Zlnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 114. Mittwoch, den 15. Juni. 1910 tdaatnta easetn.! 62] Die Hrena. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von V u l i o B r o u t a. Gallardo horte stillschweigend zu. Nach seinem Unfall hatte xr den Banditen nicht wieder gesehen, aber er bewahrte ihm eine freundliche Erinnerung. Als er noch in Gefahr schwebte. hatte sich der Mann zweimal in La Rinconada nach seinem Befinden erkundigt, und später, als Gallardo auf dem Gute seine Familie bei sich hatte, erzählten ihm verschiedene Male Arbeiter und Tagelöhner geheimnisvoll von Plumitas, den sie öfters auf dem Felde angetroffen hatten und der ihnen Grüße an Sennor Juan mitgegeben hatte. — Armer Kerll— Gallardo bedauerte ihn und er- innerte sich wehmütig seiner Voraussagungm. Nicht die Gendarmen hatten ihn getötet. Man hatte ihn während des (Schlafes ermordet. Er war gefallen durch die Hand seiner eigenen Leute, umgebracht von irgendeinem Nebenbuhler, der begierig war, ihn auszustechen. Der Gang zur Arena am Sonntag gestaltete sich Pein- licher als je. Carmen wandte alle ihre Kräfte an, um sich gefaßt zu zeigen, und ließ es sich selbst nicht nehmen, an- wesend zu sein, als Garabato seinen Maestro kleidete. Sie lächelte schmerzlich: sie heuchelte Heiterkeit und glaubte auf dem Gesicht ihres Mannes zu sehen, daß er mit gezwunge- ner Freude seine wahren Gefühle verbarg. Die Sennora Angustias machte sich in der Nähe des Zimmers zu schaffen, um immer wieder.nach ihrem Juanillo zu blicken, als ob er ihr genommen werden sollte. Als Gallardo zum Patio hinausschritt, den Mantel über die Schulter geworfen, umklammerte sie seinen Hals und weinte bitterlich. Sie sprach kein Wort, aber die keuchenden Atemzüge offenbarten grausam ihre Gefühle. Wie schrecklich, zum erstenmal nach seinem Unglücksfall wieder kämpfen zu müssen, in derselben Arena, wo er von dem wütenden Stier erfaßt worden war! Ihr Aberglaube einer Frau aus dem Wolke lehnte sich gegen eine solche Ungerechtigkeit auf. Ach, wann werde er sich von dem verfluchten Handwerk zurück- ziehen? Besaß er denn nicht schon genug Geld? Aber der Schwager, in Ausübung seiner Autorität als Familienrat, trat dazwischen. „Na, na, Mutter, so schlimm ist die Sache am Ende doch nicht. Ein Stiergefecht wie jedes andere. Das Beste ist, Juan in Ruhe zu lassen und ihn nicht mit dieser Wcinerei zu verstimmen, jetzt, wo er gerade zur Arena geht." Carmen zeigte sich ruhiger. Sie weinte nicht und be- gleitete ihren Mann bis zur Tür. Sie wollte ihm Mut machen. Da durch die Einwirkung des Unfalls in beider Herzen die Liebe neu erwacht war und sie und Juan sich nun wieder vertrugen, glaubte sie außerdem nicht, daß ein neues Unheil ihr Glück stören könnte. Juans Unfall war ein Werk Gottes gewesen, der oft das Uebel zur Wohltat wer- den läßt und der sie durch eine schmerzliche Prüfung aufs neue hatte vereinigen wollen. Juan werde schon wie gewöhn- lich seine Stiere erlegen und dann wohlbehalten wieder nach Hause kommen.—„Ich wünsche Dir gutes Glück!" Und sie schaute mit liebevollen Augen dem Wagen nach, der sich entfernte, von einem Rudel Straßenjungen gefolgt, die neidisch und begeistert auf das Flittergold der Stier- fechterkostüme schauten. Als das Fuhrwerk ihren Blicken ent- schwunden war, ging die arme Frau in ihr Schlafzimmer hin- . auf und zündete die Kerzen an vor dem Bildnis der heiligen Jungfrau der Hoffnung. Der Nacional saß in der Kutsche neben seinem Meister, mit zusammengezogenen Augenbrauen und düsterer Miene. Heute war Wahltag, aber seine Kameraden wußten nichts davon. Niemand sprach von etwas anderem, als von dem Tode des Plumitas und dem Stiergefecht. Ter Banderilla war den ganzen Vormittag mit seinen Parteigenossen tätig gewesen, um„für die Idee" zu arbeiten. Verdammtes Stiergefecht, das nun dazwischen kam und ihn hinderte, seine Bürgerpflichten zu erfüllen und alle die zur Wahlurne zu schleppen, die nun faul daheim blieben und nicht wählten, weil er sie nicht abholte. Es waren allein die „Anhänger der Idee", die zur Wahlurne eilten, sonst schien die ganze Stadt nichts von der Wahl zu wissen. Wohl gab es in den Straßen große Ansammlungen, aber das Gespräch drehte sich nur um das Stiergefecht. Was für ein Volk war das doch! Der Nacional erinnerte sich wütend der Hinterlist* und Gewaltakte der von dieser Desertion begünstigten Gegner. Don Joselito, der mit feuriger Beredtsamkeit dagegen pro». testiert hatte, war mit anderen Freunden zusammen ins Go fängnis geworfen worden, und er, der gewünscht hätte, ihr Märtyrertum zu teilen, mußte davon Abstand nehmen, um sich für die Arena anzukleiden und seinen Maestro abzuholen. Sollte diese Gewalttätigkeit ungestraft bleiben?, Würde sich das Volk nicht auflehnen? Als die Kutsche in der Nähe der Campana war, sahen die Stierfechter einen Haufen Volk zusammengerottet, in auf» rührerischer Haltung schreiend und lärmend und Stöcke schwingend. Die Polizei drängte ihn mit Säbelhieben zurück, wobei sie manchen Stockhieb bekam. Der Nacional erhob sich von seinem Sitz und wollte auS dem Wagen springen. Ha, endlich, endlich ging es losl Die Revolution! Jetzt ist der große Krach da! Aber sein Maestro zog ihn unter Lächeln und Aergep heftig auf seinen Platz zurück. „Was fällt Dir ein, Sebastian? Du siehst überall Re- Volutionen und nimmst Deine verrückten Hirngespinste für Wirklichkeiten." Die Stierfechter lächelten alle, weil sie die Wahrheit er- rieten. Es war das edle Volk, das aus Wut, weil es kein Billett mehr für das Stiergefecht an dem Schalter in de? Campana gab, diesen erstürmen und in Brand stecken wollte, wobei es von der Stadtpolizei zurückgetrieben wurde. Der Nacional senkte betrübt das Haupt. „Rückschritt! Rückschritt überall! Das kommt davon, daß die Leute weder lesen noch schreiben können!" Sie erreichten die Arena. Eine rauschende Ovation empfing sie, ein nicht endenwollendes Händeklatschen begrüßte ihr Erscheinen in der Arena. Der ganze Beifall war für Gallardo. Das Publikum freute sich ob seines Wiederaus» trctens. Das Gesprächsthema des ganzen Landes war ja monatelang jener furchtbare Unfall gewesen. Als der Augenblick kam, wo Gallardo seinen ersten Stier zu töten hatte, wiederholte sich der Beifallssturm. Die Frauen, mit weißen Mantillen geschmückt, folgten allen seinen Bewegungen von ihren Logen aus mit Operngläsern, von den Sonne- wie von den Schattenplätzen her wurde ihm zugejauchzt: selbst seine Feinde fühlten sich mitgerissen durch diese Woge der Sympathie. Armer Kerl! Er hatte ja soviel gelitten! Die ganze Arena stand auf seiner Seite. Niemals hatte Gallardo ein Publikum gesehen, das ihm so zugetan war wie heute. Er lüftete seine Montera unter der Loge des Präsidiums, um zu sprechen. In seiner Ansprache sagte er unverständ- liches Zeug. Niemand hatte ein Wort davon verstanden, aber es mußte etwas Apartes gewesen sein. Ein fortdauern- des Bravo erfüllte die Luft, und alle waren hochbegeistert.. Der Applaus verstummte erst, als Gallardo sich gegen den Stier wandte. Er breitete den Stab mit dem Scharlachtuch aus und stellte sich vor der Bestie auf, in gewisser Entfernung, nicht in unmittelbarer Nähe wie sonst, wo er alles hinriß, wenn er die Muleta dem Stier fast in das Maul hielt. Aus dem Stillschweigen, das herrschte, merkte man die Betroffenheit der Menge deutlich heraus, aber niemand sagte etwas. Ver» schiedenemal stieß Gallardo mit dem Fuß heftig auf den Boden, um das Tier zu reizen, und dieses ging endlich matt zum Angriff vor, streifte aber kaum das rote Tuch, denn der Torero sprang in sichtlicher Uebereilung zurück. Viele schauten sich verwundert an. Was war das? Gallardo sah an seiner Seite den Nacional, und einige Schritte weiter einen anderen aus seiner Cuadrilla, aber nicht wie sonst ertönte heute sein Ruf:„Laßt mich allein, hinaus mit allen!" Auf den Stufen des Zuschauerraumes erhob sich ein Lärm von heftigen Auseinandersetzungen. Die Freunde Gallardos hielten für angebracht im Namen ihres Abgotts Erklärungen zu geben. Er ist ja noch leidend und hätte noch nicht auftreten sollen. Da, das Bein, sehen Sie es nicht? Und so ging es fort. Die Tücher der beiden Leute aus seiner Truppe unterstützten den Espada bei seinen Pas. Die Bestie bewegte sich, betäubt zwischen den beiden roten Tüchern, und kaum stürzte sie gegen das Scharlachtuch Gallardos vor, wurde sie auch schon von der Capa des einen oder des anderen Toreros weit weggelenkt. Als ob er schnell aus dieser Lage befreit sein wollte, faßte Gallardo festen Fuß und stürzte sich, den Degen hoch, auf das Tier. Ein mißfälliges Gemurmel wurde hörbar. Der Degen war höchstens bis zu einem Drittel seiner Länge einge- drungen und bog sich hin und her bei den Bewegungen des Stiers, als wollte er aus dem Hals herausfliegen. Gallardo hatte sich vorsichtig vor den Hörnern zurückgezogen, ohne den Degen bis zum Griff hineinzustoßen, wie es sonst seine Ge- wohnbeit war. „Das war gut gestochen!" schrien seine Anhänger, indem sie auf den Degen zeigten und heftig applaudierten, um durch den Lärm die Geringheit ihrer Zahl auszugleichen. Die Sachverständigen lächelten mitleidig. Der Mensch war im Begriff, das einzige zu verlieren, das ihn bemerkens- wert macht: seinen Mut, seine Dreistigkeit. Sie hatten ge« sehen, wie er instinktiv den Arm zurückgezogen, als er nach dem Stiere stach, und wie er sein Gesicht abgewandt hatte, unter dem Einfluß des Schreckens, der den Menschen zwingt, von der Gefahr wegzuschauen. lgortsetzung folgt.£ (JJafflSrud d«vot«U io] Sara» Die Geschichte einer Liebe. Von Johan Skjoldborg.— Berechtigte Uebersetzung aus dem Dänischen von Laura Heidt. S. Die Maisonne überflutete das Land rings um den Wiesenhof herum. Unaufhaltsam wälzte sich eine Lichtwoge nach der anderen über die Gegend, und die Erde trank und trank unersättlich, weil sie ein halbes Jahr lang in Kälte und Winterstarrheit dagelegen hatte. In der Talsenkung, südlich vom Hofe, stand eS ganz gelb von Dotterblumen, die die Wurzeln in den feuchten Boden gruben und das ganze Himmelslicht und die DZärme in sich aufsaugten. Die Gänsewiese dicht am Hofe war über und über besät mit Gänseblümchen, die wie tausend Sterne funkelten. Die grünen Spitzen des Winterroggens dehnten und reckten sich, und der Klee ward dicht und breit auf den langen Feldern. Es war fast, als sähe man die Blätter sich dehnen und wachsen. Die Sonne lockte überall Leben hervor, nichts konnte widerstehen. Es ist ein Tag, der die Menschen froh macht, denn nun wissen sie, daß es auch in diesem Jahre wieder Sommer wird. Der Alte drüben in Vadgaard ist zum ersten Male draußen. Er ist nach der Ostseite gekrochen, wo für ihn eine Bank steht. Dort sitzt er nun mit wackelndem Kopf in der Sonne und blickt hinaus über die Strandwiesen und die Seegelboote des Fjords. Niels, der Wiesenhofbauer, hat ebenfalls seinen Sitz am Wchnstubentisch verlassen. Er schreitet bedächtig über die mit Frühjahrssaat bestellten Felder,— langsam, weil er den Anblick der ersten bräunlich-grünen Sprossen, die zwischen den Furchen hervorlugen, genießen will. Dann und wann dreht er sich um, beobachtet, wie die Lichtwellen unaufhaltsam sich ergießen und wie Wehl die Ernte in diesem Jahre ausfallen wird. Und die samenerfüllte Luft hallt wieder vom Gezwitscher und Tirilieren der kleinen Vögel, die hin und her schießen und auf und ab in ihrer Freude nicht wissen, auf welchem Flügel sie gleiten sollen. Es ist wirklich Frühling. Es steht eine Reihe von Kirschbäumen am äußersten Ende des jWiesenhofgartens; sie sind weiß von Blüten, die wie weiße Schleier über den Zweigen hängen. Dahinter sieht man im Garten zwei Geldilten Wäsche aufhängen; es find Sara und Boel. Man hört auch ihre Stimmen. Sara lacht viel, und ihr Gelächter ist voller Freude. Nachdem Boel sich entfernt hat, wird es still, aber nur einen Augenblick. Sara beginnt zu singen, erst leise, dann lauter, als müßte sie ihren Gefühlen Luft machen. Zuletzt stimmt sie an aus voller Brust, daß die Töne durch das Laub klingen. Und es liegt Frühlingsjubcl in ihrem Gesang. Anders ist vom Osten um den Hof herumgekommen; er horcht und schreitet am Gartenwall entlang durch einen Wald von Klettenblättern und Schierling, die hier üppig wuchern. Er flötet zweimal auf bestimmte Weise, und sofort zeigt sich Saras Antlitz inmitten der jungfräulichen Blütenschleier der Kirschbäume. Sie sieht so jung und frisch aus, ihre Augen sind so blau. Lud ihr Haar so goldig, daß sie selbst wie eine Frühlingsblume anzu» sehen ist. .Du— Sarai" .Boel kommt gleich zurück!" flüstert sie und lächelt mit blitzen» den Zähnen. Er legt sich flach auf den Wall des Gartens; sie beugt sich vor, und sie küssen sich, während die Maisonne in den Unschuld- weißen Blüten über ihren Häuptern spielt. Aber schon hört man Boel an der Hausecke husten. „Na," sagt Anders laut, als ob dies der Grund seines Kommens fei—„heute sollen die Kühe zum ersten Male aufs Grast" „So das sollen siel" antwortet Boel und tut ganz gleich- gültig. Anders blickt mit vernünftigem Ausdruck in die Luft hinauf, „Ja, es wird jetzt Zeit!" „Es ist wahrhaftig auch Sünde, bei diesem Wetter irgendeinS Kreatur drinnen festgebunden zu halten!" sagte Boel. .Ja, Du hast recht. Wenn Ihr hier fertig seid, wollt Ihr dann in den Hof kommen und uns helfen? Denn wir müssen alle miteinander Hand anlegen; sie sind natürlich ganz wild!" Ja, das würden sie schon tun. Und die Mädchen fanden, eS sei ganz lustig, daß sie sich mit den springlebendigen Kühen be- fassen sollten. Sara summt leise bor sich hin, während sie die nasse Wäsche anklammert. Dann und wann werden die Töne lauter, aber meistens trällert sie nur mit halblauter Stimme; ganz still- schweigen kann sie nicht. Plötzlich ruft Boel:.Wie zum Teufel— Gott verzeih mir daS Fluchen>— hängst Du denn die Hemden auf!" Sara hat ein Männerhemd an den Aermeln angeklammert, anstatt unten an der Naht, so daß es nun wie eine Vogelscheuche hin und her schlenkert. Sara lacht, als hätte sie nie im Leben etwas so Komisches gT- sehen; sie weint geradezu Tränen vor Lachen. .Ach— Du bist wirklich ein dummes Ding, ein Kalb, das bist Du! Gott mag wissen, woran Du nun wieder denkst!" bemerkt Boel gutmütig und lächelt darüber, daß Sara so vergnügt ist. Noch nach einer ganzen Weile, als Sara auf einem Stuhl steht, um hinaufreichen zu können, lacht sie und kommt dabei in Gefahr, hinunterzufallen, weshalb sie aufschreit und mit den Armen um sich schlägt, als seien es Flügel. „Willst Du nicht am Ende gleich davonfliegen, mein kleines Täubchen, bemerkt Boel. Und auch das findet Sara so komisch. Die weiße Wäsche wird inzwischen rasch auf die schaukelnden Schnüre gehängt, die über dem Trockenplatz ausgespannt find. Und immer noch fingt und summt und trällert Sara dabei. .Scheint Dir nun wirklich," fragt Boel einmal,.daß daS Leben so herrlich ist?" „Ja," antwortet Sara oben auf ihrem Stuhl, wo sie schläal und froh und voller Erwartung mitten im Sonnenschein steht.— Es ist ein wahres Fest in einem Bauernhofe, wenn kräftige, gut gefütterte Kühe zum ersten Male im Frühling aufs Gras sollen. Sie stehen drinnen in ihren Verschlügen und werden ganz verrückt von den Frühlingsdüften, die zu ihnen hereinströmen. Sie sind wie berauscht und trippeln hin und her vor Sehnsucht. Und sobald die Stricke gelockert werden, springen sie in tollen Sätzen davon, daß es in den Klauen knackt. Die erste, die Sören, der Großknecht, herausführt, ist sehr manierlich; es ist die Aelteste des Stalles. Mit der, meinen sie, wird wohl der Junge losziehen können. Plötzlich schlägt sie in- dessen die Hinterbeine in die Luft und rennt im Galopp davon. .Die sollte sich schämen, das sollte fiel So ein altes Ding mit ihrem Hängebauch I" sagt Boel. Sara steht bereit, die nächste zu empfangen, aber da eS big große Bleßkuh ist, will Anders es nicht zugeben. Für die wird er schon selber sorgen. Boel verzieht bei dieser Veranlassung spöttisch die Mundwinkel und pustet leise. Die Bleßkuh ist schwer, wie ein Stier; sie prustet vor Stärke, Mit berauschtem Blick steht sie da und geifert und brummt, während Sören ihr daS Klappholz umtut. Die warme Sonne kitzelt ihr den Rücken, daß sie mit dem Schwänze um sich schlägt. Anders befestigt schon den Ring am Tüder und will eben gehen, aber noch ehe sich jemand dessen versieht, schlägt die Bleß- kuh den Kopf zurück und macht einen Satz, daß ihm das Tüder auS der Hand fliegt. „Das war großartig!" murmelt er. Boel hat indessen den Strick ergriffen, und Nun traben fi? miteinander immer rings im Kreise, Boel und die Bleßkuh. „Paß auf, Boel, daß nur keiner von Euch Schaden nimmt!'' ruft Maren, die Bäuerin, laut über den Hof hinüber; sie führt die Oberaufsicht. „Pack sie am Maul!" ruft Anders. Aber Boel ruft zurück, daß sie schon mit solchem Bürschchcn fertig werden wird. Sie strafft das Tüder und schlägt sie an den Kopf, daß sie mit den Augen blinzelt und dabei rückwärts mit ihr läuft; sie gleitet wie auf Eis. — 41 »Paß aiif, Boel, nun geht'S gewiß schief!' Die Wiesenhos- bäuerin wird ängstlich. .Pack sie am Maull' ruft Anders. Vier Hornklauen klappern um die Wette auf dem Pflaster mit Boels Holzschuhen. Sara kann hin und wieder ein Kichern nicht unterdrücken; denn Boel schimpft und kreischt gegen das ausgelaffene Tier. Aber Maren sagt:.Das ist durchaus nicht zum Lachen; es ist unsere beste Kühl" .Pack sie am Maul!" ruft Anders abermals und nähert sich, um ihr zu helfen. Boel hat schon das Klappholz gepackt und zerrt die Bleßkuh derartig, daß sie sich beinah überschlägt, weil sie sich selbst auf die Klauen tritt, die im Laufe des Winters eine unglaubliche Länge erreicht haben. Angefeuert durch die Zurufe und die ihr geschenkte Aufmerk- famkeit, ist Boel selber ganz wild geworden, und sie schreit sieges- bewußt:.Nein, meine Gute, hier bist du an die Unrechte ge- kommen!" Und gleichzeitig gibt sie der Kuh vorn einen Fußtritt. Das hätte sie nicht tun sollen. Denn nun rast die Bleßkuh davon, als ob es weder Boel noch andere hemmende Mächte gäbe, und Boel stürzt, mit den Röcken über dem Kopf, zur großen Be- lvstigung der Zuschauer. Die Kuh genießt in ausgelassenen Sprüngen ihre Freiheit. Nachdem sie eine Weile umhergelaufen ist, steht sie plötzlich von selber still vor der Pumpe; sie streckt ihre Schnauze in die Luft und läuft dann über den Hof, als sammle sie in ihrem mächtigen Schlünde die Proteste aller stummen Kreaturen gegen menschlichen Zaum und Zwang. Dann läßt sie sich von Anders einfangen, der sie ganz ruhig fortzieht, ohne den allergeringsten Zwischenfall. (Fortsetzung folgt.)! Hud dem freuen Botamfcben Garten. (Geöffnet am Sonntag, Dienstag, Mittwoch und Freitag von 2 bis 7 Uhr, die Gewächshäuser von 2 bis 6 Uhr.) Der freie Durchblick, den wir noch vor Wochen durch die lichten Gehölze hatten, ist verschwunden. Tin grünes Meer liegt vor uns, aus dem beim Wandern bald eins der riefigen Gewächshäuser oder eins der roten Gebäude am Rande des Gartens, bald einer der GesteinSgipfel des.Alpinums" austauchen. Vom Eingang gehen wir wieder geradeaus, bis links der Teich heraufschaut; an einer schmalen Stelle bemerken wir eine steinerne Brücke, die wir leicht erreichen. Die Blätter der Laichkräuter und Seerosen bedecken einen großen Teil des Wasserspiegels, und die großen Blüten der letzten haben sich geöffnet. Unmittelbar neben der Brücke aber blühen in Menge eine Anzahl Arten der Gattung Rhododendron. Neben halbmannshohen Büschen aus dem Kaukasusgebiet, wo manche dieser Arten ganze Berghäng« in undurchdringlichen Dickichten überziehen, finden wir auch unsere beiden Alpenrosen-Brten(Hb. birsutum und Hb. kerrugineum), die hier in voller Blüte stehen, während sie im Hochgebirge noch ihre Zeit abzuwarten haben. Blühende Rhododendron-Arten und die ihnen nahe verwandten Azalien machen sich überhaupt an vielen Stellen des Garten? bemerkbar. Eine andere Pflanzengruppe, die ihm jetzt das Gepräge gibt, find die Schwertlilien, die Arten der Gattung Iris. So viele Arten eS da- von auch gibt, so sieht doch auch der Laie sofort, daß sie alle zu einer.Gattung" gehören, denn die Uebereinstimmung in der Bildung der Blüte ist bei allen vollkommen. Besonders eine blaue Art, die in Süddeutschland heimisch und auch in allen Laubenkolonien bei Berlin anzutreffen ist, gestattet eine bequeme Untersuchung der in ihrer Art bei uns einzig dastehenden Blütenbildung. Wir sehen drei nach außen zurück- gebogene große Blumenblätter. Wenn wir aber einen Blick in das Innere der Blüte tun wollen, versperren uns drei andere, kleinere Blätter den Weg, die aus dem Mittelpunkt des Ganzen herauskommen und sich über den Grund der großen Blumenblätter legen; auch diese kleineren Blätter sind bunt und sehen völlig blütenartig aus, in Wirklichkeit aber sind es blumenblattartig verbreiterte weib- liche Narben. Heben wir sie in die Höhe, so sehen wir unter jeder ein gelbes Staubgefäß. Die Schwertlilien sind sogenannte Hummel- blumen. Man sieht allerhand Insekten um die Blumen schwirren, aber nur die Hummel versteht sich mit der BIllee abzufinden, für sie allein ist hier der Tisch gedeckt. Sie fliegt auf eins der großen Blumenblätter und findet hier eine gelbe Haarleiste, der sie folgt; dabei kommt sie mit dem Kopfe unter das Ende der blumenblattartigen Narben, hebt sie vollends in die Höhe und ver- schwindet in der Unterwelt. Während die Hummel, dieser Bär unter den Insekten, mit ausgestrecktem Rüssel das tief unten liegende, für andere Jvsekten nicht erreichbare Gesäß mit dem Honigsafi plündert, wird ihr Rücken von dem gelben Staubbeutel gründlich eingepudert. Die Schwertlilien wollen aber keine Selbstbefruchtung; kriecht das Tier schließlich rückwärts wieder heraus, so kommt jder Blütenstaub infolge einer eigenartigen Krümmung der blumenblattartigen Narbe gar nicht an diese heran. Erst wenn die Hummel in eine ander« Blüte kriecht, streift sie mit ihrem staubbesetzten Buckel erfolgreich die weibliche Narbe. Man kann nicht behaupten, daß diese ästhetisch wie technisch hervorragende Konstruktion der Schwertlilienblüle für die Verbreitung der Arten besonders günstig sei, denn ihre Vermehrung durch reifende Früchte ist ziemlich mangelhaft. Auch im Bau der Blüte zeigt sich das einfachste eben oft als das wirksamste. Nachdem wir in der Umgebung Berlins unsere Kiefer blühen sahen, können wir feststellen, daß nahe verwandte, aber außer« europäische, z. B. nordamerikanische Arten der gleichen Gattung sich im Botanischen Garten durch ihre gelben bis rötlichen männlichen Blüten in oft recht reizvoller Weise bemerkbar machen. Wenden wir uns gegen das westliche Ende des Gartens, wo er in parkartigo Gelände übergeht und nur noch die Namenschilder an den Bäumen darin erinnern, daß wir in einer wissenschaftlichen Anstalt sind, s» treffen wir auf gruppenweise Anpflanzungen der verschiedensten Arten von Ahorn, auf blühende Rosenfelder und auf einen ganzen Park voll zypressenartiger Nadelhölzer, darunter auch— nicht weit von einer steinernen Laube— zwei wenigstens dem Namen nach sehr bekannte Bäume. Der eine ist die Zeder vom Libanon(Osäms Libani); ein etwa mannshohes Exemplar dicht an einem Wege zeigt bereits den eigenartigen, maleriich gedrungenen Aufbau dieses Baumes. Nicht weit davon, an einer anderen Ecke, stehen drei Bäumchen des Mammuthbaumes. ebenfalls nur in Miniaturausgaben, kenntlich an der lateinischen Bezeichnung Sequoia. Die Beblätterung ist zierlich schuppig und paßt kaum zu der Vor» stellung turmhoher Riesen dieser Gewächse im kalifornischen Urwalds durch deren gespaltenen und verwitterten Stamm bespannte Wagen hindurchfahren können. Ein Gang durch das Alpinum zeigt unS, wo der Stein .XTll Tonern und Zillertaler Alpen" steht, oben in den Felsen die weißgrauen Köpfchen des Edelweiß. Auch die Alpenrosen blühe» hier und blaue Vergastem. Uebrigens ist das Alpinum gegen» wärtig mit blühenden Alpenpflanzen in solcher Fülle besetzt, daß eine nähere Schilderung nicht gut möglich ist. Man gehe hin und erfreue sich dieser Farbenpracht! Zum Abschied machen wir noch einen Rundgang durch die Schauhäuser. ES empfiehlt sich, lleberkleider abzulegen, um sie erst wieder beim Heraustreten überzuwerfen. Gleich anfangs unter den Farnen empfängt unS tropische Hitze. ES folgen Bananen mit de» riesigen langen Blättem; eine von ihnen hat sich zur Blüte auf« gerafft und wir können junge Exemplare der bekannten Frucht am Kolben sehen. Dann kommt ein Haus mit Orchideen in den auf« fälligsten Formen und Farben. Auch die Kannenpflanzen hängen hier. Die merkwürdigen kannenartigen Gefäße haben einen Deckel über sich. Fällt ein Insekt hinein(so erklärt hinter unS ein Volks« botaniker), dann klappt der Deckel zu und das Tier ist gefangen. Gar so arg ist eS nicht; der Deckel rührt sich nicht und hält nur den Regen ab, der sonst die mageusaftartige, verdauende Flüssigkeit in der Kanne verdünnen würde. Aber fretlich, das Insekt ist verloren. In einem weiteren Hause mit Nahrungs- und Genußpflanzen erscheinen Bäumchen jener Pflanzen, denen wir den Kaffee, Kakao, die Zimmtrinde, die Feigen, den Kautschuk usw. verdanken. Wenn wir schließlich auch noch die Palmen und die Baumfarrne bewundert haben, so merken wir, daß wir zu viel gesehen haben. Eine solche Fülle kann das Auge auf einmal nicht behalten. Wir ziehen unsere Mäntel an. treten auS den Tropen wieder in den prächtigen Garten hinaus und nehmen uns vor. das nächste Mal weniger und gründ« licher zu schauen. Allerdings wird man am Sonntag vom Strome der Besucher meist willenlos vorangeschoben. Wer mit Muße schauen will, muß schon um zwei Uhr an den Gewächshäusern sein, wenn sie noch fast leer find._ L. L, Kleines f euilleton* Literarisches. Ein Taschenatlas zur Alkoholfrage liegt uns vor, der soeben im Verlag des Deutschen Arbeiter-Abstinenten« bundes erschienen ist.(Preis geh. 1 M.) Das Büchlein stellt ein« Taschenausgabe der vom gleichen Verlage herausgegebenen und vom Genossen Dr. Holitscher wissenschaftlich erläuterten Referen» tentafeln dar, die sich im Kampf gegen den Alkohol als recht praktisch erwiesen haben. Das reiche statistische Tatsachen- und Zahlenmaterial wird hier sozusagen plastisch vorgeführt, farbig ein» drucksvoll, um recht ins Auge zu fallen. Der Inhalt ist sehr reich- haltig; es werden behandelt unter anderem: Gehalt der gebräuch» lichsten Nahrungsmittel und der geistigen Getränke in einer Menge, die man für zirka 30 Pf. erhält, Beziehungen zwischen Alkohol und pathologischen Geburten, Alkohol und Schule, Alkohol und Denk» vermögen, Alkohol und Degeneration, Alkohol und Sterblichkeit. Der Verfasser hat recht, wenn er im Vorwort sagt, daß die Kennt- nis dieser Dinge zum Wissensschatz eines jeden Menschen gehören müßte und daß unsere Erzieher in dieser Hinsicht noch lange nicht genug tun. Wir empfehlen jedem Arbeiter, jeder Bibliothek die Broschüre Holitschers zur Anfchaffung; vor allem jedem Referen- ten, auch dem, der kein Abstinent ist, zur Verwendung bei der Agitation. Auf ein? sei für eine Neuauflage hingewiesen: Die statisti» schen Diogramme in der Art, wie sie hher gebracht werden, find ge, Witz anschaulich, aber noch nicht anschaulich genug für weite Schich- ten der Bevölkerung und gerade für diejenigen, die der Aufklärung mn meisten bedürfen. Da dürfte die Figurenmethode eher am Platze sein. Etwa um zu veranschaulichen:„Was gibt der Deutsche im Durchschnitt aus für geistige Getränke und tbaS für geistige Nahrung?" eine Schnapsflasche von entsprechender Größe einem Buche gegenüberstellt. Die amerikanische und die englische Abstinentbewegung bieten dafür gute Beispiele. eg. Physiologisches. Sie Sinne der Neugeborenen. Von den Sinnen der Neugeborenen kann man eigentlich mehr negativ sprechen und sagen, welche sie noch nicht haben. Da ist vor allem das Gehör, welches nach dem Gerüche am wenigsten bedacht ist. Es nimmt sich daher sehr komisch aus, wenn in der Shibe, wo das neugeborene Kind schläft, ängstlich geflüstert und auf den Zehen gegangen wird; der Gehörsinn entwickelt sich erst nach einigen Wochen, etwas später als der Gesichtssinn, von dem sich leise Spuren schon gegen Ende der ersten Lebenswoche zeigen, wo man beobachten kann, daß das Kind bereits einen raschen Wechsel zwischen Licht und Dunkelheit empfindet. Der T a st s i n n entwickelt sich am frühesten, und zwar sind es zuerst die Lippen, durch die er sich betätigt, in- dem der Säugling mit ihnen die lcbensspendcnde Quelle an der Mutterbrust oder die Spitze eines Saugfläschchens zu erhaschen sucht. Auch der Geschmack ist schon in den ersten Tagen vor» Händen, am allerspätesten aber stellt sich der Geruchsinn ein. Die Sinne entwickeln sich eben nach der Notwendigkeit, wie sie ge- braucht werden: zuerst Gefühl und Geschmack, dann Gesicht und Gehör und zuletzt der Geruchssinn. Dr. Stein. Medizinisches. Rettung bei Strychninvergiftung. Das Strhch- uin, das aus der Rinde und den Früchten des Krähcnaugen- oder Brcchnußbaums abgesondert wird, ist eines der stärksten Gifte, die überhaupt bekannt sind. Es wäre daher das Beste, wenn sich der Mensch gar nicht mit seiner Zubereitung abgäbe, aber die Natur hat es nun einmal so eingerichtet, daß die gefährlichsten Gifte gleichzeitig heilende Eigenschaften besitzen. So lange sich nun ober solche Stoffe überhaupt in der Hand des Menschen zu irgend- welchen Zwecken befinden, werden noch immer gelegentlich teils aus Fahrläsiigkeit, teils aus Absicht Fälle von Vergiftung vorkommen. Ein im Journal der Amerikanischen Medizinischen Vereinigung mitgeteilter Fall zeigt, daß aber auch eine Strychninvergiftung nicht unter allen Umständen tätlich zu verlaufen braucht. Ein junger Student der Pharmazie hatte aus Versehen 16 Strhchnin- Pillen in weniger als drei Stunden zu sich genommen. Er konnte sich noch eben ins Krankenhaus begeben und dort die nötigen An» gaben machen, aus denen der Arzt sah, was geschehen war. So- fort erhielt er zwei Tassen heißen schwarzen Kaffee, verfiel aber in schwere Krämpfe und in eine fast völlige Lähmung der Atmungs- muskeln, so daß sein Leben in unmittelbarer Gefahr stand. Unter Verabreichung von Chloroform wuA>e eine gründliche Auswaschung des Magens mit starkem Kaffee vorgenommen, aber cZ blieb lange Zeit fraglich, ob der Vergiftete, dessen Gesicht in der Bewußtlosigkeit ein eigentümliches Grinsen angenommen hatte, noch einmal zum Leben erwachen würde. Nach drei Stunden aber war er bereits bei vollem Bewußtsein, nahm große Mengen heißes Wasser zu sich und konnte nach vier Tagen, vollkommen her- gestellt, entlassen werden. Technisches. Die rahtlose Tele graphie als Wegweiser auf dem Ozean. Daß ein Schiff dermaßen verschlagen wird, daß seine Besatzung gar nicht mehr recht weiß, wo sie sich befindet, ist heute begreiflicherweise ein sehr viel selteneres Ereignis als früher. Immerhin ist die Not des Meeres auch heute oft noch größer als fich'ä die Schulweisheit der Landratten gewöhnlich träumen läßt. Auf einem Schiff während eines Sturmes, dem es vielleicht durch Bruch des Steuerruders oder durch einen anderen Unglücksfall willenlos preisgegeben ist, Ortsbestimmungen auszuführen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Dagegen könnte sich die drahtlose Telegraphie. die sich schon mehrfach als Retterin aus Seenot erwiesen hat, so lange bewähren als die ihr dienenden Vorrichtungen nicht durch Sturm und Wellen zerstört sind. Jedenfalls ist es ein beachtenswertes Unternehmen, den Weg zu einer solchen Benutzung der drahtlosen Telegraphie zu weisen. Zu diesem Zwecke haben die italienischen Elektro- techniker Bellini und Tosi eine besondere Art von Leitungs- mast(Antenne) erfunden, der in Verwendung mit einem gleich- falls besonders ausgestatteten Apparat dazu dienen soll, elektrische Wellen in einer bestimmten Richtung auszustrahlen oder aus einer bestimmten Richtung aufzunehmen. Unter diesen Bedingungen würde sich nach einer Beschreibung, die von den genannten Fach- leuten in der Zeitschrift. Electrica! World" gegeben worden ist, eine Ortsbestimmung ans einem Schiff ausführen lassen, vor- ausgesetzt, daß eine Festlandsstation für drahtlose Telegraphie in nicht zu großer Entfernung vorhanden ist. Die Himmels- richtung der Station, mit der da? Schiff in drahtlosen Verkehr tritt, würde bis auf einen Grad de? Winkels genau ermittelt werden können. Damit ist schon eine Linie gegeben, die natürlich auch gleich- zeitig die Möglichkeit gibt, daß dem Schiff möglichst schnelle Hilfe gebracht werden kann. Außerdem soll der Apparat auch zur Ver- meidung von Schiffszusammenstößen bei Nebel dienen. Sein Haupt» teil wird als Radiogoniometer oder Strahlenwinkel« messer bezeichnet und dient gleichsam als ein drahtlos-telegra- phischer Kompaß. Wie die Berliner Geschützgießerei eine Lokomotive baute. Eine lustige Geschichte von der ersten deutschen Lokomotive erzählt Dr. A. Neuburger in der„Welt der Technik": Bereits 1815 kamen die ersten Nachrichten von Schienen- bahnen und Lokomotiven für Gütertransport(Lokomotiven für Personentransport entstanden erst später) aus England nach Deutschland herüber, und da man die Saarkohlen mühsam und langsam auf der Landstraße transportieren mußte, beschloß der Staat, als Besitzer der Kohleirwerke, eine 2� Kilometer lange Bahn zu bauen und sie mit Dampstvagen, wie man die Lokomotiven damals nannte, zu treiben. Man beschloß nun, keinen der eng- lischen teuren Dampstvagen zu kaufen, sondern lieber selbst einen zu bauen. Den ehrenvollen Auftrag hierzu erhielt die Geschütz» gießerei in Berlin, die auch ein Ungetüm fertigstellte, das auf dem Hof hin und herfuhr und, wie man mit Stolz berichtete, Wagen mit 8(X>6 Pfund hinter sich herzog. Dieses mußte nun nach Geis» lautern im Saargebiete, also auf eine Entfernung, die in der Luft» linie 756 Kilometer betrug, fortgeschafft werden, und so nahm man es auseinander, verpackte es in Kisten, und ein französischer Schiffer wurde mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, die Kisten auf dem Wasserwege nach der Saar zu bringen. Er fuhr von Ver Spree nach der Havel und Elbe, nach Hamburg, über die Nordsee nach Amsterdam, den Rhein, die Mosel und die Saar hinauf— einen kleinen Umweg von 1766 Kilometer, der viereinhalb Monate in Anspruch nahm und für den der Schiffer 566 M. bekam.— Im Mai des Jahres 1819 kam die Maschine in Geislautern an. wurde ausgepackt, und nun ging es an ein Zusammensetzen, Schrauben, Passen und Probieren, das kein Ende nehmen wollte. Den Er- bauer hatte man nämlich aus Sparsamkeitsrücksichten nicht mit» geschickt, und so waren es nun die Geislauterner Grubeningenieure, denen die ehrenvolle Aufgabe zufiel, die Maschine wieder zusammen- zusetzen. Besonders der Dampfzylinder wollte nicht gut tun. Die Zahl der Löcher, aus denen hier unbefugter Dampf ausströmte, überstieg schon alles, was recht und billig war, und trotzdem man sie mit den schönsten Mischungen aus Oel und Mehl, Essig und Stärke, ja sogar mit Rindsblut und Käse verschmierte— es wurde und wurde nicht besser. Die Schreiberei zwischen Geislautern und Berlin nahm wahrhaft beängstigende Dimensionen an; die Leute im Gieshause beriefen sich auf ihre Zeugen, die beweisen konnten, daß die Maschine„8666 Pfund Bomben" gezogen hatte, hüteten sich aber wohl, in Geislautern das Anerbieten zu machen, selbst eingreifen zu wollen. Dort aber wurden mit Heruniprobieren im Laufe der Zeit nicht weniger als 1965 Taler ausgegeben—, einen Wagen aber hat diese erste deutsche Lokomotive niemals gezogen. Alles in allem hat sie 3167 Talen einen Silbergroschen und 9 Pfennige Kosten verursacht, und eingebracht hat sie 335 Taler 6 Silbergroschen und 7 Pfennige— als sie nämlich im Jahre 1835 ein Trödler als altes Eisen kaufte. So kam die Saarbahn um den Ruhm, das erste Frachtstück in Deutschland mit Dampfwagen be» fördert zu haben, und diesen Ruhm heimste die Nürnberg-Fürther Bahn ein. Wie es sich für eine Bayerische Bahn ziemt, bestand diese Fracht aus zwei Fässern Bier, die der Eisenbahnwirt in Fürth bei dem Nürnberger Brauer Ledcrer bestellt hatte und die am 11. Juli 1836 per Bahn dorthin gefahren wurden, nachdem die Verwaltung auf Grund langer Unterhandlungen und Schreibe- reien den Transport gegen Erlag von 12 Kreuzern und unter der Bedingung gestattet hatte, daß der Wirt persönlich in Fürth zur Stelle zu sein habe, um sein Bier in Empfang zu nehmen! Umwandlung des Win de S in Elektrizität. Die Amerikaner lassen nicbts unversucht, um sich die motorische Kraft, die sie für ihren extensiven WirlschaftSbettieb auf den großen Farmen gebrauchen, so billig als möglich zu verschaffen. So hat man neuerdings mit bestem Erfolg den Versuch gemacht, Wind in Elektrizität umzuwandeln. Eine große Farm in der Nähe von Hamburg(New Dork) treibt bereits ihre Dreschmaschinen, Pumpen und sonstigen landwirtschaftlichen Apparate mit Elektromotoren. deren Kraft durch einen Windmotor erzeugt ist. Die erzeugte Elektrizität reicht daneben nock> ans, zahlreiche Schuppen und Baulich- ketten auf der Farm mit einigen hundert elettrischen Lampen zu er- leuchten. Der Windmotor ist weiter nichts als eine große Lusthtrbine, die auf der Spitze eines Tunncs aufgestellt ist und die, wenn sie durch den Wind in rotierende Bewegung versetzt wird, eine Dynamomastbine antreibt, von der aus die elektrische Kraft in Akkumulatoren aufgespeichert wird. Der Windmotor kann natürlich auch bei Nacht laufen, so daß es an Kraft so gut wie nie fehlt. Für den Fall, daß trotzdem infolge längerer Windstille einmal Mangel an elektrischer Kraft eintreten sollte, ist ein kleiner Petroleum- motor vorhanden. Eine ähnliche Anlage wird von einer Elektriziläts- gesellschaft zu Willesden Green betrieben. Diese überträgt die durch Windturbinen erzeugte Kraft von der Dynamomaschine zunächst auf Akkumulatoren, und ein geistreiches automatisches Hemmungs- verfahren sorgt dafür, daß bei starkem Sturm die Akkumulatoren nicht über ihre Leistungsfähigkeit hinaus belastet werden. Verantw. Redakteur: Richard Birth, Berlin.— Druck u. Verlag: Borwärrs Buchtrucker« u.Verz«g«an>mtt Paul Singer öeEo..Bertln LVi.