Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 163. Dienstag.' den 16. August. 1910 (IhutMut wtsotejw 281 Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. Das Männlein vor ihm wuchs in die Höhe wie Hans Euler im Gedicht. Er wippte einmal auf den Fußspitzen, riß die Augen auf und zog die Brauen hoch, daß die Falten quer über die Stirne und die von drei Haaren bedeckte Glatze bis zum Wirbel liefen, wie die Wellen über einen Teich laufen. wenn der Wind sie treibt. Er machte eine ganz große, eine mächtige Armbewegung, wie Vater Zeus sie macht, wenn er seinen Arm übers Weltall ausstreckt. Ganz groß und wichtig, und Philipp, der zwei Köpfe größer war, sah auf das putzige Männlein von oben herab und lächelte- „Junger Mann," sagte der Direktor,„Methode ist alles. Was sind wir alle ohne Methode? Was ist all unser Denken und Fühlen ohne Methode? Sie ist das Alpha und Omega unseres Berufes. Und wenn Sie selbst keine Methode haben, werden Ihre Schüler ohne Methode bleiben und niemals in den richtigen Besitz eines Wissens kommen. Es wird im Leben nichts mit ihnen anzufangen sein. Sehen Sie, Sie haben vergessen, den Unterschied zwischen einem Eigenschafts- und einen? Umstandswort klarzumachen, Sie begnügten sich einfach mit der Frage danach— ganz richtig das eine Mal mit dem Verb— darum Adverb— und das andere Mal mit dem Substantiv— darum Adjektiv. Aber ich bitte Sie, das ist doch ein himmelweiter Unterschied! Dazwischen liegt doch eine Welt, wenn ich so sagen soll— Substantiv und Verb— Adjektiv und Adverb. Sehen Sie, das ist Methode." Der Direktor machte ein triumphierend-selbstgefälliges Gesicht, wippte mit dem Fuße, hielt die Augenbrauen hoch und schob mit einer großen Bewegung sein Notizbuch in die linke Brusttasche. Philipp war unendlich belustigt, aber er spielte den Zerknirschten. Das stimmte den Direktor wohlwollend. „Sie müssen noch viel lernen, Herr Kollege." Er schlug ihm gönnerhaft auf die Schulter. „Wie weit sind Sie mit Ihren Studien für das pädagogische Examen?" Philipp log:„Ich bin nun am Amos Comcnius, Herr Direktor." „Recht so, recht so. Wenn Sie irgend einen Rat und Material nötig haben, kommen Sie zu mir, saus fagon et saus gSue. Sie müssen noch viel lernen." Dem Philipp war nun aller Spott vergangen. Dieser Ton kam ihm unerwartet. Wenn er wenigstens hätte schimp- fen wollen! Nun aber so! Er schämte sich furchtbar. Und daß er gelogen hatte! Und daß er so klein und nichtig war! Wenn auch die wichtige Miene und die große Geste des Direk- tors seinen Sinn für das Komische reizten, er kam sich ihin nun doch erbärmlich und klein vor. Er stotterte etwas von Dank, und daß er gerne gelegentlich von der Liebenswürdig- keit des Herrn Direktors Gebrauch niochen wolle— und wurde nur verlegener und fixfeuerrot dabei, wie sich die Worte so devot und förmlich geradezu von selbst ergaben. Als der Direktor fort war, stand er da wie ein begossener Pudel und sah in sein leeres Klassenziinmer. Dann ging er an das Fenster und blickte ins Land hinaus. Graben und hacken draußen, ein freier Herr auf freiem Boden, aber nur nicht diese Unterwürfigkeit und beschämende Bevormundung. Er dachte an den Spengler Schlüssel und seine Bücher. Wo war da Methode? Der nahm auf, wie es ihm geboten wurde- Und wenn er die Kollegen und den Direktor an dem maß, was war das für ein Unterschied! Wie klein erschienen ihm die gelehrten Herren alle, die so viel von sich hielten und so eng und verengert waren und so unper- fönlich. Und darauf ging die ganze Schulerziehung hinaus, solche Menschen heranzubilden. Alles Lernen und Lehren, das war nur dazu da, Eselsbrücken und Krüppclkrücken zu schaffen. Aber war er denn selbst etwas anderes? Und war er denn selbst nicht auch wie sie, daß er diese Mittel notwendig hatte zum Fortkoinmen?— Nun, danach wollte er gar nicht fragen. Da tat sich ein ganzer Abgrund auf. Das wurde gleich ein Rattenkönig, der nicht zu entwirren war. Und ganz einerlei— er wehrte sich dagegen. Er wollte so nicht sein und so nicht werden. Und wenn es in alle Irren hineinginge— er wollte sich nicht auf den sanktionierten Leisten schustern lassen. Ja. aber wie denn? Mußte ers nicht? Das war ihm dunkel und unbestimmt. Am Ende mußte ers auch wie diese Leute alle. Die waren auch einmal jung und auftrumpfend gewesen—_ besser wie die war er auch nicht— und nun war das aus ihnen geworden, was sie sind: Krippengänger. Der Pedell kam:„Eine schöne Empfehlung vom Herrn Direktor und Sie möchten in der nächsten Pause ins Direk- torzimmer kommen." Er dankte- Gleich darauf wurde das Glockenzeichen für die nächste Stunde gegeben. In der Pause überreichte ihm der Direktor einen Neu- druck des«Orbis pictus" von Comenius(„Die gemalte Welt", beriihmtes Schulbuch aus dem 17. Jahrh.). „Studieren Sie das eifrig und gewissenhast— es wird Ihnen für Ihr Examen und Ihren Unterricht nützlich sein." Philipp war in größter Verlegenheit. Er wehrte sich gegen so viel Entgegenkommen. Er wollte hier ganz frei sein. Nur nicht verpflichtet sein, nur keine Verbindlichkeiten. Er lag nun förmlich in Streit mit sich. Der Gymnasiast mit dem Lehrer— und er wollte dem Gymnasiasten alles Recht geben und den Lehrer von sich weisen. Er wollte alles zum Auftrumpfen, zur Abtrünnigkeit in sich frei halten. Und nun wurde er gebunden— ganz von selbst— mit leisen Schlingen, aber um so festeren. Mit Liebenswürdigkeit und Entgegenkommen- Ach, und es verlangte ihn so sehr nach Grobsein und Abgestoßenwerden. Es verlangte ihn nach Recht und Berechtigung zum Freisein und Feindsein. Das nahm sein ganzes Sinnen ein. Und so hörte er auch nicht die guten Forderungen an seine Bildung und Ausbildung, die in seinem Fühlen lagen, die dem Direktor zunächst recht gaben, die aber nach einem stärkeren Recht in ihm selber riefen. Hierzu fehlte ihm die klare Erkenntnis und die Reife. Das Herbstfest in der„Sonne" dauerte bis in die späte Nacht. Der Onkel Wolfs hatte eine lustige Begrüßungsrede gehalten, Hermann Eigner hatte ihm nach einer kurzen An» spräche das Wort dazu erteilt. Nach ihm kam Peter Lor- bcrger und toastete auf Hermann Eigner. In seiner Rede knallte es von allerlei Hieben, auf Anniesende und Abwesende, auf die Zustände im Städtchen, auf die Zustände im Lande, auf die Landwirtschaft und die Landwirtschastslehrer und auf die Blüte des gegenwärtigen Wcltgeistes, der sich in Ackerbau und Viehzucht jetzt eben einen dicken Wanst anfresse und die Kafferigkeit in der Welt pflege, aber für das Schöne und eigentlich Geistige keinen Sinn mehr habe. Philipp wußte nicht, wie er die starken Ausdrücke Lor» bergers zu nehmen habe. Es schien alles auf Schlagkraft be- rechnet, skrupellos gewählt, ohne einen feinen Sinn, ein wenig geschmacklos, aber gutes Bierredengenre, und es saß doch so etwas wie Haß und Bitterkeit hinter allem. Er fragte nach Lorberger, wer und was er sei. „Es ist ein besonderer Kollege von Ihnen," belehrte ihn Georg der Eiferer,„Gymnasialabiturient— und da oben in einen? Nest in Oberl)essen angestellt-" Der Onkel Wolff war immer fürs Vermitteln. Er spürte die Hiebe in Lorbergers Rede uid fürchtete, sie könnten eine schtvcigende Verstiminung hervorrufen, wie sehr man auch ge- lacht hatte, so lange sie ausgeteilt worden waren. Drum er» hob er sich und sprach ein paar humoristische Worte—„so jeschmackvoll wie Peter Lorberger kann ich freilich nicht reden", sagte er,„aber ein paar jeschmacklose Worte stehen mir immer zur Verfügung, und so fordere ich Sie auf, mit mir ei?iz??- stimmen in das schöne Lied, das ich Ihnen vorsingen werde, und dessen Refrain Sie wiederholen werden." Und er sang sein Leiblied:„Schleswig-Holstein?nceruinschlul?gen". Es wurden viele Reden geredet. Die Urpädagogen waren darauf bedacht, ihr Licht leuchten zu lassen. Georg der Eiferer schwang sich in die Sphären des reinen Gedankens empor und triumphierte in Kantscher Philosophie und Nxiteren sich daran anknüpfenden philosophischen Mißverständnissen. Er brachte ein Hoch aus auf Freundschaft und Gemütlichkeit. „Die Freundschaft ist das reine Gefühl," sagte er,„das Gefühl an sich. Sie ist darum dauernd und erhaben, sie ist das eigentliche Ideale und Wesentliche unseres Gefühlslebens. Sie schwebt deshalb auch über dem Leben. Erst die Gemüt- lichkeit führt sie ins Leben hinein. Die Gemütlichkeit ist ihr Page und ihr Vorspann. Sie schlingt sie ein in den Kranz der Stunden, sie gibt ihr die Realität. Unser ganzes inneres Erleben beruht nur auf der Assoziation der Ideen— unsere ganze Anschauung ist nur Jdecnassoziation— Freundschaft und Gemütlichkeit, das sind assoziierte Begriffe, sie leben ihochl" Der kleine Meyer brüllte vor Vergnügen über diesen Galimathias(Unsinn). Hermann Eigner, mit einem feinen Schmunzeln, nahm sein Glas, erhob sich, trat auf den Redner zu und sagte:„Prosit! Herr— Oberlehrerl" Das gab ein Gebrüll. Viele konnten Spott und Ernst in diesem Worte nicht unterscheiden, aber das war gleich- gültig. Man hatte einen Anlaß zur Lustigkeit und zum Trinken mehr. Besonders der kleine Meyer rief beständig Prost. Der Onkel Wolff bekam bald schwere Lider. Peter Lorberger schwadronierte. Georg der Eiferer proklamierte. Heinrich Schmerzenreich erzählte von seinen pädagogischen Erfolgen. Das brachte den kleinen Meyer auf die Idee, die Lügenglocke zu läuten. Der Urpädagoge geriet daraufhin ganz aus dem Häuschen. Er konnte es nicht dulden, daß man an der Wahrheit seiner Erzählungen zweifelte.„Auf Ehr und Seligkeit," beteuerte er, und„meiner Seel" hängte er jetzt in seinem Eifer jedem Satze an. Man belustigte sich über ihn und stachelte ihn, ohne daß er es merkte. Erst als auch ein junger Kaufmann, Wilhelm Bloß, sein Mütchen an ihm kühlen wollte, erwachte das Solidaritätsgefühl der Pädagogen und sie verteidigten ihren Kollegen mit dem schönen Eifer, der eines so idealen Standes und einer so vorgerückten Bierstunde würdig war. Philipp nahm an dem Treiben teil, ohne sich groß mit- reißen zu lassen. In einer Aufwallung feines Anständigkeits- gefühls war er zu Hermann Eigner hingegangen und hatte sich sehr förmlich für die liebenswürdige Einladung bedankt und die Versicherung abgegeben, daß es ihm eine große Ehre sei, an dem heutigen Abend teilnehmen zu dürfen. Dann hatte er sich gesetzt und war dem Gastgeber feine „Blume" gekommen. An seiner Seite saß Julius Leer, ein angehender Jurist, mit einem häßlichen Nervenzucken und erzählte ihm von seinen Fechterkunststücken auf der Univer- sität und brüstete sich mit der Zahl der Nadeln, die er er- halten hatte. Er hatte eine häßliche, quietschend« Stimme, dünn und blechern wie der Ton einer Zehnpfennigstrompete. Und er sprach fortwährend, so daß Philipp gar nicht mehr hinhören konnte- Immer von sich. «Ein unangenehmer Streber," dachte der Philipp. Dann erzählte das neugebackene Juristlein, daß er die Staatsanwaltskarriere einschlagen wolle. „Die schönste ist das gerade nicht," sagte der Philipp, der, durch seine Herkunft beeinflußt, immer mit den Schwäche- ren fühlte und für sie Partei ergriff. „Es ist die einzige juristische Karriere momentan, in der man es noch zu etwas bringen kann. Ein sensationeller Pro- zeß— und man ist oben. Staatsanwalt, dann Oberstaats- anwalt— nur abschrecken darf man sich nicht lassen. Die Blätter mögen schreiben, was sie wollen, man muß nur fein Ziel fest im Auge behalten." „Hm, hm," erwiderte Philipp. Der Mensch war ihm wie ein unappetitliches Amphibium. Klebrig, abstoßend, häßlich. Wenn er lein Bierglas ergriff, machte die Hand immer erst einen ganzen runden Bogen, dann herüber über den halben Tisch— dann faßte er erst zu. �(Fortsetzung folgt.)) . Fuchs und gähnte wieder.„Wahrscheinlich waren sie es, denn sia schmeckten recht frisch." �Fortsetzung folgt.)] Der Dirnanbang. l Zu den merkwürdigsten und noch am wenigsten erforschten Organen des menschlichen Körpers gehört ein Gebilde, das sich inl unmittelbarer Nähe unseres diffizilsten Besitztumes, des Gehirns« befindet. Es ist dies der sogenannte Hirnanhang oder die Hypophyse. Sie findet sich an der Unterseite des Gehirns, im knöchernen Schädeldach. Die Hypophyse oder der Hirnanhang ist in letzter Zeit Gegenstand häufiger Untersuchungen geworden, die zum Teil recht überraschende Ergebnisse gezeitigt und von der meist unter» schätzten Wichtigkeit dieses kleinen Gebildes etwas genaueren Auf- schluß gegeben haben. Bor allem scheint die Hypophyse auf das Wachstum einen sehr erheblichen Einfluß zu haben, abe- auch ouK andere Funktionen nicht ohne Wirkung zu sein. Zusammenfassend berichtet über den augenblicklichen Stand der Hypophysenforschung Prof. Alifred Kohn in Nr. 28 der Münchener Medizinischen Wochenschrift in einem sehr interessanten Aufsatz. Die Hy p o pH h s e gehört zu den Drüsen mit innerer Sc- kretion,!üe sich von anderen Drüsen dadurch wesentlich unter» scheiden, daß sie nicht einen besonderen Ausführungsgang zum Transport des von ihnen gebildeten Sekretes besitzen. Die großen Drüsen unseres Körpers, wie die Leber, die Niere, die Speichel» drüsen, ferner die zahllosen kleinen Drüsen, die uns-re sämtlichen Schleimhäute, die Darm-, Blasen-, Gebärmutterschleimhaut usw. feucht erhalten, besitzen einen Ausführungsgang, durch den sich da? betreffend« Sekret in den Hohlraum ergießt. Ihnen steht eine An» zahl von Drüsen gegenüber, die keinen besonderen Ausführungs- gang besitzen, deren Sekret vielmehr von den in die Drüse ein» dringenden Blutgefäßen aufgenommen und dadurch dem gesamten Körpergewebe zugeführt wird. Zu den Drüsen mit innerer Se- kretion gehören die Schilddrüse, die Nebennieren, die Hypophyse lder Hirnanhang), ein Teil der Bauchspeicheldrüs:, alles Gebilde,> deren ungeheure Wichtigkeit für die Regulation der Funktionen' des lebenden Organismus erst durch die physiologischen Er» fo-rschungen der jüngsten Zeit erkannt wurde. Der berühmte fran- zösische Physiologe Brown-Sequard hat vor allem ein großes Verdienst um die Erforschung dieser Organe; er hat aber auch gezeigt, daß manche Drüsen mit Ausführungsgang wie die Ge- schlechtsdrüscn(Hobe und Eierstock) außer dem Sekret, das durch den Äusführungsgang abgeleitet wird, noch ein inneres Sekret be- reiten, das dem Blutstrom mitgeteilt wird und eine allgemeine Wirkung auf den Organismus ausübt. Das Schilddrüsensekret erzeugt, wenn es im Uebermaß vor- Händen ist, die berühmte Basedow'sche Krankheit, die bekanntlich mit einem sehr großen Kropf, hervorstechenden Äugen, Zittern der Hände und noch anderen Symptomen«inhergeht; fehlt hingegen das Schilddrüsensekret, so entstehen andere Ällgemeinstörungen von größter Tragweite, eine Verkümmerung des körperlichen und geistigen Gedeihens. Beruhen doch viele Fälle von Idiotie nicht auf einer Verkümmerung des Gehirns, sondern auf einer mangel» haften Entwicklung oder einem völligen Fehlen der Schilddrüse. Die Nebenniere erzeugt ein Sekret, das Adrenalin, das ebenfalls höchst eigenartige und lebenswichtige Eigenschaften besitzt. Es reguliert vor allem den Blutdruck, der sich beim gesunden Menschen immer auf annähernd der gleichen Höhe befindet, dadurch, daß es die Gefähmuskulawr ständig zusammenzieht und so die Oeffnung der Blutgefäße verengert. Diese gefäßkontrahierende Wirkung des Adrenalins hat sich die moderne Chirugie zunutze ge- macht und bedient sich des merkwürdigen Stoffes in ausgedehntem Maße bei Operationen, die unter Lokalanästhesie(örtlicher Be- täubung mit Kokain usw.) ausgeführt werden. Der Adrenalinzusatz bewirkt nämlich eine Gcfätzverengerung und dadurch Blutabsper- rung, die für den operierenden Arzt natürlich eine große Ericich- terung bedeutet. Außerdem wird die Resorption des immerhin sehr giftigen Kokains oder des Kokainersatzmittels durch die Gefäß- zusammenziehung verlangsamt; das Anästheticum bleibt mehr lokal und gelangt nicht so schnell in den Blutkreislauf. Wegen dieser Eigenschaften ist das Adrenalin heute ein unentbehrliches Mittel in der chirurgischen Technik geworden und wird, zumal seitdem auch seine künstliche Darstellung, seine Synthese, in neuester Zeit gelungen ist, überall angewendet. Die Wichtigkeit sowohl der Nebennieren wie der Schilddrüse für den lebenden Organismus geht daraus deutlich hervor, daß Tiere, denen diese Organe cnt- fernt werden, binnen k» rzem zugrunde gehen. Wenden wir uns nun zur Hypophyse selbst, deren Funktion indes noch nicht so deutlich erkannt ist wie etwa die der Schild- drüse oder die der Nebennieren. So viel steht aber fest, daß die Hypophyse zum Wachstum des Körpers eine besondere Beziehung hat. ES ist heute eine gesicherte Tatsache, daß während der Schwangerschaft eine bedeutende Hypophhsenveränderung, vor allem eine Vergrößerung vor sich geht. Nach der Geburt kehrt die Hhpo» dann allmählich wieder zur Norm zurück. So sagt Prof. Kohn mit Bezug hierauf:..Man kann an der Hypophyse förmlich ab- lesen, ob Geburten stattfanden, sogar eventl. das Stadium der Gravidität(Schwangerschaft) mit ziemlicher Sicherheit bestimmen.' Von grohem Interesse ist sodann, daß bei allgemeinem Riesen- wuchs wie auch bei der unproportionierten Vergrößerung einzelner Körperteile eine Hypophysenvergrößerung in fast allen Fällen ton- staticrt werden konnte. Es muß also die Hypophysenfunktion mit einem Wachstumsüberschuß, wie er sich normal schon in jeder Schwangerschaft findet, in besonderer Beziehung stehen. Durch die neueren chirurgischen Erfolge hat nun diese Vermutung in der Tat eine glänzende Bestätigung gefunden. So ist es den Chirurgen Schlaffer und Hochenegg in jüngster Feit gelungen, die Er- scheinungen der Akromegalie, jener Ltrankheit, die mit einer klobigen Vergrößerung aller Enden unseres Körpers, der Finger, Zehen, der Nasenspitze usw. einhcrgeht und den davon betroffenen Per- sonen ein höchst plumpes Aussehen verleiht, durch Entfernung der Hhpophyscnwucherung zu beseitigen. Wenn man auch noch nicht genauer in den Chemismus der wirksamen Hypophysenstoffe hat «indringen können, so ist mit diesen Operationsresultatcn jedenfalls der innige Zusammenhang zwischn Wachstum und Hypophyse sichergestellt. Die Schwangerschaftshypophyse kann das Zwei- bis Dreifache ihrer normalen Größe erreichen und ist schließlich auch nur, wie wir schon bemerkten, der Ausdruck einer Wachstums- Vermehrung, die hier allerdings einen normalen, keinen krankhasten Prozeß darstellt. Bei der Schtvangerschaftshypophhse ist allerdings die Vergrößerung die Folge der Wachstumsvermchrung, also eine sekundäre Erscheinung, während bei der Akromegalie und beim Riesenwuchs die Vergrößerung der Hypophyse primär ist, also die Ursache der Wachstumszunahme zu sein scheint. Bei der Hypophysenvergrößerung ist nun namentlich eine bc- sondere Zcllenart dieses merkwürdigen Orgaiws vermehrt. Wir wollen noch nachholen, daß die Hypophyse wie die meisten Drüsen mit innerer Sekretion aus zwei ganz verschiedenen Bestandteilen besteht, die sich nach Herkunft und Art scharf von einander unter- scheiden, aus einem Drüsenantcil und einem stdrvösen Anteil. Die Neurohypophyse, der nervöse Anteil(Neuron-Nerv) entwickelt sich von der Basis des Gehirns aus, während der drüsige Bestandteil beim Embryo seinen Ausgang von der Mundbucht nimmt, nach aufwärts gegen die Hirnbasis zu wächst und sich schließlich mit der Neurohypophyse vereinigt. Der nervöse Anteil der Hypophyse ent- hält keine eigentlichen Nervenbestandteile, keine Ganglienzellen, sondern vorwiegend Nervenstützsubstanz, ist also von ge- ringcrer Wichtigkeit; die eigentliche, spezifische Funktion der Hypo- phhse wird von dem drüsigen Anteil ausgeübt, er wuchert auch bei Hypophysenvergrößerung am meisten, ist beispielsweise allein enorm bei der Schwangerschaftshypophyse vergrößert. Aber nicht nur vcr- mehrt haben sich diese sekretorischen Zellen, sondern sie haben auch ihren Charakter ziemlich wesentlich verändert, wie die genauere mikroskopische Untersuchung ergibt. Auch zwischen den Funktionen der Hypophyse und der Ge- schlechtsdrüscn, der männlichen und der weibkichcn, scheint eine be- stimmte Wechselwirkung zu existieren, die ebenfalls durch chirur- gische Eingriffe in ein helleres Licht gerückt worden ist. So geht zu- weilen mit einer Vergrößerung der Hypophyse eine Verkümmerung oder eine Verzerrung des Gcschlechtsthpus einher. Schloffer opc- rierte einen Schneider, der vollkommene kindliche Gcnitalorgane hatte, bartlos war usw, an einer Hypophysengeschwulst mit dem Erfolg, daß bald danach die ausgesprochenen Geschlechtsmerkmale des männlichen Typus sich zu entwickeln begannen, Barthaare wuchsen, Wöhrend als Gegenstück dazu ein anderer Operateur, Hochenegg, ein bärtiges Weib operierte, dem bald nach der Ent- fernung der Hypophyseiigeschwulst die borstigen Barthaare ausfielen. Es besteht also eine gewisse Gegensätzlichkeit zwischen den Funk- ckioncn der Hypophyse und der Geschlechtsdrüsen,' weitere For- schungcn auf diesem hochinteressanten Gebiet werden noch manche Aufklärung bringen können.. G. W. Kleines feuilleton. Gesuiitcheitssimulatioii. Eine interessante Statistik hat Prof. Mähet in Berlin aus den Berichten der Magdeburger Ortskranken- lasse zusammengestellt. Er fand nämlich, daß die meisten Krank- Meldungen am Montag erfolgen, ihre Zahl nimmt dann ständig ab in den folgenden Wochentagen und erreicht am Sonntag den niedrigsten Stand. Wie kommt es nun, daß gerade am Montag die nieisten Kranknieldangen erfolgen? Man könnte versucht sein, zu glauben, daß dies mit den sonntäglichen Exzessen zusammen- hänge. Prof. Mayet findet jedoch eine andere Erklärung. Er meint, daß viele Arbeiter, wenn sie sich unwohl fühlen, nicht ge- neigt seien, sofort die Waffen zu strecken und sich krank zu melden. Die Hoffnung, in ein paar Tagen werde es schon besser werden, die Scham vor sich selber, wenn man einer solchen Kleinigkeit nach- geben wolle, bei den Lohnarbeitern die Abneigung, an dem Lohn- einkommcn für einige Tage eine Minderung zu erfahren oder die Scheu, für einen Drückeberger bei der Arbeit gehalten zu werden, bei manchem der Wunsch, eine begonnene Arbeit fertig zu Jellen, alle diese verschiedenen Beweggründe wirken zusammen, ie Krankmeldung auch bei eingetretener Unpäßlichkeit hinaus- Lerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: zuschieben. Besonders wird die Hoffnung auf den Sonntag gesetzt, daß er das Unwohlsein beseitige und die geschwundene volle Ar- beitsfähigkeit wieder herstellen werde. Man hofft, einen Tag ausruhen und im Bett bleiben zu können oder auch eine Haus- kur, eine Schwitzkur und ähnliches gebrauchen zu können. So wird Gesundheit simuliert. Hat nun auch diese Sonntagskur nicht geholfen, so meldet sich der größte Teil entmutigt am Montag krank, ein Teil zieht die Krankmeldung noch nach Möglichkeit hinaus, ein großer Teil muß am Dienstag zur Meldung schreiten, ein kleinerer am Mittwoch. Das gibt sich von Montag ab in einer abnehmenden Zahl der Krankmeldungen zu erkennen. Daß nicht etwa das Sonntagsvergnügcn, der übermäßige Alkoholgenuß schuld ist an der erhöhten Krankmeldung am Montag, zeigt sich daran, daß auch bei den Frauen, die doch dem Alkohol wenig frönen, dw Krankmeldungen von Sonntag auf Montag um das dreifache an- schwellen. Bei diesen zieht sich die Krankmeldung noch um einen Tag länger hin wie bei den Männern, weil sie einen geringeren Lohn haben wie dle Männer, demnach einen Lohnausfall noch weniger ertragen können. Die Verschleppung der Krankheiten der den Frauen mag dazu beitragen, daß sich die Krankheiten bei den Frauen mehr verschlimmern und durchschnittlich etwas länger dauern wie bei den Männern. Volkskunde. Der„Schmalzler" im Bayrischen Wald. Welch' große Rolle das Schnupfen unter den„Waldlern", den Bewohnern des Bahrischen Waldes, spielt, das zeigt Dr. I. Gcngler in einem Beitrag zur Volkskunde, den er im Globus veröffentlicht. Der Bayrische Wald liegt ja noch wie eine isolierte Insel ganz von der Welt abgeschlossen für sich da und bietet der Volkskunde ein reiches Feld der Forschung, denn die Waldler bewahren in ihren Bräuchen viel uralt Hergebrachtes und Eigentümliches. Die Liebe zum Schmalzler, wie«der Schnupftabak neben„Gschmei" und „Schmai" genannt wird, begleitet den Waldler durchs Leben. Schon der Schuljunge stopft sich mit dem dem Vater oder älteren Bruder heimlich gekrallten" Tabak die Nase voll und nach der Schulentlassung gehört es direkt zum guten Ton, ist. es der Stolz des zum Mann Gewordenen, wenn er seinen Schnupftabak bei sich führt. Von da an ist der Schnupftabak sein unzertrennlicher Begleiter, von dem er nicht wieder loskommt. Ja, das Abgewöhnen wirkt geradezu schädlich auf den Menschen ein; er wird unruhig. zur Arbeit unlustig und ganz apathisch, so daß selbst in den süd- bayerischen Strafanstalten und Jrrenpflegeanstalten den dort internierten Männern der Schnupftabak nicht ganz entzogen werden darf. Von einem alten geistlichen Herrn im Bayrischen Wald wird erzählt, er sei ein so leidenschaftlicher Schnupfcr ge- wesen, daß er sich kleine Häufchen Tabak auf das Altartuch legte, die er dann beim Gottesdienste, während er seinen Kopf auf den Altar herabbeugte, rasch mit der Nase einzog. Ohne dieses Labsal hätte er seinen Pflichten nicht genügen können. Seinen Schmalz- ler bereitet sich der echte alte Waldler auch heute noch nach eigenem Rezept selbst zu Hause. Der Hauptbestandteil ist ein sehr kräftig riechender, ja sogar tüchtig stinkender Brasiltabak; aber um dem Ganzen höhere Weihe und„feineren Geschmack" zu geben, treten noch eine Reihe undefinierbarer Ingredienzien hinzu. Häufig ist es eine mehr oder weniger große Portion Rindschmalz, das meist einen abscheulichen Geruch hat. dann etwas Kalk und eine ganze Menge fein pul-vcrisiertcr Glasscherben. Besondere Feinschmecker reiben auch noch Tannennadelspitzen und andere goheimnisvollc Dinge hinein; ja der raffinierte Schnupfer soll sich sogar nicht davor scheuen, daS Allerunappetitlichste, was der Mensch kennt, in getrockneter Form seinem Schnupftabak zuzusetzen. Während der alte Schnupfer die eigenhändige Bereitung der geliebten Nasenfreude mit Inbrunst betreibt, kaufen die jungen Leute ihren Tabak schon fertig im Laden. Mit der Zeit ist eine ganze In» dustrie entstanden, deren Hauptort Landeshut ist. Es ist ein sehr einträglicher Handelszweig, denn im Bayrischen Wald wird all- jährlich eine ganz beträchtliche Summe verschnupft, zumal nur die Hälfte des Schmalzlers in die Nase wandert, während zumeist die andere Hälfte herunterfällt. Als Behälter dient fast aus- schließlich dem Waldler das Schmalzlerglasel. während in den Städten mehr die Dose in Gebrauch ist. Aus dem Glasel wird die nötige Portion Tabak mit eigentümlich ruckweise stoßender Bewegung auf die Hand geschüttet und dann der in kunstgerechten Häufchen oder langer Linie aufgelegte Schmalzler bedächtig zur Nase geführt. Begegnen sich zwei Waldler, so ist das Erste, nach- dem sie„Grüeß Good" gesagt haben, daß sie sich ihre Schmalzler- glasel zum Gebrauch hinreichen. Wie oft ein Schnupfer seine Nase füllt, ist nicht ganz leicht zu sagen. Doch beobachtete Genglcr z. B. einen Wirt, der durchschnittlich alle zwei Minuten seine Nasenlöcher mittels eines Löffels mit Schmalzler füllte. Zu allen Tageszeiten und bei allen Arbeiten schnupft der Waldler; sogar während des Essens nimmt er seine Prisen. Nicht nur Bauern und Bürger schnupfen im Bayrischen Wald, sondern auch die Lehrer, die Geistlichen und die meisten Beamten. Alle Schnupfer erklären diese Behandlung ihrer Nase für einen großen Genuß und für äußerst gesund. Ueber den Ursprung dieser heute so allverbreiteten Sitte ließ sich nur feststellen, daß sie gegen Ende des 30jährigen Krieges von Soldaten, die in Frankreich und im Elsaß gedient hatten, mitgebracht sein soll.__ Vorwärl» Bu�sruckerc» u.>Lsrt«g»a»UaUUaul«lnger fcÄs., Berlin SW.