Mnterhaltungsblatt des Worwärts N�. 134. Mittwoch, den 13 Juli. 1910 Maqdru« tcctot«.? 4] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamee. Es war nun völlig dunkel. Die Klar erzählte von Morden und Ueberfällen, die hier auf der Straße geschehen waren. Der Philipp fürchtete sich. Aber merken durfte er sich nichts lassen. Da hätte ihn die Mutter schön angefahren. einen Hasenfuß und Gott weiß was geschimpft. Und die Klar erzählte immer. Sie hatte ihre Freude dran, in der Dunkel- heit die Schauergeschichten zu erzählen. Sie war nun längst beim Schinnerhannes angekommen. Den kannte sie von A bis Z. Es tat ihr wohl, wenn so richtig umgebracht wurde. Endlich glänzten die Lichter vom Dorf. Das erste Haus. Wie zwei große Augen sahen zwei helle Fenster ins Dunkel hinaus, die Straße hin. , Der Philipp atmete auf. >„Hast Dich gefürcht't?" fragte die Mutter. ./»Ein bißchen, ja!" "„Ei Du Herrgottskränk, sollst ja gleich's Gewärzel kriegen, was ist denn da zu fürchten. Wann er kommt und was will, so kriegt er seine Aeppel, was gibste, was haste. Und dann— staubaus." Der Philipp rückte jetzt sein Hütchen und war stolz. Sehr stolz. Er war ein—„feiner Bub" jetzt. „So," sagte die Klar,„nun sind wir im Nest drin. Die Kränk soll's kriegen! Ich will jetzt mal sehen, was Du für ein Kerl bist, ob Du's zu was bringen kannst." Der Philipp aber hatte jetzt eine doppelte Freude, einmal, daß sie im Dorf waren, und dann, daß er neue Kleider an und das grüne Hütchen auf hatte, und in seiner Freude sagte er: „Ja, Mutter, Ihr werd'k sehen, daß ich was fertig bringen kann!" Da schüttelte es ordentlich die derbe, große Frau, und sie sagte: „Das ist das erstemal, Philipp, daß Du mir auch was versprochen hast. Aber halt's auch." Dann bogen sie in die Ziegelgasse ein und waren gleich daheim. '4. Alles, was die Klar tat, tat sie ganz. Und alles, was sie tat, tat sie rasch. Im ersten Feuer, in der„ersten Hitz". Da mochte nachher werden, wie es wollte, dann war's getan. Die Klar war darin wie alle echten Rheinhessen. Bei ihnen gehört„Rage" zur Tat. Lang herumsimulieren und zaudern, das ist ihnen gegen die Natur. Das verträgt ihr Blut nicht. Denn in ihrem Blut, da ist Feuer. Da ist Wein drin. Der treibt, der hitzt. Der Klar hing der Himmel voller Geigen. Mochten die Leute sagen, was sie wollten. Sie hatte sich's nun mal aufgebaut, kirchturmhoch, und- so hielt sie dran. Und rumpelte ihr der Turm zusammen, nun, so hatte sie doch wenigstens mal einen Turm gehabt. Einen freien und hohen, wo die andern nicht über einen Hasenstall hinausgekommen sind. Warum sollt's nicht glücken? Durfte ein armer Bub nicht auch einmal was werden? Ein bißchen Vermögen hatte sie, schaffen konnte sie für zwei. Wenn ihr die Kräfte blieben, konnte sie's mit ihrem Verdienst allein bestreiten. Sie hatte ja nun den Mann nicht mehr, der immer mehr gekostet hatte, als er verdient hatte. Und reichte eS nicht, nun, auf ihr Häuschen und die paar Läppelchen Feld gab ihr der Jud schon was, dann mochte der Philipp die Hypothek mal abtragen, stienn er verdiente. Waruni sollt's nicht glücken? Ein Esel war der Philipp nicht. Gescheiter war er wie die sämtlichen Hornviecher des Orts. Ein bißchen einen Stuß hatte er. Was schadete das. Ein bißchen einen Stuß muß jeder haben, sonst tut's nit gut. Sonst kann er sich nit mal ausspannen und Gott einen guten Mann sein lassen. Faxen machen und tanzen— er müßt ja kein Rheinheß sein. Mcenzerland, Narreland I Aber das ist gut so. Und ein bißchen Leichtsinn dabei! Er mußte ja nit gleich werden wie sein Vater. Leichtsinn gehört aber dazu. Fürs Lernen wollte sie schon hinter ihm sein— gnade ihm, wenn er sich auf die faule Haut legen wollte!— aber die Faxen und den Leichtsinn, da wollte sie ihn noch extra anspornen. O, die Hutsimpel konnte sie für die Kränk nit leiden. Früher war der Kaiser auch nur ein Hut» simpel gewesen, dem's bei jeder lumpigen Gelegenheit in die Hosen gegangen. Und nachher— was war's denn geworden mit ihm? Da hatte sie die Bescherung gehabt. Aus der Hut- simpelci war Leichtsinn geworden. Aber was für ein Leicht- sinn, ein ganz lumpiger und gewöhnlicher. Und der Suff! Nein, für alle Kränk nit, der Philipp sollte jetzt als Bub nur einen richtigen Leichtsinn haben, später tät er schon„gesetzt" werden. Sie hatte immer ihren Humor, und wenn's Kuh- dreck regnete. Drum konnte sie auch immer schaffen. Grad- aus— und lustig drauf zu. Kein Hasenherz und kein Groß- getu. Aber ein Scherzwort, wenn's gilt, und eine Grobheit, wenn einer zu nahe kommt, und sonst— ein Lächeln. Was geht ihr mich an! Aber flennen, flennen tu ich nur daheim, wenn's niemand sieht. Selbst mein Philipp nit. Da könnt ihr lang warten. Das geht kein Mensch was an— kein Mensch, der die Freud kriegt. Da kennt ihr die Kaiserklap schlecht. Hundsfötter! Sie rief ihren Philipp. „Also— lernen willst Du was, und lernen kannst Du was? Oder willst Du nit— oder kannst Du nit?" „Ich will doch, Mutter, ich hab's Euch ja schon gesagt.� „Und kannst auch?" „Ich werd schon können." Er wollte wieder fort. „Wo willst Du hin?" „Spielen!" „Was spielen?" „Kommt heraus und guckt selbst!" Die Mutter ging mit ihm heraus auf die Treppe. Er hatte einen Haufen Kinder im Hofe, Buben und Mädchen, sechs, sieben Jahre alt, neun, zehn auch wohl ein paar. Er lehrte sie singen. Er saß auf dem Pumpenschwengel und sang ihnen vor. Sie mußten ihm nachsingen, und er schlug den Takt. Er sang: 's war emal en kleiner Mann ju, val bi ra— Der hatte eine große Frau na di bums di ra— Große Frau wollt tanzen gehn-- ju val di ra— Kleiner Mann wollt auch mitgehn na di bumS di ra— Kleiner Mann muß zu Hause bleiben-* ju val di ra Muß die Küb und Kälber treiben � n,a di bums di ra— Küh und Kälber treibt er nicht ju val di ra— Und von dem Brot'da bleibt er nicht na di bums di ra. Als die Frau nach Hause kam ju val di ra Da saß der Mann im Butterfaß na di bums di ra Gehst de raus, so kriegstc was ju val di ra— Gehst de raus, so kriegste was na di bums di ra. Frau sucht sich e Steckelche ju val di ra— Und schlägt dem Mann aufs Deckelche na di bums di ra. So jetzt kann ich tanzen gehn ju val di ra— So jetzt kann ich tanzen gehn na di bums di ra. „Lausbub," sagte die Klar,„woher kannst denn das?" „Von der Odenwälder Gret," sagte der Philipp,«die ins alte Friedensrichters ist." „Sollst ja die närrisch Kränk kriegen! Nu mach's noch emal!". v. Und die Kinder sangen das Lied noch mal durch, machten den Ringeltanz um die Pumpe herum, und her KaiserphUipx dirigicrle mit narrischen Bewegungen. Die Klar hopste oben auf der Treppe mit und lachte, daß es häuserweit schallte. Jlnd als die Kinder schon zum dritten Male den Reihen sangen, da rief sie unaufhörlich, und sich ganz vergessend, ihrem Philipp zu:„Danz doch, danz doch!" Sie rief es mit dem hohen, hellen A, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte, und das allen Leuten so komisch wirkte. Da die Gasse nun auch von Leuten vollstand, so riefs von draußen, erst ver» einzelt, dan laut und spöttisch von vielen Stimmen:«Danz doch, danz doch!" ' Erst fiel es der Klar nicht auf. Sie rief ihrem Buben Weiter ermunternd zu. Der war in seiner Rolle und tat die närrischsten Bocksprünge. Und immer noch, mit beut- sicherem Spott und quietschender Nachahmung des A, ob- gleich sich die Leute über das Lied und das Spiel der Kinder freuten, rief es draußen„Danz doch!" Da wurde die Klar aufmerksam: „Mach den Leuten nit den Äff, Philipp, komm!" rief sie. In dies„Komm" hatte sich aber etwas vom hellen A ihrer Sprechweise hineingestohlen, und da es Rheinhessenart ist, jede Kleinigkeit aufzugreifen und zu einem Spott aus- zudehnen, so gab's ein Hallo, und das„Komm!" mit dem flachen Tone wurde nachgeahmt.„Danz doch!" und„Komm!" xief es. � Der Philipp war nun auf die Treppe getreten und wußte nicht, was er tun sollte. Die Mutter stieß ihn zur Tür hinein. „Affengesichter!" rief sie den Leuten zu.„Macht, daß Ihr heim kommt. Was habt Ihr denn überhaupt vor meiner Tür verlor'»?. Geht zum Deiwel, Ihr Schneid- jbanksköpp!" „Oho!" rief's dagegen— und„Schneidbankskopp I"— und„Danz doch!"— und„Komm!" Nun ivar aus dem Scherz Ernst geworden. Die des 'Spaßes halber aus ihren Türen und Höfen gekommen waren, die fühlten sich nun beleidigt und gereizt, obgleich sie doch ge- .reizt hatten. Das ist so Dörflerart. „Lumpcnbaggasch," schmetterte die Klar wie ein zorniger Hahn heraus. „Na, was Lumpe anbelangt," rief eine dagegen—„da könnt'st Du Dich zuerst mal am Kopp kratzen. Wir haben noch nit unser» Mann hinausgeschmissen, daß kein Mensch weiß, wie's ihm geht und was aus ihm geworden isl" �„Nein," sagte die Klar und lachte,„Du säufst nur mit Dei'm und läßt Dir als ein Kind nach em andern im Suff machen!" Die Spengler Schlüsselsen krähte mit ihrer scheußlichen Stimme, die klang, als wenn ein Hinkel den Hahnenruf tut: „Du Zieglermensch I Du mänst(meinst). Du wärst schon überm Gräbelchen und hättst Dein Bub schon zum Schul- lehrer gemacht. Ja, Möpelchen!" „Ueberm Gräbelchen bin ich noch nit," erwiderte die Klar.„Aber ich Hab auch noch nit mit ei'm drin gelegen, wie Ihr, Schlüsselsen, und's ist noch keiner über mich gehupst." Die Schlüstelsen wußte auf diesen saftigen Hieb nichts zu erwidern. Sie bewegte nur den Unterkiefer, als kaue sie an einem zu dicken Kloße, und krähte dann: „Zu Lebtag nit bringst' Du Dein Bub zum Schul- lehrer— und wenn Dein ganz Gärstche drauf geht— Du Zieglermensch!" Die Klar lachte— die Schlllsselsen verkroch sich. „Ich will Dir was sagen. Klar," rief jetzt eine Männer- stimme— es war der Weißejakob—,„so hoch hinaus brauchst Du nit zu wollen. Schuster, bleib bei dei'm Leisten, war schon zu Lebtag richtig. Wer so Faxen macht wie Dein Asf do � und Du hilfst noch dazu—, der wird seiner Lebtag nix. Und warum soll er auch nit bleibe, was mir auch sind. Weil Dich der Hochmutsdeiwel hat. Steck's uff! Steck die Posse uff!'s wird nix Gutes draus,'s kost Dich nur Dein bißchen Sach— für so ei'm Äff sein Faxe." Die anderen zollten ihm Beifall. Dazwischen rief's: «Danz doch!"«Schneidbankskopp I".„Komm!" „Kommt— und—" und die Klar klatschte auf ihren Hintern. Dann trat sie in die Tür und schmiß sie zu. Die Nachbarn Verliesen sich. Da kam der Schnellbachs Michel aus dem Felde heim und fragte, was da gewesen wäre. Er saß seitlings auf seinem Gaul, der den Pflug nachzog. Er hielt an. Der Michel war Neugierig wie ein altes Waschweib und mißgünstig wie ein Truthahn� Seine Dummheit war das Dorfgespött..Und er schwätzte durch die Nase, daß man ihn kaum verstand. Er war sehr reich— so mußten viele vor ihm ducken. Die armen Leute taten das widerwillig. Denn er hatte gesagt: wer arm, dem gescheh es recht, daß er arm sei. Und wenn's keine Armen mehr gähe, was sollten denn da die Reichen machen? - �Fortsetzung folgt.) 2] Sine alltägliche Erscheinung. Von Wladimir Korolenko. «Ich will Ihnen schreiben— so beginnt einer dieser Briefe—, aber ich setze Sie vorher in Kenntnis, daß ich ein wenig geschulter, unentwickelter, wenig belesener Mensch bin. Ich fühle mich sehr gut. Der Tod bedeutet für mich nichts. Ich wußte, daß er früher oder später kommen muß. Als ich in Freiheit war, war ich überzeugt, daß man mich aufhängen oder irgendwo bei der Arbeit erschießen wird. Kann mir also der Tod furchtbar sein?. Natürlich, nicht im geringsten. Ich weiß nicht, wie es mit den anderen steht, aber vor und nach der Gerichtsverhandlung was meine Stimmung genau dieselbe. Nur eins kränkt mich: mit mir zusammen wurde ein Unschuldiger verurteilt. Ich konnte mich aus dem Gericht nicht zurückhalten und schrie den Richtern zu....*) Dafür mußte ich von den Begleitsoldaten genügend einstecken.,." Nach einiger Zeit schreibt derselbe Gefangene:„Sie fragen mich, wie ich mir die Zeit vertreibe. Das ist schwer zu sagen. Ich kann mir selbst in dieser Beziehung keine Rechenschaft abgeben. Eines kann ich aber sagen: ich bin innerlich ruhig. Ich bin sogar sehr ruhig. Man kann sogar sagen, daß ich fröhlich aus- sehe. Ich lachte vom Morgen bis zum Abend und erzählte verschiedene Anekdoten. Natürlich, zuweilen kommt auch die Frage deZ Lebens in den Sinn. Du verfällst auf einige Minuten ins Nach» denken und bemühst dich, alles zu vergessen, denn für mich ist schon alles auf dieser Welt zu Ende. Und da alles schon zu Ende ist, so bemühst du dich, solche Gedanken zu verscheuchen und nicht auf- kommen zu lassen. Ich sehe, daß sehr wenag Zeit zum Leben übrig geblieben ist, und kann in diesen kurzen Minuten keine Frage lösen. Anstatt sich unnütz den Kopf zu zerbrechen, ist es besser, alles zu vergessen und die letzten Stunden möglichst lustig zu ver- leben. Ich kann selbst kein Urteil über mich fällen: mir scheint, als sei ich nicht mehr normal. Zuweilen möchte ich mich vergiften. Vergiften, wann ich es will. Ach, man möchte ja nicht sterben gehen auf dem Hinterhof, noch dazu bei feuchtem Wetter, wenn der Regen vom Himmel fällt. Bis du hinkommst, bist du ganz durchnäßt. Und mit feuchten Kleidern am Galgen zu hängen, ist auch nicht sehr bequem. Und noch etwas: die Henker holen dich in der Nacht. Du bist kaum eingeschlafen, da kommt man und weckt dich, man stört dich... Es ist besser, man vergiftet sich...* Der Leser sieht, daß dieser Mensch noch Kraft findet für einen unheimlichen Humor über sein furchtbares Schicksal.„Mit feuchten Kleidern am Galgen zu hängen, ist auch nicht sehr bequem.... Du bist kaum eingeschlafen, da kommt man und weckt dich...* Ein anderer Todeskandidat schreibt:„Ich fühle mich so ziemlich gut und bin sogar erstaunt, daß keine Umwälzung in meiner Seele stattgefunden hat. Gleichsam, als wäre nichts geschehen...." Das Leben besitzt offenbar ein Beharrungsvermögen,' und deU Mensch kann sich organisch noch nicht vorstellen, daß sein Leben bald ohne innere zwingende Gründe ein jähes Ende nehmen könnte. Er weiß, daß das Todesurteil gegen ihn gefällt ist, kann aber seinen Sinn noch nicht voll und ganz erfassen.... Die Aufgabe, der sich die eigenartige Bevölkerung der finsteren Turmzellen anzupassen sucht, besteht nun darin, sich die Vorstellung des sich fortsetzenden Lebens möglichst lange, selbst bis zum Tode. zu erhalten und die vergiftenden Triebe der furchtbaren Wahrheit von der Seele fernzuhalten.„Vergessen und andere vergessen lassen,"— dies scheint das Leitmotiv ihrer sozialen Moral zu sein. „Mein jetziger Zustand ist befriedigend,— so lesen wir in einem anderen Brief„aus dem Turm"— nur im Kopf herrscht ein Chaos. Ich möchte einen oder zwei Tage allein sein, aber das ist unmöglich. Mir tut meine Jugend leid, die jetzt vernichtet wird. Daß ich bald werde sterben müssen, läßt mich nicht gerade kalt, aber dennoch beunruhigt mich dieser Gedanke nicht: ich denke mich in ihn nicht hinein. Wie ich das erklären soll, weiß ich nicht!" Der Autor dieses Briefes mochte allein bleiben wollen; aber gerade die Einsamkeit ist in dieser Lage entsetzlich.„Sobald mir die Gedanken kommen— schreibt ein anderer Todeskandidat über diese Frage—, so suche ich mich durch ein Gespräch mit den Ge- fährten zu zerstreuen, um nur die Gedanken fernzuhalten. Sobald ich aber merke, daß ich einschlafen kann, lege ich mich schlafen. Mir scheint, wenn ich.. in der Einsamkeit sitzen wijrde, so hätte ich schon längst durch Selbstmord geendet." Mit der Zeit schwindet aber auch die Ruhe.„Mein Leben zählt nur nur nach Minuten, eS ist kurz," schreibt einer der Ver». *) Die nachfolgenden Worte sind im Manuskript deS Briefes ausgelassen. urteilten, der sich offenbar die letzten Tage m der Einzelzelle be» findet.»Ich schreibe Ihnen diese Zeilen und fürchte mich, daß jeden Augenblick die Tür geöffnet werden könnte und ich mein Schreiben nicht vollenden werde. Wie entsetzlich fühle ich mich in dieser unhcildrohenden Stillei Jedes kaum hörbare Geräusch läßt mein Herz erbeben... Eine Tür knarrt... Das war aber unten. Und ich beginne wieder zu schreiben. Im Gang find Schritte vernehmbar, und ich laufe zur Tür. Nein, wieder un- nützer Alarm! Das waren die Schritte des Aufsehers. Die ent- setzliche Todesstille bedrückt mich. Ich ersticke. Mein Kopf ist wie mit Blei gefüllt und fällt kraftlos auf das Kissen. Aber den Brief will ich dennoch zu Ende schreiben. Wovon wollte ich Dir schreiben k Ach ja, vom Lebenl Nicht wahr, es ist lächerlich, vom Leben zu sprechen, wenn hier, neben dir, der Tod lauert. Ja, er ist nicht mehr fern von mir. Ich fühle seinen kalten Atem, seine furchtbare Gestalt steht unablässig vor meinen Augen. Du stehst am Morgen auf und freust dich, daß du noch lebst, daß du� dich noch einen ganzen Tag deines Lebens freuen wirst. Aber dafür die Nacht! Wieviel Qualen sie verursacht, ist schwer zu schildern. Jetzt ist es Zeit, zu schließen: es ist gegen 2 Uhr nachts, jetzt kann man ein- schlafen und ruhig sein: heute wird man mich nicht mehr holen kommen." „Ich habe Ihnen schon lange nicht geschrieben." heißt eS im Brief eines anderen Gefangenen.„Ich habe in einem fort phanta- siert, aber mein krankes Hirn konnte keinen klaren Gedanken fassen. Momentan habe ich keine Ahmnrg, wie es um mich bestellt ist, und das quält mich entsetzlich. Es find jetzt schon zwei Monate her, daß ich zum Tode verurteilt bin, aber man henkt mich noch immer nicht. Warum schont man mich? Vielleicht macht man sich lustig über mich? Vielleicht will man, daß ich mich jede Nacht in Er» Wartung deS Todes quälen soll? Ja, Freund ich finde keine Worte, ich habe keine Kraft, um auf dem Papier auszudrücken, wie ich mich in der Nacht quäle! Mag kommen, was will— nur schneller!" Dies schrieb derselbe Gefangene, der anfangs erstaunt war, daß das Todesurteil keinen Eindruck auf ihn ausübte, und der sagte, daß der Tod ihn nicht im geringsten schrecke.... Seine beiden Briefe zeigen die beiden Endpole in der Stimmung der zum Tode Verurteilten: zuerst Erregung und frischer Mut, dann steigendes Entsetzen vor dem Ende, stumpfe und schweigsame Furcht. Illusionen und S e l b st m o r d e.'■ Uebrigens tauchen in der Zwischenzeit oft Hoffnungen und Träumereien auf.„Jeder von uns— schreibt einer der Ge» fangencn— hat irgendeine Hoffnung, und bei jedem gelangt die Phantasie bis zu den Herkulessäulen. Obgleich wir wissen, daß unsere Gefährten fortgeschleppt und gehenkt werden, erscheint die eigene Hinrichtung dennoch als unwahrscheinlich. Es ist schwer. daran zu glauben; wie wird man mich, einen gesunden, kräftigen Menschen, hinführen und aufhängen... Jeder trägt irgendeine rcsige Hoffnung in sich und glaubt fast an ein Wunder. Einige warten auf die Begnadigung. Die anderen träumen von einem Gnadengesuch an den Kaiser und hoffen, die Administration irgend- wie hinters Licht zu führen. Wir sprechen zuweilen von Betäu- bungsmitteln. Wiq gut wäre es, in einen todesähnlichen Schlaf zu verfallen, damit die Freunde einen nach der Beerdiguisz aus dem Grabe herausholen können. Wir träumten von einer Ab- machung mit dem Arzt während der Hinrichtungsprozedur usw." „Jeder von uns— heißt es in einem Briefe— klammert sich an einen Strohhalm, und dann geht alles, Logik und Vernunft, zum Teufel" Wir wissen nicht, ob eS dem Autor der angeführten Zeilen gelungen ist, in den Grenzen der„Logik und Vernunft" zu bleiben. Aber die sich passiv den Illusionen hingeben, werden leicht Opfer irgendeiner Manie. „Von allen— so heißt es in einem Briefe— die zum Tode verurteilt waren, habe ich zum erstenmal einen solchen wie N. N. gesehen. Obgleich er davon nicht spricht, so tut's ihm offenbar leid, mit dem Leben zu brechen. Er wartet in einem fort auf die Begnadigung. Er selbst hat ein Gnadengesuch nicht eingereicht, aber seine Mutter hat eS in seinem Namen getan. Jetzt legt er beständig Karten, ob er begnadigt werden wird oder nicht. Selbst- mord zu begehen, hat er abgelehnt. Wenn ich seine letzten Tage schildern wollte, hätte ich kaum viel zu schreiben. Sein Leben verläuft höchst einförmig und monoton. Er legt sich abends gegen sechs Uhr schlafen und steht um zwei, drei, vier Uhr morgens auf. Gleich nach dem Aufstehen beginnt er, Karten zu legen. Bei Tage legt er sich zuweilen hin, und auf meine Frage:„Woran denken Sie?", antwortet er gewöhnlich:„Ich weiß selbst nicht woran." Er verbringt fast seine ganze Zeit bei den Karten, in melancho- lisch« Träumereien versunken. Vielleicht träumt er von etwas Wertvollem und will nur nicht mit Ms darüber sprechen. Ich weiß das nicht." Der Autor der Notizen, die wir hier benutzen, schreibt, daß er den Gefangenen N. N., über den im vorhergehenden Brief gesprochen wird, hin und wieder gesehen habe.„Das ist noch ein junger Mensch, etwa 20 Jahre alt, mit einem länglichen Gesicht und blauen, verschleierten Augen, die nichts zu sehen scheinen. In seinem grauen Arrestantenkittel, der seine Figur eng umschloß, ging(t mit dem Aufseher langsamen Schrittes zum Spaziergang und blickte mit müden» gleichgültigen Augen den langen Gachj entlang. Besonders waren es seine todmüden, zerstreuten, nichts- sehenden Augen, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkten." Zue Zeit, wo der Autor der Zstotizen seine Eindrücke im Gefängnis! niederschrieb, traf er den Gefangenen N. N. schon selten. Man sprach, der letztere hätte den Behörden versprochen, einige Personen zu verraten, wenn er begnavigt werden würde, und man hghe ihz? Hoffnung gemscht, daß er nicht hingerichtet würds lLorifktzung folgt.]) LNachdrua CRMtcn.] (VaturwilTenrcbaftUchc BUcberfcbau Es ist an der Zeit, uns wieder einmal auf dem naturwissen- schaftlichen Büchermärkte umzuschauen, was die letzten Monate NeueS gebracht haben. Als eine der wichtigsten Neuerscheinungen verdient an erster Stelle eine neue naturwissenschaftliche Halbmonatsschrift, „Die Natur", genannt zu werden, die von der deutschen natur- wissenschaftlichen Gesellschaft unter Leitung von R. H. Francö, im Verlage von Theodor Thomas, Leipzig, herausgegeben wird. Nach dem beispiellosen Erfolge des„Kosmos", der es in wenigen Jahren zu einer Auflage von etwa 90 000 Exemplaren brachte, war es ja zu erwarten, daß auch andere Verleger sich das in weiten Kreisen lebende Interesse für alles, was Naturwissenschaften heißt, zunutze machen würden. Durch seine mehrjährige Tätigkeit am „Kosmos" hat Fr a neb sich ein feines Verständnis erworben» welche Fragen aus dem gewaltigen Gebiete der Biologie das lesende Publikum vor allem interessieren, und er kennt auch den Ton, den eine solche Zeitschrift einhalten muß: einfach in der Ausdrucks- weise, anregend im Ton, frei von unverständlichen Fachausdrücken und doch wissenschaftlich im Inhalt. Diesen Forderungen werden die bisher vorliegenden Hefte in vollkommenster Weise gerecht. Aus dem reichen Inhalte möchte ich nur folgende größere Arbeiten hervor- heben: Dr. Knau er setzt in einem mit guten Abbildungen aus- geschmückten Aufsatze die verschiedenen Methoden der OrtSbewegung der Tiere auseinander. Professor Wagner steuert einen klar ge- schriebenen Artikel über die wichtige Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften bei, den Nordpol als geographisches Problem be« handelt Professor S. Günther. Ein neu entdeckter euro- päischcr Affenmensch, lautet der Titel einer Arbeit von L. Neinhardt, dem Verfasser des bekannten Werkes„Der Mensch zur Eiszeit". Auch der Referent ist mit zwei größeren Beiträgen der- treten. Doch eS ist hier nicht möglich, den ganzen Inhalt aufzu- zählen. Nur so viel sei erwähnt, daß alle wichtigen und aktuellen Fragen eine eingehende und im wesentlichen sachgemäße Erörterung finden. Wir wollen nur hoffen, daß das Blatt auch fernerhin dieses Niveau einhält, und mit unerbittlicher Strenge jede PseudoWissen- schalt aus seinen Spalten verbannt. Gerade eine Zeitschrift, die der Aufklärung, der Allgemeinheit dienen will, muß rn ihren Anforde- rungen besonders streng sein. Ein besonderes Lob verdient die sowohl in illustrativer Hinsicht wie in bezug auf Papier und Druck wirklich vornehme Ausstattung. Man kann das Blatt daher mit gutem Gewissen empfehlen, zumal der Preis von 1,50 M. viertel- jährlich, für den der Verlag nicht nur die Zeitschrift, sondern gleichzeitig noch fünf illustrierte Bücher seinen Abonnenten liefert, als sehr billig bezeichnet werden muß. Die Buchbeilagen des ersten Jahr- ganges liegen ebenfalls bereits fertig bor. Der erste Band aus der Feder von R. H. Francs Sehandelt„Die Natur in den Alpen". Den Zweck seines Büchleins schildert der Verfasser mit folgenden Worten:„Kein Einsichtiger wird von diesem Büchlein mehr fordern als Anregung, um seine Erholungstage und Wochen in den Alpen zu vertiefen und zu veredeln. Darum wollte es auch nicht mehr sein als ein„naturwissenschaftlicher Führer", der nur aufmerksam macht auf das Schöne, nur hinleitet zu den Aussichtspunkten und höchstens durch ein paar ehrlich empfundene Worte manchmal über die Anstrengungen des Weges hinwegzuhelfen versucht". Den brei- testen Raum in der Darstellung nimmt naturgemäß die Pflanzen- Welt ein, deren wichtigste Repräsentanten in Wort und Bild vorgeführt werden. Daneben finden sich aber auch eingehendere Bemerkungen über die geologischen Verhältnisse und die flimatischen Besonderheiten der Alpenwelt. Die Tierwelt ist dagegen' etwas stiefmütterlich behandelt, aber bei dem geringen Umfange war eine folche Beschränkung ge- boten. Mit besonderer Freude fiel es mir auf, daß sich Francs von seiner gefährlichen Neigung, überall anthropomorphistische Deutungen hineinzutragen, in diesem Werkchen ziemlich frei gehalten hat. Nicht unerwähnt sollen die ausgezeichneten, teils nach Originalaufnahmen von D o p f e r, teils nach Zeichnungen von Dr. D u n z i g e r her« gestellten Abbildungen bleiben. Alles in allem ein Büchlein, daS man in müßiger Stunde gern zur Hand nimmt. Auf einen etwas kriegerischen Ton gestimmt ist ein Bnch von Dr. Ludwig Wilhelm:„Leben und Heimat des Urmenschen". Für den Laien verliert eS dadurch entschieden an Wert, vermag er doch nicht in dieser Polemik sachgemäß Partei zu ergreifen. Immer- hin gibt aber die Arbeit einen recht klaren Ueberblick über die ver- schicdenen wichtigen neueren und älteren Funde fossiler menschlicher Ueberreste und die sich daran anknüpfenden Theorien und Streit- ftagen. Es klingt m die Worte aus:»Der Mensch ist entwickelt, nicht geschaffen", Nnziehende und zum T«il wenig bekannte Szenen aus dein Aäferleben führt uns Professor Karl S a j 6 in seinem Buche.Bus den» Leben der Käfer' vor. Saj6 verzichtet von vornherein auf Bollständigkeit, er will kein BcstimmungSbuch schreiben, sondern beschränkt seine Darstellungen auf einige der häufigsten oder für den Menschen besonders wichtigen Kä'erfainilien. So werden nach- einander der Maikäfer und seine wichtigsten Verwandten, die Düngerkäfer mit ihrer interessanten Brutpflege, Maiwürmer, spanische Fliegen, Bienenkäfer und Marienkäfer behandelt und der Einfluß gezeigt, den fie auf unsere Kultur ausgeübt haben und noch aus- üben. Zahlreiche historische Nachweise beleben den Text, der von zahlreichen guten Abbildungen begleitet wird. Niemand wird das kleine Werk ohne reiche Anregung aus der Hand legen. In einem Büchlein betitelt„AuS dem Seelenleben höherer Tiere' gibt Dr. Alexander Sokolowsky eine Anzahl Skizzen aus dem Leben verschiedener höherer Tiere, von den Schlangen an- gefangen bis herauf zu den Menschenaffen. Seine Stellung als viffenschaftlicher Asfistent des herrlichen Hagenbeck schen Tier- Parkes in Stellingen gestatteten ihm zahlreiche Beobachtungen und Versuche, die den meisten Zoologen leider verschlossen sind. So ent- hält das Büchlein eine Fülle intereffanter Momentbilder aus dem Seelenleben der Tiere. Den Schwierigkeiten, die das Studium der Tierseele an den Beobachter stellt und auf die Sokolowsky zu Be- ginn seines Büchleins selbst hinweist, ich meine die Versuchung, den tierischen Handlungen menschliche Beweggründe, menschliche Empfindungen unterzuschieben, ist der Berfaffer allerdings doch nicht immer streng aus dem Wege gegangen. So reizvoll die Bufftellung von Parallelen zwischen menschlichem und tierischem Tun sind, nur in den seltensten Fällen fördern fie die Erkenntnis. Trotz dieser kleinen Ausstellung sei die Lektüre des Buches warm empfohlen. Ein letzter Band von Dr. W. M. Meyer,„Bewohnte Welten', er- örtert rn wesentlich korrekter Weise die Frage nach der Bewohnbar- keit der Welten. ES werden zuerst die Bedingungen geprüft, unter denen sich Leben erhalten und entwickeln kann. Dann lernen wir die zerstörenden Vulkane als segenbringende Spender von Kohlen- fäure kennen, sowie den mäßigenden Einfluß, den sie durch Ent- fendung von Staubmassen in die Lust auf die klimatischen Verhält- nisse der Erde ausüben. ES folgen weiter Abschnitte über die heißen Quellen und Gehsire, über die Temperatur der Erdkruste und deS Ken, es der Erde, wobei allerdings die modernen Anschauungen— die Entdeckung deS Radiums hat za hier revolutionierend! gewirft— keine Berücksichtigung finden. Den Schluß des anregenden Buches bietet eine kurze Besprechung der Sonne und Planeten in Hinficht auf da» in Frage stehende Problem der Bewohnbarkeit.- Eine andere Sammlung kleiner naturwiffenschaftlicher Schriften wurde vor einiger Zeit von Profesior Kurt Lampert im Verlage von Strecker u. Schröder in Stuttgart unter dem Titel„Natur- wiffenschaftliche Wegweiser' eröffnet. Mir liegt heute der sechste Band, D. Geher,„Die Weichtiere Deutschlands', zur Besprechung vor. Auch dieses Unternehmen verdient volle Anerkennung. Schon der Name LampertS, der namentlich durch sein prächttgeS Werk„Die Großschmetterlinge Mitteleuropas' und„DaS Leben der Binnen- gewässer' in weiten Kreisen bekannt geworden ist, bürgt, daß nur vrissenschastlich einwandfreie Arbeiten unter seiner Aegide erscheinen. DaS Thenia, daS sich D. Geyer in seinem hübsch illustrierten Büch- lein gestellt hat, ist ein sehr dankbares, denn obgleich jeder als Kind Muscheln und Schneckenhäuser sammelt, wiffen doch die meisten von dem Leben der Bewohner nur recht wenig. Zuerst werden die allgemeinen Lebensbedingungen geschildert und dar- gestellt, in welcher Weise die Tiere auf äußere Reize reagieren. Da- ei finden unter anderem auch die intereffanten Erscheinungen des Trockenschlafes und Winterschlafes Berücksichtigung. Ein weiteres Kapitel zeigt unS die Mollusken als geschickte Baumeister bei der Anfertigung ihrer Wohnung. Der vierte Abschnitt ist einer Be« fchreibung der wichtigsten Organe und ihrer Funftionen gewidmet, und der Leser erfährt die gewiß manchen überraschende Tat- fache, daß es unter den Schnecken mehrere Arten gibt — die bekannteste ist die in unseren_ Teichen lebende Paludlna vivipara—, die gleich den Säugetieren lebende Junge zur Welt bringen. Auch die Brutpflege der Muscheln ist ein sehr reizvolle? Kapitel. Nach einer kurzen llebersicht über die geographische Verbreitung der Weichtiere in Teutschland kommt Geyer endlich auf die große Bedeutung zu sprechen, die die Mollusken in i>en früheren Perroden für die Bildung der festen Erdkruste hatten. ES ist ja bekannt, daß die Mollusken- schalen als Leitfossilien für die Geologen von großer Wichttgkeit sind, und daß ihr Vorkommen in bestimmten Schichten sehr häufig den einzigen Maßstab für da? Alter der betreffenden Formation bildet. Aus diesen wenigen Andeutungen ersieht man schon, daß der Ver- faffer seinen Stoff sehr gründlich behandelt. Man kann daher daS Büchlein jedem Naturfreunde als zuverlässigen Führer empfehlen. D r. T h> s i n g. kleines feuitteton. Aus der Vorzeit. Abbildungen menschlicher Hände in süd- französischen Höhlen. Je«ingebender die Höhlen im Perantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: südlichen Europa untersucht werden, desto mehr Zeugniffe prä- historischer Kultur werden zutage gefördert. Beweise menschlicher Kunstfertigkeit, Zehntausende von Jahre alt, die, was noch wichtiger ist, uns einen Einblick auch in die religiöse Denkweise der Vorzeit- ltchen Stämme gewähren und ihre Beziehungen zu heute noch lebenden Völkern mehr und mehr klarstellen. In drei ineinander übergehenden Slufen scheint sich die Kunstfertigkeit in der zweiten Hälfte der älteren Steinzeit, die in die letzte Zwischeneiszeit und die letzte Eiszeit fällt, entwickelt zu haben. Auf die Rundplastik mit ihrer Darstellung weiblicher Figuren, bei denen der typische Fettsteiß und die übermüßige Ausbildung der Hüsten und Brüste sofort in die Augen fällt, folgen die Höhlenmalereien und darauf die durch Einritzen der Umriffe in FelS ausgeführten Tierbilder. Nun haben, wie die Zeitschrift.L'Anthropologie' mit- teilt, zwei französische Forscher, Carteilhac und Breuil, in der Höhle von Gargas in den Pyrenäen neben den bekannten Abbildungen von Büffeln, Pferden und anderen Tieren zahlreiche Darstellungen menschlicher Hände gesunden. Diese Abbildungen sind auf ganz einfache Art entstanden, indenl jener lirzeitliche Künstler die Hand mit ausgespreizten Fingern auf die Höhlenwand legte und dann mit der anderen rote und schwarze Farbe ringsum austrug, so daß dann an der unbcmalten Stelle die Ilmriffe der Hand hervor- traten. Meist sind es linle Hände, die so dargestellt werden, was auf Rechtshändigkeit der Höhlenbewohner schließen läßt. EtwaS anderes, kulturell sehr Wichtiges, weil wir dazu Parallelen bei gegen» wärtig lebenden Völkern haben, laffen die Abbildungen erkennen. Häufig fehlen nämlich an einem oder mehreren Fingern einige Glieder, eine Erscheinung, die die Ethnographie unter anderem bei den Buschleuten, vereinzelt auch bei polynesischen und amerikanischen Völkern nachgewiesen hat. Da ist eS ein religiöser Gebrauch, eine Art Opfer; daS abgeschnittene Fingerglied, vor allem das dabei vergossene Blut wird bei einem Todesfall in der Familie der ab- geschiedenen Seele zur Sühnung dargebracht. Diese Uebereinstimmung prähistorischer Sitten mit solchen gerade der Buschleuie, die ebenfalls berühmt durch ihre Höhlenzeichnungen find und die die Fettpolster ihrer Frauen ebenfalls für ein Merkmal der Schönheit halten, wäre ein weiterer Beweis für die mehrfach aufgestellte Hypothese, daß die Luschleute die letzten versprengten Reste einer Bevölkerung find, die am Ende der älteren Steinzeit Süd- und Mitteleuropa bewohnte, eine Hypothese, die stark noch dadurch an Wahrscheinlichkett gewinnt, daß die Skelettfunde ans dieser Zeit— ihrer sind allerding» erst wenige-- auf einen ausgeprägt negroiden(negerhaften) TypuS hin- weisen. Technisches. DeSinfektionSanlage für Personenwagen. Be- kanntlich siedet eine Flüssigkeit bei einem Lustdruck, der kleiner als eine Atmosphäre ist, z. B. auf dem Gipfel eineS hohen Berges, schon bei einer Temperatur, die unter Umständen bedeutend niedriger ist als 100 Grad Celsius. Auf diesem Prinzip beruht eine vor emigen Monaten in der Eiscnbahn-Hauptwcrkstätte in Potsdam in Betrieb genommene DeSinfektionSanlage für Eisenbahnpersoncnwagen, die einen großen Forlschritt in der Bekämpfung der Verbreitung an- steckender Krankheiten durch den Eisenbahnverkehr bedeutet. Die zu desinfizierenden Wagen werden in einen 23 Meter laiigen Zylinder von 5 Meter Durchmesser geschoben. Der Zylinder besteht aus gußeisernen Platten, die von starten gußeisernen Ringen gewogen werden. Die Jnnentemperatur dieses Zylinders wird durch eine Dampfheizung dauernd auf 10 bis bO Grad gehalten. Sobald der zu behandelnde Wagen auf Schienen in den Zylinder gefahren ist, wird das Hintere Ende durch einen 4000 Kilo- gramm schweren Deckel fest geschloffen und aus dem Innern deS Zylinders durch eine elektrisch angetrieben« Luftpumpe Luft ab« gesaugt, bis eine Luftleere von nur zirka 20 Millimeter Queck« filbersäule herrscht. Da bei diesem kleinen Luftdruck, der weniger als ein Drittel des normalen beträgt, Waffer schon bei 40 Grad, also der Jnnentemperatur des Wagen? siedet, wird etwa vorhandenem Ungeziefer alle Flüssigkeit entzogen, wodurch eS— wie durch eingebende ver- suche festgestellt ist— mit Sicherheit abgetötet wird. Wenn der Wagen auch gleichzeitig desinfiziert werden soll, so wird im Zylinder Formal:» verdampft, daS sich in dem lustverdünnten Räume schnell ausbreitet. Strömt dann die Außenlust unter Ueberdruck ein, so reißt fie den Formalindampf mit sich und drückt ihn in die kleinsten Poren de» Wagens und seiner Ausrüstung. Die abgesaugte Lust wird entweder m einen Schornstein geleitet oder unter einen Kessel- rost geführt, damit durch Verbrennen etwaige Krankheitserreger un» schädlich gemacht werden. Die gesamten Kosten der von der P i n t s ch A.-G. gebauten Anlage haben nach Mitteilungen in„Glasers Annalen' rund 79 000 M. betragen. Die Kosten für die Reinigung eines Schlaf« oder v-Zug-WagenS stellen sich auf etwa 3S M. Früher hat die Reinigung eines mit Ungeziefer behafteten Wagens daS Zehnfache gekostet, ohne jedoch Sicherheit für einwandfreie Reinigung zu bieten. Ein weiterer Vorteil diese? Verfahrens, das auch zum raschen Austrocknen von Nutzholz, gewaschenen Wagcnpolstern usw. benutzt werden kann, besteht in der großen Zeitersparnis, da jetzt der unterlegte Wagen gereinigt werden kann, während früher sämtliche Polsterteile herausgenommen sowie Wandbekleidungen, Holzleisten usw. abgenommen werden mußten, so daß die Wagen wochenlang in der Werkstatt bleiben mußten._ Vorwärt» Buchdruckeret u.Vuiag»anstaUWaul Emger LlEo..BerlinSW.