafte Zusttmmniig linls.) Das Ver- blndnngsvcrbot hat der Socialdcmokratie nur genützt.(Lachen rechts.) Nur durch eine liberale, tolerante' Politik kann die Socialdcuiokraiie überwunden werden. Was hat deim Fürst Bismarck mit seiner Gcwallpolilik gegen die Socialdeinokratie erreicht? Sie war am Ende des Socialistengesetzes ans IVa Millionen Stinnnen angewachsen.(Sehr richtig! links.) Wir werfen der Rc- gierung vor, daß sie noch immer nicht ganz mit dem System der geivaltsanien Bekänipfung der Socialdemokratie gebrochen hat. Treiben Sie einmal 3 Jahre lang liberale, tolerante Politik gegen die Social- demokratie, dann lvolleu� wir uns iveiter sprechen.(Lachen rechts.' Die Herren übertreiben die Not der Landwirtschaft. Die tansende zn Grunde gegangenen Bauern bestehen nur in der Phantasie der Bündlcr. Bei den, wie Sie sagen, ungünstigen Handelsverträgen haben Sie doch noch einen Gctreidczoll von 3, öS M. Dem Herrn Reichskanzler sage ich. wenn er die Agrarier verhätschelt, um so bc- gohrlicher werden die Herren werden. Sie werden ihm das Leben so sauer machen, daß er für die Weiterführung des Amtes danken wird. Dazu wird es aber hoffentlich nicht kommen.(Beifall links.) Staatssekretär Graf Posadowskh: Herr v. Kardorff hat der Regierung neulich vorgeworfen, daß sie Komplimente vor dem Großkapital mache. Er hat diesen Vorwurf heute noch verschärft, indem er gesagt hat. es gebe ein gutes und ein schlechtes Großkapital, uns also nnterschobeu hat, wir machten Verbengmigen vor dem schlechten Großkapital. Herr v. Kardorff möge es mir nickst übel nehmen, aber diese Worte laufen ans nichts anderes hinaus, als wenn Herr Singer hier erklärte, die Regierung sei der Kommis des Großkapitals und deö Unternehmertums.(Sehr richtig! bei den Nationalliberalen und ini Centrnm). DaS sind Schlagwortc, aus Luft geprägt, Münzen hinansgclvorfcn durch die offnen Fenster des Reichstags für die blinde Menge, die der Reichskanzler Fürst Bismarck mit Recht einmal den blinden Hödur genannt hat.(Sehr richtig! im Centruin nnd links.) Herr v. Kardorff hat eS ferner für angemessen gehalten, das Börsen gesetz zu erwähnen. und die Regierung dabei in einem Augenblick anzugreifen, in welchem eine Verstäiidiguitg aller beteiligten Faktoren erzielt werden soll. Er bat weiter von nenem die Behanptniig aufgestellt, das.Berliner Tageblatt" sei ein offiziöses Organ, und wenn ich das nicht wüßte, so beweise das mir, daß Dinge in der Welt passieren, von denen der Vertreter des Reichskanzlers nichts weiß. Gewiß giebt es Dinge, von dencii der Vertreter des Reichskanzlers nichts lveiß. (Große Heiterkeit.) Aber daraus folgt noch nicht, daß das„Berliner Tagcdlatt" ein offiziöses Organ ist.(Sehr gut! im Centrum »nd links.) Wenige Blatter haben mich so ungerecht und so energisch bekäinpft, und die Situation ist für mich fast komisch, hier den Verteidiger des„Berliner Tageblatt" spielen zu müssen. Das„Berliner Tageblatt" mag h�rr nnd da eine Information von der Regierung bekommen. Ich persönlich stehe mit ihm in absolut keiner Berbindung, nnd kann nur noch- malS erklären, daß von einer Offiziösität des Blattes absolut keine Rede sein kann. Herr v. Kardorff hat die Aufhebung des Ver- bindnngsvcrbots als eine» schtveren Fehler bczeichncl. In seiner Presse und anch von andern Rednern hier im Hanse, so von Herrn v. Kriichcr, ist ausdrücklich anerkannt worden, daß der ganzen Maß- regel keine erhebliche praktische Bcdclitmig inne wohnt. Das aber möchte ich Herrn v. Kardorff sagen, und darin unterscheidet sich seine Aufiassnng von der»teinigcn, die Regierung innß bei ihren Maßnahmen von sittlichen Gcsichtsplinlten ausgehen. Herr v. Kardorff wirft uns Verbeugungeit vor der Socialdcmolratie vor. Wie ist den» die Socialdemolralie eigentlich ciitstaiiden? Sie ist eine Folge der Entwicklnng nnscrcr Grostindnstric. Die Konzentration der Arbeitskräfte hat das Solidaritätsgcfnhl in den Arbeitern erregt, und die im Wachsen begriffene Volks- bildung hat naturgemäß die Ansprüche an die Lebenshaltung erhöht. Das Selbstbewnsttsrin der Arbeitcrmaffcn ist gestiegen, und dieser Stimmung haben sich die Agitatoren zu bemächtigen gewußt. AnS einer rein wirtschaftlichen Frage ist eine politische Frage geworden. Das Unrecht der Agitatoren besteht darin, daß sie vor den glänbigen Massen den roten Mantel ausbreiten Iltid ihnen vorerzählen: Wir sind i» der Lage, Euch vor allem Ungemach zn schützen; ivir allein köiincn es. Es wäre mit der Socialdemokratie nicht so weit gekommen, lveiül nicht andre Momente dabei geholfen hätten. Ein Moment liegt in der Abhängigkeit sehr vieler Existenzen vom Staat. Wen» diese aus irgend einem Grunde scheitern, werden sie mit dein Staate unzufrieden, stellen sich der Socialdcmokratte wohltvollcnd gegruiiber und bekämpfen die bc- stehende Ordiiting. Alle diese Unznfrirdcnc» erhalten irgcndlvo in der Socialdemokratie eine Stütze. Das zweite Moment liegt darin, daß ma» in weiten Kreisen völlig mißverständliche Auf« faffniigeii hat darüber. waS der Staat zn leiste» hat. ES tvird angeblich wisscnschaftlich zn beweiseii versucht. daß die Socialdemotratie eine Notlvendigkeit, ja schließlich ein Heil für das Vaterland ist. Dem gegenüber muß eine kluge Regierung prodnktib zu tvirken versuchen. Diesen Standpunkt vertreten die kniscr- lichcn Erlasse. Tie berechtigten Wünsche der Arbeiter müsse» erfüllt werden. Nur da« kann dazu fithre», die irregeleiteten Massen von ihren Führern zu trennen. Es muß in ihncii das Vewnßtsciu erweckt werden, daß ihnen nicht die Agitatoren, sondern mir die bestehende Staatsordiimig helfen kann.' Herr v. Kardorff sagte, wir wollten die Socialdemokratie als völlig gleichberechtigte Partei behandeln. DaS habe ich nicht gesagt, ich höbe mir gesagt, wir können der Socialdemokratie nur auf Grund der bestehenden Gesetze eiitgegentretcii. Das ist ctivaS durchaus andres, denn dieser Staiidpiinkt läßt die Möglichkeit offen, gegen die Social- demokratie, nnd namentlich gegen die Ausschreitungen der Social- demokratie. Gesetze zu machen. Wir haben es mit der sogenannten Znchthausvorlage versucht, sind aber mit diesem Versuch gescheitert. Herr v. Kardorff hat der Negiermig femer vorgeworfen, daß sie nicht genug für die Landwirtschaft gethan habe. Erst letzt- hin, als ivir'das Flcischschaugesctz eingebracht haben, erhielten wir den Beifall aller Freunde des Herrn v. Kardorff. Ein Universal- mittel gegen die Not der Landwirtschaft haben ivir noch nicht gefunden, aber wir thiiu unausgesetzt, waS wir überhaupt thun können. Nun möchte ich noch ein Wort zu den Allsführungen sage», die Herr v. Kröcher in der letzten Sitzung vor den Ferien hier gemacht hat. Herr v. Kröchet; machte der Regierung den Vorwurf, daß sie den Reichstag wegen der Ablehnung der Arbeitswilligen- Vorlage nicht nufgclöst hat. Eine Negierung kann den Reichstag nur äuflösen, wenn sie AnSsicht hat, iin neueit Reichstag ihre Wünsche durchzusetzen, sonst treibt sie zum Konflitt. Herr v. Kröcher hat freilich an den Konflikt gedacht und zwar an ritten solche» der schwersten Art, denn er citierte den Ausspruch des Fürsten Bismarck, in welchem dieser von dem ehrenvollen Tode ans dem Schafott gesprochen hat. Wir haben«inen Konflilt in Preußen hinter uns. Er erfuhr eine friedliche Lösung durch die überaus glückliche Entwicklung von großen geschichtlichen Ereignissen. Ein Konflikt in einem Bundesstaate ist aber immer etwas ganz anderes als ein Konflikt im Reiche.(Sehr richtig I im Centrnm und linls.) Wollen wir den Spuren des Herrn v. Kröcher folgen, so würden wir einen Weg gehen, dessen Ende nicht abzusehen ist.(Sehr richtig I im Centrum und links.) Ich muß mich über die Aeuhemngen des Herrn v. Kröcher doppelt wundern, weil Herr v. Kardorff, der der Arbeits- willigen-Borlage gar keine Bedeutung beigelegt hat, sie eine schwache und halbe Maßregel,' mit der die Socialdcmokratie nicht zu treffen sei, genannt hat. Auch die„K r- u z- Z e i t u n g" hat in dieser Sache geschrieben, sie könne der Regierung nicht raten, die Borlage zu wiederholen. da ein solches Lorgehen nur zu erneuten Mißerfolgen 'ührcn würde. Ich will auch mit einen, Wort des Fürsten Bismarck sililießelt. Fürst Bismarck nennt die Politik die Knust des Möglichen. Was die Scrrcn V. Kardorff»nd p. Krvchcr anstreben. ist die Politik des Unmöglich«».(Lebhafter Beifall linls und lin Centrum.) Abg. Liebermann von Sonnenberg(Autis.Z: Die Ausführungen des Grafen Bülow waren nicht geeignet, die Aufregung des deutschen Volkes über das Vorgehen der Engländer zn beschwichtigen. In seiner großen Mehrheit ist daS deutsche Volk nicht der Ansicht, daß wir ängstlich bemüht sein müssen, gute Bc- ziehnngen zn England zn pflegen. Der Liebe Müh ist doch nlnsonst. Andere Töne müssen England gegenüber angeschlagen werden. Unsere Offiziösen aber tvünschen, daß man doch' nicht immer von dem perfiden Albion spricht. Ich bin anch dafür, daß das Fremdlvort übersetzt wird nnd daß wir von dem hinterlistigen nnd frechen England sprechen.(Bravo! bei den Antisemiten, Heiterkeit und Unruhe.) Bei der S a m o a Verhandlung koimten die eiiglischen Attaches von dcrFricdfcrtiglcit»nbLamniesgeduId der dcntschcn Volksvertrctnng berichten. Besser wäre es gewesen, wenn wir da schon energisch alifgetreten wären. Aber leider wurde der tapfere Redner der Nattonalliberaleit von der Fraktion im Stich gelassen. Ich lvollts schon bei der Samoa-Verhandlimg zwar keine Hetzrede, sondern eine Wariluiigsrcde vor England halten. Sie wäre durchaus am Platze gewesen. Die Entrüstung über das Vorgehen Englands ist jetzt allgemein, nur der"„Vorwärts" macht eine Ans- nähme. Er meint, daß die Engländer kein böswilliges Motiv geleitet hätte.(Lachen bei den Antisemiten.) Aber die Bcschlagliahme der deutschen Schiffe war plmimäßig vorbereitet und sie lvar eine Antastung der deutschen Ehre, der deiltsche» Flagge. Mit dicscnr Wort befindet sich der Kaiser ebenso in Uebereiustiimmmg mit dem deutschen Volke lvic seiner Zeit mit dem Jamcson-Telegramni. Mit Geld ist die Schädigimg der deutschen Interessen durch die Engländer gar nicht gut' zu machen. Redner verbreitet sich über das Vorgehen des Leiters des Roten Kreuz, Dr. Panntvitz, gegen die freiwillig ausgerüstete deutsche Ambulauz auf dem Dampfer„Herzog", das' er in scharfen Ausdrücken tadelt. Die offizielle Expedition des„Rpten Kreuz" nach Afrika sei mit übertriebenem LuxuS �ausgerüstet worden. So fei den Chefärzten nahegelegt worden, Fracks nach Südafrika mitzllnehmen. lHeiterleit.) Redner erklärt es für ganz unmöglich, daß die Firma Krupp KriegSniaterial-Lieferungen für England über- nommen habe. Wenn die Firma Ludtvig Löive in kritischen Zeiten mit Boulanger wegen der Lieferung von Kriegsmaterial verhandelt hat. so läßt sich das aus Nasseneigentümlichkeiten erklären(Heiterkeit bei den Anttsemiten). Das Geschäft bringt'S mal so mit sich. Von einer Firma wie Krupp aber kann ich ein so vatcrlandsloseS, ehrloses Gc- bahren unmöglich anuehinen. Sollte eine solche Gcschästsgcsinnnug hinter den Befürivortern der Flottenverinehrung stecken, dann müßten wir in der That stutzig werden. Es würde sich empfehlen nnd mir den Grundsätzen strikter Neutralität entsprechen, wenn die Regierung jede Waffen- MimitioiisanSfuhr durch ein Verbot unmöglich machen wollte. Dadurch würde auch verhindert werden, daß eine solche Lieferung über Italien für England vorgenoiumeii würde.(Sehr richtig I rechts.) Redner verliest eine Stelle aus den Vcrhandlungcil im Parlament der anstralischeitKolonie Viktoria über den Boerenkricg, tvorin als Anstifter des Krieges Spekulanteu, Börsianer und Juden genannt lverden und es heißt:„Die Boere» kämpfe» für die Vefreinug aller Völker ans der Tyrannri der Juden." Das sei auch seine Ansicht.(Gelächter.) Redner greift iveiter Cecil Lihodcs an, der hier empfangen worden sei und als Hoftracht die Nankiiigweste eingeführt hätte,(Heiterkeit) verweist auf die Enthüllimgen der„Ind. Beige" über Cbamberlain und dantt im Namen des deutschen Volkes(Gelächter) für iveitere Beziehungen zu England in Geheimverträgen. Der dunkle Delagoavcrtrag müsse gekündigt werden. Von der Gesinnung Englands sind Ivir ausreichend unterrichtet. Die englische Presse giebt ZeiigiiiS davon, indem sie die frechsten Witzeleien über unsern Kaiser und seine Flottenpläne ihren Lesern auftischt. Die Engländer fürchten in uns Konkurrenten auf dem Weltmarkt und in dem Kampfe um die Weltmacht. Bei solcher bedrohlichen Welt- läge, da heißt cS'zurück zur Bitmarckschen Weltpolitik. Ich bin ein Fremder in Israel(Große Hetierkeii), ich verstehe nicht viel von Diplomatie, aber ich kann nur raten, die Fäden, die uns mit Ruß- land verbinden, wieder so fest als möglich zu knüpfen. Rußland lvill kolonisieren, England ivill sich nur bereichern, die Völker mit Opium und Brauntlveül demoralisieren.(Lachen ans allen Seiten des Hauses.) Die Gesinnung Englands gegen uiis steht fest. Deshalb sollen wir uns auf eine Vermehrung dek Flotte einrichten. Ans Ueberraschuligcn müssen tvir uns aber gefaßt machen. Einen, Volke, das räuberische Einfälle i» friedliche Reiche unterilimmt. ist auch zuzutrauen, daß es ciucS schöncn Tages plötzlich unsere Küsten- städte beschießt— hoffentlich nicht mit' Kruppschen Kanonen und Graiiate».(Heiterkeit.) Aber Ivir bralichen uns nicht zu fürchten und lverden den Enaläiidenl schon die Flötentöne beibringen. Vorläufig lverden Ivir hart angestoßen, stoßen aber nicht hart wieder. Wir treiben Syenpöpolitik und diese verdirbt die Flotten- stimm»««. Vom Auslände schreiben uns schon unsre Landsleute. ivir sollten energischer sein, denn sonst müßten sie sich schämen. Deutsche zu sein'. Ich schließe mit dem alten Wort: Was bringt zu Ehren, sich tvchre».(Beifall bei den Antisemiten.) Abg. Graf Lriola(natl.): Ich glaube dem Wliilsche der Mehrheit des hohen HauseS e»t- gegeitzukommeii. ivcnu ich auf die Aelißmmgeil des Vorredners nicht eingehe.(Allseitiges: Sehr richtig!) Ich habe etwas anderes zu be- rühren. Ich gehöre auch zur iiatioiialliberalen Partei und habe auch dem VcrtrailcnSvotiim für den Reichskanzler zugestimmt. Freilich mit einem kleinen Voebchalt, der die Haltung des Reichskanzlers in Uiirtfchaftlichr» Fragen betrifft. Ich stehe dem Bunde der Landwirte nabe und habe in meiner Fraktion das Recht. in wirtschaftlichen Dingen meiner freien Ueber- zenanng zn folge». Ich nenne das Börsengesetz kein schänd- lichcS, sondern ein gutes Gesetz. Ich verlange größeren Schutz für die Laildivirtschnft. In der Erhaltung unseres Bauernstandes sehe ich das Bollwerk gegen die Socialdemokratie. Die Gründe des Herrn v. Kardorff können mich aber nicht bestimmen, dem Herrn Reichs- kanzlcr ein ivlißtranelisvotuiii zu erteilen. Der Kanal und die Beamten- Maßregelungen gehen uns im Rcichstogc und vor allem uns Süddeutsche gar nichts an. Wir haben Vertrauen zum ReichSlanzler. weil tvir wissen, daß eS sich in diesem Allgenblick um eine der größten natio- »alcn Fragen handelt, die Deutschland in den letzten 30 Jahren gehabt hat. ES handelt sich um nichts mehr und nichts weniger als um die Festigung der großen Weltmacktsstellung Deutschlands durch eine starke Flotte. Und einem Reichskanzler, der das unter- nimmt, dem schenke ich als deutscher Mann mein Vertranen.(Leb- hafter Beifall bei den Nationalliberalen.) Hierauf vertagt sich das Haus. Präsident Graf v. Ballestrem teilt de», Hanse mit, daß er in der nächsten Woche daS Unfall- vcrsichcrnngSgcscn zur ersten Beratung und die sogenannte leic Hein« zur zweiten Beratung stellen wolle. Nächste«itzuiig Sonnabend 1 Uhr.(Fortsetzling der heutigen Beratung. Etat des Reichs- Jiistizamts und kleinere Etats in zweiter Lesung.) Schluß b'/e Uhr._ VKrlamvnkttrifchvs. Tie Wahiprilsnngs- Kommission des Reichstags beschloß in ihrer letzten Sitzung am Frcitagvormittag dem Reichstag zu empfehlen. die Wahlen der Abgeordneten Krämer(natl.) 1. Reg.-Bezirl Koblenz. B ö r n e r(natl.) Schwarzburg-Soiidershausen für gültig zu erklären. Gegen die Wahl des neu gefürsteten früheren Grafen zu Inn- und Knyphausenven" das angegebene Thema behandelt werden solle, also die bekannte Frage nach dein Neserenten, zu der sie auf Grund des VercinsgesetzcS ebensowenig ein Siecht hat, wie die sächsischen Behörden. Die sächsischen Behörden sind mit diesem Verlangen mehr als einmal ad absurdum geführt worden, indem man einfach keinen Neserenten aufgestellt, dafür aber in der„Diskussion" genügend lange Reden gehalten hat. Sic haben schließlich dieses untaugliche Mittel aufgegeben. Die anhaltischen Parteigenossen werden, wenn man ihnen ivcitcr diese Schwierigkeiten macht, ihre Polizeibehörden in derselben Weise abführen und die Autorität der Behörden Ivird keinen Vorteil davon haben. In solchem Kampfe bleibt immer der der Sieger, der den meisten Witz und die größte Ausdauer ent- wickelt. Partci-Organisatiou. Aus dem Geschäftsberichte der badischcn Landes-Partei-Orgauisation, der dem am 3. Februar stattfindenden badischen Parteitage vorgelegt werden Ivird, ist zu entnehmen, daß die Organisation gegenwärtig 83 Mitgliedschaften zählt, deren Mitgliederzahlcn nicht festgestellt sind. Sie leisteten an die Kasse des' Landesvorstaudes zusammen 3270 M. an Mitgliederbeiträgcn und 1390 M. für den Preßfonds. Die Gesamteinnahme des Landes- Vorstandes betrug 3743 M. einschließlich 241 M. Bestand und für den Preßfonds 4233 M. einschließlich 2112 M. Bestand. Aus der allgemeinen Parteithätigkeit kann der Landesvorstand außer über die bekannten Wahlerfolge bei den Landtags- und Gemcindewahlcn mangels Berichten der einzelnen Mitgliedschaften nur über die Her- stelluug und über die teilweise Verbreitung von 8000 Land-Agitations- Kalendern berichten. Partciprcssc.„II Laboi-atore", unser italienisches Brudcr- organ in Trieft, wird infolge Aufhebung des Zeitungsstempcls wöchentlich erscheinen. Die uugarländischcn Parteigenosse», die im vorigen Jahre beachtenswerte Erfolge bei den Gemcindewahlcn erzielten, erörtern jetzt die Frage der Schast'nng eines besonderen Gcmeindcwahl- Programms. Wahrscheinlich wird der nächste Partcikongreß darüber beraten. Aus dov Fttmtvulreuu'jgnng. Tie Franensektioiir» des Glasarbeiter- Fachverbandes im Haida- Stcinschönaner Bezirk in Böhmen hielten in Arnsdorf ihre erste Konferenz ab. Es waren 2l Frauen als Delegierte anwesend. Aus den erstatteten Berichten geht hervor, daß bereits 11 Frauensektionen mit zusammen' 4S0 Mitgliedern bestehen. Welche eigenartigen Aufgaben manchmal den Arbeiter- Organisationen zu erfüllen überlassen wird, geht aus der Mitteilung hervor, daß der Verband in vielen Bezirken der Glasindustrie Ruhebänke errichtet hat, um den Glasmacherfraucn, die bei der Ablieferung der Waren an de» Lieferanten oft centnerschwcre Lasten stundenweit über daS Gebirge zu tragen haben, eine Gelegenheit zum Ausruhen zu schaffen, eine Aufgabe, die doch ohne Zweifel weit eher den beteiligten Gemeinden zufiele. Der Zweck der Konferenz war die weitere Ausgestaltung der Organisation und dieser dürfte sicher gefördert werden durch die lebhafte Diskussion und die gefaßten Beschlüsse. Eine stäudige Juspektori» für daö Kostkiuderwcsc» erhält die Stadt Zürich. Im Budget für 1900 sind hierfür bereits 2000 FrS. eingestellt. Bisher war die bezügliche Rontrolle vom Stadtrat und seinen Assistenten i» Verbindung mit einem freiwilligen „Damenkomitce" ausgeübt worden. Die Damen besuchten die Kinder wahrscheinlich nur, wenn sie gerade nichts anderes zu thun hatten und eine Abwechslung wünschten. Nommunerles. Aus der MagistratSsitznng am Freitag. Das Magistrats- kollegium hat ein voni Stadtbanrat Hoffmann entworfenes einfaches Denkmal für in ihrem Berufe zum Opfer gefallene» Feuerwehr- Männer der Berliner Feuerwehr genehmigt. Dasselbe soll aus Veranlassung des S0jährigen Bestehens der Feuerwehr bei der am 1. Februar 1901 stattfindeudcil Feier seinen Platz auf dem Hofe des Feucrwehrgnindstücks in der Lindcnstraße finden. Der Köstenanschlaa ist auf 26000 M. berechnet,' Die vom Stadtbaurat Hoffmam, vorgelegten Projekte des Stadt- Bau-JnfpektorS Wollenhaupt, betr. den Neubau einer Gemeinde« Doppelschule und einer Schule für gewerbliche Zwecke in der Straßmannstraße mit einem Kostenanschläge von zusammen 1073 000 M.ark, einschließlich 90 000 M, zur Beschaffung des erforderlichen Inventars für letztere Anstalt und des Stadtbauinspcktors Hesse, bc- treffend den Neubau einer Gcmeiiidc-Doppelschiile in der Wattstraßc mit einem Kostenanschläge in Höhe vo» 739 ö00 M., hat das Magistrats« kollegium genehmigt. Auf dem Grundstücke deS Friedrich-Wilhel in-Hospitals soll nach Beschluß des MngistratSkollegii ein Sicchenhaus für Ehe- paare, welche sich in bedürftiger Lage befinde», errichtet werden. Die Zahl der aufzunehmenden Ehepaare ist auf 42 berechnet. Die Baukosten sind auf 273 000 M. festgesetzt. Z»r Erbauung do» vier»rncn Kirche» beabsichtigt die Berliner Stadtsynode jetzt geeignete Grundstücke zu erwerben und. zwar für eine zweite Kirche in der St. Andrcas-Parochle, eine zweite Kirche in der Hciland-Parochie, für eine dritte Kirche in der Heilig- Kreuz- und eine zweite Kirche in der ZionS-Parochie. Außerdem soll eine Jntcrimskirche ebenfalls in der St. AndreaS-Parochie er- richtet werden, zu welcher die Stadtsynode das Terrain nur pachten will. Nun hat ja die Stadtvcrordncten-Vcrsammlung Gelegenheit, sich auch durch Thaten der Gnade des Herrn v. Mirbach würdig zu erweisen. Der Ttadtvcrordiicte Kreitling und Genossen haben in der Stadtvcrordnelcn-Versammlung folgenden Antrag eingebracht: Die Stadtvcrordneten-Bcrsnmmlnng ersucht den Magistrat,' ihr eine Vor- läge zu machen, durch welche Mittel bereitgestellt werden, nm Vor- schüsse an die K r a n k e n h ä u s e r für solche Personen gewähren zu können, die, ohne der Armenpflege zu unterstehen, in der Zahlung der Verpflcgnngskosten im Rückstände sind, damit auf diele Weise jenen Personen das Wahlrecht erhalten bleibe. UokAles. Achtung! Vierter Wahlkreis, Ostc». Den Mitgliedern des Wahlvereins zur Nachricht, daß misre Versammlung am Montag, den 22. d. MtS., stattfindet. Genosse Reichstags- Abgeordneter N. Fischer hat daö Referat übernommen. Aufnahmen und Beiträge werden n„r vor und nach dem Vortrage entgegengenommen. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Freie Volksbühne. Eine Ordnersitzung findet heute. , Sonnabend, abend» Uhr im Restaurant von Ladewig, Kommaiidaiitenstr. 6S, statt. Das Erscheinen aller Ordner wird erbeten. Der Vorstand. I. A.: G. W i n k l e r. Gas für Arbelterwohnunae«. Das„Journal für Gas- belenchtimg" fetzt in einem Artikel die Unrichtigkeit der Nachricht auseinander, daß der Einführung der G a S a u t o m a t e n in Berlin in unserem Mimzsystem mit den einander ähnlichen 2-, 10- und 50 Pfennigstücken, sowie in der Unzuverlässigkeit der bis jetzt kon- ftniierten Automaten ein Hindernis entgegenstehe. Schon die weite Aiisbrcitimq der Schokoladen- und Bahnsteig-Alitomaten zeige, daß das Miinzsystcrn sich der Neuerung schon anpasse. Sei doch die Sicherheit bei dem Gasantomaten um so größer, als man ja den Konsmrenten kenne und ihn in Zweifelsföllen haftbar»lachen tönne. Nachdem die Zeitschrift ferner darauf aufmerksam geniach hat, daß von der deutschen Koniinental-Gasgescllschaft bis jetzt tchon Über 8000 Aniomaten installiert sind, meint sie: s „Tie deutschen Werke find präciser gearbeitet als die englischen; der Mißerfolg der Berliner Versuche ist' daher lim so mibegreiflickier. Eine Sache, die sich in England in vielen hlinderttanicnd Aus- führiingen seit Jahren vortrefflich bewährt und in zahlreichen deutschen Städten anstandslos und mit bestem Erfolge ctiigcsührt ist, kann in Berlin nicht mehr als„noch nicht reif" bezeichnet werden!" Unseres Erachtens ist der Verdacht des schlechten Fniiktioniercns weit weniger den Gasaniomaten als der städtischen Verwaltung gegenüber angebracht. Wo alle Zweige dieser Verwaltung eine gc- radczn erschreckende Saftleere zeigen, können da Gasdireftion und Gasdeputation eine Ausnahme bilden? Die Antoinatenfrage ist es ja durchaus nicht allein, die zu erkennen gicbt, daß in der Verwal- tnng eine förmliche Angst vor Nenernngen vorhanden ist, die weiteren Bcvölkernngsschichten zn gute kommen können. Zeigt doch die städtische Verwaltung nicht einmal das Entgegenkommen, das die„Englische" Gasgcscllschaft für an- gebracht hält. Diese stellt die Anlage völlig kostenlos her und vennietet mich Gaskochapparate zu mäßigen Preisen. In Wohnungen, die an daS städtische Gasrohrnetz angeschlossen sind, müssen Arbeiter und kleine Leute hingegen schon um deswillen auf GaSbeiiutzmig verzichten, weil die Rohrlegnng mir bis zum Gasometer frei ist und die weiteren Rohre bis zur Kochmaschine dem Konsumenten meist auf 10 bis 20 M. zu stehen kommen. Solchen Unkosten kann der kleine Mann sich schon darum nicht anssctzen, weil er nicht weiß, ob er die Wohnung übers Jahr noch inne hat und er beim Umzug unter Umständen froh sein muß, wenn er die teuren Rohre alSaltcS Eisen loS wird. Zur EingemcindniigSfragc hat der Vorstand des Vereins Berliner Vororte vom Minister des Innern Frhr». v. N h e i n b a b e n folgenden Bescheid erhalten:„Auf die Eingabe vom 19. November vorigen Jahres erwidere ich dem Vorstand ergebenst, daß einem Projekt, die Gemeinden Charlottenburg mit Westend, Kolonie Grnne- wald, Schmargendorf, Deutsch- Wilmersdorf, Schöneberg, Friedenau. Tcinpclhof, Nixdorf, Britz, Treptow, NinnmelSburg, Stralau, Friedrichsbcrg-Lichtcnbcrg, Wcißcnsee mit Rcn-Wcißensee, Reinicken- dorf, Puiikow, in ihrer Gesamtheit der Stadt Berlin einzuverleiben, keine Folge würde gegeben werden können. Was die Vcr- einigiing benachbarter Borortgemciiidcn miteinander betrifft, so liegt zur' Zeit mir ein Antrag' auf Vereinigung der Landgemeinde Friedenau niit der Stadt Schöneberg vor. der sich noch im Stadium der Vorprüfung befindet. Anträge auf Einführung der Städtc-Ordnnng in ländlichen Vororten sind nicht gestellt. Unter diesen Umständen vernmg ich mir von der nachgesuchten Be- sprechnng. zu der ich, sofern sie ans Grund von Beschlüssen der bc- rnfencn Gemeinde- Organe gewünscht werden sollte, im übrigen gern bereit sein würde, zur Zeit einen Nutzen nicht zu ver- Iprechcn." Pom städtischen Schlachthofe wird schon wieder eine b e- d e n k l i ch e Geschichte gemeldet. Ein Großschlächtermcistcr schlackitcte am Dienstag auf dem städtischen Schlacbthofe ein Rind, das ihm nach der Untersuchung der städtische Flcischbeschancr als vollständig gesund für den Verkauf freigab. Der Großschläckiter verkaufte ein Vordcrvicrtel an einen hiesigen Ladcnschlächtcr weiter und die Bratcnstücke aus dem ganzen Rind an einen Hofschlächtcr- mcistcr. Als er nun aber gestern ein Hintervicrtcl zerlegte, bemerkte er beim Anschneiden zu seinem nicht geringen Schrecken, daß das Rind stark tuberkulös war. WaS er von dem Tiere noch besah, packte er schleimigst auf einen Wagen und brachte es zum Polizei- lichcn Schlachthof zu genauerer Untersilchuna. Auf dem Polizei- Schlachthofe wird alles Vieh, das schon äußerlich krank erscheint oder auf dem Transport verunglückte, geschlachtet und untersucht und je nach dem Befunde freigegeben oder der Koch- und Pökelanstalt oder der Abdeckerei überwiesen. Auf diesem Schlachthofe fand man nun das von dem Grotzschlächtermeister überbrachte Fleisch so stark tuberkulös, daß es nicht einmal mehr geeignet ist, in der K o ch- a n st a I t weiter bearbeitet und dann als minderwertig verkauft zu werden, sondern der Abdeckerei als völlig verwerflich über- wiesen werden muß. Sofort wurden mm die eifrigsten Nach- forschungcn nach dem Verbleib deS schon verkauften Fleisches angestellt. Der Großschlächterincister selbst wußte nicht mehr. wer es erhalten hatte; ein Geselle aber erinnerte sich noch der Abnchnier. Man sandte schleunigst nach beiden Stellen, die Eilboten fanden aber nur noch die Bratenstücke wieder. Diese wurden znrückgenoniincn und ebenfalls nach dem Polizci-Schlachthofe ge- schafft' Das eine Vordcrvicrtel aber war nicht mehr bemitrcibcn; der Ladenschlächtermeistcr hatte eS in cinzcliicn kleinen Teilen an unbekannte Kunden bereits verkauft und diese haben es jetzt wahrscheinlich schon verzehrt. Die städtischen Fleischbeschancr vcr- suchten gestern, das tuberkulöse Fletsch vom Polizei- Schlachthofe zurück zu bekommen, cS gelang ihnen aber nicht, die Heransgabo wurde vielmehr verweigert. Die Angelegenheit erregt in den zu- nächst beteiligten Kreisen großes Aufsehen. Die Untersuchung ist im Gange. Das stückweise ans dem Laden eines HofschlächtcrmetstcrS zurück- geholte Fleisch wurde gestern mittag ans dem Polizci-SPachthofe im Beisein deS Dcpartcmcntö-Ticrarztcs Wolff, des Krcis-TicrarzteS Waßmann und noch zweier Tierärzte in seinen einzelnen Stücken genau untersucht. Es erwies sich als ebenso stark tuberkulös wie die noch nicht verkauften drei Viertel und mußte ebenfalls der Ab- dcckerei überwiesen werden. Departements-Ticrarzt Wolff und KrciS- Tierarzt Waßmann erstatteten über den Vorfall und das Ergebnis der Untersuchung dem Polizeipräsidenten sofort Bericht. lieber die GaSexploston in der Neanderstraße, über die wir fiestcr» unter den letzten Nachrichten berichteten, werden uns noch okgendc Einzelheiten mitgeteilt: Die Häuser in der Umgebung deS EpPlosionSherdeS, und zwar die Nnnmiern 4 bis 7, sowie- auf der gegcimbcrliegcndcn Seite die Nummern 29 bis 35 weisen Spuren deS gewaltigen Luftdruckes ans, der durch die Katastrophe erzeugt wurde. In sämtlichen Etagen, vom Parterre bis zum Dachgeschoß, sind-i/rzöllige Spiegelscheiben ebenso zertrümmert wie die dünnen Fensterscheiben, und die Glaser Ivaren in den Vormittags- stunden vielgesuchte Leute. Am härtesten ist natürlich das ExplosionShans selbst mitgenommen. Hier ist fast kein Fenster heil geblieben, Wände und Decken sind verbogen und haben ihren Putz verloren, eine Trennungswand ist vollstäiidtg eingestürzt. Zum Hergange der Katastrophe ist nachstehendes noch ergänzend mit« zuteilen': Der verunglückte Meyer suchte nm 11 Uhr seine Wohn- und Schlafstube auf, während seine Frau noch im Laden znrückblieb. Die Stube hat doppelte Eingaugsthüren. Als Meyer vom Korridor aus die erste Thür geöffnet und wieder hinter sich geschlossen hatte, machte er Licht und öffnete die Jnnenthiir. In diesem Augenblick erfolgte die Explofton. Meyer wurde gegen die«utzenth'ür geschleudert und diese durch den Lustdruck aus den Angeln gerissen und weit weg gegen die Treppen- wand geworfen. Meyer flog in großem Bogen die Treppe hinab gegen die Wand. Er wurde zwar noch lebend aufgeftmden. ver- chied aber bald darauf. Unmittelbar neben der Meyerschen Stube wohnt die Familie Rosenberg. Rosenberg mit zwei Kindern schlief dicht an der Wand, die durch die Explosion eingedrückt wurde. Ehe sie' aber vollständig.einstürzte, hatte er sich mit den Kindern in Sicherheit gebracht. In dem Konkurse deS Abgeordneten und Lederfabrikanten Adolf Jalobsen zu Schöneberg und Schleswig fand bei dem Amts- gericht I! Berlin heute zur Prüstmg der angemeldeten Forderungen und zur Berichterstattung des Verwalters Schnitze über die Loge der Sache eine Gläubigerversammliing statt. Der Verwalter schätzte die vorrcchtlosen Forderungen auf 1 051 122 M., von denen die durch Pfand gedeckten Forderungen bestritten werden, und nur 571 564 M. verbleiben, auf die bei der Durchsührnng des Verfahrens eine Dividende von 26 Proz. zur Verteilung gelangen dürfte. Gelingt es, Forderungen von 55 000 M. durch Anfechtung noch zu beseitigen, dann dürfte die Dividende 32,6 Proz. betragen. Nachdem die köuigl. Eharitb, die lönigl. Kliniken, sowie sämtliche städtischen Krankcnhänser den Verpflegungssatz auf 2,50 M. pro Tag erhöht haben, hat die„Freie Vereinigung der Inhaber von P r i v a t k I i n i k e n in Berlin" in ihrer im LangenbeckhauS am 17. Januar abgehaltenen Sitzung den einstimmigen Beschluß gefaßt, stets denselben Vcrpstcgniigssatz wie diese Anstalten für Kossen- und Kominunalkranke zn erheben. Die Union. ElektricitätS-Gesellschaft, will auf dcni Grundstück H n t t e n st r. 12/16 eine Verzinn crei errichten. E i n w ä n d e hiergegen wollen die Anwohner deS Grundstücks entweder schriftlich in zwei Exemplare oder zu Protokoll binnen 14 Tagen beim Polizei- Präsidium einreichen. Nähere Erkmidigimgen sind täglich von 9 bis 3 Uhr im Zimmer 339 des Polizeipräsidiums einzuziehen. Ter Maler Prof. Max Lieberman» hatte gestern das Un- glück, in der Leipzigerstraße sich durch einen Fall eine schwere Verletzung deS Fußes' zuzuziehen. Er wurde noch der RettungS- wache Lcipzigcrstraße. Ecke der Monerstraße, gebracht, erhielt dort einen Verband und fuhr dann nach seiner Wohnung, Pariser Platz 7. Zur Lokalliste. Vom Verein der Laternenanzünder wird uns mitgeteilt, daß das Fest i» der gesperrten Tonhalle, Friedrich- straße nicht von den Laternenanzündern, sondern von deren Vor- gesetzten begangen wird. Bei einem Dicbstahlsversnch abgefaßt wurde vor vierzehn Tagen der Dragoner Kuhn von der 1. Sckiwadron des 1. Garde- Drcigoncrreginients. Kuhn diente im zweiten Jahre und wurde als tüchtiger Radfahrer zu Ordoimanzdiensten verwendet. Er schlief niit dem Schwadronsschreiber Schuhmacher ans einer Stube und mußte morgens früher aufstehen als sein Stnbeiigenosse. Eines Morgens wachte Schuhmacher, von dem Kuhn geglaubt hatte, daß er noch fest schliefe, um 5'/e Uhr auf, und sah, daß Kuhn ihm das Portemonnaie ans' der Tasche der Beinkleider ge- nommcn hatte. Ehe noch die Meldung gemacht war, verschwand Kuhn heimlich ans der Kaserne. Abends traf er bei einem Schwager in Rummelsburg ein. Dieser hatte unterdessen von Kameraden Nachricht erhalten und führte den Flüchtigen selbst seinem Truppenteile Ivicder zu. Gestern wurde Kuhn zu vierzehn Tagen strengen nnd zwei Tagen Mittclarrest, sowie zur Bersetznng in die zweite Klasse des Soldatenstandes vcr- urteilt. Das Polizeipräsidium teilt mit: Auf Gmnd der Bekonnt- machung des Herrn Reichskonzlers vom 4. März 1896 über den Betrieb' von Bäckereien und Konditoreien zu! 3a werden vor- läufig hierdurch der 3., 10., 17., 24. und 27. Februar, 10., 17., 24. nnd 31. März. 12. und 23. April, 5. nnd 31. Mai. sowie der 1. Juni dieses Jahres als diejenigen Tage festgesetzt, an denen in Bäckereien und Konditoreien Gehilfen und Lehrlinge über die vorgeschriebene Dauer hinaus beschäftigt werden dürfen. Sprecgold. Einen eigentümlichen Fang machte dieser Tage ein hiesiger Fischer in der Spree. Er zog ein Netz wertvoller Gold- lachen aus dem Wasser. Die polizeilichen Nachforschungen ergaben. daß die Sachen ans einem in Danzig verübten K i r ch e nr a u b e stammten. Dort wurden in der Nacht zum 9. Dezember v. I. in der Altschottländcrkirche zu St. Ignatius fast sämtliche goldene Kirchengerätschaftcn gestohlen. Die Mörderin der Witwe Fielitz aus A l t- B n ch h o r st. die Dienslinngd Bertha Schröter, ist vom Untersuchungsrichter am Land- gericht II gestern, Freitagnachmittag, zur Beobachtung ihres Geistes- zustandcs der Neuen Charit« überwiesen worden. Die angebliche Gigarren-Zlrbritcrin Eckart, welche ihr vierjähriges Kind am 30. Dezember auf so graiienerregendc Weise aussetzte, soll, einer Berichterstatter- Meldung zufolge, gcistes- krank sein. Neber einen Eisenbahn-Nnfall auf Station Westend liegt folgender amtliche Bericht vor: Am 18. d. M.. nachmittags 12 Uhr 9 Minuten, fuhr die Lokomotive des in Westend endenden Stadt- bahnzugeS 1596 bei langsamer Einfahrt in daS Stuinpfgeleise gegen einen vor dem Prellbock aufgestellten Arbeitswagen, der mit Schlacke beladen und mit dem vorschriftsmäßigen Signal einer roten Fahne versehen war. Als Ursache ist anzusehen, daß die L u f t d r« ck- bremse nicht genügende Wirkung auf den Wagenzng ausübte, während die BremSwirkiing auf die Lokomotive allein nicht aus- reichte, um den Zug rechtzeitig zum völligen Stillstand zu bringen. Durch das Nachdrängen der Wagen entstand ein mäßiger Ruck im Zuge,'wovon vier Reisende, welche bereits im Aussteigen be- griffen waren, leichtere Beschädigungen erlitten, und ztvar drei Reisende Kontusionen im Gesicht und ei» Reisender eine Haut- abschürfnug am linken Schienbein. Ein Dachstnhlbrand verursachte gestern früh 7 Ubr die Nlarmierung eines größern Löschanfgebots nach Kreuzbergstr. 30. Dort hat im Quergebände deS zweiten Hofes die elektrische Fabrik von Paul Keßner ihre Fabrik- nnd Lagerräume. Kurz nach 7 Uhr schlugen Flammen durch daS Dach, deren Ablöschung dem Fabrik- personal nicht mehr gelang. Die alarmierte Feuerwehr setzte sofort eine Dampfsprttze und niehrere Hydrantenlettiinacn in Thätigkeit und drang über eine mechanische Leiter zum Brandherde vor. Das Feuer konnte zwar bald zum Siehcn gebracht werden, doch dancrte cS zwei Stunden, bevor die Wehr wieder abrücken konnte.— Donnerstagabend ÖV» Uhr war in der Metalthaiidlung von Markus Israel Söhne, Nene Jakobstr. 6, ein Brand zu beseitigen, der dadurch entsiaiiden war. daß die über einem starken Heizungsrohre lagernden Bretter und Hölzer fich entzündet hatte». In der nächsten Sitzung der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur wird Herr Lehrer I. Tews einen öffentlichen Vortrag halten über das Tdenia:„Die höheren Mädchenschulen tn Ber.tn\V." Derselbe findet am Sonnabend, den 20. Januar, 8V4 Uhr, im Bnrgcrsaal des Rat- Hauses statt. Sl»e eingehende DlSlussion dürste sich anschlieben, da sowohl die städtischen Behörden als auch die Lehrkollegien sämtlicher Mädchen- und BollSschulcn Berlins geladen sind. SlnS den Nachbarorten. RdlerShof. Am Sonntagmorgen 8 Uhr findet vom Schmauser- scheu Lokal, BiSmnrckstraße, ans eine Flugblattverbreitung statt, an der sich die Parteigenossen rege beteiligen wollen. Gleich'- zeitig wird darauf aufmerksam gemacht, daß Montagabend.?>/, Uhr. bei Schmanser eine Volksversammlung stattfindet, in welcher Serr Hildebrandt über die Schulangelegenheiten unsreS rtes referieren wird. Griiiian. Die Sitzungen deS Arbeiter-BildungsvereinS finden von jetzt ab im Restaurant zur«Grünen Ecke". Köpiiickerstraße. statt, worauf wir die Mitglieder aufmerksam machen. Nächste Sitzung: heute. Der Vorstand.' Schöneberg. Im kleinen Saal des Lindciiparks. Hauptstr. 16. findet heute nachmittag von 4—3 Uhr die Wahl der Beisitzer zum Gewerbegericht statt. Genossen, die Zeit haben, zu helfen, wollen sich 3'/z Uhr bei Obst, Grunewaldstr. 110, einfinden. Von der Ar- beiterschaft sind folgende Kandidaten aufgestellt: Zimmerer Wilhelm Schäfer, Zimmerer Karl Harnisch, Metallarbeiter Neinhold Küfer, Metallarbeiter Franz Herrmann, Tischler Max Hirle, Maurer Gustav Dänmig, Maurer Fritz Riechert, Maurer Paul Hoffman», Buch- drucker Hugo Michaelis, Bauarbeiter Hermann Spann. Maler Johannes Grnnwald, Handeis-Hilssarbciter Albert Bittry. Schuhmacher Wilhelm Grunow. Die Wahl ist geheim und erfolgt durch Stiminzcttel. Niedcr-Schönewcidc. Montagabend 3 Uhr spricht Genosse Zu b eil in der Schultheiß-Brauerei über die Bedeutung der Gemeinderatswahlen. Die Einführung einer Biersteuer in Charlottenburg war von dcni Rcgieruiigspräsideiiten zu Potsdam im Interesse des Stadthaushalts in Vorschlag gebracht wordein Der tvtagislrat der Stadt hat den Plan in seiner gestrigen Sitzung einstimmig a b gelehnt. Der Magistrat von Schönebcrg hat beschlossen, den dortigen Stadtbauinspektor Egeling als S t o d t b a u r a t für das Hochbau- Wesen und zugleich damit als besoldetes Magistratsiniiglied auf 12 Jahre anzustellen. Der Stadtverordneten-Vcrsammlmig wird darüber eine Vorlage zugehen. Zteinickcndorf. In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung gab der Vorsitzende bekannt, dah das zur Ausführung der Kanali- lations» und W a s s e r>v e r k s- A n l a g e n erforderliche und ans der»treiS-Sparkasse entnommene Darlehn in Hohe von 800 000 M. aufgebraucht sei und die Notwendigkeit vorliege, für weitere Deckung der Kosten Sorge zu tragen. Eine Umfrage bei größeren Bant- instituten habe bisher zu keinem Resultat geführt. Der Vorsitzende erbol sich, um ein weiteres Darlchn von 500000 M. zu erhalten. als Vermittler mit der Niederbarnimcr Sparkasse in Unterhandlung zu treten.— Die Gemeindevertretung genehmigte 40 000 M. zur Pflasterung der Scharuwcberstraße sowie die Kosten zur Pflaste- ruug der Provinzstrasie. Dabei wurde bemerkt, dag das billigste Augebot für die Provinzstrabeupslasterung um 36 000 M. mit dem Meistgcbot differiere. Ein Ausfall, den der Untcrnehnier jeden- falls wieder aus den Arbeitern herausschlagen mutz. Eine längere Diskussion entspann sich bei den, Punkte„Anstellung von Schulärzte Ii." Der Vorsitzende bemerkte hierzu, datz die Schulkommission die Anstellung von Schulärzten für wünschenswert erachte, zunächst aber empfehle, die Vetsuche mit Schulärzten in gleichartigen Gemeinden abzuwarten. Nach allerhand Nedeusarteu über Pflichten der Eltern ivurdc mit grotzer Majorität beschlossen, von der Anstellung von Schulärzten vorläufig Abstand zu»chme». Der Vorsitzende bemerkte, datz die Regierung an die Gemeinde das Gesuch gerichtet habe, bei Epidemien für geeignete Desinfektion mittels eines geeigneten Desinfektors Sorge zu trage». Die Gc- mcindevertrctuiig bcschlotz noch die Anlegung einer dritten Klasse in der ersten G e m e i n d e s ch u l e und erhärte sich für die durch die elektrische Bahn notwendig gewordene Tergrotzcrung des Schul Hofes sowie gleichzeitig für die Anstellung eines Lehrers in dersrlbei Schule. In Adlcröhof erregt ein bedenkliches Vorkommnis Anflehen Dieter �.age haben Lehrer an den dortigen Gcmcindeschnlen ibr Schüler und Schülerinnen dem Anschein nach systematisch über die Erwerbsverhältnisse der Eltern befragt. In allen Klassen ergingen die Fragen nicht allein»ach Namen, Wohnung und Beruf von Vater und Mntter, sondern die Erkundigungen bezogen sich auch auf die Arbeitsstätte und zum Teil sogar auf den Arbeitsverdienst der Väter. Als ein Einwohner sich nach dem Zweck dieser Recherchen erkundigte, erhielt er die merkwürdige Antwort, datz die Auskunft zur Auf stelluiig der S t e u e r l i st e n gebraucht weide. Ist dies wahr iimtz doch bemerkt werde», datz es in solchem Falle nicht mehr als schicklich ist, ivenn die Behörde durch die dazu angestellten Organe bei den Ellern direkt Erkundigungen einzieht, datz Lehrer und Schul linder in solchen Dingen aber unbehelligt bleiben sollen. Das Postamt in Tegeler Landstraste, Bezirk Berlin, hat von jetzt ab die Bezeichnung Postamt in„R e i n i ck e n d o r f sWestr das Postamt in Rcinickcndorf die Bezeichnung„Reinickendorf" zu führen. Stadtverordneten-Versammlung in Spandau. Nach kurzen 'Debatten ivurde der Kanalisations-Etat auf 188 585 M. und der .Brennmaterialien-Etnt mit 29 550,77 M. in Einnahme und Ausgabe I festgestellt. Bei erstgenanntem Etat ist hervorzuheben, datz nun endlich dieKanalisatioiiSarbeiter vom 1. April ab einen Stnndcnlohii voir 35 Pf. erhalten sollen. Eine längere Debatte eiitspan» sich über die Pflasterung der Strotze» Spandans. Nach dein vom Stadtbanamt vorgelegten Plane soll die gesamte Nciipflasterimg im Jahre 1906 beendet werden und sollen hierbei für die weniger frequentierten Straßen insgesamt 62 343 Quadratmeter , alte Berliner rechteckige Steine zur Verwendung kommen._ Stadtverordneter I e n n e bringt hierbei einen längeren . fachmännischen Artikel über eine neue Pflastcrart, das„Ceiiiciit- Macadani- Pflaster" zur Verlesung; diese Pflnsterart würde der Stadt Spandau nur etwa 8,50 M. pro Quadratinctcr kosten, lind hierbei also erhebliche Ersparnisse gemacht werden können. Berlin, Steglitz und Leipzig hätten mit diesem Pflaster bereits Ver- suche gemacht, er ciiipfichlr die Entsendung einer siebengliedrigcn Koiiimlsstvll nach Leipzig zur Besichtigung des' dortigen Pflasters. Obgleich von anderer Seite, und auch von unseren Genossen empfohlen wurde, zunächst das„Macadam Pflaster" in Berlin und Steglitz in Augenschein zu nehmen, um so die Kosten für die.Reisekommission" zu er- sparen, wurde der Antrag Jeune mit knapper Majorität a n g e n o m m e n. D a g e g e n stimmten insbesondere unsere Partcigcnoücn. Bei dem Punkt„Genchmigniig der Friedhofs- Ordnung" brachte unser Genosse S ch r v e r eine Anzahl Beschwerden über gegemvärtig herrschende Mitzstände zur Sprache, deren Be rcchtigung von dem Herrn Oberbürgermeister bestritten, von den Redner» der Vcrsannnlnng aber anerkannt wurden. ES wurde Zurückverweisung der Vorlage an den Magistrat zur Ab- änderung derselben beschlossen.— In geheimer Sitzung beschlotz die Versammlung' noch, die neben der 3. Geineindeschnle lLutherstratze) liegende Baustelle zu Schulzwecken für den Preis von 25 000 M. anzukaufen. Friedrichshage». Auf der Tagesordnung der am Donnerstag abgehaltenen Gemeiudcvcrtreter-Sitznng stand eine Verfügung des Landrats bezüglich derBesoldung derGemeindebeamten acinätz dem am 1. April in Kraft� tretenden Komniunalbeaniten- Gesetze, die Abänderung der Gehaltsskala und des für die Beamten bestehenden Pensionsstatnts, sowie die definitive Feststellung der Reisekosten und Tagegelder der Gemeindebeamtcn, ferner die An» stelluiig eines besoldeten Gemeindevorstehers.— Ein- stimmig wurde beschlossen, vom 1. April d. I. ab das Grundgehalt der Gemeindcbeamten uni 100 M. zu erhöhen. Nach 21 jähriger Dienstzeit beträgt nunmehr das Höchstgehalt für den Rendanten 3530 M., den ersten Geincindesekretär 3440 M., den zweiten Gemeiiide- sekretär, Polizei- und Standesamtssekretär je 3240 M., der Assistenten 2560 M.. der Kanzlisten 1792 M. Für die Untcrbeamten beträgt nach 15jühriger Dienstzeit das Höchstgehalt der Vollziehungsbeamten 1600 M., der Amtsdiener 1500 M., der Nachtwächter 1200 M. Die Entschädigung der Reisekosten und Tagegelder der Gcnieindebeaintcn erfolgt in der gleichen Weise wie die der unmittelbaren Staatsbeamten. Einstimniig wurde ferner der Beschlutz gcfatzt, ani 1. April einen besoldeten Gemeindevorsteher anznstcllcn. Das Anfaiigsgchalt ivurde auf 4500 M. festgesetzt, das Höchstgehalt beträgt nach lOjähriger Amtsdauer 5100 M. Der Vorsteher brachte der Vertretung zur Kenntnis, datz nach den zwischen ihm und der Regierung ge- pflogenen Verhandlungen die Genehmigung der Errichtung' eines Gymnasiums zum 1. April d. I. in kürzester Zeit in Aus- ficht steht._ Gevichks-ÄettüNg. Der bösartige Haus-Kobold, der so lange Zeit hindurch die Bewohner des Hauses Neue Königstr. 60 in Unruhe und Schrecken versetzt hat, ist nun endlich durch eine Gerichtsverhandlung entlarvt worden, die gestern vor dem Schöffengericht unter dem Vorsitze des Amtsrichters Dr. Ramm stattfand. In der Zeit vom 1. April bis 1. August v. I. spielten sich in dem genannten. Hause sonderbare Vorgange ab. Zunächst wurden vor den Thören der Bewohner Zettel unflätigsten Inhalts gefunden. Dann wurden die Thürllinken und Vorflnre in ekelerregender Weise ver» unreinigt. Ging der Portier des Abends über den Hof, so würde er von unsichtbarer Hand mit Flaschen oder Preßkohlen beworfen. Alle Bemühungen der Bewohner, den Kobold zu ermitteln, waren vergeblich, die Belästignngen dauerten sogar fort, nachdem Schutzlenkc Wache hielten; die letzteren erhielten Spottbriefe. Schließlich ging der unheimliche Thäter zu einem Unfug über, der an Brandstiftung grenzte. Wiederholt wurden vor den Flnrihüren der Bewohner, zumeist vor der im vierten Slockiverk gelegenen Wohnung des Kaufmanns Hofschild, kleine Scheiterhaufen gefunden, dieausHolzstückchen, Papier undPretzkohlen zusammengebaut waren. Der Thäler hatte die Gezeiistände angezündet, der Brand wurde aber jedesmal entdeckt, bevor Schade» angerichtet war. Da erklärte das Dienstmädchen Emma Schi weck, welches bei den Host jchildsche» Eheleuten bedienstet war, ihrer Herrschaft, datz sie die 17jährige Bertha Lemcke, welche in den Diensten des im ersten Stockwerk wohnenden Kanfnianns Mandel stand, zweimal da bei ertappt habe, als dieselbe, sich aus Strümpfen die Treppe hinanfschleichend, die kleinen Scheiterhaufen an- gezündet habe. Die Lemcke wurde in Haft genommen iliid ebenfalls eine alte Waschfrau, die von der Schilveck der Teilnahme verdächtigt worden war. Die Waschfrau wurde bald wieder entlassen, die Lemcke ivurde unter Anklage gestellt. S i e beteuerte ihre Unschuld. Wiederholt mutzten die Verhand- lungen vertagt werden. Zum gestrigen Termine hatte der Ver leidiger einen großen Zeugenapparat aufgeboten, weniger um die Angeklagten zu entlasten, als um darzuthun, datz die Denun- ziantin, die löjahrige Emma Schiweck, die Thäterin sei. Und dies gelang ihin in erdrückender Weise. Es ivurde erwiesen, datz' der Unfug stets vor der Host'schildschen Thür ausgeführt ivurde, wenn die Schiweck allein zu Hause ivar. Die Schiweck wurde am 1. August d. I. ent lassen und von diesem Zeitpunkt an hörte der„Spuk" auf. Der Polizei-Wachtmeister Zenke hatte eine der Prctzkohlcn an sich ge» nommen und war von ihm durch Nachfrage bei dem Lieferanten und den übrigen Beivohnern des Hauses festgestellt ivorden, datz der Kaufmann Hofschild der einzige war, der diese Marke Preß kohlen bezog. Bei einer der vielen Vernehmungen, der die Schilveck unterworfen ivurde, stellte der Beamte ihr eine Falle. Er sprach sein Befremden darüber aus, datz der Schiitzmann Schönfeld der einzige der Rcvierbcamten sei, der noch keine anonyme be- lcidigcnde Karle erhalten habe. Am folgenden Morgen erhielt auch S ch ö n f e I d eine solche. Rechuungsrat Jung begnt achtete, datz die Angeklagte keineswegs die unflätigen Zettel und Karten geschrieben habe, dagegen sei es höchst wahrscheinlich, datz die Schilveck die Schreiberin sei. Staatsanwalt Ochlschläger hielt den Beweis von der Unschuld der Angeklagten für erbracht und beantragte ihre F r e i spr e ch ung, welchen. Antrage sich der Verteidiger Rechtsanwalt Leonhard Friedman» anschloß. Der Gerichtshof ging zn Gunsten der Angeklagten noch über den Antrag hinaus, es wurden sämtliche Kosten der Ver- tcidigung der Staatskasse auferlegt. Nun wird sich demnächst die Schilveck zu verantworten haben. Tic indische VcunS. Bei zcitivcise verschlossenen Thürcn ver- handelte gestern das Schöffengericht vier Stunden lang über die Sittlichkeit oder Uusittlichkeit einiger in dein Verlage von Schuft er und Löffler erschienenen Werke. Der Prozeß, welcher bereits l1/» Jahre schwebt, hat viele Kreise gezogen und selbst dem Justiz- minister Veranlassung gegeben, durch eingehende Prüfung der Akten ihm seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es handelte sich um eine Beleidigungsklage der Inhaber dcs� obigen Verlages gegen die„Gegenwart" auf Grund einer in dieser Ze schrift erschieilenen Kritik. Angeklagt war der Herausgeber der „Gcgeiiivart" Dr. Theophil Zolling, den, als Verteidiger Rcchlsaiiivalt Dr. LubszynSki zur Seite stand, Privatkläger waren die Verleger Schuster u. Löffle' r, vertreten durch Rechts- ainvalt Dr. Hans Hoffmann. Die„Gegeiiwart" hatte in einer Kritik über das Reisewerk von Paul Reiner„Unter fremder Sonne" in scharfen Worten getadelt, datz ein derartiges ernstes Werk unter pikanter Flagge erscheine, indem dasselbe auf dem Titel- blatt eine nackte indische Venns zeige, die in keinem Z u s a m in e n- hange mit dem Inhalt stehe. Der Angeklagte hatte dies als eine „pliunpe Spekulation auf die unsittlichen Instinkte eines gewissen Publikums" und als„dreiste Mystifikation" bezeichnet und ansgesührt, datz diese Spekulation für den Verlag geradezu charakteristisch sei und sich bereits öfter gezeigt habe. Da? Amtsgericht hatte sich bereits früher mil dieser Angelegenheit beschäftigt und gegen den Angeklagten ivegen der gewählte» Ausdrucke auf eine Geldstrafe von 50 M. erkannt, ohne in den aiigebolcr.cn Wahrheitsbeweis einzutreten. Das Ac- rufimgsgericht hob das Urteil wegen mangelnder Begründung auf und verwies die Sache an die erste Instanz zurück. Jnzivischc» hatte die oberste Justizverwaltung Gelegenheit genommen, sich der Angelegenheit zu bemächtigen, ickas die Beschlagnahme einiger im Verlage von Schuster und Löffler erschienenen Bücher zur Folge hatte. Diese Beschlag- nabmc ist später durch Beschluß der Strafkammer aufgehoben und ein Strafverfahren gegen die Verfasser abgelehnt ivorden. Im gestrigen Termine trat Rechtsanwalt Dr. Lubszynski einen umfang- reichen Wahrheitsbeweis dafür an, datz die Ausdrücke von dem An- geklagten mit Recht gebraucht ivorden seien und dieser als Kritiker und Leiter einer angesehenen Faniilienzcitschrift das Recht und die Pflicht gehabt habe. derartig scharfe Waffen zu ge- brauchen. Zum Beweise, daß der Verlag- schon früher das Publikum mystificiert habe, legte der Verteidiger ein vor zwei Jahren dort erschienenes Werk„Die Barrisons" vor. Dieser Hynuius auf die fünf Schwestern weise als Verfasser einen„Bicomte Pierre d'Aubcrque" auf, der nie existiert habe, sondern mit dem in Galizicn lebenden angeblichen Ucbersctzcr Anton L i n d n e r identisch sei. Dies habe nicht gehindert, daß das Werk mit dem Bilde des„Vicomtcs" geziert gcivesen sei und der Uebersetzcr in einem Vorwort eine glühende Lebensschildemiig des in Paris lebenden Autors gab. Die Privatkläger bestritten die Identität nicht, glaubten aber hierin lediglich eine gelungene Mystifikation sehen zu dürfen, ähnlich wie bei den M i r z a- Schafft)-Liedern jahrelang auch der Name des Verfajsers verborgen geblieben sei. Unter Ausschluß der Oeffcntlichkeit wurden dann einzelne Stellen aus Werken, die in dem Verlage der Kläger erschienen waren, verlesen. Es handelt sich dabei ins- besondere um das Dehmeische Werk„Aber die Liebe", sowie um das Buch von Ernst Schur:„Seht, es sind Schmerzen, an denen ivir leiden." Auf Grund der Beiveisaufnnhme gelangte der Gerichts-� Hof zu einem freisprechenden Urteil für den Angeklagten. EÜ hielt den Wahrheitsbeweis im grotzen untz ganzen für gelungen, und billigte, wie ans der Urteilsbegründung hervorging, dem An- geklagten den Schutz des§ 193 zu und erachtele hienrach die Kritik in der„Gegenwart" nicht für beleidigend.— Die Privatkläger werden gegen das Urteil Berufung einlegen. VevsKMmlungen. Die an Holzbearbeitungsmaschinen beschäftigten Arbeiter hielten am 15. d. M. ihre Generalversammlung ab. Vor Beginn der Tagesordnung ehrten die Anwesenden das Andenken des ver- torbeiieil Mitgliedes Hacke in üblicher Weise. In dem Jahresbericht konstatiert der Vorsitzende mit Befriedigung den Fortschritt des Verbandes und die bessere finanzielle Lage. So- dann berichtete Redner über die Arbeiten des Vorstandes, sowie auch den inneren Stand der Bewegung. Die Mitgliederzahl ist bis auf 906 gestiegen. Hoffmann gab den Bericht der Arbeitsnachweis-Kommission. Danach haben 930 Kollegen sich als arbeitslos eintragen lassen, und sind 814 Stellenangebote eingegangen, hiervon konnten 392 besetzt tverden. Nach dem Bericht der Rechtschutz-Kommission gab der Kassierer die Abrechnung vom 4. Quartal. Danach bclänft sich die Gesamteinnahme inkl. eines Kassenbestandes vom vorigen Quartal in Höhe von 1885,95 M. auf 4720,05 M., der eine Ausgabe von 1230,90 M. gegenübersteht. Sonstr verblieb am Schlüsse der Ab- rechnung ein Bestand von 3489.15 M. Die Neuwahlen des Vor- tandes sowie sämtlicher Kommissionen hatten folgendes Resultat: Sauerzapf. 1., Leutner. 2. Borsitzender; Koch. 1.. Jnhre. 2. Kassierer; Brännig, 1., Krause, 2. Schriftführer. Als Revisoren fungiere»: Eteinbörn, Biriholz, Röske._._ Für den Inseratenteil verantwortlich: Ib. Glocke in Berlin. Nach der Wahl der Kommissionen wurde der Streik bei der Firma C. R. Meyer, Küstrinerplatz 9, besprochen. Die Lage ist im- verändert. Die Firma sucht durch allerhand Manipulationen die Arbeiter für sich zu gewinnen, jedoch ist das Verhalten der im Ans- staüd befindlichen Arbeiter ein musterhastes. Bedauert wurde, das; die Mitglieder Erkert. Piingel. Radach und Markow in Arbeit bei der Firma geblieben sind In der darauf folgenden Diskussion ivurde» von fast allen Rednern die Verhältnisse der Firma einer herben Kritik unterzogen. Die nächste Milglieder-Verjammlung findet am 12. Februar im„Englischen Garten" statt. Der Verband der in der Knrschncrbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen hielt am 15. d. M. seine Mitgliederversammlung ab. Genosse Link referierte über: Die Socialgcsetz- gebung und der Unternchmerverband der Industriellen Deutschlands. Der hierauf verlesene Kassenbericht vom dritte» Quartal crgiebt eine Einnahme von 81,95 M.. der eine Ausgabe von 61,38 M. gegenüberstand. Das Gesamtvermögen des Verbandes beträgt 1064,89 M. Die nächste Mitgliederversammlung findet am 12. Februar bei Feind, Weinstr. 11. statt. Tie Berliner Korbmachcr-Zwaugsiniiuiig beschloß in ihrer Versammlung anr 15. d. M.. den Arbeitsnachivcis in ihren Händen zu behalten' und Herrn Scheele. Dcssauerstratze, mit der Arbeits- Vermittlung zu betrauen. Der Gehilfenausschuß hatte den Antrag gestellt, den Arbeitsnachweis dem Holzarbeiter-Verband zu ü:-r- weise», da dort ein ständiges Bureau, im Centrum der Stadt ge- legen, den ganzen Tag geöffnet. Telephonverbindung und anders Bequemlichkeiten für Gehilfen foivie Meister vorhanden wären. All' diese Vorteile konnten jedoch den Jnnungsfanatikern nicht einleuchten, ja der Antrag sollte nicht mal zur Abstimmung gelangen, erst durch ganz energische» Hinweis auf das Statut bequemte sich der Vorsitzende zur Abstimmung, wobei 11 Meister für den Antrag der Gesellen stimmten. Ter letzte Punkt der Tagesordnung„Verichiedencs" brachte eine wohlvorbereitcte Maßregelung der Gehilfenschaft, indem der Herr Obermeister erklärte, datz zn diesem Punkt der Gehilfenausschutz nicht mehr zun, Wort gelange. Ten Gehilfen ist es natürlich bei keinem Punkt der Tagesordnung möglich. Wünsche oder Anträge vorzubringen. wenn nicht unter„Verschiedenes". Das leuchtete auch verschiedenen Meistern ein und diese protestierten auch gqnz energisch gegen eine derartige Matzregel, aber die eingefleischten Jnnungshelden schrien mit Aufwendung ihrer ganzen Lnngenkraft dagegen und dadurch ivurde es unmöglich, ein Wort zu verstehen, so datz der Vorsitzende die Versammlung wegen zn großem Tumult schloß. Zldlcrshof. Am Sonntag, den 14. Januar, fand hier im Lokal von Schmauser eine öffentliche Volksversammlung statt, in der Ge- nosse Z u b e i l über die Vor- und Nachteile des neuen Invaliden» gcsetzcs referierte. Nach dem mit Beifall aufgenomnicnen Vortrag wurde eine Diskussion nicht beliebt. Unter Berschiedenem wurde das Verhalten der hiesigen Lehrerschaft gerügt, indem dieselben in dringender Weise die Kinder ausgefragt haben, wo und bei wem der Vater arbeitet, wie hoch fein Jähresverdrenst ist. Nach reger Diskussion über diesen Punkt wurpe folgende Resolution angenommen: Die Gemeindcvertrcter der dritten Abteilung werden hiermit auf- gefordert, in der nächsten Geineindevertreter-Sitziiiig den Antrag zu stellen, daß der Gemeindcvorstand von den Auskünften der Kinder in den Schulen keinerlei Gebrauch macht, sondern datz das Material unbedingt vernichtet wird. Hnmmiistiiche Gemeinde. Mohrciistrabe 47, im oberen Saal des Brandenburger Hauses. Sonntag, den 21. Januar, vormittags 10'/, Uhr beginnt Herr Dr. Rudolf Penzrg einen Cyklus von elf Vorträgen „HnmaniSmlts und Katechismus" mit dem Vortrags-Cyklns I„Gottesfurcht und Allliebe".— Damen und Herren haben als Gäste freien Zutritt. Freireligiöse Gemcindc. Sonntag, den 21. Januar, vorm. B/, Uhr» im oberen Saal d-S„Englisrbcn«arten s". Alexanderslrahe 27o, Versammlnng. Freireligiöse Vorlesung. Um 10l/4 Uhr vorm. ebendaselbst Vortrag des Herrn E. Vogtherr„Das Problem der Armut". Gäste, Damen und Herren, sehr willkommeu. Montag, den 22. d. M., abends 81/« Uhr, pünktlich ebendaselbst:..Beschließende Versammlung". Deutsche Gesell, chast für ethische Kultur. Abteilung Berlin. Sonnabend, den 20. Januar, abends 8'/« Uhr im Bürgersaal des städtischen Rathauses: MonatSversammliing. Vortrag deS Herrn Lehrers I. T e w s: „Die ftädtischcil höheren Mädchenschulen tn Berlin W." Diskussion. Gäste stets willtommen. �.,__ Allgem. Kranken- und Stcrbekasse der Metallarbeiter.(E. H. 29 Hamburg.) Sitzungen haben heute, abends 8�/, Uhr: Filiale Bertin 3 bei Bergencr, Reichenbergcrstr. 157.— Filiale Berlin 4 bei Fritz Wille, Andreas- strche 26. Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Bortrag des Kollegen Karl Gutheit. 3. Verschiedenes.— Filiale Berlin 5 bei Koplin, Lothringerstr. 68. Filiale Charlottcnburg im Restaurant Leder, Bismarckstr. 74. Tages- ordnung: 1. Bortrag des Herrn Dr. Bloch. 2. Abrechnung Mtd Jahres- beriäit.— Filiale Rirdors bei Prestler, Zictbenftr. 69. (ecntralvereiu der im Zldrrficnwese» und verwandten Branchen Beschäftigte». Sonnabend, abends 8 Uhr, bei Kernchen, Wallstr. 57: Bersammluiig._ VeviniMkes- Kein Tag ohne Grubcmmfälle k In der der„Kattowrtzer Aktiengefellschast für Bergbau- und Eisenhüttenbetrieb" gehörigen „Myslowitz-Grube" wurden, wie das„Oberschlesische Tageblatt" meldet, Freitagnachmittag mehrere Bergleute verschüttetz vierMannsindtodt. Ju Krakau ist Dr. K o st a n e ck i. Assistent an döm bakterio. logischen Institut des Professors Bujwid, gestern unter Pest- Erscheinungen gestorben. Heute mittag fand die Obduktion der Leiche statt, wobei Ober-Sa»itälsrat Wcichselbauin aus Wien anwesend war. Ein Tunnel verschiittet. Ans Budapest wird gemeldet: Der Eingang des zur Zeit im Umbau befindlichen Tunnels bei Pretzburg' ist durch einen Bergsturz, der durch die rasche Schnee« schmelze veranlaßt war, verschüttet worden. Zur Beseitigung deS Hindernisses sind alle Matzregeln getroffen worden. Der Personen- verkehr wird durch Umsteigen aufrechterhalten, der Güterverkehr ist eingestellt._ Marktpreise von Berlin am R8. Januar 1900 nach EnuiUwnge» des lgl. Polizeipräsidünits. der Eentralsteste der Preith. Land, -)Weize» D.-Ctr. 14,90 13.90 stRoggen„ 14,30 13,50 Futtcr-Gerfle. 13,50 13,— Haser gut, 15,20 14,40 „ mittel. 14,30 13,60 gering, 13,50 12.80 Richtstroh. 4,- 3,66 Heu. 7,— 4,00 PErbsc». 40,- 25.- lÖSpeisebohiie», 45,— 25,— t)Si„ici,, 70,- 30.- Kaitosseiii,»eil«„ 7,— 5,— Ruidslcisch, Keule 1 hg 1,60 1,20 do. Bauch> 1,20 1,— *) Eimillelt pro Tonne von HU wirtschaftslammer— Notierungsstelle— und»mgercchnet vom Polizei» prSsidium für dm Doppelcentner. t) Nlein Handelspreise. Produkten markt vom 19. Januar. DaS wiederholt erlvShute bedeutende Jiilandsangebot von Getreide dauerte heute fort. Heute war namentlich Weizen stark offeriert, während in den letzte» Tagen Roggen» offerten dominierten. Der hierdurch hcrvorgcnifene Prelsdnick veranlahte RealisieriiiigSlust, welche durch das anhaltend milde Wetter und die dadurch bedingte Aussicht aus Wiedereröffnung der Wasserst, aßen verschärft wurde. Weizen und Roggen waren je 0,50 M. billiger angeboten; die Umsätze beschränkten sich aus einige Abschlüsse in inländischem Weizen. Haier lag ruhig. preiShalteud; Rüböl aus Gewiimverläuse»ach gestriger Preissteigerung 0,20 M. weichend. Am SpirituSmarkt wurde 70er loco mit 47 M.(— 0,l0 M.) gehandelt. Kartofselfabrikate Feuchte Karloffelstärke 10,40 M. Ia reine Kartoffelstärke disponibel lind Februar 19.75 M, April-Mai 20,25 M. Absall ende Prima-Qualitäten Starte und Mehl 17,75—18,75 M. per 100 Kilo- gramm. Wetter-Prognose für Sonnabend, den 30. Januar 1900. Zunächst ziemlich heiter und kälter bei mäßigen südöstlichen Windm', nachher wieder zunehmende Bewällung ohne erhebliche Niederschläge. B e r> i irr 1 W c,, e> 5 a> e a u. Verantwortlicher Redacteur: Paul Iohu w Berlüi. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. ilr. 16. 17. IahkMg. 2. Krilyc ks Jotiitts" fittliiift MMR Sstttillbeud, 20. Iaituar 1000. Munpk«nt* AVissvnfltznfk. Musik. Wieder ist ein Musiker dahiiisieschicdcn, der seit langem sozusagen cm unentbcksrlichcr Bestaudicil des Berliner und selbst auch ciuc-Z weiteren Musiklebens war, nachdem vor kurzem ein eben- solcher Mann, Heinrich Ehrlich, sein Leben beschlossen hatte. Am Donnerstag, den 18. d. Vi., ging durch unsere Musikwelt die Kunde, hast Professor Ludwig B u sz l e r gestorben ist. Er stand erst im V2. Lebensjahr, war aber bereits seit längerem so leidend, dast seine sonst an Inhalt reiche Thätigkcit schwer gehindert war. Eine Reihe angefangener Arbeiten, deren Fortgang immer wieder durch die Krankheit unterbrochen wurde, vermehrte seine Sehnsucht, noch weiter zu leben und zu schassen. Nun nmsste er sie unvollendet liegen lassen. Bnstler war einer der bedeutendsten praktischen Vertreter von dein, was man mit einen» etivas miszvcrstäiidlichcn Ausdruck die musikalische Theorie neimt, also des Inbegriffs dessen, waS an Kenntnissen, Regeln und Weisungen zun» musikalischen Schaffen dargeboten werde»» kann,»nid was der Grammatik, Stilistik und Rhetorik auf sprachlichen», der Bankonstrnktionslchre auf baukünstlerischem Gebiet »md dcrgl.»nehr entspricht. Nicht daß Bnstler bisher sein Gebiet durch bedentsnine theoretische Forschungen erweitert hätte. Aber die Art und Weise, wie er es für die praktischen Zwecke des Musikers bchandebtc,. war.das,. was sein hauptsächliches Lebenswerk und Lebensverdienst ausmachte. Besonders seine„Musikalische Elementar- lehre"(7. Auflage 1897) und seine„Praktische Harmonielehre" s4. Auflage 1899) sind nun ei» Menscheiialter laiig für viele Schnlcrgcnerationen weit verbreitete und beliebte Lehr- büchcr geivcscn und können»och immer als hervorragend zwcckinästige Gcbrauchstverle— auch für den Selbst- Unterricht— empfohlen werden, sofern der Lernende nicht die eigen- artige Bchnudlnngsweise vorzieht, die NienrannS entsprechende Bücher auszeichnet. In der„Harmonielehre", die ein„möglichst getreues Abbild dcS persönlichen Unterrichts" geben ivill,„gewissermafcen eine Lehre in Vorbild und Ncbnng",»narkiert Dnstlcr seinen Standpunkt folgcnderniasten:„Unbeirrt durch die flüchtigen Erfolge oberflächlickicr Routine und fern von dem sich breit machenden miisikälischei» Cliquen- und Claqucn-Unwescn soll sich der junge Musiker einer strengen Disciplin unterwerfen, welche ihn befähigt, sich seiner Stellung in der fortschreitenden Eiilwicklmig der Kunst bewußt zu werden." Wenn einst, was ja heute noch ganz fehlt, eine Geschichte des Unterrichts in der Musiktheorie gc- schrieben wird, so dürfte BnßlcrS Verdienst, nainentlich gegen- über den lange hindurch vorherrschenden, ziemlich abstrakt gehaltenen Lehrbüchern von Richter, vor allen» in das geschickte Hin- arbeiten auf die unn»ittelbare Aiiivendung, anf den„Klang" statt auf das„Papier", gesetzt werden. Insbesondere ivird bei ihm der Harmoniesebiilcr von vornherein zu d e m angehallen, was be» anderen meist sehr spät kommt und was doch für die heutige Musik- praxis zuvörderst benötigt wird: auf die Harmoniesiernng von Melodien. die als oberste Stimme gegeben sind(Ausgehen vom Sopran statt vom Baß). Im Gegensatz zu all diesen spccifisch praltischcn Leistmigei» scheinen die' den» Kranke» entschtvnndencn Arbeitszicle auch Theo- retisches cnlhalicn zu haben. Wenigstens dürfte eine„theoretische Harmonielehre" zu jcincn nächste» Sorgen gehört haben. Mit Ehrlich, dem Klaviervirtnoscn. Klavienneistcr, Klavier- schriflslellcr. Mnsikästhetikcr und Politiker, mit EhrlichS inhaltsreichem Kiinstlerlebcn. init seinen» langen Auskosten eines lange aus- gereisten Daseins und»uit Ehrlichs so geschmeidiger ivie spitzer Persönlichkeit ist Bnßler iveitans nicht z>l vergleichen. Der.stille Mann mit den» sl,inpnthisch-nnsy„ipalhlschen Acnßern, der jahrzchntc- lang nicht viel andres an sich verändert haben dürfte als den Platz seiner Musiklehrthiitigkeit in Berlin und der dann noch als Musik- refcrcnt der„Raiional-Zeitiiug" den Konzertsrenndcn eine vertraute Erscheinung ivar, bietet den» Biographen vermutlich keine besonderen Anregungen dar. Allein in einer Zeit, in der jedes tiefere Verdienst um die Musikpädagogik einer nachdrücklichen Aufzcichnnng und An- erkcnnung»vürdig ist, muß das Andenken an einen Mann>»>ie Bnßler um so sorgsamer bewahrt bleiben.— sz. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Stcdaktion dein Pnbliknm gegenüber keinerlei Beraiiliiiortnng._ CJjmU'r. Sonnabend, 20. Januar. Opernhaus. Ratbold. König Drossel- bart. Ansang 7»A Uhr. Tchanspielhans. Das Bärenfell. Anfang 7»/- Uhr. Deutsches. DcrProbelandidat. A»»- fang?>/, Ilbr. Lessinn. Lord Ouex. Anfang 7'/- Uhr. Berliner. Faust.(1. Teil.) An- fang 7 Uhr. Schiller. Freudvoll und leidvoll. Ansang 8 Uhr. Neues. Unser einziges Kind. Au- sang 7Vj Uhr. Westen. Schneeweihckien und Posen- rot. Martha. Anfang 7»/z Uhr. Thalia. Im Himmelhos. Anfang 7-/- Uhr. Residenz. Die Dame von Maxim. Anfang 7»/, Uhr. Litise». Kean. Anfang 8 Uhr. Central. Die kleine Excellenz. Ans. 7'/. Nhr. Carl Weih. Lcnore. Ans. 8 Uhr. Bictoria. Die Venus von der Markt- Halle. Ansang 8 Uhr. Friedrich- Wilhel,»städtisches. Der Bocrenkrieg in Transvaal. Ansang 8 Uhr. Belle- Alliance. Gastspiel des Schlierseer Bauen»- Theaters. Der Herrgottschnitzer v. Ammer- gau. Ansang 8 Uhr. Metropol. Specialitätenvorstellung. Die verkehrte Welt. Anfang 8 Uhr. Apollo. Specialitäten- Vorstellung. Im Reiche deS Jndra. Anfang 7'/, Uhr. Reichshalleu. Steltiner Sänger. Anfang 8 Uhr. Palast. Leute vo» heute. Speciali- täteii-Borstellung. Auf. 8 Uhr. Passage< Panvptttnm. Speciali- tätcn-BorsleNinig. llrania. Jnvalidenstr. 5»7/«S. Täglich abends von b— 10 Uhr: Stcnnvarte. Tanbenstrafse 48/49, Abends 8 Uhr: Transvaal. Vorher: Der dunkle Erdteil. Im Hörsaal: Pros. C. Müller: Was die Straße dem Wissen bietet._ SWer-ThM (Wallner-Theatert. Sonnabend, abends 8 Uhr: einek lekckv»!!. Sonntag, na» mittags 3 Uhr: Romeo und Julia. AbendS 8 Uhr: In Behandlung:. Montag, abends 8 Uhr: Frendvoll und leidvoll. Ertitrkil M lzrntrv Direktion: 1o»S?sesncrx. Zum 1. Make: vis lilsm vkce»si>k. Operette in drei Akten von Richard Hellberger. Ansang V,8 Uhr. Morgen Sonntag, nachmittag 3 Uhr, zu halben Preisen mit neuer Ausstattung: Der Bettolstudent. Komische Operette in 3 Akten»on Karl Millöcker. Abends Vß Uhr: Die kleine Excellenz;. CarlWeiss-ThBatei' Gr. Franksurterslrasie 13«. Abends 8 Uhr. Zum ersleumale: leenore, llie lZi'adesbi'aut. 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Verschiedenes. sW' Die Aersainmluilg wird pünktlich erönnct Während des Vortrages werden Beiträge und Ausi nahmen nicht cntgegengcnounnen, dieses nuib vorher geschehen. Um zahlreiches Erscheine» ersucht _ Der Vorstand. Rixdorf. Unser,» Genosse»(1S856 F. Faselte zum 39. Wiegenfeste ei» dreimal donnerndes Hoch, dah die ganze Potödaiuerstraße wackelt. Ferdinand, jetzt rede aber» Ton. Deine Gaste. 8oeii>I» Augusta- Hospital, Scharnhorilstralje, nach dem St. Elisabeth- Airchbos, Prinzen- Ällce, statt. Um zahlreiche Beteiligung ersticht Der"Vorstami. Alle» Kollegen uui» Bekannten die traurige Nachricht, dast mein lieber Mann, der Putzer, spätere Gastwirt Äildekw l-erielce Goruianlistraste 8/9 am 17. d. Mts. nach schwerem Leiden verstorben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 21. Januar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- baste des Sophien- Kirchhofs, Frcienwalderstrahe, aus statt DicS zeigen betrübt an schg8 Die trauernden Hinterbliebenen. Danksagung;. Für die zahlreiche Bcteltigung und Kranzspenden bei dem Begräbnis unseres lieben SolmeS, Bruders, Schwagers und Onrclö, deS Maurers Dtto WollF. sagen wir allen seine» Kollegen, sowie de» Mitgliedern der Berliner Tnruerschasl und dem Sängerchor derselben unseren herz- lichsteu Dank. 1882b Berlin, den 19. Januar 1900 Dio Angeliörigcn. Verband der in Buchbindereien, der Plipier- und Leder- Gfilailteriewaren-Jlldustrie beschilft. Arbeiter und Arbeiterittnen Dcntschlailds. Zakilstclle Berlin. DicnStast, den SS. Januar, abends bW, Uhr. In Fcnerstclns oberem Saal, Alte Jakobstrasse 75: Tages-Ordnung: 1 Geschäfts- und Kassenbericht. 2. Neuwahl der gesamicn Ortsverwal- tung 3 Wahl der Revisoren und der Biblioibcks-Komnliision 4. Autrag der Ortsverwaltiiug bezüglich eiucö Abkonniiens mit der„Jrcien Hilfskasse". 5. Vcrdaiidsaiigelegenhciten und Verschiedenes. Wir, ersuchen dringend alle Mitglieder, vollzählig und viinktlich in dieser Versammlnng zu erscheinen. Mitglicdsduch legiliniiert. 23/6 Die Drtsverrvaltnng. Die Zahlstelle von Muhl, Kotlbuserdamm 40, ist nach der Restauration von Dukn in Siixdorf. Wistniannstrasto lv. verlegt worden. Billets a 7» Pf. zur Treptower Sternwarte sind wieder in unserem Bureau zu habe». Keiltrill-Kraiikeil- n. Tterbe- klljse iicr Tischler u. anderer gewerblicher Arbeiter. Ortsvcrwaltuiig Berlin A. Momitag, d. 22. Jan., abends 8 Uhr MMel'-Vechmlilllg bei Holl, Adalbertstr. 21. Tagesordnung: 1. Abr-chnung vom IV. Quartal 1899, 2. Acrsch. Kaffenangclegeuhciten. Um zahlr.». vünktl. Erich, ersucht 191,'3j Tie Ortsverivaltung. Am Sonntag, d. 28. Januar er., vormittags 10 Uhr: General-Vtrsittmlnng der Kranken-«. Sterbekassc aller gewerbliche« Arbeiter Schönebergs u. Berlins (Eingeschr. Hilfsrasse Nr. sllüj 132) im Lokale u. Obst, Griincwaldstr 110. Tagesordnung: 1. Jährl. Kassenbericht. 2. Bericht b. Borslandes. 3. Neuwahl d. Gesamt- Vorstandes. 4. Verschiedene Kassen- Augelegenheitc». 26ö/3 Pm'.ttlichcs Erscheinen ist unbedingt notwendig. Ter Vorstand. Freiinden n»d Bekannten zeige hier- mir ergcbeust an, dag ich Wrtrzeuer- strafte 4 ein 187öb Wtisj- li. Bayrischbitr-Lofl!! übemomnien habe»nd bitte um ge- neigten Zulpruai. IVItwo Anna pze. Oeutscli, Metallarbeiter-Verband. Verwaltnngsstelle Berlin. Sonntag, den 21. Januar» vormittags 10 Mir, tu Loniö Kcllcrö Festsälen» Kopprnftrastc Nr. 2'J: 03voßc Devtcnuntlung. Tageö-Ordnung: I. Die Mihstäude in den Mittel- und Grostbctrieben der Metallindustrie deS Ostens. Rescrent Kollege �Viesentbal. 2. Die Einwirkung dieser Miszstände auf den Organisitiils des Arbeiters. Referent Dr. Friede- berg. 3 Diskussion. 1 10/S Zu dieser Versammlnng ist der Gewerbe-Jnsveltor eingeladen. ___ Die Ortsvertvaltnng. Verein der Maschinisten, Heizer u. ßerufsgen. Berlins und Ilnigegeml. Sonntag»achmittags 5 Uhr, i» Gohlis Festsälc», Benthstr. Lv: Ordentliche General-Uersammlung. Tagesordnung: Reebcinchaflsbcricht Kassenberichte. Bericht des Bibliothekars und der Revisoren. Anträge. Wahl der ausscheidenden Vorstandsmitglieder und zweier Dcicgicrlen zum Bcrbandswge Nürnberg. Es wird pünktlich ö Uhr in die Tagesordnung eingelrete». 138/2 Der Vorstand. Montag, den LS. Janiiar. abends 8'/; Nhr. im aroften Saale der „Vereins-Brauerei, Hermannstrafte L14— LI!): Gs. ir TageS-Ordnung: 1 Vortrag deS Genossen Iklassatseb über:»Nnternebmer-Terroris- mus". 2. Diskussion. 3. Ter Ausstand der Möbclpolicrer bei der Firma Imboren«, Kucsedech'trafte 107—108. Reserent Kollege Weber. 4. Verschiedenes. 202 b Ilm zahlreichen Besuch sämtlicher Gewerkschaften wird geb-ten; ganz besonders eingeladen sind die Tischler, Maschinen- und Hilssarbcitcr, sowie Möbelpolierer. Das GewerkschaftSkartell RixdorfS. Verband der Möbelpolierer. Heute abend in sämtlicbsn 7abizteUen: Entgcgeuiiahme von Beiträgen und Kontrollkarte».- Tie Versammlnng sür Südost fällt aiiS. 145/6 Die Kollegen werden ersucht, am Montag, den LS., abends 8 Uhr. ",bet Oeffentlichen Versammlung in Blxdorf. Hermannstrafte(Vereinsbranerei), zu erichelnen Tie veneralversantinlniig findet nicht am 29., sondern Sonntag, cksn 28., vorm. lO vbr, in Kellers grotzem Saal, Koppenstr 29, statt Der Vorstand. VertaRd der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen Oeutsebiands. (Zahlstelle Berlin.) Sonntag, den LI. Jniumr er., nachm. 5 Uhr. im..Kolberger Salon", Kolbergerstr. k!(oberer Saal): General- Versammlung. T a g e s- O r d n Ii n g: 1. Bericht der Ortsverwaltiiug und der Revisoren. 2. Ersatzwahl zur Ortsverwaltung. 3. Verbandsangclegeuhciten. Es ist Psticht aller Kollegen, pünktlich zu erscheine». Nach der Versammlung: Gemütliches Beisammensein und Tauz. 18741i]_ Die Ucvolluiüciitigtcn. Aüchmg! Gr.öffentl.VortragffifWiM fite Velinen und Merven im„Nene» Naturhcil- Verein" Charlottenburg- Berlin (Borsitzende TU. Kube) im„KUsIiner Hof--. Berlin N., Köstinerstr. 8. am Sonntag, de» LI. Januar cr.. nachm.&l/3 Uhr, spricht Frl. AU. Uiknidv, Natttrheilknndige über: Mtlliziiilsdje Tiititieil u. Expeniiiküte il» ltbeilbeil Meiischeil in tafcnljänici'H iniD iicr Privst?rgxls. _ M" Es werden v e r p t u s ch t e Kranke vorgestellt.-VE Nach dem Vortrage:«einntllebes Beisammensein mit Tanz. Fremidc und Gönner sind fremtdlichst eingeladen. Ter Bornalid. Aiimclduilgcn sür den'Verein bei der Geschätrsstelle Charlotten bürg, Berliuerstr. ILS. 3 Treppen. 11873b Jitlieiitllr-Aiislielkltilf. Um Nitt den enorm groften Lägern unserer VerkaufSHSnser zu räumen, haben wir uns entschlossen, in unserer Filiale einen Inventur- Ausverkauf zu ballen und geben wir daselbst auf siuntliebe Schuhwaren, welche alle mit auSgestempelten festen Preisen versehen find, 20 Proz. Rabatt. 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