MnterhaltimgMatt des vorwärts Nr. 133. Dienstag, den 12. Juli. 1910 Waetitua fittsetMkj 3) Der entcflciftc. Von Wilhelm H o l z a m e t. Eine Stunde später stand sie wieder in der Lettengrube und stach den Letten auS. Niemand hätte gewagt, eine Be- inerkung zu machen. Nur. als um vier Uhr ihr Philipp aus der Schule kam und fragte:„Mutter, was war denn?" da sagte sie:„Kehr- aus mit Dei'm Vater! Wir werden jetzt Ruh vor ihm haben. Und Du wirst was lernen, dcch Du's gehört hast— was lernen,'s übrige geht Dich nix an. Geh hinüber und stell den Kaffee auf. in einer halben Stund komm ich." Der Bube ging. „Bravo Klar!" rief der Drehermathes. „Halt's Maul," sagte sie.„Dein Bravo brauch ich nit. Wenn er mich gejagt hätt, tätst Du zu ihm bravo sagen. Aber wenn Du meinst, daß Du mich uzen könntst, dann bist Du schief gewickelt, Freundchen. Da rat ich Dir. revidier Deine Zähne noch mal, ehe sie Dir ins Maul fliegen." „Na, Klar," bat der Drehermathes. Es lag Bitte und Entschuldigung in der Stimme. „Na ja, ich will das ein- für allemal gesagt haben. Basta, die Sach ist erledigt." Sie war munter und schaffte weiter. Der Kaiser verließ das Dorf, wo er den Leuten doch nur zum Gespött gewesen wäre, und ging über den Rhein, wo er daheim war. Sehen ließ er sich nicht mehr. Da er kein Hiesiger war, hätt er auch nirgends Recht gekriegt. Die Klar hatte Ruhe. Und auch vor den Leuten. Keiner sagte ein Spottwort gegen sie. Man hatte immer gewußt, daß sie ein Hurras war. Jetzt war sie aber doch noch was anderes. Etwas, davor man Respekt hatte. Sie hatte ge- wüßt,„sich in Positur zu setzen". Und das nit schlecht. Sie war jemand. Kein Mensch bedauerte den Lumpen, der sie nur drang- saliert hatte. Und so konnte aus dem Philipp was werden. Die Klar sollte nur nicht zu hoch hinaus mit ihm wollen. Das tät dann nit gut. 3. Aber die Klar wollte hoch hinaus.„Schullehrer oder Pfarrer", sagte sie zu den Leuten. Und die Leute machten lange Hälse und guckten sie von oben herunter an. Zunächst sagten sie nichts. Die Klar hat ihren Stuß, sagten sie. Sie war nun halt so, sie mußte immer ihren Stuß haben. Erst mit ihrem Mann, dann mit ihrem Philipp. Es gibt so Menschen, wenn nichts auf die geladen wird, so laden sie sich selbst etwas auf. Am besten war man ganz still dazu. Das tobte sich aus. Und wenn nach zwei Jahren der Philipp aus der Schule kommt, dann steht er in der Lettengrube wie seine Mutter auch. Und das ist auch das Allergescheitste. Das ander', das sind Speranzen. Es haben alle Menschen ihr Gewisses auf der Welt, über das dürfen sie nun einmal nit hinauskommen. Wenn sie darüber hinaus wollen und drüber hinaus geschoben werden, so tut's nit gut. Das ist Gesetz. Und ein Ziegler, das bleibt ein Ziegler. Verstanden will das auch sein. Eine Schand ist's auch nit. Auch einen Ziegler hat kein Esel aus der Wand herausgeschlagen. Die Klar sollte nur sehen. Sie mocht sich die Hörner abrennen. Und die Klar schaffte für drei. Als ihr Gesicht ein wenig ausgeheilt war, nahm sie ihren Philipp und fuhr mit ihm nach Mainz. Er mußte einen neuen Anzug haben, Hut, Stiefel, Hemd, Kragen, alles, was sich gehört. Und alles, wie sich's gehört. Es sollte ihm kein Mensch mehr den Zieglerbuben ansehen— und daß seine Mutter die Zieglerklar war. und sein Vater ein versoffener Maurer. In Mainz führte sie den Buben erst durch die vornehmen Gassen: durch die Schillerstraße, die große Bleiche, und zw rück nach der Ludwigsstraße, unten die Rheinstraße entlang. Am Fischtor kaufte sie ihm ein paar Rosenwecke und einen Homtckuchen. „Das eß! Genier Dich nit, das eß. Das schmeckt anders als Bauernbrot." „Ihr auch, Mutter." bat der Buh. »Ich? Für mich ist das Bauernbrot gut genug. Füfl mich ist das süße Zeugs nix. Aber Du— Du sollst einmal kein Äauernbrot essen müssen." Und sie zeigte ihm die vornehmen Häuser, die vornehmen Leute, die feinen Sachen in den Läden, Tee, Orangen, bis feine Wurst in Staniol, Lachsschinken. Cervelat. „Das ist alles nix für unserem Leut," sagte sie,„Abel davon sollst Du mal haben." Und wo sie etwas Schönes sah, da sagte sie nur:„DaS ist all mal für Dich." Oder höchstens:„Daran sollst Du all mal Teil haben. Nit wie wir— nit immer in Lettenkaut stehen müssen— und in dem Drecknest leben. In der Stadt!'' Der Bube machte große Augen. Davon sollte er all haben. Und die Rosenwecke waren gut, und der Hartekuchen wie Weihnachtsguts. Es gab Leute, die das alle Tage essen konnten, nicht nur an den Feiertagen. „Aber wir sind doch arm, Mutter," warf er ein. „Arm! Arm hin, arm her. Wir können schaffen." Er schmiegte sich fester in seine Mutter hinein. Die ging mit großen Schritten. Mit Schritten wie ein Mann. Und ihre schweren Schuhe schlugen tüchtig auf, so daß ihr manch« mal die Leute nachsahen. „Man muß nur was wollen in der Welt, dann kommt man auch heraus aus dem Dreck; Dein Vatter sind wir jetzt los, das war notwendig, wir wären statt heraus nur tiefer! hinein gekommen. Und arm, arm macht gar nix. Ob man was im Kopf hat und was will, dadrauf kommt's allein an." Sie saßen auf der Treppe des Theaters und sahen hin- über zum Gutenbergdenkmal. „Weißt Du was von dem?" fragte sie. „Das ist der Gutenberg," antwortete der Bub. „Na ja, dann weißt Du's ja. Von dem kommt die Buch- druckerkunst her. Meinst Du aber, der wär reich gewesen?! Und meist Du, wenn der reich gewesen wär, dann ständ er da?i Gepfiffen!" Der Philipp machte große Augen, Sie riß ihn auf unb zog ihn mit sich fort. „Komm, wir essen jetzt waS. Nachher, wenn Du Dein Anzug hast, dann können wir nit mehr in die Zieglerwirtschaft gehen. Dann hört's auf. Aber jetzt, da geht's noch." Der Philipp sagte:„Und Ihr, Mutter!" Da sah sie ihn erst einmal groß an, und dann sah sie an sich hinab. Ein wenig strich sie mit ihren plumpen Händen über das schwarze Schürzchen, das sie vorgebunden hatte. Dann ging sie rascheren Schrittes und zerrte ihren Sohn heftig neben sich her. „Und ich?" fragte sie dann nach einer Weile. Ihr Stimme war hart. Es knurrte etwas darin, wie wenn eine Säge auf einen Nagel im Holz fährt. Dann milderte sie sie und sagte— ihr Ton war immer noch rauh, aber nun doch nicht rauher wie gewöhnlich: „Du wirst nun groß, und eines Tages hängt alles an Dir. Auch Dein Mutter. Denn heut kann ich noch schaffen. Morgen auch noch. Auch in ein paar Jahren noch, aber auf einmal ist's aus. Auf einmal kann man nit mehr, mit dem besten Willen nit. Da sind die Knochen mürb und die Gelenke .steif. Jetzt aber, wo ich's noch kann, da schaff ich für Dich. Da soll mir nix zu viel sein. Im Dreck, im Letten. Und da darfst Du Dich Deiner Mutter nit schämen, wenn Du auch geputzt bist. Und wenn ich dann nit mehr kann, dann auch nit." „Nein, Mutter," sagte er. Plötzlich rüttelte und schüttelte sie ihn heftig an der Hand, an der sie ihn führte, und sagte mit grober Stimme, mit rascher Heftigkeit: „Sollst Dich unterstehn. Sollst Dich unterstehn! In dem Augenblick, wo ich Dir nit mehr gut genug bin, schmeiß ich Dich hinaus, daß Du Hals und Bein brichst, wie ich Dein Vatter hinausgeschmissen Hab." Der Bub sagte:„Ich weiß ja gar nit. was Ihr wollt, Mutter." „Na ja," stieß sie heraus.„Merk Dir's. Merk Dir's nur. Meiner Seel, das tu ich. Und wenn Du mir ein Lump wirst, wie Dein Vatter— dann nit mehr unter dis Augen!" Auf den Philipp machte das nicht allzu tiefen Eindruck. - 530 Et Kar die barste Nri seiner Muiier gewöhn!. Was wollte sie denn nur. Den richtigen Sinn verstand er nicht. Sie brauchte ihm keine Kleider zu kaufen. Sie konnte ihn ruhig in die Lettenkaute stecken, wenn er aus der Schule war. Da hatte er sich nicht zu schämen. Da schaffte er wie sie auch. Aber wenn sie's wollte, daß er Schullehrer oder Pfarrer werden sollte, dann war ihm das auch recht. Es gab viel- leicht ein bißchen viel zu lernen— aber den Lettenkarren drücken, war auch nicht den Maus gepfiffen. Er dachte nicht weiter drüber nach. Er dachte an neue Kleider, und daß die ihm gut stehen würden. Ein Hütchen, aufs eine Ohr,— er wollt's schon fein machen. Im Dorf sagten die Leute, der Philipp habe die Lustig- Seit von seiner Mutter und den Leichtsinn von seinem Vater. Er machte ein bißchen gern den Majores(den Hanswurst). Und seine Mutter lachte sich helle Tränen dazu. Das wollte sie gerade. Wenn er auf der Gasse herumtanzte, dann wurde sie nicht fertig zu rufen:„Tanz nur, tanz nur!" Das rief sie mit einem hellen A, wie's gar nicht im Dorfe gesprochen wurde, und es klang den Leuten komisch, so daß sie's gerne nachäfften. Das A hatte sie von ihrer Mutter geerbt, die aus der Bingener Gegend her war. Im Mainzerland war das A dunkler. Na ja, und dann dachte der Philipp, wie er mit seinem Hütchen auf einem Ohr unter den Kindern der Gasse herum- tanzen tät. Außerdem war so viel zu sehen hier im Leben und Treiben der Stadt, da konnte er den Worten der Mutter nicht viel nachhängen. Er sagte nur: „Ich weiß nit, was Ihr wollt, ich schäm mich ja gar nit." � Dann traten sie in eine Wirtschaft ein, die Klar bestellte zwei tüchtige Glas Rheinisch-Aktien-Bier, zwei warme Heeschen(Schweinsknöchel), und sie sprach ihrem Philipp tüchtig zu, daß er einhauen sollte. Dann ging sie mit ihm in die Schustergasse und kaufte sür ihn ein. Alles, was sie sich gedacht hatte. Und ein grünes Hütchen mit einer krummen Entenfeder. Die schwarzen gefielen ihr nicht. Sie fand, daß der Philipp sehr gut so aus- sah. Als er vor den Spiegel trat und sein Hütchen rückte und es ordentlich auf die Seite schob, da sagte sie zwar: „Hoppes(Fatzke), der Du bist, so arg brauchst's nit zu machen," aber sie lachte doch, und der Philipp ließ es fest auf einem Ohr sitzen. Dann trollten sie los. Sie gingen über Zahlbach an der römischen Wasserleitung vorbei, denn die Klar dachte, es sei gut, das dem Philipp zu zeigen. Viel er- klären konnte sie ihm freilich dabei nicht. Da müsse er den Schullehrer fragen, aber„der Teufel könnt wissen, wie die Kerl das gemacht hätten mit dem Mauerwerk. Sieben Gäul könnten das nit umreißen, und wenn sie ziehen täten wie die Bär'n". Das war's, was sie von dem Werke der Römer verstand. Als sie die Pariser Straße hingingen, begann es schon zu düstern. Ganz langsam sanken die Dörfer ins Grau, und bald ins Dunkel. Aus der Pfalz fuhren die Kutfcher herein in die Stadt. Von ferne sah man sie schon die Hügelhöhen herunterkommen— an der Deichsel schwankten die brennenden Laternen. Auf der Marienborner Brücke sahen sie zu, wie ein Zug unter ihnen durchfuhr, und als sie weitergingen, berührte es sie eigentümlich, daß nun unter ihnen der Tunnel war, der jeden Augenblick zusammenrutschen konnte. Denn die Klar, die darin Fachkenntnis hatte, erklärte dem Philipp, daß das aus Flonheimer Sandstein gebaut sei, und der wär„weich wie Butter". Aber sie kamen glücklich drüber- �(Fortsetzung folgt.)' 1] Eine alltägliche Grscheinung. Von Wladimir Korolenko. Der Galgen nahm wieder seine Arbeit auf, und vielleicht noch nie seit der Zeit Iwans des Schrecklichen hat Rußland eine solche Unmenge von Hinrichtungen gesehen wie jetzt. Vor seiner„kon- stitutionellen Wiedergeburt" hat Rußland chronische Hungerjahre und furchtbare Epidemien gekannt. Jetzt hat unsere eigenartige Konstitution zu diesen alltäglichen Erscheinungen eine neue gefügt. Zu den gewöhnlichen Todesursachen(Hunger, Typhus, Diphtheritis, Scharlach, Cholera, Pest usw.), mußte eine neue Rubrik hinzu» gefügt werden—„Tod durch den Strang". Fast täglich in den frühesten Morgenstunden, wenn das ungeheure Land in festem Scklcfe liegt, ertönen irgendwo in den Gefängnisgängen drohende Schritte, irgend jemand wird aus fieberhaftem, schreckensvollem Schlaf emporgezogen—, irgend einer, voll strotzender Gesundheit und Kräfte—, Lttd dem fertigen Grabe enkgegengeführk.«,. Wie soll man nicht anerkennen, daß die ruffische Geschichte ihren eigenen, eigenartigen, unerklärlichen Weg geht? Neberall in der ganzen Welt war die Einführung der Konstitution begleitet wenigstens von vorübergehenden Erleichterungen: Amnestie, Milderung der Repressalien usw. Nur bei uns trat mit der Konstitution dis Todesstrafe als Herrin in das Haus der russischen Rechtsprechung ein. Sie trat ein und ließ sich häuslich nieder, auf lange Zeit, wis eine Alltagserscheinung, ständig, allgemein, chronisch..., an die man sich also„gewöhnen" muß.... In den nachfolgenden Skizzen, die bei weitem nicht systematisch sind und keinen Anspruch auf erschöpfende Bedeutung erheben, wollen wir versuchen, uns diese neue russische„Alltagserscheinung" näher anzusehen.... Man muß ja wenigstens das kennen, wovon wir uns vorläufig(und vielleicht noch lange Zeit hinaus) nicht zu befreien vermögen.... D i e To deSkan di dat en im Gefängnis zu N. Bisher kannte man in russischen Gefängnissen bestimmte Kate» gorien von Gefangenen. Es gab„Fristgefangenen", die vom Gericht zu einer bestimmten Hast verurteilt waren, ferner Untersuchungs» gefangene. Transportgefangene und die sogenannten„Kawrga- gefangenen", die zur Zwangsarbeit verurteilt waren. Unsere„konstitutionelle Wiedergeburt" gab uns eine neue 5wte- gorie von Gefangenen, der der Gefängnisjargon den schrecklichen Namen gab:„Smertnilci"— Todeskandidaten. Ein intelligenter Mann, der von einem bösen Schicksal in eines unserer Provinzgefängnisse geschleudert wurde(dessen Namen er nicht nennen will) hatte, wenn auch nicht systematisch und nur bruchstückweise, Gelegenheit, das Leben dieser Leute zu beobachten, die das Todesurteil, seine Bestätigung, die Hinrichtung im Ge- fängnis erwarten. Das auf diese Weife aus zufälligen Bekannt- schasten, flüchtigen Gesprächen und geheimen Briefen erbeutete Material stellte er uns zur Verfügung, und ich will nun den Leser damit bekannt machen. Das Gouvernementsgefängnis einer Provinzialstadt. Eine ganz gewöhnliche Architektur. An den Ecken des Hauptgebäudes vier Türme. Um zu den Türmen zu gelangen, muß man die lang- gestreckten Gefängnisgänge passieren, längs deren sich zwei Reihen schweigsamer„Gucklöcher in den Zellentüren hinziehen. Am Ende des Korridors eine fest verschlossene Tür, deren Schlüssel von be- sonderen Auffehern aufbewahrt wird. Einer von ihnen bewacht ständig den Eingang zum Turm. Hinter dieser Tür ein kleiner finsterer Gang, der zu einer anderen Tür führt. Hinter ihr be» findet sich die runde Turmzelle. Die Zelle stellt einen Zylinder dar, dessen Durchmesser 2 bis 3 Meter groß ist. Oben ein kleines Fenster, durch zwei Gitter geschützt. Die Gitter rauben das Licht, und wenn im Winter die Doppelrahmen eingestellt werden, wird es in der Zlle so finster, daß man selbst am Tage weder lesen noch schreiben kann. Am Abend wird ein elektrisches Lämpchen entzünoet, das an der Decke be- festigt ist. Es hängt so hoch, daß man sogar direkt unter ihm nur mit der größten Anstrengung lesen kann. Es gibt in der Zelle weder ein Bett noch eine Pritsche. Ein kleines Tischchen und zwei, drei Tabourette werden zur Nacht fortgetragen. Schlafen muß man auf dem nackten Fußboden. Die Wände sind oben blaßgrau an- gestrichen, nur etwa 2 Meter vom Fußboden zieht sich ein schwarzer Trauerstreif hin. Die Zellen des oberen Stockwerks eines jeden Turmes sind besser. Sie sind trockener,heller;aus den Fenstern kann man dieStadt sehen, den freien Platz hinter dem Gefängnis, die vorübergehen» den Menschen. Die unteren Zellen sind tief in die Erde hinein- gegraben, so daß sich die halbrunden Fenster auf einem Niveau mit dem Gefängnishof befinden. Es hat den Anschein, als ob hier die Menschen in einen dunklen, kalten, feuchten Brunnen gesteckt sind« Aus den Fenstern können sie die Füße der Gefangenen sehen, die auf dem Hofe spazieren gehen. Bei jedem Turm steht ein Aufseher mit einem Gewehr. In dem Jahre, wo unser zufälliger Korrespondent seine Veob. achtungen machte, waren diese Zellen von mehr als 40„Todes» kandidaten" bevölkert. Das waren alle, verhältnismässig jungs Menschen, vorzugsweise Arbeiter der östlichen großen Eisenwerke« die in Expropriationsprozessen verurteilt waren. Die Gefängntsadministration macht die größten Anstren» gungen, um diese Gefangenen von den übrigen zu isolieren. Die Todeskandidaten" werden vollkommen abgesondert spazieren ge» führt. Auch in die Badstube werden sie besonders geführt. Aber eine vollständige Isolation ist natürlich unmöglich. Zum Verhör, zur Gerichtsverhandlung, zum Spazierengehen oder zu den Zu- sammenkünften mit den Verwandten müssen sie dennoch durch dis gemeinsamen Gänge geführt werden, und die übrigen Gefangenen blicken durch die„Gucklöcher" auf diese dem Tode geweihten Menschen, denen der Tod schon seinen Stempel aufgedrückt hat. Durch dieselben Gänge werden sie in den finsteren frühen Morgen» stunden zur Richtstatt geführt, und dann fahren die Gefangenen in den übrigen Zellen entsetzt aus dem Schlaf empor, wenn sie die lautschallenden Schritte und zuweilen das Gestöhn, die Todesrufo des Menschen vernehmen, der auf diese Weise von der ihm zugäng- lichen und mit ihm shmpathisierenoen Gefangenenwelt Abschied nimmt Dann verstummen die Schritte und das Wehklagen. In tiefer Stille vollzieht sich auf dem Hinterhofe der letzte Akt der furchtbaren Tragödie... In den Zellen aber schläft man nicht« — 631 sondern rät, tSen man soeben, gesund und voll strotzender Kräfte, zum offenen Grabe geführt... Zuweilen hören die Gefangenen während des Spazierengehens von irgendwo, wie aus der Erde, Stimmen, die laut miteinander sprechen oder streiten. Zuweilen, namentlich in der Hälfte des Jahres, über welches wir Material besitzen, erschallte aus den Zellen der Todeskandidaten Gesang. Dann geriet der Wachtposten am Turm in Erregung, klopfte mit dem Gewehr und schrie: Heda, ihr Leute im Turm, hört auf zu singenl Heda, man sagt euch, aufgehört! Wenn dieser Befehl nichts fruchtete, erschien der Direktors- gehilfe auf der Bildfläche, und irgendeiner von den Leuten, die rhrer Hinrichtung entgegensahen, wurde außerdem noch in den Karzer gesteckt... Der Karzer war ein dunkles Loch, direkt unter der Gefängnis- kirche, niedrig, feucht, kalt, mit abscheulicher Lust. Viele wurden nach drei, vier Tagen Karzerhaft auf Matten direkt ins Spital ge- tragen. In diesen Türmen erwarten zuweilen einzelne, zuweilen ganze Gruppen von Menschen tage-, Wochen-, zuweilen monatelang ihr Todesurteil oder die Vollstreckung desselben und stagen sich jeden Abend, ob sie noch den morgigen Tag erblicken werden. Vor kurzem noch, rn der„vorkonstitutionellen" Zeit, sagte mir ein Militär- richter, daß ein langer Aufschub der Hinrichtung eine ungeheure Chance für ihre Aufhebung bedeute: man dürfe keinen Menschen hinrichten, der eine so entsetzliche Zeit durchgemacht, die ärger sei als der Tod. Jetzt kümmert man sich offenbar nicht mehr um solche pshchologischen„Feinheiten",,. De�r Alltag der Todeskandidaten. Alle entsinnen sich noch der Begeisterung, mit welcher die zum Tode Verurteilten oder zur Füsilierung bestimmten Gefangenen in der ersten Periode unserer Revolution dem Tode entgegengingen. Es starben so Intellektuelle, junge Mädchen, Eisenbahnarbeitec, Matrosen. Eine Gruppe von Matrosen, die mit dem Leutnant Schmidt gemeutert hatten, gingen zur Hinrichtung in geschlossenen Reihen und sangen das bekannte Rekrutenlicd: Heut bin ich noch mit Euch, Ihr Freunds. Doch ist's der letzte frohe Tag für mich, Denn in der ersten Morgenstunde Weint meine Mutter bitterlich Es war so viel Begeisterung!, so viel Lebensmut vor dem Antlitz des unvermeidlichen Todes in diesen Szenen, daß dieses Lied, wie man sagt, in Südrußland dieselbe Bedeutung gewann, wie die Marseillaise. Jetzt hat sich vieles geändert, und in dem Maße, wie die Todesstrafe sich in eine„Alltagserscheinung" ver- wandelt hat, schwindet auch die Begeisterung, die sie stüher mit einer Aureole umgab. Es ist wahrscheinlich schwerer dafür zu sterben, wofür die Menschen jetzt so oft ihr Leben lassen. Uebrigens konstatiert unser Korrespondent, daß viele Todes- kandidaten sich einige Tage nach dem Urteil verhältnismäßig gut fühlen. In ihre finsteren Turmzellen tragen sie die Erregung des kürzlichen Kampfes hinein, der, wenn auch nicht von erhabenen, so doch von starken Empfindungen und äußerster Nervenanspannung erfüllt war. Die Gerichtsverhandlung und das Urteil bilden nur den letzten Schwung derselben Welle. In den meisten Briefen, die in den'ersten Tagen nach der Urteilsfällung geschrieben sind, klingt noch ein eigenartiger Mut, selbst eine Art Ironie. Einige dieser Briefe sind ungemein charakteristisch, und wir veröffentlichen nach- folgend die Bruchstücke, die unser Korrespondent stellte. uns zur Verfügung lFortsetzung folgt. Deutfcbe Zvcuc. 'i'Jit mutz wirklich staunen, mit wie jammervollen Mätzchen die Leute, die mit ihrem„echten Deutschtum" prunken und auf alles, was nicht deutsch ist, mit verächllichem Lächeln herabblicken, sich und ihresgleichen den Kopf verkeilen. Erschien da neulich in der„Deutschen Tageszeitung" ein Aufsatz unter der stolzen Ueberschrist.EntWickelung germanischer Stammcsart in der Völkerwanderung". Abgesehen da- von, daß man von diesem Thema in dem Aufsatz überhaupt kein Wort findet, werden darin unter einem gelehrt scheinenden Getue dem Leser eine Reihe entsetzlicher Plattheiten vorgesetzt. So z. B. der Satz: „Gewisse Rasseneigenschaften, wie Freiheitssinn, Sittenreinheit, Ordnungs- und Gliederungsvermögen, Wehrhaftigkeit, Stolz waren allen germanischen Stämmen gemeinsam. Ebenso allgemein ver- breitet waren Eigenbrödelel, Starrsinn, Eifersucht, Kurzfichtigkeit." Da die Verfasser solchen Geschreibsels doch vermutlich eine höhere Schule besucht haben, so mutz man annehmen, daß sie sogar das, was ihnen in ihrer Jugend über die Germanen gesagt worden ist, rein vergessen haben müssen, trotzdem sie mit Litcraturzitaten um sich werfen, die den Anschein höchster Gelehrsamkeit erwecken sollen. Zu Nutz und Frommen unserer Leser wollen wir einiges von dem, was über diese.Rasseneigenschaften" der Germanen be- kannt ist— in der Volksschule aber wohl kaum gelehrt wird— hier kurz zusammenstellen. Ueber die Urzeit des deutschen Volkes, d. h. etwa die Zeit bis zum Beginn des 3. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, wissen wir sehr wenig. Das bedeutsamste Ereignis seiner Geschichte ist dann die allmähliche Zusammenfassung der verschiedenen deutschen Stämme zu einem großen Gesamtreich. Sie geschah unter der Führung des fränkischen Stammes'und wird von den bürgerlichen Historikern als das Verdienst der fränkischen Könige angesehen. Nach bürgerlicher Geschichtsauffassung sind also die Frankenkonige die hervorragendsten Vertreter, die edelste Blüte des damaligen Germanentunis. Sehen wir uns diese Frankenkönige im Hinblick auf ihre.Rasseneigenschaften" etwas näher an. Zuerst war es die Familie der M e r o w i n g e r, die etwa zwei Jahrhunderte lang