ZlnterhaltungsSlatt des Nr. 120. Donnerstag den 23 Juni. 1910 lNachdruck verdotm.) SSZ Vie)Zrena. Roman von Vicente Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Julio Brouta. Als der Junge die Arena verließ, erschien der Vater an der Spitze einer lärmenden Schar Straßenjungen. Er hatte alle aufgetrommelt, die in der Umgebung der Arena herum- lungerten, ferner alle, die die Wachsamkeit der Türsteher getäuscht und sich hineingeschmuggelt hatten. In seinen Ge- schästen war der Schenkwirt solid: M Centimes sollte jeder bekommen, dafür aber waren sie verpflichtet, mit Aufgebot ihrer ganzen Lungenkrast und bis zum Heiserwerden zu schreien:„Es lebe Manilas!" und den glorreichen Novillero auf die Schultern zu heben, sobald er aus dem Ring heraus- getreten war. Manilas, noch zitternd von den soeben überstandenen Gefahren, sah sich umdrängt, gestoßen, geschoben, in die Höbe gehoben von dem schreienden Gesindel, und in dieser Weise wurde er im Triumph von der Arena weg nach den Ventas getragen, ans Ende der Calle de Alcala, mit neugierigen Blicken verfolgt von den Leuten, die in den Straßenbahn- wagen fuhren. Der Vater marschierte den dicken Knüppel unterm Arm stolz und zufrieden mit dem Zug. Er tat, als ob ihn die Be- geisterung nichts anginge, aber wenn das Vivatgeschrei nach- ließ, vergaß er jede Vorsicht, lief zur Spitze der Gruppe und schrie mit der Wut eines Schacherers, der für sein gutes Geld schlechte Ware erhält:„Viva, viva Manitas!" Und die Ovation schwoll wieder an mit tobendem Gebrüll. Schon viele Monate waren seitdem vergangen, und der Wirt erinnerte sich gern noch des großen Ereignisses. „Denken Sie sich mal, Sennor Juan, auf den Schultern getragen brachte man ihn mir nach Haus, geradeso wie man Sie vielmals getragen, wenn ich mir den Vergleich gestatten darf. Sie sehen also, daß der Junge Gutes verspricht. Es fehlt ihm nur ein Beschützer. Ach, wenn Sie ihm doch unter die Arme greifen wollten." Und Gallardo vertröstete ihn, um den zudringlichen Menschen loszuwerden, mit undeutlichen Versprechungen: vielleicht daß er die Leitung der Novillada übernehmen werde. Er würde ihm schon später Bescheid geben: bis zum Winter hatte es ja noch Zeit. Eines Spätnachmittags, als der Espada von der Pucrta del Sol in die Calle de Alcala einbog, prallte er plötzlich vor Ueberraschung einige Schritte zurück. Vor dem Hotel de Paris hielt eine Kutsche, und ihr entstieg eine blonde Dame. — Donna Soll Ein Herr, allem Anschein nach ein Aus- länder, reichte ihr die Hand, war ibr beim Aussteigen behilflich und entfernte sich lächelnd, nachdem er sich mit wenigen Worten verabschiedet hatte, während sie ins Hotel eintrat. Es war unbedingt Donna Sol. Gallardo zweifelte keinen Augenblick daran. Ebensowenig war er sich im unklaren über die Art des Verhältnisses, in welchem sie zu jenem Ausländer stand, nachdem er die getauschten Blicke und sein Lächeln beim Abschiednehmen beobachtet hatte., Ja, so hatte sie auch ihn angeschaut, so lächelte er ihr zu in jenen glückseligen Zeiten, da sie selbzweit hinausritten ins einsame, von dem milden Purpurschein der untergehen- den Sonne beleuchtete Gefild. Verflucht nochmal! In schlechter Laune verbrachte er den Abend mit einigen Freunden. Darauf schlief er schlecht, indem vor seinem Auge immer wieder Szenen aus der Vergangenheit auftauchten. Als er aufstand, drang durch das Fenster das trübe graue Licht des Tages herein: es regnete, und ab und zu fielen auch Schneeflocken. Alles war dunkel, der Himmel, die Mauern der Häuser ihm gegenüber, die tropfenden Dackworsprllnge, das kotige Straßenpflaster, die feuchtglänzenden Dächer der jwtschen, die wogenden Wölbungen der Regenschirme. Elf Uhr. Wenn er jetzt Donna Sol besuchte? Warum auch nicht? In der vergangenen Nacht hatte er diesen Plan mit einer Wut verworfen. Das hieße sich erniedrigen. Sie war von ihm geflohen, ohne jedwede Erklärung, und später, als sie ihn in Todesgefahr wußte, hatte sie sich kaum nach ihm erkundigt. Ein einfaches Telegramm, im ersten Augen« blick, und dann nichts mehr: nicht einmal ein kurzes Briefchcn, einige Zeilen, sie, die so leicht ihren Freunden zu schreiben wußte. Nein, er wollte sie nicht besuchen. Seine Mannes« würde gestattete ihm das nicht. Am nächsten Morgen aber schien sein Wille sich im Schlaf erweicht zu haben. Warum nicht? fragte er sich wieder. Er wollte sie noch einmal wiedersehen. Für ihn war sie nun einmal das einzige Weib unter allen, die er gekannt hatte: sie zog ihn mit einer Kraft zu sich hin, die ganz verschieden war von dem Gefühl, das er für andere hegte.„Sie hat's mir angetan", murmelte er, indem er sich seine Schwäche ge- stand... Ach, wie schmerzlich hatte er die jäh« Trenunng empfunden! Die fürchterliche Verwundung in der Arena zu Sevilla hatte mit der Wucht des physischen Schmerzes seinen Liebes- gram verschüttet. Die schwere Krankheit und dann später die Versöhnung mit Carmen während der Genesung hatten ihn sein Unglück vergessen lassen. Aber jetzt blutete die Wunde in seinem Herzen wieder von neuem. Er hatte sich bemüht, die Erinnerung an die Vergangenheit zu verwischen, aber der allergeringfügigste Umstand, das Passieren eines Weges, auf dem er mit der schönen Amazone zusammengeritten war, der Verkehr mit den Herren, die ihre Verwandten waren, die Be- gegnung mit einer blonden Dame auf der Straße, alles führte ihm das Bild von Donna Sol vor Augen. O, diese Frau! Wie sie würde er niemals eine finden. Als er sie verlor, hatte seine ganze Existenz einen Riß bekommen. Er tvar nicht mehr er selbst. Er kam sich vor wie einige Stufen in der allgemeinen Achtung gesunken. Er schrieb sogar die Mißerfolge in der Ausübung seines Berufes nur ihrer Un- treue zu. Als sie noch sein tvar, fühlte er sich tapferer: aber als sie damals von ihm ging, begann auch das Glück ihm den Rücken zu kehren. Kehrte sie zu ihm zurück, dann würde sicher auch sein Ruhm wieder aufblühen. Sein Herz, abwechselnd gehoben und niedergedrückt von den Vorspiegelungen des Aberglaubens, klammerte sich an diese Hoffnung. Vielleicht war dieser Wunsch, sie zu besuchen, eine gött- liche Eingebung, vergleichbar mit denen, die ihm so oft das Leben in der Arena gerettet. Er besaß ein großes Selbstver- trauen. Seine leichten Erfolge bei anderen Weibern, denen sein Torerokostüm imponierte, ließen ihn an einen unwider- stehlichen Zauber seiner Person glauben. Es könnte doch ein- treffen, daß Donna Sol nach einer langen Abwesenheit... wer weiß? Das erstemal, als sie sich allein antrafen, war eS doch so gewesen. Gallardo war seines guten Sternes sicher. Mit der an- maßenden Zuversicht eines an Frauengunst gewöhnten Mannes, der nur hinzublicken braucht, um erhöht zu werden, machte er sich auf den Weg zum Hotel de Paris, das unlveit von dem seinen lag. Mehr als eine halbe Stunde mußte er unten auf einem Sofa, unter den neugierigen Blicken der Angestellten und Gäste warten, die auf ihn aufmerksam wurden, als sie seinen Namen hörten. Endlich kam ein Diener und bat ihn, den Aufzug zu be- nutzen. Er begleitete ihn in einen kleinen Salon im erstn Stock, durch dessen Fenster man die Puerta del Sol sah, mit den schwarzen Dächern der hol)en Häuser. Ein Strom von Passanten mit aufgespannten Regenschirmen machte die Vürgcrsteige unsichtbar: über den blinkenden Asphalt jagten die Fuhrwerke dahin, vom Regen gepeitscht, und die sich nach allen Richtungen hin kreuzenden Straßenbahnwagen ließen in einem fort ihre 5VIingclzeichen ertönen, um die unter den Schirmen tauben Fußgänger zu warnen. Eine Tapetentüre wurde geöffnet, und in ihr erschien Donna Sol. Ein leises Rauschen von Seide, und der Wohl- geruch ihres Körpers, der in sommerlicher Reife seine Reize entfaltete, kündigten ihr Erscheinen an. Gallardo verschlang sie mit den Augen und maß sie mit den Kennerblicken, die keine Einzellwt übersahen. Ganz so wie in Sevilla! Viel- leicht noch schöner und verführerischer nach so langer Ab- Wesenheit. Mit eleganter Nachlässigkeit trug sie eine fremdländische Tunika mit seltsamen Schmucksachen, genau so wie sie bei seinem ersten Besuch in Sevilla aufgetreten war. Die Füßchen staken in goldbesetzten Pantoffelchen, die verführerisch auf den Zehen schaukelten. Sie reichte ihm die Hau! und lächelte kühlfreundlich. „Wie geht es Ihnen, Gallardo? Ich wußte, daß Sie in Madrid waren, ich habe Sie schon gesehen." Sie!... Also sie duzte ihn nicht mehr! Dies brachte den Espada zur Verzweiflung. Er wollte eine Art Sklave fein, nur durch die Liebe in ihre Arme emporgezogen, und sah sich nun mit kühler Höflichkeit bel>andelt, wie man sie einem gewöhnlichen Bekannten entgegenbringt. Sie erzählte ihm, daß sie ihn in dem einzigen Stier- gcsecht, wo er in Madrid aufgetreten, gesehen hatte. Sie sei mit einem Ausländer hingegangen, der das Typische und Charakteristische Spaniens kennen lernen wollte, einem Freunde, der si. auf Reisen begleite, aber in einem andern Hotel wohne. Gallardo nickte bejahend dazu: er kannte jenen Aus- länder, den er mit ihr zusammen gesehen hatte. Sie verblieben beide in langem Schweigen: keiner wußte etwas zu sagen. Endlich brachte Donna Sol das Gespräch wieder in Gang. Sie finde den Matador bei gutem Aussehen und erinnere sich dunkel eines schweren Unfalls, der ihm zugestoßen. Sie sei gewiß, daß sie ihm deswegen nach Sevilla telegraphiert habe, unr zu erfahren, wie es ihm ging. Mit dem Leben, das sie führe, diesem ewigen Wechsel der Aufenthaltsorte und den neuen Bekanntschaften verwirrten sich ihre Erinnerungen so leicht... Aber jetzt sehe er aus wie früher, und bei seinem letzten Auftreten habe sie ihn stark und mutig gefunden, aber ein wenig unglücklich. Sie verstehe allerdings nicht viel von Sticrgefechten... Sei jene Verwundung eigentlich von Be- deutung gewesen? Gallardo war empört über die Gleichgültigkeit, mit der sie diese Frage stellte. Und er hatte in jener Zeit, als er zwischen Leben und Tod schwebte, nur an sie gedacht! Ver- bittert erzählte er ihr in etwas barschem Ton von der Ver- wundung und der langsamen Genesung, die den ganzen Winter hindurch gedauert hatte. Sie hörte mit Interesse zu, aber aus ihren Äugen blickte die Teilnahmlosigkeit. Das Mißgeschick dieses Mannes ließ sie kalt. Es waren schließlich Unfälle, wie sie sein Beruf mit sich brachte und ihn allein interessieren konnten. lFortsetzung folgt.U Nachdruck BerCct«.) 16] Die Geschichte einer Liebe. Bon Johan Skjoldborg.— Berechtigte Uebersetzung aus dem Dänischen von Laura Heidt. Aber nun steht Ellen auf, um sich zu verabschieden, und Sara eilt in die Küche hinein. Von dort ans sieht sie nach einer Weile, daß Anders Ellen zum Tore hinausbegleitet. Und da fährt sie durch das Brauhaus, vorbei an Fässern und Wannen und zur Tür hinaus, ohne nach links oder rechts zu sehen, wie angezogen von einem heimlichen Magneten. Es ist trübes Wetter, und sie sieht die beiden wie Schatten in der dicken Luft verschwinden. Sie folgt ihnen in bestimmtem Ab- stände, aber so, daß sie sie während der ganzen Zeit sehen kann. Nicht einen Augenblick läßt sie sie aus den Augen; ihr Blick ist starr auf die beiden gerichtet, wie sie sich bewegen und wie dicht sie zusammengehen. Sie beugt den Kopf vornüber, als wirke der Magnet durch den Blick. Die Füße kümmern sie nicht; sie gehen von selber über Stock und Stein und gepflügtes Land. Die beiden kommen an einen kleinen Graben, eigentlich nur eine tiefe Furche; am besten überschreitet sie jeder für sich, aber Anders hebt Ellen hinüber; das ist gar nickt notwendig. Die beiden Schatten gleiten in einer Umarmung ineinander, und als sie drüben sind, bleiben sie so stehen, dicht aneinander geschmiegt. Da spürt Sara einen heftigen Schmerz in ihren Herzen. Sie hat sich wärenddcm in eine Furche gelegt, um nicht gesehen zu werden. O— wie das schmerzt, an einer Stelle, wo sie noch nie vorher einen Schmerz gespürt hat, so tief und so weit drinnen in ihrer Brust. Sie läßt die beiden nicht aus den Augen. Sie legt sich hin. duckt sich, steht auf, ohne selber etwas davon zu Wissen, und ohne den Blick von ihnen zu wenden. Sie gehen weiter, Hand in Hand. --- So, genau so, gingen sie und Anders diesen Sommer auch, ivenn sie von der Schilftoiese heimkehrten. Wie falsch er doch im Grunde war! Wie wollte sie morgen mit ihm reden! Ihm so recht sein eigenes Bild vorhalten!— Sie ist sehr zornig Aber es hält nicht lange an. Ties hier lag jenseits allen Zornes, war viel ernsthafter. Wenn das Feld vertrocknet, wird man nicht böse; man grämt sich darüber, daß kein Leben mehr darin ist, daß es welken muß, weil es gar nicht anders sein kann.— Die beiden dort, die sich an der Hand hielten, waren glücklich, ihnen war alles Keimen und Sprossen.> Sara zürnt nicht. Sie liebt ihn, sie fühlt, daß sie ihn noch nie so innig geliebt hat wie jetzt, wo er dort fern von ihr geht mit der Hand einer anderen in der seinen. Aber es tat so weh, so weh. Es war so furchtbar traurig. Die beiden Schatten vor ihr stehen still und fließen abermals ineinander. Und Sara läßt die Augen nicht von ihnen. Es liegt gleichsam eine Art Genugtuung darin, den Kelch bis zum letzten bittren Tropfen zu leeren. Sie durchqueren einen Kartoffelacker und sind ganz dicht an Vadgaard. Sara hält sich so weit wie möglich im Hintergrunde. In der weißen Giebelwand des Vadgaarder Gebäudes ist eine Tür. Sie hört, wie diese leise geöffnet wird, und sie sieht sie beide dort hineingehen. Und dann hört sie die Tür ins Schloß fallen. Im selben Augenblick weih Sara, daß sie diesen Laut ihr Leben lang höre, wird, sollte sie auch noch so alt werden. Sie schleicht mehrere Stunden lang um die Vadgaarder Gc- bände herum, aber es ist nichts zu hören und nirgends ein Licht» schimmer zu erblicken. Und nachdem sie lange genug dagestanden und die Tür in dem weißen Giebel angestarrt hat. kehrt sie um. Sie ist wie erstarrt, und gleich einer Schlafwandlerin schreitet sie heim. Sie legt sich aufs Bett, aber sie schläft nicht. Es ist, als atme sie nicht; ihre Seele ist nicht gegenwärtig. Den ganzen Abend erlebt sie in Gedanken noch einmal von Anfang bis zu Ende, alles, was sie gesehen und gehört hat. Sie beeilt sich nicht. Und wenn sie damit fertig ist, fängt sie wieder von vorne an. Sie hört wohl jemand draußen gehen im Flur; aber es ficht sie nicht an; sie ist nur da für ihre eigenen Gedanken. Als Maren in ihrer Kammer steht mit einem Lichte in der Hand, blickt sie sie wohl an, aber das ist auch alles. Und so schreck- lich sieht sie aus, so unglücklich ist ihr Blick, daß Maren, die Wiesen- Hofbäuerin, dieses starke Weib, sich rückwärts zur Tür hinausschiebt, ohne ein Wort zu sagen. Sara beginnt von neuem die Begebenheiten des Abends durch- zudenken, und sie verweilt bei jeder Einzelheit, bis sie begreift, daß alles Wirklichkeit ist. Aber sie weint nicht. Dazu sitzt der Kummer viel zu tief drin, nen. Einmal wird es wohl noch kommen. Sie steht auf und begibt sich an ihre Tagesarbeit, ohne ein Auge geschlossen zu haben. Als sie im Laufe des Vormittags Anders sieht, geht sie auk ihn zu und fragt: „Wo warst du gestern abend?" „Oh— ich begleitete Ellen Vadgaard heim!" antwortet er und tut ganz gleichgültig. Aber nachdem er gesehen hat. wie Sara aussieht, und sie ihm sagt, daß sie alles weiß, errötet er und sieht sie tiefbetrübt an. Es liegt so viel Wärme in seinem Blick, scheint ihr, und in ihrem Innern jubelt es: „Er liebt mich trotz alledem!" In diesem Augenblick ruft Maren, die Wiesenhofbäuerin, sie herein. 11. Es ist wiederum der erste November, wieder ein paar Stunden lang Festtag für Jakob und Dorte in dem alten Weidenhäuschen, das so geduldig da drinnen in den Bergen liegt. , Klein und groß hat sich verabschiedet und"auf den Fußsteigen verschiedener Richtung verschwunden, jeder dorthin, wo er in Stellung ist. Sara ist die letzte; sie ist erst spät gekommen. „Ach ja," sagt Jakob und wischt den braunen Saft ab, der sich gerne in den Mundwinkeln festsetzen will.„Es geht ihnen ja allen gut, Gott sei Dank. Das ist das Beste von allem." „Ja, noch keiner von ihnen hat uns Kummer gemacht.—" Dorte schlägt mit dem Knöchel drei Schläge unter der Tischplatte: ein kleiner Appell an die geheimnisvollen Mächte des Lebens, falls sie zu viel gesagt haben sollte. Sie weiß nur allzu gut, daß nament» jich arme Leute demütig sein sollen. „Und nun hat Peter dreihundertundfünfzig in der Sparkasse, he, he!" lacht Jakob leise. „Ja, es ist unglaublich, wie er es versteht, der Bursche! „Nun, Sarachen," Jakob kaut an seinem Tabak herum,„Du wirst wohl auf dem Wiesenhofe bleiben, kann ich mir denken. Das ist ja ein netter Platz, und wir haben gehört, daß Du auch dann und wann'mal mitkommst zu etwas Besserem, und darüber find wir natürlich sehr froh." „DaS ist aber noch kein Grund, hochmütig zu werden I" bemerkt Dorte.„Mir scheint. Du bist so still." „Ach was, Mutter, sie wird ja nun auch immer älter. Mir scheint wirklich, Sara sieht jetzt so vernünftig aus," sagt Jakob und lächelt der Tockter voll HerzenLgüte zu. „Ist der Sohn noch immer ebenso nett?" fragt die Mutter. „Jawohl," antwortet Sara,„übrigens soll er in den nächsten T-'gen auf die landwirtschaftliche Schule!" .„To— 0. das soll er. Ja, solche Leute haben's ja dazu! Es ist noch Dämmerstunde. Aber das Licht brennt, und Dorte sagt, daß sie noch schnell ein Tätzchen Kaffee haben wollen Nachdem dieser getrunken ist, geht Sara. „Leb wohl, mein Kind," Jakob drückt ihre Hand,»und Hab' Dank. Ja, Deine Mutter und ich sind jetzt alt. und wir sind arm und verbraucht: aber es ist so hübsch, wenn ihr heimkommt zu uns. Und so wie Ihr Euch alle herausmacht!— Ja, unsere Kinder find unser Stolz!" Jakob ist bewegt, als er so spricht. Und Sara blickt ihren Vater so liebevoll an, dast er ein großes Verlangen danach hat, sie zu liebkosen... Aber Jakob will nicht närrisch sein. Die Mutter küßt sie zum Abschied. Nock einmal sagt Jakob mit dem herzlichen Ton, der seiner Stimme eigen ist:„Leb wohl, Srrachen!" Sie hört es noch draußen, und der Klang dieser Worte liegt ihr noch in den Ohren, während sie die Höhen ersteigt. Es ist, als brächten die Klänge dieses Abschiedswortes andere Töne in ihr zum Klingen, weiche heimatliche Töne, die aus den Dunkel ringsumher hervork rechen. Töne, die ihr folgen aus ihrem Wege. Und dock ist ihr, als müßte sie weinen. Auf der Bergkuppe blickt sie sich um nach dem einsamen, fried- kichen Schein aus den Fenstern des Wcidenhäuschens. Und dann wendet sie sich vorwärts dem Leben zu, diesem Leben, tem ihre jungen Füße sie entgegentragen. Die Wolken schwellen an, und im Südwesten liegen schräg herab- fallend einige Wolkenschichten loie dunkle Balken in der unruhigen Luft. Einzelne Sterne sind sichtbar. (Fortsetzung folgt.)s SdgifcKe StadtebUder, n. Löwen. Man weiß, was eS mit dem Klerikalismus in Belgien auf sich hat. Nirgends, auch in Spanien nickt, kommen so viel Priester, Mönche und Nonnen, so viel Bischofssitze, Abteien und Klöster, geist- liche Schulen und Anstalten, ja selbst geistliche Geschäftsunter- nehmungen auf eine verhältnismäßig geringe Volkszahl, und nirgends ist es dem Klerikalismns bis jetzt gelungen, außer eben in Belgien, dem Staat sein erstes Reckt, seine vornehmste Pflicht, die Erziehung seiner Kinder vorzuenthalten. Ein reiches, uraltes Kultur« land, von der Natur begünstigt wie kaum ein zweites in Europa, ohne Staatssckule, mit einer Unzahl von Analphabeten, mit Volks- schichten, die völlig verwildert und infolge ihrer untermenschlichen Unwissenheit tierisch roh und im Zusammenhange damit erschreckend veralkoholisiert sind. Nun ist eS höchst lehrreich zu beobachten, wie diese EntWickelung historisch vor sich gegangen ist, wie nämlich die katholische Kirche als die bestorganisierte kapitalistische Macht über die unerhört reichen und kulturgesegneten, aber unter einander eifersüchtigen und un- einigen flandrischen Gemeinwesen gekommen ist, wenigstens solange die modernen Machtmittel Hollands und Englands, der Welt- unispannende überseeische Handel sder nach Amerika vor allem) nicht vorhanden war. Spanien hätte es im l6. Jahrhundert nicht wagen können, eine derart schamlose Räuberpolitik in den nieder- ländischcn Provinzen zu treiben, die doch so weit vom Mutter- lande getrennt waren und außerdem von jeher in der französischen Jnteresiensvhäre lagen, hätte ihm nicht Rom den Rücken gesteift. Genug, Rom eroberte mit spanischen Armeen die Süd- Niederlande, als sie durch die große Verschiebung des Welthandels vom Orient nach Amerika ökonomisch aus dem Gleichgewicht ge- kommen waren, und behielt die Beute bis auf den heutigen Tag in den Klauen. Eine halbe Stunde Eisenbahnfahrt von Brüssel weg liegen die Zwingburgen der erobernden Kirche, M e ch e l n und Löwen. Ihrer" beider Schicksal ist für das des Landes überhaupt typisch. Bis ins IS. Jahrhundert hinein Großstädte der altflämischen Tuch- industrie mit an die LOl) 000 Einwohner, sind beide heute nur noch arme, tote Nester, von 40 000 bis SO 000 Menschen bevölkert, deren Habe zum größten Teil den Klöstern, Seminaren und sogenannten „Wobltätigkeitsinstituten" gehört. Es läßt sich kaum etwa? Elenderes, Schmutzigeres und Nieder- drückenderes vorstellen, als das einst so schöne, reiche und stolze Löwen. Hier hatte 1463 De LayenS sein Rathaus zu bauen be- gönnen, das das schönste in den Niederlanden geworden ist, wunder- voll reich und zierlich und doch noch rein und kraftvoll und groß in den Linien, ein wahres Schatzkästlcin. Im Innern hatte D i e r k B o n t s, der eigenartige holländische Meister, der der flämischen Malerei in der Landschafts- und namentlich Lichtbeobachtung neues Land eroberte, als Sinnbild der weltlichen Gerechtigkeit die Legende von dem römischen Kaiser Otto und seiner aus Heimtücke der Untreue bezichtigten Gemahlin gemalt. Die Bilder sind herausgerissen worden von dem Platz, für den sie aus- drücklich bestimmt waren, und hängen, zwischen andere gestopft, wirkungslos im Brüsseler Museum, und der altberühmte Wunderboir wird seit Jahren restauriert und nach sieben bis acht weiteren Jahren so gründlich restauriert werden, daß sein ursprüng» licher Reiz so ziemlich zum Teufel geben dürfte. Der bis jetzt fertig- gestellte Teil läßt wenigstens das schlimmste befürchten. Man hat alle Nischen mit schlechten modernen Statuen gefüllt, die aus den feinen Linien der Architektur aufs empfindlichste herausfallen. Wie Belgien mit diesen alten Denkmälern umgeht, das läßt sich überhaupt kaum beschreiben. Erst läßt man alles aufs jämmerlichste verderben und verfallen, so etwa wie die große gothischc Kollegiat- kirche von St. Peter, dem Rathaus gegenüber, dann kommt es den Herren mit einem Mal bei, daß man so einen Bau aus dem Mittel- alter, dem zu Liebe die Fremden weiß Gott woher reisen, doch nicht jjanz dürfe zu Grunde gehen lassen, und nun wird schleunigst restauriert, daß nur so die Späne fliegen. Was mir diesen Zwangsrestaurationen, als der Folge einer fehlenden systematischen Denkmalspflege, d. h. Denkmalsuuterhaltung, allein in Brügge verhunzt worden ist. läßt sich in der Eile gar nicht erzählen. Ein Beispiel noch aus Löwen: am Chor der Peterskirche hat man mit dem Restaurieren den Anfang gemacht— im großen und ganzen gleicht die Kirche mehr einem Schutthaufen als einer Archilekiur. Wie an allen flandrischen Marktplätzen, so war auch hier der Chor mit kleinen Häuschen umgeben. Das gibt immer eine gute Wirkung, wenn der gotische Bau, durch den Gegensatz der Keinen Umgebung doppelt groß und wuchtig, so machtvoll herausstrebt. Außerdem wurde durch die Anbauten der kahle untere Teil des kon- struktiven Mauerwerks verdeckt. Und besonders wichtig waren diese angebauten Häuschen am Chor der Peterskirche, weil die Straße vom Bahnhof her direkt auf ihn zuführt und man von der ganzen Kirche zunächst nichts anderes sieht. Die Alten hatten ein feines architektonisches Anstandsgefühl, das ihnen verbot, daS Hinterteil eines Domes nackt den Blicken preiszugeben. Die Restauratoren hingegen setzten eben darin ihren Ehrgeiz. Ein Beispiel für eine ähnliche Perversität ist die Freilegung des Kölner Domes. Aber daS Sündenregister der Löwener Klerisei— ich spreche nur vom ästhetischen Sündenregister— ist noch lange nicht erschöpft. Im Chor dieser Kirche hängen zwei Altäre und das Mittelstück von einem dritten. Der dreiflüglige Altar von Roger van der Wehden von Brüssel(1446) ist auf den Außenseilen total zugrunde gegangen, im Innern namentlich auf der Haupttafel mit der Kreuzabnahme stark durchgedunkelt, so daß es schwer hielt, die Einzelheiten zu erkennen. Eine Restaurierung des Bildes wäre vielleicht erwünscht, bevor auch das, was noch zu sehen ist, völlig verschwindet. Von dem prächtigen großen Altarbild des Löwener Meisters Dierk BontS, einer ursprünglich fünfflügeligen Komposition, die selbstverständlich so, wie sie der Künstler geschaffen hat, durchaus zusammengebört, haben die Herren Geistlichen die Flügel an das Berliner Museum verschachert, genau, wie eS ihre Rollegen von St. Bavo in Gent mit dem Altarwerk der Brüder van Eyck gemacht haben. Man muß solche Altäre wie etwa den Freiburger Hochaltar an dem für ihn von Ansang an bestimmten Play gesehen haben, um die Barbarei richtig zu taxieren, die sich im Zerreißen eines derartigen Werkes und in der Verbannung vom Ganzen losgelöster Teile in ein Museum offenbart. Man kann zu keinem vollen Genuß kommen in Löwen. Die Gegenwart legt einen schmutzigen Bewurf über das Gute, das fich aus der Glanzzeit herübergerettet hat. Es wird erzählt, in Löwen habe man um 1300 eine halbe Stunde vor Feierabend die große Glocke läuten müssen, um die Mütter ihre Kinder von der Straße hereinholen zu lassen, weil eS wie ein tobender Schwärm durch die Stadt brauste, wenn die 30- oder 40 000 Tuchwirker ihre Werkstätten verließen! Heute trägt der Wind höchstens die wimmernden Töne de« Glockenspiels von den Kirchtürmen über die Dächer, während drunten ein faules und heruntergekommenes Volk im Fenster oder in der Ladentür gähnt und mit gedankenloser Verehrung oder mit ohnmächtigem Ingrimm den schwarzen Soutanen und den weißen und braunen Kutten nachschaut, die die einzigen Beschäftigten hier zu sei» scheinen.... Löwen hatte nach seiner industriellen eine wiffenschastlich Blüte erlebt im IS. und 16. Jahrhundert. Als die Weber z» Beginn des IS. Jahrhunderts infolge politischer Streitigkeiten in Massen nach England auswanderte», gründete der Papst 1426 eine geistliche Uni- versität dort.„Lauvain la Savante"rrspek» table Leistungen sind. Dafür ist aber der Körper im Alker den Infektionskrankheiten überhaupt nur selten ausgesetzt. In seiner Starrheit und Mürbe scheint er einen gewiffen Schutz gegen die Schmarotzer zu besitzen. Der jugendliche Körper aber ist ganz besonders zur Ansiedelung der Kleinlebewesen geeignet, also für Infektionskrankheiten empfänglich. Sind doch gerade die spezifischen Kinderkrankheiten ausgesprochene Jnfektions- krankheiten, wie Scharlach, Röteln und Masern. Auch die übrigen selteneren fieberhaften Krankheiten, wie Genickstarre u. a. bevorzugen daS kindliche und jugendliche Alter. Gelenkrheumatismus treffen wir selten noch jenseits des 30. Lebensjahres. Der Typhus wagt sich allerdings noch an 40— byjährige. Im allgemeinen kann man sagen: Je älter der Mensch wird, desto weniger ist er fieber- haften Erkrankungen ausgesetzt. Nur die Lungenentzündung bleibt ihm treu bis ins hohe Alter hinauf. Und doch handelt es sich bei dieser Alterslungenentzündung, die so manches schwache Lichtlein ausbläst, nicht um die infektiöse Form, sondern um eine besondere Entzündung, die sich meist aus einem Bronchialkatarrh entwickelt, eine Erscheinung, die auch dem Leben Eduard VII. ein schnelles Ende bereitet hat._ Kleines feuilleton. Erziehung und Unterricht. Vom Lispeln der Kinder. Eine recht unangenehme Sprachstörung ist das Lispeln. Bei stark ausgeprägten Fällen wird die Sprache derart geschädigt, daß sie bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird. Es ist darum ungemein wichtig, frühzeitig und zweckent- sprechend dem Uebel entgegenzutreten. Das Lispeln besteht in einer fehlerhaften Bildung des S.-Lautcs. Meistens ist der Grund dafür eine falsche Zungenlage. Verschiedene Möglichkeiten können dabei eintreten. I. Die Zunge wird zu weit von den Zähnen weg- gezogen und das„S." klingt zu breit, fast wie sch. 2. Die Zungen- spitze bleibt nicht hinter den Zähnen, sondern tritt zwischen diese. 3. Die Zungenspitze legt sich hinter die obere Zahnreihe wie beim „L." und das S.-Geräusch geht über die beiden Seitenränder der Zunge zu den Muirdwinkeln heraus,„S e i t w ä r t s l i s p e l n" genannt. Daneben können natürlich auch noch fehlerhafte Kiefer- bildung und abnorme Zahnstellung die Ursache für das Lispeln abgeben. Von großer Wichtigkeit ist es, bei Bildung und Ge- winnung des S.-Lautcs, daß der Luftstrom auf die Enge, auf die Mitte der unteren Zahnreihe gerichtet wird. Deshalb ist es bei Abstellung des Ucbels unbedingt notwendig, daß das Kind dort einen bestimmten Anhaltspunkt sieht, fühlt oder hört. Am besten läßt man darum den Finger an diese Stelle legen und darauf blasen oder aber auch, man nimmt einen Hohlschlüssel oder eine Glasröhre und legt sie dorthin, nämlich an die Enge der unteren Zahnreihe. Sobald der Klang, der Eigcnklang de? Hohlraumes hörbar wird, kann man sicher sein, daß der gesamte Luftstrom auf die Mitte der unteren Zahnreihe gelenkt wird, somit die notwendige Vorbedingung für ein lautrcincö S. vorhanden ist. Reime Uebung wird dann Abhilfe leisten. Mitunter klingt auch, wie vor- hin erwähnt, das S. zu sehr wie Sch. Dann ist die Zungenspitze zu weit hinter den Zähnen. Man versuche, dem Kinde die richtige Zungenlage zu zeigen, einen Spiegel vornehmen zu lassen und zur richtigen Bildung aufzufordern. Nicht selten genügt schon diese einsacke Maßnahme zur Abhilfe. Sollte es nicht gelingen, so kann man sich auch eines kleinen Handgriffes bedienen. Man nimmt eine Haarnadel; das eine Ende der Nadel wird rechtwinklig abge- bogen und hinter die untere Zahnrcihe gelegt. Da? 5bind wird aufgefordert, seine Zungenspitze dagegen zu legen; bringt es daS nicht selbst fertig, so drückt man mit dem umgebogenen Teil die Zungenspitze abwärts. Der Erfolg ist überraschend. Im Hand- umdrehen bat man auf diese Art ein scharfes, lautreincs S. In gar vielen Fällen bedarf man aber schließlich gar nicht dieser Maß- nahmen, dieser Hilfsmittel. Sehr oft genügt auch schon, daß man vorkommenden Falles immer dem lispelnden Kinde oas fehlerhaft gesprochene Wort mit scharf markiertem, vielleicht sogar etwas übertriebenem S. vorspricht und cS zum korrekten Nach- sprechen auffordert. Wie sonst, so führt auch hier Beharrlichkeit meistens zu einem guten Ziel._ Dr. G B. Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwarlsBucytruckcrel u.Vercag»annatlPautSlirger scCo..!vertm LAi.