Mnlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 136. Freitag, den 16. Juli. 1910 lNaqdruck berBott«.) 6] Der Gntgleiftc. Von Wilhelm H o l z a m e t. v Die Klar kam zum alten Krafft, als er gerade in seine iSchulstube gehen wollte. Das war eigentlich der kritischste Moment, ihm in die Quere zu laufen. Dann hatte er drin die Pfeife neben sein Stehpult gestellt, hatte Bücher und Teste noch einmal durchgesehen und hatte sich noch einmal gemerkt, was er besonders durchzunehmen gedachte. Kurzum, er war auf dem kurzen Wege von seinem Stehpult bis zu seiner Schulstubentür, die er durch den Hof erreichte, in völlig konzentrierter Weise schon in seinem Beruf drin. Darum war er auf diesem Wege recht„krittelig". Er vertrug da sür gewöhnlich keine Begegnung und keinen Anruf. Seine Frau wußte das und hielt sich abseits— so daß Gang und Hof leer waren, wenn er durch- schritt. Und daß er durchschritt, das war gut zu werken— einmal am Glockenschlag, und dann an seinen schweren, gemessenen Schritten, die durch den Hausgang hall- ten. Der Krafft war nun schon in den Siebenzig, und bei- nahe zwanzig Jahre lang hielt er seine Privatschule schon. Andere Lehrer seines Alters hatten schon längst ihr fünfzig- jährig Jubiläum gefeiert, hatten sich ansingen und beschenken lassen. Ihm war das versagt geblieben, weil sie ihn aus dem Amte gejagt hatten. Er war ihnen zu gefährlich gewesen, der Krafft. Er hatte einen zu hellen Kopf und einen zu steifen Nacken. Was zählte es da, daß er ein ausgezeichneter Lehrer war, ein Meister in seiner Schule. Er mußte weg. Und sie hatten ihn weggebracht, die frommen Herren, die Stellvertreter Gottes auf Erden und die Nachfolger Christi. Sie konnten so einen Schullehrer nicht dulden, der Kennt- nisse und Aufklärung seinen Schülern beibrachte und durch sein Beispiel wirkte zur Selbständigkeit und Betonung seines Selbst. Nein, nein, die Schule, der privilegierte Ver- dummungsacker der Kirche, die mußte von so einem„Ver- derber" befreit werden, sonst geschah es, daß eines TageS die Hammelherde gegen die Hürden drängte und aus dem engen Pferch hinaus ins Freie sprang. Und dann o weh! Dann blieb der Beichtstuhl leer, und im Taufstein konnte das heilige Wasser vertrocknen. Nur keine Selbständigkeit, nur keinen Hauch des Freiseins. Unterwürfigkeit, Dummheit. Festhalten am Gängelband— und dann in den großen Schaf- stall geschäfert, in den man kein Licht läßt und keinen frischen Wind. Sonst ist's aus mit der Herrschaft, aus mit den fetten Pfründen. Der Napoleon hatte im Anfang des Jahrhunderts da schon genug gehaust und manchen fetten Brocken weg- geschluckt, die Revolutionszeit heilte jetzt erst ein wenig aus— da mußte man auf der Hut sein. Da und dort staken noch so ein paar von den alten Hartköpfcn unter den Lehrern— die jungen waren zahm wie die Kinderlämmchen und fraßen aus der Hand— der alte Krafft aber war der schlimmste von ihnen. Weil er der ruhigste war und der sicherste. So mußte an ihm ein tüchtiges Exempel statuiert werden. Er verlor sein Amt. Er sollte auch die Schule verlieren. Aber da hatte sich das bischöfliche Ordinariat in Mainz ver- rechnet. Seine Schule gab er nicht her— und er kämpfte um sie. Er errichtete seine Privatschule. Ohne Religionsunter- richt. Er war ein Kerl, der alte Krafft. Aus der ganzen Umgegend kamen die Schüler und Schüle- rinnen herbei— denn er hatte sogar die Simultanschule für sich durchgesetzt. Er war ein paar Jahrzehnte seiner Zeit voraus, dieser traurigen Zeit des Pfaffen- und Junker- regiments in Deutschland, die auch richtig die Lehrer— in ihrer großen Masse— gefunden hat, die sie wert ist. Be- sonders die Kinder von Juden kamen. Die Juden sind ja immer lernbegieriger als die Christen. Die Schule blühte. Die Mädchen schickte der Krafft mit einer schönen Bildung in die vornehmeren Häuser zurück, aus denen sie gekommen waren— und viele, die heute Mütter sind, danken's ihm noch, und da und dort ist etwas aufgegangen von seiner Saat. Der Blick ist erweitert— über Hofrcite und Herd hinaus, und das kommt den Jungen zugute, in die von früh an der Auftrieb gelegt wird, der, wenn er sich mit den Anlagen richtig verbindet, tüchtige Männer aus ihnen macht. Die Knaben bereitete der Krafft meist für die höhere» Klassen der Mainzer Realschule vor. Da wirkte seit kurzem! der Verfasser des„Buches der Natur", der sanfte, schön« geistige Friedrich Schädeler— und der wußte den Alten auf dem Dorfe zu schätzen. An seiner Schule war kein Jesuiten« einfluß mehr, wie am Gymnasium. Und wer vom alte» Krafft aus der Privatschule kam, der war willkommen. Die Klar trat dem alten Schulmeister in ihrer derbe» Weise mit lautem Gruß entgegen. Auf dem Kirchturm tat die Uhr die letzten Schläge von der achten Morgenstunde, und sie hallten hart in die Stille herüber. Denn beim alten Krafft war eS still. Da lag sauber, mit Kies bestreut, sein Hof. mit dem gepflasterten Gang am Haufe entlang, und ein gepflasterter Gang, frisch aufgewaschen, daß die roten Plätt- chen blinkten, führte zu der Pumpe hin, die sauber und ein- ladend dastand. Der grüne Pumpenstock, der schwarze Schwengel mit dem Messinggriff, die Bütte mit den grünen Dauben und den schwarzen Reifen— und oben auf der Pumpe als Abschluß die rote Eichel, die wie ein schäumend Bierglas obenauf stand. Und der Garten. Der Garten vom alten Krafft, der wie ein Gedicht war. Zwei Treppen hinauf in den Hauptpfad— rechts der Apothekerbirnbaum und der türkische Zwetschenbaum, links der dicke Syringenstrauch—° dann, den Hauptpfad hinan die beiden Blumenrabatten zu beiden Seiten. Und über dem bunten blühenden und/ duftenden Durcheinander die Rosensträucher in gleichen Ab- ständen— und oben, die Rabatten abschließend, die Lilien- büsche. Oben dann der eigentliche Gemüsegarten. Kein Rondellchen, kein Firlefanz. Alles schnurgerade— und in gleichen Breiten. Links und rechts am Zaun die Johannis- beer-. Stachelbeer- und Himbeersträucher— oben aber, gegen das freie Feld hin,«die Rebenspaliere. Wie ein Traum lag der Garten da, still und ordentlich, und auch der Hof war er- füllt von seinem Duft. Die Klar war noch nie hier gewesen. Das umfing sis nun. Das war so vornehm, so gepflegt, wie wenn einer seine Sonntagskleider anhat, ein frisches Hemd und einen weißen Kragen und blankgewichste Stiefel, in denen kein Fältchen ist. Die Klar begriff jetzt, daß hier die„gewöhnlichen" Leute nichts zu suchen hatten. Der alte Krafft war kein Schul- lehrer wie die anderen, die an der Staatskrippe futtern uno einer ein Schafsgesicht hat wie der andere, der Krafft war ein Schullehrer für die„feinen" Leute. Die Umgebung und dieser Gedanke, das machte sie verlegen. Was wollte sie dal Das Herz fiel ihr in die Schuhe. Und das war ihr eigener früherer strenger Lehrer, der da in seinem schlohweißen Bart vor ihr stand. Die Kirchturmuhr schlug den letzten Schlag. Die Klati grinste und wurde rot. Dann deutete sie nach dem Garten hin und sagte:„Wie geleckt, Herr Lehrer!" Das war der höchste Ausdruck ihrer Bewunderung, den sie in der Verlegenheit finden konnte. Aber wie das Wort gesagt war, hatte sie auch ihre gewöhnliche Forsche wiedergefunden, und sie fügte hinzu: „Nichts für ungut, Herr Lehrer,— aber unsereins weiß auch was schön ist, wenn man's auch nit so sagen kann. Schön ist's bei Ihnen da. Potz Dunner— das tat mir auch gefallen." Sie lachte mit ihrem breiten, derben Gesicht, und es strahlte von einer Aufrichtigkeit und geraden Ehrlichkeit, daß es dem Krafft wohltat, hineinzusehen. Er hatte schon un- mutig werden wollen, nun war aber die Stirnfalte, die ihm in übler Laune immer so tief und breit über die Stirne quer- lief, wieder geglättet. „Was führt Sie zu mir. Klar? Kann ich Ihnen etwas helfen? Es freut mich, wenn Ihnen mein Garten gefällt. Was ist Ihr Anliegen?" „Ich Hab schon gemerkt, ich hätt auch eine halb Stund früher kommen können," steuerte die Klar langsam um ihre Sache herum, um desto sicherer mitten in Fluß zu kommen, „aber's ist ein langer Weg, von unserer Ziegelgaß bis her zu Ihnen, durchs ganze Dorf durch, Herr Lehrer." Der Krafft nickte, und in seinen großen Tränensäcken zuckte es. Er hob die Brille ein wenig und strich erst mit 5ef linken Tand uLers Ni ke Augs, dann mit der rechten übers rechte. Das war die Ungeduld. Die Klar merkte es. Aber nun war sie ja auch im rechten Fahrwasser. Nun einen Steuerruck— und kielgerade ins Ziel: „'s ist wegen mei'm Philipp, Herr Lehrer." Damit faßte sie ein wenig nach der Seite hinter sich und zog den Philipp hervor. „Da ist er." „Es ist gut. Klar," meinte der Krafft.„Der Philipp kann eine Stunde bei mir drin in der Schule sitzen, und Sie verweilen sich eine Stunde bei. meiner Frau— in der Pause besprechen wir das— kommen Sie dann heraus in meinen .Garten, da pflege ich meine Pause zu halten." Die Klar hatte nicht Zeit zu � einer Einwendung, der Philipp folgte dem Krafst, als ging's aufs Schafott, willen- los und fast bewußtlos— die Klar trat ins Haus. Und eine ganze geschlagene Stunde lang dämpfte sie ihre Stimme, daß man nichts höre in der Schule drüben und der Krafft nicht gestört werde. Und dann ging sie in der Pause mit dem alten Lehrer den breiten Gartenpfad auf und ab. Sie fragte, und er gab Rat— er fragte, und sie sagte geradeaus ihre Meinung. Dabei dachte sie beständig: wenn sie mich jetzt sehen, in der Nachbarschaft,— und sie sehen mich— sie kriegen die Gelbsucht vor Neid— und wenn sie mich erst drunten sehen könnten, in der Ziegelgaß— sie kriegten die Schwarzsucht. Fünf Mark im Monat, das könne sie ausbringen— das wär noch mal schöner. „Wenn Sie's mal nicht können. Klar--* Aber da wehrte sie schon. „Jed Arbeit ist ihres Lohnes wert. Ob mit den Hand 'oder mit dem Kopp. Das nit, Herr Lehrer." Und dann für später. Nach Mainz— dann ins Seminar. Aber da sie von Pfarrerwerden auch gesprochen habe— da müsse der Philipp Latein lernen. Bei ihm lerne er nur Französisch. So müsse sie mal beim Pfarrer fragen— vielleicht daß der's täte. Und vor der Klar ging eine Welt auf, in der alles gut war. Gute Menschen, die einem halfen mit Rat und Tat, gute Menschen, die nicht auf einen herabsahen, nicht fragten, ob man arm sei. In ihr wurde es so stolz und feierlich, gerade, als wenn sie mit einer Prozession ginge. Wo man über gestreute Blumen geht, zwischen geschmückten Häusern hin, wo die Sonne auf einen scheint und man zur Monstranz aufblickt mit dem gleichen Recht wie jeder andere auch. Sie wußte nicht, wie sie es fassen sollte. Sie sah nur 'auf zu dem alten Manne, dessen scharse Augen nun voll Milde waren und Güte, und nur noch sanfter hinter den hellen Brillengläsern, durch die sie in die Welt sahen, wie man durch freundliche Fenster sieht, die in ein klares Land, die auf eine liebliche Landschaft gehen. Nichts Häßliches und Trübes sieht man durch sie, nur Klarheit und Helle, nur Liebe und Güte, nur das Schöne, das die Welt erfüllt. Und einen Augenblick sah die Klar selbst durch so ein helles hohes Fenster hindurch in die Schönheit der Welt hinein. Und sie sah nur ihren alten Lehrer an. Aber sie meinte, sie habe neue Augen erhalten. Und sie hatte neue Augen erhalten. Sie war eine Stufe höher in ihrem Leben getreten— der alte freundliche Mann hatte sie heraufgezogen. Sie fühlte sich geehrt— und sie verehrte. Sie fühlte sich dankbar— und wollte es ausdrücken. Sie konnte nicht. Sie war ganz trunken. Sie hatte keine Worte. Alles war abgemacht. Sie reichte dem Alten die Hand hin. Da ging, wie sie kein Wort finden konnte, durch den großen, groben Körper ein Rütteln, und der Klar schössen die Tränen in die Augen. Der Krafft legte seine Hand auf ihre Schulter. „Was werden soll, das hängt nun von Ihrem Philipp ab. Haben Sie nur Vertrauen, Klar." „Es ist nit das," schüttelte sie den Kopf. Dann schneuzte sie sich und war wieder ruhig. „Sie tun das Allerschönste, das Merbeste an mir, was wir noch je ein Mensch getan hat." Nun war's gut, nun war's heraus Der Krafft wehrte ab. „Ich tue, was jeder täte, Klar.� „Nein, nit jeder, bei Gott nit." „Nun gut— ich tue meine Pflicht � �Fortsetzung folgt.)! 4] Sine alltägliche Srfcbdming. Von Wladimir Korolenko. Sie begannen vom Wamms zu sprechen, und beide freuten sich über das Thema, das keine direkte Beziehung zu dem hatte, was beide beschäftigte. Die Besuchszeit war bald zu Ende. Der Todes-- kandidat wurde von den Aufsehern in den Turm zurückgeführt, während die Mutter in die„Freiheit" zurückkehrte, in der sie sich wahrscheinlich nicht besser fühlte, als der Sohn im Turm. Man sprach, sie sei nach der Hinrichtung wahnfinnig geworden. „Wenn die Eltern zum Besuch kommen— so heißt es im Briefe eines Gefangenen—, so möchte man ihnen alles, alles er- zählen. Aber ich kann das in keinem Fall tun: es kommt nichtA dabei heraus. Ich fühle soeben, daß ich ihnen viel Zärtliches, Gutes, Beruhigendes sagen könnte, aber im Gefängnisbureau kann ich das nicht, denn neben mir stehen dort Menschen, die mir zu». wider sind. In ihrer Anwesenheit kann ich kein einziges zärt» liches Wort hervorbringen Ich fühle, daß man etwas WarmeS, Gutes sagen muß, aber die Zunge gehorcht mir nicht. Wenn man zur Besuchsstunde geht, so will man dieses, jenes sagen, aber wenn man hinkommt, hat man alles vergessen. Es ist alles aus dem Kopf verschwunden. Man sieht sie nur an und hört, was sie sagen, ohne selbst ein Wort zu sprechen." „Ich erwarte die Ankunft meiner Verwandten— schreibt ein anderer Verurteilter—, sie haben mir 10 Rubel geschickt, aber ich habe sie meiner Frau gegeben. Das ist«in Mensch, der mir blind zugetan ist und mich liebt! Ich schäme mich buchstäblich vor ihr. Aber ihr das sagen, sie zu mir erheben, ist mir unmöglich. Wie schwer ist mir das! Wir sprechen beide ganz verschiedene Sprachen." Der Mann, der diese Zeilen geschrieben hat, schreibt diese schwere Entfremdung dem Unterschied des geistigen Niveaus bei sich und den Verwandten zu. DaS ist aber kaum richtig. Offenbar sprechen alle, die zum Tode verurteilt sind, eine andere Sprache, als die, die auf dieser Welt zurückbleiben. Die menschliche Sprachs ist für solche Gespräche nicht geschaffen. Die gewöhnlichen Be- griffe verstummen schamhaft im Bewußtsein, daß sie überflüssig, unstatthaft, beleidigend sind. Was bedeutet in der Tat die Frage über den Gesundheitszustand für einen Menschen, den man bald aufhängen wird... Und er sieht auch natürlich alle möglichen Träume... Gespräche über die künftige Welt, über Gott und das Leben nach dem Tode führt unser Korrespondent gleichfalls nicht an. Das wird dem Todeskandidaten neben den übrigen „Formalitäten" vor dem Galgen vom Gefängnisgeistlichen gesagt werden, der dafür vom Staat sein Gehalt bekommt... Und der natürlich froh wäre, es für irgendetwas anderes zu bekommen, Expropriateure. „In unseren Gegenden— so schreibt der Korrespondent, dessen Materialien ich in den vorhergehenden Skizzen benutzt habe � tauchten die Expropriateure erst nach dem Moskauer Aufstand auf, nach welchem auch in der Gegend, wo sich die oben erwähnten Eisenwerke befinden, ein bewaffneter Aufstand ausbrach." Diese„chronologische" Reihenfolge der Ereignisse ist bedeu- tungsvoll und weist schon an und für sich auf ein bestimmtes inneres Band der Begebenheiten hin. Als die revolutionäre Bewegung auf ihrem Höhepunkt stand, besaßen die Expropriationen noch einen politischen Anstrich. Man nahm an, daß der offene Kampf des„Volkes" gegen die Vertreter und Verteidiger der alten Ordnung schon begonnen hatte. Aber während eines solchen offenen Kampfes bildet der Angriff auf den„feindlichen Train" einen Teil der kriegerischen Operationen, eine Art„kriegerischer Requisition". In einigen Manuftripten» mit denen die Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen überhäuft wurden, und die trotz ihres unkünstlerischen, schlecht bearbeiteten Stils, in ihrer naiven Ursprünglichkeit als wahrheitsgetreues Spiegelbild einer bestimmten Stimmung dienen konnten, wieder- holte sich vor kurzem ziemlich oft ein und dasselbe Motiv: ein junges Mädchen, das vom Sturm des Kampfes hingerissen ist, sagt dem Jüngling, oder umgekehrt der Jüngling sagt dem Mädchen; „Sie suchen ein« Arbeit, für die man das Leben hingeben könnte..« Nun wohl! Um diese und diese Zeit werden auf dieser und dieser Bahn Staatsgelder transportiert werden. Wollen wir dem Volke, das um seine Rechte kämpft, seinen Besitz zurück verschaffen?" Da aber für die russische Revolution das gleichzeitige Aufrollen der sozialen und politischen Fragen charakteristisch ist, so wurden bisweilen auch die Fabrikkassen als unzweifelhafter.Volksbesitz" proklamiert.... i In dieser Periode unterschied sich die Psychologie der Expro» priateure, wenn sie ihre„Kampf".Aktionen mit dem Leben bezahlen mußten, durch nichts von der Psychologie der ideellen Revolu- tionäre. Bisweilen trug sie denselben Stempel des hohen Seelen» schwungs, der Begeisterung und des Glaubens an die Bedeutung „ihrer Sache". Unlängst— im September 1909— wurde vor dem Kiewer Geschworenengericht der Prozeß gegen den estnischen Jour» nalisten Ekkardt(Endel) Horn verhandelt. Schon früher war er wegen eines politischen Vergehens zur Zwangsarbeit verurteilt worden, das er in den Ostseeprovinzen beging, wo die revolutionäre Bewegung bekanntlich besonders intensiv war und hier und da in der Tat den Charakter eines Massenkampfes annahm. Im Kiewer Lukjanow-Gefängnis, wo er seine Strafe verbüßte, war in der vettaWarZen Zelle die zum?o5e fjetutfeilfe Makrenä Prissashnjuk, eine frühere Dorfschullehrerin, interniert. Im August 19V8 war fie vom Kiewer Kreismilitärgericht zum Tode verurteilt worden. Am 12. September wurde das Urteil bestätigt, aber seine Voll- preckung aus irgendwelchen Gründen hingezogen. Vor der Hin- richtung wurde Matrena Prissashnjuk in die Zelle neben der Horns übergeführt. Er hörte ihre Schritte und das Klirren ihrer Ketten. In der Nacht leuchtete der Mond. Durch die Wand vernahm er, wie die zum Tode Verurteilte, mit den Ketten klirrend, an das Fenster trat. Zwei ihrer Gefährten, die zugleich mit ihr verur- teilt worden waren, hatten sich bereits Gift verschafft. Horn öffnete eine mit Lehm verschmierte Oeffnung in der Wand und übergab seiner Nachbarin Zyankali. Sie nahm das Gift zu sich, und Horn unterhielt sich bis zu ihrem Ende mit ihr und tröstete fie. In den Briefen an seine Braut, die in demselben Gefängnis faß, schildert er die letzten Minuten der Matrena Prisiashnzuk(die in ihren Kreisen unter dem Namen Rasa bekannt war). Der Brief ist eigentümlich uild nicht ganz zusammenhängend. Man sieht, daß der Briefschreiber auf das tiefste erschüttert war. Der Brief lautet: «Ich habe gestern gewartet. Was war das für ein langer, aualvoller Tag. Nachdem sich alle bei uns schlafen gelegt hatten, öffnete ich mit dem Messer die mit Lehm verschmierte Oeffnung... Nach einigen Minuten sah ich aus ihrer Zelle Licht... Sie trat hinzu und rief meinen Namen. O Gott! Ich mutzte es ihr über- geben... Ich fühlte, wie sie meine Sendung vom Stäbchen ab- nahm... Dann übergab ich ihr zwei Briefe. Während der ganzen Zeit blickte ich gierig durch die Oeffnung. Sie las. Zu dieser Zeit bat Stefan aus der Kasematte, ich möchte Naja fragen, zu welcher Zeit sie das Gift nehmen wolle, damit er zu gleicher Zeit mit ihr sterben könnte... Welch eine Liebe! Sie liebten sich... Ketten klirrten. Sie hatte also zu Ende gelesen..." „Liebste! Ich habe lange mit ihr gesprochen und den Brief noch ergänzt. Endlich bat ich sie, ein wenig von der Oeffnung zurückzutreten, damit ich fie'sehen könnte, und ich erblickte ihr hübsches, reines Gesichtchen. Wie glücklich war ich! Sie sah mich an und lachte leise, leise vor sich hin...„Endel, hörst Du, ich lache?"—„Ja, Rasa, ich höre. Was ist Dir?"—„Es ist so komisch, datz wir uns hier wiedersehen, datz wir noch miteinander sprechen können." Dann fragte sie, wie es um Dich bestellt sei? Wo Anatol und der„Landsmann" sich befänden?„Uebergib meiner Nadja meine Grütze und Küsse." Dann ging sie fort. Nach einiger Zeit trat sie wieder an die Oeffnung.—„Stefan fragt: wann?" —„Heute, nach der Ablösung," entgegnete sie,„wirkt das Gift?" —„Ja, meine Teure. Mehr kann ich Dir nicht geben."— Hier geriet ich in furchtbare Aufregung. Ich sollte dem Freunde, den ich so lieb hatte, mit meinen Händen den Tod übergeben, während fie noch so gern leben wollte. Das war entsetzlich..... Nege Dich nicht auf, Endel," sagte fie. Ich schwieg, während sie etwas sagte. Endlich fragte sie mich, wie sie das Gift nehmen sollte.—„Zerreibe es. Nimm ein wenig Wasser."—„Gut, ich werde es tun." Sie entfernte sich. „Nach der Ablösung ertönte ein Klopfen an der Wand, ich trat hinzu.„Ich nehme gleich das Gift. Endel, ich habe kein Wasser! Wie steht's mit den Jungen?" fragte sie.—„Ich glaube, es ist schon zu Ende."— JLeb wohl!"—„Leb wohl, meine Teure!"— Ich hörte das Rauschen ihres Kleides, das Klirren der Ketten. Dann trat Stille ein.—„Naja, hast Du's genommen?"—„Ja, leb wohl!"—„Leb wohl, meine Teure..." Einige Sekunden herrschte tiefe Stille, dann begann sie heftig zu atmen. Seufzer ertönten.... Dann schwaches Atmen. Endlich starkes Ge- stöhn... Vollständige Ruhe. Still, ein Mensch ist gestorben!... Die teure Naja ist nicht mehr. Still, ein Mensch ist gestorben! Aber das Leben geht weiter seinen Gang..."„Ich sprach mit ihr, ich hörte alles. Ich war mit ihr zusammen.bis zur letzten Minute. Dies alles prägte sich auf ewig in meiner Seele ein... Ihr sagt, Naja ist nicht mehr. Das ist nicht wahr! Ich sage, sie ist noch jetzt mit uns, mit allen, die sie geliebt haben. Wir werden durch sie leben... Nach einiger Zeit hörte man Klopfen an der Wand. Aber es lohnte sich nicht, zu antworten. Es waren die Gefängniswärter, die in die Zelle gekommen waren."*) Dieser Brief gelangte auS dem Gefängnis in die Freiheit. ging von Hand zu Hand und wurde nach einem halben Jahre bei der Haussuchung bei einem gewissen KinSburgski gefunden. Auf Grund dieses Briefes wurde gegen Horn ein neues Verfahren eingeleitet,„wegen Mithilfe bei einem Selbstmord". Der Prozeh kam am 10. September 1903 vor dem Kiewer Bezirksgericht zur Verhandlung. Warum er auf dem Wege der allgemeinen Gerichts- barkeit geführt wurde, mit Geschworenen und selbst bei offenen Türen, ist schwer zu sagen. Wenn die Regierung darauf gerechnet hatte, der Gesellschaft die„Ungeheuer" zu zeigen, die von den Kriegsgerichten hinter verschlossenen Türen zum Tode verurteilt werden, so erwiesen sich ihre Berechnungen als falsch.„Langsam und furchtbar— so schreibt der Autor des Gerichtsberichtes— hob sich der Vorhang, der eines der entsetzlichsten Lebensdramen vor uns verhüllte. Die eintretende Dämmerung, die trockene und laute Verlesung des Briefes inmitten der Totenstille übte einen *) Ich entnehme diesen Brief(mit einigen Kürzungen) dem Gerichtsbericht in den„Kicwer Nachrichten" vom 11. September 1909, Nr. 243. tiefen Eindruck auS." An seinem kurzen SchlußKork Sekannke sich Horn, obgleich er die Tatsache zugab, nicht als schuldig.„Sie war zum Tode verurteilt, das Urteil war bestätigt, und ich half einem teuren Freunde, sich von ihm zu befreien. Ich habe nicht? Unmoralisches getan." Weiter konnte er vor Erregung nicht sprechen und setzte sich. Die Geschworenen entfernten sich nur auf eine Minute in das Beratungszimmer. Das Urteil lautete guf Freisprechung. (Fortsetzung folgt.! ßelgifcbc Stadtcbllder. IV. Mechern. Erfreulichere Eindrücke als in Gent empfängt man in den» kleinen stillen M e ch e l n. Die Stadt ist wenig bekannt, weil dia Fremden unterwegs nach Antwerpen nicht aussteigen mögen auf de« ohnehin so kurzen Strecke. Und doch gibt es kaum einen zweiten Ort, der den alten Charakter so rein bewahrt hätte wie Mecheln. Die jetzt industriearme Stadt mit ihren bö 000 Einwohnern hatte eS nicht nötig, ihre Strotzen zu verbreitern und moderne Geschäfts« Häuser an die Ecken ihrer Plätze hineinzuschmuggeln. Man erlebt eine Freude nach der andern, hat man einmal daS breite, mächtige Tor hinter der Kanalbrücke passiert. Schon der Blick diese endlosen geraden Kanäle hinauf und hinunter— der Kanal findet sich vor den Toren jeder belgischen Stadt— zwischen hohen schlanken Bäumen hindurch, die sich mit köstlichen Farben im stillen Wasser spiegeln, ist reizvoll. Rechts und links vom Stadttor ziehen sich in grotzem Bogen die Wallpromenaden mit vier Reihen von Linden um den alten Stadtkern, mit kleinen weitzverputzten Ein» familienhäusern, den Wohnungen der„besseren Leute". Geradeaus aber geht's in einer krummen Gasse aus einen kleinen länglichen Platz, eine schlauckiartige Erweiterung der Hauptstratze, in dia schmalere Seitengassen einmünden. Ein paar Schritte weiter und die Fluchtlinien biegen abermals aus, diesmal, um beiderseits in den Staden überzugehen. Da stehen die ältesten Häuser der Stadt, manche noch von Holz mit prächtigen Schnitzereien an Balken und Giebel und bleigefatzten grünlichen Fenster« scheiden, schlicht und bescheiden im ganzen, aber un- beschreiblich vornehm durch den Adel der Verhältnisse. Ehemals hatten die Gilden hier ihren Sitz und die grotzen Kaufleute, die mit Spule und Strick unter dem Firstbalken die Waren aus den Schiffen aleich in die Speicher beförderten, die sich in den hohen, spitzen liebeln dehnten. Aber das hat alles längst aufgehört. Die Boote, die noch auf dem schmutzigen Wasser, der Dyle, vor Anker liegen» lassen sich viele Wochen lang Zeit. Sie haben in kleinen Mengen Holz und Kohlen gebracht oder in grötzeren Seefische, die drüben über dem Flutz in offenen Läden, in den engsten Gassen, schrecklich stinkend nalürlich, feilgeboten werden. Die breite Brücke mit ihren drei fein profilierten gotischen Bogen mag aus dem 14. oder IS. Jahrhundert stammen, aus der Zeit, da man die Tuchweber zu Mecheln nach Tausenden zählte. Was mag da nach Feierabend für ein Menschenstrom über sie hin« gebraust sein! Drüben erwartet uns daS offizielle Mecheln, die Hauptplätze, Kirchen und Amtshäuser. Der mittelalterliche Grundsatz der Kon« zentrierung aller öffentlichen Gebäude und der Gruppierung der» schieden grotzer und verschieden geformter Plätze um sie herum wird nirgends klarer wie hier. Es läht sich nicht beschreiben, wie wunder« voll die Fleifchhallen mit ihrem reichen Barockgiebel, dahinter das gotische Rathaus aus schlichtem Backstein, schräg gegenüber der Justizpalast, jedes einzeln seinen Platz bestimmt und beherrscht. Und alle diese Plätze sind von mätziger Grvtze, aber alle streng ge« schlössen. Betritt man am Rathaus vorüber den Grotzen Markt, so steigt auf einmal jäh und schreckhaft ein riesenhafter finsterer Turm vor einem auf. Die Baumeister haben dem Besucher keine Zeit ge» lassen, sich auf diesen Kolotz vorzubereiten: mit erschütternder Majestät droht er aus den Besucher herab. Der Turm der Kathedrale von St. Rombaut ist unvollendet geblieben, mit der im Anfang deS IS. Jahrhunderts geplanten Pyramide würde er, 167 Meter hoch, selbst den Ulmer Dom über» treffen. Aber wer weih, ob er dann noch die unvergleichliche Wucht und Eindringlichkeit besähe wie jetzt mit seinem stumpfen Haupte, das sich immerhin fast 100 Meter hoch in die Lüfte erhebt. Von allen Seiten, namentlich aber von kleinen, stillen Gätzchen aus mit verkalkten Mauern und niedrigen, denmtigen Häuschen, wirkt der Turm von St. Rombaut urgewaltig. Dem Innern der Erzbischofskirche merkt allerdings niemand mehr an, welche Opfer ehemals dafür gebracht worden sind. Der Gips hat auch hier alles geschändet im Verein mit fühllosen Archi» tetten- und Glasmalerhänden. Der Rcliguienschrein de» Schutz» Patrons war wcitberühmt wegen seiner Kostbarkeit, und als ihn Wilhelm von Oranicn im Aufstaude gegen die Spanier ein- schmelzen Uetz, erzielte man noch 19 296 Livres Schilling allein fürs Material I Die Riesenzifferblätter, welche mit ihrer Vergoldung das Turm» Haupt so königlich zieren, haben die Bürgerschaft auch volle 10 000 Fr. gekostet. Man konnte damals schon etwas daran wenden, bevor der Erzbischof Granvilla kam, der letzte Agent Philipps II. von Spanien, 544— -iv«' und das Land auk-pliinderte. Von da ab ging es nidßt nur materiell, sondern auch geistig bergab in Mecheln. Die Herzöge von Burgund hatten die Stadt besonder« bevorzugt. Karl der Kühne hier das „Parlament*, den Gerichtshof über die Ritter des goldenen Vließes, des burgundischen Hausordens, eingesetzt. Als Schiedsgericht hatte sich dieses Parlament einer internationalen Bedeutung zu rühmen, namentlich von Frankreich war es wiederholt angegangen worden. lind noch größeren Glanz hatte der Stadt Mechel» die Hofhaltung der Margarete von Parma verliehen, der Freundin der Dichter, Künstler und Musiker, deren Palast, «in tvunderbar feiner Renaissancebau aus Blaustem, nun verödet liegt, unweit der Kathedrale. Mecheln ist noch immer Residenz. Der mächtigste Mann in Belgien, der die Politik der Kammcrmehrheit lenkt, der Kardinal- Erzbischof, wohnt in einem mittelalterlichen Backsteinbau mit einem nialerischen Rundtürnichen am toten Fluß, rings vom Grün ein- gesponnen. Auf Schritt und Tritt begegnet man dem Grün der Linden. Namentlich an den alten Kanälen, die jetzt nunmehr Kloaken gleichen. Da gibt es noch geheimnisvolle alte Häuser, ans denen nur bisweilen Orgeltöne in die Außenwelt dringen, während sich vom Kirchturm herab das Wimmern des Glockenspiels hineinverwebt.... Mecheln ist übrigen? nicht nur von den gekrönten Fürsten be günstigt worden, sondern auch von dem König unter den Malern, von Peter Paul RubenS. Der Antwerpener Meister führte für die Fischergilde einen großen dreiflügeligen Altar aus, in der Kirche Unserer lieben Frauen zu setzen und für die Geistlichkeit von St. Jakob eine Anbetung der Könige. Und seine Gunst bestand eben darin, daß er die Bilder selber malte, nnd da? geschah ver- hältnismäßig selten, denn er hatte eine große Werkstatt und betrieb die Kunst wie ein Geschäft. Aber für Mecheln arbeitete er eigen- händig bis auf den letzten Pinselstrich. Den Fiscbern lieferte er die Gcswichte des wunderbaren FischzugeS auf dem See Genezareth mit Christus, der groß und erhaben im Kahn steht zur Rechten, mit seinem Haupte die Sonne verdeckend, so daß die Strahlen dahinter hervorbrechen und mit einem ganz realistischen flämisch- blonden Seemann in rotem Rock und ganz unantiken hohen Wasserstiefeln im Vordergrund; auf den Flügeln innen das Wunder des Petrus, der aus einem eben gefangenen Fisch den Groschen für den Steuerboten heraus- holt und den Fischzug des Tobias nach der Anleitung eines jugend- kichen, ganz goldigen Engels, die Außenseiten sind mit den lebens- großen Bildnissen der Fischerapostel Petrus(von vorn) nnd Andreas (im Profil) benialt. Man müßte all' die zahlreichen Nörgler und Krittler, die von Rubens als dem„Fleischrnaler* oder„Theater» dekoratenr* reden, vor dieses Meisterwerk führen, ebenso wie vor die Antwerpener Altarbilder, dann würden sie sicher ganz klein werden. Sie müßten dann zugeben, daß eS keinen Vorwurf in der Natur gibt, den das allumfassende Genie des Antwerpener Wunder- menschen nicht bezwungen hätte. Daß er Menschen im Affekt und in den mannigfaltigsten Bewegungen malen konnte, das weiß jeder, aber zu beobachten, wie er den Abendhimmel, das Meer und die Fischer wiedergibt, das wirkt wie eine Offenbarung. A. H i e b e r. pil2e und pilzgcrlcbtc. Die Pilzsaison beginnt. Nicht lange mehr, und die Chronik der Unglücksfälle in den Zeitungen wird wie alljährlich durch Meldungen von Pilzvergiftungen bereichert werden. Viele Hansfrauen lassen sich durch die Furcht vor Giftpilzen von der Zubereitung eines der leckersten Nahrungsmittel abhalten. Sehr mit Unrecht. Einmal ist hie Zahl der stark gifthaltigen Pilze bei uns in Deutschland so gering, daß eS nicht schwer sein sollte, sich eine genaue KennimS dieser Schädlinge zu verschaffen, vor denen man sich dann leicht hüten kann. ES gibt nicht wenige sehr guter und brauchbarer Bücher über praktische Pilzkunde. Aber fie sind meist nicht billig genug, um allgemein gekauft zu werden. Eine Llusnahnie bildet da« vom Kaiserlichen Gesundheitsamt heraus- gegebene Pilzmerkblalt, eine mit guten Abbildungen versehene Sonderausgabe des im„Gesnndheitsbüchlein* enthaltenen Abschnittes über die wichtigsten eßbaren und schädlichen Pilze. Es ist znm Preise von IV Pfennigen in jeder Buchhandlung erhältlich und kann zur vlnsckiaffung warm empfohlen werden. Nicht immer aber schützt die genaue Kenntnis der einzelnen Arten vor Pilzvergiftungen. Ein erheblicher Teil dieser oft tödlich endenden Erkrankungen ist auf grobe Fehler bei der Auswahl und Aufbewahrung zurückzuführen. Auch bei der Zubereitung der Pilze wird oft gesündigt, sonst würde man nicht so häufig über Schwer- Verdaulichkeit der Pilzgerichte klagen. Folgende Regeln sind zu be- achten: Man kaufe oder sammle nur junge Pilze und hüte sich vor soliben, die vom Regen durchweicht, alt, übelriechend, von Maden Vurchsetzt.oder an feuchten moderigen Plätzen geioachsen sind. Ge- kaufte Pilze müssen ein durchaus frisches Aussehen haben. Die Zer- fetznng der Pilze geht bei warmem Wetter sehr schnell vor sich. Deshalb dürfen sie niemals tagelang aufgehoben werden. Gekaufte Pilze müssen noch an demselben Tage ver- braucht werden. Solche, die man selbst gesammelt, dürfen bis zum nächsten Tage an einem kühlen Orte aufgehoben werden In verdorbenen Pilzen entwickeln fich die als Ptomakne bekannten gefährlichen Giftstoffe, die ihre Wirkung im Körper oft so spät ent- falten, daß ärztliche Hilfe meist nichts mehr ausrichten kann. Als untrügliche Erkennungsmerkmale für das Vorhandensein giftiger Pilze gilt noch vielfach das Schwarzwerden eines in das Pilzgencht gehaltenen silbenen Löffels. In Ermangelung eines solchen Wcrtgegen» standeS erwartet man das Heil von einer mitgekochten Zwiebel, die durch Verfärben anzeigen soll, ob dem Gericht zu trauen ist oder nicht. Diese und ähnliche Ratschläge gehören aber in daS Reich des Küchen« aberglaubens und können die schlimmsten Folgen haben, wenn man sich auf sie verlassen wollte. Nur bei genauer Kenntnis der eßbaren und schädlichen Pilze und bei Beachtung der oben mitgeteilten, sehr einfachen Vorschriften kann man sich ohne Sorge den Genuß der schmackhaften Pilzgerichte ge- statten. Es gab eine Zeit, da man den Pilzen auch einen besonders hohen Nährwert, der dem des Fleisches nahe kommen sollte, zu- schreiben wollte; daS war aber ein Irrtum. Der Eiweißgehalt der Pilze beträgt nicht mehr als 2—5 Proz. bei einem Waffergehalt von 90 Proz. Außerdem enthalten fie 2 Proz. phosphorsaures Kali und im übrigen Kohlehydrate. Trotzdem bilden sie eine sehr empfehlenswerte Zukost zu der an Geschmacksreizen armen Nahrung des Proletariats. Allerdings verlangen Pilze eine sorgfältige Zu- bereitung, wenn sie eine appetitliche und vor allem bekömmliche Speise abgeben sollen. Bei unrichttger Behandlung werden sie zähe und können dann nur mangelhast gekaut und verdaut werden. Beim Putzen der Pilze hat man alle alten und fauligen, sich schmierig anfühlenden Exemplare fortzuwerfen. Die Oberhaut und der Stil werden abgeschabt. Die Lemellen, d. h. das Pilzfutter unter dem Hute, werden bei älteren Pilzen entfernt. Dann werden die Pilze gewaschen, aber niemals gewässert. Langes Liegen im Wasier laugt die Nährsalze aus. Auch das oft empfohlene Ab- brühen der Pilze gehört in daS Gebiet des groben Unfugs. Nur Morcheln werden vor der Zubereitung abgebrüht, um ihnen einen in heißem Wasser löslichen Giftstoff, die Helvellasäure, zu entziehen. Dann werden die Pilze geschnitten. Nun kann man sie nach Ge« fallen zu Pilzsuppen oder-gemüse verarbeiten. Für den einfachen Tisch kommen hauptsächlich Pfefferlinge, Reizker und Steinpilze in Betracht. Pilzsuppe. Die Pilzstückchen werden auf flottem Feuer im eigenen Saft unter Zugabe einer kleinen Prise von doppeltkohlen» saurem Natron zwanzig Minuten gekocht. Dann hackt man sie fein. brät sie in gutem Fett leicht an, bestäubt fie mit Mehl, gießt kochendes Wasser hinzu und läßt die Suppe noch eine halbe Stunde auf dem Feuer. Man würzt sie mit Salz, Pfeffer, gewiegter Peter- silie und nach Belieben mit einigen Tropfen Maggi. Diese gute Suppe läßt sich auch mit Gries statt mit Mehl verdicken. P i l z g e m ü s e. Die Pilzstückchen werden im eigenen Saft mit einer Prise Natron etwa*/i Stunden gedünstet. Dann gießt man den Pilzsaft ab, der noch eine gute Suppen- oder Sancenwürze abgibt, brät die Pilze mit Butter oder mit auS- gebratenem Speck und fügt nach Belieben etwas Zwiebel, Salz, Pfeffer und Kochkünimel hinzu. Beim Anrichten gibt man gewiegte Petersilie daran. Will man die Pilze in Sauce zu Pellkartoffeln geben— Matjeshering paßt sehr gut als Beilage dazu— so bestäubt man sie nach dem Anbraten mit Mehl, fügt das Pilzwasicr hinzu, verdünnt nach Bedarf mit Wasser, läßt alles gehörig durchkochen und würzt wie vorher. Ein gutes Gericht bilden gebratene Pilze in der Mischung mit Rührei. Am bekömmlichsten find Pilze, wenn man sie feingehackt als Haschee behandelt. Flundern mit Pfefferlinge» geben eine treffliche Schüssel. In der Brühe der gedünsteten Pfefferlinge, die nach Be- darf zu verdünnen ist, läßt man die gut gesäuberten und vorher eingefalzcnen Flunder» garziehen. Die Sauce wird mit Schwitzmehl seimig gemacht und mit Zitronensaft und Petersilie gewürzt. Man nimmt die Fische heraus und stellt sie heiß. Die Pilze müssen noch einige Minuten in der Sauce kochen; dann richtet man da? Gericht mit Salzkartoffeln an. Reste von gebratenen Pilzen müffen bei warmem Wetter noch an demselben Tage verbraucht werden. Man verwendet sie fein- gehackt zu einer Pilzsuppe oder schichtet sie als pikante Füllung zwischen zwei ungesüßte Eierkuchen. Auch kann man sie mit in leichter Brühe dicklich ausgequollenen Graupen mischen. ES ist im Volke wenig bekannt, daß eine Handvoll Pilze eine ausgezeichnete Würze verschiedener Fleischspeisen bilden kann; dahin gehören Ragouts, Gulasch, Rouladen, Hammelbraten u. dgl. Zum Trocknen für den Winterbedarf eignen sich hauptsächlich Steinpilze, Pfefferlinge und Morcheln. Mit Ausnahme der Morcheln, die flüchtig abgebrüht werden müffen, dürfen die zum Trocknen bestimmten Pilze vorher nicht gewaschen werden. DaS Trocknen muß möglichst rasch in warmer Luft geschehen. Getrocknete Pilze haben nnr den Wert einer Würze. Es empfiehlt sich, sie vor dem Kochen gehörig zu zerkleinern, nachdem sie gründlich gewaschen wurden. ES liegt nach allem also kein Grund vor. weshalb die Küche des kleinen ManneS die unansehnlichen Gesellen aus dem Pflanzen- reiche, die so köstliche und oft fast kostenlose Leckerbiffen abgeben. nicht mehr für den täglichen Tisch heranziehen sollte, als es bis heute geschieht. M. Kt vtrantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Berlag: Borwärr« öuchdruckerci u.Beriagsaujralt Paul«rnger chEo..Berlm