Nnterhaltmgsblatt des Horwärls Nr. 149. Mittwoch, den 3. August. 1910 (Nachdruck vervoleH.) 191 Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. 15 Der Philipp fühlte sich zunächst nicht sehr wohl auf dem Gymnasium. Er wurde viel mehr von oben herab von den Gymnasiasten behandelt, als das die Realschüler getan hatten. Es war mehr Reichtum im Gymnasium, mehr feinere Er- ziehung. Und da wurde der Philipp ganz stillschweigend bei- feite geschoben, ohne viel Aufhebens und besondere Aktionen. Er kam gar nicht zum Widerstand. Das war das Bitterste. Wo es sich zu wehren galt, da konnte man doch wenigstens noch fühlen, daß man auch etwas wert sei— hier aber kam man gar nicht dazu. Man war von vornherein nichts wert, bedeutete nichts, galt nichts. Der Philipp ertrug das um so schwerer, als er immer sein Dorf und die Leute seines Dorfes im Rücken fühlte, vor denen er Geltung behalten mußte. Denn wenn auch niemand Einblick in die Verhältnisse hier hatte, dem Philipp war's doch, als seien die Leute gegenwärtig. Er war ständig in Verteidigungsstellung gegen sie. Er blieb sich beständig seiner Schwäche durch sie vor den Gymnasiasten be- wüßt. Um so hochmütiger gehabte er sich zu Hause. Er guckte keinen Menschen mehr an. Rur die paar wenigen Be- kannten. Dem Schlüssel trug er einmal ein Gewebe von Herzschen Ideen und eigenen Gedanken vor. „Ach," sagte da der einfache Handwerker und guckte sehr von oben auf den gelehrten Gymnasiasten herab,„das ist alles sehr unreif. Das steht auf keinem festen Boden, auf keiner sicheren Philosophie. Weltanschauung, das ist das Erlösende. Und Weltanschauung, das kann nur die Partei geben, wenn eine Wirkung und Fruchtbarkeit aus ihr erwachsen soll. Gutes und Schönes haben in ihren Kämmerlein schon viele gedacht, und die Deutschen sind ja nicht anderes als Känimerlein- menschen, Wirksames aber gibt nur die Partei. Da ist Oeffentlichkcit, Breite, Festigkeit, Masse. Auch Disziplin. Und durch die Disziplin auch eine gewisse Beengung. Gewiß, der einzelne kann da nicht so seine Seitensprünge machen. Vielleicht wären diese Seitensprünge manchmal schön und nützlich, aber man muß lernen aufs Ganze sehen und sich dem Zweck' des Ganzen unterordnen." „Wo haben Sie denn das alles nur gelernt?" „Gelt, Du bist schon gerade wie die anderen studierten Leute, Du zählst auch nur, was die Schulmeister Euch vor- gedroschen haben? Selbst Hab ich's gelernt, hier in meiner Werkstatt. So und so viel Jahr lang. Freilich kein Gym- nasium und keine Universität. Aber fleißige Nächte und un- crmüdliche Anstrengungen. Ich sage Partei— und mir selbst sag ich. daß ich ihr tausendmal iiber die Stränge haue — ganz allein in meinen Gedanken fiir mich— aber fürs Ganze bin ich still und fiige mich. Es niüßte ein viel Größerer konimen, der's dürfte. Und wenn der kommt, soll er's tun. Da findet er eine neue Partei, die ein neuer Größerer wieder auflöst. Auflösung ist der Sinn aller Entwickelung. Und Gott sei Dank! Sonst brauchten wir nichts zu tun, als wie der Ochs stillschweigend im Joch gehen." „Aber das Schöpferische?" fiel Philipps grüne Weisheit hier ein. „Es gibt nichts Schöpferisches ohne Auflösung," sagte lächelnd der Schlüssel.„Siehst Du, hier Hab ich ein groß Stück Blech— das wird nie ein Topf oder eine Kanne, wenn ich's ganz lasse, ich muß es zerschneiden. Erst wenn ich's zer- schnitten habe, kann ich etwas daraus machen." „Aber der Baum? Das ist doch etwas Bestehendes?" „Ha, ha, ha! Gymnasiastenwitz! Denk Dir. was wäre der Baum, wenn er sich nicht immer wieder auflöste in all seine Triebe und Säfte, bis zum neuen Apfel und neuen Samen? Er wäre ein großer dürrer Besen, der bald nicht mehr existierte. Und wie ihm auch die Menschen zur Weiter- existenz helfen wollten— durch Veredelung, durch Reuzüch- tung aus Ablegern und Schößen, er wäre hin. Es hülfe nichts. Er wäre hin. Alle Entwickelung und Fortpflanzung ist Auflösmig— bei den Geschöpfen— bei den Menschen und Tieren und Pflanzen und Steinen, wie bei den Ideen und Gefühlen. Guck Dir nur mal Deine alten Professoren an, Was nützen und wirken die dem Geiste der Welt? Wie'A auch das Gegenteil scheinen mag: nichts! Was sie leisten, könnte ebensogut mit Maschinen geleistet werden. Es steht alles in Büchern. Ich Hab gar keinen Respekt vor der Ge» lehrsamkeit— ich Hab nur Respekt vor dem Leben und dem Lebendigen." Dem Philipp war ein Licht aufgesteckt. Er hatte sich im Gymnasium auch deshalb nicht so wohl gefühlt, weil eS lauter alte Lehrer waren, die er hier hatte, und weil alles Lernen mechanisch wurde unter ihren Händen. Der kleine Herz hatte ihm etwas aufgetan— der Schlüssel hatte ihm schon immer so merkwürdige Dinge gesagt, die aber zum großen Teil an ihm vorübergegangen waren— nun kam ein leiser Hunger nach mehr. „Bekomm ich nun allzumal eines von Ihren Büchern?" „Roch nicht," sagte der Schlüssel.„Aber Du brauchst nik mehr zu fragen. Ich geb Dir schon, wenn ich denke, daß es Zeit ist. Jetzt halt mal den Kopf noch klar— sonst gibt's Durcheinander. Ich reich Dir schon so dann und wann was zum Würzen. Denn es wird in der Welt nicht nur aus Milch und Eiern gekocht— es gehören auch Pfeffer und Salz und Zwiebeln dazu. Und die Zwiebeln, bei denen einem die Tränen laufen, das sind die besten." Unvermittelt fragte der Schlüssel einmal: „Hast keinen Schatz? Ist Dir noch kein Mädel über den Weg gelaufen, daß es Dir warm davon geworden ist? Brauchst's nit zu gestchen, brauchst Dich aber auch nit zu genieren. So was ist natürlich und kommt ganz von selbst." Der Philipp zögerte mit der Antwort. Er dachte an die Emilie und an den Eulenmüllerfranz, wie der schwärmte und glücklich war. „Rein," sagte er,„noch gar nicht." „Ehrlich wahr?" „Ja, ganz gewiß. Wer guckt auch nach so einem armen Teufel, wenn's wirklich wäre!" „Lump," fuhr der Schlüssel heraus—„wenn Du Dich davon bedrücken läßt. Armut existiert nur äußerlich— inner-. lich existiert sie nicht. Du mußt Dich reich fühlen, und gerade weil Du arm bist, auch viel niehr wert, als diese Menschheits- schmarotzer, die das Geld in die Höhe trägt. Reichtum, An- sehen, Titel, Stellung— Esel! wenn Du das zählst. Geh hin in die Ziegelhütt und schaff in der Lcttenkaut, aber fühl, was Du wert bist. Und verfaul und verstinke nicht in dem Gefühl, sondern schaff an Dir weiter. Hau klein und wirf um, damit Du wieder Neues machen kannst und einen neuen Weg gehst. Geh irr, geh zurück, aber denk immer daran, daß Du vorwärts willst. Bleib ruhig Ziegelhütter dabei. Nicht mal Bürgermeister hier brauchst Du zu werden. Puh— wenn das was zählen täte, dann wäre die Welt viel wert. Sie ist aber gar nichts wert. Es ist eine ganz lumpige Welt, diese Rcichcleutswelt." Der Philipp ging vom Schlüssel aus hinaus in die Eulenmühle. Es war Samstagsabend, und die Feierabend- glockc war eine halbe Stunde früher geläutet worden. Das Feld war still. Ganz weit sah man da und dort noch einen Bauern schreiten, auf den Höhen hoben sie sich groß ab— denn die am weitesten draußen zu arbeiten hatten, waren natürlich auch die letzten, die heimkehrten. Dem Philipp klang manches durcheinander i.n Kopfe, und er hielt nichts fest, er ließ alles laufen— kommen und gehen, sich verlieren, wiederkommen— haltlose, verträumte Gedanken, gestaltloses Dahinsinnen. Dann, er war kaum auf die kleine Anhöhe gestiegen, zu der der Weg führte, rief's ihm drunten aus dem Wiesentale in einem lauten Doppelrufe ent- gegen. Die Eulenmüllcrbubcn! Und nun ein Laufen herauf von denen drunten, ein paar Sprünge von oben ihnen ent- gegen— und Arm in Arm schritten die drei ins Feld hinaus. Viel Erfragen, viel Erzählen, als hätten sie sich eine Ewigkeit lang nicht gesehen— ein bißchen Spott, ein bißchen Scherz— aber doch gewahrt der heilige Ernst der Jugend, die tausend Pläne schmiedet und alle hohen Flüge fliegt und im Mittel- punkte der Welt steht. Die Ausgelassenheit, die Streiche er- sinnt, die Schwärmerei, die von höchsten Entzückungen in die tiefste Melancholie herabsinkt. Und natürl.ch das Thema der Liebs. All die Schmerzen des Verliebten. Sie bat ihn gar nicht angesehen. Er weiß nicht, was sie hat. Ob ein anderer? So ein Esel wie der Doffe Jean, der nicht mal auf drei zählen kann, der aber den ganzen Tag ums Haus herumschleicht, daß sie gar nicht mehr herausgehen kann. Was der sich einbildet! Und Schwüre! Wenn sie nicht treu wäre! Drei Schwur- Hände in der Höhe: Rache! Und dann das Nichterwartenkönnen— und diesen Abend gilt's. Er muß aus dem Felde geschlagen werden, der Protz- bauer Doff. Der Plan wird geschmiedet. Sachte sinkt die Nacht. Der Otto steht oben am Wege, der Philipp wartet unten. Der Franz ist an Seiberts Hollerbaum versteckt und wartet auf sie. Kommt der Doff— ein Pfiff. Und alle drei über ihn her. Keinen Pardon! Er muß zu Brei geschlagen werden. „Emilie, die soll leben, soll leben, soll leben!" klingt es iübers Feld.„Emilie lebe hoch!" Dann geht's ins Dorf hinein zu Seiberts Garten. Oben an der Mauer am Bahndamm steht der Otto, unten am Ende der Lindenallee ist der Philipp postiert. Hinter dem Hollun- derstrauch steht. der Franz. Der Mond ist ganz hell. Man kann weit sehen. Dann und wann kommt jemand des Wegs. Die beiden werden jedesmal genau fixiert und müssen alle möglichen Mittel er- finden, nicht erkannt zu werden. Dann sehen sie eine Gestalt durch den Garten gehen. Das Herz schlägt ihnen hoch. Sie kommt ruhig und hoch. Ein bißchen zage vielleicht — und einmal hält sie an und dreht sich um— dann aber schreitet sie geruhig und schön weiter. Schön, schön! Alles Schöne klingt den beiden auf. Sie vergessen ihre Aufgabe und sind wenig wachsam. Dann sehen sie zwei Gestalten beisammen— ihn und sie. Ihren Kopf an seiner Brust. Und er neigt den Mfind zu ihrer Stirne. Es ist so flüsternd still hier im Abend draußen. Es zittert alles. Alles ist so sanft und glühend. Sie küssen sich, sie küssen sich. Und die beiden hier unten neiden's ihnen. Sie treten vus ihren Verstecken heraus � beide wie auf ein Zeichen. Dann erinnern sie sich ihrer Aufgabe. Getreu wieder aus die Posten der Wacht. Ein grober Tritt. Sie horchen. Es knackt in den Schlehen am Wege. Der Doffe Jean. Sie sehen ihn deutlich. Ein Pfiff. Die oben fahren auseinander. Die lichte Gestalt ver- schwindet im Schatten der Büsche des Gartens— der Franz springt übers Feld, auf den Weg zu. Der Jean will fliehen. Er sieht die Unmöglichkeit ein. Zu dreien sind sie hinter ihm her. Er stellt sich ihnen. Und nun ist's ein Kampf. Er wehrt sich wütend. Aber die Hiebe dreschen auf ihn herab, unbarmherzig. Er liegt am Boden. Er tritt und stößt um sich. Es hilft ihm nichts. Er muß überwältigt werden. Es muß ein Sieg sein. Und es wird ein Sieg. Kein Kunststück ist's freilich. Der Jean schleicht davon. ..„Drei gegen einen," ruft er. Da schämten sie sich ein wenig. „Ich hätt's allein mit ihm machen können." sagt jeder. Aber zuletzt sind sie doch zufrieden und einig. „Er hat sein Fett." Sie sind drei Helden. Drei Helden, die ein Mädchen verteidigt und ihre Liebe beschützt haben. Sie ziehen Arm in Arm ins Feld hinaus. „Emilie, die soll leben, soll leben, soll leben, Emilie lebe hoch!" singen sie in die Nacht hinein. Sie steht oben an der Gartentür, neben dem Hollerbusch, und sieht ihnen nach. Sie lächelt. Stolz, wie nur ein junges Mädchen lächeln kann. Die drei sehen sie nicht. Sie sind siegestrunken. Die Welt gehört ihnen, aber sie sehen die Welt nicht. Sie sehen alles aufgelöst in Mondschein und Glühen, in Begeisterung und Wonne. Sie schwärmen. Die Glühwürmer leuchten im Grase— es flüstert in den Weiden— das Wasser plaudert— und der Mond lacht mit vollem Gesicht am Himmel. Ihre Waffentreue hat sich bewährt. Hoch wehen ihre Fahnen. Weh' munter, Fähnlein! Jugend und Liebe— lustig Panier! (Fortsetzung folgt.)! Gluck muß ckr JVIenfcb baden. Von Rudolf Franz. (Schluß.) Am zweiten Tage kam dann die Nichte per Automobil. Sie brachte 15 000 Mark, lauter Gold und Scheine, in einem leinenen Beutelchen. In dem Häuschen, das nur einen Raum enthielt, sah sie sich vergebens nach den Möbeln um. Ein großes Schwein, das hier gleichzeitig wohnte, fuhr grunzend auf sie los. Da sie sich fürchtete, nahm der Mann sein Schwein zwischen die Beine und hielt es dort fest, während sie verhandelten. Es stellte sich heraus, daß man die Möbel in Sackleinewand genähr und in einem Gemeindeschuppen aufgestellt hatte, der sonst Ackergerät enthielt. Von den 15000 Mark sollten 2000 genommen werden, um ein neues Haus zu bauen, Die große Summe erregte Ratlosigkeit. Die Frau nahm der Nichte des Weinhändlers den Beutel aus der Hand, steckte ihn mal i n und mal unter das Bett, bis der Mann vorschlug, das Geld dem Herrn Pfarrer anzuvertrauen. Die Frau widersprach. Der könnte was davon nehmen. Besser wäre ver- graben. Das ging aber auch nicht, wegen des Papiergeldes. Der Besuch erbot sich, die Summe wieder mitzunehmen. Sie würde angelegt werden und brächte dann Zinsen. Aber Mann und Frau protestierten lebhaft gegen diesen Vor- schlag. So blieb schließlich doch nichts übrig, als den Pfarrer auf- znsuchen, der denn auch die Verwahrung übernahm. Er äußerte, er habe schon Gebete zum Himmel geschickt....„Auf daß die Sünde nicht auf uns haften bleibe." Die Weinhändlernichte, von dem Onkel recht gottlos erzogen, lächelte hierbei. Worauf der Pfarrer einen Augenblick stutzte und dann ganz trocken geschäftlich wurde. Während der Unterredung mit dem Pfarrer hielt der trauernde Vater neben dem Automobil Wache, obwohl der Lenker darin saß. Man kehrte in die Hütte des Ehepaares zurück. Das junge Mädchen, dem die Bänke zu schmutzig waren, wollte nicht Platz nehmen. Da lief der Mann hin und holte aus dem Gemeindeschuppen einen der neuen Stühle. Die Leute fragten, ob sie das Kind sehen wolle. Nein, sie käme ja mit zum Begräbnis. Nun wollte die Frau wisien, wieviel man für das Geld kaufen könne. Wieviel der Sarg koste? .Den bezahlen wir. Wir bezahlen alles." erwiderte die Wein- Händlersnichte und schrieb sich den Namen des KindeS für das Kreuz auf. Die Mutter versuchte, ihr die Hände zu küssen, und sagte auf die abwehrende Bewegung beteuernd: .Ich Hab' mir den Mund erst gewaschen!" Dann wollte sie wieder wissen, wieviel Goldstücke in dem Beutel wären. Aber der Mann unterbrach sie und erzählte davon, wie ihnen der Tod des Kindes erst so schrecklich leid getan Härte. Aber schließ- lich— das Kleine habe es ja doch jetzt gut. Und dann die Ehre I So'ne Ehre I wiederholte er immer wieder. Bis er plötzlich miß- trauisch wurde. Sein Bauernhirn witterte etwas hinter den reichen Geschenken. Warum sie eigentlich so gnädig wären? Aus Mitgefühl, erklärte der Besuch. Aber der Mann schien nicht recht damit einverstanden. Nun wollte die Frau ihrerseits wohl auch Mitgefühl zeigen und fragte voll Teilnahme, ob die gnädige Frau arg auf den Arsch gefallen sei. Der Mann verwies ihr diese Ausdrucksweise, bekam es aber im selben Augenblick wieder mit der Angst, weil er unter dem Rocke des Dieners einen Revolver blitzen sah. Auch der Hinweis auf die große Geldsumme vermochte ihn nicht zu beruhigen. Er blickte immer wieder scheu hin: „Wenn Sie uns besuchen, brauchen Sie sich nicht zu ver- waffnen!" Schließlich gab er aber doch zu, so ein Revolver sei ganz gut. Wie der große Herr mitten im Dorfe gestanden habe, schußbereit, da habe sich keiner herangctraut. Längst hatte sich die Kunde von der großen Summe verbreitet, und als das Automobil abfuhr, stand das ganze Dorf versammelt. Die Weiber knixsten. die Männer zogen die Mützen ab, machten tiefe Bücklinge, und alle riefen: Guten Tag. guten Tag I Am Mittwoch rückte die Weiuhändlersfamilie in zwei Auto- mobilen an. Das eine gehörte einem Grafen, dem zukünftigen Bräutigam der Nichte, der auch mitkam. Die vier Personen saßen in diesem gräslichen Automobil, während das. andere einen kleinen weißen Sarg mit Glasdcckel enthielt, der von zwei Dienern ge- tragen werden sollte. Die Diener waren in Galalivree, über der sie Gummimäntel trugen, die Damen in Schwarz, nur der Weinhändler im Neitanzug. Auch rückte er selbst vor dem Pfarrer nur die Mütze. und zu den Trauernden sagte er, während die übrigen Beileidsworte murmelten, einfach:„Guten Tag, Leut'I" Der Pfarrer ging gleich aufs ganze und erwähnte, daß die Seele nun schon im Himmel sei, worauf Herr Schmitzgen unwirsch erwiderte: ,Na, das kann man nicht wissen." Die Automobile fuhren langsam, während man den Pfarrer nebenher schreiten ließ, an den' Friedhof, wobei noch um ein Haar ein Köter überfahren worden wäre. Die Dogge wurde im Wagen angebunden und vollführte dort während des Traueraktes großen Lärm. Die Leiche war ausnahmsweise in der kleinen Kapelle auf« gebahrt worden. Sie wurde in den Sarg gelegt. Die mitgebrachten Kränze kamen obendrauf. Der Pfarrer schritt hinter drei Weihrauch- knaben dem Sarge voran, der von den Dienern mir mühevoll be- wahrter Würde getragen wurde. Zunächst hinter dem Sarge sollten Weinhändlers gehe», die sich aber weigerten. So schritten die trauernden Eltern vor ihnen und sahen sich von Zeit zu Zeit um. Das ganze Dorf folgte. In Ermangelung anderer Trauerkleidnng hatten die meisten bunte Halstücher umgebunden, einer sogar ein knallrotes. Alle trugen gesckmierte Schuhe. Während der Rede des Pfarrers schielte die ganze Gemeinde nach der WeinhändlerSfamilie. Der Diener Karl, ein frecher Hund, hielt sich von Anfang bis zu Ende den Halbzylinder dicht vor's Gesicht, um sein Lachen zu der- bergen. Als der Pfarrer anfing, lateinisch zu beten, rief ihm der Wein- Händler zu:„Deursch schwätzen I" Er lenkte denn auch alsbald zu einem einfachen deutswen Gebet über. Vor dem Friedhof erörterte der Trauervater die verschiedene Teilnahme.»Einer von den Verwandten war der Frömmste!" Und er ging hin zu dem Diener Karl, nannte ihn Gnädiger Herr und bedankte sich bei ihm. Der Weinhändlcr verhieß, er werde alle acht Tage kommen, um sich vom Fortschritt des Hausbaues zu überzeugen. Auch sollten sich die Leute von dem Gelde etwas zugute tun. Ordentlich leben, wie's Menschen zukommt 1 Nicht wie Schweine! Ja, ja, das wollten sie allzeit tun. Wenns bloß nicht davon alle würde I Aber Herr Schmitzgen erwiderte, ohne Rücksicht auf die Gegen- wart des Pfarrers, er werde dem Pfaffeiz schon auf die Finger sehen, daß er nichts von dem Gelde für die Kirche verwende. Die Frau rechnete nun vor, was man alles kaufen würde. Zunächst einmal drei Hühner und, wenn es billig wäre, auch ein Ferkel... Der Weinhändler stiftete noch je zwanzig Mark für die zwölf bedürftigsten Fannlien, was großen Jubel hervorrief. »So'n Glücksfall I So'n großer Glücksfall I Nee, wer hätte das gedacht, daß wir alle noch'mal so'n großes Glück erleben täten 1" Herr Schmitzgen sprach zum Abschied die Hoffnung aus, die Eltern würden sich den Todesfall nicht allzu sehr zu Herzen nehmen. Es sei ja schließlich nur ein kleines Kind gewesen. Das vergesse man leicht. »Nu ja. nu ja... So'ne große Gnade, so'ne große Güte, wo einem der Herr geschickt hat! Für das viele Geld hätte, man zwei Kinder verlieren können." Und der Mann fügte hinzu, der Pfarrer— er hatte fünfundzwanzig Mark erhalten— habe so fein gesprochen... I So fein spräche er nicht, wenn der Bürgermeister stürbe. Ueberhanpt seien sie jetzt die reichsten Leute im Dorfe, auch der Wirt habe nicht so viel wie sie. ... Acht Tage später kam der Weinhändler wieder herüber. Der Graf begleitete ihn. Der Pfarrer klagte, daß es am Abend des Begräbniötages eine fürchterliche Schlägerei gegeben habe. Das ganze Dorf fei betrunken gewesen, auch die Kinder. Der Graf zuckte die Achseln und sagte im Hinausgehen: »Da sieht man wieder, wie weise alles eingeteilt ist: Nur da ist Geld, wo es hingehört." Sie fuhren noch bei dem Ehepaar vor. Der Mann lief schnell wieder hinein und brachte etwas in Papier gewickeltes, das er dem Weinhändler gab. Eins der neuen Hühner habe am Tage vorher ein Ei gelegt, sie hätten es für den gnädigen Herrn ausgehoben, denn der gnädige Herr solle doch auch etwas von seinem Gelde haben. Herr Schmitzgen lackte unbändig. Der Mann aber fügte in entschuldigendem Tone hinzu: „Mehr hat sichS noch nicht renttert." Und als der Wagen wieder abfuhr und den Dreck der Dorf- straße aufwirbelte, stand das Ehepaar noch knixend und sich ver- beugend vor dem Hause. Dann gingen sie hinein, und die Frau sagte, mit Freudentränen in, Auge: »Hannes, ich hab's immer gesagt: Paß uff,'S kommt. Der Mensch muß bloß Glück haben." Der Laiibenkolonlft als Gärtner und Klcintierziicbtcr. Die vor einem Monat an dieser Stelle veröffentlichten Erlebniffe PrietzkeS als Bienenzüchter haben überall eine nicht ganz unberech- tigte Heiterkeit hervorgerufen. Einige Leser wollen sich, wie man zu sagen pflegt, darüber einen Ast gelacht haben, und in mehreren mir zugegangenen Zuschriften wurde ich dringend aufgefordert, Herrn Prietzke nun noch einmal als fortgeschrittenen Imker vorzuführen. Ueberhaupt hat eS den Anschein, als ob die Leser weniger von mir. umsoinchr dafür aber von Prietzke lesen wollen. Ich habe mit Prietzke über die Sache Rücksprache genommen, er hat sich aber das schadenfrohe Lachen energisch verbeten; er habe keine Lust, meinte er, sich sortgesetzt von seinen Bienen auf der Nase herumstechen zu lassen, die davon schließlich wie ein Lötkolben aussehen würde, ich solle deshalb ihn und seine Bienen, die übrigens von mir stammen, vorläufig in Ruhe laffen. Wenn die Forderungen der Leser so weiter geben, bleibt mir schließlich nichts andere? übrig, als die Abfassung dieser Berichte einzustellen und die ganze Sache Prietzke selbst zu über- tragen. Das hat allerdings insofern einen Haken, als Prietzke mit seiner harten Hand so schlecht schreibt, daß sein Geschreibsel niemand, nicht einmal er selbst, lesen kann und er außerdem, wie man sagt, kein Sitzfleisch hat, das heißt nicht fünf Minuten Ruhe halten kann. Wenn eS aber durchaus sein muß, wird Prietzke' die Artikel für die Folge selbst schreiben; statt der beiden mystischen Buchstaben Hd., über die sich schon Hunderts die Köpfe zerbrochen haben, wird man dann am Schluffs eines jeden Artikels»Peter August Prietzke, Gelbgießer" lesen. Mir kann's recht sein I Dem ungewöhnlich heißen Frühling ist ein verhältnismäßig kühler und nasser Sommer gefolgt. Prietzke hat das natürlich vor- ausgesehen, denn wenn es am Siebenschläfer regnet, so regnets nach seiner und anderer Ansicht unbedingt sieben Wochen lang täglich. Richtig eingetroffen ist das ja eigentlich nicht, aber doch beinahe, und das genügt Prietzke, denn er ist nicht nur ein unverbesserlicher Optimist,' sondern auch ein sehr bescheidener, der schließlich zu- frieden ist, wenn von all dem, was er sich wünscht, auch nur die Hälfte eintrifft. Da nach Prietzkes Ansicht Faulheit die Glieder stärkt, so hätte er sich in diesen nassen Tagen gründlich stärken können; denn die Pumpe ruhte bei ihm, und ein Meisenpärchen war sogar so frech, in das eiserne Auslaufrohr des Brunnens sein Nest zu bauen. Aber mit der Ruhe des Laubenkolonisten ist eS so eine eigene Sache, Jede Witterung, mag sie so oder so sein, bringt ihre besondere Arbeit mit sich, und der diesjährige Sommer hat uns Kolonisten und Gartenbesitzern eine recht ungemütliche Saisonarbeit gebracht, die in der Vertilgung der Unkräuter besteht. Die sogenannten ältesten Leute von Neu-Vogelsdorf, Bollersdors und Umgegend wollen sich nicht erinnern, jemals in ihrem Leben soviel üppige Unkräuter gesehen zu haben. Fast alle unsere Gartenunkräuter habendi? verteufelte Eigentümlich« keit, sehr kurzlebig zu sein, d. h. in wenigen Wochen aus dem Samenkorn aufzuwachsen, zu blühen und Samen zu reifen. Während innerhalb Berlins, wenn man etwas auf das Fensterbrett oder ans den Balkon gesät hat, immer zuerst die Polizei kommt, weil Wasser auf die Straße läuft oder die Töpfe nicht feststehen, kommt draußen in der Laubenkolonie immer zuerst das Unkraut, dann erst keinien die gesäten Kulturpflanzen. Da heißt es Jäten und Jäten! Kaum ist ein Beet rein, so zeigt es auch schon wieder eine gcschloffcne grüne Unkrautdecke. Zu Tausenden schießen diese Unkräuter auf; Prietzke sagt, das müßte Urzeugung sein, glaubt also, daß das alles ohne Samen aus der Erde herauswächst. ES kostete mich nicht wenig Mühe, ihm diese verkehrte Ansicht auszutreiben. Ich glaube, einem westfälischen Landpfarrer wird es leichter, einem seiner Beichtkinder den»Teufel auszutreiben", als es mir bei Prietzke wird, ihn von einer vorgefaßten verkehrten Meinung abzubringen. In Wirklichkeit liegt die Sache bei den Unkräutern wie folgt: der ausgefallene, durch Vögel, die gewisse Samenkörner unverdaut wieder von sich geben, zugetragene und durch den Wind zugeführte Samen keimt nicht gleich, sondern wartet günstige Gelegenheil ab. Ist ein Grundstück einmal verunkrautet, so ist der Boden mit Tausenden, ja mit Millionen feiner Unkrautsämereien durchsetzt. Beim Graben kommen diese Samen in die Tiefe, in der sie unter dem Ausschluß der Luft nicht keimen können, sich aber unter Umständen jahrzehnte- lang lebensfähig erhalten. Bei jedesmaliger Bodenbearbeitung, sei eS nun Jäten, Hacken oder Graben, kommen aus den Samenvorräten der Mutter Erde immer wieder Tausende in eine die Keimung begünstigende Lage, wodurch sich das erneute Aufschießen nach jedesmaliger Bodenbearbeitung erklärt. ES ist vielfach beobachtet worden, daß nach dem Rigolen von Garten- land plötzlich wieder Unkrautarten, aber auch Sommerblumcn u. a., erwuchsen, die seit lo— 20 Jahren nicht mehr in der betr. Gegend gesehen waren. 1903 hatte ich auf meinem Grundstück eine Unkraut- pflanze angepflanzt, die Eseldistel, die mit ihrer silbergrauen Belaubung und bei der vorzüglichen EntWickelung, die sie in kultiviertem Gartenboden erlangt, auch eine Schmnckpflanze von besonderer Schönheit ist. Diese Pflanze, zu den Korb- blütlern gehörig, und wie viele dieser flugfähige Samen besitzend, reifte und verbreitete ihre Samen. Seit dieser Zeit erscheinen alljährlich im Herbst und Frühling immer und immer wieder die Sämlinge der Eseldistel mal vereinzelt, mal in großen Mafien, trotzdem weder bei mir, noch in der weiteren Umgebung meines Grundstückes seitdem jemals eine dieser Pflanzen zur Samen- reife oder zur Blüte gelangt wäre. Die Schädlichkeit der Unkräuter ist eine vielseitige. Nicht richtig bekämpft, gelangen sie vielfach schon innerhalb vier Wochen bis zur Samenreife, während jede Kulturpflanze hierzu eine bedeutend längere Zeit gebraucht. Erstaunlich ist aber auch die An- pafiungsfähigkeit mancher Unkräuter; denn da, wo sie nach mehrmaligem Behacken selbst noch im Hochsommer keimen, durch die stark entwickelten Kulturpflanzen aber beeinträchiigt werden, bringen sie es fertig, trotz unvollkommenster EntWickelung noch Hunderte und Taufende von Samen zur Reife zu bringen. Ich erinnere hier nur an die den Melden nahe verwandten Gc rsefüße, Lbsnopodkrm, mit meist graugrüner Bclaubung. Es sind einjährige Pflanzen, die in gutem Boden, namentlich auf Kartoffeläckern, wenn sie ungestört wachsen, ineterhoch"und höher werden, aber auch in» Schatten der Kulturpflanzen, in dem sie schließlich nur 3—3 Zenti« meter Höhe erreichen, als solche Krüppel blühen und in unglaublicher Weise fruchten. Ein ebenso schlimmes, sich riesig vermehrendes ein» jähriges Unkraut ist ein Hirsegraö, das sich da, wo ihm Licht und Lust fehlt, flach auf die Erde legt und hier stenifonmg nach allen Seiten ausbreitet. Wenn einige wenige dieser Pflanzen zur Samen- reife gelange», hat man durch Jahre hindurch einen erbitterten Kampf dagegen zu führen. Unser märkisches Land hat seine ganz besonderen Unkraut- spezialitäten. Es ist dabei als Glück zu bezeichnen, daß nicht alles das, was ans Eisenbahndämmen und auf Oedländereien wächst, in den kultivierten Gartenboden übergeht. So ist die auf öden Sand- flächen häufige schlanke, gclbblühcndc Königskerze, die sich übrigens auch als Schmnckpflanze nicht übel macht, ein seltenes Garten- unkraut, ebenso die große gelbblühende, zweijährige?!achlkerze, die stets den Eisenbahndämmen folgt und jetzt auf diesen gegen Abend überall ihre flach geöffneten ockergelben Blüten entfaltet. Manche unserer gefährlichsten Unkräuter verdanken wir der neuen Welt, aber nicht der Rixdorfer, von wo sie uns niit Getreide- sendnngen zugeführt worden sind. Zwei solcher Pflanzen sind das kanadische Vcriisskraut(Erigeron canadense) und das Franzosenkraut jlZalirisago parvifolia). Der populäre Volksname des letzteren stimmt eigenllich nicht; im Volke glaubt man, es sei aus Frankreich gekommen, während es in Wirklichkeit in Peru einheimisch ist. Alle diese einjährigen Unkräuter bekämpft man an, besten durch fleißiges Behacken. Um aber alles gut behacken zn können, ist es eine Notwendigkeit, nicht brcitwürfig zu säen, sondern überall Reihen- saat und Reihenpflanzungen anzuwenden. Der Raum zwischen den Reihen läßt sich dann leicht mit einer Hacke unkrantfrci halten, und nur die Uukrantpflanzen, die direkt in den Saatreihen stehen, muß man mit der Hand jäten, d. h. ausziehen. Letzteres ist eine mühe- volle Arbeit, zu der man sich fortgesetzt bücken muß, und die äußer- dem die vierfache Zeit des Behäckens in Anspruch nimmt. Es kommt aber nicht nur darauf an, mehrmals zu behacken, sondern diese Arbeit auch immer zur rechten Zeit auszusühren, d. h. dann, wenn die jungen Pflänzchen noch im Anfangsstadium stehen. Man verhütet dadurch erneute Aussaat der Unkrautsämereien, das Aussaugen des Bodens durch die Unkräuter und erleichtert sich die Arbeit ganz erheblich. Wird das Behacken. wie es in der Regel geschieht, erst dann vorgenommen, lvenn der Samen reift, zum Teil in alle Winde zerstreut ist, so wird die Plage trotz aller Arbeit von Jahr zu Jahr größer. DaS gehackte, zu weit entivickelte Unkraut kommt auf den Komposthaufen, den man dadurch mit Milliarden von Unkrautsämereien durchsetzt, die nur dann abgetötet werden, wenn der Komposthaufen einen beträchtlichen Umfang erreicht, denn nur in diesem Falle erhitzt er sich so stark, daß die Hitze die Samen tötet. Im andern Falle bleiben sie lebensfähig und werden mit dem düngenden Kompost wieder auf das Kulturland gebracht. Auch unler Obstbäumen, die keine Unterpflanzungen haben, muß man fleißig hacken. Hier kann mau sich die Arbeit unter Umständen durch eine kleine Maschine, die Doppelradhacke, erleichtern. Nach getaner Arbeit, die möglichst immer bei trockenem Wetter auszuführen ist, empfiehlt cS sich dann, abends die ganze Fläche unter den Bäumen gründlich abzuharken, wodurch man noch eine Unmenge losgchackter Unkrautpflanzen beseitigt, die in vielen Fällen auch dann weiter wachsen würden, wenn sie ganz unter die Erde gekommen sind, ja selbst lvenn sie auf der Erde und auf dem Gesichte, d. h. mit den Wurzel» nach oben liegen. Von bösen ein- jährigen Unkräutern unserer märkischen Streusandbüchse sind noch Hederich, der Spörgel, die Brennessel, Wolfsmilch und verschieden- artige Disteln zu nennen. Schlimmer noch als die einjährigen, sind die ausdauernden Un« kräuter. Häufig ist unter ihnen eine Ampferart(Eurnex AcetoseUa), die kleine Roselten bildet und ihre Wurzelfäden weithin unler der Erdoberfläche hinweglaufen läßt, aus denen sich dann immer in gewissen Abständen neue Pflanzen entwickeln, ähnlich wie bei den Erdbeerranken, aber in viel ausgedehnterem Maße. Von den ein- jährigen Ackerunkräutern, wie Kornblume, Kornrade und Klatsch- mohn, geht selten eines auf den gärtnerischen Kulturboden über, von den ausdauernden aber die Quecke, ein böses Gras, von de», jedes Wurzelstückchc» wciterwächst, die Ackerwinde und der Schachtelhalm. Die ganze Wurzelbrut der Onccke hebe ich, wo sie auftrilt, niit einer Grabgabel sorgfältig aus, schüttele die Erde ab, um danach sämtliche Wurzelstückchen sorgfältig zu sammeln und zu verbrennen. Die Acker- winde, die mir durch Jahre viel zu schaffen machte, habe ich schließlich durch fortgesetztes vorsichtiges Ausziehen der Triebe. da« ich immer und inimer wiedcrboite. sobald sich ihre Triebbüschel über dem Boden zeigten, fast vollständig ausgerottet. Sie werden durch diese allerdings mühevolle Maßnahme schwächer und schwächer, um schließlich im eigenen Safte zu ersticken. Der Schachtelhalm zeigt sich vorzugsweise aus Moorboden und da er sehr tief im Boden wurzelt, ist seine Ausrottung außerordentlich schwierig: sie tvird durch tiefes Graben, fleißiges Behacken und durch Kalkdüngung be- günstigt. Auch die Vogelmiere, deren Triebspitzen nicht nur von Zimn, ervögeln, sondern auch vom gesamten Hausgeflügel gern ge- treffen werden, ist in märkischem Sand, namentlich in feuchten Jahren eines der lästigsten Unkräuter, das ebenso wie gewisse Kreuzkräuter und Gräser fast zn keiner Zeit im Jahre ruht und in milden Wintern wie dem verflossenen unaufhörlich iveiter wächst. Zum Schlnsie sei noch auf ein einjähriges. Beeren tragendes Unkraut hingeiviesen, das dann, wenn cS einmal seine schwarzen Beeren reifte und fallen ließ, nur mühevoll zu bekänchfcn ist. Es ist der schwarze Nachtschatten, der, obwohl er mit der Kartoffel und der Tomate der gleichen Pflanzcnfamilie angehört, als giftig ver» ' tverantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: schrien wird. Neuerdings hatte ein amerikanischer Pflanzenzüchter. der sich so gern Pflanzenzauberer von Santa Rosa nennen läßt, die Unverschämtheit, diesen Nachtschatten unter dem Namen „Wuiiderbeere" als neue eigene Züchtung in den Handel zu geben. Taufende gingen diesem geriebenen Geschäftsmann auf dem Leim, um zn spät einzusehen, daß sie für teueres Geld ein gemeines Unkraut erworben hatten. Tatsache ist, daß in der südrussischcn Steppe diese angeblichen Giftbeeren von der ländlichen Bevölkerung, entsprechend zubereitet, genossen werden, und daß nach meinen Beobachtungen auch zahlreiche Singvögel die schwarzen Beeren mit gutem Appetit verspeisen. Die Samenkörner sind steilich für den Vogclmagcn unverdaulich, und dadurch erklärt sich das Auf- treten der Pflanze, die sonst am liebsten auf Schutthaufen wächst, in den Gärten. Wenn die Pflanzen, die wir pflegen, die Kulturgewächse, ge- deihen sollen, dann ist die fortgesetzte und sachgemäße Bekämpfung der ungebetenen Unkräuter, die ungerufen kommen, und ohne euer- gische Maßnahmen nicht wieder vergehen wollen, eine unabweisbare Notwendigkeit._ Hd. Kleines feuilleton» Tie Religion der Chinesen, Die religiösen Anschauungen sind wohl das konservativste Element in der menschlichen Kultur und da- her für die Rekonstruktion des menschlichen Entwickelnngsgangeö von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Ueber die Religionen fremder Völker war man nun bislang wenig unterrichtet, man faßte sie zu- sammen unter dem Sammelbegriff.Heidentum" und überließ eS vielfach ausschließlich den Missionären, damit sich auseinanderzusetzen. Erst in jüngster Zett haben eingehende Studien stattgefunden, die uns die Verhältniite in einem ganz anderen Lichte erscheinen lassen und auch überraschende Einblicke gewähren in den Zusammenhang zwischen Religion und Wirtschaftsleben. So bestand, wie der vor kurzem verstorbene Berliner Professor Wilhelm Grube in einem aus dem Nachlaß herausgegebenen Buche.Religion und Kultus der Chinesen" sVerlag Rud. Haupt, Leipzig 1910) ausführt, bisher allgemein die Ansicht, daß in China drei Religionen sich in die Herrschaft teilten, die an die Stifter Konfutse, Laotse und Buddha anknüpften. Diese Meinung ist nach Grube durchaus irrig. Wir müssen vielmehr unterscheiden eine politische Staat?- religion und einen volkstümlichen Ahnenkultus; Weiterbildungen des letzteren sind dann Taoismus und Buddhismus in den heutigen Formen. Im Altertum sind die Staatsreligion und der Ahnen« knltuS am schärfsten ausgeprägt. Die Staatsrcligion beruht auf einer Verehrung von Naturgeistern, an deren Spitze als der .höchste Herr" Shang-ti, der.Herr des Himmels" steht, dessen Stell- Vertreter auf Erden der Kaiser ist. In dessen Händen liegt ans- schließlich der Kultus; und nur in seiner Vertretung sind die Lchns- fürsten und Beamten zu religiösen Handlungen berechtigt. Eine besondere Priestcrkaste gibt es nicht, vielmehr ist die Ansübuug der pricsterlichen Funktionen ein Vorrecht der regierenden Klaffen. Die Inhaber der Regiernngsgewalt sind die einzigen Kulmsberechtigten, und zwar stehen die priesterlichen Funktionen nach Umfang und Bedeutung in einem festen und streng geregelten Verhältnis einerseits zu dem Range und der staatlichen Wirkung?- sphäre ihres Trägers, andererseits aber auch zu dem Range und der Stellung der Geister oder Gottheiten, denen sie gelten. Für die große Masse des Volkes sind diese Gottheiten unnahbar und unerreichbar, sie ist von jeglichem direkten Verkehr niit ihnen durch Opfer oder Gebet einfach ausgeschlossen und nimmt überhaupt keinen Anteil am öffentlichen Kultus. Zwar steht auch das niedere Volk unter dein Schutze der Götter, aber es genießt ihren Schutz nur durch die Ver- mittclnng und auf Fürbitte der Obrigkeit. So bietet diese Religion das getreue Spiegelbild der gewohnten irdischen Umgebung der Chinesen, gleichsam die transzendentale Projektion des irdischen Staalsivesens. Daraus ergibt sich aber, daß sie ctivaS Sekundäres ist; denn sie setzt die Existenz eines fcriig organisierten Staatswesens mit einer monarchischen Spitze und einer wohlgeglicderten Beaintenhicrarchie voran? und mutz auf einen älteren Zustand sich zurückführen lassen, in dem diese Verhältnisse noch nicht bestanden. Diesen alteren Zustand repräsentiert die eigentliche chinesische Volksrcligion, dcS auf dem uralten Scelenglauben beruhenden A b n c n k u l t u s, der ja seinem Wesen nach auf die Träger eines gleichen Geschlechtsnamens bc» schränkt bleibt, mithin noch keine Staatsgemeinschaft, sondern nur eine Geschlechts- oder StammeSgenoffenschast zur Voranssctznng hat. Der AhnentultuS ist sozusagen die prähistorische Entwickelungs- Phase der chinesischen Staatsreligion. Er entstand wohl in der Art. daß den Seelen derer, die bei ihren Lebzeiten etwa als Aclteste oder Häuptlinge an der Spitze von Geschlechtsverbändcn standen, enisprechend höhere Ehren zuteil wurden und sich so mit der allinählichen gesellschaftlichen Eni« Wickelung auch eine Art Auslese im Geisterrcich vollzog. Je mehr einzelne soziale Gruppen und Verbände in den Vordergrund traten. um so höher mochten auch ihre verstorbenen Repräsenranten inner- halb der Hierarchie der Geisterwelt an Rang und Ansehen steige», bis endlich nach erfolgter Einsetzung der monarchischen Gewalt deren verstorbene Inhaber auch in der Monarchie der Geister die höchsten Stellen einnahmen._ Vorwärts Buchtruckere» u.Vtrt«g«anstall Paul Srngec üit«,o..Beruu p W.