Anttthaltungsblatl des Horwärts Nr. 139. Mittwoch, den 20 Juli. 1910 (Bagtnia Mtso»»? 9] Der Entgleiste. Won Wilhelm Holzamek. Auch die Klar verschonte natürlich der Spotk nicht. Sie lvollte vornehm werden, das durften Arme und Reiche nicht dulden. Der Schnellbachs Michel redete überall durch die Nase von„Lumpeleit", die hoch hinaus wollen, aber doch „Lumpeleit" bleiben. Die ganze Gasse war der Klar feind. Außer der alten Lisbeth. Die Klar schaffte noch doppelt so viel als früher. Das brachte ihr schließlich auch die Zieglcr auf den Hals. Da gingen mehr und mehr die Stichelreden um. Einmal lief ihr die Galle über. Sie nahm einen Klumpen feuchten Letten und warf ihn dem Drehermartin an den Kopf, daß er rücklings in die Lettengrube fiel und aus Schlamm und Wasser herausgezogen werden mußte. Der Seifertjakob, der die Ziegelei besaß, drohte ihr mit Eni- lassung. Da flammte es auf in ihr. „Ich tu mein Arbeit, und ich will mein Ruh haben. Wenn die jemand brauchen, den sie zum Narren haben können, sollen sie ihn sich wo anders suchen. Ich laß mir's nit ge- fallen, für die Kränk nit, und wer mir zu nah kommt, der kriegt's mit mir zu tun." Der Seifertjakob machte weiter Vorhalt. „So," meinte sie,„Ihr meint, Ihr könnt mir Reprochen machen. Proste Mahlzeit, merci! Da ist Euer Ziegelhütt und da bin ich— verHeirat sind wir zwei nit. Behalt Ihr Euer Ziegelhütt— ich geh meiner Weg. Ich find immer noch Arbeit." Sie ließ ihren Ziegeltisch stehen, warf den Klumpen Letten, der zum Formen dalag, in die Grube zurück, wischte sich die Hände ab und ging. „Wenn Ihr meint, ich war ein Hudellumpen, so seid �hr schief gewickelt. Zum Hudellumpen halten laß ich mich mt." Am folgenden Tag war Brand. Die Klar hatte immer die Ziegel gebrannt seither. Nun saß der Ofen voll, und die Klar war weg. Dem Seifertjakob war doch ein bißchen angst. Aber der Drehermartin hatte ein großes Maul.„So gut wie das Weibsbild verstehe er das Brennen auch." Der Seifertjakob ließ ihn brennen. Aber es gab einen schlechten Brand. Mehr als zwei Drittel Schlacken. Und draußen vor der Hütt schritt die Klar mit Kürassier- schritten auf und ab, die Hände in den Rocktaschen, wie ein Mann, und lockte die Gänse:„Komm. Wullewullewullechcn, komm." Und ein Karren voll Schlacken nach dem anderen mußte nach dem Schlackcnhaufen an ihr vorbeigefahren werden. Feiner Profit? Nach ein paar Tagen kam der Seifertjakob und bat sie, die Arbeit wieder aufzunehmen. Sie stellte keine Be- dingungen— sie tat's. Sie wußte, sie brauchte keine Bedingungen zu stellen, es wagte sich keiner mehr an sie. Die Stichelreden gingen noch, aber es hätt sich jeder gehütet, beut» lich zu werden. Es fürchtete sich jeder, eine heimgeleuchtet zu kriegen. Nur die Stangin ließ die Klar gewähren. Die alte Lisbeth hatte es ihr geraten. „Jede üble Rede läuft sich einmal von selbst tot. Das ist so. Dazu braucht man nichts zu machen. Und jeder böse Mund wird von selbst müd. Nur das Gute, das kann man immer wieder sagen, und immer wieder hören's die Leute gern. Dann glaubt man's nit mehr, oder's wird einem znm Ekel." „Ja. ja," warf dann die Klar ein,„aber man kann die Geduld dabei verlieren." „Das kann man. aber man muß sich überwinden. Es Hilst nichts. Das Gute bleibt doch von einem Menschen. Wenn sie alle Schlechtes von einem gehabt haben, mit ein- mal ist doch das Gute obenauf. Kein Mensch weiß wie." „Glaubt Ihr, Lisbeth?" „Steif und fest. Ich bin alt. recht alt— ich Hab aber immer in meinem langen Leben das Schlechte unterliegen und das Gute siegen sehen." „Aber's sieht doch manchmal ganz anders aus." „Es sieht nur so aus." „Morgens, um sechs jetzt, hör ich schon der Stangm ihr'g Klotzfuß über die Gaß schleifen." „Es ist nit recht, Klar, daß sie von der Stangin ihrent Körperfehler was sagt, das ist dem Menschen eher sein Leitz als seine Schand." Die Klar wurde rot. „So mein ich's auch nit, Lisbeth. Ich mein nur. man kennt sie dran. Wie Euch am Holzbein. Aber das ist Euch eher zur Ehr." „Auch das nit. Es ist, wie einem andern die zwei ge- sunden Bein. Man muß nur eben sehen, damit weiter zu kommen— und durchzukommen durch die Welt. Und daS in Ehren, wenn auch mit Unglück. Das Unglück macht's nit, wie's einer trägt, das gilt." „Sie braucht nun eine halbe Stund länger in die Kirch und eine Stunde länger aus der Kirch, das alte Gewitteraas. Nur, weil sie mich ausmachen muß. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Und was ist's denn Unrechtes, daß ich mein Philipp was will lernen lassen, und daß ich ihn in die Schul vom Krafft getan Hab?" „Das muß sie nit fragen. Klar, das muß sie wissen, daß das nichts Unrechtes ist." Die Klar machte nur helle Augen. Es war so gut, mit der Lisbeth zu plaudern. Sie wußte, was sie wußte, so fest und gewiß, wie der Kirchturmhahn, woher der Wind weht. Und sie sprach so weich, es tat einem ordentlich wohl. „Wenn die ganze Gaß Stein auf Sie wirft. Klar, nit dagegen werfen. Ein Stein gegen so viele ist nichts. Und der eine Stein gibt Ihr unrecht, Klar. Aus dem einen machen sich die anderen ein Recht. Die Welt ist so." „Aber was denn dann tun?" „Abseits gehen und warten, bis wieder das Recht gilt. Einmal gilt's wieder. Ganz gewiß, einmal gilt's wieder." „Aber leicht ist das nit." „Nein, aber das Richtige ist's. Und Hintennach ist man froh drum. Die andern aber müssen sich schämen." ,�a. schämen— die und schäinen." „Es gibt keine Menschen. Klar, die sich nit schämen. Glaub Sie mir's, wer nur noch einen Funken Gutes in sich hat, der schämt sich auch. Und jeder hat noch einen Funken Gutes in sich. So schlecht sind die Leut hier nit, wenn's auch so scheinen könnt." „Noch schlechter sind sie." „Klar, das Gute sitzt nit so obendrauf, wie Sie meint. Das Gute sitzt weiter unten. Drum hat's oft so viel Not, bis es obendrauf kommt. Aber auch grab drum sind die Menschen meist nit so, wie sie scheinen, sondern ganz unten ganz anders. Viel besser und schöner." „Ich glaub, Lisbeth, das lern ich nie. Ich bin ein Rauh- bautz. Da ist alles, wie's auswendig ist, Sie guckt, wie's inwendig ist. Das lern ich nie." „Sie lernt's noch." „Wie?— wann?" „Ganz von selbst— und wenn Sie alt genug ist dazu." „So alt werd ich nit." „Jeder wird so alt, bis er so ist, wie er sein soll und, sein kann." „Was Jbr sagt!" „Ja, Klar, wir sind all auf der Welt, um's mit der Welt, nit gegen die Welt zu halten. Je früher wir das fertig bringen, desto besser. Um so schöner ist unser Leben, um so froher werden wir, und alles ist so gut und friedlich." Die Klar nahm sie bei beiden Händen und sah sie lange an. „Lisbeth— wann ich sein könnt, wie Ihr, ich wollt aus meiner Haut gehn, so froh wär ich. Aber ich steck fest in mein Haut, und so bleibt halt alles, wie's ist." „Das ist ja aber grab recht so. Klar. Wer sein eigen Haut auszieht, der ist er nit selbst und nit ein anderer. Denn das ist so, man kann leichter sich selbst verlieren, als ein anderer werden. Es muß aber jeder bleiben, was er ist, aber man darf nit meinen, damit wäre schon alles fertig und man hätt nichts nMr an sich zu tun. Wenn die Häuser fertig ge- 5aut sind, dann kann man erst hineinziehen und drin da- heim sein." � Die Klar bekam ja ziemlich Ruhe vor den Leuten. Desto härter saßen sie dem Philipp auf dem Nacken. Selbst die Erwachsenen riefen ihm„Tanzdoch!" zu— immer mit dem A seiner Mutter— und wenn sie riefen:„Schullehrer!", so war das ein Schimpfwort. Richtige Grausamkeiten ersannen die Buben, ihn zu kränken. Sie warfen ihm sein Armfein, warfen ihm seinen Vater und seine Mutter vor und die Sache mit der Trennung seiner Eltern in häßlichen Ausdrücken und mit gemeinen Be- merkungen, die nur von ihren Eltern wieder herrühren konnten. Die Feindschaft spielte sich bis in die Kirche hinein in widerwärtigen Szenen. Die Dümmsten waren da die Lautesten und Rohesten. Die Lehrer drückten die Augen zu all dem zu, und wenn der Pfarrer ermahnte, so klang die Ermahnung jedesmal in eine Ermutigung aus. Die Buben hörten das ein heraus und duckmäuserten als die Zerknirschten. Sie ühlten, daß sie durch dieses Duckmäusern den Pfarrer decken mußten. Der alte Krafft hatte ein paar Mal die Orgel in der protestantischen Kirche gespielt, weil der protestantische Lehrer von über Feld her kommen mußte. Es war keiner am Orte. Da war er denn manchmal durch schlechtes Wetter verhindert. Darum waren dem Krafft die Katholischen besonders feind. Und das übertrug sich auf seine Schüler. Dem Philipp riefen die Buben:„Lutherischer Dickkopp" zu. Obschon er selbst katholisch war, rief er, auf den Rat seiner Mutter,„katholischer Kreuzkopp" dagegen. Dann kam es aber so weit, daß die Buben ihm den Platz in der Kirche versagten. Es war am Osterfeste. Das Hochamt sollte gerade beginnen. Der Priester stand schon am Altare. Die Orgel brauste das Festpräludium. Der Philipp ging oben im Chore von Bank zu Bank und bat um einen Platz. Aber die Buben hielten fest zusammen wie die Mauersteine. Sie ließen ihn nicht herein. Die Tränen standen ihm in den Augen. Nie hatte er so deutlich das Hinausgestoßensein gefühlt. Seither hatte er sich nur ange- feindet gefühlt, grundlos, ohne daß er es recht verstehen und begreifen konnte. Es war nur eine allgemeine Anfeindung gewesen, zwischen zwei Schulen— und was er zu erdulden gehabt hatte, das war teilweise durch seine Mutter, teilweise durch seinen Lehrer, den alten Krafft, verschuldet. Die hatten die Leute geärgert, da ließen sie's ihn austunken. Und so trugen seine Mutter und sein Lehrer an seinem Gram mit. Das war ihm immer ein Trost gewesen, eine Erleichterung, die er empfunden hatte, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben. Nun spürte er zum ersten Male, daß es auf ihn allein ging. Es war kein Platz mehr für ihn. Ein geschlossener Widerstand. Er sollte ausgestoßen werden. Die Tränen wollten fließen. Einen Augenblick war ihm ganz weh. Die Brust spannte ihn. Alles war Leid in ihm. Ein großes, heißes Schmerzen. Einen Augenblick wußte er nicht aus noch ein. Er ging noch einmal an eine Bank hin und bat um Einlaß. fFortsetzung folgt.) 71 Sine alltägliche Erscheinung. Von Wladimir Korolenko. Das erste Dokument lautete: .Guten Tag. teure Eltern, teurer Vater und Mutter, liebe Brüder und Schwestern. Ich sitze momentan in der Einzelzelle. im letzten Augenblick hat man mich hingeführt. Es werden unserer fünf zur Hinrichtung geführt, Kotel, WoSkob, Lawrenow und Kizenko. Ihr wißt, glaube ich, gut, wer ich war, ich sterbe nicht als erster und nicht als letzter. Man hat mich in eine finstere Einzelzelle geführt, so daß ich nichts sehen kann, weder die Buch. staben, noch die Linien auf dem Pap-er. Teurer Vater und Mutter und teure Brüderchen und Schwesterchen, leset diesen Brief, aber ich bitte Euch, weint nicht und ruiniert nicht Eure Gesundheit und Eure Kräfte, die schon ohnedies schwach sind, ich bitte Euch, weint nicht. Seid im Gegenteil stolz auf Euren Sohn, ich sterbe stolz und blicke dem Tode mutig ins Gesicht. Ich fürchte mich nicht im geringsten und bin sehr froh, daß meine Qual zu Ende ist. Am 29. Oktober hat man das Urteil gegen mich gefällt, und in der Nacht vom 22. November, gegen 12 oder 1 Uhr, bin ich sehr lustig und bin stolz darauf, daß ich nicht als Feigling sterbe. Das ist mein letzter Abschiedsbrief. Ich küffe Euch, Papa, Mama, Wassja, Wauja, Katja, Manja, Warja. Lebt wohl, lebt wohll Kolja Kotel." Das andere Dokument war ein Brief LeS Verteidiger», tu rein geschäftsmäßigem Tone gehalten: „Werter Herr! Ihr Sohn wurde vom Gericht zum Tode vere urteilt, wobei das Gericht den Beschluß faßte, vor Kaulbars zu petitionieren, daß die Todesstrafe durch Zwangsarbeit ersetzt werde. Heute erfuhr ich zufällig im Gefäng- nis, daß Kaulbars die Bitte nicht berücksichtigt hat. und daß das Todesurteil gestern vollstreckt wurde. Ber- teidiger Rechtsanwalt W. Galkow." Der Leser kann sich leicht vorstellen, welch ein Bild der Eisen» bahnwagen während der Verlesung dieser Dokumente darstellte. Der Zug rast keuchend und mit den Ketten klirrend durch die russische Ebene, die tiefe Finsternis mit seinen Lichtern erleuchtend. In einem Wagen 3. Klasse ist alles verstummt. Wer nicht schläft, hört den Inhalt der Dokumente an und lauscht den(jetzt schon nicht mehr ganz ruhigen) Worten des„llebersiedlers" im klein- russischen Kostüm. „Hätten sie lieber mich aufgehängt, als ihn, den jungen, in der vollen Blüte seiner Kraft stehenden Menschen. Es war ein guter Junge. Freundlich und zärtlich. Tat niemandem etwas zu- leide. Na. hätten sie ihn wenigstens zur Zwangsarbeit verurteilt, er wäre ja dennoch am Leben... Wir erzogen ihn— hatten unsere Freude an ihm..». Die Mutter geht vor Gram zugrunde, und mir ist es, als hätte man mir das Herz aus der Brust heraus- gerissen... So leer ist es dort...*) Die Anwesenden hören zu und schütteln die Köpfe. Jetzt sehen diese Leute nicht mehr den Expropriateur, nicht mehr den Revolu- tionär vor sich, sondern den Vater, der ebenso ist, wie alle Bäter unter ihnen. Auch ihre Kinder sind in die Welt hinausgezogen, in die Lehre, auf Arbeit, in Stellung... Wer weiß, wie es jetzt mit ihnen bestellt ist. Auch sie waren gut und zärtlich, als sie vom Hause weggingen. Und schrieben in ihren Briefen:„Teures Mütterchen und Väterchen. Sende Euch voll Liebe meinen ehr- fürchtigen Gruß." Bis plötzlich auch von ihnen ein Brief ein» trifft:„Ich sitze in der Einzelzelle. Nach einer halben Stunde henkt man mich." Und der Verteidiger noch hinzufügt:„Das Ge- richt petitionierte, aber Kaulbars berücksichtigte das Gesuch nicht." Und die Mutter geht nachher zugrunde vor Gram, und dem Vater ist das Herz aus der Brust gerissen. Warum? Wofür? Sind sie denn daran schuld, daß überall, außerhalb ihrer Fa» m i l i e, eine Epidemie von„Unruhen und Unordnungen" ausge- brachen ist, unter anderem auch aus dem Grunde, weil die heutige Ordnung„dem Streben der Gesellschaft zu einer Rechtsordnung nicht entspricht...?" Warum müssen denn die Mütter und Väter so hart dafür büßen? War denn nur die Familie„rück- ständig" und nicht der Staat? Und warum richtete General KaulbarS den Kolja Kotel hin, wenn selbst das Gericht um Milderung seines Schicksals nach- gesucht hat? Wer war dieser General so streng und unbeugsam? Selbst im Eisenbahnwagen 3. Klasse könnte man wahrscheinlich dies und jenes von diesem tapferen General erzählen. Man schrieb und schreibt noch heut« viel über ihn. So schreibt z. B. General- adjutant A. I. Kuropatkin, indem er auf die Ursachen unserer Mißerfolge im verflossenen Kriege eingeht:„So kann darauf hin- gewiesen werden, daß der Kommandierende der zweiten Armee. General KaulbarS, die Befehle des Oberkommandierenden nicht vollstreckte und dadurch die Umgehungsbewegung der Japaner sehr förderte. Als er Truppen und den Befehl erhielt, anzugreifen, trat er den Rückzug an; anstatt nach rechts zu marschieren, ging er nach links usw.... Der KriegSrat erkannte die Handlungen General KaulbarS' als un- richtig an, stellte Tatsachen der Nichterfüllung der Befehle deS Oberkommandierenden fest und beschloß. General Kaulbars... dem Kriegsgericht zu übergeben. Das Gericht fand auf Grund der Allerhöchsten Begnadigung nicht statt.—) Ist daS wirklich derselbe KaulbarS?... Ja, derselbe. Die Japaner verschonte er von seiner grimmigen Attacke und„förderte" sogar sehr„die Umgehungsbewegung der Japaner". Warum ist er jetzt gegen Kolja Kotel, seinen Vater und seine Mutter so schonungslos? Ihm selbst drohte das Kriegsgericht. Er entging ihm nur dank der Gnade des Zaren... Warum ist er jetzt so erbarmungslos, daß er sogar daS Gesuch des Gerichtes ver- warf?... Aber inzwischen rast der russische Eisenbahnzug immer weiter durch die russischen Steppen, dieses Stück der entsetzlichen rufst» sehen Wirklichkeit der„nachkonstitutionellen Periode" mit sich fort» tragend... Und auf jeder kleinen Station trennt sich«in Stück- che» der„alltäglichen Erscheinung" von dem fauchenden, rasselnden Eisenbahnzug und irgendjemand von den Zuhörern der„ruhigen Erzählung" schleppt sich auf Landwegen in das Dorf oder den städtischen Vorort, in die Bauernhütte oder die Arbeiterkaserne. Was trägt er dorthin? Welche Eindrücke, Gefühle, Gedanken? Achtung vor der Stärke der Regierungsgewalt? Furcht vor dieser Gewalt?... Vor dem General Kaulbars, demselben, welcher..? Oder vielleicht das beklemmende Mitgefühl für das Leid deS Vaters und der Mutter, für die Hunderte und sogar Tausende von ')„Retsch",„Mascha Gazeta"(28. März 1909) u. o. •#).Peterburgskaja Gazeta", �Retsch"(7. Dezember 1009, Nr. 336) ji. a Vätern und Müttern, die bo-n der tapferen Schonungslosigkeit des Generals betroffen? Oder vielleicht gar das Mitgefühl für den unbekannten Jüngling, der vor dem Tode schrieb: »Ich sterbe nicht als erster und nicht als lchter. Weint nicht, sondern seid stolz auf Euren Sohn. Ich sterbe stolz und blicke dem Tode mutig ins Gesicht.. Es ist schwer zu sagen, welchen Eindruck die Leute im Waggon von dieser Erzählung davontrugen. Es finden sich keine genauen Worte, um die Gefühle und die Gedanken eines stummen Landes wiederzugeben, das, wie man sagt, sich schon beruhigt hat, wo aber, unter dem Akkompagnement»konstitutioneller" Reden, der Galgen noch immer nicht zur Ruhe kommen will... Auch der unglückliche Vater, der die Leidensgeschichte seines Sohnes im Eisenbahnwagen erzählte, schien ja gleichfalls ruhig. Aber dennoch bewahrt er auf seiner Brust die.Dokumente" über seinen Sohn auf und ist jeden Augenblick bereit, sie zu präsentieren... Wo, unter welchen Bedingungen, bei welcher Instanz wird er sie präsentieren?... Wer weiß das? Die Zukunft ist dunkel. Der russische Zug jagt auf den alten, abgenutzten Schienen durch die Finsternis weiter und weiter.., sgortsetzung folgt.! Sin Hncfrlff auf die Chnftcnbeit. Die gewöhnliche Theorie von dem großen Genie, das sich un- bekümmert um sein Milieu, und allen entgegenstehenden Mächten zum Trotz, allein auf seine Geisteskraft gestützt, zum führenden Haupte seines Volkes und der Menschheit emporringt, ist schon oft als un- haltbar nachgewiesen worden. Es gibt einen dänischen Denker, der gerade durch seine Unberühmtheit in Europa diese Theorie widerlegt. Dieser Denker ist Sören Kierkegaard(1813—1856). Wer kennt ihn in Deutschland? Sören Kierkegaard wird in Dänemark als das Größte verehrt, waS dies kleine Land zur europäischen Geisteskultur beigetragen hat. Seine Gedanken führen noch Heuligen Tages, über sechzig Jahre nach seinem Tode, bei den dänischen Bauern ein kräftiges Leben. Sein Einfluß auf die nordische Literatur ist oft geschildert worden. Björnson verdankt ihm Großes, und die Jbsensche Ethik, besonders wie sie aus dem Brand hervorleuchtet, hat nach dem eigenen Eingeständnis des Dichters in Kierkegaard eine ihrer Quellen. Vor allem aber die Stellung, die der gesamte Norden zu der Kirche und ihrer Religiosität einninimt, eine Stellung, die trotz vieler Uebereinstimmungen doch eine durchaus vor- geschrittene gegenüber der unsrigen und besonders der englischen ist, wurde durch die antikirchliche Arbeit dieses kirchenfeindlichen Theologen tief mitbestimmt. Auch die Arbeiterbewegung verdankt Kierkegaard in dieser Ricktung nicht wenig. Er stand zwar den politischen Kämpfen gänzlich fern. Aber von seiner antikirchlichen Wirksamkeit konnte Georg Brandes im Jahre 1879, als die Arbeiterbewegung in Dänemark in Fluß kam, mit Recht sagen, daß sie eines der bedeutsamsten Gärungselemente in dieser Bewegung geworden, daß sie gerade dem dänischen Volk» tief ins Herz gedrungen fei. Warum kennt man in Deutschland und dem nichtnordischen Europa diesen Mann nicht? Einzig und allein, weil es sein Schicksal war. in einem Lande geboren zu sein, dessen Sprache die europäische Welt nicht versteht, das abseits von der großen Heerstraße der Kultur liegt.� Es half ihm nichts, daß er mehr Witz und Geist hatte als die schwäbische und Münchener Dichterschule zusammengenommen, daß er im Kampf mit dem Kopenhagener Stadtklatsch und dem Kopenhagener Bischof mehr persönliche Energie entfaltete als manches Paradestück der deutschen Heldengeschichte. Die klein- städtische Umgebung, die nationale Schranke, kurz, daS vielgescholtene Milieu hat ihn erdrückt. ES ist aber ganz selbstverständlich, daß in dem Maße, als die soziale Entwicklung die gesamten menschlichen verhälmisse, auch die nationalen, nivelliert, also in gewisiem Sinne das Milieu tötet, in demselben Maße die bisher nattonal begrenzten und verschlossenen Werte in die Menschheitskulwr hineinwachsen. Und während z. B. der alte Däne Holberg aus den, 18. Jahrhundert nie«ine europäische Größe geworden ist, beginnt Kierkegaard, besten Wirk- samkeit schon in die Periode der beginnenden Entnationali- sterung fällt, heute vor unseren Augen europäisches Ansehen zu be- kommen. Sein erbitterter Kampf mit der offiziellen Kirche hat sehr intime persönliche Gründe. Diese interessieren die europäische Oeffentlichkeit erst in zweiter Linie. Kierkegaard hat den Angriff auf die Christen- Heil auch von einer anderen Basis geführt, als eS dem modernen Bewußtsein geläufig ist. Er war selbst Christ, ftommer Christ sogar. Aber das mindert das Gewicht seines Kampfes nicht. Im Gegenteil. Er verwundet die Kirche damit— um uns seiner Worte zu be- dienen— von rückwärts. »WaS ich will? Ganz einfach: Ich will Redlichkeit. Ich verttete nicht einer vorhandenen christliche Milde gegenüber eine christliche Strenge. In keiner Weise. Ich verttete weder Sttenge noch Milde, sondern menschliche Redlichkeit.... Eins will ich nicht, um keinen Preis. Ich will nicht durch Verschweigungen oder durch Kunst- stücke den Schein zu erwecken suchen, daß das gewöhnliche Christen« tum im Lande und daS Christentum de! neuen Testaments«inander gleichen. Sieh, das will ich nicht, und warum nicht? Nun, weil ich Redlichkeit will." Kierkegaards Kritik am Kirchentum hat hier ihre Wurzel. Er kritisiert nicht von einem sozialen Gesichtspunkte aus. etwa von dem Gesichtspunkt aus, welche Rolle in der Reattion die Kirche von An- fang an gespielt hat. Er ftagt einfach: Ist dieses Pfarrerchristen- tum, das wir hier vor uns sehen, dieses Predigen von Liebe, Armut, Sünde, Selbstverleugnung, Keuschheit und wer weiß was für viele« schönen Dingen nichts als eitle Phrasendrechslerei? Er geht auS von dem Gedanken, daß daS Christentum, wie es im Neuen Testa- ment und seinen Lehren vorliegt, askettsch gerichtet ist. Dies« seineTheie ist richtig. Alle modernprotestantischen und reform- katholischen Versuche, unser heuttgeS humanes Kulturideal, das sich in jahrhundertelangem Kampfe gegen das christliche Ideal durch- gesetzt hat, mit dieiem alten christlichen Ideal in Zusammenklang zu bringen, laufen im letzten Grunde aus eine ganz kläg- liche Wistenschastspolitik hinaus. Das Christentum, wie eS in den Sprüchen des Neuen Testaments aufgezeichnet ist, bleibt weit- und kulturfeindlich. DaS haben auch von neueren Fach- gelehrten einige der tüchtigsten wie z. B. der Nietzsche-Freund Franz Overbeck eingesehen und gegen die Vulgärtheologie unserer Tage verteidigt. Die kleinen von Parteiwegen herausgegebenen Schriften des Franzosen Loisy sind also in diesen Punkten moderner als die gesamte Harnacksche Schule. Von der Konstatierung dieser welthistorischen Lüge, daß die weltliche Machtorganisation der Kirche sich christlich nennt, geht Kierkegaard aus:„Und wenn alle Pfaffen, mögen sie nun in Saint und Seide gehen, in Tuch oder in Bombassin, etwas anderes sagen wollten, so werde ich sagen: Ihr lügt, Ihr betrügt die Menschen mit Euren Sonntagspredigten". Nicht gilt es ihm, neue Flicken auf ein alteS Gewand zu setzen. Er will nicht reformieren.»Hier ist nichts zu refor- mieren; worauf es ankommt, ist, ein jahrhundertelang fortgesetztes christ- liches Kriminalverbrechen zu beleuchten". Nicht ohne Interesse ist dabei gerade für unsere Tage, da der Kampf um die historische Per- sönlichkeit Jesu wieder aufflackert, daS Bild, das sich dieser erbitterte Gegner des Pfarrertums von dem neutestamentlichen Bekämpfer der Pharisäer macht. In merkwürdiger Uebereinstimmung mit gewissen Stimmen aus dem proletarischen Lager ist er bemüht, den ver- herrlichten Gottessohn soweit wie möglich zu degradieren. Er spricht von ihm als von«einer Art rnauvais sujet", einem„verlorenen Menschen", dessen»revoluttonärer Hochmut die ganze Intelligenz und Tüchtigkeit des Bestehenden verschmäht, um ganz und gar von neuem und von vorn anzufangen mit Hilfe von— Fischern und Handwerkern, so daß eS wie etn Motto zu seiner ganzen Existenz im Verhältnis zu dem Bestehenden klingt, daß er ein uneheliches Kind ist". DaS StaatSchrichstentum macht das wirkliche Christentum tot. „Nehmt ein Beispiel: Wenn es dem Staat einfiele, alle wahre Poesie verhindern zu wollen, wie hätte er das anzufangen? Er brauchte nur tausend Stellen für königliche Dichter-Beamte einzurichten; dann wird das Land bald mit schlechter Poesie so überflutet sein, daß wahre Poesie fast zur Unmöglichkeit wird. Nehmt ein anderes Bei« spiel. Gesetzt, der Staat käme auf die Idee, die Religion einzu- führen, daß der Mond aus einem grünen Käse gemacht sei, und gesetzt, er richtete zu dem Ende tausend Stellen für einen Mann mit Familie ein, mit regelmäßigem Avancement, gleichem Range mit Kanzleiräten, zweifelt man daran, daß dann nach einigen Genera- tionen ein Statistiker müßte bestätigen können, jene Religio« sder Mond ist aus einem grünen Käse usw.), sei die herrschende im Lande?" Schon aus solch einem Satze sieht man: Wir haben eS in Kierkegaard nicht mit einem der tränenreichen Jeremiaffe zu tun. die über die Verwüstung im Tempel klagen. Aus spitzen und wuchtigen Sätzen schuf er sich eine Geißel, mit der er die Feinde der Ehrlichkeit züchtigte,— wie sie keiner nach ihm wieder gezüchtigt hat. So rücksichtslos faßt er sein Urteil über das ganze Staatschristentum zusammen:„Wofern Du glaubst, und daS glaubst Du ja doch, das Stehlen, Rauben, Plündern, Huren, Schlemmen usw. sei Gott zuwider: das offizielle Christenwm und dessen Gottesdienst sind ihm unendlich widerwärtiger". Seit den Tagen der ftanzösischen Revolution hat man solche Worte in Europa kaum gehört. Warum nicht? Die meisten Angriffe gegen das Christentum gingen naturgemäß von fteidenkerischer Seite aus. Die Freidenker aber üblen als Jünger der Humanität die Toleranz. Kierkegaard übt keine Toleranz. Er nimmt sich das Recht zu der Schärfe seiner Angriffe eben aus seiner Frömmigkeit. Nicht der Haß gegen die Religion oder die Gleichgültigkeit gegen sie führt ihm die Feder. Sondern die Begeisterung für das alte»rchrisiliche Ideal in seiner Reinheit. Was im Munde eines freien Denkers Blasphemie ist, das wird bei ihm zum Ausdruck religiöser Erregung. Darum aber auch hat er für die Säkularisation(Verweltlichung, Entkirchlichung) des allgemeinen Menschheitsbewußtscins mehr getan als mancher Freidenker. Die Taufe— nach Kierkegaards, des Theologen Vorstellung, der auS einer richtigen Pfarrersfannlie(nicht sein Vater, aber seine gesainte Verwandtschast fast war geistlichen Standes) stammte, wirk» die Taufe hauptsächlich durch die Geldgier der Pfarrer aufrecht er- halten.„Sie verstehen schon ihr Geschäft, und ebenso, daß, wenn eS geschähe, wie das Christenwm und jeder vernünftiger Mensch eS unbedingt verlangen muß, daß man erst, wenn man großjährig und mündig wird, sich entscheiden dürste, welcher Religion man angehora» Will— die Pfarrer wissen sehr gut, daß eS dann um ihre Erwerbs» quelle sehr schlecht stünde. Und deshalb drängen sich diese heiligen WahrheitSzeugen in die Wocheiistuben ein". Die Konsinnation ist„ein weit tieferer Unfinn als die Kinder- taufe". Ein Junge von fünfzehn Jahren und die Lehren des ChristentumS I„Handelte es sich um zehn Taler, so würde der Kater sagen: Nein, mein Junge, daS kann man Dir nicht über- lasten, dafür bist Du hinter den Ohren noch nicht trocken genug. Wo eS sich aber(wie doch die Pfarrer sagen) um die ewige Selig- keit handelt, und wo eine wirkliche Persönlichkeit hergehört, da ist daS Alter von fünfzehn Jahren das passendste." Darum fordert Kierkegaard spöttischerweise, daß neben das Polizeiverbot an die Gastwirtschaften. Knaben etwas einzuschenken, das andere träte, Knaben feierliche Gelöbniste die ewige Seligkeit betreffend ab» zunehmen. Die Frage, ob wir noch Christen find, hat bekanntlich innerhalb deS letzten Jahrhunderts von David Friedrich Strauß' bekannter Schrift an, eine große Reihe mehr oder(meistens) weniger geistvoller Antworten gefunden. Hören wir, wie Sören Kierkegaard sich mit dieser Frage abfindet.„Wir sind alle Christen. Daß wir alle Christen sind, ist so allgemein bekannt und angenommen, daß eS keines Beweises bedarf; ja dieser Satz wird bald von einer historischen Wahr- heit zu einem Axiom avancieren, zu einem der ewigen Grundsätze, mit denen fernerhin das Kind geboren wird. Dann wird durch das Christentum mit dem Menschen die Veränderung vorgegangen sein, daß da? Kind mit einer Grundvoraussetzung mehr geboren wird, mit der nämlich, daß wir alle Christen find. Jndesten kann es nie schaden, sich immer und immer wieder klar zu machen, in welchem Grade eS gewiß und klar ist, daß wir alle Christen sind. Hier ein Versuch von mir; und ich schmeichle mir, daß er es lvirklich deutlich macht, in welchem Grade eS wahr ist, daß wir alle Christen find. Wenn unter uns ein Mensch, ein Freidenker lebte, der in den stärksten Ausdrücken erklärte, er sei kein Christ: das Hilst ihm nichts, er ist Christ— in dem Grad sind wir alle Christen; er kann nach dem Gesetz gestraft werden, das ist etwa» anderes, aber er ist Christ.„Welcher Unfinn"— sagt der Staat—„wozu sollte das führen? Wenn wir erst einmal einem erlauben, zu erklären, daß er lein Christ sei, so leugnen bald alle, daß fie Christen seien. Rem, nein, principiis obsta, und stehe fest zu deinen Prinzipien. Wir haben nun die Tabellen in Ordnung, alles ist rubriziert, alles in Richtigkeit, vorausgesetzt, wie ich voraussetze, daß wir alle Christen find— ergo ist auch er ein Christ; solch einem Dünkel, der bloß von andern abstechen will, darf man nicht nachgeben; er ist und bleibt Christ, und dabei bleibt es". Stirbt er— und hinterläßt er soviel, daß eS zu den Gebühren für den GotteSmann reicht, für den Pfarrer, für den Leichenbitter und für einige andere Personen: so Hilst ihm kein Protest etwa«; er ist, er lst Christ und wird als Christ begraben— in dem Grade ist es gewiß, daß wir alle Christen sind. Hinterläßt er nichts(denn daß er nur wenig hinterläßt, kann ihm mcht helfen; der Pfarrer begnügt sich in christlicher Genügsamkeit immer mit wenigem, wo nicht mehr zu haben ist)— hinterläßt er buchstäblich nichts— ja dann, und nur dann wird auf seinen Protest vielleicht Rücksicht genommen werden, da der Tote ja leider die Kosten eines christlichen Begräbnisses nicht durch Handarbeit abverdienen kann: in dem Grade ist eS gewiß, daß wir alle Christen sind. So steht er fest in der Christenheit, wie der Satz de» Widerspruchs außerhalb der Christenheit; er steht fest, dieser ewige Grundsatz, an dem kein Zweifel rütteln kann: daß wir alle Christen find." Im Verlage von Eugen DiederichS erscheinen Kierkegaards Schriften in deutscher Ausgab«. Außer dem„Augenblick", in dem der Angriff auf das Christentum enthalten ist, toird keines seiner Werke breitere Schichten de» Volke? interesfieren. Und auch der »Augenblick" ist wegen seines Preises nicht jedem erschwinglich. Viel- leicht wäre eS ratsam, von dem Angriff auf die Kirche eine billige Volksausgabe herzustellen. kleines f cinllcton. Völkerkunde. Der Ursprung der Haussa-Reger. Die Hauffa- Reger gehören zu den wichtigsten Volksgruppen unter den Bewohnern des schwarzen Erdteils. Sie find zwar heute auf den nordwestlichen Teil von Afrika beschränkt, haben aber früher ein weit größeres Gebiet innegehabt, was fich noch heute in der weiten Verbreitung ihrer Sprache ausdrückt. Die Hauffa zeichnen sich durch eine be- sonder» hohe Intelligenz und durch einen Fleiß, wie er nicht gerade häufig bei den afrikanischen Eingeborenen zu finden ist, vor ihren Rachbarn aus. Sie betätigen sich namentlich als treffliche Handwerker. Der Ursprung der Hauffa bildet eins der größten Rätsel der afrikanischen Völkerkunde. Die Zeit, in der man unter dem Begriff der Neger die verschiedensten Elemente zusammenwarf, ist jetzt vorüber, und gerade bei den Hauffa sind die Zweifel an ihrer Zugehörigkeit zu den echten Negern stark hervor- getreten. Sie unterscheiden fich von den Negern der Küstengegenden durch die weniger dicken Lippen und weniger flachen Nasen, von dem Kerantw. Redakteur� Richard Barth. Berlin. gleichfalls wichtigen Stamm der Filani durch untersetzte Statur und wolliges Haar. Ihr Hauptgebiet im nördlichen Rigerien zerfällt in vierzehn unabhängige Swaten. Ihre VolkSzahl wird auf etwa vier Millionen geschätzt. Während man bisher zweifelhast war, ob sie alS Ureinwohner dieses Gebietes oder als Einwanderer von Aegypten oder Abeffynien her zu betrachten waren, bringt ein Mitarbeiter der„Rawre" neue Beweise für die zweite Auffassung. Insbesondere macht er die Tatsache geltend, daß die Religion der Hauffa eine große Sehnlichkeit mit der deS alten Aegyptens habe und daß im übrigen die Hauffa einen Wander- und Handelstrieb befitzen, den fie wohl am ehesten von den Semiten ererbt haben können. Auch daS Pferd haben fie wahr- fckeinlich aus seiner östlichen Heimat in ihre jetzigen Wohnsitze mit- gebracht. Naturwissenschaftliches. Wirkungen der Inzucht. Fast bei allen Völkern, selbst bei den auf der niedersten Kulturstufe stehenden Ureinwohnern Aristraliens. begegnet man strengen Vorschriften, die eine Ehe zwischen nahe verwandten Personen verbieten. Die Grenzen, die hier ge« zogen werden, sind allerdings bei den einzelnen Völkern recht ver- schieden weit gesteckt. Während z. B. in Deutschland nur eine Ehe zwischen Geschwistern und Verwandten auf- und absteigender Linie unterlagt ist, erstreckt sich in England das Verbot sogar auf Cousin und Cousine. Der Grund für diese Verordnungen liegt in den ver- muteten schädlichen Folgen, die eine Berwandtenehe für die Nachkommen haben soll. In der Tat findet man ja häufig, daß die Nachkommen aus einer Geschwisterkinderehe besonders schwächlich sind, oder auch mehr oder weniger schwere geistige Defekte(Idiotie) aufweisen. Allerding« gibt es daneben auch zahlreiche Fälle, in denen solchen Ehen durchaus gesunde Kinder entsproffen find, so daß manche die schäd- lichen Folgen einer Verwandtenehe einfach bestreiten. Bereit» Charles Darwin bat fich mit diesem in sozialer wie wiffenschaftlicker Hinficht gleich wichtigen Problem sehr eingehend beschäftigt. In seinem Werke„Tiere und Pflanzen im Zu- stände der Domestikation(Zähmung)" sagt er darüber: „Die Folgen einer engen und lange durchgeführten Inzucht äußern sich nach dem allgemeinen Dafürhalten in eilier Einbuße an Größe, Kraft und Fruchtbarkeit, häufig begleitet von einer Neigung zu Miß- bildungen."„Daß eine Schädigung direkt auS enger Inzucht folgt, ist zwar manchmal bestritten worden, aber wohl nur selten von einem praktischen Tierzüchter und meines WiffenS nie von solchen, die Tiere mit schneller Vermehrung in größerem Maßstäbe aufge- zogen haben." AuS diesem Grunde führen daher ja auch die tüchter ganz regelmäßig, um ihren Tierstamm zu kräftigen, ihrer ucht von Zeit zu Zeit fremdes Blut zu, selbst auf die Gefahr hin, daß dadurch die Raffereinheit ihrer Tiere vorübergehend beein- trächtigt wird. Im großen und ganzen beruhten jedoch die vermuteten Schädi- gungen mehr auf Annahmen als auf exakten Untersuchungen. ES ist daher von großem Jntereffe zu sehen, in welcher Weise sich die Folgen einer streng und über zahlreiche Generntionen hin konsequent durchgeführten Inzucht äußern. In dieser Hinsicht verdienen nament- lich die Versuche WeiSmannS und GuaitaS an Mäusen und von Ritzem-Bos an Ratten besondere Beachtung. Im ganzen wurden die Mäuse von den beiden erstgenannten Forschern durch 36 Generationen in engster Inzucht gezüchtet. Die Resultat« waren in der Tat in mehreren Beziehungen sehr auffällig. Während in den ersten 16 Generationen pro Wurf durchschnittlich etwa sechs Junge abgesetzt wurden, sank diese Zahl bei der elften bis zwanzigsten Generation auf etwa fünf und bei der einundzivanzigsten und scchSunddreißigsten Generation end- lich bettng die Durchschnittszahl der Jungen'sogar nur noch zwei bis drei Tiere. Die Abnahme der Fruchtbarkeit betrug in dieser Zeit also nahezu dreißig Prozent. Noch auffallender sind die Versuche von R. B o S an Ratten, die dieser Forscher dreißig Generationen lang züchtete. Den Ausgangs« punkt bildete eine weiße und eine Wanderratte, die zwölf Junge zur Welt brachten. Ein ftemdeS weißes Männchen wurde nun mit sieben dieser Jungen gepaart, sonst wurde jedoch, während der ganzen sechs Jahre, die diese Zucht dauerte, kein ftemdeS Blut zugeführt, sondern die Eltern wurden entweder mit ihren Kindern oder die Geichivister untereinander gepaart. Hinsichtlich der Frucht« barkeit war da« Ergebnis folgendes: im ersten Jahre bettug die Durchschnittszahl der abgesetzten Jungen pro Wurf sieben bis acht Tiere. In den nächsten beiden Jahren ließ fich kaum eine Abnahme der Fruchtbarkeit feststellen, dann sank aber die Zahl der Jungen rasch herab. biS zuletzt die Zahl der Jungen pro Wurf nur noch drei betrug. Hand in Hand damit nahm die Zahl der unfrucht- bar bleibenden Verbindungen, die im ersten Jahre Null war, ständig zu, bi§ in den letzten beiden Jahren etwa die Hälfte aller Verbindungen steril blieb. Auch die Sterblichkeit wuchs in den späteren Generationen rapide. Sie bettug im ersten Jahre nur 4 Proz.. im letzten dagegen 46 Proz. Während das Gewicht eines ausgewachsenen Rattenmännchens zu Anfang 366 Gramm bettug, sank es m den letzten Jahren auf 240 Gramin herab. Also in dieser Hinsicht zeigte sich deutlich eine schädigende Wirkimg der Inzucht. End'ich verdient noch hervorgehoben zu werden, daß Ver- einigungen zwischen Geschwistern eine geringere Rachlommenschast erzengten als solche zwischen Eltern und Kindern. lllb. = Druck u. Verlag: vorwqrl» Buchdruckerei u.Vert«g«anMlxaul