I Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 110. Donnerstag, den 9. Juni. 1910 48] Die Hrcna. lZiaSdrul! vervoten.) Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. - Diese Saeta bedeutete nicht weniger als den ersten Schuß kn einem Kampfe, der den Ausbruch von endlosen Explosionen einleitet. Noch war sie nicht verklungen, und schon Hub eine andere an und noch eine andere, hier und dort, wie wenn der Platz ein Riesenbauer verrückter Vögel gewesen wäre, die nur der Anregung eines ihresgleichen bedurft hätten, um auf ein- mal in wüster Unordnung ihre Stimmen zu erheben. Die tiefen und heiseren Stimmen der Männer vereinigten ihren Baßton mit den trillernden Läufen der Weiberstimmen. Alle sangen, die Augen unverwandt auf das Bild gerichtet, als ob jeder allein davor stünde. Vergessen war die Anwesenheit der anderen, und taub für die fremden Stimmen rang sich jeder durch die verwickelte Tonleiter seiner Strophe hindurch, ohne sich von den durcheinander tollenden Dissonanzen der fremden Saetas beirren zu lassen. Unbeweglich hörten die Nazarener zu, auf Jesus schauend, der diesen Singsang entgegennahm, unter der Last des Kreuzes und dem stechenden Schmerz der Dornen, bis der Leiter der Schar mit einem silbernen Stecken gegen das Vorderteil der Plattform schlug. „Hochl"... Nach einigen Schwankungen erhob sich der „Herr der großen Macht" in die Höhe, und wie Fühlhörner begannen sich die Füße der unsichtbaren Träger über den Boden hin zu bewegen. Hinter diesem Bilde kam die heilige Jungfrau,„Unsere Herrin vom größten Schmerz," denn alle Pfarren stellten zwei Gruppen, die eine zu Ehren des Sohnes Gottes und die andere zu Ehren seiner heiligen Mutter. Unter einem Thron- Himmel von Samt zitterte die goldene Krone der„Herrin vom größten Schmerz", umgeben von zahllosen Lichtern. Die »schleppe des weiten Mantels wallte, mehrere Meter lang, hinter dem Bilde herab, aufgebauscht durch eine Art Krinoline aus Weidengeflecht, und zeigte die Pracht der Stickereien, in der sich die Geschicklichkeit und die Geduld einer ganzen Generation erschöpft hatten. Die Kapuzenmänner mit ihren flackernden Kerzen be- gleiteten die heilige Jungfrau. Zitternd glitt der Reflex der Lichter über den königlichen Mantel, der überallhin lebhaften gleißenden Schein verbreitete. Trommler schlugen den Wirbel, und seinem Takt folgte eine Schar Weiber, deren Körper in Dunkelheit gehüllt war, während die Gesichter unter dem Schein der brennenden Kerzen hochrote Tönungen zeigten. Es waren alte Weiber mit der Mantille, junge Dirnen mit weißen Gewändern, die ihnen einst als Sterbekleider dienen sollten, Frauen, die sich mühsam vorwärts schleppten mit ihren wie infolge geheimer und kläglicher Vergehungen geschwollenen Leibern— alles ein großer Zug von siecher Menschheit, dem Tod entronnen durch die Gnade des Herrn Jesus und seiner heiligen Mutter, die sich nun hinter ihren Bildern schleppte in Erfüllung eines Gelübdes der Dankbarkeit. Nachdem die heilige Bruderschaft die Straßen langsam unter häufigem, von Gesängen begleitetem Aufenthalt durch- zogen, betrat sie die Kathedrale, deren Türen die ganze Nacht geöffnet blieben. Der lichtllbergossene Zug- drang in die gigantischen Schiffe des wegen seiner ungemeinen Größe beinahe unheimlichen Tempels und zog die enormen Pfeiler, die mit karmesinrotem, goldgestreiftem Samt beschlagen waren, aus dem Dunkel hervor, ohne jedoch die dichte, unter den Gewölben brütende Finsternis zu verscheuchen. Die Nazarener nahmen sich in der rötlichen Helle des Kerzenscheins wie stachelige schwarze Infekten aus, die dicht am Boden wimmelten,»vährend oben in der Höhe die Nacht zäh ihr Reich behauptete. Sie schritten von neuem aus dem Dunkel der Kathedrale hinaus in die Straßen, und die Sonne stieg schließlich empor und überraschte die Prozession, verlöschte das Licht der Kerzen und spiegelte sich funkelnd im Gold der heiligen Gewänder. Gallardo war ein begeisterter Verehrer des Herrn der großen Macht und des. imposanten Schweigens seiner Bruder» schaft. Ein wahrhaft solider Verein! Bei den anderen Gruppen war es leicht möglich zu lachen über den Mangel an Andacht und über die Liederlichkeit der Brüder, aber über seine Bruderschaft unterstand sich keiner zu spotten. Er fühlte einen Schauer der Rührung, wenn er das Bild des Heilands betrachtete,„die erste Skulptur der Welt," und den majestäti� schen Aufzug der Bruderschaft. Außerdem zählte diese nur vornehme Leute zu ihren Mitgliedern. Trotz alledem hatte sich der Torero entschlossen, in diesem Jahre seine alte Bruderschaft zu verlassen und in jene der Macarena einzutreten, die in der Prozession die wundertätige Heilige Jungfrau der Hoffnung geleitete. Die Sennora Ängustias freute sich ungemein, als sie seinen Entschluß ver-. nahm. Er schuldete dies wirklich der Heiligen Jungfrau, die ihn bei der letzten Corrida so wundertätig gerettet hatte. „Halt zu den Deinen, mein Junge. Gut und schön, daß Du mit den feinen Leuten verkehrst, aber denke auch daran, daß die Armen Dich sonst immer lieb gehabt und jetzt ange- fangen hatten, gegen Dich zu munkeln, weil sie glauben, daß Du sie gering schätzest." Das wußte Gallardo nur zu gut. Der lärmende Pöbel, der im Stierzirkus die dachloscn Sonnenplätze einnahm, begann einen gewissen Groll gegen ihn zu äußern, weil er sich von ihm vernachlässigt glaubte. Man kritisierte seinen Um- gang mit den reichen Leuten, und daß er sich von denen, die früher seine größten Enthusiasten gewesen, fernhielt. Um diese wachsende Erbitterung zu beschwichtigen, griff Gallardo mit der skrupellosen knechtischen Unterwürfigkeit derer, die vom öffentlichen Beifall leben müssen, zu allen Mitteln, dem Pöbel zu schmeicheln. Er hatte die einflußreichsten Mitglieder der Macarener-Bruderschaft besucht, um ihnen mitzuteilen, daß er in ihrer Prozession gehen wolle. Dem Volke sollte das verschwiegen werden. Er tue es lediglich als frommer Christ und wünsche nicht, damit Staat zu machen. Einige Tage später jedoch sprach die ganze Nachbarschaft mit Stolz von dieser Neuigkeit. Da solle man einmal sehen. wie schön die Mutter Gottes de la Macarena dieses Jahr auf- treten werde! Man verschmähte die Reichen der„Großen Macht" mit ihrer wohlgeordneten, faden Prozession, und mau hatte bloß Interesse für deren Rivalen auf der anderen Seite des Flusses, die ungebundenen Burschen von Triana, die so stolz waren auf ihre„Heilige Jungfrau zum Schutz und Schirm" und ihren„Christus des frommen Sterbens". Es wird sich der Mühe verlohnen, die Macarena zu sehen— so hieß es im ganzen Viertel, wo der Entschluß des Toreros leb- hast kommentiert wurde.— Die Sennora Ängustias wird den Paso(Statuengruppe) mit Blumen schmücken, fünf-. hundert Pesetas mindestens wird sie daran wenden. Und Juanillo wird der Jungfrau alle seine Schmucksachen an». hängen: ein ganzes Vermögen! Und so war es: Gallardo las seine und seiner Frau Juwelen zusammen, die Macarena zu schmücken. An den Ohren sollte die Muttergottes Ohrringe Carmens tragen, die er einst für sie in Madrid von dem Ertrage mehrerer Stier- gefechte gekauft hatte: um die Brust eine doppelte goldene Kette von ihm selbst, und auf ihr, wie Perlen angereiht, alle seine Ringe und die großen Brillantknöpfe, die er am Vor« Hemd trug, wenn er für den Kampf kostümiert war. „Ei, wie hübsch ausstaffiert wird unsere braune Jungfrau sich sehen lassen!" sagten die Gevatterinnen der Nachbarschaft unter bewundernden Ausrufen.„Juan bezahlt alle Kosten. Halb Sevilla wird vor Neid bersten." Wenn Gallardo darum befragt wurde, so lächelte er be» scheiden. Er hatte bekanntlich stets cine große Verehrung für die Macarena gehegt. Sie war die Mutter Gottes des Viertels, wo er geboren war, und außerdem hatte sein seliger Vater in keinem Jahr versäumt, in dieser Prozession die Rolle eines„Bewaffneten" zu übernehmen. Es war eine Ehre, die der Familie zukam, und wenn es ihm gestattet wäre, würde er selbst den Helm aufsetzen und die Lanze ergreifen, um als römisck)er Legionär mitzugehen, wie vor ihm so viele Gallardos, die schon längst die Erde deckte. Ihm schmeichelte diese fromme Popularität: er wünschte, daß der ganze Stadtteil seine Beteiligung an der Prozession erfahre, aber gleichzeitig fürchtete er. daß die Nachricht sich zu sehr nach dem Mittelpunkt der Stadt verbreite. Er glaubt« an Mc Heilige Jungfrau, und in seinem stammen Egoismus ließ er es sich angelegen sein, gut mit ihr zu stehen, im Hin- blick auf zukünftige Gefahren; aber er dachte mit Unbehagen an die Scherze und Spöttereien semer Freunde, die sich in den Kaffeehäusern und Klubs der Sierpesstraße vereinigten. „Sie werden mich furchtbar aufziehen, wenn sie von der Sache Wind bekommen," so sagte er sich.„Man muß mit jedermami zu leben wissen." Am Abend von Gründonnerstag ging er mit seiner Frau in den Dom, um dem Miserere beizuwohnen. Der Tempel mit seinen unsinnig hohen gotischen Bogen war ohne andere Beleuchtung, als die. welche einige rötlich brennende, an den Pfeilern steckende Kerzen kärglich spendeten, gerade genug, damit man nicht im Dunkeln zu tappen brauchte. In der Höhe des Chores leuchtete aus der Dunkelheit ein rotes Sternbild, die Lichter für die Musik und die Sänger. Das Miserere von Esclava entsandte seine heiteren italienischen Melodien in diese beklemmende, aus Schatten und Geheimnis gewobene Atmosphäre. Es war ein andalusisches Miserere. tändelnd und graziös, wie der Flügelschlag eines Paradies- Vogels, mit Romanzen, die wie Liebesserenaden anmuteten, und mit Chören, die Rundgesängen lustiger Zecher glichen; es war der Ausdruck des Wonnegefühls, in einem so süßm Land zu leben, das den Tod vergessen macht und über die düsteren Momente der Passionsgeschichte hinweghuscht... lgortsetzung. lNaqdru« pcrvote».! 6] öäl*«!# Die Geschichte einer Liebe. Von Johan Skjoldborg.— Berechtigte Uebersetzung auS dem Dänischen von Laura Heidt. : 3. Sara und Boel stehen im Brauhause und scheuern Milcheimer. Es geht ihnen von der Hand, als sei es ein Spiel. Die großen Eimer kreisen in ihren Händen so leicht, als flögen sie von selber. Und die Muskeln spielen in den nackten Armen, die unter der Arbeit ewig Platz und Stellung in der Luft wechseln. Boels Arme sind die dickeren und trockneren, die älteren; die Ellenbogen haben eine verhärtete Haut. Saras Arme dagegen sind weich und rundlich, mit einer dunklen Falte im Gelenk, wenn sie sich beugt. Und dann ist die Haut leuchtendweiß und zart. Aber gleich flink brauchen die beiden ihre Hände, und das Rasseln der Eimer auf der Steindiele schallt durch den großen Raum. Dazwischen wird hin und wieder ein Wort gesprochen. „Glaubst Du denn wirklich, daß Du mir einreden kannst,"— Boel schwingt den Eimer, dessen blanke Rundung im Licht funkelt —„Du habest noch nie eine Mannsperson geküßt?" „Es ist wahr!" Sara nickt energisch. „Ba— hl" Boel dehnt den Laut aufs äußerste, und ihr schallendes Gelächter vermischt sich mit dem Geräusch der Blech- eimer. Sara läßt die Arme sinken; an den runden Ellenbogen bilden sich kleine Grübchen. Sie richtet den Blick groß und voll aus Boel und sagt:„Ja, beim Himmel, eS ist so!" „Dann ist es wahrhaftig Zeit, daß Du es probierst, meine Beste!" Boel lacht abermals; ihr Mund ist unglaublich groß und heißhungrig. Wiederum bewegen sich die nackten Arme und wechseln ständig Platz und Stellung in der Luft. Der Wiesenhofbauer schleicht auf seinen Pantoffeln durch daS Brauhaus. Er steht still und richtet in liebevollem Ton ein paar freundliche Worte an die Mädchen. Seine Augen werden ganz klein. loenn er Sara betrcchtet, die über die nasse Steindiele trippelt; ihre Fußgelenke sind geschmeidig und fest gebaut. Nachdem er sich entfernt hat, bemerkt Boel:„Du kannst glauben, den Alten juckt der Gaumen, hä, hä, hä!" Aber Sara bückt sich schweigend; sie fühlt sich unangenehm be- rührt durch solche Andeutungen. Während sie so dasteht in ihrem strammen, um die Hüften schließenden baumwollenen Kleide kommt Sören vorbei, der Groß- knecht, und versetzt ihr in aller Geschwindigkeit einen Schlag hinten drauf. „Raa," sagt Boel, und Sören trifft ein vernichtender Strahl ihrer schwarzen Augen,„willst Du Dich schicken!" Und während sie den Eimer schwingt, daß der eiserne Boden- reifen surrt, wendet sie sich an Sara: „Du bist wohl nicht so unschuldig, wie Du mich glauben machen willst: auf alle Fälle verstehst Du es gut. Dich einzuschmeicheln und lecker zu machen!" „Wie kannst Du nur so etwas sagen. Boel!" antwortet Sara vorwurfsvoll, indem sie mit dem Handrücken den dunkelroten Haar- Wust aus der Stirn streicht. �„Oh— Du verstehst gut genug zu schmeicheln; aber ich rate Dir nur.'uj Seien in Ruh; Du hast mit ihm doch noch keine Kinder— wenigstens bis jetzt nicht!" „Ach!" Sara ist ganz ärgerlich und macht eine Bewegung, als schüttle sie etwas ab. „Ja, ja, meine Gute, Deine Zeft kommt auch noch! Die Mannsleute sind übrigens ein Pack, alle miteinander; aber man kann sie ja trotz alledem nicht in Ruhe lassen!" Gleich darauf stößt Boel einige gurgelnde Töne hervor; eS soll wahrscheinlich irgendeine Melodie vorstellen. In dem Raum, in dem sich täglich die Leute aufhalten und der wie eine behagliche Bauernstube eingerichtet ist, wird zu Mittag gegessen. Man ißt gut auf dem Wiesenhofe. Wei den anderen Mahlzeiten wird Niels, dem Bauern, dieser oder jener gute Bissen ins Schlafzimmer hineingebracht, aber die Mittags- mahlzeit wird, wie es der Brauch ist, mit den Leuten gemeinschast- lich eingenommen. Sie sitzen alle vergnügt vor der dampfenden Kohlsuppe mit warmem Speck und Schafsfleisch und lassen sich das gute Essen wohl schmecken. Die Bäuerin ist draußen, und Boel läßt ihr Mund- werk lausen. „Ja, Ihr habts schlimm, Ihr armen Mannsleute! Nun könnt Ihr ins Bett kriechen mit einem vollen Bauch und ein paar Stun- den schnarchen, während wir Frauenzimmer Eure schmutzigen Teller reinmachen können." Die Knechte sehen sich an und lachen. Da ist keiner, der eS fo recht mit ihr aufzunehmen wagt; aber zuhören mögen sie ihr gerne, wenn sie, so wie jetzt, in Stimmung ist. „Ja, Du bist ein klein wackres Mädel, Boel!" lacht Sören, der Großknecht, um sie zu reizen. „Das haben schon viele gesagt; denn Ihr seid alle einander gleich. Wo Du Dich wohl gestern abend aufgehalten hast, bester Söven; mir scheint. Du siehst so mitgenommen aus heute!" „Ha, ha, ha!" lacht der Wiesenhofbauer und nagt an einem Knochen. Aber Anders, der Sohn, blickt zu Sara hinüber, die so merk-> würdig fremd dasitzt und auf ihren Teller starrt. „Hör mal. Kleine,"— sie wendet sich an Sara—„möchtest Du mir ein Stück Brot reichen!" Sie beißt mit ihren scharfen Zähnen eine dicke Rinde durch. „Du kannst famos beißen, Boel," bewerft Anders. „Ja, ich habe nicht solch Kauwerkzeug wie Du. Ich brauch Gott sei Dank mein Essen nicht in mich reinzulutschen." In solcher Tonart geht es weiter. Der Großknecht sucht sich ein besonderes Stück Schafsfleisch aus. „Du willst wohl Lammfleisch haben, mein Freund? Das wollt Ihr alle, Ihr sauberen Burschen!" Sie rülpst laut.„Und unser Alter da am Tischende ist auch kein Kostverächter!" „Du führst eine etwas freie Rede, Boel!" „Das kommt daher, Wiesenhofbauer, daß ich ein gutes Ge- wissen habe." Boel rülpst abermals, daß es im ganzen Zimmer zu hören ist.„Ich weiß nicht, wie es D i r damit geht!" Der Wiesenhofbauer lacht und wischt sich das Fett aus den Mundwinkeln. Man hört die Frau kommen. „Nun wird man den Schnabel halten müssen. Und dann setzt Euch mal ordentlich hin, Kinder, denn nun kommt Mutter!"— „Nicht wahr, mein Lämmchen?" fügt sie hinzu und streichelt Sara liebkosend die Wange. Aber Sara stößt sie fort. Die Bäuerin Maren setzt sich hoch und breit, und eS wird stille im Lager. Die Männer schielen allesamt hinüber nach Sara. Sie können die Augen nicht von ihr wenden; denn sie fitzt gerade im Licht so ftifch und jung. Das ausgeschnittene baumwollene Kleid umschließt dicht ihre festen Schultern. Ihre Zähne schimmern hinter der kurzen Oberlippe. Sie hat die zarte Haut der Sommersprossigen; das rötliche Haar liegt in goldigem Glanz auf ihrer Stirn. Und wenn sie ihre großen blauen Augen mit dem Ausdruck der er- staunten Unschuld aufschlägt, die zum ersten Male in die Welk hinausblickt— dann fühlt sich alles zu ihr hingezogen. Sie merkt es nun selber. Halb verschämt antwortet sie der Bäuerin auf eine Frage, und ihre Stimme klingt wie ein silbernes Glöckchen neben der rauhen, geborstenen Stimme Boels. Als sie vom Essen aufstehen, betrachtet Anders sie mit heißen, begehrlichen Blicken. Und Sara geht in ihre Kammer hinein, um einen Augenblick allein zu sein. Sie öffnet das Fenster, damit der kühlende Wind hinein» dringen kann, und steht ans Fensterbrett gelehnt da, als ob sie träume. Wie erwachend fährt sie zusammen, springt zurück, macht sich vor dem Spiegel zurecht und begibt sich eilig an die Arbeit. Am Nachmittag kommen ein paar junge Freunde aus der Fa- milie des Wiesenhofbauern. Sara entdeckt, daß Anders draußen im Hofe steht und sich mit dem einen jungen Mädchen unterhält. Wenn sie sich ganz hinauslehnt aus dem Fenster des Brauhauses, kann sie sie sehen. Das Mädchen ist fein gekleidet; sie steht mit über der Brust gefalteten Händen und wiegt sich in den Hüften, und dann und wann beugt sie sich vornüber und schlägt einen Bogen mit der Zehenspitze. jSara sieht es ihrem Rücken an, daß sie lacht. Anders spricht, und Sara weiß, was er sagt, weiß auch, wie weich die Worte diesem Munde entströmen können., .(Fortsetzung folgt.)) J�euc ßelletriftlft Der stolze Lum penkram. Roman von Annemarie V. Nathusius. Verlag Otto Janke, Berlin. Konfrontiert man diesen Anklage- und Bekenntnisroman der jungen Annemarie v. RathusiuS mit den erbaulichen Schriften ihrer Großmutter, der Familienschriftstellerin NathufinS, die frömmelnd unsere Vorfahren labte, so könnte man die Enkelin beinahe eine Revolutionärin nennen. Schon daß die Enkelin ihrem Buch einen Nietzsche-Zarathustraspruch als Motto voransetzt, würde dem piettsttschen Herzen der alten Dame einen Stich geben, im Grabe aber würde sie sich umdrehen, könnte sie noch lesen, wie der junge Sproß ihre? adeligen StanimeZ fich hier mit muttger Offenheit gegen das Junkertum auflehnt und die Ritter ohne Furcht doch reich an Tadel, jene zeitlebens sorglosen Standesherrchen, die im Jagen, Reiten, Praffen völliges Genügen finden, in der ganzen Oede ihres Schmarotzerdaseins zeigt. Die Verfafierin— man darf sie wohl mit der Heldin ihres Roman» identifizieren— ist am eigenen Schicksal der Hohlheit, der Berlotterung. der Brutalität dieses repräsentativen Junkertums inne geworden, und in einer herzlosen, wüsten Ehe mit einem solchen uniformierten Helden find ihr die Augen und die Gedanken aufgegangen. .Nicht woher ihr kommt, mache fürderhin eure Ehre, sondern wohin ihr geht", setzt Marie v. RathusiuS an den Anfang ihres Romans. Die Aristokratin sieht in den Vorrechten der Geburt, in der privilegierten StandeSehre und dem daraus entspringenden, nach außen glänzenden Leben nichts als stolzen Lumpenkram. Sie denkt darüber nach,.wohin sie gehen", diese aufgeblasenen«userwählten. Haben sie ein Ziel, es sei denn: m Wohlleben zu protzen; haben sie Ideale, diese Genüßlinge? SS könnte ein großer Umsturz über unS kommen, sagte die Tochter de» Junkertums, wie erbärmlich, wie hilflos würdet ihr Aristokraien, eurer Privilegien, Schemherrichast und Titel beraubt, dann am Boden liegen l Im übertünchten Elend ihrer Familie, die ihr gewiffenloS spekulierender Bater an den Ruin brachte, in ihrer nur durch Sinnenreiz zusammengekitteten Ehe wird es ihr offenbar, daß hinter dem täuschenden Schein und den großen Gebärden der Standesherrschaften nur Ohn- macht und Stumpfsinn verborgen find. Ihr Geist aber sehnt fich nach reinem Menschentum. Diese Sehnsucht gibt ihr die Kraft, sich aus dem herabziehenden Sumpfe der junkerlichen Titelmenschen zu retten, hinüber in jenes fteie, von Traditionen losgelöste Leben der Nur«Menschen, das eine Aufgabe und einen Sinn kennt. Sie löst die Ehe mit dem Manne, mit dem fie nur Geschlechtstaumel verband, und lernt das höchste und beseligendste: Arbeiten. In ihrem Absagebrief rekapituliert fie leidenschaftlich ihre Entdeckungen, die ihr den Ekel vor der aristokrattschen Sippe beibrachten und fie die Neberwindung des.stolzen LumpenkranrS" lehrten. In diesem Schlußbriefe erhebt fich die Verfafierin zu innerster Klarheit, und eine scheue Glut des Herzens gibt der Sprache ihren Impuls. Nicht durchweg beherrscht fie m den vorangehenden Kapiteln ihren Stoff; die Gepflogenheit der Frauen, zuviel Dinge auf einmal, und somit keines richttg zu Ende zu denken, bringt auch hier in Reflexion, Form und Stil eine Lockerung des Themas, und die GesellschaftSpsychologie wird zuweilen stark von rein weiblichen Empfindungen beeinflußt. Sieht man tiefer, so will es scheinen, als ob die Verfafierin stärker als Weib denn als sozial Fühlende enttäuscht worden wäre. Eine etwas romantische Sexualität läßt sie ihren DurchschuittSmann, der als Beweisfigur für die Unterwerttg- keit der Junker hingestellt ist, ewig mißverstehen. Phantastisch spukt im Kopf der Autorin eine Vorstellung vou ritterlicher Erotik, die sich meines Erachtens mit der herkömmlichen Natürlichkeit auf Kriegsfuß stellt. So bleibt zwischen dem Dutzendmann mit der begehrlichen Männlichkeit und dem hypersenfittven Weibe eine stete Spannung. Aus dieser Spannung keimt hauptsächlich die Revolution der Autorin; dieses Gefühl wird man nicht los. Erst am Schluß werden die Romanelemente, die vorher immer mitspuken, abgestteift, und die Verfafierin ringt fich zur Konzenttation durch. Das Buch ist um so imeressanter, als Marie v. Rathnfius eigentlich ihre innerste Verliebtheit in daS feudale Leben nicht verbergen kann, sich instinktiv gegen.Wichsstiebel und Röllchen" aufbäumt— daS Halali ist ihr die Fanfare der LcbenSfteude— und dennoch die tiefere Er- kenntnis in ihrem Herzen siegt. � Leon FrapiS: Die F i g u r a n t i n. Richard Sattlers Verlag, Leipzig. Die Geschichte des Dienstmädchens oder vielmehr die Tragik des Dieiistbotenschicksals in einem.sozialen Roman zu gestalten, hat schon Klara Viebig in ihrem Zweibänder.Das tägliche Brot" versucht. Auch die Goncourts haben in Germinie Lacerteux die Dienstmädchenpsyche der Bettacktung für wert gehalten, wenn- gleich es weder ihnen noch der Viebig gelang, in ihrer episoden- reichen Schilderung tendenziös gefärbter Einzelfälle das Problem Herrschaft und Gesinde in seiner ganzen tieferen Bedeutung aufzurollen. Auch Frapie faßt seine Aufgabe noch zu romanhast; ein bißchen Kolportagegeist hat sich in seine Ausführungen ein- geschlichen. Der Autor stellt in seinen sozialen und kulturellen Streiflichtern die Komik der Dinge zu absichtlich in den Vorder- grund, bei aller Ironie ist das ÜnterhaltungsbedürfniS der Menge zu sehr berücksichtigt, so daß sein Buch ernstlich aufzurütteln wohl kaum vermag. Mehr als die Nöte der Dienstboten spiegeln sich bei Frapiü die Herrschaften, und daS ist vielleicht nicht weniger wichtig für eine Umkehr im Barbarentum der Arbeitgeber. Suletle ist das Mädcher vom Lande, das in den Sumpf de» Großstadt gerät,»ort den Gemeinheiten kleiner galliger Bürgers- leute, später den Verführungen großer Herrensöhne ausgesetzt ist, in die Hände von Kt pplerinncn gerät, natürlich eine Schwangersthaft mit dem dazu gehörigen Martyrium unehelicher Mutterschaft auf- gebürdet bekommt, nach und nach moralischen Bankerott macht und endlich selbst Glückszerstörerin wird, indem sie mit gleichgültigem Gewiflen und der Lust an Rache für die Unbill, die ihr das Leben zufügte, deu begehrlichen Lüsten erotischer Dienstherren gefügig wird. Man nmß zwischen den Zeilen zu lese,» verstehen, um den Weckruf auch dieses Buches zu verstehen. Manch' eine Dame wird vielleicht ein wenig nachdenklicher werden, findet sie hier ihre Mitschuldigen wirklichkeitsgetreu geschildert, denen fie gleicht wie ein Ei dem anderen. Ohne Hygiene, ohne Wohlwollen, ohne Freistatt der Ge- danken findet sie das Dienstmädchen zur Sklavin erniedrigt. Darf fie fich wundern, daß das Mädchen lieber auf die Straße geht und die sprichwörtliche Dienstbotennor heraufbeschwört? Wer ist dafür verantwortlich zu machen? Züchten sich die.feinen" Herrschaften nicht selbst ihre Feinde? Ist es eine sauberere Sache, wenn ein Dienstmädchen allen Schmutz der Herrschast auftäumen, ihren Staub einatmen und hinunterschlucken nruß und dafür nur eu cauailla behandelt wird? Schlimmer jedoch noch als die großen Sklaven- Halter find die kleinen. Die armseligen Krämerseelen, die Bourgeois mit kärglicher Pension oder knappem Verdienst, die es den feinen Herrschaften nachmachen wollen und zur Wahrung des Dekorums das Dienstmädchen als Figur antin brauchen. Hier hat solch ein verlaustes Geschöpf die Hölle; alle Niedrigkeit der Gesinnung übt fich an dem armen Opfer verschämter oder richtiger unverschämter Bettelwirtschaft. DaS Kapittl, in dem Frapiü eine verhungert« brutal« Familie dieser Art zeichnet, ist wohl das verdienstvollste d«S Büches; er hat fie gut beobachtet, die Herzensroheit, den erbarm- lichen Geiz, die drapierte Schäbigkeit, und er geißelt mit ironische» Treffficherheit die Ucberhebung deö standesgemäßen ProletentumS über das machtlose Proletariat, das für Lumpenlohn ausgebeutet und schikaniert wird. Der abenteuerliche Lebenslauf seiner Sulette ist als Geschichte an fich nicht allzu feffelnd, doch was der Autor von ftanzöfischen Verhältnissen erzählt, daS gilt auch für deutsch». In der fünften Etage des Gesindes, in der alle Leidenschaften zusammenfloffen. dem großen Ventil angesammelten Grolls, wie bei uns die Gemüsekeller und Milchläden, werden kämpferische und resignierte Gefühle ausgelöst. Dem weiblichen Dienstboten fehlt der Schutz der gewerblichen Arbeiter. Wird Frapiös Buch einen Schritt weiter führen im Kampf um die Organisation der Dienst- mädchen? Sepp Schluiferer: Fern von Europa, München, Verlag Lothar Joachim. Da wir bei den Büchern der Geißelhiebe und Weckrufe find, muß auch dieses vortreffliche Büchlein ge- nannt werden, das das schöne Land Tirol ungeschminkt zeigt und darob einen neuen Tirol« Aufstand verursachte. Ludwig Thoma und Josef Ruederer haben in diesem famosen Kulturschildcrer Sepp Schluiferer, hinter dem fich ein Kufsteiner Lehrer verbirgt, der der Steinigung durch das biedere Gebirgsvolk nahe war, einen starken Kollegen bekommen.— Das Paradies der.Schpäckchkchnedl" nennt der getreue Schilderer„Tarrol", und ebenso hart wie dies« Ramenswandlung find die Erfahrungen, die der Berfaficr in.Jnnsch- brnckch" und anderen schönen Flecken in»finsteren Breiten" gemacht hat. Völkische Eigenart wird hier mit einer geradezu genialen Be- obachtungs- und Darstellungsgabe analysiert. Auf Desregger- Bildern, in Ganghofer-Geschichteu, welch ein ftommeS, treuheriges Geschlecht lächelt, sensterlt und jodelt da heiter im glauvenS- seligen Tirolerlandel Der satirische Griffel Sepp SchluifererS aber zeigt das naive Geschlecht der ungewaschenen Deandl« und der Sommerfrischlergeier und-Gauner, den Schwindel der Bauernthealer, den Kretinismus der k. k. Beamten in der Hauptstadt Jnnschbruckch, die Moral im Schnee und auf Laubhaufen, die Schädeltypen der ehrengeachteten Männer, das wetternde Mucker« tum der Schwarzröcke, den engen Bund zwischen Bigotterie und Verbrechen, namentlich bei unehelichen Geburten, und allerlei In- ttmeS von Eharalter, Sitten und Gebräuchen des gottcsfürchtigen Bergvolkes mit einer Kraft der Offenheit und soviel ethischer Ironie, daß sie den erbarmungslosen Entlarver bäuerlicher Biederkeit Seit« an Seite mit unseren souveränsten Satirikern stellt. Kulturellen Wert besitzt namentlich das Kapitel ,D' Juda san do l", in dem die wirtschaftliche Indolenz und Verlotterung der Taroller glänzend be« leuchtet wird. Besondere Beachtung verdient auch die nachdenklich« Studie über tirolerische Borniertheit:.Der Sozi". Kein Wunder, daß eS dem Verfasser erging wie einst Klara Viebig im beleidigten Eiffelgebiet; auch die Referenten und Zeitungen, die Sepp Schluiferer lobten, wurden vom sittlich entrüsteten Tirol bedroht. Möchten doch recht viele blinde Tirolschwärmer von Schluiferers Wahrheiten und Offenbarungen profitieren, wenn diese Erkenntnis auch den Profit des Landes Tarrol schmälert. «natole France: ThaiS. München. Pieper u. Co. ES ist immer ein Genuß, in den oiitikisierenden Büchern von Anatole France heidni'chen und modernen Geist in künstlerischer Feinheit ver- schmolzen zu sehen. Das in alten Folianten eingeschlossene Leben blüht auf in einem von Grazie und Ironie vergoldeten Stil, und in einer erstaunlichen Beweglichkeit der Gedanken mischt sich Ar- chaistisches mit dem Fühlen der Gegenwart. Die ewig gleich- HdBenben Instinkte der Menschheit werden bestrahlt von des Autors weltreifem Witz� Er zeigt, gleicherweise erfüllt von Skepsis und Epikuräertmn, wie eng beieinander die Gedanken wohnen, doch hart im Räume sich die Dinge stoßen. DaS stärkste dieser Erde ist der Wahn. Ein Opfer dieser stärksten Gewalt wurde Paphnucius, der heilige Mönch auS dem alten Alexandrien. Er will die Freuden» fpenderin Thais zu Gott bekehren und erliegt selbst dem Zauber der Buhlerin. Diese aber, deS schwelgenden Lotterlebens satt, wird von der Stimme de? frommen Warners gettoffen und folgt ihm in ein Kloster, Paphnucius aber vermag in seiner Einsiedelei daS zehrende Feuer seines begehrlichen Fleisches nicht zu löschen. Alle Kasteiungen, das Martyrium als Saulenheiliger, der lodernde Wahn, daß die Keuschheit gottgefällig sei, bringen seine gemarterte Seele nicht zur Ruhe. Und endlich eilt er in das Kloster der Thais, um sein Verlangen nach der schönen Büheriu zu stillen. Er trifft sie sterbend. Seine Liebesrasereien vermögen fie nicht ins Leben zurückzurufen. Schaudernd erkennt er: Gott, der Himmel, alle« ist nichts. DaS einzig Wahre ist das irdische Leben und die Liebe der Geschöpfe. So siegt am Ende aller Bücher des altertümelnden Chronisten stets die Vernunft, Heiliges verkehrt sich in Profanes, Profanes in Heiliges, die Askese, die Gottesgebot war. wird zur irdischen Wollust, in den Gesang der Litaneien mischt sich antike Lebenslust. Auatole France ist ein Geist, der die.Grenzen der Menschheit" begriffen hat. Er sitzt schwelgelnd am Tische Platos, taucht unter in mittelalterliche Mystik, kostet als leidenschaftlicher Bibliophile die geheimen Wissenschaften, berauscht sich an Legenden, das Kreuz blitzt in seine Philosophien, Silene tanzen mit Kutten- männern, er ist Alchymist und Spiritist und doch auch wieder Fatalist, ein freier Geist, der zuletzt an nichts glaubt als an urewige Natur- gesetze. Ein Hymnus an die ewigen Naturgesetze ist Thais, die Geschichte der Kasteiung, die die Zweideutigkeit und Hinfälligkeit menschlicher Doktrin schmerzlich beweist. Mit dem Dichter vermählt sich der Denker, seine Geschichten sind eigentlich ein einziges Fest des Geistes. Die Gäste, die der alte Cotta bewirtet, halten gesiebte Gespräche, die in zierlichen Wendungen mit den Dingen spielen. Der Dichter verliebt sich in die glänzend stilisierten Philosophien, streichelt und kost sie, tind sein auS vielen Quellen zusammenfließender Geist hängt diese Jdeenblätter wie Guirlanden um seine Geschichten. Diese Vorliebe ist der größte Vorzug der Bücher Anatole FranceS, sie ver« leugnet sich auch nicht, wo er Moderne? oder Neuzeitliche» sarkasttsch- phantastisch formt wie in dem grotesk-nachdenklichen Roman: Die Insel der Pinguine. Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane; seder Band 1 M., in Leinen 1,25 M.— Diese kleine, billige, vor« züglich ausgestattete Bibliothek ist nun schon zu einer stattlichen Sammlung herangewachsen. Sie ist nach wie vor von gutem Ge- schmack geleitet und hat sich bis jetzt noch niemals in der Wahl des Gebrachten vergriffen. Wir finden alle gute Namen in ihr vereinigt, bekannte und neue; erklärte Dichter, deren Werke bis jetzt nur m teueren Ausgaben vorlagen, werden hier zu kleinem Preise dem Volke zugänglich gemacht, und manch eine interessante Bekanntschaft mit wertvollen, bisher Unbekannten aus der Literatur vermittelt. Die Fischersche Bibliothek unterscheidet sich von verschiedenen wohl- feilen Editionen durch ihre streng sichtende Gewiffenhafttgkeit; sie sündigt nicht auf ihre ansprechende äußere Einkleidung hin, füllt die Reihe nickt mit minderwertigem Material, sondern gibt der Form auch einen soliden guten Kern. Von der Gediegenheit dieses Unter- nehmenS überzeugen ohne weiteres die bi» jetzt erschienenen Namen; als einige von den letzten Bänden nenne ich nur Fontane und Her« mann Bang. Vom Schilderer der Mark Altmeister Fontane grüßt uns in diesem Jahre in handlicher Form, die das Lesen an sich schon zum Genuß macht, die reiz- volle Erzählung Cecile, in der der ernst-schalkhafte Weibkenner die Galerie seiner Frauengestalten um ein kapriziös differenziertes Exemplar bereichert, das ebenso anziehend wie beklagenswert ist. Hermann BangS meisterlich durchgeführte Geschichte.Am Wege", die die zerreibende Macht des Philisteriums schildert, in dem eine sehnsüchtige Frauenseele zugrunde geht, ist psychologischer Feinheiten voll. Des dänischen Dichter« Lieblingsthema von der Tragik des Alltags ist hier wieder mit jener vibrierenden SttmmungS- fünft behandelt, die wir an Bang so sehr schätzen.— In LauridS Bruun machen wir die Bekanntschast eine» Landsmannes BangS und entdecken ihn auf den Spuren Multatulis. In Van ZantenS glücklicher Zeit erzählt er un»— wie jener— von einem Beamten der holländischen Kolonien, der, wie Max Havelaar, in der europäischen Kultur den Riegel vor natür- fichem Glück erblickt. Das Buch interessiert vor allem durch daS Ethnographische.— Von Norbert Jaques, der sonst an der Krankheit Kielschreiberei laboriert, liegt eine anschaulich« Geschichte.Der Hafen" vor, die ebenfalls durch frische Bilder de» Oertlichen ergötzt. Eine große Freude aber bereitet der Roman Anny DemlingS: „Oriol Heinrichs Frau". Die Verfasserin weckt von der ersten bis zur letzten Zeile unsere Aufmerksamkeit, ein starkes Talent offenbart sich in dieser seelisch vertieften Kunst der Verfafferin. Man darf dem Verlag ftlr diese Gabe dankbar sein; weiter auf diesem Wege wird die Fischersche Bibliothek zeitgenössischer Werke sich bald einen festen Platz beim lesenden Publikum, besonders im Volke erobert haben und einen Ehrenplatz dazu._ 0. V. Kleines feuilleton» Kunstgewerbe. Di» zweite Ton-, Zement- und Kalkindustrie- Ausstellung wurde dieser Tage in Baumschulenweg unter den üblichen Feierlichkeiten eröffnet. Sie verfolgt, wie der ganze Aufbau, die Anordnung und Einrichtung deutlich erkennen lasten, eine doppelte Tendenz. Einmal dient sie selbstverständlich den Fachleuten der be- treffenden Industrie zur Orientierung, aber ew nicht geringer Teil der Ausstellung wendet sich auch an die große Mäste des Publikums, und man muß zugestehen, daß die Leitung sich in dieser Beziehung alle Mühe gegeben hat und daß manche gute Anregung davon aus- gehen wird. Vom technischen Standpunkt auS zerfällt die Ausstellung in zwei große Abteilungen. Die eine zeigt die Maschinen, mit deren Hilfe Ton, Kalk und Zement gewonnen, verarbeitet und geformt werden; die andere die fertigen Produkte und ihre vielseittge Verwendung im Haushalt und in der Industrie, in der Bau- und bildenden Kunst. Ton, Zement und Kalk bilden den Kern der Ausstellung, aber auch Eisen- und Holzkonstruktionen, die chemische Industrie und andere Jndustrieen, soweit fie einen auch nur entfernten Zusammenhang mit jenen haben, sind reich vertreten. Nur ist merkwürdigerweise die Verblendstein- und Terrakotteindustrie(die in den letzten Jahren ständig im Niedergange begriffen war) auf der Ausstellung gar nicht vertreten. Die technische Abteilung ist besonder? reich mit Maschinen der verschiedensten Konstruktionen beschickt, die die frühere Handarbeit des ZieglerS, die noch vor ganz kurzer Zeit als total unersetzlich galt, durch die rascher, bester und rentabeler arbeitende Maschinen- arbeit ersetzen sollen. Von den riefigen Steinquetschen bis zu den Modellen ausgedehnter Brennofenanlagen ist alles vertteten. Verschiedene Sprengstofffabriken haben sehr anschauliche Modelle aufgebaut, um die Sprenganlagen in den verschiedenen Gesteinsarten(u. a. auch eine besondere Methode, die bei uns weit verbreiteten Findlinge ohne Bohrlöcher zu sprengen) zu demonstrieren. Besonders instruktiv wirkt die kleine Ausstellung des kgl. Material- prüfungsamteS in Groß-Lichterfelde. Die Unterschiede der ver- schiedenen Materialien in ihrem Verhalten gegen Zug und Druck, ihre Fehler, wie Gußkehler deS Eisens, Wasterstoffkrankheiten der Metalle u. dgl. mehr, sind durch gut angeordnete Beispiele höchst anschaulich gemacht. Die Wirkungen eines Sandgebläses auf eine Anzahl natürlicher und künstlicher Gesteine zeigen ihre verschiedene Widerstandsfähigkeit gegenüber der ErofionSwirkuug deS Windes. Unter den Fabrikaten verdienen neben allen möglichen Zement- arten hervorgehoben zu werden, die eine geradezu überraschend« Mannigfaltigkeit darbietenden Kunststeine, wie künstlicher Marmor, Kalkstein usw., die nicht allein technisch eine außerordentlich viel- seitige Verwendung zulassen, sondern auch sehr vornehm zu wirken vermögen. Die Berginspektio» der Rüdersdorfer Kalkbrüche ist zum Beispiel mit einer Kollektion ihrer Produkte vertreten. Zu erwähnen wäre ferner der Pavillon der märkischen Ziegeleien, der in mittel- alterlichem Stil gehalten ist,«nd der moderne der Veltener Ton- und Kachelindustrie. Der letztere enthält eine Reihe von zum Teil prachtvollen Kachelöfen, in Entwürfen u. a. von Friedrich Benoit, L. Peters, Willi Weidner, die dieses gemütliche Möbel gegenüber den zwar bequemen, aber dafür um so häßlicheren Zenttalheizungs- röhren wieder schätzen lehren. Ueberhaupt verdient die Ausstellung in künstlerischer Beziehung alle Anerkennung. Die unterelsässische Ton- industrie(wir vermißten aber sehr die hessische, rheinische und anhaltinische I> weist eine reiche Kollektton von Typen bäuerlicher Kunst und solchen modernen Geschmacks auf. In dem sogenannten römischen HauS, das ein farbenprächtige? Diorama der Ruinen des Kaiserpalastes zu Trier enthält, sind u. a. eine Anzahl beachtenswerter Grabsteinmodelle untergebracht. Der Musterkirchhof mit seinen Urnennischen ist trotz vieler schöner Einzel- heilen nicht ganz geglückt; die auS Ziegel aufgebauten Grab« denkmäler wirken geradezu beleidigend. Am besten gefiel uns die aus.Trudelit" hergestellte Gruppe der verlin-Wilmersdorfer Kunst- Werkstätten von Prof. Robert Schirmer mit ihren fein abgetönten Farben und der jeweilig dem Charakter der Steine an- gepaßten Linienführung. Dagegen ist der Pavillon, der die Erzeugnisse des dem deutschen Kaiser gehörigen Tonwerkes Cadinen birgt, von einer auffallenden Geschmacklosigkeit, der natür- lich auch der byzantinische Unterton nicht fehlt. Der Ausstellungsleitung möchten wir noch raten, die Fertig- stellung der fehlenden Teile der Ausstellung— und eS fehlt noch sehr viel l— etwas zu beschleunige.»; es ist kein Vergnügen, ständig über Gerüstbalken zu stolpern und bis über die Knöchel im Bau- fand zu waten. Auch läge es in ihrem Interesse, wenn fie einige Verkaufsstände, die einen direkten Anreißer charatter tragen, ent- fernen ließe. Hoffentlich ermäßigt sie auch den etwas hohen Ein- trittspreis von 1 M., wenigstens für größere Gruppen, Vereine und Verbände, damit auch Arbeiter, für die eS hier so viel des Jnter« essanten und Lehrreichen-u sehen gibt, die Ausstellung besuchen können. verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärts Buchtruckerei u.Beriagsanjlalt Uaut Singer LlCo..«erl,n SAt.