Antcrhaltmigsblatt des Vorwärts Nr. 166. Donnerstag, den 11. August. 1910 2öj lliaqdrua verSote».! Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. 2. Drei Tage lang geht es mit dem Philipp herum, daß er der Mutter einen Vorwurf gemacht hat. Drei harte Tage. Und kaum hat er's vergessen, da fällt's ihm wieder ein. Und dann, wenn's ihm einfällt, geht ihm ein Zucken durch die Glieder und ein Schmerz läuft ihm übers Gesicht, daß es ihm einen Augenblick lang in lauter Falten erstarrt. Dann zwingt er's wieder hinunter. Der Flieder ist wirklich aufgeblüht und alle Büsche hän- gen von schweren Trauben voll. Die Luft ist voll von dem süßen Wohlgeruch. Und der Philipp riecht die Veilchen um die Eulenmühle daheim, und riecht das Gras in den Wiesen und die Triebe der Weiden und die bitteren Blätter der Pappeln. Das erfüllt ihm die Gassen des Städtchens und erfüllt ihm die Stube und das Schulzimmer und läuft in ihm um, wie eine Ameisenschar, mit hunderttausend gefchäftigen kleinen Füßen, die auf den verstecktesten Nerven prickeln. Es ist Mai— die Kirschbäume blühen, und bald blühen auch die Akazien, und dann wird's Pfingsten. Dann ist der Himmel blau und straff wie Seide— und dann sind alle Tauben weiß. Der Kuckuck ist unermüdlich im Walde— und drüben im Hotelgarten schlägt eine Amsel. Da steht eine hohe Tanne, gerade wie in der Lisbeth ihrem Garten— und darauf singt die Amsel. Es klingt über die Dächer und über die Gärten, es klingt hoch und in die Höhe. Die Birken sind grün, die Buchen haben helle Blättchen bekommen, die Eichen tragen noch braunes Laub, aber es sprießt auch schon aus ihren Knorren heraus. Die Pulsatillen blühen schon am Hügel, im Walde stehen die weißen Anemonen wie lauter weiße Jungfräulein, die zur Hochzeit geschmückt sind und auf ihren lieben Liebsten warten. Und allnächtlich kommt er zu ihnen und küßt sie, eine nach der anderen, und am Morgen sind sie noch ganz schwer von seinen Küssen, und sie lassen die Köpfchen hängen, und von feinen Küfsen blinkt der Tau in ihnen. Der lose Lenz. Ins dichte Laub der Maiglöckchen schlüpft er hinein, und da und dort lockt er ein weißes Fräu- lein aus seinem Versteck heraus, daß es tag- und taglang fein Lob läute— sein Lob und seine lustige, lachende, lautere Liebe. Und das Eichhorn springt von Ast zu Ast— und die Aeste knacken— und das welke Laub raschelt so merkwürdig in den Wegen. Was will nun noch das welke Laub. Das grüne will sprießen. Wenn man auf der Höhe steht, faßt man die Brust an beiden Seiten und atmet. Das ist so voll und stark, dies Atmen auf der Höhe. Die Pflüge gehen über die Aecker— und die Pferde tän- zeln. Zwei nebeneinander, das ist ein Schaff. Den Teufel haben sie im Leib. Sie schlagen und beißen einander, und die Furchen werden krumni. Und dann wiehern sie. Und wenn sie stehen, wiehern sie übers Land. Dann kommt gleich eine Antwort. Von weither tönt die Antwort eines Hengstes herauf. O, so auf der Höhe, wenn der Lenz seinen blanken Thron da aufgeschlagen und mit lächelndem Gesicht und starker Hand das Land beherrscht! Wenn es ihm ein Teppich wird, darin jeder Tritt von ihm ein buntes, leuchtendes Muster abge- geben! Den Hut in die Luft— und einen Schrei aus der Kehle. Und das ist Glück— und dos ist.Jugend! Hoch ist der Himmel, und weiße Wölkchen schäfern schwei- gend über ihn hin. Philipp hat sich tüchtig ausgelaufen die lebten Tage. Es ist ein unbändiger Bcwegungsdrang in ihm. Immer hinauf in die Höhe, frei sein! Nicht Gewicht, nicht Fessel, nur Leichtigkeit. Strebende, steigende, eilende Leichtigkeit. Dann sitzt er daheim in seiner Stube und fühlt sich noch tausendmal bedrückter. Es ist ein Wehen und Wirbeln um ihn herum, er möchte sich davon erfassen und davontragen lassen— aber er ist zu schwer dazu, und er ist festgebunden. Es will alles in der Welt einen ruhigen Gang und einen festen Schritt haben. Ja, ist das wahr? Dann sollt's doch nie Frühling sein, dann sollt's doch keine Jugend geben. Ev ist jung, er fühlt's— und er will sich nicht einzwingen und festbinden lasten. Aber er muß es. Täglich muß er's. Morgens schlägt die Glocke und kommandiert ihn. Und jede weitere Stunde schlägt sie und kommandiert ihn. Unweigerlich muß er ge- horchen. Ist das nicht zu dumm? Kann da nicht ein Mensch dabei zugrunde gehen? Dienst!„Des Dienstes ewig gleich- gestellte Uhr!" Du Dichter! Schulmeister und geschulmeistert — nicht aus dem Geschulmeistertwerden heraus kommen. Für wen das gut ist— nun wohl, der mag's' ertragen. Wer's nie anders wußte, der mag's ertragen. Wer darin Er- füllung sieht, der mag's ertragen. Ihn, ihn bringt's um. Er denkt, er ist auf dem Wege, sich kennen zu lernen. Aber er denkt auch, daß er keine besondere Freude daran habe. Ganz und gar nicht. Es ist ziemlich betrüblich, was er von sich denkt. Wo soll das hinaus? Was hilft's, sich an den Dingen zu stoßen und immer gegen Mauern zu rennen? Er muß sich einrichten, muß sich fügen. Er muß! Herrgott, immer und ewig dies gottverdammte Muß. Das ist die Hütte, die Armut, die Herkunft. Da wird einem gestattet, seinen Kopf ein wenig oben die Dachluke heraus» zustrecken und drei Häuser weiter und über ein paar Dächer zu sehen, mehr als die anderen, aber dann baut der Nachbar sein Haus noch einmal so hoch, und die ganze Aussicht ist versperrt, und man ist noch ärmer, als man vorher war. Wie ihn die Urpädagogen auch duckten, er schimpfte auf die Schulmeistern. Für sein pädagogisches Examen zu stu- dieren, das fiel ihm gar nicht ein. So weit Kulturgeschichte und Psychologie in der Pädagogik stak, gut, wollte er sich damit abgeben � aber dann nicht nur ein bißchen zu einem lumpigen zugestutzten Examenwissen daran herumnaschen, um Antworten parat zu haben. War denn das Wissen: Antwor- ten parat haben? Und dann noch die Unterrichtsregeln! Ne- geln sollte er an Kleinen anwenden und wehrte sich selbst so gegen Regeln und kam sich vor wie ein Pferd am Pflock, das an seinem Strick reißt und zornig ins Gras hineinbeißt und wieder beißt und doch gar nicht fressen mag. Denn es will los sein und springen. Leise dämmern die Hügel der Heimat. Wie war das frei alles, daheim! Das bißchen Schule, pah— dann aber hinaus! Und sich selbst gehen lassen, links einen Sprung, rechts einen Sprung. Narreteien und Ausgelassenheiten, daß der Mutter manchmal die Tränen liefen. Nun fiel es ihm auch ein, das Schimpfwort.„Danz doch!" Wie's ihn jetzt freute! Jawohl: tanz doch! Aber nun war der Fuß nicht mehr leicht. Nun war ihm Blei in die Stiefel gegossen. Tanz doch— nun: tapp doch! Was waren das all für Tappmenschen I Und zu ihnen gehörte er nun! So einer mußte er nun auch sein. Er legte sich selbst seinen neuen Schimpfnamen bei, den er sich selbst zurief: Tappdoch! Die Schwalben draußen, die am Fenster vorbciflitzten, die Sperlinge, die schilpten, die Tauben, die ins Feld hinaus flogen— trotz Verbot— und er saß da und—„bereitete sich vor". Wie er morgen am besten das Einmaleins erklärte, wie er das Lesestück zergliederte, wie er ein Gedicht in Häcksel hackte.... „Tappdoch!" Er zwickte sich ins Bein. Weh sollt's tun. Er bereitete sich weiter vor. Heimatkunde: Quelle, Bach, Ufer, Gefäll, Lauf, Mündung, Fluß, Strom, Meer. Geistreich. Und das in einer Schulstube. In den vier Wänden einer Schulstube. Sie sollten ihn die Kinder mit hinaus nehmen lassen ins Freie— hinaus in den Frühling— er würde ihnen alles erklären— Quelle, Bach, Ufer, Gcfäll, Lauf und noch viel mehr. Noch tausendmal mehr. Alles, was darin klingt und singt, was der Frühling macht, was der Sommer nimmt, was der Herbst ändert und was der Winter vernichler. Dle - 618— Wolken, die wandern, und die Wellen, die nicht ruhen, der Schaum, der spritzt, und die Tropfen, die perlen. Der alte Krafst. Nein, der alte Krafft verlor ganz die Bedeutung für ihn. Wäre er hier, er gehörte wohl auch zu den Urpädagogen. Er wäre wohl nicht so geschmacklos, wie Georg, der Eiferer, auch nicht so leer wie Heinrich, der Schmerzensreiche, aber wichtig wäre er wohl auch, wie's alle Schulmeister sind. Nur das war ein großer Eindruck, wie er auf dem Toten- bette lag. Eine gemeißelte Gestalt— in ewiger, schwerer Ruhe. In einem schweigenden Sinn ganz Größe. Nein, der alte Krafft war Wohl doch ein anderer. Wer so auf dem Toten- bette lag, der war ein anderer. Philipp dachte, seine Unruhe durch Lektüre zu bannen. Er las Goethe. Aber das half nicht. Er fühlte nur stärker sein Kleinsein. Er lief vor dem Riesen auf und nieder, wie eine Maus vor einer Pyramide. Und krabbelte auch manch- mal ein wenig an ihm hinauf. Nein, der erdrückte ihn. Goethe mußte er beiseite lassen. Dann brannte er morgen durch, wenn er den las. Nun war's wieder ruhige Nacht geworden. Man hörte die Telegraphendrähte vorm Fenster summen. Im Gefühle seines Kleinseins hatte sich Philipp in einen tüchtigen Hochmut hineingedacht. Nun kam der Umschlag. Er dachte an die Mutter. Sie hatte es doch gut gemeint. Nicht besser verstanden, aber gut gemeint. Konnte man's wissen, ob er zu was anderem besser tauge, ob's sich gelohnt hätte, noch Geld an ihn zu hängen? Das konnte man ja doch nicht wissen. Er war ein armer Teufel und mußte froh sein für das. Noch einmal hinein in die Gedanken:— Tappdoch!— aber dann. nein— ja, dann, war's gut. Er mußte sich nur auf die Hosen setzen und arbeiten. Dann etwas werden. Der Weg war ihm ja gar nicht verschlossen, es hing nur von ihm ab. Er war dumm, er hatte unrecht. Draußen summten so fein die Telegraphendrähte. Ein leiser Wind strich am Fenster hin. Oben auf dem Speicher über der Stube hörte man die Mäuse laufen. Er saß da und lauschte auf sein Blut, das ihm hell in den Schläfen sang, wie wenn ein scharfer Stahlstift wo klänge. Da wurde ihm weich ums Herz, und er dachte beständig an die Mutter, dachte, wie unrecht er habe mit seinen Ge- danken und Ueberhebungen. Er machte sich dahinter, ihr einen Brief zu schreiben. Er schrieb ihr zärtlich und gut. Ein bißchen schwärmerisch, wenn er seine Gefühle ausdrückte und seine Erinnerungen aufweckte— und wenn er seine Zukunft berührte. Ja, da wurde sie ihm unter den Fingern ganz licht und hell— und so gut für die Mutter, so schön für ihr Alter. Dann schrieb er ihr all die kleinen Dinge, die sie wissen wollte, um die sie besorgt war. Ob seine Strümpfe noch ganz wären — und ob er seine Hemden und Kragen auch nicht verdorben kriege— und ob er auch nicht in schlechte Gesellschaft geraten sei— und ob er auch nicht trinke— und all das. Er erzählte ihr dann: „Montag hatten wir Koteletten und gelbe Rüben und abends gab's Leberklöße. Vor Pfingsten, sagt Frau Frank, könne man noch gut Sauerkraut efscn, nach Pfingsten bekäm's Würmchen. Der Onkel Wolff hat Fische von Hamburg oder so wo an der See kommen lassen, und nächste Woche will er einen Karpfen bestellen und in Bier kochen. Ich glaub, ich kann das nicht essen. Aber in Norddeutschland soll das Nationalgericht sein. Ich finde, es paßt zu Norddeutschland. Da ich aber ein Süddeutscher bin und auch einer sein will, so bin ich mißtrauisch dagegen. Ich bin mißtrauisch gegen alles, was aus Nordeutschland kommt. Nur mit dem kleinen Herz war das eine andere Sache. Es ist schade, daß die Herze wieder nach Preußen gezogen sind; sie waren so ordentliche Leute, daß sie bei uns hätten bleiben können, und sie haben auch gut zu uns gepaßt. Auch der Herr Wolff hier, den wir Onkel nennen, ist ein guter Mensch. Er gefällt mir eigentlich von allen Menschen am besten hier. Am Mittwoch haben wir Schweinefleisch gegessen. Das ist immer mein Fasttag, wenn's das gibt. Ich habe mir Lim- burger Käse gekauft und für dreißig Pfennige auf einmal richtig aufgegessen. Morgens nehme ich mir ein Brötchen mit. Ich bekomm immer so einen argen Hunger um zehn Uhr herum. Ich trink jetzt auch Kaffee morgens. Der Kakao hat mich zu hartleibig gemacht. So, Ihr habt einen neuen Kaplan? Du wirst aber des- halb nicht mehr in die Kirche gehen. Ich muß jeden Sonntag- morgen drin sein und die Aufsicht führen. Und ich tät Sonn- tags am liebsten ausschlafen oder früh in den Wald gehen. Frühschoppen trink ich Sonntags manchmal, aber ich bekomm immer Kopfweh drauf. Was will denn die Emilie in der Kochschule? Was die einmal für den Franz zu kochen hat, kann sie daheim lernen. Ich hätt' das am Franz seine Stelle nicht gelitten. Sag mal, blühen der Stangin ihre Rosen schon? Und hat der Aeges wirklich den Veitstanz gehabt? Und ist der Hintereingang von Seiberts Garten richtig zugemauert worden? Na, Pfingsten komm ich. Grüße die Felder und die Wiesen, die Wingerte und die Eulenmühle und alles, was schön bei uns ist und auch was garstig ist! Weißt Du, wie ich mich genannt habe, liebe Mutter? „Tappdoch I" statt„Tanzdochl"— Er schrieb mit einem großen Schwung seinen Namen drunter. Nun hämmerten seine Pulse in den Schläfen wie ein paar glatte Hämmerlein, die das Schlagen nicht müde wurden. Die Nacht war mild und gut und sang ihm bald ihr Wiegenlied.-- Fortsetzung folgt.)! Das wahre Geficht. Aufzeichnungen eineS Arbeiterkolonisten. (Schluß.) DaS ist kein Leben in Hoffnungstal, daS ist ein elendes, tierisches Dahinvegetieren. Man steigt morgens wie in einer schweren Dumpfheit von seinem Lager, tröstet mechanisch an seine„Arbeit", legt sich wenn möglich stundenlang auf den Bauch, erzählt den aufhorchenden„Brüdern" gruselige Geschichten von „draußen", läßt sich dafür mit stammen Bibelsprüchen traktieren, um endlich abends in derselben Dumpfheit und Stumpfheit in sein Lager hineinzufallen. Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat,... schließlich Jahr um Jahr--* So, nun habe ich meinem Herzen Lust gemacht und alles nieder- geschrieben, was sich in diesen drei Tagen an Aerger, Groll und Verbitterung in uns angesammelt. Wie ich die Bogen langsam zusammen» falte und mit einer übermäßigen Zärtlichkeit darüber hinstreiche, kommt einer der Kolonisten und klopft mir vorsichtig auf die Schulter. Er hat mich die ganze Zeit über beobachtet und sucht nun nach Worten, um ein Gespräch anzufangen. Endlich bricht er los und ich meine zu sehen, daß es in seinen Augen gewittert:.Du hast wohl noch eine Liebste, der Du schreiben kamist?" Eine Liebste I Das ist eS. Diese Aermsten der Armen haben ja keine Menschenseele mehr, an die sie sich wenden, der sie ihr Herz ausschütten könnten, die ihnen auch glauben— und vielleicht die Möglichkeit eines EmporkommenS böte. Es find„Verlorene", wie der„Bürger" so schön sagt. Es find seit meiner Aufnahme wohl schon vier Wochen der- strichen und ich habe mich in den allgemeinen„Kolonisten-Trott" bereits so gut cingesiigt, daß ich sogar zu faul bin, auch nur morgen? mein Bett einigermaßen anständig zu machen. Ich bin mit meinen neuen Freunden rasch bekannt geworden, habe ihr Vertrauen und kann ruhig versuchen, sie auszuhorchen.„Du," sage ich zu einem, „warum macht Ihr so wenig Gebrauch von den Zeitungen, die in den Baracken ausliegen. Ihr lest sie nicht und konntet Euch doch um Stellen bewerben." Er betrachtet mich von oben bis unten und meint dann mit mitleidigem Geringschätzen:„Du bist wohl„doof"; bis wir kommen, find doch die Stellen alle weg. Und überhaupt sich von HoffnungStal bewerben, kein Mensch nimmt Dich und wärst Du der beste Arbeiterl" Ich muß ihm in allen Punkten recht geben, aber ich forsche weiter. „Warum benützt Ihr nicht die Gelegenheit, Euch weiterzubilden, indem Ihr gute Bücher aus der AnstaltSbibliotbek entlehnt? Zhr habt da die Klassiker, habt populär-wissenschastliche Werke, eintge gute Zeitschriften— warum wollt Ihr nicht wählen? Mein Freund würdigt mich keiner Antwort. Ich verstehe und gebe sie mir selber. Die Leute da draußen find ja schon zu„dösig" und.stierig" geworden, fie können keine Seite gute« Deutsch mehr lesen, keinen Satz belehrender Abhandlung.„Daheim", die.Garten» laube",„Ueber Land und Meer", die„Woche", das sind ihre Lieb» linge, darüber können fie Gonntagnachmittags stundenlang fitzen und „Bilder",„Bildcrchens" besehen und brüten.— Freiligroth, der Dichter de§ Zornes, ist in der Bibliothek ganz seltsamerweise ver- treten, auch Ada Negri mit ihren glutvollen„Stürmen"— aber wer liest fie? Sie find noch nicht einmal aufgeschnitten. Und wieder fühle ich Verbitterung in mir auffteigen, und ich möchte eS hinausschreien in alle Lande: Das ist ja kein Leben, kein Leben in HoffnungStal— daS ist ein elendes, dumpfes, tierisches Dahinvegetieren in einer Sticklust, die den Stärksten zugrunde richtet.— Es fehlt ja alle«, was leben- und kraft- weckend fein könnte: Ermunterung, Wechselseitiger Weit- BettetB, offenes Streben. Ehrgeiz. Und eines, eine» fehlt vor allem: die F r e u d e I— Da ist wohl auch ein Pastor, der allsmmtagS feine Predigt hält und gar noch wochentags einen.Bibelabend'— aber was ist denn immer und immer wieder seiner langen Reden kurzer Sinn?— Sünde, Fluch, Verdammung— und Alkohol. Leere Worte und leerer Schall— ein notwendiges Nebel, das man über fich ergehen lasten muh. Man sagt, im Namen der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit, des Mitleids sei diese Stätte errichtet worden. Im Namen jenes Nazareners, der da sprach:.Ich bin gekommen zu den Armen, Elenden und Gefangenen— und zu ihnen zuerst I'— Ich lese § 1 der Aufnahmebedingungen:.Durch die Aufnahme erwirbt der Be �reffende keinerlei Rechte und Ansprüche an die Anstalt.' Ich frage: Wohin hat fich in diesem Satze das Mitleid verkrochen? Brutaler kann auch der hartherzigste Arbeitgeber feine wirtschaftliche Macht und lleberlegenheit nicht aus- nützen. In den'regelmShig erscheinenden Bettelbriefen wird immer in wahr« hast überzärtlicher Weise von den»lieben Alten' gefaselt und von dem idyllischen Leben, das fie in ihrem Gnadental führen. Warum er- wähnt man mit keiner Silbe die Tatsache, daß diese.lieben Alten' ihre Unfall-, Invaliden- oder Altersrente der Anstalt überlasten, oder dah mindestens von anderer Seite für fie Pflegegeld bezahlt wird? Ein 68 Jahre alter Veteran von 1370/71 bekam.monatlich 10 M. Ehrensold. Der Ehrensold ist eine Unterstützung für Veteranen, die ein jährliches Einkommen von weniger als 600 M. haben und wird bis zur Höhe von 120 M. jährlich gezahlt. ES war wohl angefragt worden, ob der alte Mann auch hier der Unterstützung bedürftig sei. Der Hausvater stagt den Veteranen: .Wollen Sie den Ehrensold der Anstalt überlasten?'—.Nein, ich bin hergekommen, um mir ein paar Mark zu ersparen; ich stehe draußen alleine und brauche also das Geld I'—»Ueberlassen Sie uns wenigstens die Hälfte.'—.Nein!'—.Dann können wir es nicht befürworten I' Mit diesem echt christlichen Bescheid war die Unterredung zu Ende. Der Regierungspräsident von Potsdam war anständiger als der Hausvater und beließ dem alten Manne die Unterstützung. Wie.gnädig' handelt die Anstalt an den auf Kommando Arbeitenden, an Leuten, denen fie doch eine Wohltat erweisen will und dabei— o heilige Einfalt— selbst Geld verdient! 60 Pf. erhalten diese Armen, die sich tagsüber bei einem Bauer abgeplagt haben, gutgeschrieben, der selbst- verständlich stattlichere Rest fließt in die Anstaltskaste. Will es die Stadt Berlin ableugnen, daß fie unter 2,50 Mark täglich keinen Arbeiter aus der Kolonie gestellt bekommt? Und 50 Pf., sage und schreibe.fünfzig Pfennig' wagt man diesen Be- dauernswerten als schließliche Entlohnung anzuschreiben! Im Namen der Nächstenliebe, der' Barmherzigkeit, des Mitleids sei diese Stätte errichtet worden. Schön— aber ich frage: w a S ist heute, nach noch nicht fünf Jahren, daraus geworden?— Ich laste den Blick über meine Gefährten gleiten und spreche in meinem Innern: Ja, wenn je Mitleid und Erbarmen am Platze war, so bei euch! Ihr habt keme Familie, kein Heim, seid arbeits- und obdachlos, krankt an dem Fluche eurer Armut und wohl gar an jenem größern eures SträflingtumS I Ich denke an jenen andern, der auch.nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegen sollte'. Wäre sein Erbarmen mit euch je soweit gegangen, euch diese Stätte zu be« reiten, damit ihr hier noch ganz verkommen könnt? Hätte nicht vielmehr sein Erbarmen anders zu euch geredet? O, jener Nazarener hat noch viel schönere Worte gesprochen als fie hier immer mit selbstgefälliger Eitelkeit vorgewogen werden. „Das Reich Gottes gehört den Stürmern! Habt ihr gehört? Stürmer sollt ihr sein, Menschen, die alles Starke und Kraftvolle, das in ihnen noch ungebrochen lebt, ans Licht fördern und pflegen, die den Mut haben zu einem entschlostenen Nein l und nicht länger daS Joch ihres Sklaventums tragen wollen l Stürmer. die an die Zukunft glauben, an den Sieg ihrer Ideale, an fich selbst und sonst an nichts I' Mein Blick gleitet wieder über meine Gefährten und ich lächle. War das nicht eben auch eine Predigt tauben Ohren, wie sie jener Pastor allsonntags hält! WaS ist aus euch geworden und was aus jener Anstalt, die einst gegründet wurde, um Heruntergekommenen wie euch, Elenden wie euch das Emporkommen zu ermöglichen? Das wahre Geficht?— Ihr seid Feige. Müde, Kranke, die sich fürchten vor dem Leben, die schmeicheln und fich demüttgen, verstellen und erniedern bis zur Unmöglichkeit, nur um nicht wieder hinausgeworfen zu werden in jene Welt, in der zu behaupten euch die Fähigkeit verloren ging. Ihr seid krank hierher gekommen fcnit dem ehrlichen Wunsch, zu ge« sunden. Und ihr habt solch einen guten Arzt gefunden, daß er euch gleich vollends tötete. Eure Krankheit spürt ihr nun steilich nicht mehr, aber gesund... Und die Anstalt, die diesen westlichen Arzt Besitzt? Die den Aermsten noch daS bißchen Mark aus den Knochen saugt und ihnen dafür ihre Gnade schentt? O, fie hat eS herrlich weit gebracht I Sie ist eine Markt- und Trödelbud« geworden, in der der»Gott Kimm' das Szepter führt. DaS ist das wahre Gesicht! (Nachdruck verdotea.1 Lucas van Lcydcn. Zur Ausstellung im Kupferstichkabinett.*) Der.größte Künstler der holländischen Renaistance', der.Düre» der Niederlande', konnte mit seinem Lebenswerk nicht den weithin strahlenden Namen in dem Grade decken, wie es sein größerer Zeit- genösse vermochte. Es mag die vorzugsweise Beschränkung auf dis Graphik— aus Kupferstich, Radierung und Holzschnitt— sein, daß seine Werke nicht in gleichem Grade in das Volk drangen; die Zusammenstellung seiner Arbeiten aus dem Befitzstande des Kupfer- stichkabinetts zeigt jedenfalls, wie wenig von diesen Stichen All- gemeinbefitz wurde. Vielleicht ist eS das Einsickern aller kirchlichen Kunst— der er den einstigen Ruhm mit verdantte, wenn er uns heute etwas ent- schwand— man wird in den ausgestellten Blättern— aber auch im Bettachten seiner Persönlichkeit, seines leicht tragisch gefärbten Schicksals manches finden, was die Lebenskraft seiner Kunst be- greiflich macht. Lucas JacobSz van Lehden(zirka 1494—1634), wie er nach seinem Geburts-, Wohn- und Sterbeort. der Stadt Leiden fich nannte. war ein sogenanntes.Wunderkind'. Mit neun Jahren fertigte er seinen ersten Kupferstich, mit zwölf Jahren die erste größere Komposition in Aquarell—»Die Legende vom heiligen Hubertus'— für das ihm ein Kunstfreund zur Ermunterung ebensoviele Gold- gülden bezahlte, als der Knabe Jahre zählte. Vielleicht werden wir die Bezeichnung.Wunderkind' nicht gar so betonen, wenn wir erfahren, daß sein Vater selbst Maler war und ihn früh in diese Hantierung einführte— halb Spiel— halb Ernst—, bis ein richtiges Schülerverhälmis daraus entstand. ES widerspricht auch nicht den Beobachtungeu, die man an de« vielversuchenden Hast jedes lebhasten Kindes machen kann, wenn berichtet wird, daß er— im Gegensatz zu Huqgh Jacobs seinem Vater, der vorzugsweise malte, sich gleichzeitig auf Porträt, Land- schast, Wafierfarbe, Oelfarbe warf, auf Glas malte, in Holz schnitt. auf Platten gravierte, gerne mit Kohle und schwarzer Kreide zeichnete. Nach dem frühen Tode des Vaters setzen Cornelis Engel- brecht die Unterweisung im Zeichnen und Malen— Harnassen die im Kupferstich und in der Benutzung des ScheidewafierS(für Ra- dierungen) fort— daneben wird noch ein Goldschmied erwähnt— dem er viel verdanke. Mit 14 Jahren setzt jedenfalls sein Werk ein mit dem auch im Kupferstichkabinett als ersten placierten Blatt; der Ermordung des MöncheS Sergius durch Mohammed. Nicht ohne Bedeutung ist die Begegnung mit Dürer, die wäh« rend seines Aufenthaltes in Antwerpen in der berühmten Lucasgilde erfolgte. Die Ausstellung enthält die Silberftistzeichnung, die Dürer von dem Kollegen machte; außerdem aber besitzen wir die Auf- zeichnung Dürers aus der gleichen Zeit:.Mich hat zu Gast geladen Meister Lucas— der in Kupfer sticht—, ist ein klein Männlein und bürtig aus Luiden'. Obgleich seine Kupferstiche schon zu seinen Lebzeiten außerordentlich hoch bezahlt wurden, obgleich er glücklich mit einem.edlen und schönen' Fräulein Boshuysen verheiratet war— beunruhigte er seine Freunde ständig durch einen nicht zu beseitigenden Hang zur Schwer- mut, durch eine Unrast, Friedlofigkeit, die ihn zu keinem Genießen seiner Erfolge kommen ließ. Selbst sein Schaffenseifer gewinnt einen unheimlichen Schein—.er arbeitete mit der Emsigkeit, welche kränklichen Personen eigen ist'. Um ihn zu zerstteuen, schlugen seine Freunde eine Reise durch Holland vor, und die Art, wie er sie aus- führte, wirft einige bedeutungsvolle Lichter auf seine Natur. Wir verstehen, warum man auch seinen Kompositionen.theatralische, affettierte Auffassung' nachsagt. Er reiste in einer prächtigen Gondel; sein Begleiter— ein Maler Mabuse— mußte fich von ihm in Goldstoff kleiden lassen, er selbst trug ein Gewand von kost- barster gelber Seide; allen Malergilden, die er antrifft, gibt er Festmahle, für die er jedesmal sechzig Gulden ausgab. Schon Dürer tadelte die.Verschwendung', und doch kostete das Mahl zu dessen Ehren nur zehn Gulden. Danach wird man in seinem Werke weder eilten be- deutenden, gar tiefen Geist suchen können, noch die vielen Einschrän- kungen, die gegen die von den Zeitgenossen ihm gegebene„Größe' gemacht wurden, verwunderlich finden. Die Reise verfehlte ihren Zweck vollkommen. Mit verdoppelten Qualen— gesellte sich doch zu Reue und Verdruß über die sinnlose Vergeudung seines Geldes die unnötig dokumentierte Eitelkeit und Selbstgefälligkeit— warf er fich auf seine Arbeiten, seiner Umgebung daS Leben ohne ersichtlichen Grund vergällend. Schließlich brachte ihn seine fortschreitende Hypochondrie zudem Entschluß, das Bett nicht mehr zu verlassen; er hat die letzten sechs Jahre seines Lebens seine Werkstätte hierhin verlegt, sich geeignete Vorrichtungen und Werkzeuge ersinnend, die ihm gestatteten, bis zur letzten Stunde den Stichel zu stihren, stets mit gleicher Sorgfalt tätig, unnachsichtig jeden Druck dem Feuer übergebend, der auch nur den mindesten Makel zeigte,.damit nur Vollkommenes der Nachwelt erhalten bleibe'. Er starb mit 39 Jahren 1533. •) Geöffnet von Dienstag bis Sonnabend von 10—4, Sonntags von 12—6 Uhr. — 620— Seine Zeitgenossen nannten ihn den Dürer Hollands, stellten ihn selbst als Stecher Über diesen, dem er als V-üct gleiche. Die Spanier spendeten ihm das Lob, dag fie nicht begriffen,.wie einer der deutschen„Barbaren" gar so innig und demütig malen könne". Seine Bedeutung nach der technischen Seite hin wird in der Einführung der Luft-Perspektive gesehen, aber diese entsteht bei ihm nicht durch Verdünnung des Striches, sondern durch Aufhellen der Ferne, durch ihre freie Behandlung. Selbst gegen Dürer und natür- lich sehr stark gegen die groben Hände seiner Nebenbuhler fällt er durch seine bedeutend überlegene Stechergeschicklichkeit auf, in einer peinlich sauberen und dabei samtweichen Glätte der Striche, der gleichmäßigen Exaktheit der Hintergründe, zu der dann eine der- hältnismäßig gefühlsmäßig gesehene Natur und eine bei aller Schwere geschickte Erzahlergabe kommt. Sehr einig waren seine Zeitgenossen, ihm eine eigentliche Selb- ständigkeit abzusprechen, als Maler hätte er sich an Jan Gossaert und andere, als Stecher neben Dürer gar zu sehr an Marc Anton Raimondi angelehnt, und obwohl sie ihm„Genauigkeit, Reinheit und Einfachheit des Striches" zubilligten, tadeln sie den Mangel an Grazie, die theatralisch affektierte Auffassung, die Eckigkeit der Ge- wänder, das manirierte der Hände, die Vorliebe für häßliche Ver- kürzungen, das Häßliche und Gekniffene der Gesichter. Heißt es doch von diesen überhaupt:„Es wären stets nur Modisikationen eines RormalgesichtS, mit gemeinen Grundzügen bei Frauen, mit finsterem und hektischem Aussehen bei Männern." Zweifellos ist es dieser Naturalismus, das Fehlen einer„sitt ltchen Schönheit sowie des beseelten und beseeligenden Wesen Eycks", was gerade ihn noch heute so erträglich wirken läßt. Er war ein glänzendes Talent, dessen Geschicklichkeit aber der eigentlichen künst- lerischen Mitleilungsfähigkeit überlegen war, dieser nicht folgen konnte und so sich„Gewandtheit und Fleiß" mehr als Fähigkeit zu organischer Vollkommenheit seiner Schöpfungen nachsagen lassen mußte. Tritt man mit all' diesen Reserven vor seine Blätter, so wird man doch wieder erklärlich finden, warum man ihn immer noch mit den größten Namen der Renaissance in einem Namen nennt. Die erwähnte Einführung einer luftigen Ferne in den Kupfer stich finden wir bereits in dem Blatte des Vierzehnjährigen— »Mohammed und Mönch". Eine ziemliche Nähe der Vollkommenheit erreicht er in der Darstellung von Körpern, besonders weiblicher, obgleich es auch hier heißt„er scheine von der Wirkung der Muskeln nicht viel gelvnßt zu haben." Man muß an Rubens denken, wenn man diese lichten weiblichen Körper in ihrer blonden und doch gehaltenen Fülle sieht sin der ersten Darstellung„Adam und Eva"). Neben dem bei aller Vollkommenheit leicht Theatralischen der religiösen Darstellungen, von denen die„Runde Passion" die seinen Ruhm begründende Folge war, hebt sich seine künstlerische Eigenart, frei von Posen in dem sogenannten„Milchmädchen" hervor, das in der schweren Gemessenheit der Bewegung, dem Ausdruck deS Knechtes und der Magd, der Wiedergabe-der Kühe das Bedeutendste nach der menschlichen Seite bleibt. Recht derb und einfach find die Blätter„Frau einen Hund von Ungeziefer befreiend",„Spaziergänger im Walde", aus der Geschichte Josephs die Blätter:„Joseph erzählt seine Träume", das durch eine schöne Einfalt in der Darstellung reizt, und nicht minder das Blatt, das das Abenteuer mit der Frau Potiphars darstellt. An Dürer gemahnsft der„Fahnenträger", vor allem auch die Holzschnittfolgen„Die neun Helden des Altertums" und„Die zwölf Könige Israels". Anscheinend als Erholung nach den biblischen Darstellungen und entsprechend erfrischend wirken die realistischen Blätter„Narr ein Weib küssend",„Der Quacksalber",„Der Wundarzt" und eine Reihe verwandter, mit trockenem spärlichen Humor, vielleicht auch galliger Art, gezeichnet. Danach beginnt im letzten Jahrzehnt die Reihe von Darstellungen weiblicher Figuren, deren spezifisch holländische blonde Fälligkeit er nicht schlechter als der große Vläme bewältigte: die„Venus", die„Eva" des Sündenfalls,„Lot und seine Töchter", „Mars und Venus". Man hat den Eindruck der endlichen Selbständig- keit und erreichten männlichen Vollkommenheit. Dagegen fallen die Holzschnittfolgen„von der verderblichen Macht des Weibes" wieder in die mühselige Fron des Alltags zurück, wenn sie auch stets noch von einem nicht gewöhnlichen Stichel zeugen. Die„Wahrheitsprobe", bei der das schwörende Weib die Hand in den Löwenrachen tun mußte, erweckt eher kulturhistorisches Interesse. Das sehr übersichtliche AuSstellungSbild findet seinen Abschluß durch Einblick in einige Bücher, die Blätter von seiner Hand als Abbildung enthalten, darunter eine Bibel-Ausgabe und die Re- Produktion seines Selbstbildnisses, das einen unentschlossenen, weichen, zerfahrenen Menschen mit großen, etwas leidenden Augen zeigt und nicht gerade für jenen kritischen Einwand gegen ihn spricht:„Und ahnete nicht die Schönheit der Seele in jener des Körpers— Kleines feuilleton. Sprachwissenschaftliches. Erinnerungen an das Münzwesen in früheren e i t e n sind in unserer Sprache noch mannigfach vorhanden. Be- A kanntlich lebt viel alte? Kulturgut in den Ausdrücken fort, die wir täglich gebrauchen, ohne uns über ihre Bedeutung Rechenschast zu geben. So erinnern die Ausdrücke„Geld eintreiben, ein« Schuld ein- oder beitreiben" an die Zeit, wo gemünzte» Geld noch ungebräuchlich war und Vieh als AuStauschmrttel ver» wendet wurde. AuS dem Münzwesen de» Mittelalters stammt„von echtem Schrot und Korn";„Schrot" bedeutete den Abschnitt von der Prägestange, aus dem die Münze dann geprägt wurde, und zur Feststellung des Gewicht» benutzte man eine bestimmte Anzahl von Gersten-, später Schrotkörnern. Von etwas, das man hochschätzt, sagt man,„guteStücke darauf geben, halten", d. h. nur voll- haltiges, gutes Geld dafür geben. Denn die Falschmünzerei blühte schon sehr früh z gerissene Spitzbuben feilten oder schnitten auch kleine Teilchen von Gold- und Silbermünzen ab, wodurch ihr Gewicht und Wert verringert wurde. Daher der Ausdruck„Geldschneiderei" für Betrug. Vielfach wurden Geldstücke auf eine Schnur ge» reiht, als Schmuck getragen und zu Geschenkzwecken verwandt, davon stammt die Redensart. e t w a s oder viel Geld an einen hängen". Oder, wie man das heute noch bei Zigeunern und reichen Bauern in einzelnen Gegenden sehen kann, es wurden gute und große Geldstücke als Knöpfe verwandt und damit den Rock dicht besetzt; auf diese Gewohnheit geht die Bedeutung von„Knöpfe", in„Knöpfe haben" für Geld zurück. Anatomisches. Die Hautgrübchen beim Kinde. Die Hautgrübchen. die sich beim Lachen an den Wangen und am Kinn mancher Menschen zeigen, sind bereits den Griechen bekannt gewesen und als Lachgrübchen bezeichnet worden. Sie entstehen durch den Ansatz eines kleinen, nicht immer vorhandenen Muskelchen an der Haut, des sogenannten Lachmuskels, er zieht quer über die Backe weg zum Mundwinkel; sobald sich dieser Muskel, der in die Haut einstrahlt, zusammenzieht, bilden sich vorübergehend die Grübchen. Ebenso bekannt sind die Einziehungsgrübchen, die sich an der Haut oberhalb der hinteren Enden der Darmbeinkämme zeigen. Aehnliche Grübchen kann man auch an ganz jungen Kindern zu beiden Seiten des Ellenbogens beobachten, besonders an solchen deS 2. bis 4. Lebenshalbjahres, die ein reichliches Fettpolster haben. Im Aussehen ähnlich sind Grübchen, die sich bei einzelnen Kindern an zwei ganz bestimmten Körperstellen, an den Schultern und am Knie zeigen. Dr. Knöpfelmacher in Wien hat diese Bildung bei etwa 30 Kindern an der Schulter beobachtet. Diese Grübchen sind ganz seicht, sie fallen oft dadurch ins Auge, daß die Haut an ihnen etwas anders, meist lichter gefärbt ist, als die Umgebung. Diese Grübchen finden sich manchmal bei Mutter und Kinder, können sich also vererben. Sie kommen dadurch zustande, daß an einer bestimmten Stelle das Unterhautfettgewebe völlig fehlt und die Haut an dieser Stelle an der darunter liegenden Knochenhaut festgeheftet ist. Die Schultergrübchen sind an Kindern jeden Alters zu beobachten, einmal wurden sie auch bei Erwachsenen gesehen. Sie sind angeboren und bleiben zeitlebens bestehen, sie stehen dadurch im Gegensatz zu den Grübchen am Ellenbogen, die mit zunehmendem Wachstum in demselben Maße als daS Ueber« wiegen des Fettgewebes aufhört, wenigstens bei älteren Kindern meist nicht zu sehen sind, aber wiederkehren können, wenn daS Unter« Hautzellgewebe fettreicher wird. Sehnliche Grübchen sind am Knie zu finden. Hier sitzen sie am Rand der Kniescheibe. Medizinisches. Die Verhütung von Kinderkrämpfen. In den Listen, die über die Sterblichkeit und gleichzeitig auch über die Todes- Ursachen innerhalb eines Gemeinwesens Auskunft geben, findet man namentlich im Sommer bei Säuglingen häusig die Angabe, daß sie an Krämpfen gestorben seien. Eigentlich lassen sich diese nicht als eine Todesursache betrachten, weil sie auf sehr verschiedene Art und durch sehr verschiedene andere KrankheitSzustände bewirkt werden. Sie können ebensowohl durch Schwierigkeiten beim Zahnen wie durch das Vorbandensein von Eingeweideschmarotzern als auch durch wirkliche Epilepsie und andere Krankheiten veranlaßt werden. Wenn nicht eine Entzündung des Gehirns selbst vorliegt, so wird nach der Ansicht von Dr. Pearson, der im„Laneet" neue Forschungen über das Wesen und die Behandlung der Kinderkrämpfe veröffentlicht. daS Einsetzen jedeS Krampfes durch eine Erhöhung der Temperatur angezeigt. Daraus folgt, daß die Krämpfe nicht die Ursache des Fiebers sein können, wie vielfach fälschlich angenommen worden ist. Vielmehr muß entweder daS Fieber zu den ursächlichen Bedingungen der Krämpfe gerechnet werden, oder beide müssen aus einer gemeinschaftlichen Ursache entstehen. Daraus ist die Folgerung zu ziehen, die auch tatsächlich bestätigt worden ist, daß durch die Niederhaltung der Temperatur bei kleinen Kindern Krämpfe verhütet werden können. Es scheint, daß bei einer Fiebertemperatur von weniger als 3g Grad Krämpfe nicht zu fürchten sind, während mit ihrem Eintritt gerechnet werden muß, wenn die Temperatur 33'/, Grad überstiegen hat. Es sollte daher die Herabsetzung der Temperatur durch kalte Bäder unter allen Umständen bewirkt werden, ein Rat- chlag, den eine sorgsame Mutter auch ohne ausdrückliche An- ordnung deS Arztes im Falle einer Gefahr unverzüglich befolgen sollte._ rantworU. Redakteur: Hand Weber, Berlin.— Druck u. Perlag: Vorwarc« Buchiruckerci u.Veruigtanpatl Paul Singer scEo..Berl:n 6 W.