Nttterhaliungsblatt des vorwärts Nr. 118. DienStag� den 21. Juni. 1910 Mdchdrua fectpien.) B6J Die Hrena, Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. 8. Mitten ini Frühling, wie dies bei der Unbeständigkeit des Madrider ftlimas nicht selten ist, schlug das Wetter um. Es wurde wieder enipfindlich kalt. Vom grauen Himmel strömten gewaltige Regcnmassen herab, zuweilen mit Schnee- flocken vermischt. Die Leute, die schon zur leichten Kleidung gegriffen hatten, beeilten sich, die Schränke wieder zu öffnen, Mäntel und Ueberzieher hervorzuholen, und der Regen schwärzte und verdarb die hellen Frühlingshüte. Schon seit vierzehn Tagen war kein Stiergesecht mehr abgehalten worden. Das auf Sonntag angesetzte war auf den ersten besten Wochentag verschoben worden, an dem es schönes Wetter gäbe. Der Pächter der Arena, seine Angestellten und die unzähligen Aficionados, die der gezwungene Aufschub sehr ärgerte, spähten den Himmel ab, mit der Unruhe des Land- manns, der für seine Ernte bangt. Einige Sterne am Firmament oder eine eintretende Lücke am Wolkenhimmel, die sie erblickten, wenn sie gegen Mitternacht die Cafäs der- ließen, gaben ihnen ihre gute Laune zurück. „Das Wetter hellt sich auf, übermorgen haben wir Stier- kämpf!" Aber die Wolken häuften sich von neuem an, das graue Regenwetter dauerte weiter und wurde von den Aficionados in allen Tonarten verwünscht, weil es dem nattonalcn Feste den Krieg erklärt zu haben schien. Unglückliches Land! Selbst die Sticrgefechte waren in ihm unmöglich geworden! Gallardo feierte gczwungenerweise nun schon seit zwei Wochen. Seine Cuadrilla beklagte sich bitter über diese Untätigkeit. In irgend einer andern Ortschaft Spaniens würde sie diese Ruhe gleichgültig hingenommen haben, denn überall mußte ja der Matador für die Beköstigung auskommen, aber Madrid bildete in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Es war dies eine üble Gepflogenheit, von den in der Landeshaupt- stadt wohnenden Matadoren mlsgegangen, die einfach voraussetzten. daß jeder Torero in Madrid eine Wohnung haben müsse. Und die armen Kerls der Cuadrilla, die in einem ärmlichen Kosthaus der Witwe eines Banderilleros wohnten, mußten sich allerlei Beschränkungen auferlegen, um sich durch- zuschlagen. Sie rauchten wenig, blieben vor den Cafäs stehen und dachten an ihre Familien mit der Besorgnis von Men- schen, die für eine Hand voll Duros ihre Haut zu Markte trugen. Wenn endlich die zwei bevorstehenden Stiergefechte stattfanden, waren die Einkünfte daraus schon längst verzehrt. Der Matador selbst ging schlecht gelaunt in seinem Hotel herum, aber nicht wegen des schlechten Wetters, sondern wegen seines schlechten Geschickes. Sein erstes Auftreten in Madrid war bedauernswert ausgefallen. Das Publikum war ihm gegenüber völlig umgewandelt. Zwar blieben ihm noch treue Anhänger, die ihn lwrtnäckig verteidigten, aber diese Enthusiasten, die noch vor einem Jahr lärmend und kämpf- lustig aufzutreten pflegten, zeigten jetzt eine gewisse Mattig- keit, und wenn sich eine Gelegenheit fand, ihm Beifall zu spenden, dann taten sie es ohne jeden Schwung. Seine Feinde dagegen und die große Masse des Publikums, die sich am An- blick von Todesgefahren weidet, wie ungerecht waren sie in ihrem Urteil, wie frech in ihrem Hohn! Das, was sie andern Matadoren ohne weiteres hingehen ließen, war für ihn durch- aus verpönt. Sie hatten ihn in all seiner Künheit gesehen, wie er sich blindlings und verwegen in die Gefahr stürzte, und nun wollten sie ihn immer so sehen, bis der Tod seine Laufbahn beschließe. Anfangs als er seinen Ruf begründen wollte, war er ein Selbstmörder, gewesen, der Glück gehabt hatte, und beute konnte das Publikum sich nicht mit seiner Vorsicht ab- finden. Die Beleidigungen flogen ihn, sofort entgegen, wenn er es versuchte, der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Kaum breitete er in gewisser Entfernung von dem Stier das Tuch aus, so ging der Radau los. Er wage sich nicht heran, er habe Furcht. Ein einziger Schritt nach rückwärts, und er wurde für diese notwendige Vorsicht von dem Pöbel mit den gemeinsten Schimpfworten überschüttet. Die Nachricht von seinem Mißerfolg in dem Ostergefecht Tt, Sevilla schien schon durch dal ganze Land gegongen zu sein. Seine Feinde rächten sich für die langen Jahre des Neids. Die Konkurrenten, die er so oft durch sein Beispiel genötigt hatte, sich der Gefahr auszusetzen, verkündigten jetzt überall mit heuchlerischen Ausdrücken des Bedauerns seinen Verfall. Er habe keinen Mut mehr. Die letzte Verwundung habe ihn zu vorsichtig gemacht. Und unter dem Eindruck dieser Redensarten betrachtete ihn die Menge schon mit scheelen Augen, wenn er die Arena betrat; sie war von vorn» herein bereit, alle seine Leistungen zu bemängeln, so wie sie ihm früher selbst in seinen Fehlern Beifall zugcklatscht hatte. Die charakteristische Wankelmütigkeit der Volksmenge unter- stützte diesen Wechsel der Gesinnung. Die Leute waren es müde, den Mut Gallardos zu bewundern, und gefielen sich nun darin, aus einer Art Neid seine Furcht und seine Vor- ficht zu kritisieren. Für das Publikum war er nie nahe genug am Stier heran.„Noch näher!" Und wenn er mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft sich zusammennahm und es ihm gelang, seinen Stier zu töten wie in anderen Zeiten, so war doch der Beifall bei weitem nicht mehr so stürmisch wie sonst. Der Strom der Begeisterung, der ihn früher mit dem Publikum so eng verband, schien unterbrochen zu sein. Seine spärlichen Erfolge bewirkten nur, daß die Zuschauer ihn mit Winken und Ratschlägen belästigten.„So wird gestochen! So solltest du es immer machen, du Faulenzer!" Seine treuen Anhänger gaben die Mißerfolge zu, aber sie suchten sie mit den prächtigen Leistungen, die an glücklichen Nachmittagen auf das Konto Gallardos zu schreiben waren, zu entschuldigen. Er läßt sich etwas gehen— sagten sie— er ist müde. Aber wenn er mal will! Ach, Gallardo wollte immer! Warum sollte er auch nicht, wo es sich um den Applaus des Publikums handelte? Aber seine Erfolge, die die Aficionados seinem Willen zuschrieben, waren mehr das Werk des Zufalles oder dem Zusammen- treffen günstiger Umstände zu verdanken. Jene unbeirrte Tollkühnheit, die ihn in den guten Zeiten erfüllt hatte, über- kam ihn jetzt nur noch ab und zu. In verschiedenen Arenen der Provinz bäte er schon Pfiffe gehört. Die Zuschauer der Sonnenplätze bliesen auf Hörnern und rasselten mit Kuhglocken, wenn er zögerte, dem Stier den Todesstreich zu geben, oder wenn er den Stoß verfehlte und der Stier auf den Beinen blieb. Das Madrider Publikum war besonders gegen ihn einge- nommen. Kauin sahen ihn die Zuschauer bei seinem ersten Austreten mit dem Tuch hantieren und dann zum Töten schreiten, begann gleich der Skandal: da liege eine Verwechse- tubg vor. Man habe ihnen an Stelle des Sevillaner Helden einen anderen untergeschoben. Das sei gar nicht Gallardo. Dieser ziehe die Arme ein. wende das Gesicht tveg und mache Sprünge, wie ein Eichhörnchen, um aus dem Bereich der Gefahr zu kommen. Und tatsächlich war er nicht mehr im- stände, die Stiere festen Fußes zu erwarten. Eine seltsame Verminderung von Mut und Kraft machte sich bei ihm bemerkbar. Dieses Sttergcfecht gestaltete sich zu einer riesigen Schlappe für Gallardo, und in den Kreisen der Aficionados wurde viel über dieses Ereignis hin- und hergesprochen. Die Alten, die alles Gegenwärtige schlecht und wertlos fanden, beklagten die Unzulänglichkeit der heutigen Toreros. Sie träten wohl mit einer wahnsinnigen Dreistigkeit auf, aber kaum spürten sie die Nähe des Horns, so wären sie außer Rand und Band. Gallardo sah also mit Ungeduld der zweiten Corrida ent- gegen. Er hatte sich vorgenommen. Großes zu leisten. Die Verletzung seiner Eigenliebe durch den Spott seiner Feinds wurmte ihn sehr. Wenn er in die Provinz zurückkehrte nach einem Zusammenbruch in Madrid, war er ein verlorener Mann. Er nahm sich vor, seine Nerven zu beherrsckien und jenen Hang zu besiegen, der ihn zurückweichen hieß, wenn der Stier zum Agriff ausholte und ihm die Bestie größer und fürchlerlicher, als st war vorkomnum ließ. Er traute sich genug Kraft zu, um die Taten früherer Zeiten zu erneuern. Freilich, im Arm und im Bein fühlte er noch eine gewisse Schwäche, aber das werde schon vergehen. Sein Verwalter erzählte ihm von einem sehr vorteilhaften Kontrakte für verschiedene Arenen Amerikas. Nein, er wollte jetzt nicht übers Meer. Er mutzte vor allen Dingen in Spa- nien beweisen, datz er der Alte geblieben war. Später wollte er sich dann die Reise nach Amerika überlegen. Mit dem beklomnienen Gefühl eines populär gewordenen Mannes, der seinen Nimbus verblassen sieht, lietz sich Gallardo fortwährend in den Lokalen sehen, wo die Aficionados zu- sammentamen. Er ging ins Cafs Jnglds, wo sich die An- bänger der Andalusischen Stierfechter vereinigten, und durch feine Anwesenheit verhütete er, datz sein Name allzu sehr heruntergemacht würde. Er selbst, lächelnd und bescheiden, begann die Unterhaltung mit einer Demut, die selbst die Un- duldsamsten entwaffnete. „Es ist richtig, datz meine Leistungen nicht sonderlich gut waren! ich kann es nicht leugnen. Aber Sie werden schon bei meinem nächsten Auftreten sehen, sobald das Wetter klar wird. Ich werde zeigen, was ich kann." In gewisse Cafss der Puerta del Sol, wo sich die Aficio- nados aus den unteren Volksklassen aufhielten, getraute er sich nicht hinein. Das waren die Gegner der andalusischen Schule, die urechten Madrider, die erbittert waren über die Ungerechtigkeit, datz alle Matadore aus Sevilla und Cor- dova stammten und die Hauptstadt nicht einen glorreichen Vertreter der Stiecfechterkunst besatz. Die Erinnerung an Frascuelo, den sie als Madrider Kind betrachteten, lebte in ihren Kreisen fort, wie die Verehrung eines wundertätigen Heiligen. Es gab viele unter ihnen, die schon feit Jahren den Zirkus nicht mehr betreten hatten, seitdem„der Schivarze" sich zurückgezogen hatte. Wozu auch? Sie begnügten sich da- mit. die Berichte über die Corridas in den Zeitungen zu lesen, überzeugt davon, datz es keine Stiere mehr gab. ja nicht ein- mal mehr Toreros seit dem Tode Frascuelos. Andalusische Jungen, nichts weiter, die mit affenartiger Behendigkeit Sprünge machten und Mäntel schwenkten, aber keine Ahnung hatten von dem, was es hietz, einein Stier festen Futzes stand- zuhalten. Ab und zu strich ein Hauch der Hoffnung durch ihre Reihen. Madrid werde bald einen grotzen Matador haben. Man hatte einen Novillero entdeckt, einen Stierfechter, der am Anfang seiner Laufbahn stand und bisher nur Stierkälber erlegt hatte. Es war ein Vorstadtkind, das, nachdem es sich in den Arenen von Sallecas und Tetuan mit Ruhm bedeckt hatte, Sonntags schon in der Arena der Hauptstadt an billigen Stiergefechten teilnahm. fFortsetzung folgt.I iVtaQiraS DctJol«.) j4j Die Geschichte einer Liebe. Von Johan Skjoldborg.— Berechtigte Uebersetzung aus dem Dänischen von Laura Heidt. „Du solltest nur'mal zu uns'raustommcn, Väterchen," sagt Boel,„wir würden Dir schon ordentlich die Seiten kitzeln, ha, ha, Hai" „Hä, hä,— ich wag es nicht, Boel; ich wag eS bei Gott nicht!" „Wenn ich Dich recht kenne, Wiesenhofbauer, dann wirst Du wohl sckon früher'mal auf einem Heuboden gespielt haben." „Hä, hä, hä!" Dann ruft Mads, der Häusler, von oben her aus seinem Mauseloch:„Wenn das so weiter geht, dann mutzt Du, hol mich der Satan, zum nächsten Jahre anbauen!" Ueberall herrscht die vortrefflichste Stimmung. Die Knechte sind in Hemdsärmeln; der Schweiß perlt nur so 'runter. Das Blut hämmert in den Schläfen stärker, immer stärker nach jedem Fuder. Sie sind vergnügt, ausgelassen, halb wild; denn das Heu ist so prächtig geraten; und wie es duftet! Sie feuern die Pferde an, die mit erhobenen Mähnen und weit auf- gerissenen Nasenlöchern dahinjagen und den Heuduft einsaugen. Der leere Wagen rattert über das Steinpflaster, und von der ent- grgengcsetzten Seite preßt das volle Fuder sich mit Mühe und Not durch das Tor. So oft sie kann, heugt Sara sich vor, um Anders' Locken zu sehen, wenn er davonfährt. Im übrigen ist sie froh, so unbe- merkt im Halbdunkel des Heubodens bleiben zu können, wo nie- wand sie sehen kann und niemand sie anredet, weil alle so be- schäftigt find. Es kommt eine Auhepause. Mit den Händen im Schoß sitzt sie in dem süßen, würzigen Heu und denkt an daS, was sie erlebt hat— und doch geht alles so wie sonst seinen gewohnten Gang. Sie denkt an die Nacht, die vergangen, und an Anders' warme Lippen... Aber Boel, die sich ausgestreckt hat, so lang sie ist, muß natür- lich ihr Mundwerk laufen lassen, und sie ruft mit einem Seufzer: «Wer jetzt seinen Schatz hier hätte, was, Sara!" „Du bist wohl nicht recht gescheit!" antwortet Sara und kaut an einem Strohhalm. „Was sagtest Du eben, Boel?" fragt der Häusler von oben herunter. „Ach, ich vergaß ganz, daß Du auch noch da bist, ich sagte übrigens, daß— ja. Du bist zu alt, Mads, ha, ha, ha!" „Die alten Ochsen sind's, die die steifen Hörner haben, Boel, und ich bin, hol's der Satan, noch springlebendig!" Mads Feuer- äugen funkeln dort oben im Nest. Dann steht wieder das volle Fuder in der Scheune; die Pferde prusten; ihnen ist wohl zu Mut, und der Großknecht Sören fragt, ob sie da oben wach sind, und schwingt dabei seine blanke Stahl- forke. Es wird Heu eingefahren bis zur Bettzeit. Sara sinkt müde in die Kissen. Sie horckst auf Fußtritte, achtet auf den kleinsten Laut. Aber trotzdem wünscht sie, er möchte heute abend nicht kommen. Bald hebt und senkt sich ihre Brust in gesunden ruhigen Atemzügen. 0. Es war an einem Septembermorgen. als Anders' Verwandte, das hübsche, dunkle Mädcken, nach dem Wiesenhof auf Besuch kam. Darin lag ja nichts Besonderes, aber Anders brauchte sich doch nicht die ganze Zell mit ihr abzugeben. Gewiß, sie war hübsch, aber gut war sie nicht, das konnte man bald erkennen. Es war ja auch begreiflich, daß er mit seiner Verwandten sprach und sie herumführte— und die Wiesenhofbäuerin sah es wohl am liebsten, wenn die beiden allein gingen—, aber es war doch nicht gerade notwendig, daß er ihr so tief w die Augen sah, wenn sie ihn auch mit ihren schwarzen Augen anglotzte. Sara war den beiden überallhin gefolgt, wo es nur immer an. ging. Waren sie im Hofe, dann konnte sie sie vom Fenster des Brauhauses aus beobachten, waren sie hinten im Garten, konnte sie sie von ihrer Kammer aus sehen mtii von einem kleinen Raum aus, der einstmals zur Aufbewahrung von Käse gedrnt hatte. Im Zimmer drinnen störte sie sie, so oft sie konnte, indem sie wieder- holt ein und aus lief. Es war merkwürdig, wie wenig Blicke Anders heute für sie übrig hatte... Sie fand es ganz auch in der Ordnung, daß er jene eine Strecke begleitete, aber nun war es fast Abend, und er war noch nicht zurückgekehrt. Wo blieb er nur? Und selbst wenn sie, Sara und Anders, jetzt sehr vorsichtig sein mußten, damit Maren, die Wiesenhofbäuerin, nicht zu viel entdeckte, so mußte doch alles seine Grenzen haben. Selbst wenn er das Mädchen durch das ganze Wäldchen begleitete und mit ihr bis jenseits der Höhen ging, solch eine Ewig- keit konnte eS trotzdem nicht dauern. Als Sara fertig ist. fragt sie um Erlaubnis, die Schneiderin besuchen zu dürfen. Sara hat sich mit der armex, überarbeiteten Schneiderin befreundet, denn ihr schien, sie war so gut zu ihr ge- Wesen, damals im Winter mit dem Band, als Sara zu Ball wollte; und es war schon vorgekommen, daß sie wohl eine ganze Stunde miteinander verplaudert hatten, wenn Sara Zeit gehabt und ihr einen kleinen Besuch gemacht hatte. Sara geht auf die Meierei zu, wo die Schneiderin wohnt, vor sich im Hintergrunde das Hallumer Hochland. Die Sonne ist untergegangen. Der letzte Schimmer des schwindenden Tages ver- blaßt i» einigen gelblichen Streifen� gen Norden zu. Und von diesem hellen, goldig-gelden Himmel heben sich die dunklen Hallumer Berge fast schwarz ab mit ihren klaren, festen und doch biegsamen Konturen, eine Linie, die gezogen ward vor Beginn der Zeiten. Sara muß mit ihren Augen dieser wunderbaren Linie folgen. die so tiefe Sehnsucht erweckt und die so stehen wird bis zum jüngsten Tag. Vom Fenster der Schneiderin aus kann Sara den Fußsteig überblicken, den Anders für den Rückweg benutzen muß. Sie plaudert mit der Schneiderin, redet und redet, damit nur lein Licht angezündet werde. Es ist unglaublich, wieviel sie zu sagen hat. Aber sie hält die Schneiderin in Atem. Selber sitzt sie da und weiß kaum, worüber sie spricht, lugt aber dabei scharf hinaus auf den Fußsteig. Schließlich holt die Schneiderin aber doch ihre kleine Lampe, und Sara geht. Das Licht des Vollmondes liegt über der weiten Landschaft. Es bangt Nebel über den Strandwiesen, über den Teichen und Buchten, die ins Land hineinzüngeln, ein flacher, weißer Nebel wie schneebedecktes Eis zu beiden Seiten des Fjords, der wie ein mondbeschienenes Eisloch funkelt. Die Häuser und Anwesen unten am Fjord, wo die Lichter in den Zimmern angesteckt werden, tauchen in unklaren Umrissen auf wie schwarze Kobolde mit Fcueraugen» und die jen>eitigen Höhen steigen hoch aus dem Nebel empor, wie fremde, seltsame Berge. Es ist ganz märchenhaft. Und alles klingt so eigentümlich in der Lust. Weit draußen sm Westen taucht ein Ton aus der Stille auf, ein fernes Dröhnen, das stärker und stärker wird. Und man sieht einen flackernden Feuerschein, der sich von Norden nach Süden zu bewegt. Das ist die Eisenbahn, die in der Ferne vorbeifährt. Nach und nach verliert sich das Geräusch. Einen einsamen Kiebitzschrei aus dem Sumpfe erkennt Sara sofort, ebenfalls das fern« Gebell eines Hundes aus irgendeinem Hofe; aber die Lust ist so eigentümlich. Sara ist voller Erwartung, sie lauscht nach allen Seiten, horcht und späht. Anders ist nirgends zu sehen, nicht im Osten und nicht im Westen. Sie biegt in die Allee ein, und wenn es auch still ist, so be. wegen sich doch die Blätter der hohen Pappeln leise; es klingt wie Rieseln, wie eine verborgene Quelle, die rinnt, tropft und rinnt und die Seele lauschen macht. Sie geht hinein in den Garten. Ihr Schatten gleitet über den weißen Hausgiebel. Sie setzt sich in die träumenden Büsche an einer Stelle,� wo niemand sie sehen kann, von wo aus sie selber aber den Fußsteig vom Hallumer Wäldchen zu beobachten vermag. Aber Anders kommt nicht. Wie tief die Sehnsucht eines Her- zens sein, kann.— Mitten in der Nacht, als sie in ihrem Bett liegt, hört sie seinen Schritt, wenn er auch noch so leise geht. Aber sie kennt ihn aus weiter Ferne. Selbst wenn chr Auge geschlossen ist, ihr Ohr schläft nicht. Die Tür öffnet sich, und er steht in ihrer Kammer. ..Guten Abend, Sara," flüstert er, und die Lust wird heiß von seinem Atem. Aber Sara antwortet kühl:»Na, hast du sie nun nach Hause begleitet?" »Ach,— ich bin mit ihr nur durch das Wäldchen gegangen." (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck derdoicu.Z taubstumme Klmde und menfch- Ucbes Denken. Wenn man sich klar machh waS es für einen Menschen be- deuten muß, blind zu sein und zu gleicher Zeit taub und stumm und vielleicht auch noch ohne Geruchsvermögen, wie sich dies alles mehrfach nach Infektionskrankheiten in stühester Kindheit ereignet hat, so wird man von einem schmerzlichen Schauder gepackt über die bloße Möglichkeit eines so grausamen Zusammentreffens im Geschick eines einzelnen Wesens. Ewige Nacht, in die der Ton keiner Stimme dringt, aus der keine Antwort gesprochen werden kann und die nicht mal fähig ist, den Duft der Speisen wahrzu- nehmen oder, was fast dasselbe ist, sie zu schmecken. Man möchte für den ersten Augenblick annehmen, ein derart seiner Sinne be- raubtcs Geschöpf müsse einem galvanisierten Leichnam gleichen und in tierischer Stumpfheit vegetieren wie die geborenen Idioten, die verständnislos ins Leere starren und sich unter unartikulierten Lauten das tägliche Futter hinabstopfen lassen. Kann der Mensch denn seine VerstaiÄestätigkeit anders entwickeln, kann er anders denken lernen als in den Worten der gesprochenen Sprache oder ihrem sichtbaren schriftlichen Abbild? In der Tat kann er es. Das unerhörte Experiment, das die Natur mit einzelnen Unglücklichen anstellte, hat es uns zur Ge- nüge gelehrt. Allerdings sind die genaueren Nebenumstände der Fälle von der Wissenschaft nicht so wie es zu wünschen wäre nach- kontrolliert worden. Das liegt einmal daran, daß sich eine streng biologisch vorgehende Psychologie überhaupt erst jetzt zu entwickeln beginnt: zum anderen Male untersteht die Erziehung der Blinden in der Regel Leuten, die zwar gute Praktiker des Anstaltslebens sind, aber fiir das Gebiet der experimentellen Untersuchung oft keineswegs eine mustergültige Vorschulung besitzen. Fum Beispiel erschien ihnen die feinere Empfänglichkeit des komplizierten Haut- sinns für Luftströmungen und Wärmestrahlung so rätselhaft, daß sie den Blinden allen Ernstes ein besonderes Ferngefühl als sechsten Sinn zuschrieben. Unter den tmibshimmcn Blinden ist die Amerikanerin Helen Keller, die jetzt im 80. Lebensjahre steht, wegen ihrer hohen Intelligenz und ihrer literarischen Tätigkeit zu einer Art von Weltberühmtheit gelangt� In Amerika wird ja alles, was sich dazu irgend eignet, zu einer Sensation gemacht. So auch der Bildung»- gang der Helen Keller. Das Publikum ist förmlich lüstern danach, zu wissen, wie dieses oder jenes Werk eines Poeten oder irgendein Weltercignis sich in der Seele der taubstummen Blinden malt. Das öffentliche Mitleid reist mit ihr a la Bornum umher, und die Schaustellung des Unglücks wird zum Geschäft. Gerade im Fall der reichbegabten Helen Keller ist es zu bedauern, daß die wissen- schaftliche Forschung zu kurz gekommen-ist. Schlägt man das Buch auf, das sie unter dem Titel»Geschichte meines Lebens" auch in deutscher Sprache veröffentlicht hat, so erfährt man eine arge Enttäuschung. Es ist ein durcheinander gewürfelter Haufen von Erinnerungsbildern, untermischt mit wenig originellen Urteilen über alle möglichen Dinge, wie sie Leute von sich zu geben pflegen, die ihre„Bildung" zeigen wollen Eine systematische Erörterung der Mittel und Wege, durch die eS gelang, Licht in diesen leiblichen Kerker dringen zu lassen, gibt weder Helen Kellers eigene Er» Zählung noch die ihrer Beobachter. Etwas gründlicher ist ein früherer Fall untersucht worden: der der La u r a B r i dg ma n, die 1883 im Alter von 60 Jahren zu Boston starb. Bald nach Vollendung ihres ersten Lebensjahres erkrankte sie nebst ihren Geschwistern am Scharlach Zwei ältere Schwestern starben; sie selber genas, büßte aber die Fähigkeit des Gesichts, Gehörs und Geruchs ein. Es verblieb ihr also nur das Tastgefühl, um mit der Außenwelt in Verkehr� zu treten. Die Eindrücke, die sie während des ersten, normalsiimigen Lebensjahres empfangen hatte, sind sicherlich in der Folgezeit zu einem be, deutungslosen Rest zufammengeblaßt. Welcher Mensch vermöchte sich je in sein erstes Jahr zurückzuerinnern, wo die Sinnesorgane noch alles stumpf und ohne vernünftige Ordnung aufnehmen und die Begriffe erst eben keimen wollen!— Im achten Jahre kam Laura in die Behandlung einer Anstalt. Bis dahin war sie also ganz auf sich selber angewiesen. Sie er» zählte später von dieser Zeit, daß sie sich im Hause der Eltern ganz sicher umherbewegte; sie wußte von den einzelnen Jim- mern, von den Teppichen, die auf dem Fußboden lagen, von der Ritze in einer Wand, durch die die Katze ein,- und ausschlüpfte. Ihre Mutter hatte, wie sie berichtete, zwei Krämpelbänke, zwischen denen sie„etwas ganz Weickes wie Baumtvolle" zu reiben pflegte. Das sind ihre späteren Erklärungen. Damals kannte sie keinerlei Bezeichnung für die Dinge. Dennoch war eine gewisse Verständi- gung möglich. Wenn sie zu essen begehrte, streckte sie die Hand aus. und sie machte die Belvegung des Streichens, sobald sie Butter aufs Brot wünschte. Es handelt sich hier um nachahmende Gesten, deren Wiederholung in der Erinnerung haftete und die dadurch zum Symbol wurden. Aehnlich vermittelte man ihr den Ausdruck der Unzufriedenheit, indem man ihr einen Schlag auf den Rücken gab. Dagegen bedeutete die Berührung ihres Kopfes, daß man mit ihr zufrieden war. Alles dies steht noch auf einer Stufe mit der Dressur eines Hundes. Ter nun folgende Unterricht mußte Laura Bridgman die Möglichkeit eröffnen, erstens sich selber verständlich zu machen und zweitens die Gedanken der anderen verstehen zu können. Hierfür gab es wieder zwei Wege. Man konnte das kleine, eben geschil- derte Zeichensystem weiter ausbilden, b. h. neue Ausdrucksbcwegun» gen und Berührungen als Bezeichnung für alle möglichen Dinge» Handlungen und Wünsche erfinden und ihr beizubringen suchen. Aber dies Verftändigungsmittel hätte Lauras Isolierung von der Mitwelt nicht aufgehoben; einzig ihr Lehrer hätte sich dann mühsam mit ihr unterhalten können. Es mußte ihr also irgend- wie der Zugang zu dem vorhandenen Zeichensystem der gewöhn» lichen Sprache erschlossen werden. Aber wie? Sie war völlig taub, konnte daher nichts hören und mar auch zu der Stummheit der Tauben verurteilt. Andererseits konnte sie kein Schriftzeichen sehen. Dr. Howe, der den Unterricht leitete, verfuhr folgender- maßen: Er fertigte in je zwei Exemplaren Papierstreifen an, auf denen die Namen häufig vorkommender Gegenstände(wie Messer» Löffel, Stuhl usw.) in erhabenen Buchstaben gedruckt waren. Immer einer der Zettel wurde auf den betreffenden Gegenstand ge» klebt, der andere blieb lose. Nun mußte Laura z. B. das Messer mit dem Streifen darauf befühlen, dann bekam sie den losen Streifen mit dem Wort„Messer" in die Hand und muhte ihn wieder befühlen. Hierauf machte man ihr das Zeichen der Gleich» heit, indem man ihre beiden Zeigefinger genau nebeneinander legte. Laura begriff bald, daß die Zeichen auf den beiden Streifen stets gleich waren; aber weiter noch nichts. Am dritten Unter- richtstage ging ihr aber das Verständnis dafür auf, daß die Zeichen auf den Streifen die Dinge bedeutete», auf die sie geklebt waren. Sie legte nämlich den Streifen mit dem Wort„Stuhl" von selber auf einen Stuhl und danach wieder auf einen anderen Stuhl, wo- bei ihr bis dahin verdutztes Gesicht von einem glücklichen Lächeln überzogen wurde. Hier Ivar der Scheidepunkt, wo die Dressur auf- hörte und die dem Menschen eigentümliche Vernunft zu wirken begann. Ein fast feierlicher Moment der Erkenntnis auch für den Lehrerl Nun erkannte Laura allerdings die Zeichen für die Dinge, oder sagen wir die Namen der Dinge. Sie war damit bereits in das Wesen des sprachlichen Denkens eingedrungen; denn dieses besteht eben darin, daß ein Vorstellungsinhalt mit einem bloß äußeren, nach Uebereinkunst geschaffenen Zeichen verknüpft wird. einem Zeichen, das selbständig für sich nichts bedeutet, sondern bloß Zeichen ist. Aber Laura hatte die Namen vermittelst des Tastgefühls nur als ein zusammenhängendes Ganzes kennen ge- lernt. Dr. Howe lehrte sie nun das Betasten einzelner Metall- typen und brachte sie bald so weit, daß sie z. B. die Buchstaben „e"„m"„r"„s" aus dem Kasten beraussuchte und richtig zu dem Wort„Messer" zusammensetzte, sobald man ihr ein solches in die Haich gab. Nachdem so das Alphabet erfaßt war. konnte man zu einer neuen Methode übergehen. Es war siic Laura viel zu umständlich. den Namen eines Dinges, wenn sie ihn ausdrücken wollte, immer erst aus den Meialltypen zusammenzusetzen, weshalb sie ihre Zu- flucht stets noch immer zu Gebärden nahm, die in der Regel natür- lich unklar wirkten. Man lehrte ihr jetzt, daher das Fingeralphabet der Taubstummen, das heißt: mar. brachte ihr bei, wie sich die Be- deutung jeder einzelnen Metalltyjr durch eine bestimmte Stellung der Finger onSvrücken läßt. Diese Fingersprache ivurd- Zaura im Laufe ber Jahre so außerordentlich geläufig, daß man ihr kaum zu folgen vermochte, wenn sie sich ihrer bediente. War sie allein, so hielt sie in ihr Monologe, ja, was am meisten charakteristisch ist. sie redete sogar im Traum mit den Fingern! Wollte man sich ihr auf diesem Wege selber verständlich machen, zum Beispiel ihr etwas vorlesen, so mußte man ihr natürlich die redende Hand zum Befühlen hinreichen. Was Laura zuerst lernte, waren Hauptwörter, und zwar Namen für greifbare Dinge. Sctyver ist es anscheinend für sie gewesen, zu a b st r a h i e r e n. Ausdrücke wie„großes Buch" oder„schwerer Stein" hielt sie anfangs offenbar nur für neue Doppelnamen, die ein bestimmtes Buch und einen bestimmten Stein bezeichnen sollten, denn sie fragte beständig, welches denn die anderen Namen für Stuhl, Tisch usw. wären! Die Quellen lvcrsagcn übrigens hier, so daß sich die EntWickelung nicht mehr deutlich verfolgen läßt. Was wir bisher sahen, genügt auch voll- ständig, um zu zeigen, daß zuerst durch das Tastgefühl eine Bor- stcllung davon hervorgerufen wird, daß die Dinge k o n v e n t i o- nelle Namen haben und daß sich die Namen dieser Dinge aus bestimmten, immer wiederkehrenden Teilzeichen(Buchstaben) «zusammensetzen. Danach beginnt für den taubstummen Blinden im Fingeralphabet die geläufige Erlernung einer Grund- oder Muttersprache, die Wahrnehmung durch vereintes Taft- und Bewegungsgefühl. Gerade wie loir beim Sprechen oder Lesen den Älang oder das Bild eines ganzen Wortes mit einem Male auffassen, ohne erst wie die Kinder zu buchstabieren, so zer- logt auch schließlich der Taubstumme die Fingerbewcgungen nicht mehr in die einzelnen Komponenten, sondern begreift eine ganze Serie von Bewegungen zugleich. Und nun kommt der Brennpunkt lunscrer Betrachtung: Wenn wir denken, so meinen wir innerlich die Worte zu hören; ja, wir denken laut, sndem wir die Worte vor uns hin sprechen. Daher der Trugschluß, als sei das Denken an die gesprochene Sprache geknüpft. Aber genau so meint der taubstumme Blinde, wenn er denkt, T a st- und B e- w eg u n g s g e f ü h l e zu empfinden. Laura Bridgman und Helen Keller versickern übereinstimmend, daß sie in den Fingern denken. Sic denken„laut" und träumen„laut" in Fingerbcwegcingen. Das geordnete menschliche Denken ist also nicht an die ge- sprochcnc Sprache oder deren sckriftliches Abbild geknüpft, sondern bloß an den Besitz einer von möglichst vielen Menschen gleickzeitig angenommenen Methode der Bezeicknung für Dinge, Handlungen und abstrahierte Eigenschaften. Man kann daraus den Sckluß ziehen, daß das menschliche Denken am meisten gefördert werden tvürdc, wenn alle Menschen nur eine einzige Mnttersvrache er- lernten, weil dann alles, was irgendwo auf der Erde Neues gedacht wird, jedem beliebigen anderen zum mindesten sofort zu- gänglich wäre. Wir kommen damit endlich noch auf den Begriff der U e b e r- s e tz u n g. Bis auf verschwindende Ausnahmen vermag sich jeder Mensch nur in der einen„Muttersprache" mit größtmöglicher Voll- kommenheit auszudrücken. So der taubstumme Blinde im Finger- alphabct. Wenn nun weiter von Laura Bridgman berichtet wird, sie haben schreiben gelernt, und von der intelligenteren Helen Keller außerdem, sie könne auf der Schreibmaschine tippen, Braillcsche Blindenschrift lesen, Morsctelegraph klovfcn, durch Befühlen der Mundstelliing eines Sprechenden seine Worte herauserkennen und selber nach Art der Taubstummen sprechen, das heißt durch Dressur ihrer Sprachwerkzeuge möglichst richtig klingende Worte hervor- stoßen(ohne sie zu hören), so bedentet'dies alles nicht ein Denken in einem neuen spmbolischen System, sondern einfach„lieber- setzung". Wenn also Helen Keller auf Grund von Notizen in Brailleschrift da? Manuskript ihres Buckcs in Schreibmasckinen- schrift hergestellt hat, so bedeutet das für sie einen so umständlichen llebcrsetzungSvorgang, als wenn ein vollsinniger Deutscher nach französischen Notizen ein englisches Werk schreiben wollte. Beim Herstellen eines solchen Werkes wird die originale Denkarbeit des letzteren in der großen Hauptsache in seiner gewohnten deutschen Muttersprache vor sich gegangen sein. Helen Keller muß dagegen in der Fingersprache gedacht haben. Alfred Kind kleines Feuilleton. Physikalisches. Blitz und Donner. In diesen Wochen andauernder heftiger Gewitter fragt sich manches ängstliche Gemüt, waS ist denn eigentlich der Blitz, Ivos macht den Donner? Vom Blitze hat man nock eine Vorstellung: er ist ein elektriicher Funke von mehr oder weniger starker Spannung und entsprechend geringerer oder größerer Zünd- kraft. Und den Donner erklärt man sich' meist als ein dem Blitz folgendes Gcränsch, als Schallwellen, die durch die plötzliche Zerreißung der Luft gebildet werden. Im Band II seiner„Physik und Meteorologie" sagl Dr. Job. Müller:„Der Donner cnlstebt durch die Vibration der gewaltsam erschütterten Luft". So vorsichtig das ausgedrückt ist, so will es doch wohl so vcrsianden sein, als werde der Donner dadurch hervorgerufen, daß der Blitz die Luit„gewalt- sam" zerreißt oder„erschüttert". Nun zerreißt aber der Blitz die L»s Überhaupt nicht. Die Luft trägt durch ihre Wellenbewegung nur den durch den Blitz hervorgerufenen Schall weiter. Die Elektrizität gleitet in Wellen durch die atmosphärische Luft. H. L. Braun gibt im 19. Heft der von R. H. Francs herausgegebenen„Nattw" eine Erklärung für die Entstehung des Donners, die allgemein verstanden werden dürfte. Durch die in manchen Wolken enthaltene Elektrizität wird das Wasser der Wolkennebel in seine chemischen Bestandteile (Wasser- und Sauerstoff) zerlegt. Der leichtere, von dem spezifisch ichwereren Sauerstoff getrennte Wasserstoff geht mit der atmosphärischen Luft eine Verbindung ein, die als Knallgas bekannt ist; in mehr oder minder großen Quantitäten hat sich dieses Gas in und zwischen de» Wolke» gesammelt. Wenn nun die Spannung zwischen zwei mit verschiedener Elektrizität geladenen Wolken oder einer Wolke und der Erde so groß ist, daß ein Funke überspringt, so wird er in vielen Fällen die Gasschicht treffen und entzünden. Es entsteht ein Knall, der in den Wolken ein längeres oder kürzeres Echo findet und uns als Donner geläufig ist.„Selbstverständlich modifiziert sich das Donuergeräuich, je nachdem der Blitz mehr als eine Gasschicht oder Gasschichten verschiedenen llinfangs zur Explosion bringt. Hiernach wird es erklärlich, warum die Blitze aus heilerem Himmel oder die öfter von höheren Standpunkten aus beobachteten Blitze geräuschlos, als stille Gewitter verlausen, und weiter, warum auf einen heftigen Donnerschlag plötzlich Regen eintritt oder der schon vorhandene Regen ergiebiger wird. Wahrscheinlich hängt damit auch die auf der Erde nach einein Gewitter bemerkbare als Ozongeruch wahrnehm- bare Erhöhung des Sauerstoffgehaltes der Atmosphäre zusammen. Aus dem Tierleben. Aus der LebenSgeschichte unserer HauSfliegen. Der Begriff der Hausfliege ist heute nicht mehr der, den der alte Linns mit seiner Speoiss Musca dornestica aufstellte. Diese Fliegenart flidet sich allerdings noch immer am häufigsten in warmen Räumen vor. in denen Nahrungsmittel oder deren Reste aufbewahrt werden. Außerdem aber gibt es noch eine kleine Haußfliege, die unter Umständen sogar häufiger sein kann als die gewöhnliche und zu einer ganz andern Famlie gehört. Ihr etwas umständlicher wissen- schafclicher Name ist Hornalornyia caniculares. In Landhäusern findet sich dann nicht selten noch oine dritte Fliegen- art Ltomoxzcs calci trank. Damit ist selbstverständlich die Zahl der Fliegenarren, die in Wohnhäusern vorkommen können, nicht erschöpft, aber im Vergleich zu jenen drei sind alle übrigen Seltenheilen. Dr. Hewit bat in der Vierteljabrsschrist für mikroskopische Wissen- schaft die Ergebnisse von höchst sorgsamen Beobachtungen an Fliegen beschrieben. Auf seinen Jagdzügen durch Wohnzimmer, Restaurants, Hotels, Küchen und Ställen erbeutete er im ganzen 3658 Fliegen. Von diesen gehörten 87�/z Proz. zur Art der gewöhnlichen Hausfliege, 11'/z Proz. zur Homalc)- mzüa und nur die übrigen 2 Proz. zu anderen Arten. Die einzelnen Länder haben meist ihre besonderen Fliegenarten. Dung- stoffe sind überall die eigentliche Brutstätte der Fliege. Aus einem Kubikruß Dünger kann man über 4660 Fliegen entstehen sehen. Ein Weibchen legt ungefähr 606 Eier, die schon zehn bis zwanzig Stunden später auskriechen, vorausgesetzt, daß eine geeignete Tem- peratnr in der Umgebung herrscht. Eine Wärme von 23 Grad scheint dazu am wirksamsten zu sein. Die Larven häuten sich schon nach weiteren 18 bis 24 Stunden zum ersten Male, dann nach 24 Stunden zum zweiten Male. Auf der dritten Stufe der Eni- wicklung bleiben die Maden dann sechs Tage, so daß sie ihr ganzes Leben in diesem Zustand in 7'/, bis 3 Tagen erledigen. Die fol- denden 14 Tage bringen sie dann als Puppen zu, so daß die ganze Entivicklung bis zur Fliege in 22 Tagen durchmessen wird. Dies gilt selbstverständlich nicht für alle Arten mit genau gleichen Ziffern. Die gewöhnliche HauSfliege hat eine sehr große Lebenszähigkeit, denn sie kann eine Kälte von— 10 Grad ohne Schaden verlragen. Für die Ablage ihrer Eier benutzt fie dunkle Spalten und Risse. Wenn eine erwachsene Fliege ihr Leben bis in den Winter hinein rettet, so verfällt sie für diese Jahreszeit in einen Zustand der Starre und erwacht daran? nur selten, um einen Hausbewohner durch ihre unerwartete Anwesenheit zu überraschen. In ihrer Verfolgung hat der Mensch einen tatkräftigen Freund und Bundesgenoffen in einem Pilz, der von dieser Feindschaft den Ehrennamen Einpusa muscae erhalten hat. Bei einiger Aufmerksamkeit kann man zuweilen eine Fliege irgendwo an Wänden oder Decke finden, die von diesem Pilz überfallen und vom Leben zum Tode gebracht worden ist. Die HauSfliegen sind übrigens, obgleich sie ihren Namen leider mit Recht tragen, ziemlich reiselustig, denn Dr. Hewitt hat sie gelegentlich in einer Entfernung bis zu drei Kilometer von jeder menschlichen Behausung gefunden. Ebenso unternehmen sie zuweilen Hoch- fahrten, die sich allerdings nicht weiter zu erstrecken scheinen, als auf ungefähr fünfundzwanzig Meter über dem Erdboden. Außer dem genannten Pilz stellen zahlreiche Tiere den Fliegen nach und verhindern, daß sie sich inS Ungemessene vermehren. Außer den Spinnen. die den Fliegenfang als eine feine Kunst betreiben, machen Wcipen und Käfer auf sie Jagd. Trotzdem bleibt für den Menschen noch sehr viel zu tun übrig. wenn er der Fliegen einigermaßen Herr werden will, was um so notwendiger ist. als sie nachweislich zur Verbreitung von ansteckenden Krankheilen in hohem Grade beirragen. Besonders für die Keime des Typhus und der Cholera ist die Verschleppung durch die Fliege, die mit ihren Beinen, Fühlern und Körperhaaren die Bakterien auf NahrungSinittel überträgt, unzweifelhaft festgestellt worden._ Eerantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Borwarrs>vuq»ru«t«re» u.Bert«g«an>«Ul Maut Smgec srEo..>verUn