Antcryaltungsblatt des Vorwärts Nr. 119. Mittwoch, den 22 Juni. 1910 Utachdru» perSoten.) 67] Die Evern. Roman von VicenteBlasco Jbanez. Autorisierte Uebersctzung von I u l i o B r o u t a. Sein Name begann bekannt zu werden. In den Bar- bierstuben der unteren Stadtteile sprach man mit Begeisterung von ihm und weissagte ihm die größten Triumphe. Der Held selbst ging von Kneipe zu Kneipe, hier und dort sein Glas trinkend und das Heer seiner Anhänger vermehrend. Diese unbemittelten Kunstfreunde, die den großen Stierkämpfen nicht beiwohnten, weil sie das hohe Eintrittsgeld nicht er- schwingen konnten, und die bei Anbruch der Dämmerung vor der Arena warteten, bis das Fachblatt„El Enano" herum kam, scharten sich um den künftigen Maestro und unterstützten ihn mit der Weisheit ihrer Erfahrungen. „Wir anderen," so sagten sie mit Stolz,„erkennen die aufgehenden Sterne der Kunst, bevor ihr Licht den Reichen leuchtet." Aber die Zeit verstrich, ohne daß sich die Weissagungen erfüllten. Der Held wurde das Opfer einer tödlichen Ver- wundung, ohne anderen Ruhmessang als vier Zeilen in der Zeitung, oder er versagte nach einer erlittenen Aufspießung und wurde zu einem der zahlreichen Tagediebe, die auf der Puerta dcl Sol herumlungern, stolz ihren Zopf zur Schau tragen und angeblich aus Engagement warten. Dann wandten sich die Augen wieder einem anderen Anfänger zu, und man erhoffte, wie die Juden den Messias, den Aufstieg des Mata- dors, der seiner Vaterstadt Madrid Ruhm bringen sollte. Gallardo wagte nicht, sich diesen Demagogen des Stier- kampfes zu nähern, die ihn immer gehaßt hatten und sich nun über seinen Verfall freuten. Die meisten von ihnen gingen gar nicht einmal zur Arena, wie sie auch keinen der gegen- wärtigcn Matadore bewunderten. Sie erwarteten den kam- wenden Mann, um wieder zu den Stiergefechten zu gehen. Wenn er in der Abenddäinmerung im Zentrum Madrids herumstreifte, wurde er auf der Puerw del Sol und in der Calle de Sevilla von jenen Vagabunden der Zunft ange- gangen, die dort ihr Wesen treiben, von ihren Heldentaten erzählen und über die Maestros mit der neiderfüllten Wut der Enterbten herziehen. Es waren Burschen, die ihn mit Maestro oder auch Sennor Juan anredeten. Viele hatten ein verhungertes Aus- sehen, und ihre Winkelzüge mündeten regelmäßig in eine Bitte um einige Pesetas; aber dabei waren sie gut gekleidet, nett, sauber, elegant, stets in großartiger Pose, als ob sie übersättigt wären von den Vergnügungen des Daseins, und trugen prunkhaft messingene Ringe und falsche Uhrketten zur Schau. Einige unter ihnen waren ehrliche Jungen, die beab- sichtigten, sich in der Stierfechtkunst ihren Weg zu bahnen, um ihre Familie besser zu ernähren, als sie es mit dem Tage- lohn eines Arbeiters konnten. Andere hatten weniger ge- wissenhaft treue Freundinnen, die ein unbekennbares Gewerbe ausübten und sich freudig dazu hergaben, den Unterhalt und die Ausstattung eines feschen Burschen zu beschaffen, der nach seinen Worten einst eine berühmte Größe sein würde. Ohne weiteren Besitz, als was sie bei und auf sich trugen, stolzierten diese Leute von morgens bis abends im Zentrum Madrids einher und flunkerten von Kontrakten, die sie nicht angenommen hätten, wobei immer der eine den anderen aus- spähte, wer wohl Geld hätte, um den Kameraden etwas zum besten zu geben. Wenn einer durch eine Laune des Zufalls wirklich einmal an einer Provinzarena als Novillero cnga- giert wurde, dann mußte er zunächst sein Kostüm im Pfand- haus einlösen. Das waren ehrwürdige Kleidungsstücke, die schon vielen Helden gedient hatten, mit ihren verblaßten, grünspanigen Vergoldungen von Oellampengold, wie Sach- kenner spöttisch meinten. Die Seide war reichlich mit Flick- stücken besetzt, glorreichen Andenken an Hornstöße, bei denen die Hemdschöße und versteckte Körperteile sich plötzlich den Blicken des Publikums darbieten, und war gesprenkelt mit gelblichen Flecken, den schändlichen Spuren eines heftigen Schrecks. Unter diesen durch den Mißerfolg verbitterten und durch ihre Untauglichkeit oder Feigheit am Emporkommen bchin» derten unteren Lagen der Stierfechterei gab es auch einige Größen, die sich eines gewissen Ansehens erfreuten. Einer, der keinem Stier standhielt, war berühmt durch seine Ge- wandtheit, mit der er das Messer handhabte. Ein anderer war schon im Zuchthaus gewesen, weil er einen Menschen mit einem Faustschlag getötet hatte. Der biedere Tragasombreros genoß den Ruhm, einmal in einer Kneipe von Vallecas einen in Stücke gehackten und in Oel geschmorten Filzhut aufgegessen zu haben, mit Wein nach Belieben, um den Bissen hinunter» zuspülen Einige, von sanften Manieren, gut gekleidet und frisch rasiert, schlössen sich Gallardo an und begleiteten ihn auf seinen Spaziergängen in der Hoffnung, daß er sie gelegent- lich zum Essen einladen würde. „Mir geht es gut," sagte einer von schönem Gesicht.„Es gibt wenig Arbeit, denn die Zeiten sind schlecht, aber ich habe meinen hohen Gönner, den Marguis. Sie kennen ihn ja." Und während Gallardo rätselhaft lächelte, suchte der andere in seinen Taschen. „Er schätzt mich sehr. Schauen Sie nur, was für ein schönes Zigarettenetuis er mir aus Paris mitgebracht hat." Und er zeigte stolz seine metallene Zigarettcntasche, auf deren Deckel, oberhalb einer zärtlichen Zueignung, einige emaillierte Engelsgestalten ihre Blößen wiesen. Andere wieder, stattliche, gespreizte Burschen, aus deren dreisten Augen der Stolz der Mannbarkeit herauszublickcn schien, unterhielten Gallardo angenehm mit den Erzählungen ihrer Abenteuer. An schönen Vormittagen gingen sie auf Raub aus nach der Castellanapromenade, zu der Stunde, wo die Erzieherin- nen der vornehmen Familien ihre Zöglinge spazieren führten. Es waren englische„Misses", deutsche„Fräulein", französische „Demoiselles", die eben erst nach Madrid gekommen waren, den Kopf noch voll von phantastischen Ansichten über dies sagenhafte Land, die jeden hübschen Burschen mit rasiertem Gesicht und breitem Filzhut sofort für einen Torero hielten. Ein„Toreador" als Liebhaber! „Es sind meist Frauenzimmer, wissen Sie, Meister, die harmlos und unschuldig aussehen. Sie haben große Füße und flachsblondes Haar, aber ihre Herzen brennen gerade so heiß, wie die anderer Weiber auch. Und wenn sie auch kaum verstehen, was man ihnen sagt, zu allem lachen sie und zeigen die Zähnchen, die so schön weiß sind, und machen große Augen. Sie sprechen unsere Sprache nicht, aber verstehen sofort, wenn man ihnen das Zeichen des Geldzählens macht, indem man den Daumen auf dem Zeigefinger reibt, und da man sich als Caballero beträgt und imnier anständig bleibt, geben sie gern etwas für Tabak und andere Zwecke, und so geht es lustig fort. Ich habe jetzt gerade drei an der Hand!" Und der so von sich sprach, war ordentlich stolz auf seine Geriebenheit, mit der er die Ersparnisse der Erzieherinnen auffraß. Andere widmeten sich den Ausländerinnen der Musikhallen, Tänzerinnen und Sängerinnen, die nach Spanien kamen mit der Sehnsucht, vom ersten Tage ab die Wonnen einer Liebsckiaft mit einem Sticrfechter auszukosten. Es waren lebhafte Französinnen mit Stlllpnäschen und flacher Büste, die in ihrer geisterhaften Schlankheit unter den Krausen des duftenden und rauschenden Rockes kaum etwas Greif- bares zu bieten hatten; Deutsche, von kernigem Fleischansatz, wuchtig, imposant und blond wie Walküren, Italienerinnen mit schwarzem, öligem Haar, olivenbrauner Gesichtsfarbe und tragischem Blick. Die Stierfechterlinge lachten bei der Erinnerung an ihre ersten Erlebnisse mit diesen ergebenen Verehrerinnen. Die Ausländerin fürchtete immer, betrogen zu werden, als ob ihr davor gebangt hätte, daß der sagenhafte Held ein Mann wie jeder andere war. War er wirklich ein Torero? Und sie nestelte nach dem Zöpfchen und lächelte selbstzufrieden über ihre Schlauheit, wenn sie dieses haarige Anhängsel in ihren Fingern fühlte, das ihn legitimierte. Gallardo ergötzte sich an diesen Erzählungen.„Recht so. wohlgetan," sagte er mit grimmiger Freude.„Solche Weiber muß man stramm behandeln. Ao lausen Sie Air um so. mehr nach. Das Dümmste ist, wenn ein ehrlicher Christ stch don diesen Weibern unterkriegen läßt. Ein Mann muß sich Achtung verschaffen." � Er bewunderte treuherzig die Skrupellosigkeit dieser Burschen, die davon lebten, die Illusion der durchreisenden Ausländerinnen zu brandschatzen und bedauerte sich selbst wegen seiner Schwäche einem gewissen Weibe gegenüber. Zu diesen Zerstreuungen, die ihm sein Verkehr mit diesen Stierfechterlingen verschaffte, gesellte sich noch die Kletten- haftigkeit eines gewissen Enthusiasten, der ihn mit Ansuchen verfolgte. Es war ein Schenkwirt aus den Ventas, ein Ga- lizier, ein kurznackiger, rotwangiger, muskulöser Mann, der «s mit seinem Lokal draußen vor der Stadt, wo Sonntags Dienstmädchen und Soldaten tanzten, zu einem kleinen Ver- mögen gebracht hatte. Er hatte nur einen Sohn, und dieser, klein und schwäch- lich, war von seinen? Vater dazu ausersehen, eine der größten Leuchten der Stierfechterei zu werden. Der Kneipwirt, ein großer Anhänger von Gallardo wie von allen berühmten Espadas, hatte es so entschieden. »Der Junge hat Anlagen", sagte er,„Sie wissen, Don Juan, daß ich etwas von diesen Dingen verstehe. Ich ver- wende ein Kapital daran, um die Kosten seiner Karriere zu bestreiten, aber er muß einen Beschützer haben, wenn er vor- wärts kommen soll, und niemand taugt besser dazu, als Sie, Don Juan. Ach, wenn Sie eine Novillada leiten wollten, wo der Junge als Matador auftreten könnte! Es würde ein ungeheueres Publikum herbeiströmen und ich würde für die Kosten aufkommen." Die Bereitwilligkeit,„für die Kosten aufzukommen," die den Jungen in seiner Laufbahn unterstützen sollte, hatte dem Wirt schon große Verluste gebracht. Aber er fuhr fort, die Mißerfolge nicht zu beachten, in der sicheren Voraussicht auf enorme Gewinne, wenn sein Sohn erst wirklich Matador war. Der arme Bengel, der in seinen jungen Jahren wie jeder andere Knabe seines Alters für Stierfechterei geschwärmt hatte, sah sich jetzt als Gefangenen des väterlichen Größen- Wahns. Dieser glaubte ernstlich an die außerordentlichen An- lagen seines Sprossen und wollte jeden Tag neue Fähigkeiten an ihm entdecken. Seinen Kleimut hielt er für Faulheit und seine Aengstlichkeit für Mangel an Ehrgefühl. Ein Schwärm von Schmarotzern, von berufslosen Aficionados, von obskuren Toreros, die nichts weiter aus ihrer Vergangenheit herüber- gerettet hatten als ihren Zopf, umgab den Schankwirt zu jeder Stunde, indem sie gratis tranken und obendrein ihn anpumpten, wofür sie ihm dann Winke und Ratschläge im Ueberfluß gaben. Alle bildeten mit dem Vater zusammen eine beratende Versammlung, die keinen andern Zweck hatte, als den, der Welt den im Dunkel der Ventas verhüllten Stern der Stierfechterei bekannt zu machen. Ohne seinen Sohn weiter um Rat zu fragen, veran- staltete der Schenkwirt Stiergefechte in den Arenen von Tetuan und Vallecas. indem er selbstverständlich immer für die Kosten auskam. Diese Arenen standen immer zur Ver- fügung aller derer, die den Wunsch hegten, vor den Augen einiger hundert Zuschauer von einem Stier auf die Hörner genommen oder unter die Füße getreten zu werden. Aber die Hiebe und Verletzungen waren nicht unentgeltlich. Um die Ehre zu genießen, sich blutbedeckt, mit zerrissenen Hosen in dem Mist der Arena zu wälzen, mußte man den Wert der Zuschauerplätze im Voraus bezahlen, und der Stierfechter oder sein Vertreter sorgten für den Absatz der Eintrittskarten. Der begeisterte Vater besetzte die Plätze mit seinen Freunden, indem er die Karten unter seine Berufsgenossen und die unbemittelten Aficionados verteilte. Außerdem honorierte er großmütig die Mitglieder der Cuadrilla seines Sohnes, die sich aus den sich auf der Puerta del Sol herum- treibenden Vagabunden zusammensetzte. Diese traten im ge- wohnlichen Straßenanzug auf, während sein Sohn in einem blendenden Matadorenkostüm prangte. Alles für die Lauf- bahn des Jungen! „Er hat ein neues Prachtkostüm, das der beste Schneider, der auch Gallardo und andere Matadore kleidet, gemacht hat; es hat mich seine 7000 Realen gekostet. Ich meine, daß der Junge damit drauflosgehen kann. Außerdem, wenn etwas fehlt, bin ich ja noch da; ich bin im stände, die letzte Peseta herzugeben, nur damit er Karriere macht. Ha, wenn mancher einen solchen Vater hätte!..." Während der Vorstellung blieb der Schenkwirt zwischen den Barrieren und feuerte seinen Sohn durch seine Anwesen- heit und mit einem dicken Knüppel an, den er nie aus der Hand ließ. Wenn sich der jugendlichß Matador einmal am Plankenzaun ausruhte, sah er wie ein Schreckgeknld das paus» bäckige gerötete Gesicht seines Vaters und den Knopf des dicken Stocks vor sich. „Geb' ich dafür mein gutes Geld aus? Damit du dir Luft zusäck)elst wie ein Mamsellchen? Hab' Ehrgefühl im Leib, du Schuft. Tritt in die Mitte des Platzes und leist' was Anständiges. Ha, wenn ich dein Alter hätte und nicht so schwerfällig wäre!" Wenn der Junge mit Degen und Tuch vor dem Stier- kalb stand, kreidebleich und beinschlotternd, folgte ihm der un- erbittliche Blick des Vaters auf Schritt und Tritt von der Barriere aus. Der Examinator verlor ihn nie aus den Augen, bereit, die geringste Nachlässigkeit mit der ganzen Wucht seiner Strenge zu ahnden. Was der arme Held in seinem rotseidenen goldbesetzten Anzug am meisten fürchtete, war die Rückkehr nach Hause, wo der Vater die Stirn runzelte und sich unzufrieden zeigte. Den bunten, funkelnden Mantel umgeworfen, um die Fetzen des aus den Rissen der Hose hervorlugenden Hemdes zu verhüllen, betrat er mit zerschlagenen schmerzenden Gliedern die Schenkstube. Seine Mutter, eine bärtige und knochige Frau, lief mit offenen Armen auf ihn zu, aufgeregt durch das lange Warten während des ganzen Nachmittags. „Hier hast Du diesen Schweinekerl— brüllte der Vater. Er hat sich wieder niederträchtig benommen. Teufel noch- mal, und dafür werfe ich das Geld hinaus!..." Und jäh- zornig erhob er den schrecklichen Knüppel, während der Held in Seide und Gold, der eben erst zwei kleine wilde Bestien besiegt hatte, zu fliehen versuchte und das Gesicht im Arm verbarg. Die Mutter legte sich ins Mittel. „Aber siehst Du denn nicht, daß der Bube verwundet ist? Verwundet?" schrie der Vater mit bitterem Hohn und bedauernd, daß dem nicht so war.„Wunden sind für die rieh»- tigen Toreros. Vernäh' ihm die Hose und sorg' dafür, daß sie gewaschen wird. Du wirst schon sehen, wie das Ferkel sie zugerichtet hat!" Aber nach wenigen Tagen schon hatte der Alte das Ver- trauen zurückgewonnen. Einen unglücklichen Tag hatte ja selbst große Matadore vor dem Publikum so schlecht wie sein Junge abschneiden sehen. Nur vorwärts in der Karriere! Und er veranstaltete neue Corridas in den Arenen von Toledo und Guadalajara, wobei Freunde von ihm sich zur Unter- nehmung hergaben und er natürlich wie immer für die Kosten aufkam. Eine Novillada in der großen Madrider Arena gc- staltete sich, wie der Wirt behauptete, zu einer der besten, die man je gesehen hatte. Durch einen glücklichen Zufall gelang es dem Matador, zwei kleine Viecher halbwegs abzustechen, und das Publikum, das zum größten Teil freien Eintritt ge- habt hatte, applaudierte mächtig. lgonjevung folgt.I CRacotmia 15] Die Geschichte einer Liebe. Von Johan Skjoldborg.— Berechtigte Nebersetzung aus dem Dänischen von Laura Heidt. Es entsteht eine schwüle Paus«. Dann sagt Sara:„Es ist un- glaublich, wie ihr beide heute miteinander schön tatet!" Es ist Bitterkeit im Klang ihrer Stimme, und doch zittert sie vor Zärt- lichkeit, weil er ihr so nahe ist. „Tscha, wir sind nun doch mal Geschwisterkinder, und— äh— wir müssen doch aufpassen, daß Mutter nichts von dem entdeckt, was wir miteinander haben, und— äh— stehst du— dann könnte sie glauben, es sei die andere." „Ja, aber deine Mutter muß es ja doch einmal zu wissen kriegen." „Selbstverständlich— he— e!" „Wenn du sie aber nur durch das Wäldchen gebracht hast» wo warst du denn so lange, Anders?" Sie erhebt sich halb. Ja, nachdem er nun einmal so weit gekommen, da sei er, satzt er, zu den Freunden nach Kratholm gegangen, und da hätten üe dann angefangen Karten zu spielen, sagt er. Er kommt auf sie zu und drückt warm ihre Hand. Und da hat Sara alles vergessen, was sie noch sagen wollte. Sie weiß von nichts anderem mehr, als daß er jetzt hier— bei ihr ist. Und sein Haar ist voll Tau, und seine Lippen sind so frisch. Nach einer Weile hebt sie den Kopf und sagt:„Anders, mir ist, als hörte ich jemand!" Jetzt horcht auch er, sagt aber, es sei nichts. „Doch, Anders, da ist etwas!" »Es sind am Ende Säten und Boel," bemerkt er und kichert, ..Du darfst das nicht so sagen, dos mag ich nicht, du!' „Ja/ ruft sie wieder und setzt sich aufrecht hin.»Ich spüre an mir, das jemand kommt T Sie packt seinen Arm. In diesem Augenblick wird die Kammertür geöffnet, und sie unterfcheiden die hohe Gestalt der Wiesenhofbäuerin; sie steht und starrt sie an. Das genügt gerade. „Schämt ihr euch nicht!" sagt sie laut, und ihre Stimme macht dem Flüstern der Nacht ein Ende. Anders und Sara sind gänzlich verstummt; es ist das Gesetz, das vor ihnen steht mit seinem Flammenschwert. „Willst du machen, oast du in deine Kammer hineinkommst!" Sie schreit es fast dem Sohne zu. I Er ergreift seine Sachen und schleicht schweigend hijiaus. V„Du Dirne!" wendet sie sich an Sara, bevor sie die Türe rttzchend ins Schloß wirft. Und die Kammer ist angefüllt mit Zorn, nachdem sie fort ist. Aber warum? Warum ruft Anders Mutter ihr ein so haß- liches Wort zu? Sie, Sara, liebt ja ihren Sohn, sie hat ihm alles gegeben, was sie besaß, und sie hat seine Lippen mit ebenso großer Liebe geküßt wie die Mutter. Warum können sie nicht zu- sammenhalten und ihre Herzen miteinander teilen? Hat sie etwas Böses getan? Es waren Freudeniage, so scheint es ihr; sie hat desgleichen bisher noch nie erlebt. Und trotzdem-- aber warum darf sie dem Zug ihres Herzens nicht folgen? Warum ist jetzt der Zorn über ihr? Sara greift sich an die Stirn; sie streicht sich über die Augen. Ein Blitz der Erkenntnis durchzuckt ihr Hirn. Sie erwacht wie nach einem langen, langen Rausch. Mit einem Male liegt es so nackt und nüchtern vor ihr. daß Anders der Sohn vom Wiesenhofe ist und sie nur ein armes Mädel vom Berge, die Tochter des Weidenhäuslers; daß Maren. die Wiesenhofbäuerin, aus deni alten, reichen, stolzen Bauern- geschlecht stammt, dessen Bilder die Wände des Wohnzimmers zieren, und daß von dem Geschlechte der Weidenhäusler niemand etwas weiß, weil sie stets den Großbauern dienten, keinen festen Wohnsitz hatten, außer einem elenden Neste bald hier, bgld da, gleich den Zugvögeln. Sie begreift mit einem Male, wie weit das Weidenhäuschen und der Wiesenhof auseinander liegen. Und an all das hat sie vorher nicht gedacht, als sie dem Zuge ihres Herzens folgte. Ihre Gedanken sind so klar geworden; sie tauchen von selber auf und durcheilen ihr Bewußtsein wie ein Strom, der die Wirk- lichkeit, die ganze Wirklichkeit wiederspiegelt. Sie liegt vollkommen wach während der ganzen Nacht. Der Mond scheint in ihre Kammer. Es ist, als starre sie hinein in eine neue Welt. Aber warum schlich Anders hinaus wie ein gescholtener Schul- junge? Warum stand er nicht auf gegen die Mutter und sagte, daß Sara und er eins seien und ebenso unzertrennlich wie Stiel und Blüte? Warum?-- 10. Maren, die Wiesenhofbäuerin, bewacht die Jungen wie ein Adler. Maren stand von jeher hoch oben; ihre Gedanken und Wege lagen weit über dem Gewimmel der kleinen Leute und der Berg- bewohner; sie hat eine stolze Gesinnung gehabt, sie und ihr ganzes Geschlecht. Seit langer Zeit schon lebten diese Leute unter der Verantwortung für das Geschlecht; der einzelne konnte für sich kein Recht beanfpruchen. Viele haben sich gewunden unter den Rädern, damit der Stammeswagen rn großem Glänze weiterfahren könne. Jetzt weiß sie nicht mehr so recht, wie es zugeht; es sind mehrere Höfe da, wo man schwach war. S i e wird auf jeden Fall Wache halten und ihr Nest schirmen vor fremden Vögeln und fremdem Blut. Sie dachte sich ja wohl, daß es für Anders nur eine Spielerei sei, aber daß es eine schwierige Sache ist. mit dem Feuer zu spielen, das weiß sie auch. Daher bewacht sie auch die Jungen wie ein Adler, der nim- mer ruht. Doch nichts ist so wachsam wie junge liebende Augen; zwischen ihnen fliegen so eilige Boten, daß niemand sie hindern kann. Indessen sind Anders und Sara nie mehr recht lange zu- sammen.— Dann, eines Abends kommt Ellen, die blonde Tochter von Vad- gaard, zum Besuch. Wenn Sara an der Küchentür lauscht, kann sie Ellens Stimme drinnen hören; die hat einen so hellen Klang und ist so voller Freude, scheint ihr. Anders spricht leiser, aber sie kann sich wohl denken, daß er solch stille Worte sagt, die sich so herrlich anhören. Sara seufzt. Sie hört Ellen lachen. Sie versucht, durch die Türspalte zu sehen, die einen senkrechten Lichtstreifen hervorbringt, aber sie kann nichts sehen. Vorsichtig, damit niemand sie sieht, geht sie hinaus in den Hof, blickt sich um und schleicht an der Hausmauer entlang bis zu den erleuchteten Fenstern. Niels, der Bauer, ruht sich aus im Lehnstuhl neben dem Sekretär; er fchlummert. Maren sitzt an ihrem gewohnten Platz vor dem Nähtisch. Sie ist wach und aufmerksam, tut aber, als be- merke sie die Jungen gar nicht, die an einem runden Tische unter der Hängelampe sitzen. Sara kann natürlich nicht verstehen, wovon die Jungen spre- chen; das ist vielleicht auch gleichgültig. Es ist mehr die Art und Weise, wie sie sich in die Augen sehen, die etwas zu bedeuten hat. Welch ein hübsches Mädchen Ellen im Grunde ist, die Haut so fein, die Farbe so klar, sv„ot und weiß. Sara seufzt und denkt an ihre Sommersprossen. Ellen sieht glücklich aus. DaS ist kein Wunder, so gemütlich wie sie dasitzt und so dicht neben Anders. Aber Ellen hat nie ihre Hand in sein blondes Haar vergraben und die Locken durch die Finger gleiten lassen. Und Ellen hat nie einen Kuß auf seine roten gewölbten Lippen gedrückt. Anders und Ellen plaudern weiter. Mit lächelndem Munde horcht sie seinen Worten. Und dann lacht sie leise..... Da mit einem Male ist es Sara, als müßte sie umsinken. AlleS dreht sich, und sie weiß nicht, ob sie fest auf dem Erdboden steht— ihr ist nämlich, als betrachte Anders Ellen genau so, wie er sie bc- trachtet hat, wenn sie allein beisammen waren. Sie greift nach einem Halt. (Fortsetzung folgt.fs Sxplolive pflanzen. Perlbohnen mag man in eine Konservendose füllen und diese dann als Bombe werfen— die aber nickt„los geht"; die Perl- bohnen find eben nicht explosiver Natur. Dafür gibt es im Pflanzen- reich eine Reihe von anderen Pflanzen, deren Früchte im Reife- zustande ganz von selbst losgehen und die ihren Inhalt dann mit explosiver Kraft in die Umgebung verschleudern. Das Studium solcher Pflanzen ist eins der interessantesten aus dem Leben der Pflanzen. Wir finden dergleichen Pflanzen in Feld. Wald und Garten die Menge, man muß sich nur die Zeit zum Studium nehmen. Da ist zum Beispiel die Spritzgurke, auch Eselsgurke ge- nannt(Ecballiurn Elaterium), die in Südeuropa heimisch ist, bei uns aber gelegentlich in Gärien eben wegen der explosiven Spren- gung ihrer taubeneigroßen Früchte angebaut wird. Berührt man eine solche Gurkenpflanze, die mit reifen Früchten besetzt ist, lo der- nimmt man deutlich ein Geräusch, das mit einem Knall beginnt und mit einem Zischen endet. Die Früchte sind explodiert und haben die Samenkörner verschleudert. Eine solche Explosion erfolgt natür- lich auch ohne unser Zutun, man könnte nur oft recht lange warten und kürzt deshalb die Beobachtungszeit durch Berühren der Pstanzen ab. Bei der ersten Explosion wird man meist so erschreckt sein, daß man nichts Genaues zu sehen bekommt, erst beim wiederholten Beobachten wird man sehen, daß die Frucht sich von ihrem Stiele loslöst, und daß der Fruchtinhalt an der Stelle herausspritzt, wo der Stiel gesessen hat. Ueber die inneren Lebensvorgänge, die die Explosionen eigent- lich veranlassen, stimmen die Ansichten der Forscher nicht ganz über- ein. Jedenfalls spielt hierbei eine durch starke Nahrungs- aufnähme hervorgerufene Spannung der Gewebe eine große Rolle. V. CornilS erklärt sich die Sache so: Die Frucht ist bis zu ihrer vollendeten Reife befähigt, ein großes Quantum Saft in sich aufzunehmen, so daß ihre Zellen stets strotzend voll find; dadurch üben sie, indem sie sich gegenseitig drücken und nach außen hin Raum zu bekommen versuchen, einen starken Druck auf die sie umgebende Schale aus und versetzen diese in einen Zustand bedeutender Spannung. Außerdem wachsen die in der Frucht sitzenden fleischigen Samenitiele noch nach vollendeter Ausbildung der äußeren Schale von einem anfänglich 1 Zentimeter langen Stiele bis zu einer Länge von oft 20 Zentimeter und verlangen infolgedessen einen entsprechend größeren Raum; hierdurch üben sie ebenfalls einen bedeutenden Druck auf die äußere Schale aus und erhöhen die Spannung beträchtlich. Nun ist die Schale von ganz außerordentlich starker Struktur und wohl im- stände, dem inneren Druck Widerstand zu leisten; denn es kommt selbst zur Zeit der höchsten Reife, wo der Druck am stärksten ist, nur selten vor, daß die Schale vorher platzt. Reift jedoch die Frucht all- mählich immer mehr und mehr, so wird das am Stielende(wo Frucht und Stiel sich vereinigen) sitzende, vorher sehr feste Fleisch nach und nach immer mehliger und weicher und infolgedessen immer weniger widerstandsfähig, bis zu dem Punkte schließlich, wo der letzte Widerstand gebrochen ist, und in denisclben Moment springt die Frucht vom Stiele, und durch die so entstandene runde Oeffnung deS Stiefloches spritzen plötzlich Saft und Samen fauchend und zischend WS Freie. Daß der innere Druck bei voll- endeler Reife am stärksten ist, beweist der Umstand, daß beim Durch- schneiden einer noch nicht ganz reifen Frucht der Saft und die Samen nicht herauSfpritzen, sondern nur schnell herausquellen, waS bei noch unreiferen Früchten schließlich ganz aufhört. Die durch die Ouellung der Zellhäute hervorgerufene Spannung ist auch bei anderen ähnlichen Pflanzen die Ursache des Samen- verschleuderns. So ist die Erscheinung bekannt bei der Beißgurke (I-lomorckioa), die aus den Tropen stammt und die ihre Früchte bei uns nur im Gewächshaus reifen läßt. Hingegen kommt die_ aus China stammende Ouetschblume(Blrlaäiantha) auch in unseren Gärten zur Reife. Man findet diese Pflanze aber trotz ihrer Schönheit nur selten; selbst in botanischen Gärten sucht man oft vergebens nach ihr. Häufiger angebaut wird das Kreismännchen(CtycIantiiOT»), daS aus dem tropischen Südamerika stammt. Diese Pflanze wächst ungemein rasch und wird darum in größeren Gärten zur Bekleidung kahler Stellen gern angepflanzt. Die Frucht der letztgenannten Pflanze erinnert an einen Helm, besten obere Partie mit langen weichen Stacheln versehen ist. Diese obere Partie wächst stärker und schneller als die uiilere Seite; sie »nutz sich deshalb auch mehr ausdebr.-'n, biegt sich über die untere Partie und wird dadurch in einen Zustand grötzerer Spannung ge- setzt. Die Samen selbst sitzen auf dem Sameiiträger, der an einem Ende nnt dem gebogenen Teil der Fruchlhülle verwachsen ist und in seiner Längsausdebnnng fest auf dem unteren Teil der Samen- hülle sitzt. Das Fruchtfleisch dieses unteren Teiles bützt zur Reife- zeit an seiner Zähigkeit ein; nun kann silb die Spannung der oberen Samenbüllenpartie auslösen; dies geschieht dura, Aufrollen der Partie mit anhängendem Samenlräger nach rückwärts, wobei die Samen fortgeschleudert werden. Auch bei unseren einheimischen Blumen lasten sich der- gleichen Studien beobachten, so beim Sauerklee sOxalis). Diese bekannte Schattenpflanze unserer Laub- und Bergwälder hat in der Samenbaul ein besonderes Gewebe zum ftortschlendern der Früchte ausgebildet. Bei der reifen Frnchl quillt das Swwellgeivebe noch bcsondclS an und bringt dadurch die Sutzerc Frucblhülle zum Zerreiben. Die die Riste umgebenden Hauiränder rollen sich ganz schnell zurück, wodurch die Samen heraus- geschleudert werden. Eine ähnliche Schwellschicht bildet sicb auch bei der Balsamine flmpationg Nolimotangere— Rührmichnichtan), die unter dem Namen Springkraut und auch Wohl als Revolverpflanze bekannt ist. In feuchten Wäldern, in Erlenbrnchen, an schattigen Quellen und Gräben ist die Heimat dieser Pflanze, w» ihre zitronengelben Blüten im Juli und August zu finden sind. Gel den etwa von Mitte August an reifenden Samen springt die Fruchthülle auf und die fünf Fruchtblätter rollen sich ein. wobei dann die Samenkörner fortgeschleudert werden. Eine unserem bekannten Wiesenschaumkraut ähnliche, in Nord- Westdeutschland fehlende Pflanze ist das Spring- Schaumkraut (varfliunms impatiens), das zerstreut in schattigen Wäldern an feuchten Stellen zu finden ist. Bei dieser Pflanze erfolgt die Explosion der Früchte in ähnlicher Weise wie beim Springkraut, doch rollen sich hier die Fruchtblätter nach auswärts, während beim Springkraut die Rollung nach innen erfolgt. Bei all' diesen Pflanzen ist die Ursache stet? in einer Quellung bestimmter Zellschichten zu suchen, bei anderen Pflanzen kann das Gegenteil als Ursache des Samenverschlcuderns beobnlbtcr werden: die Llustrocknung bestimmter Gewebe. Ein prächtiges Beispiel dieser Art gibt der Sumpfreiherichnabel sGsnmium palustre). Es gibt kaum eine »nterestantere Bcobachlung alS jene, die man an nahezu reif gepflückten Früchten dieser Pflanze, die an einem sonnigen Fenster vollständig ausreifen, machen kann. Da gibt es plötzlich einen Knacks, so datz man förmlich erschrickt und gar nicht gewahr wird, was passiert ist. Die Explosion erfolgt auch so schnell, datz sie sich kaum mit dem Auge verfolgen lätzt. Die Frucht dieier Pflanze hat eine fünfkantige V»n fünf Fruchtblättern umgebene Mittelsgule. Jedes Fruchtblatt bedeckt unten ein Samenkorn und läuft oben in eine Granne aus, die der Mittelsäule anliegt. Wird das Korn reif, so trocknet die Granne ein; dieses Eintrocknen ist ungleichmähig, und da- durch wird veranlaht, datz das Fruchtblatt sich unten von der Mittelsäule loslöst und sich ganz schnell— uhrfederartig— nach nutzen ausrollt. Dabei wird der Same fortgeschleudert. Weniger eine Explosion als ein Fortsch'elidern der Samenkörner lätzt sich bei manchen Veilchen beobachten. Hier werden die Samen, gleichfalls infolge Eintrocknens bestimmter Gewebe, aus ihren kahnartigen offenen Fruchthüllen herausgeworfen, etwa in der Weife wie Kinder Kirschensteine zwischen Daumen und Zeigefinger fortzuschnellen wisten. Aehnliche Erscheinungen, bei denen wohl ein plötzliches Fortschleudern der Samen, aber kein eigentliches Explodieren der Früchte erfolgt, treten noch bei sehr vielen Pflanzen auf, sie ge- hvren aber nicht in den Rahmen dieser Betrachtung, welche Pflanzen mit explodierenden Früchten zeichnen sollte. Bemerkenswert ist eine Zusammenstellung von Kerner, die Auf- schlutz darüber gibt, wie weit die Pflanzen ihre Früchte fortzu- schleudern vermögen. Nach dieser Aufstellung werden die grötzten und schwersten Samen am weitesten fortgeworfen. Während die Samen von Oarckarmiro impatiens— bei 1,5 und 0,7 Millimeter Durchmesser und einem Gewicht von 0,005 Gramm— nur 0,9 Meter Wurfweite erreichen, werden die Samen von Bauhinia purpurea, einer in Ostindien einheimischen Schlingpflanze, die zu den Schmetterlingsblütlern zählt, 15 Meter weit geworfen; die Durch- mcster dieser Samen betragen 30 und 13 Millimeter, das Gewicht 2,5 Gramm. Herm. Krafst. kleines feuilleton. Naturwissenschaftliches. Robert Geigcl: Licht und Farbe.(Bücher der Raturwistenschaft. Herausgegeben von S. Günther. 5. Band. Leipzig. Verlag von Ph. Rcclam.(199 S. und 4 farbige Tafeln.) Preis 0,60 M.). In einem Bändchen, das weniger als 200 Seiten in kleinem Format der Reclamschcn Universalbibliothei umfatzt, bringt der Ver- faster es fertig, das gesamte Gebier der theoretiswen wie der praktischen Optik im wesentlichen erschöpfend darzustellen. Das mathematische Gerüst, das in der Optik einen besonders breiten Raum beansprucht, ist auf das denkbar kleinste Matz beschränkt. Es werden nur die praktisch wichtigsten Formeln mitgeteilt und ihre hauptsächlichsten Anwendungen besprochen. Wird dabei auch manches auf Treu und Glauben hinzunehmen sein, so ist doch dadurch das Büchlein auch denen zugänglich gemacht, die keine oder fast keine mathematischen Vorkenntnisse besitzen. In der Anordnung und Gliederung de? reichhaltigen Stoffe? ist der Verfasser recht glücklich gewesen. Mit den einfachsten und bekanntesten Erscheinungen der Lichtspiegclung und-brechung fängt er an. um dann auf das Gebiet der praktischen Optik zu kommen, wo alle Oe Instrumente besprochen werden, die der Erscheinung der Lichtbrechung ihre Entstehung verdanken. Manche Tatsachen, die hier vorgefühtt werden, deuten auf das nächste Gebiet der lheoretischvn Forschung hin auf die Farbenlehre— der das dritte Kapitel de? Werkchens gewidmet ist. Als Einführung in das vierte Kapitel, in die Lehre von Interferenz- und Polarisationserscheinungen, dient die theoretische Auseinandersetzung über das Wesen deS Lichts,— die gedrängie Darsl llung der Wellentheorie. Im folgenden wird die Beschreibung ein» lner Beobachtungen zur Begründung dieser Theorie herangezogen, w andererseits die Theorie als die einfachste Deu- tung der verschiedenartigsten Erscheinungen ein Band um die ein- zelnen Tatsachen schlingt. Da der Verfaster die wichtigsten Experimente in geschichtlicher Anordnung bringt, so wird dadurch manchem aufmerksamen Leser ein Blick in den historischen Werde- gang der Wistenschaft gewährt. Die drei letzten Kapitel behandeln t die Photographie, wobei sehr instruktive Darstellung der Lippmann- scheu Methode der Farbenphotographie gegeben wird, die Optik der Atmosphäre und die Photometrie. Das Buch schließt mit dem kurzen Hinweis auf die nächste Verwandtschaft der Lichtcrscheinungen mit denen der Elektrizität und der Wärme. Das Buch steht, was die Wahl des StoffeS anbetrifft, durch- weg auf der Höhe der modernen Forschung. So wird z. V. im Kapitel über die praktische Optik das Zeitz'che Prismenfernrohr be- schrieben; ferner werden die neuesten Untersuchungen Lehmans, Lippmanns usw. berücksichtigt. Was die Art des Vortrages selbst anbelangt, so schreitet die Darstellung konsequent von dem Bc- kannten zu dem Unbekannten vor: die Definitionen sind klar und präzise, die Sprache lercht und verständlich. Hier und da gibt eS freilich Entgleisungen. Des weiteren wäre zu rügen, datz der Verfaster sich manchmal solcher Ausdrücke bedient, die der Mehrzahl seiner Leser wohl un- verständlich sein sollten. Es werden z. B. recht wenige wisten, was „experimentum crueis" bedeutet, noch wenigere wohl, welcher Art die»kurve ist, die den Namen„I�mniscate" führt. Eine kurze Er- läuterung solcher Ausdrücke ist doch für ein populäres Buch unbedingt zu fordern. Auch manche Sprachfehler wären zu Verbestern. Aber alles in allem ist das Werkchen des R. Geigel als eine willkommene Bereicherung unserer populär-naturwissenschaftlichen Literatur zu begrützen und allen denen unbedingt zu empfehlen, die sich auf dem Gebiete der Optik orientieren oder ihre Kenntnisse ver« vollständigen möchten. Dl». Medizinisches. Vom Seiten st echen. Schinerzempfindungen„in der Seite" werden vom Volksmund als Seitenstechen bezeichnet und gewöhnlich nicht weiter beachtet. Sie können jedoch, wie Dr. A. Luerssen in der Zeitschrift„Körperkultur" berichtet, unter Um- ständen von ernsten Folgen sein. Die gelegentlich auftretenden und bald vorübergehenden stechenden Schmerzen in der Seite haben ihren näheren Sitz entweder in der Leber oder in der Milz und werden durch Blutstauung in diesen Organen hervorgerufen. Die Veranlastung hierzu gibt oft eine ungewohnt große Anstrengung oder schnell- und ungeschickte Bewegung, denen die Blutkreislauf- organe nicht gewachsen sind, wozu gewöhnlich auch noch falsches oder mangelhaftes Atmen kommt. Oft ruft auch zu enge Kleidung eine solche schmerzhafte Blutstauung hervor. Eine gleiche Wirkung — allerdings nur auf die Leber— haben zuweilen grobe Diät- fehler. Bei Frauen lösen manchmal Menstruationsstörungen oder andere Unterleibsleiden Seitenstechen aus, und es hat dann gewöhnlich Neigung zu längerer Dauer. Zerrende oder drückende Schmerzen zeigen oft an, daß sich die Nieren in ihrer Anheftung an die Rückwand der Bauchhöhle gelockert haben und sogenannte „Wandernieren" geworden sind. Treten die Seitenschmerzen wiederholt oder dauernd auf,>o können sie auch von einer ent- zündlichen Erkrankung oder einer Geschwulstbildung in der Brust- oder Bauchhöhle hervorgerufen werden. Dies zeigt, datz die Bc- deutung der Seitenschmerzen nicht unterschätzt werden darf, und datz es auf jeden Fall gut ist, ärztlichen Rat einzuholen.— Ein gewöhnlicher, vorübergehender Seitenschmerz kann durch ver- schiedene Hilfsmittel gelindert werden, vor allem durch eine Er- lcichterung des Blutkreislaufes rn den Baucheingeweiden. Tritt Seitenstechen auf, so mutz sofort mit einer etwaigen Arbeit oder Leibesübung aufgehört werden, es ist zu empfehlen, sich dann aus- zustrecken oder aufrecht hinzusetzen, die Kleider zu lockern, den Körper ruhig zu halten und ruhig und tief zu atmen. Bei Neigung zu Seitenstechen, das nach ärztlicher Feststellung keinen gefähr- licken Grund hat, find Reform der Kleidung, vorsichtige Atom- und Leibesübungen, Maffage des Bauches und Rückens und Regelung der Verdauung anzuraten._ Pcrantw. Redakteur: Richard Ba.,