Anterhalwngsblatt des Horwärts Nr. 118. Freitag, den 17. Juni. 1910 lMaSdruS eetSel«.* 543 Die Evern* Roman von VicenteBlasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Es überkamen ihn wieder die Gefühle, die ihn oft als Anfänger beseelt hatten, jener wilde, schnelle Entschluß, sich blindlings und tollkühn auf das Tier zu stürzen, möge kom- tnen, was da wolle. Aber sein Körper wollte ihm nicht ge- ihorchen. Der Geist.war stark, aber das Fleisch schwach. Seine Arme schienen sich zu bedenken, seine Beine scheuten vor der Gefahr und lehnten sich entschieden gegen die Ansätze seines Willens auf. Außerdem besann sich das Publikum eines Besse- ren und stand von weiteren Beleidigungen ab. Alle legten sich Stillschweigen auf. So durfte man nicht mit einem Manne verfahren, der noch in der Genesung begriffen war nach einer überstandenen schweren Verwundung. Das war der Arena Sevillas unwürdig. Man wollte doch sehen, ob es noch Anstand gabl Gallardo machte sich diese Anwandlung von Mitleid der Menge zunutze, um sich aus der Patsche zu ziehen. Von der Seite gegen den Stier angehend, versetzte er ihm einen schlech- ten, verräterischen Stich. Wie ein abgetaner Schlachtochse stürzte das Tier zu Boden, indem es aus dem Maul einen Strom Blutes vergoß. Einige applaudierten, ohne zu wissen, warum, andere pfiffen, und die große Masse verhielt sich still. — Man hat ihm verräterisches Hundevieh vorgeschmissen schrie Don Joss von seinem Sitz aus, trotzdem es Stiere aus der Züchterei des Marquis waren.— Das sind keine Stiere! Wir werden schon später sehen, wenn man uns wirk- liche Rassetiere geliefert haben wird! Als Gallardo die Arena verließ, fiel ihm das Still- schweigen der Menge auf. Ganze Scharen gingen an ihm vorüber, ohne im geringsten Notiz von ihm zu nehmen. Nicht einer folgte seinem Wagen wie sonst, der elende Schwärm der Neugierigen, die draußen vor dem Tore standen, die Nachrich- ten über den Verlauf des Stiergefechts aufzufangen pflegten und noch vor Beendigung der Vorstellung genau über alle Zwischenfälle und die Heldentaten der Matadore unterrichtet waren. Gallardo kostete zum ersten Male die Bitterkeit des Mißerfolges. Selbst seine Banderilleros waren schweigsam und nieder- geschlagen, wie Soldaten nach einer Niederlage. Als er aber nach Hause kam und sich von seiner Mutter, seiner Frau und seiner Schwester umarmt fühlte, und seine kleinen Neffen ihm die Beine umklammerten, spürte er, wie die Traurigkeit Plötz- lich von ihm wich.— Verflucht nochmall Die Hauptsache war, am Leben zu bleiben, der Familie keine Unruhe zu ver- Ursachen, sein Geld einzuheimsen, wie andere Stierfechter auch, ohne Tollkühnheiten, die zu nichts Gutem führen. In den darauffolgenden Tagen fühlte er das Bedürfnis, sich in der Oeffentlichkeit sehen zu lassen und mit seinen Freunden in den Caf6 und Klubs der Sierpesstraße zu sprechen. Er glaubte, daß seine Anwesenheit den Verleum- dern Stillschweigen auferlegen werde, so daß sich weitere Kom- mentare über seinen Mißerfolg vermeiden lassen könnten. Ganze Nachmittage verbrachte er in der Gesellschaft der be- scheidenen Aficionados, die er lange vernachlässigt hatte, um mur mit den vornehmen Leuten zu verkehren. Sodann betrat er den Fünfundvierzigerklub, wo Don Jos6 seine Ansichten durch Schreien und Gestikulieren geltend machte und, wie immer sich mit Feuer für den Ruf Gallardos ins Zeug- legte. Prächtiger Don Jos6! Seine Begeisterung war unver- wüstlich, bombenfest, und es fiel ihm nicht einmal im Traum ein, daß sein Matador anders werden könnte, als er ihn kannte. Er übte keine Kritik aus und hatte keinen Vorwurj für den Mißerfolg, vielmehr übernahm er es, ihn zu ent- schuldigen und obendrein mit seinen guten Ratschlägen zu trösten. „Du bist noch nicht wieder hergestellt, mein Junge. Ich sag' es noch einmal, meine Herren, wenn er vollständig wieder auf den Beinen ist, sollen Sie es schon sehen. Mach' es nur so, wie früher. Du gehst schnurstracks auf den Stier los, mit der Unerschrockenheit, die Dir Gott gegeben hat, und paff.., fitzt der Degen bis zum Griff drinnen. Du steckst Dir das Biest einfach in die Tasche!" Gallardo hörte ihm kopfnickend und mit einem rätsel« haften Lächeln zu. Sich den Stier in die Tasche stecken! Ep wünschte nichts anderes, aber ach, sie waren so groß und so störrig geworden, als ob sie gewachsen wären in der Zeit, dgi er auf dem Schmerzensbett lag. Das Spiel tröstete Gallardo und ließ�ihn seine Besorg« nisse vergessen. Er fing mit erneuertem Eifer an, sein Gelb» am grünen Tisch loszuwerden, umgeben von jenen jungen Leuten, die von seinem Mißerfolg keine Notiz nahmen, weil er ein vornehmer Torero war. Einst nahmen sie ihn mit nach der Gartenwirtschaft Eritana. Es gab einen großen Polter« abend mit einigen lustigen Ausländerinnen, die mehrere der jungen Leute von Paris her kannten. Die Damen waren nach Sevilla gekommen, um die Feste der Ofterwoche und die Feria zu sehen, und wünschten nun noch, die Stadt von ihrey charakteristischen, malerischen Seite kennen zu lernen. Ihre Reize waren schon etwas verblüht und durch die künstlichen Hilfsmittel der Eleganz aufgefrischt, aber trotzdem fühlten sich die jungen Herren mächtig durch den Zauber des Fremd- artigen angezogen und gestatteten sich Zutraulichkeiten, die selten auf Abwehr stießen. Die Damen wünschten, einen Torero kennen zu lernen« den berühmtesten und hübschesten, jenen Gallardo, dessen Bild« nis sie schon auf Streichholzschachteln und Ansichtspostkarten gesehen hatten. Nachdem sie ihn in der Arena bewundert, hatten sie ihre Freunde gebeten, ihn ihnen vorzustellen. Die Versammlung fand im großen Speisezimmer der Eritana, einem mitten im Garten gelegenen und im arabischen Stil dekorierten Saale, statt. Es war eine ganz gemeine und arm- selige Nachahmung der herrlichen Alhambra. In diesem Saal fanden auch politische Festessen statt. Hier brachte man mit rednerischer Begeisterung Trinksprüche auf die Wiedergeburt des Vaterlandes aus, und hier wiegten sich die Weiber beim Klang der Gitarren im wollüstigen Tangotanz, während aus den Ecken Geräusch von Küssen gehört wurde und unter Ge« kreisch Flaschen klirrend in Stücke flogen. Gallardo wurde von den drei Damen wie ein Halbgott empfangen. Sie vergaßen ihre Freunde völlig und hatten nur mehr Augen und Ohren für ihn. Sie stritten sich um die Ehre, an seiner Seite zu sitzen und liebkosten ihn mit Blicken wie brünstige Wölfinnen.... Sie erinnerten ihn an die andere, die Abwesende unZ fast Vergessene, mit ihren goldenen Haaren und den elegan« ten, und der verführerische Dust, der ihren Leibern entströmte« lullte ihn ein in einen süßen Taumel. Die Anwesenheit ihrer Begleiter trug dazu bei, die Er« innerung noch lebendiger zu gestalten. Alle waren sie Freunds von Donna Sol: einige sogar gehörten zu ihrer Familie. Man aß und trank mit jener wilden Gier, die bei nächt, lichen Gelagen nicht selten ist, zu denen man mit der festen Absicht geht, in allem des Guten zuviel zu tun, wo man sich so schnell wie möglich zu berauschen sucht, um in Stimmung zu kommen. In einem Winkel spielten einige Zigeuner auf ihren Gi« tarren und stimmten melancholische Lieder an. Eines jene» Weiber sprang in der Begeisterung einer Neueingeweihten auf den Tisch und bewegte schwerfällig die üppigen Hüften. Sie wollte die Tänze des Landes nachahmen und sich mit den Fortschritten brüsten, die sie unter Anleitung eines fevilla« nischen Tanzlehrers in wenigen Tagen erzielt hatte. �.saura, malaja, soLa.— schrien ihr mit spöttischem Lachen die Anwesenden zu, indem sie wie rasend in die Händg klatschten. Es waren dies pöbelhafte Schimpfnamen, die be, sonders auf ihren Mangel an Grazie und Gelenkigkeit ge- münzt waren, dabei aber bewunderten die Spötter mit glühenden Augen die üppigen Formen der Frau. Sie hattg keine Ahnung von dem Sinn dieser Zurufe, faßte sie, stolz auf ihr Können, als begeistertes Lob auf und fuhr fort, ihro Hüften zu wiegen, wobei sie die Arme um den Kopf hob, wie die Henkel einer Amphora, und. den Blick starr gegen die Zimmerdecke richtete Tegen Mitternacht Karen alle trunken. Die Weiber öer- loren jedes Schamgefühl und umzingelten den Stierfechter mit ihren Zudringlichkeiten. Er ließ sich willenlos von den lHänden, die sich ihn streitig machten, hin- und herzerren, wahrend er ab und zu feurige Küsse auf Wangen und Hals fühlte. Er war berauscht, aber sein Rausch war trübselig. Ha, die andere! Die wirklich Blonde! Das Gold dieser Haare um ihn herum, die sich zu lösen begannen, war künstlich, es bedeckte ein grobes hartes Haar, brüchig und hart geworden infolge der angewandten chemischen Mittel. Die Lippen fchmeckten nach parfümierter iöutter. Seine Einbildung ließ ihn durch die feinen Parfüms hindurch den Geruch gemeiner Abkunft herauswittern. Ach, die andere, die anderes... iFortsetznng folgte tZMchdnia betfip»«.! 12] Die Geschichte einer Liebe. Lon Johan Sljoldborg.— Berechtigte Uebersetzung aus dem Dänischen von Laura Heidt. Sara kommt erst spät, da es daheim viel zu tun gab.- Mit einer Jacke auf dem Arme zeigt sie sich an der Krümmung eines Kußsteiges, der auf den Festplatz hinaus mündet; sie beeilt sich. Au der Mündung des Waldweges hält sie einen Augenblick inne, rot und warm und erregt. Sie trägt das weiße Waschkleid; eine dunkelrote Rose hat sie auf der linken Seite befestigt, und auf dem schweren goldigen Haar sitzt ein englischer Hut. Im Nu hat sie alles in sich aufgenommen: die Flitter und Glasperlen auf dem rundgespannten Theateratlas des Karussells, die Polkatöne von der Estrade drüben, das Klingeln der Kraft- vrobe, begleitet von dem Rufe:„Herkules!"— alle diese Eindrücke, die zusammen dem Volksfeste den bestimmten Charakter verleihen. Der Anblick all dieser Dinge spiegelt sich auch in ihrem Gesichts- ausdruck wider. Aber im Grunde bleibt sie ruhig; ihr Blick und ihr stilles Lächeln erzählen von einem inneren Reichtum, der allen äußeren Festglanz weit überstrahlt. Sie trägt einen Schatz in ihrem Herzen, und sie weiß es. Zur Linken steht Anders' Verwandte, das dunkle Mädchen, das auf dem Winterball ein weißes Alpakkakleid trug. Heute trägt sie ein grünes Wollkleid mit reichem Seidenbesatz und einen breit- randigen schiefen Hut. Sie spricht mit dem Verwalter von Hallun- gaard und ritzt dabei auf dem Erdboden Figuren mit ihrem hübschen hochspannigen Fuß. Als sie Sara gewahr wird, beobachtet sie sie scharf. Aber Sara macht sich nichts daraus; sie ist merkwürdigerweise nicht mehr ängstlich beim Anblick dieses hübschen und flotten Mädchens aus Anders' Verwandtschaft. Sara wendet sich den Tanzenden zu, wo Anders Ellen von Vadgaard herumschwenkt; sie erkennt Ellens schweren gelben Nacken- knoten. Und auch das beunruhigt Sara nicht, obgleich Ellen sich dicht an ihn drängt. Sara lächelt nur zuversichtlich. Es dauert auch nur wenige Minuten, da führt Anders sie zum Tanz; seine hellen Locken und ihr dunlelrotes Haar vermischen sich, während sie sich drehen und zwischen den anderen hindurch- schlängeln. Nachdem sie ohne Unterbrechung drei, vier Tänze miteinander getanzt haben, gehen sie zusammen mit Ellen und Anders' Ver- wandte an einen Tisch, der frei unter überhängenden Zweigen steht, um etwas Erfrischendes zu sich zu nehmen. Unterwegs messen die Damen gegenseitig ihren Putz. Ein Kreuzfeuer von Blicken ergießt sich über Posamenten- und Seiden» besotz, Silberketten und Goldarmbänder; es funkelt von hastigen Klicken. Aber da ist noch soviel anderes, das die Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Ein 17jähriger Bursche in viel zu großen Stiefeln und ein IKjähriges Mädchen mit schief sitzendem Hut taumeln seltsam halt- los aus dem Tanzsaal heraus; sie halten sich an der Hand. Er will indessen wie ein richtiger Kavalier auftreten und ergreift des Mädchens Arm. Aber er tut es so ungeschickt, daß es ganz komisch Wirkt; sie verstehen nicht, miteinander zu gehen. Am Tische drüben lachen sie, leise und erfahren, über daS allzu junge Paar, das im größten Ernst an ihnen vorbei über den Bälatz schreitet. Plötzlich blitzt eine rote Seidentaille auf; es ist eine der Töchter sson Skovlund. „Guck die'mal an," sagt Anders' Verwandte.„Die magst Du wohl leiden, wie?" Anders schüttelt den Kopf. Die Tochter von Skovlund sende! ihm aus der Ferne einen langen Blick „Aber sie mag Dich, daS ist keine Frage." Und sie sowohl als Ellen kichern. „Hast Du nun nicht trotzdem ihr ein bißchen den Hof gemacht?" fragt die Verwandte kokett. Inders schüttelt abermals den Kopf, lächelt aber dabei. .Doch Du!" sagt Ellen, kneift die Augen zusammen und Befvegf den Kopf, als wolle sie sich in Anders' Herz hineinbohren. Aber Sara sitzt so ungezwungen da und blickt so einfältig un» sich, und in ihren großen blauen Augen ist ein so sicherer Glanz. Ein Stück von ihnen entfernt steht eine Gruppe junger Leute; die Mädchen klammern sich fest aneinander, Arm in Arm. Die Burschen dagegen stehen einzeln und wiegen sich in den Hüften, während sie mit den Mädchen sprechen. Das Ganze sieht so un- schuldig aus. Es wird kein Gewicht gelegt auf das, was man spricht. Aber sie sind vergnügt über dieses Nichts, so glücklich zu existieren, heute einen freien Tag zu haben, einer in des anderen Nähe zu sein, dicht beieinander— die flinken Burschen und die prächtigen hellgekleideten Mädchen. Danach haben sie sich gesehnk am Werkeltag daheim. Nun sind hier so viele versammelt, und eines ermuntert den anderen. Sie brauchen sich nur anzusehen, dann zündet es schon. In Hunderten von Augen rings umher flammt es auf wie ein großes Feuer der Jugendfreude. Darum ist hier heute ein Fest. Plötzlich ertönt von der Musrktribüne her ein flinker Galopp. In all den jungen Körpern gibt es einen Ruck; das Gespräch ver» stummt, und sie horchen erwartungsvoll. Sie leben in den Tönen, Für sie besteht das Leben eben aus Tönen. Dieser Festplatz ist wunderbar. Es ist ein Laubsaal, den die Natur inmitten der Kornfelder errichtet hat, durchleuchtet von Gottes Sonne. Und nichts wirkt derartig auf das junge Gemüt als Hornklänge im Walde; sie sind Traum und Sehnsucht. Drüben am Tisch, wo das Licht in den Gläsern funkelt, empfinden sie dies alles, während sie aus voller Brust die zitternd« Lust einatmen. Als bald darauf Saras Walzer gespielt wird, erhebt sich Ander? und sagt beinahe feierlich:„Wollen wir beide den tanzen?" Sara folgt ihm, überreich. Und demütig in ihrer Freude, denkt sie einen Augenblick an die beiden, die zurückbleiben müssen. Aber diese lästern, als sie geht. Sara ist gewachsen, sie ist gereift, sie ist nicht mehr so lebhast wie stüher, sondern stiller und innerlich tief glücklich. Dann tanzen Anders und Sara ihren Walzer miteinander. Sie lehnt sich vertrauensvoll an seine Schulter; sie schmiegt sich in seinen Arm, und er führt sie beschützend und mit ritterlicher Sorgfalt. Es ist fast, als wären es nicht zwei Wesen, sondern nur eins, so bewegen sie sich eng umschlungen nach dem Takt und den Tönen in rhythmischem Rausch. Sie genießen seine ganze Seligkeit. Immer höher steigen sie in schwebender Luft; alles andere wirb in weite Fernen gerückt, klein, irdisch; sie aber empfinden eine hohe und himmlische Freude, und sie haben einen unirdischen Ausdruck; sie lauschen feinen und seltsamen Klängen. Die weichen Sommernachtsschatten senken sich herab. Paarweise verschwinden die Jungen vom Festplatz hinein in den Wald; sie spazieren ein Weilchen herum und unterhalten sich gedämpft an dem warmen Abend. Oder sie schreiten fast schweigend dahin. Sie gehen nur zusammen in der hellen Nacht. Rings um- her, ganz weit drinnen, sieht man sie zu zweien zwischen den Baumstämmen, schweigsam und träumend. Auch Anders und Sara entfernen sich; auf dem Waldweg tastet er nach ihrer Hand; sie gibt sie ihm so zuversichtlich und treu. Sie weiß, es ist fürs Leben. Wohin sie kommen, gehen zwei und zwei, und auf jeder Bank sitzt auch ein Paar. Sie gehen immer weiter. Der Festlärm erstirbt mehr und mehr, je weiter sie sich entfernen. Als sie aus dem Walde heraustreten, leuchtet der Mond klar und golden auf sie herab, und die beiden sind allein. Sie schreiten am Grabenrand entlang, von wo die Minze süß und würzig ihnen entgegenduftet. Sara schürzt ihr weißes Kleid, damit es vom Grase nicht naß wird. Sie biegen ab am Sumpf, wo das Schilf steif und aufrecht steht und nur die weichen Schilfblütenbüschel sich im leisen Lustzug regen, wohl auch eine einsame Rohrdommel durch die Stauden huscht. Die Luft ist lau und so lockend. Sie setzen sich an den Rand eines Gersten feldes. Die saftige breitblättrige Gerste steht dicht und hängt voll schwerer Tautropfen. Es braut und wächst der Ernte entgegen rings um sie herum. In diese Stille der Nacht hinein haucht Sara: „Daß wir beide so glücklich sein sollen." „Ja," flüstert er und küßt sie. Sie sinkt an seine Brust, zärtlich und unterwürfig. Endlich sind zu Hause angelangt, und wie wenn es ganz selbst. verständlich ist, geht er mit ihr hinein in ihre Kammer unL bleibt da die ganze Nacht. S. Am nächsten Morgen, als Sara die Augen aufschlug, war sie im selben Augenblick ganz wach, ihr Gehirn so scharf und klar, als fei ihr ein großes Glück oder Unglück widerfahren. Wie ein Blitz durchfuhr es sie, daß etwas ganz Außergewöhnliches geschehen sei, weit über die Grenzen dessen hinaus, das sie bisher gekannt hatte. Etwas, das nie wieder ungeschehen zu machen war. Und etwas, von dem niemand in der Welt etwas wissen durfte, außer ihr und Anders. Es war etluas Geheimnisvolles, das sie beide noch enger aneinander kettete: ihr teueres Geheimnis, das sie verband gegen alle Vernunft. Sie Wie ihm alles gegeben.—*?"•- Und sie lächelte, von Glück berauscht, bei diesem Gedanken. Sie und Anders waren nicht mehr zwei Wesen. Sie schloß die Augen in Erinnerung an das Vertraulichste zwischen zwei Menschen, das Zärtlichste, das Seligste, das sie jemals erlebt hatte... Aber dann fuhr es wie ein eisiger Kälteschauer durch das Ganze. Was hatte sie verloren, verloren für ewige Zeiten! Sie fühlte sich allein draußen, wo die Stürme brausen, wo das Unwetter unerbittlich über den Geschöpfen dieser Erve tobt. Und die Angst malte sich auf ihrem Gesicht— wie der Schatten von etwas Dunklem, das über unserem Haupte daherbraust. Aber mochte es nun Glück oder Unglück sein; auf alle Fälle bedeutete es einen Schritt tiefer hinein in das wunderbare Leben. Einen Schicksalsschritt vielleicht. All dieses durchfährt auf einmal ihre Nerven, zittert durch ihr Wesen. Es erhöht das Lebensgefühl. Sie springt aus dem Bett; noch länger darin zu liegen, ist ihr unmöglich. Sie schlüpft in einen grauen Unterrock mit roten Streifen, und dann, erfaßt von einem plötzlichen Gedanken, eilt sie zum Spiegel. Ob ihr wohl irgendeine Veränderung anzumerken sei? Sie streicht sich über das Gesicht und schaut. Sie kann nichts entdecken, leine Spur. Sie bindet ihren Rock, während sie dasteht und tief nachsinnt. Wieder muß sie zum Spiegel hin; sie hat keine Ruhe. Sie führt die Finger über die Augen und starrt ihr Bild an, als sei es das einer Fremden; sie selber kann keine Veränderung ent- decken... (Fortsetzung folgt.» freiligratb, cter Dicbter der Politik. Politisch Lied, der Donner, der Felsenherzen spaltet, Du heil'ge Dil flamme, zum Siegeszuz entfaltet, Du Feuersäule, dem Volke aus Knechischastswüsten hellend, Du Jericho-Posaune, des Zwingherrn Bollwerk all zerschellend I Du schwebst wie Fahnen und Adler den Heeren rauschend vor: Beit Weber und Tvrtäos, Rouget und Arndt im Chor l Du.(Ja ira 1"— Die Klänge aus BörangerS Verlieh I »Noch ist Polen nicht verloren I"—.Der Gott, der Eisen wachsen lieht" Anastasius Grün. I. Am 28. August 1849, in den Zuckungen der deutschen Revolution, wurde in zahllosen Reden und Ansprachen, Artikeln und Gedichten die IVO. Wiederkehr des Geburtstages Goethes als ein Beschwörungs- fest der Beruhigung gefeiert. Alle Gutgesinnten zogen sich den Frack und eine abgeklärte Weltanschauung an und zeigten den rauher Politik abgewandten Genius dem friedensbedürftigen Publikum vor, wofern nicht der eine oder der andere, so in der Frankfurter Festrede, den Weimaraner selbst als Befreier, nach einer besonders stilisierten Idee der Freiheit, würdigte. Und wo immer, inmitten der Gärung der Zeit, GoetheS Wesen als Opiat benutzt und gepriesen wurde, immer wurde neben ihn mit einem miß- billigenden Seitenblick zur Abschreckung die Figur eines Zeitgenossen aufgestellt, der eben noch ein so berühmter und bewährter Dichter war, daß ihm der König von Preußen sogar eine Zivilliste von 300 Talern jährlich bewilligte, der aber nunmehr sich in die Niederungen des garstigen politischen Liedes traurig verirrt habe: Der tote Goethe wurde zum Leben erweckt, um den lebendigen F r e i I i g r a t h ästhetisch und moralisch totzuschlagen. Als das zahme Cottasche„Morgenblatt" eine eben in dem gleichen Verlage erschienene Ausgabe Freiligrathscher Gedichte anzeigte, spottete es über die vermittelnden Hofräte, Doktoren, Konrektoren, Assessoren, die als Festredner, im Zentrum des ästhetischen Parlaments deutscher Nation, übereinstimmend ihr Vowm dahin abgegeben hätten, daß Goethes Ruhe in politischen Dingen allerdings ein wenig zu olympisch, Freiligraths Gebärden in neuester Zeit immerhin allzu titanisch erschienen. So gewaltig ragte in jenen Tagen der stärkste Dichter der Politik, daß man seinen Einfluß nur schwächen zu können glaubte, wenn man ihn durch den Größten der deutschen Kunst beschattete. Alle Gutgesinnten wagten nur mit Ehrfurcht von dem Manne zu reden, der ein Jahr zuvor unter der Anklage des schwersten Verbrechens vor Gericht gestanden hatte und der bald über den Kanal gejagt werden sollte, verfolgt von den gemeinen Beschimpfungen des preußischen Polizeikönigtums. Ueber all den ästhetischen Vorwändfn und Einwänden wider die politische Dichtung war in jener Zeit doch der Eindruck nicht zu verwirren, daß in den Vorwehen und Stürmen der deutschen Revolution der einzige im- vergängliche Dichter der Politik geboren ward, den daS deutsche Schrifttum kennt, und daß in ihm zugleich das bestrittene Recht der politischen Dichtung für alle Zeit erwiesen war. Nicht als ob Freiligrath die politische Dichtung entdeckt hätte. Nein, er war nur einer in einem unübersehbaren Gewimmel poli- lischer Poeten. Ungefähr mit Goethes Tode begann ein Geschlecht sich zu regen, das nach PlatenS Wo.t nicht mehr sich harmlos in die Pflanzenwelt versenkte, nicht mehr kantigen Bergkristall anschaute, sondern tief ergriffen war von des Menschengeschicks Entfaltung. Eine ältere Generation wurde von den Oesterreichern geführt, dem Anastasius Grün und dem sozial tief bewegten Karl Beck. Ihnen folgten die unmittelbaren Künder der Revolution von 1348, Herwegh, Hoffmann v. Fallersleben und— krönend zugleich und abschließend— Ferdinand Freiligrath. Zahlreiche kleine Musikanten der gereimten Freiheit umgaben die Unvergeffenen. Die politische Lyrik war Mode und sogar Geschäft. Schrieb doch einmal Heinrich Heines Verleger, der listige und gerissene Ausbeuter der preußisch konfiszierten Literatur, Julius Campe, an Hoff« mann, er solle für den zweiten Teil seiner Unpolitischen Lieder nur recht lustig sammeln:„Die Zeit ist nicht poetisch, sie gähnt wie ein vollgefressener Gourmand, der nur nach Pikantem greift. Hausmannskost reizt ihn nicht mehr, von allen: ist genug da. Wenn der Lümmel gestachelt wird, dann erst regt er sich und wird mobil." In dieser Zeit des erwachenden politischen JntereffeS, da alle Probleme noch frisch, alle Diskussionen unverbraucht waren und zudem diese ganze gereimte Revolte behördlich verboten war, ge« hörte die politische Anspielung zu den Pikanterien. Die preußische Staats« Weisheit dachte über die politischen Reimereien so wie das preußische Ministerium 1842 den Beschluß begründete, der Hoffmann von seiner Breslauer Professur absetzte:„Der Inhalt dieser Gedichte hat als ein durchaus verwerflicher erkannt werden müssen. Es werden in diesen Gedichten die öffentlichen und sozialen Zustände in Deutsch« land, und respektive in Preußen, vielfach mit bitterem Spott an« gegriffen, verhöhnt und verächtlich gemacht; es werden Gesinnungen und Ansichten ausgedrückt, die bei den Lesern der Lieder, besonder? von jugendlichem Alter, Mißvergnügen über die bestehende Ordnung der Dinge, Verachtung und Haß gegen Landesherrn und Obrigkeit hervorgerufen und einen Geist zu erwecken geeignet sind, der zunächst für die Jugend, aber auch im allgemeinen nur verderblich wirken kann." Die Massenerzeugung von allgemein und unbestimmt schwärmender Freiheitspoesie war am reichsten vor der Revolution. Die Tat verscheuchte dann die Menge der Unbeträchtlichen, denen es schwül ward bei dem Gedanken, sie könnten am Ende die blutigen Wirklich« leiten reimend verschuldet haben, und schuf so Raum für die mächtige Gestalt des Größten, der die Revolution ahnend rüsten half, sie dann zornig anklagen und gewaltig wecken ließ, als ein Freischärler der Dichtkunst mitkämpfte und mit ihrem Zusammenbruch ver« stummte. 1850 ist es mit der politischen Lyrik überhaupt zu Ende. Mit einem satirischen Lächeln der Ueberlegenheit wandte man sich von der Revolution und der revolutionären Lyrik ab, etwa in der Stimmung, die ein Tagespoet Ende 1349 in der verödeten Pauls« kirche empfand: Ha, diese Pulte, wie sie seltsam mich Und wie zum Hohn den dreigefärbten Fahnen An dich, mein armes Vaterland, an dich, Das tiefer noch als sie zerschnitten, mahnen! Wo deine Größe, wo dein junger Stolz, Wo deines Mutes ftisches Atemholen? Am Tage nackt liegt nun das rohe Holz l Das schöne Grün der Hoffnung ist gestohlen! Hinatls I— Gottlob I— Wie scheint das tiefe Blau Des freien Himmels jetzt mir doppelt heiter t Ein gutes Denkmal, Frankfurt, ist der Bau, Und ein Magnet für deine Freunde weiter. Es bringt ein hübsch Stück Geld in deinen Sack, Ein neuer Segen sür die Krämerkasse. Geht mir mit eurer Freiheit I— dummer Schnack l Fort, Kutscherl in die Eschenheimer Gassei Um da? Recht der politischen Lyrik wurde in der revolutionären Zeit heftig gestritten; sie war ja zumeist nur Literatur und deS« halb Gegenstand von Literatendiskussion. Trutzig sang Robert Prutz t Nun gut I so rutscht denn auf dem Knie Und räuchert eurem Fetisch, Und klagt, die neue Poesie Sei gar zu unästhetisch: Dich, deutsche Jugend, dich allein, Dich suchen diese Liederl Dein Ohr ist wach, dein Herz ist rein, Dein Busen hallt sie wieder! Grillparzer aber höhnt in holprigen Versen die lyrischen Helden, die für die Freiheit gestorben, das heißt: in okLgis: Was sonst noch deS Fortschritts Bürgschaft; Zolleiuung und Eisenbahn, Zwei-Kammern-, Drei-Felder-Wirtschaft Beut sich zum Besingen Euch an. In einem„Grenzboten"- Aufsatz stellt 1844 Hieronymus Lorm eine Theorie der politischen Dichtung auf:.Je ausschließlicher in unseren Gedichten die Freiheit besungen wird, desto mehr ist zu be« fürchten, daß die Freiheit immer ausschließlicher— zum Gedichte werde". Das Unfertige, Werdende lasse sich nicht dichterisch ge« stalten, die Lyrik werde dabei befleckt und erstickt vom wirbelnden Staub, � den die irdischen Kämpfe aufwühlen.„Nur die Geschichte» nicht die Poli tik kann zu lyrischen Gefühlen anregen". Und als Freiligrath selbst im„Glaubensbekenntnis' den Umschwung vollzog und auf die biS dahin mißachtete Zinne der Partei trat, tönte ihm die Kritik entgegen, nichts sei komischer als ein Poet, „der seine Gedichte herausgibt, wie man ein Examen ablegt". In dem Bruch einer innigen Jugendfreundschaft wird für Freiligrath der Uebergang zw: politisch-revolutionären Dichtung zum tiefen persönlichen Erlebnis. Hier scheiden sich in den Wegen zweier Menschen zwei Kunstauffassungen. II. Sofern in den Bedenken gegen die politische Lyrik nicht bloß reaktionäres Söldnertum hinter ästhetischen Ausflüchten Deckung sucht, sind derlei Gründe ein Kulturgeständnis deutscher Eigen- art. Die Politik kann, wie alle Dinge der Welt, an sich Stoff der Lyrik sein. Nicht um den Stoff handelt es sich, sondern um die Frage, ob sich der Stoff so innig in die Empfindung des Künstlers auflösen läßt, daß er als persönliches Erlebnis in ihm wiedergeboren wird, ob das Allgemeine zur besonderen Angelegenheit werden kann, das Geschehnis für alle oder auch nur das Programmund die Forderung für alle, zum Eigentum und Schicksal, zur innersten Notwendigkeit für den Einen zu werden vermag. Das Recht der politischen Lyrik bestreiten, heißt das Interesse an der Politik leugnen. Denn selbst wenn die wirkliche Politik so tief versunken und entartet ist, daß sie nur Ekel erregt, erfüllt gerade die mögliche Politik das unvcrkrüppelte Menschentum mit gesteigerter Inbrunst. Nur der schließt die höchsten Angelegenheiten der Menschheit von der künstlerischen Verdichtung aus, dessen Seele so leer und stumpf ist, daß ihm die Sache des Staates und der Gesellschaft keine Gefühlsregung weckt und nie die herrliche Leidenschaft der wollenden Vernunft entfesselt. Wer in der Politik wahrhaft lebt, der wird unwiderstehlich zum politischen Lyriker, wenn er überhaupt ein Dichter ist. So entblößt der Kampf gegen die politische Lyrik die Unlebcndigkeit des politischen Jnter- rsses, dem es nur deshalb unmöglich ist, den gegebenen Stoff in der aufgewühlten Seele empfindend zu versenken und anschauend zu gestalten. Für Freiligrath war die Politik großes Erleben, ungeheueres Wagen, befreiende Weltbewegung. Sie brach jede Knechtschaft, nicht nur die Tyrannei der Fürsten und Reichen, der Junker und Pfaffen, sondern auch die Knechtschaft des Alltags, die Gebundenheit des öden Getriebes, dieses Schleichen ohne Zorn und Haß, diese? Einerlei einer schlaffen und schläfrigen Ordnung. Indem er das Leben der Politik in die Poesie aufnahm, wollte er die Poesie in das Leben der Politik einfüllen. Er sehnte sich, die jämmerliche Zerrissenheit des kleinen Handlungsgehilfen Freiligrath und des nach großem Gestehen schmachtenden Dichters zur Einheit aufzulösen. Leben und Dichten, Begehren und Handeln, Schauen und Schaffen sollte Eins werden. Die erhitzten Phantasien seines jugendlichen Wüstenkönigtums waren nur eine grelle MaSke für die Sehnsucht nach bewegtem Leben, die noch ihr natürliches Antlitz nicht gefunden hatte: in dem Fieber unerhörter Traumbegcbenheitcn, die unter tropischer Phantasiesonne ausgebrütet wurden, berauschte und verzehrte sich der Drang nach erhabenen Wirklichkeitc:i. So ward Freiligrath in demselben Augenblick zum unsterblichen Poeten, als sein ferne Geheimnisse er- lauschendes Ohr die große Bewegung auf heimatlicher Erde heran- nahen hörte: seine Kunst wurde im Frührot der Märztage gebore,,, reiste in ihrer entfesselten Beloegung und starb in ihren. Zusammen- bruch. Und wenn im Alter spät und einsam der deutsch-französische Krieg dem Dichter ein paar verlorene Töne entlockte, wieder war es nur die starke Bewegung, die auch in der feindseligen Verzerrung noch ihn flüchtig reizte, bis er fühlte, daß diese Beloegung fremder Mächte nicht zugleich die Bewegung seines eigenen Gemüts sein konnte. So erklärt sich innerlich seine jähe Wandlung vom Gegner Herweghs zu seinem Gefährten. Die herannahende Revolution be- freite ihn von Hemmungen, die ihn zurückgehalten hatten: nun wurde er, was er immer gewesen. Das Lied der ringenden Mensch- heit blühte ihm auf. Und in der fröhlichsten Zeit seines Lebens, als er im Glück junger Liebe und im Glanz schnell erworbenen Dichterruhms, ein freier Rheinstedler, nur veranlagt schien, den Gc- sättigten und Gutgesinnten durch bunte Märchen und weinfreudige Lieder die Zeit zu kürzen, trat er als glühender Kläger und wilder Richter Wider sie auf, bereit, ihnen den Kopf zu kürzen. Freiligrath war in jener Zeit der Wandlung am wenigsten ein Grämling.' Aus den Briefen, die zwischen ihm und seinem der- trautesten westfälischen Jugendfreund, Levin Schücking, gewechselt wurden, wissen wir, wie der rüstige Wanderer zu jedem tollvergnügten Streich aufgelegt war und auch den Abenteuern der Minne nicht aus dem Wege ging. Revolution ist Leben, und alle großen Revolu- tionäre und Revolutionen wußten zu lachen, zu singen und zu tanzen, mit den, Dasein zu spielen, um es zu gewinnen. Kürzlich sind Briefe veröffentlich worden, die zeigen, wie der konservative Levin Schiicking, der sich Aristokrat dünkte, den Uebergang des Freundes ins Lager politisch-revolutionärer Richtung aufnahm; und wenn auch die Aeußerungen, die Schiicking in einem Brief an seine Braut schreibt, zuungunsten Freiligraths gefärbt sind, dem er aus privatem Anlaß damals gram sein durste, so zeigen doch gerade diese Bemerkungen die ganze Acnßerlichkeit und Berständnislosigkeit des sich erhaben und überlegen fühlenden Aestheten. Freiligrath hatte dem Freunde seine Wandlung mit den Leistungen der reaktionären Schreckensherrschaft Friedrich Wilhelms IV. begründet, mit dem Ber- bot demokratischer Zeitschriften, der Verbannung Herweghs, der Ab» setzung Hoffmanns.„Ich sehe daraus," schreibt Schücking seiner Braut am 21. Februar 1343,„daß man den guten Ferdinand, indem man ihn mit Gewalt in die Politik drängte und er so schwach war, sich dahin drängen zu lassen, unwahr gegen sich selber gemacht hat. Eigentlich kümmert ihn das Verbot jener Blätter gar nicht, und wenn er Herweghs Verbannung als etwas ihn Kümmernde? in die gleich« Reihe setzt, so ist daS Wind. Sie hat ihn gesteut, wie sie mich amüsiert hat. War es für ihn ärgerlich, daß solch ein unreifer Bube allen Ruhm wie für sich in Anspruch nimmt, Reden an die Jenenser Studenten hält wie'n Alter, ihm grobe Briefe schreibt und er darüber seinen Ruhm zusammenschmelzen, in den Schatten drängen sieht?— Das hat ihn gewurmt; ist ein ärgerliches, einer Poetenseele ganz natürliches Gereiztsein darüber ein Neid, so hat die„Rheinische Zeitung" recht, wenn sie ihn neidisch nennt, denn mit Behagen und nicht in verdüsterter Stimmung ist der „Brief"(das so überschriebene Gedicht gegen Herwegh) geschrieben. Ich kenne meinen lustigen, unbekümmerten Poeten; wenn seine Ge» dichte ziehen, wenn er seine lustigen Freunde um sich hat und der Himmel ihm voll Geigen hängt, dann kann seinetwegen„der Fort» schritt" hinschreiten, wohin er will. Das soll kein Tadel sein, denn dem innerlichen Gemütsleben des Dichters liegt ein anderer Fortschritt am nächsten als dieser politische. Aber daß er sich und nun mir solche Dinge weiß machen will, des muß ich lachen.... Ihm war zu wohl in seinem Liebesstilleben, zwischen lauter Freunden, von Liebe, Bewunderung, Wohlwollen umgeben. Nun muß er einen solchen Schwabenstreich machen, um sich Aerger zu verschaffen I Aber ich glaube, es wird ihn aujstacheln, es wird ihm eine neue Verve geben, seiner Poesie einen neuen Schwung." So stemd ist diesem Freunde das Gefühl politischer Teilnahme, daß er den Umschwung des guten Ferdinand nur aus verletzter Schriftstellereitelkeit und gierigem Schriftstcllerneid zu erklären ver» mag. Aber eine dunkle Empfindung hat er doch wieder, daß Ereiligraths Kunst unter diesem Anprall heftiger Erregungen neue rast gewinnen möchte. In Wahrheit ist Freiligrath erst als Kämpfer des Lebens der große Dichter geworden. Von dem Tage an, da er mit dem„Glaubensbekenntnis" den Herrschenden und seiner eigenen Vergangenheit den Krieg erklärte» wuchs mit dem Nahen der Revolution seine Gestaltungskraft. Seine Verse wollen nicht Papier bleiben, sie wollen wirken, verwirklichen. Auch äußerlich zeigt sich, wie mehr und mehr Leben und Dichten zusammenwächst. Im Vormärz gibt er seine revolutionären Gedicht- sammlungen heraus, als der Verbannte dann aber nach dem Aus- bruch der Revolution aus England heimkehrt, wählt er an der Seite von Karl Marx die Tageszeitung zur Tribüne seiner Kunst, und endlich, indem er sein gewaltigstes Gedicht schuf, las er es in der Volksversammlung vor und ließ es als fliegendes Blatt im Einzel- druck unmittelbar unter die Massen flattern, in ihre Herzen und Fäuste wirken— Aug in Aug mit den Gerichten des Polizcistaats, die vor dem Erwecker der Toten die Lebenden bewahren wollten. Freiligrath hat keine sangbaren politischen Lieder gedichtet. Schwer und mächtig, in gewitterhast zuckendem Blitzleuchten gestaltet er die Ereignisse, die zugleich vor unserem Auge noch einmal wirklich werden und ihre heißen Lippen zu beredter Lehre, anklagend. zürnend, weckend und befeuernd öffnen. Diese Gedichte des politischen und sozialen Freiheitskampfes, in denen zuerst und am leiden» schaftlichsten die Mission des Proletariats gekündet wird, reimen keine Schlagworte, erfinden nicht Programme und Resolutionen, eS sind die zusammengedrängten Dramen der Zeit, deren Handlung ein Cho'ruS begleitet. Alles ist in ungestümes Ge» schehen, blmvolle Körperlichkeit, farbige Anschauung, tiefste Empfin- dung aufgelöst, und die Stimme des Agitators wächst natürlich aus den Dingen, aus dem lebendigen Bilde heraus. Die politischen Propagandawerke sind nur wie der Atem der sinnlich lebendigen Handlung. Schon im ersten Gedicht des„Glaubensbekenntnisses" fand Freiligrath die große Form: Der Platz ist leer, daS Volk hat sich verlaufen, Der Dampf verflog, die Schüsse sind verhallt. So hebt„Aus Spanien" an, so beginnen auch die„Toten an die Lebenden": Die Kugel mitten in der Brust, die Stirne breit gespalten. In den Gedichten von 1843 und 1849 verschwindet überhaupt jede Vorstellung, daß sie einen Verfasser haben, der sich zu Hause an den Schreibtisch setzt und geduldig seine Gedichte und Gefühle zu Papier bringt. Diese Gedichte scheinen im Getümmel des Kampfes selbst erwachsen, sie sind selbst Naturereignisse der Revolution, Wesen vonFleischundBlut; dieseVerse haben auf der Barrikade gefochten, haben gejauchzt im Uebermaß des Glücks siegender Freiheit, sind blutend nieder- gesunken, haben geklagt, gefordert, verflucht, gebetet und geschrien. In Freiligraths Gedichten der Revolution ist die Revolutiö» selbst unsterblich geblieben, und jedes Wort, das wir heute aufblättern, sprengt verwitterte Särge und erweckt verjährte Leidenschaft. Durch Freiligrath reden die Toten des 13. März in alle Zeiten lebendig zu denen, die in ihrem Gedächtnis wirken. Und so treibt der Dichter der Politik unvergänglich, ein Jahrhundert nach seiner Geburt, noch immer wirkliche Politik. Kurt EiSner. Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcre, u.Bertag»anjtaltMauiSl»ger LrEo..BerUnL�i.