Ilnterhaltmgsblatt des Vorwärts Nr. 143. Dienstag, den 26 Juli. 1910 (Ragtirua verbot».? 13] Der Bntgleiftc. Von Wilhelm H o l z a m e r. Und so sehr man sich dagegen wehrte, es zu glauben, man sah, es war wahr. Es ergaben sich immer die Fälle, die es wahr zeigten. „Für die Armen ist das Recht nicht gemacht— sie hatten ja auch nichts dabei zu sagen— es ist nur ein Reichenrecht, das es gibt. Armenrecht ist nur, kein Recht zu haben," hatte er auch gesagt. Aber er hatte das alles und noch viel mehr nicht laut vor sich hergetragen und groß ausposaunt, er hatte es so zu- fällig auf der Straße fallen lassen und war weiter gegangen. Und jemand hatte es aufgehoben— und einem zweiten wurde es gezeigt—und ein dritter nahm's für voll— und so ging's wieder weiter vom dritten aus bis zum zwölften und hundertsten. Der Schlüssel aber kümmerte sich weiter nichts mehr drum, und wenn er einmal wieder hörte, was er hatte fallen lassen, dann fragte er nur:„So, habt Ihr das auch schon gemerkt? Es gehört schon ein bißchen Gescheitheit dazu, das zu merken. Aber in der Welt regiert ja das Dummsein." Gescheit will aber jeder Rheinhesse sein, und so faßte er aus purer Eitelkeit seinen zufälligen Fund nur fester in Besitz. Der Philipp war vom Schlüssel eingeladen worden, ihn zu besuchen. „Ihr Frau wirft mich ja hinaus." „Sie ist jeden Mittwoch und Samstag über Feld, Ge- schirr verkaufen. Dann kannst Du kommen." Das versprach der Philipp. Und nun fragte der Schlüssel so mancherlei. „Du hast's gut. Du hörst ein bißchen mehr von dem, was in der Welt vorgegangen ist, als unsereiner gehört hat." „Ja," brüstete sich der Philipp. „Und der alte Krafft— ein bißchen was fehlt ihm doch. Er ist so stecken geblieben. Er hat sich zurückgezogen und hätte doch vorauSziehen müssen." Das verstand der Philipp nicht. „Weißt Du," fuhr der Schlüssel fort,„wer einmal für die Freiheit gestritten hat, der inuß seiner Lebtag streiten, denn die Freiheit, das ist etwas, das man nie ganz hat, und wovon man nie genug hat." „So, die Freiheit?" fragte der Philipp. „Hat Euch der Krafft nie von der Freiheit gesprochen?" „Viel," sagte der Philipp,„aber er sagt immer nur deutsche Freiheit, und dabei zittert's ihm in den Tränen- säcken, ich Hab das jedesmal gesehen." „Siehst Du," sagte der Schlüssel,„er sagt deutsche Frei- heit. Da ist er stecken geblieben. Aber wenn Du nial groß bist, da wirst Du wissen, daß es eine andere Freiheit noch gibt, das ist eine ganz große Freiheit, die kennt nicht deutsch und französisch, die kennt nur den Menschen. Äär der Krafft in seiner Freiheit geblieben und mit seiner Freiheit weitergezogen, statt in seinen vier Wänden still zu werden, so wär er auch zur Menschenfreiheit gekommen, und wär nicht über 1870 und Kaisertum und Gott weiß was gestolpert. Das ist auch einer, der gewußt hat, wo der Baum die Wurzeln hat, der aber nicht gefragt hat, wohin er Hütt wachsen können. Schad um ihn!" „Es gibt aber doch so bald keinen mehr wie er?" fragte der Philipp, der ein wenig beirrt war. „Das ist gerade das schlimme an ihm. Gerade so einer, wie er ist, der muß ganz vorn voraus sein." „Sie meinen wegen dem Pfarrer?" „Ich mein, wegen der ganzen Welt und wegen dem ganzen Leben. Ich mein wegen Dir und mir und allen armen Teufeln. Wegen denen mein ich, die dumm gehalten werden, und denen, die ins Helle, in den hellichten Tag hinein wollen und immer in der Düsterheit gehen müssen, wegen denen mein ich." „Aber was er uns lehrt, das wird doch nit in der Volks- schul gelehrt?." „Das nicht— aber an ihm hat's ein gut Teil gelegen, und er hätt uns eine Volksschul schaffen können, in der man lehrt, was man Euch lehrt. So ist's nur für die wenigen, die's bezahlen können. Aber es müßt für alle sein." � Sie gingen still nebeneinander her. Der Schlüssel fing dann wieder an. „Du mußt mich aber recht verstehen: ich halt ihn hoch. Aber das hindert nicht, daß ich manchmal einen rechtesi Zorn auf ihn Hab. Nur ein bißchen fehlt mir manchmal, da tät ich sagen, wie Christus gesagt hat: die nicht kalt sind und nicht warm sind, die lau sind, die will ich ausspeien aus meinem Munde. Aber er ist ja mehr. Er ist nur stehen geblieben. Er ist alt geworden. Hüt Dich mal vorm Altwerden, Philipp. Da wird man wie ein hohler Weidenbaum. Man hat noch ein paar grüne Gerten, aber man kriegt keine Krone mehr. Und man denkt, es wäre doch gut und schön, daß man an dem stillen Weiher stehen könnt und immer da hinein gucken und sich betrachten. Aber wie man jung gewesen ist, da hat man an einem großen Fluß stehen wollen. Ja noch mehr, da hat man der Mast sein wollen von einem großen Schiff, das den andern voraus fährt. Guck Dir darauf später den alten Krafft mal an. Wenn Du groß bist und was erlebt hast. Ich, ich weiß das. Aber willst Du jemand wissen, der jung geblieben ist? Jemand, der wohl auch nicht in das große Wasser hinausgekommen ist, der aber über den Kirchturm hinausgesehen hat und immer den Wind gespürt hat, der weither geweht kommen ist? Das ist die alt Lisbeth. Das glaubst Du mir nicht? Du guckst noch aus das, was einer außen ist. Du mußt lernen auf das gucken, was inwendig im Menschen steckt." Nach mancherlei Fragen und Gesprächen waren sie ins Dorf gekonimen. Es war Abend geworden, und die Häuser lagen still. Straßenlaternen gab's noch keine. Nur der Lichtschein aus den Häusern und Läden warf ein wenig Helle auf die Gassen. Ganz eingeschlossen lag das Dorf. Tief drinnen zwischen den Hügeln. Nur die beiden Kirchtürme guckten in die Höhe. Ueber die Hügel hinaus konnten sie auch nicht sehen. Oben in der Ebersheimer Mühle ging ein Licht auf. „Siehst Du, Philipp, da oben sieht man noch ein Stück weiter— und ganz droben noch weiter— aber hier unten ist rundum alles zu.— Du kommst also einmal?"— Damit ging er. � � Der Philipp saß nun fast jeden Mittwoch und Samstag in der Werkstatt beim Spengler Schlüssel. Er fütterte dis Frettchen, bosselte dies und das herum, was nie recht gelang. bewunderte das Meisterstück vom Schüsiel, ein ganzes Tee» service, das blitzblank auf der Kommode in der Wohnstube stand, ließ sich vom alten Zunftwesen erzählen und hörte die Reden vom Schlüssel an. die ihm alle dunkel waren im Letzten, aber doch einen seltsamen Reiz auf ihn ausübten. Manchmal fiel ihm etwas davon in der Schule ein, und er betrachtete den alten Krafft mit fragenden Augen, die Gewißheit haben wollten. Aber es war nichts wegzunehmen vom alten Krafft, mochte der Schlüssel auch sagen, was er wollte. Und doclk wenn er wieder beim Schlüssel war, da fiel wieder ein ganz anderes Licht auf die Dinge. Der Philipp stand dazwischen und wußte nicht, welches das richtige war und für welches er sich entscheiden sollte. Er entschied sich nicht. Er gab sich dem Stillen, Leuchtenden hin, das vom Wesen des Krafft aus» ging, und ließ sich dann wieder die Augen auftun, von dem Scharfen, Kalten, das der Schlüssel anzündete. Es beschwerte ihn nicht sehr, es beunruhigte ihn nur manchmal. Und manch» mal legte er einen schuen Zweifel hinter die Dinge, die der Krafft sagte. Der Schlüssel öffnete eines Tages einen verborgenen Wandschrank in seiner Werkstatt und zeigte dem Philipp seine Bücher. Nun wußte er, woher er so viel Merkwürdiges sagen konnte. Zu lesen gab ihm der Schlüssel keines. Sie seien meist polizeilich verboten, und es wisse niemand, daß er sie habe. Aber alles Verbot halte den Sieg der Wahrheit nicht auf. Die Wahrheit gehe durch die Welt und wisse die Brüder ihres Bundes zu finden. Es sei ein großes Geheimnis, das sie alle umschlinge. Und eines Tages, da sei das ganze Leben �und die ganze Welt davon durchdrungen. Ob er schon die Namen Bebel gehört habe, Liebknecht, Marx. Lassalle? Neln? Das seien lauter große Namen, die den Bund befestigt hielten und die Geheimnisse der Wahrheit und Freiheit in die Welt trügen. Der Philipp sah ihn mit großen verwunderten Augen an. „Und er gehöre auch dazu?" „Jeder gehört dazu, der leiden muß und nach Befreiung strebt. Jeder, der's gut mit den Menschen meint." Da fühlte der Philipp einen großen Respekt. „Aber er sei doch nur Spengler?" Der Schlüssel lachte. „Gelt, darüber ist Dir noch nichts eingefallen, daß die Apostel nur Fischer waren? Und Jesus ein Zimmermann? Darüber fällt den Leuten gar nichts ein. Aber daß Bebel ein Dreher ist, das macht sie stutzig." „Ist das also dasselbe, was der Schneider Wagner den ganzen Tag aus dem Gefängnisfenster herausschreit, daß man es müßt abgenommen kriegen, was man hat, und daß es für die wär, die nichts haben." „Der hat was läuten hören, hat's aber nicht verstanden. Die Leute verstehen immer nicht, was so auf einmal kommt. Alles muß nach und nach kommen. Und jeder denkt nur an sich. Wenn ich ei'm einen Korb voll Aepfel hinschlltte, ißt er sich leicht krank dran, wenn ich ihm dann und wann einen reiche, löscht er sich den Durst damit. Nach und nach— und immer ans Ganze!" Wenn der Philipp von den Belehrungen Schlüsiels beirrt war, dann ging er zur alten Lisbeth. Die renkte alles wieder ein. Bei ihr war's wie im Sommer. Sturm und Regen und Gewitter, die gehörten dazu, daß das Getreide wachsen und reif werden konnte. Es war alles gut, wie es eingerichtet war, und auch was nicht gut war, hatte doch einen guten Sinn. Und außerdem— der Philipp hatte ja die Eulenmühle. Da war alles vergessen, Für und Wider. Hin und Her. Keinem Menschen sprach der Philipp von den Büchern und dem Geheimnis des Spenglers Schlüssel. Es war ihm ein stiller Stolz, davon nur allein zu wissen. Aber manchmal machte er sich doch schon Gedanken über dies und das. Er dachte dann, wenn ihn der Schlüssel in seinen Büchern lesen ließe, er könnt's am Ende doch schon verstehen. Wenn's auch nur für später wäre. Die alte Lisbeth hatte gesagt:„Es gibt Samen, der geht gleich auf, und anderen, der geht nach vielen Jahren auf." Könnt's nicht auch bei ihm so sein? Wär nicht der Samen im Schlüssel seinen Büchern für später? Ach was! Er spielte und freute sich. Es ging schon wieder einmal auf Ostern zu— da konnte man bald Pfeifen aus den Weiden machen. Und es gab schon Veilchen, die konnte man pflücken. Am weißen Sonntag aber ging er zum Abendmahl. Er war schon bald vierzehn. Zu Pfingsten, wenn's Kirschen gab. (Fortsetzung folgt.)! Der JNIühle-Xandcr. Eine Narrengeschichte aus dem Schwarzvald. Von Hans Michel Schneider. Unter den mancherlei Originalen, die ich während meiner Schivarzwaldzeit ausfindig machte, ist das hervorragendste der Miidle-Tandcr"). Schade, daß er keinen besseren und früheren Entdecker fand. Der hätte ihm eine Laufbahn eröffnen können, gewiß ersprießlicher, wie die des Müllerburschen im einsamsten Wutachtal. Die Wäldcrleute sagen, der Mühle-Tander„spinnt". Ich bleibe dabei, daß er ein Genie ist, eine von jenen großartig»er- anlagten Naturen, die von der Volksschule weg in ihrer eigenen Welt sich verirren, unverstanden bleiben, sich wohl auch selbst nicht verstehen lernten, in ein Wirrsal eigener Gedanken und Pläne verstrickt werden, in der Enge des übernommenen Berufes des Brotes wegen zwar verharren, doch in mehr oder weniger schlimmen Exzessen gegen sich und die Gesetze der Gesellschaft aufsässig werden und nicht selten zuletzt dahin kommen, wo die geistige Welt mit Brettern vernagelt ist. Also ein verkanntes Genie; doch keinS von denen, die man alltäglich so benennt. Als die wohltuende Einrichtung der Hofnarren bestand, hatte die Welt noch Verwendung für derart außergewöhnliche Köpfe. Bei den Naturvölkern können sie als Zauberer, Medizinmänner oder Priester zünftig, angesehen, mächtig und«ich werden. In Altägypten stiegen die Leute niederer Herkunst zu den höchsten Tander= Alexander. Stellen auf. Unsere Kultur aber will noch nicht reif sein für die Erneuerung einer solchen geistigen Zuchtwahl. Kann nicht in einem Dorfbuben ein hervorragender Medi- ziner stecken, der später dann seinen Betätigungstrieb als„Wunder. doktor" übt und mit dem Landarzt in empsindlichen Wettbewerb tritt? Begegnet man nicht unter Landbürgermeistern so aus- gezeichneten Diplomaten, daß sie jeden Oberamtmann an der Nase herumführen? Doch ich wollte ja vom Genie reden und verirre mich zu den Talenten, den Vielzuvielen, die immer ihr Glück machen. Der Mühle-Tander, das Genie, hat seines nicht gemacht. Wenigstens nicht im wirtschaftlichen Sinne von Glück. Da sie ihn stets einen Nar«n nannten, machte er fich'L im Reiche des Narrentums wohnlich und hält nun alle Welt zum Narren; wie die Hofnarren von dazumal. Oft sieht, man ihn wochenlang nicht. Die stille, trauliche Schattenmühle, wo der Schwarzwaldweg Neustadt-Bad Boll und die Landstraße Bonndorf-Löffingen einander kreuzen, ist des Son- derlings Heim. Dort schafft er sein Tagwerk Tag für Tag, ein unzugänglicher, mürrischer Geselle, den das brausende Gewässer der wilden Wutach, der rauschende Tann, der starre Fels gefangen halten, dieweil ihm das plätschernde Mühlrad wunderbare Mär- chen und Wohl ein alte» Buch am Abend wunderliche Weisheit er- zählt— bis plötzlich der Einsiedelmann den Mühlstaüb von den Füßen schüttelt und auf einmal wieder lachend unter den Menschen steht. Dann ist das Wandern des Müllers Lust. Von Ort zu Ort geht es, von Wirtshaus zu Wirtshaus, kleine Streiche verübt er und große erzählt er. Er ist ein Meister im Verüben und ein Meister im Erzählen. Jung und alt hängt an seinem Munde und hört seine Taten und läßt sich mitreißen von Tanders funken- sprühendem Wälderwitz; auch im Trinken. Die Müllerin wartet derweil geduldig Tag um Tag. Sie weiß, daß ihr getreuer Müller- bursch selten die Wochenstist überschreitet. Es ist sechs oder sieben Jahre her. In Bonndorf wurde Kapuzinermissimt abgehalten. Da hockte auf dem Thor, auf der hintersten Bank, eine hagere Gestalt, im schwarzen Anzug, den schwarzen Hut in der Hand, mit irrlichternden Augen, deren kluger, scharfer Ausdruck ein Zwicker noch erhöhte. Nachher kam er in den„Hügel", stellte sich mir als Mediziner vor und erzählte von seinen Freiburger Studienjahren. Bald war die Mission das allgemeine Gespräch am runden Tisch, und mit einem Male steht der Mediziner auf und hält eine Predigt, die heute gehörte Standes- predigt. Er kopiert den Pater Maximilian in so überwältigender Weise, daß die Hörer nicht wissen, ob sie lachen oder weinen sollen. Wilhelm Müller, der cegogewaltige") Wirt, hält den dicken Bauch, während der weibliche Teil der Bedienung es nur zu einem sauer- süßen Dreinschauen bringt, denn in alkoholischer Umgebung war die schauspielerische und mnemotechnische Leistung doch eine voraus- setzungsvolle Verherrlichung des Königshofener Paters, der die Seelen der Frauen und Jungfrauen so ganz in den Bann seiner pricsterlichen Persönlichkeit gezogen hatte. Durch dieses wirkungsvolle Debüt wurde mir der Mühle- Tander bekannt. Für den Spott dafür, daß er mich mit seiner Maske als Medikus prellte, brauchte ich nicht zu sorgen. Als wir eines Nachmittags im Boller„grünen Berg" an der sommerlich kühlen„Kunst" saßen, erzählte die Wirtin, wie Mühle- Xander, der„Dunnerschaib", tags zuvor wieder mal einen an- geführt hatte, einen harmlosen Geschäftsreisenden, der„ins Ort" geradelt kam. Tander stellte ihn an der steilen Höhe; er sei der Straßenmeister und verbiete die Benützung der Landstraße. Sicher und kaltblütig wie immer, war es ihm ein Leichtes, den Angehaltenen ins Bockshorn zu jagen, ließ sich schließlich aber doch zu einem Glas Bier bewegen, und aus dem einen wurde ein kleines Trinkgelage. Die Zeche freilich zahlte der Herr Straßen- meister nicht. Währenddessen kam Tander selbst und gab die Geschichte zum besten. Das klingt freilich schon ganz anders, als wenn es andere erzählen. In vollendeter Dienstsprache hatte er dem Radfahrer die Leviten gelesen: „In meiner Eigenschaft als großherzoglich badischer Straßen- meister muß ich Ihnen eröffnen daß Sie diese Strecke in ungesetz- licher Weise passiert haben, da§ 25 Absatz 3 der Straßenpolizei. ordnung vorschreibt, daß Kreiswege und Landstraßen mit mehr als 25 Prozent Gefäll für Zweiräder, Automobil« und ähnliche Fahrzeuge gesperrt find und im Betretungsfalle eine Geldstrafe von 5 bis IVO M. verhängt wird. Im Falle eine? Widerstandes kann der Streckenwärter den Strahenmeister requirieren und dieser die sofortige Inhaftierung des Betreffenden durch die Ortspolizei oder die nächste Gendarmericstell« verfügen. Sie sind soeben auf Landstrahe 63 Bonndorf-Löffingen betroffen worden und werden die Konsequenzen zu ziehen wissen." Wie schon geschildert, zog der arme Kerl die Konsequenzen. Der gestrenge Herr Straßenmeister ließ nicht allein Gnade für Recht ergehen, sondern sich sogar als huldreicher und leutseliger Beamter an; allerdings nicht, ohne vorher dem Nebeltäter ein Kapitel über Bestechung aus der Beamtengesetzgebung vorzutragen, was dessen.Spendierhose" den nötigen Nachdruck gab. Fastnacht 1S04 spielten die Bonndorfer„Pflumenschlucker" den •) Cego � das in Baden beliebteste Kartenspiel. Xanber, b. h. sie setzten eine seiner kostbaren Eulenspiegeleien auf die Schnitzelbank. Der Narrengesellschaftsmaler machte die Bilder dazu und einer die Verse. Doch der Streich war viel besser geraten als Bilder und Verse. Einen ganzen Gemeinderat hatte der Müllersgesell zum besten gehabt. (Fortsetzung folgt-sZ (Nachdruck Mrdoten.) Das cngUfchc TTbeater zur Zeit Sbakcfpearcs. Um die Wende des sechzehnten Jahrhunderts gab es kaum einen verachteteren Stand als den Schauspielerberuf. Vagabunden, Gauner und Komödianten nannte man in einem Atem. Das Verächtliche dieser Kunst, die man übrigens damals durchaus nicht als Kunst im edlen Sinne ansah, war so in das Volksbewutztsein übergegangen, datz die sprichwörtliche Bedeutung sich das Worlgesüge.Komödiant werden"' als Begriff des absolut Unehrenhaften prägte. Immerhin halten die harmlosen Schelme, denen ihr Ruf im Schwinden der Zeit ziemlich gleichgültig geworden war,— wie alles Gewohnheilsniätzige, das nie sonderlich herbe empfunden wird,— in London verschiedene eigene Theater. Das soll heißen, daß eine edle Lordschaft in fich das mehr oder weniger mäcenatische Gefühl empfand, einige Theater aufrecht zu erhalten, dergestalt, daß sie mangels genügender Einkünfte die Künstler aus eigener Schatulle über Waffcr hielt. Auch ent- nahmen die Patrone„ihren" Komödianten die derzeit üblichen Haus- und Hofnarren. Und schließlich hatten die Künstler noch bei aller- Hand privaten Vergnügungsveranstallungen in den Besitzungen der Adeligen mitzuwirken. Und das kam reichlich oft vor. War es doch zu jener Zeit Damen durch Sitte und Herkommen untersagt, das Theater zu besuchen. Geschah dies dennoch, so erschienen sie stets dicht verschleiert, auch wohl maskiert, ohne dadurch an Wert- schätznnng zu gewinnen. Es waren eben Damen, denen Hogarth den Namen Hackabout gibt. Eine Möglichkeit, dieses Wort zu über- setzen, gibt es nicht, es sei denn, man wähle Lichtenbergs Phantasie- volle Uebertragung„Fräulein Jedermann", eine Uebersetzung, die dem Sinne nach noch treffender sein würde, setzte man das Wörtchen „für" dazwischen. Indes boten diese festen Theater in London den Schauspielern keineswegs die Möglichkeit, sich seßhaft zu machen. Vielmehr mußten sie, wenn die patronifierenden Lords, Pairs und Baronets auf Reisen waren, versuchen, sich nach Möglichkeit ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. DaS geschah, indem sie Reisen in die Provinz unternahmen. An einzelnen Orten immer nur wenige Tage verweilend, waren sie für kurze Zeit eine beliebte, wenn auch, soweit ihre Personen in Frage kamen, kaum besonders gern gesehene Ab- wechselung im Einerlei des Alltages. Zwar drängte fich ihnen viel Volk zu und füllte ihre Kaffen, doch fuhren sie infolge größerer Unkosten kaum wohlhabender weiter, bis schließlich der Ruf der Gönner sie nach London zurückführte. Zweifelsohne hat auch Shakespeare in seinem Geburtsort Stratford on Avon die Bekannt- schaft einer sqlchen Truppe, deren persönliche Berührung man sonst vermied, gemacht und sich ihr angeschlossen. Man könnte versucht sein, nach der Ursuche des geringen An- sehens der damaligen Schau'pieler zu forschen und würde dann fraglos die Herleitung der verächtlichen Meinung in vielen Fällen von der Aufführung der Künstler im privaten Leben ableiten können. In wie weit das eine das andere hervorgerufen oder ergänzt hat, mag hier dahin gestellt bleiben. Tatsache ist, daß mit dem brand- markenden Makel behaftet die Jünger der Thalia alles taten, ihrem einmal verpfuschten Rufe nachzuleben. Es war in den weitaus meisten Fällen Gesindel voll auf- geblasener Hohlheit, dem Trünke ergeben und allen grobmateriellen Genüssen sehr zugängig. Outsider mit heiligen Gefühlen für die edle Kunst gab es freilich auch. Diese liefen wohl auch einige Zeit gegen den Strom, gaben abends oft mit Herzblut erkauftes Pathos und Gesten voll edler Nüancen einem Publikum, das trotz allem in ihnen doch nur den Hanswurst sah. den Komödianten und..... Gauner, so daß sie schließlich deffen müde wurden und eS aufgaben, in ihrer Kunst Selbstzweck zu sehen. Auch ermutigte die damalige dichterische Produktion die Künstler keineswegs sonderlich, denn die Dichtungen der Johnson, Marlowe, Greene. Chettle, Peele und anderer schwankten meistenfallS zwischen hohler Rhetorik, edler Rührseligkeit, heuchlerischer Moral und absoluter Oberfläche, ohne sich je höher emporzuschwingen. ES ist zu wenig Beweisbares von Shakespeares schauspielerischer Tätigkeit vorhanden, und darum glaube ich auch nicht, daß er ein besonders großer Künstler gewesen ist. An welchem der siebzehn Theater, die zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts in London existierten, der Dichter vermutungsweise zuerst aufgetreten ist. weiß man nicht. Doch darf man annehmen, daß er im Anfange Pferdejunge gewesen ist, auch wohl Souffleur,— Rusjunge— oder etwas ähnlich Untergeordnetes, bis er Pagen und junge Mädchen spielen durste, denn noch gab es keine Angehörigen des weiblichen Geschlechtes, die auf der Bühne auftraten. Dazu wurden junge Burschen mit Fistelstimme und zarte Jünglinge genommen, von denen man Naivität und weiblich anmutende Befangenheit sowie daS Fehlen frecher Gesten voraussetzen konnte. Wurde dann einmal das Publikum über einen verzögerten Anfang ungeduldig, so ent- schuwigt« solche Langsamkeit der an jedem Theater vorhandene Lieb- ling des Publikums, indem er, vor den Vorhang tretend, erklärte: „Gentleman, ich bitte noch um einen Augenblick Geduld, Hermion« muß erst rasiert werden." Die Theater in London waren, wie fast alle Gebäude derzeit, aus Holz gebaut und von stumpfer Kegelform. Ein Dach gab es nicht. Jedes Theater trug eine Fahne mit dem Wappen der edlen Lordschast, der das Theater gehörte. Daß man schon damals geistreich sein konnte, zeigt die Inschrift des GlobelheaterS: „Dotus rnundus agit histrionem"(die ganze Welt schau» spiclert). Die oft beschriebene Bühne war einfach. Primitive Schilder, die man wechselweise umstandslos am Proscenium befestigte, gaben Ort und Lokalkolorit an. Der Zuschauerraum war zwar in Galerie und Parterre geteilt, zeigte aber kaum einen Unter» schied in der Qualität des Publikums, das sich aus Händlern, Hand» werkern, Bootsknechten, Tagedieben und Lehrlingen zusammensetzte. Im hinteren Parterre, wo der Eintritt nur einen Penny kostete, sammelte sich allerlei undefinierbares Volk an. In diesem Raum befand sich auch ein großer Bottich, der der ungenierten Befriedigung intimer Bedürfnisse diente, ohne daß dadurch die Harmonie gestört wurde, wenn auch kaum die Luft eine Ver« besserung erfuhr. Jedenfalls unternahmen die Patrone der Gesellschaft vergebliche Versuche, diese idyllische Einrichtung, aus traditionelle» Gebräuchen stammend,- abzuschaffen. Folglich hatten sie, die sonst fast nie mit dem Pöbel zusammen kamen, auch am meisten unter solchen Süßigkeiten zu leiden. Boys mit großen Schwefelbecken räucherten fortgesetzt das Theater aus, doch konnte man nachher schwerlich unterscheiden, was von beiden das größere Uebel war. Die Gönner und Besitzer saßen in einer vergitterten Proszeniums» löge, die obendrein verdunkelt ivar, so daß man niemals die Insassen erkennen konnte. Das geschah wohl in erster Linie, um irgend einer lüsternen Gemahlin verbotenerweise Tbeatergenüsse verkosten lasten zu können, die in dieser Form Verlockendes an sich haben mußten. Auch boten wohl die Tiraden der Künstler nickt selten den artige« Rahmen für ein galantes Abenteuer in der verschwiegenen Patrons» löge, in der sich die Schöne, aufgeregt durch Geister- und Gespenster- spuk, der auf der Bühne ein tolles Wesen trieb, ängstlich von selbst furchtsam und bänglich an den Begleiter schmiegte, der lächelnd und angenehm zu trösten versuchte. Was nun aber irgendwie Anspruch auf die Bezeichnung Gentleman machte, nahm seinen Platz auf der Bühne ein. Natürlich waren die stadlbekannten Dandys auf diesen Plätzen tägliche Gäste. Zwischen den Zuschauern auf der Bühne und denen im Parterre, die man mit dem Wortwitz„Understanders" bezeichnete, hatten sich gar eigen- artige Verkehrs formen herangebildet. Das Parterre warf fortgesetzt nach den bevorzugten Zuschauern faule Aepfel, Klümpcken Erde, Eier, die unbrauchbar zu anderen Zwecken schienen, und ähnliche sichtbare Spuren hinterlastende Wurfgeschosse. Das auf der Bühne sitzende Publikum halte sich mit solchen alltäglichen Selbstverständlich- leiten längst abgefunden und versuchte sich so gut als möglich zu schützen, während es Schimpfworte und morsch gewordene Witze hinunterschickte, die, oft wiederholt, längst ihre Wirksamkeit eingebüßt hatten, nichts best» weniger immer wieder, wenn auch etwas massiver, beantwortet wurden. Irgend ein Stutzer, mit prunkender Kleidung, gefolgt von einem Diener erschien. Das erste, was er tat, er schickte ein Schimpfwort unter das„Gesindel", unbe- kümmert um das darauf folgende Bombardement, dessen Spuren umständlich und affektiert der Page entfernen mußte. Dazwischen boten Händler Tabak, Nüsse, Aepfel, Kanariensekt und andere Herr» lichkeiten ans. Alles rauchte, und zwar so, daß das Theater in eine dichte Wolke von Tabaksqualm gehüllt war, die sich nach oben drängte, dem Ausgang zu. Die auf der Galerie sitzenden Personen, wozu fast immer, auch bei Wiederholungen, die Dichter der Stücke und ihre, man kann so sagen, Konkurrenten zählten, waren in dem Qualm kaum zu erkennen. Während fich derartig anmusig die Zuschauer die Zeit ver» trieben, begann die Anfangszeit heranzurücken. Trompetenstöße er» tönten, der Vorhang teilte sich und der mit einem schwarzen Sammetmantel bekleidete, einen Lorbeerkranz in der Hand haltende Prologus trat auf, das Stück einleitend und empfehlend. Nun folgte wieder eine Pause, in der das Geplänkel weiter ging. Die Dandys zeigten ihre Nauchkünste, einzelne besonders affektierte Stutzer kamen erst jetzt, auffällig ihre marinierte Kleidung zeigend: gestickte Spitzcnhemden von vlämischen Leinen, spanische Stiefel mit goldener Quaste und übergroßen Schleifen, gelbe Kniehosen mit Schnallen, hellblaue mit Blümchen verzierre Strümpfe, weite Aerinel im roten Sammetmantel, grauer Hur und eine künstliche Rose im Ohr. So präsentierten sie sich. Der Diener mußte sie mit Rosen- waster besprengen, durfte aber nicht zu nahe herantreten, damit nicht „sein starkes Atmen die Steifheit der Halskrause zerstörte". Nun begann das Stück, das rührselig bei Peele und Marlowe verlief, vei Ben Johnson von Gelehrsamkeit strotzte und bei Chettle und Greene mit blutigen Staatsaktionen vollgepfropft war. Geister- und Spukerscheinungen waren besonders beliebt. Doch war die Hauptperson meistens der Narr. Mit ihm stand und fiel das Stück. DaS Publikum lachte über den Hanswurst, kroch, von Ent- setzen gepeinigt, bei schaurigen, übersinnlichen Erscheinungen, in sich zuiammcn und weinte auch wohl mit dem tragischen Helden. Johlte, lärmte, pfiff und schrie je nach Bedürfnis und Empfinden, geriet beim Austreten des Liebling? in Extase und wurde gemein und brutal, wenn es vermeinte, nicht auf seine Kosten zu kommen. Man spielte das Stück mangels Dekorationswechsel fast pausen- toS bintereinander weg und war auch keineswegs ängstlich darauf Versessen, den strengen Wortlaut des Dichters zu bringen, vielmehr liebten eS die Schauspieler bei passender und unpassender Gelegenheit eigene Scherze und Anspielungen einzuflechlen. die nicht immer zierlich und von Geist, nichtsdestoweniger aber mit lautem Pfeifen, das ein Zeichen des Beifalls war, begrüßt wurden. Die an- wesenden Verfasser protestierten dann wohl einmal gegen solche Verstümmelung, und so konnte es leicht geschehen, daß eine ergötzliche Zwischenszene daraus wurde. Wiederum kam es nicht allzu selten vor, daß die erbosten Zuschauer auf den billigen Plätzen ein Stück, das ihrem Geschmack nicht entgegen kam, oder einen Akteur, der ihnen nicht gefiel, mit so eindrucksvoll kund- gegebenem Widerwillen begrüßten, daß sie einen vorzeitigen Schluß erzwangen. Den Künstlern kam ein solcher nicht allzu ungelegen; das Publikum aber verließ mit heißen Köpfen das Thealer und fühlte sich als Sieger nach gewonnener Schlacht. Nach Schluß verloren sich Volk, Gentlemen und.Komödianten in den noch offenen Tavernen, wo des Vergnügens Schluß gemacht ward bei Getränken und Speisen. Für Augenblicke ging nun wohl auch der Unterschied zwischen Gentlemen und Komödiant verloren, denn erstere liebten es, sich jetzt großmütig unter die Spieler zu mischen, die den angebotenen Trank nie ablehnten, sondern es als eine besondere Ehre ansahen, wenn sie während eines folgenden Zechgelages pikante Histörchen zum Besten geben konnten und mit einem Gentleman Brüderschaft trinken durften, die dieser am anderen Tage vergessen hatte. Und aus dieser Umwelt heraus ging das Genie Shakespeares hervor. Die Buntheit seiner Typen schöpfte er sehr oft ans diesem Leben. Seine Werke aber führten Veränderungen ohne gleichen herauf. Sechzehuhunderlvierundzwanzig betrat zum ersten Male eine Schauspielerin die Bühne und bald darauf ging„unerhört"„Old Boß", die Königin, ins Theater, des begnadeten Dichters Werke, die ganz London aufwühlten, zu sehen. Schranken fielen plötzlich und Grenzen tvurden verwischt, dem Genie beugten sich alle. Und in drejem Sinne war sein„Loves labours Jost"(verlorene Liebesmüh) keine verlorene Liebesmüh'. H. K. Kleines feuilleton. Ans dem Tierleben. Zeremonien auf den Versammlungen der Pinguin e.*) Die Kaiser-Pinguine gehen, wenn sie andere ihrer Sippe oder Menschen oder Hunde antreffen, sehr zeremoniell vor. Sie nähern sich Fremden in einer unordentlichen Prozession, die von einigen wrchtigtuenden, ratsherrlichen Männern geführt wird. In respektvoller Entfernung bleiben sie stehen; dann tritt der Aelteste watschelnd ganz nahe heran und macht in ernster Weise seinen Kotau, indem er den Kopf so tief neigt, daß der Schnabel die Brust berührt. In dieser Stellung hält er eine lange murmclirde Ansprache, die unter einem kurztönigen Beifall von vier oder fünf Mitgliedern seiner Sippe beendigt wird. Aus Rücksichten der Höflichkeit hebt er den Kopf nicht sofort hoch; dann aber beschreibt sein Schnabel einen so weiten Kreis, wie es die Gelenke seines Halswirbels erlauben, und sieht dem Angeredeten gerade ins Gesicht, als ob er fragen wollte, ob er verstanden wurde. Hatte man ihn, was gewöhnlich der Fall, nicht begriffen, versuchte er die Verständigung von neuem. Er legt eine Engelsgeduld der Dummheit deS Angeredeten gegenüber an den Tag und fühlt sich dessen sicher, daß, wenn er sich lange genug darum bemüht, diesem -schließlich doch ein Licht aufgehen müsse. Doch inzwischen werden seine Genossen schon ungeduldig. Sie sind sich darüber klar, daß ihr Wortführer einen Verstoß gemacht hat. Und so wackelt würde- voll ein zweiter Ratsherr hervor, gibt seinem Vorredner einen Rippenstoß, als ob er sagen wollte:„Ich werde dir zeigen, wie da? zu machen ist", und die ganze Zeremonie beginnt von neuem. Am feierlichsten gingen sie den Hunden gegenüber zu Werke. Wenn sie allein unter sich gelassen wurden, schienen die Kaiser-Pinguine durchaus friedliebend zu sein und Zänkereien wurden niemals beobachtet. Wenn eine Schar in einen engen Platz hineingetrieben wurde, widersetzten sie sich der Karambolage und machten von ihren Flügeln freien Gebrauch, indem sie hörbare Schläge austeilten, die aber augenscheinlich durch den dicken Feder- pelz nicht gefühlt wurden. Sie können mit den Flügeln mit gleicher Leichtigkeit vorwärts oder rückwärts schlagen. Sie scheinen Menschen ebenfalls für Pinguine zu halten. Sie sind ganz arglos und lassen sich nur schwer beunruhigen, so lange man stillsteht oder nur sehr langsam geht. Marschiert man aber zu schnell unter ihnen umher oder berührt sie, werden sie in Furcht gesetzt und rennen davon; sie beginnen dann, wenn sie zu nahe zusammengetrieben werden, untereinander Streit. Zieht sich dabei ein Vogel langsam, doch weiterkämpfend zurück, so hat sein ") Aus dem 3. Bande deS Reisewerkes Shackletons, das unter dem Titel„21 Meilen vom Südpol" im Verlag von Wilhelm Süsserott in Berlin erscheint. Er enthält die wissenschaftlichen Ergebnisse der Expedition in populärer Form._ verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Benehmen eine köstliche Aehnlichkeit mit dem eine? kleinen Buben, der von einem größeren Jungen schikaniert wird, seine Arme gegen den Feind zur Verteidigung erhebt und ihm schnell ein paar Sckläge versetzt. Man tut gut, sich von solchen Zänkereien unter den Vögeln fernzuhalten, denn der Schlag der Flügel ist sehr kräftig und stark genug, einem den Arm zu brechen. Kaiser- Pinguine wurden von den Hunden getötet, doch haben sie sie wohl in Paaren oder Meuten gejagt, um dies zu vollbringen. Wir sahen einem langen Gefecht zwischen einem Kaiser-Pinguin und Ambrose zu. dem größten unserer in der Antarktis geborenen Hunde. Der Pinguin war in seinen Bewegungen behend: genug, um stet? dem Hunde seine Front zu zeigen und seine Flügel und der lange scharfe Schnabel waren wirkungsvolle Waffen, was Ambrose zu spüren schien. Der Vogel machte hauptsächlich von seinem Schnabel Gebrauch, und es schien auf Kurzsichtigkeit zurückzuführen zu sein, daß er fortwährend daneben hieb. Viele dumme Akte beider Pinguinarten sind ohne Zweifel auf ihre, in der Luft stark ge- schwächte Sehkraft zurückzuführen. Von einem Wandern des Kaiser-Pinguins kann kaum die Rede sein, weil er während der Polarnacht arütei und den Sommer in derselben Region zwischen dem Eise oder auf der Küste ver» bringt. Dennoch reist er ein Gutteil seines Lebens, doch die Mittel, die ihm das gestatten, bleiben ein Rätsel. In derselben Zeit, früh im Sommer, als das Automobil seine häufigen Aus- fahrten nach Süden mit Proviant für die errichteten Magazine machte, kamen wir über zahlreiche Pinguinengeläufe. Viele dieser waren festgetretene Pfade, die von einer Passage großer Truppen herrühren, die teilweise marschierte, teilweise rodelte. Einige ibrer Wege von der See aus waren 20 und mehr Kilometer lang, und nirgends waren Geläufe zum Wasser zurück zu finden. Auf diesen Wanderungen marschieren sie viele Meilen in aufrechter Haltung, und zwar in sehr langsamen, kurzen, nur wenige Zoll langen Schritten. Bei dieser Gehart halten sie sich mit Hilfe des Schwanzes im Gleichgewicht, so daß sozusagen der Körper auf einem Dreifuß ruht. Auf geeigneter Schneeoberfläche kommen sie rapi? durch Rodeln vorwärts; ihre Bewegungen sind sehr graziös, wenn sie sich dabei auf ihren Bauch legen und sich mit kräftigen Füßen vorwärts stoßen, wobei ihnen die Flügel helfen un Gleichgewicht zu bleiben und auch zur Vergrößerung der Schnelligkeit beizu- tragen. Mineralogisches. Die Eisenschätze der Erde. Die Berechnungen der noch für die Menschen nutzbar zu machenden, oder überhaupt vorhan- denen Schätze der Mutter Erde sind besonders in den letzten Jahren immer häufiger geworden. Mit Schrecken konnte man von dem ab« sehbaren völligen Verbrauch der Kohle, von dem noch in diesem Jahrhundert zu erwartenden Ende der Eisenerze lesen. Nun ist es aber mit derartigen Schätzungen gar nicht so einfach, als daß ohne weiteres derlei Feststellungen als richtig anerkannt werden könnten. Einen recht guten Einblick in die heute mögliche Berechnung der Erdschätze gibt eine Zusammenstellung, die durch hervor« ragende Gelehrte jetzt in allen Ländern gemacht worden sind, um dem in diesem Jahre stattfindenden Internationalen Geo» logenkongretz zu Stockholm vorgelegt zu weiden. ES handelt sich hierbei um einen Versuch, den Umfang der Eisenerzschätze der Welt festzustellen. Wie weit ist es heute überhaupt möglich, die vor- handencn Erzlager in eine Berechnung einzubezieben? Folgende Zu- sainmenstellung zeigt dies recht deutlich. Nimmt man die gesamte Landoberfläche der Erde gleich hundert, so ergibt sich für 13,3 vom Hundert bereits berechnete Erzvorräte, „ 10,3,, nur ungefähre Schätzungsmöglichkeit, , 51,6„„ auch nicht annähernde Schätzungsmöglichleit und, 24,8., noch ganz unbekanntes Gebiet. Demnach zeigt sich, wie relativ die heutigen Schätzungen noch sein müssen. Drei Viertel der Landoberfläche unseres Erd- balle? entzieht sich-heute noch jeder Einschätzung seine? Erzreichtumes. Was dies zu bedeuten hat, ersieht man unter an- dcrem auch daraus, daß zu diesen Landkomplexen auch China gehört. Die jetzt in Ausbeutung befindlichen Eii'enerzvorräte beiragen rund 22 400 Mill. Tonnen, aus ihnen lassen sich nach dem heutigen Stande der industriellen Technik rund 10 200 Millionen Tonnen Eisen fabri- zieren. Die sonst noch vorhandenen Vorräte, die nicht sicher zu schätzen sind, werden auf rund 53 000 Millionen Tonnen metallisches Eisen berechnet. Bleibt man aber bei den ganz sicheren Zahlen, so kann von rund 10 200 Millionen Tonnen Eisen gesprochen werden, die den Menschen zurzeit absolut sicher zur Verfügung stehen. ISOg wurden auf der Welt rund 60 Millionen Tonnen Erz produziert; innerhalb der letzten zwanzig Jahre hat sich der Erzbedarf verdoppelt. Wird diese Steigerung zur Grundlage genommen, so ergibt sich, daß die statistisch sicher erfaßten Erzvorräte noch nicht ganz 60 Jahre reichen werden. Dies ist aber nur eine sehr relative Ziffer. Einmal wird die Eisenbereitungstechnik immer weiter fortschreiten und in Zukunft sicher auch dort noch Eisen auS den Erzen herausholen, wo es heute als unrentabel unterbleiben muß. Dann werden im Laufe dieser Zeit die Verkehrsverbindungen zwischen Erz hervorbringenden und Erz verarbeitenden Ländern sich vervollkommnen. Vor allem aber wird man in einem halben Jahrhundert sicher wieder auf bis jetzt noch unentdeckte Erzlager oder heute noch nicht ausgebeutete stoßen, deren Lage dann kein HinderungSgrund mehr für die Aus- beutung sein wird._ torwärl« Buchdruckerei u.Vertegtanjlalt Paut«luger&llo.,!8eiUnSW.