Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 160. Donnerstag� den 18. August. 1910 lliachdru» vervol»! 301 Oer Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer Cr kam mit dem letzten Zuge erst im Dorfe an. Früher hatte es am Abend immer schwarz und dunkel gelegen, und als Knabe hatte er sich immer gefürchtet in den dunklen Gassen und hatte laut gepfiffen, die Angst zu übertönen. Nun war in den paar Monaten schon eine gründliche Veränderung vor sich gegangen. In den Straßen brannten Laternen. Das ganze Dorfbild war verändert durch sie. Wie fremde Gäste waren sie eingezogen und hatten den Wachtdienst übernommen. Nun standen sie so komisch und gravitätisch an den Straßen und guckten rings um sich herum, was das Licht zu scheuen hätte. Was hatte hier aber das Licht zu scheuen! Nichts. Ein paar Liebespärchen, ein Trunkener. Und denen war doch das Licht auch wieder gut. Aber dazu hatte der Schein aus den Fenstern genügt, der früher so sanft über die Straßen hingeglitten und so schweigend mit dem Licht gewandelt war. wenn es drinnen von Stube zu Stube getragen wurde— der auch einmal ins Haus hineingekrochen war mit dem Lichte, um dann nur stärker und heller wieder herauszutreten. Die Buben mochten ja sehr zufrieden sein mit den hellköpfigen Fremdlingen an den Straßen, die brauchten sich nicht mehr zu fürchten abends, wenn sie etwas holen mußten beim Krä- mer oder bei Verwandten, straßenweit oder häusernahe, und brauchten auch nicht mehr zu pfeifen. Die schöne Rundung am Thomas seinem Haus vorn lag nun grob im Laternen- schein, und man konnte die ganze kleine Gasse bis zu der Ziegelhütte sehen, bis hinten, am Schlüssel seinem Haus, wieder so eine freche Laterne postiert war, die sich die Gärten und Höfe anguckte und vor den Häuschen Wache hielt. Dem Philipp gefiel das nicht. Nein, wozu! Es war jahrelang so gegangen, es hätte ganz gut auch noch weiter so gehen können. Die Mutter war nicht daheim, als er ins Häuschen trat. Er machte auch kein Licht. Er setzte sich in die Dunkelheit, ans Fenster, das in den Garten ging. Der Garten und das Feld dahinter, das lag alles schwarz, stichdunkelschwarz. Aber wenn er lauschte, schien ihm, er höre das Bellen des Hundes in der Eulenmühle. Gott aber, die Eulenmühle— die lag dahinten weit. Die wurde auch fremd nun. Die Spiele waren vorbei— und bald würde die Emilie da draußen schalten und walten, und wenn er hinkäme, da müsse er sich förmlich und ehrerbietig benehmen. Streiche dürften dann keine mehr verübt werden. Er hatte auch keine Lust mehr dazu. Vor ihm stand etwas Stärkeres und Größeres, das legte seine Hand auf ihn und forderte. Das machte ihn schwer. Anstrengen! hieß es jetzt- Jetzt, wo aller Halt gelöst war, jetzt, wo er mit nichts und niemand mehr zusammen- hing, jetzt galt es. Nun trug ihn. führte ihn, förderte ihn nichts mehr. Nun war er ganz allein und für sich. So machte er sich von seiner Heimat frei, und es wurde ihm nicht leicht- Es bedrückte ihn, es beengte ihm etwas die Brust, das nicht klar und deutlich war, das in den Erinne- rungen aus seiner Jugend lag und aus ihnen herkam, das in dem eben getanen Schritt mitklang und nun sogar von den fremden Menschen, mit denen er bis jetzt gelebt hatte, herüber wirkte, und das aus dem Kommenden auf ihn ein- drang. Er öffnete das Fenster und ließ sich die kühle, feuchte Nachtluft in die Haare wehen. Die Mutter trat ein. „Erschrick nicht, Mutter, ich bins!" „Du bists, Philipp? Du? Was bringt Dich jetzt her?" Er wußte nicht gleich eine Antwort. „Bist Du fortgejagt, hast Du was angestellt?" „Nein, Mutter, ich bin nur fortgegangen!" „Fortgegangen bist Du. Bub! Wie kannst Du denn?" Was für ein Satan ist denn in Dich gefahren? Du mußt verrückt sein!" „Bleib mal ruhig, Mutter. Mach mal Licht. Wir wollen das miteinander ruhig bereden. Ganz ruhig. Mach mal Licht!" Die Mutter zündete Licht an und brachte es. „Bub, Du willst mich noch unter die Erd bringen-" „Mutter, so nicht reden. Ganz ruhig. Hör mich gan» ruhig an." Er stand ihr gegenüber und sah ihr in die Augen. „Bist Du schlecht? Ein Taugenichts, ein Lump? Bist Du wie Dein Vater?" „Nein, all das nicht. Nur den Schullehrerkram, den halt ich nicht aus. Ich bin fortgegangen, ich will nicht mehr. Ich will mir einen anderen Weg suchen, einen richtigeren. Das will ich." „So, das willst Du?" ..Ja!" „Und das kannst Du auch? So? Kannst Dus denn auch?" „Ja, ich kannst Ich muß es können!" „Aber ich kanns nit, daß Dus weißt! Ich Hab genug an Dich gehängt, genug für Dich geopfert. Bei mir ist« fertig. Schaffen kann ich auch nit mehr so, wie Du DirS einbildst- Gesund und kräftig bin ich noch, aber weiß der Teufel, schützen und rutschen tuts nit mit mir mehr so. Die Knochen werden ein'm alt. Daß Dus weißt." „Ich will gar nichts von Dir, Mutter, als nur, Du sollst mich nur gehen lassen. Weiter nichts." „So, weiter nichts? Und meinst, das wär so wenig. Und meinst, damit wärs getan. Damit ists noch lang nit getan. Da kommt eins zum andern. Nun war ich froh, daß Du was bist, nun machst Dus so! Du wirst doch ja werden wie Dein Vater. Aber meine rechte Hand wollt ich mir dafür abhacken lassen, daß Du nit so wirst wie der. Und weißt Du was— er ist im Rhein untergegangen- Flößer ist er worden— und dabei ersoffen. Nimm Dir nur ein Beispiel an dem." Der Philipp antwortete nichts. Der Tod des Vaters traf ihn, aber er rührte ihn nicht. Er wollte Näheres er- fragen, aber er tats nicht. Es war ihm, als sollte er heiße Kohlen berühren. Die Mutter hatte es ihm nicht geschrieben, nun hatte sie es ihm an den Kopf geworfen als etwas Vcr- ächtliches und Häßliches, an dem er auch teil hatte. Die Mutter fragte:„Du wirst Hunger haben? Ich Hab noch ein Stückelchen Fleisch vom Mittag und ein paar Kartoffeln kann ich Dir auch rösten. Na ja! Herrgott, Herr« gott! hat man seine Last! Schinden und schuften, das ganze Jahr, Gut und Blut dran geben, und dann Schimpf und Schand! Lauter Schimpf und Schand!" Der Philipp verhielt sich still. Es tat ihm Wohl, dah die Mutter nun schimpfte. Dann wurde auch alles gut. Ihre Natur brauchte immer dies stärkere Ventil. Und dann Warens doch auch hier die anderen Menschen, wie da drüben, wo er jetzt herkam. Diese Leimsieder dadrüben. Hier hatten sie doch noch was in den Adern, und auch an den Worten brauchten sie nicht zu sparen. Die Mutter brachte ihm das Fleisch und die gerösteten Kartoffeln. Er aß und sie saß dabei und redete sich ihren Zorn vom Herzen. In den stärksten Ausdrücken- Beim Vater fing sie an, bei ihm hörte sie auf. Und dann verfluchte sie dies ganze Leben. Dies„Schind- und Schandleben, in dem kein Herrgott ist, nur der Teufel. Der leibhaftige Teufel, Himmelherrgottsakramcnt!" Der Philipp aß und unterbrach ihre Rede nicht. Sie würde nachlier schon zugänglicher sein, wenn sie sich das Gröbste von der Seele geflucht hätte. Sie saßen dann noch bis spät in die Nacht. Der Philipp sprach, und die Mutter hörte zu. Dann und wann fuhr sie einmal auf, schlug auf den Tisch und nannte ihn„dem Herr« gott sein Tagdieb", aber zuletzt gab sie sich doch in alles drein. „Machs dann— na ja, dann machs! Und wenn das ganze Dorf zusammenkreischt und über uns allebeid herfällt — mir soll nur einer zu nahe kommen! Was ich tun kann, will ich Dir tun— Du weißt, viel kann ich Dir nit tun. Dein Wasch schick— wenn Du was zu flicken hast— daS kann ich Dir machen. Geld— mit Geld wirds hapern. Das weißt Du von selbst. Aber was ich mir abknapsen kann, das sollst Du haben- Die Leut werden ja die Mäuler aufsperren! Laß sie aufsperren! Was liegt mir an den Leut! Na ja. �dann machs! Helfen kann ich Dir nit, hindern will ich Dich auch nitt Gehst Du drauf dabei— Du Hafts selbst gewollt. Vorwurf Hab ich kein!" „Nein, Mutter, Vorwurf hast Du keinen. Und laß die Leute nur sagen- Die sagen schon, seit ich auf der Welt bin. Und die werden noch Weiler sagen. Der Michel muß doch Was haben, worüber er sabbern kann. Laß!" „Aber man lebt mit den Leut— und manchmal haben sie ja auch recht. Nit in allem, was sie sagen, aber in manchem." „Na ja, Mutter, dann laß sie recht haben." „Meintswegen auch!" Dann gingen sie schlafen. Die ganze Welt war still. Nur in der Ziegelhütte schrie ein Kauz, so daß die Mutter noch sagte: „Der Teufel soll den Totenvogel holen! Wen der wieder ruft! Ich glaub,'s wird die alt Stangin diesmal kosten. Unser Herrgott verzeih ei'm die Sünd, aber das alt Feg- feuer hat gerl.d lang genug gelebt." Der Kauz schrie weiter. Die alte Stangin starb richtig in der Nacht. «Ein Totes in der Gass'— Gutes bedeut das nit," sagte andern Tags die Mutter. Aber der Philipp schlugs in den Wind- 7. Dia akademischen Bürger der kleinen Universität haben einen unter sich, den sie belächeln. Philipp Kaiser hat sich einen Weg gesteckt und geht ihn. Schleicht ihn, kriecht ihn, bleibt am Boden liegen und steht wieder auf; aber er kommt weiter. Von Semester zu Semester immer ein Stückchen. Seine ganze Energie hat er gesammelt— er unterrichtet, er hungert, er verdient sich wieder ein wenig— und er bleibt guten Muts und arbeitet. Er will— und wenn er drauf geht. Er denkt an die Mutter und an das Dorf und an die Schullehrer, die seine Kollegen waren, und deren Augen er all auf sich gerichtet fühlt. Sie treiben ihn. sie fordern. Sie brennen auf ihn wie Stichflammen, und wenn er schwach werden will, dann sieht er in sie hinein und sammelt sie alle in einem Blick und läßt sich von ihm in die Höhe reißen. Manchmal spürt er, was er vom Leben verliert— manchmal spürt er, wie ihm die Jugend entschwebt, ehe er sie gehalten, ehe er sie genießen konnte. Aber er schlägt es nicht an. Er gewinnt ein anderes dafür. Man nennt ihn einen Philister- Er läßt sich ruhig so nennen. Er meint, er ist doch keiner. Dann spürt er aber manchmal, wie eine Schwere schon in ihm liegt. Es gibt doch mancherlei Gelegenheiten der Geselligkeit, die sich ihm darbieten, ohne daß er sie sucht. Dann merkt er, wie leicht die anderen sind. An ihrer Leichtigkeit merkt er, wie schwer er ist. Er tanzt nicht, er trinkt nicht. Er meidet die Zu- sammenkünfte. Man sagt ihm: das geht nicht, du versauerst. Du wirst verrückt. Du machst dich kaputt. Du mußt auch was von deinem Leben haben. Wenn die Jahre um sind, ist es nicht mehr nachzuholen. Er schlägt es in den Wind- Und er läuft spazieren. Er läuft stundenlang durch den Wald, er schwimmt und turnt, und im Winter kommt er fast nicht vom Eise heim. Die Mutter bittet er nie um Geld. Dann und wann legt sie ihm aber einen Fünfmarkschein ein. Er trägt ihn immer lange mit sich herum. Schwer entschließt er sich, ihn auszugeben. Nur einmal— da hats ihn so stark gepackt, das Einsamgehen und Armsein, da ist er hin und hat ihn vertrunken, Auf einen Sitz. Dann hat ers bereut, und es war gut. �Fortsetzung folgt.)? (Nachdruck verdaten.) 81 Der f ueba* Ein Tiermärchen von Karl Ewald. (Autorisierte llebersetzung von Hermann Kiy.) Der Fuchs erhob sich, streckte sich, gähnte und sprang mit einem Satz über die Hecke aufs Feld. Die Nachtigall hüpfte auf den äußersten Zweig des Strauches, um besser sehen zu können. Und Nun sah sie, wie der Fuchs herumging und einen Grasbüschel nach dem andern abbiß, bis er schließlich ein ganzes Bündel im Maule hatte. Damit ging er bis an den Rand des Wasserloches. Da rief die Nachtigall:„Du frißt ja Gras wie eine Kuh." Doch der FuchS erwiderte:„Daß Du Dich nur nicht irrst! So hungrig bin ich noch nie gewesen, daß ich Gras gefressen habe. Aber nun sollst Du sehen. Jetzt gehe ich rückwärts ins Waffer, den Schwanz voran. Du weißt wohl daß die Flöhe das Wasser uichi vertragen? Gut. Sobald nun die Spitze des Schwanges unter» Wasser kommt, springen die Schlingel, die dort sitzen und mich beißen, an dem Schwanz hinauf, was das Zeug halten kann. Ich tauche den Schwanz immer weiter nach vorn. Nun gehe ich lang<> sam rückwärts ins Wasser, und die Flöhe galoppieren weiter und weiter nach vorn. Verstehst Du mich?" „Die Sache ist nicht so schwer zu verstehen; aber ich begreife nicht, wie sie endigen soll." „Hör zu. Die Flöhe laufen also vor dem Wasser werter und weiter nach vorn. Und ich gehe weiter und weiter ins Wasser. Zuletzt ragt nur noch mein Kopf heraus, und darauf sitzen nun alle Flöhe. Verstehst Du? Nun tauche ich den Kopf ganz langsam unters Wasser, die Spitze der Schnauze zuletzt. Den Grasbüschel halte ich übers Wasser, und die Flöhe hüpfen darauf. Dann lasse ich den Büschel mit all den Flöhen los, und sie müssen jämmerlich ertrinken. Ich aber springe ans Land, so frei von Flöhen wie ein neugeborenes Füchslein." „Wie merkwürdig!" rief die Nachtigall..Das muß ich doch erst sehen, bevor ich es glauben soll." „Nun sollst Du es zu sehen kriegen. Ich tue eS bloß Deinet- wegen. Im allgemeinen bade ich nicht gern mit hungrigem Magen. Aber ich will Dir doch zeigen, daß man mich verleumdet, wenn man erzählt, ich sei ein schlimmerer Schurke und Räuber als die andern Tiere des Waldes. Ich gehe jetzt ins Wasser, um Dir ein Ver» gnügen zu bereiten, zum Dank für Deinen schönen Gesang, womit Du mich in dieser Morgenstunde erfteut hast. Nun gib acht." „Ich gebe acht." Die Nachtigall wäre vor Neugier fast vom Zweige herabgefallen. Der Fuchs ging ganz langsam rückwärts ins Wasser, so wie er gesagt hatte und während der ganzen Zeit behielt er den Gras» büschel im Maule. Fuß für Fuß bewegte er sich rückwärts, und zwischendurch blieb ör stehen, wie wenn er nachdächte oder Luft schnappte. „Du hast wohl Angst?" fragte die Nachtigall. Doch er rief ihr zu:„Durchaus nicht. Ich habe eS schon oft so gemacht, und ich schwimme gut, so daß ich mich vor nichts zu fürchten brauche. Aber man muß den Flöhen Zeit lassen, sich zu besinnen und davonzuspringen. Sonst könnten sich einige von ihnen vor Schreck in meinem Pelz verstecken. Und das Kunststück besteht darin, alle auf einmal loszuwerden, verstehst Du?" Langsam spazierte er weiter rückwärts, Fuß für Fuß. Nsid als zuletzt nur noch die Spitze der Schnauze aus dem Wasser hervor- ragte, lies er den Grasbüschel los, sprang ans Land und schüttelte sich. Gleich darauf war er wieder mit einem gewaltigen Satz über die Hecke gesprungen und lag auf seinem Platze unter dem Flieder- strauch. „Nun möchte ich wünschen, daß die Sonne aufgeht und mich trocknet," sagte er.„Jetzt bin ich schläfrig, und eS ist nicht gesund, zu schlafen, wenn man naß ist. Aber die Sonne muß ja wohl bald hier sein, denke ich." „Ich habe die Flöhe nicht gesehen," versicherte die Nachtigall. „Du kannst sie drüben auf dem Grasbüschel finden," war seine Antwort.„Da sind sie. Oder Du kannst auch in meinem Pelze nachsehen. Ich gebe Dir, was Du verlangst, wenn Du auch nur einen einzigen findest.— Gute Nacht I Ich kann die Augen nicht länger offen halten." „Das ist sehr merkwürdig!" sagte die Nachtigall wieder. Sie schaute zu dem Grasbüschel hinüber, der auf dem Wasser schwamm, und hatte die größte Lust, hin zu fliegen, um sich davon zu überzeugen, ob die Flöhe wirklich darauffaßen. Aber sie wagte es nicht. Und so dumm, zum Fuchs hinabzufliegen und seinen Pelz zu untersuchen, war sie nicht. Da hatte sich der hinterlistige Burscbe denn doch verrechnet! Das war natürlich nur eine Fallet „Du roter Fuchs!" begann sie.„Ich will Dir bloß sagen, daß ich Dir nicht glaube, bis ich die Flöhe sehe. Schwimme hinaus und bring das Heubundel wieder ans Land, damit ich sehe, ob die Sache sich so abgespielt hat, wie Du behauptest." Der Fuchs antwortete nicht. Er schlief. Sein Bauch bewegt« sich in regelmäßigen, schweren Atemzügen auf und nieder. „Hafyi! Du hältst wohl«in Fuchsschläfchen? Gib die Komödie nur auf. Mich kannst Du doch nicht anführen. Ich habe mich in der Welt zu gut umgesehen und kenne die Füchse in allen Ländern." Aber der Fuchs antwortete nicht. Eine Weile sah die Nachtigall da und betrachtete ihn. Sie hüpfte auf den Zweig unter ihr, beugte ich vor und guckte hinab. Ja, die Augen des Fuchses waren wirk- lich fest geschlossen. Große Wassertropfen glänzten auf seinem Pelz. T�e Nachtigall meinte, es sei doch schade, wenn er sich hier in oer kalten Morgenluft erkälten sollte; war er doch tatsachlich ihretwegen ins Wasser gegangen I Darum schlug sie den großen Triller an mit dem sie den Sonnenaufgang zu begrützei« pflegte. Und als sie den Triller kaum zu End« gesungen hatte, da kam die Sonne hervor, rot und rund. Ein Weilchen noch, und ihr« Strahlen sielen schräg auf den schlafenden Fuchs. „Gott sei Dank!" überlegte die Nachtigall.„Nun wird er bald trocken werden, und dann kann ihm das Bad nicht schaden.— O, wie er schnarcht.-- Er scheint wirklich zu schlafen.--- Gott mag wissen, ob seine Flöhe wirtlich alle verschwunden find. Ich möchte für mein Leben gern mal nachsehen, aber ich habe nicht den Mut dazu. Er sagte ja allerdings, er schliefe sehr fest nach einem Bade; und er sagte auch, er mache sich nichts aus Nachtigallenfleisch. Aber darauf kann man sich natürlich nicht verlassen. Wer darf einem Fuchs trauen! Meine Großmutter.., Aber es wäre doch recht wertvoll, das mit den Flöhen zu erfahren. Die Frage ist zu wichtig für uns Böget. Meine Tante ist von ihrem eigenen Ungeziefer gefressen worden! Schön ist eS natürlich nicht im Wasser. Aber einmal im Jahr könnte man so ein Bad wohl aushalten. Im Hochsommer. Wenn man dadurch Ruhe vor dem Gewürm bekäme!* Und immer näher hüpfte die Nachtigall hinab, von Zweig zu Zweig. Jetzt saß sie dicht über dem Kopf des Fuchses. »Herrje, wie er schnarcht!* sagte sie.»Er schläft offenbar fest wie ein Stein. Wenn ich mich auf den untersten Zweig setze, kann ich vielleicht sehen, ob noch Flöhe ui seinem Pelz sitzen. Wenn ich aber nur noch einen einzigen finde, dann werde ich den roten Fuchs ordentlich verhöhnen, sobald er wach wird. Wer es siebt wirklich so aus, als ob er keine mehr hat. Er juckt sich ja gar nicht mehr und hat sich kein einziges Mal geschüttelt. Ich glaube wahrhaftig, ich wage es... Herrgott, was kann mir denn geschehen?... Ich will bloß mal schnell nachsehen... Ich kann ja gleich wieder hinauf- hüpfen...* Schwabb! Ruhig lag der Fuchs da und kaute an der Nachtigall. Es dauerte keine zwei Minuten, so hatte er sie mit Federn und Schnabel und Krallen und allem im Leibe. »Dummkopf!* sagte er und schlenderte nach Hause zu seiner Höhle. • m ES war Herbst. Die Blätter wurden gelb und fielen ab und schwirrten durch die Luft. Vogelbeeren hingen rot und rund herab. Der Dorn- busch war voller Schlehen. Die Sonne stand hoch am Himmel, und es war sehr schön im Walde. Der Fuchs freilich fand das nicht. Ringsum waren Hopfenstangen mit Strohwischen aufgestellt, und die kannte er nur zu gut. Das bedeutete, daß zetzt die Jagdzeit herankam. Da gab es ein Schießen und Knallen, ein Rufen und Schreien, und es wurde gegen die Bäume geklopft, daß es ganz unerträglich schien. Und man setzte sein Leben dabei aufs Spiel. Bisher war der Fuchs allerdings seinem Schicksal entgangen. Aber wer konnte wissen, wie lange das Glück noch dauern würde! Fünfzehn seiner Kinder und seine erste Frau waren ja dem Mord- bad schon zum Opfer gefallen, und diesmal kam die Reihe vielleicht an ihn. Es war auch nicht leicht, den Treibern auszuweichen, so dicht standen sie. Und war man erst in der Schußlinie der Schützen, so war man geliefert. Schoß der eine vorbei, so traf der andere. Und am schlimmsten war es, wenn man zum Krüppel geschossen wurde. Ueber ein Jahr lang war hier ein alter Füchs in der Gegend um- hergehinkt, dessen linkes Hinterbein durchschossen worden, der aber entkommen und das Leben gerettet hatte. Er hatte sich nicht selber ernähren können, und schließlich hatte er sich ins Roggenfeld gelegt, um zu sterben. Da lag er nun und verfaulte. Das war eigentlich noch schlimmer als ein rascher Tod durch einen Schrotschuß, meinte der Fuchs. Er ging langsam durch den Wald und sah um sich, von Hopfen- stange zu Hopfenstange. Hier sollte das erste Treiben stattfinden, dann sollten die Jäger frühstücken und hernach ein Treiben dort drüben veranstalten. Der Fuchs wußte Bescheid und verstand das alles. Er hatte ja schon so viele Jagden mitgemacht, und selbst wenn man nur zum gejagten Wild gehört, lernt man doch eine gange Menge, wenn man den rechten Kopf dazu hat. (Fortsetzung folgt.) Bücher dee ftumoro. Wer sich noch keinen Ekel an der heutigen»UnterhaltungS*. Literatur geholt, überhaupt, wem noch soviel Idealismus geblieben ist, daß er einen Roman oder was sonst mit Nutzen lesen mag, ihm wird daS Opus eine« Autors von komischen oder humoristischen Schilderungsqualitäten erst recht gelegen kommen. Zwar, die allerwenigsten Bücher gewährleisten dem Leser noch das befreiende Lachen. Mancher glaubt ein Komiker oder Humorist zu sein— und ist doch nur ein von großen Vorbildern abhängiger Hampelmann-, woraus folgt, daß Komik und Humor angeborene Begabung sein müssen: der Ausfluß eines tiefen GemülS und eines Geistes von feinster Kultur. Komik ist nicht aar so einfach zu erzeugen, noch zu erklären. DaS Komische ist die Türangel, die das ganze Jahr nach Oel schreit. Man will sie stets ölen, tut es aber nicht. Es ginge wohl, aber es geht nicht, hat einmal Friedrich Theodor Bischer ge- sagt. Mancher möchte wohl— aber et jeht nich. Er kommt sich recht ulkig vor mit seinen vermeintlichen Späßen— doch»der andere*, der allemal der Leser ist, verzieht dabei das Gesicht, alS hätte er Sauerampfer gegessen. In diese letzte Kategorie von humoristischen Büchern gehört nun »Der vergnügte Idiot* von Wilhelm C r e m e r iFranz LedermannS Verlag, Berlin 1910) nicht. DieS»Reisetagebnch* ist weder das, was sein Untertitel besagt, denn es ermangelt der archäologischen Trockenheit und Fadigkcit; noch auch ein Roman. worin von Liebe und anderen Sachen gefaselt wird. Trotzdem birgt es in sich eine Ueberfülle an Phantasie, von der stch gut ein Dutzend tamilienromanschreiber nähren können. Der Verfasser ist ein« chalksnalur. Um das Volk der Dichter und Denker, das Pfahl« bürgerlum mit allen seinen ungelehrigen Tugenden zu verspotten, verfetzt er sich selber in die Rhinozeroshaut eines»vergnügten Idioten*. DaS ist ein neuer Typus, der nun ebenso ver- gnügt ausgeschlachtet werden dürste. Cremer schildert eine Fuß« lour von der Mosel nach der Spree. Wäre er nun ein Tourist und Reiseschriftsteller nach üblichem Zuschnitt, so hätten wir ein Buch mehr, nichts weiter: ein Buch nämlich, in das sehr pedanttsch und sehr dreist alle? hineingetragen worden wäre, waS hundert— andere Fach- und Lmateurschreiber bereits gesagt haben. Cremer jedoch hat damit nicht das mindeste zu schaffen. Er operiert mit den vorhandenen Menschen und Dingen nach seiner eigenen Weise. Er stellt sie, bildlich gesprochen, auf den Kopf und schüttelt ihnen gründlich die Taschen aus. Da kommt denn lauter Neues zum Vorschein: Ungereimtes, Verrücktes meinetwegen, das aber bei Licht besehen höchst vernünftig und überaus komisch ist. Handgreiflich« Komik, Drolligkeit, PossenHaftigkeit, massive Scherzhaftigkeit. Witz— dieser destillierte Geist des Komischen, aus feinen Spitzgläsern genippt— der gern zur Sattre neigt, ein Humor, der mit vollkommener geistiger Freiheit an seinem Erzeuger sich reibt: das alles findet sich hier. Der Verfasser ist in dieser sich selbstverspottenden Laune ganz da? Objekt, von dem Goethe sagt: Ich liebe mir den heitten Mann Am meisten unter meinen Gästen: Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, Der ist gewiß nicht einer von den Besten. Ob nun diese Verulkung alles»Heiligsten* und»Höchsten*, WaS der Durchschnittsdeutsche anbetet und— nachäfft, literarische Tragkraft hat, ob es nicht schließlich an der Einseitigkeit Schiffbruch leidqt oder im Sande verläuft, das ist eine andere Frage.»Der vergnügte Idiot" ist aber ein zu origineller Kerl, als daß er wegen einiger derber Schicksalspüffe gleich seinen»Geist* aufgibt. Auf seiner Rückwanderung durch die Mark Brandenburg kommt er mit St. Bureaukratius und der Polizei unsanft in Berührung. Er wird sogar schlankweg ans der Badeanstalt in Potsdam als langgesuchter Verbrecher, der er jedoch nur dank des von keinerlei Kenntnis getrübten llebereifers der»Blauen* ist, nach dem roten Hause am Alexanderplatz ttanS» portiert, in Badehosen transportiert. Der Leser folgt ihm er» rötend auch hinter die schwedischen Gardinen, sieht ihn mit groß» artigem Appetit die ihm dargereichte Henkersmahlzeit verzehren und freut sich auf die nächste Aventüre trotz der Versicherung des Ver» fassers, daß ihm schon»der vergnügte Idiot* lang zum Halse her» auShängj.* In Horst Schüttlers Buch:»Finessen vom Leben, Lieben, Lachen'(L. Staackmann, Leipzig) ist eine große Anzahl von Beobachtungen. Erlebnissen, Zuständen, Verhältnissen:— lustige und traurige, wie sie der Tag bringt, aneinandergereiht. Teils sind sie zu kleinen Erzählungen auSgeiponnen, teils lehrhast pointiert in dem löblichen Bestreben, den tieferen Sinn zu deuten, der auf dem Gninde aller Erscheinungen schlummert. Die subjektive Note herrscht natürlich vor. Manches Stück erhebt sich auch zu allgemeingültiger Wahrheitsschilderung. Jedenfalls ist der Verfasser ein philosophisch angelegter und witziger Kopf. Möglich, daß er Leser findet. Nur der Lelterusay— der ist scheußlich I— Olaf H e i n e m a n n hat sich die Kleinstädter als Objekt er» koren. Wenn man seine»Geschichten aus Banausia*(Ver» lag Georg Kering, Berlin) gelesen hat, weiß man, daß er seine Leute kennt. Er reibt sich mit boshaftem Behagen an ihren Schwächen. Komik, sattrischer Witz stehen ihm zu Gebot, lebendig« DarstellungSgabe nicht minder; und der Leser wird oft in schallende Heiterkeit ausbrechen ob der komischen Situationen, in die diese Banausen geraten. Einzelne ernstere Stücke lassen übrigens auch sozialethische Neigungen von tieferem Gehalt hervortreten. Alle« in allem zählen diese Geschichten zu den beachtenswerten Erscheinungen ihrer Gattung. Hingegen bietet Eugen JllöS mit seinem Roman von der Tauentzienslraße:»Die drei Väter*(Verlag Conttnent, Berlin) einen waschechten Berliner Sittenroman und, wie gleich hinzu» gesetzt werden soll: ein Oualilätsbuch. Nicht so sehr nach der künstlerischen Seite, obzwar der Roman straffe Kon, Position und eine trefflich entwickelte Handlung aufweist. Aber der trocken- ironische Humor, der über das ganze Buch ausgegossen ist: da« ist hier der eigentliche Vorzug, und dieser Humor hat Kraft und frische leuchtende Farben. Das eigenartige Milieu ist offenbar mit kenntnisreicher Liebe studien und mit origineller Keckheit z« einem wirkungsvollen Groteskbilde verdichtet. Man wird sich schon denken, was eine Mutter tut, wenn sie zwei hübsche Töchter hat, notabene, wenn ihr Mann da»unten* im österreichischen Osten daS Metier eines MädchcnhändlerS und Pfrrdejuden mit falschen Papier» scheinen betrieben, und wenn daS Weib im»vornehmen* �.-Viertel ihr männerangclndes Quartier aufgeschlagen hat. Nun, die Töchter sind»talentvoll*. Die Aelteste versteht das Geschäft aus dem ff; und die Jüngere krümmt sich trotz ihrer fünfzehn Lenze bereits sehr hoffnungsvoll zum Häkchen, an dem früher oder später junge und ältere Männlein zappelnd hängen bleiben werden. Sie wird eS sicker bald so weit bringen wie ihre ältere Schwester, die sich zu ihrem zu erwarteudeu Kinde gleich drei— Bäter recte»Zahl» — 640- oufuftä* festlegt..Du stehst also, sagt Lona zur Mutter, die Sache ist gut gcmanaget". Dies Mädel ist.gerissen"— wie eine Pariser Asphaliblume nicht besser sein kann. Adoptieren lästt sie sich von einem leibhaftigen serbischen Baron, der das Metier des Adoptierens aus Erwerbsinteressen betreibt, weil er sonst nichts besitzt als daS ge- stickte Wappen mit der Krone in seinen paar Wäschestücken. Das tollste ist, wie um Lona ein angeblicher Lord wirbt, der aber zu aller Leidwesen als der eigene Vater erkannt wird. Einer der drei Kindsväter hat sein Vermögen verputzt. Er muß sich.arrangieren' — mit anderem(Beide, angelt nach einem Goldstisch, angelt aber vorbei. Er ist ein geriebener Gauner: der serbische Baron ist ihm aber doch bei weitem überlegen. Wie einer von dem anderen betrogen wird, ist ein Stück brillanter Schilderei, lieber Haupt weist der Autor eine Unmasse von Geschehnissen und Konflikten aufzurollen, die stets in verblüffender Weise gelöst werden. Spannend zu erzählen, durch unvorhergesehene Kontraste Zwerchfell- erschütternde, komische- satirische Wirkungen zu erzeugen, eine blendende Dialektik, geistreich pointierte Dialoge zu entwickeln. nirgends das Interesse des LeserS erlahmen zu lasten, bei aller grotesken Ilebertreibung doch scharf uud erkennbar wirflichkeits- getreue Charaktere und Typen zu zeichnen: das alles sind immerhin ungewöhnliche Vorzüge. Schliehlich hat dies Sittengeniälde aus Berlin- W. eine sehr ernste Eigenschaft: Der Verfasser macht eS an zwei Gestalten: dem armen, aber wirklich künstlerischen Musiker und der Halbmillionenbraut, klar, wie doch immer wieder die moralisch Tüchtigen oben bleiben und siegen über alle Gemeinheit dieser Welt und die Fährlichkeiten des gröststädtischen, total verseuchten Gesell- schaftslebens. E. K. Kleines f euilleton, Luftschiffahrt. Flugplätze und Flugstraste n. Woran noch bor ganz kurzer Zeit niemand gedacht hatte, der Raum in der Luft ist jetzt dem Menschen zu eng geworden. An den Grenzen der einzelnen Staaten herrscht Eifersucht gegen Uebergriffe nachbarlicher Flieger, und auch die Städte wollen den über ihnen liegenden Platz im Luft- meer nicht frei geben. Vorläufig hört man also bei Vorführungen im Kunstflug vorzugsweise immer von dem Begriff des Flugplatzes. O. Schmal-Carbur hat jetzt in der Deutschen Zeitschrift für Lust- schiffahrt einen Aufsatz veröffentlicht, worin er den Unterschied zwischen Flugplatz und Flugstratze abwägt und für eine Reform der Veranstaltungen bei Weit- und Sportflügen eintritt. Dast eine solche notwendig ist, wird aus der Tatsache geschlossen, dast jetzt auf fast jede Flugwoche eine»graste Katerstimniung" gefolgt fei. Die Flieger selbst hätten daran noch am wenigsten teilgenommen, am meisten die Veranstalter. Dabei ist ein Fall, mit dem immerhin ge- rechnet werden muh, noch gar nicht eingetreten, dast nämlich einmal ein Flugapparat in die Zuschauermenge hineingestürzt uud dort viel- ■leicht ein erhebliches Unglück veranlastt, namentlich wenn etwa noch der Benzinbehälter explodiert, was sehr leicht durch die Nähe von brennenden Zigarren oder Zigaretten geschehen könnte. Aus diesen und noch manchen anderen Gründen must die Wahl abgeschlossener Flugfelder bedenklich erscheinen. Schmal meint, dast auch die»Flug- Wochen" in ihrer bisherigen Form sich bereits überlebt haben und dast es an der Zeit sei, den Fliegern gröstere Aufgaben zu stellen, deren Erfüllung auch mehr für die Praxis von Nutzen sein würde 0 bis 60 Metern wird diese Strastenlinie übersichtlich genug sein, um dem Flieger einen sicheren Anhalt zu geben. Weitere Anweisungen können durch Signale mit blauer und weister Farbe oder dergleichen gegeben werden. Zunächst befürwortet Schmal die Veranstaltung eines Flugrennens auf der fertig ge- stellten.Straste" Bork-Johannisthal, die immerhin eine Länge von rund 60 Kilometern besitzt. Es ist wohl anzunehmen, dast ein solches Schauspiel dem Publikum m-hr Interesse ablocken wird als die Flugwochc, zumal es dabei nur für kurze Zeit auf die Gunst der Witterung ankommen würde und nicht für eine ganze Reihe von Tagen. Viell.'icht würden sich auch gröstere Flüge dann am leichte- sten entwickeln. Aus dem Pflanzenreich. Aus der Geschichte der AlpenblumeN. Alpen» rcsen und Edelweist, diese holden Symbole der Alpen und deS Alpensports, sind eigentlich gar keine eingeborenen Spröstlinge de, ewigen Berge, sondern Kinder einer heisteren Sonne, die sich freilich seit uralten Zeiten ein HeimatSrecht auf den Felsenhöhen erworben haben. Diese färben- und formenschönen Kinder Flora? haben eine eigenartige ehrwürdige Geschichte. Aus dieser Geschichte erfahren wir wertvolle Aufschlüffe in der vor kurzem er- schienenen Monographie des EdelweiheS von Dr. E. M. Kornfeld. Alpenrosen sowohl wie Edelweist find die fortdauernden Zeugen einer versunkenen Welt, Reste der dem Auftreten des Menschen vorausgegangenen Tertiärzeit in unfern Alpen. Die Flora dieser prähistorischen Epoche ist durch fossile Funde erhalten. Es herrschte damals in den Tälern Mitteleuropas und am Mittelländischen Meer eine tropische Vegetation, wie sie jetzt in Ostasien und im wärmeren Nordamerika vorkommt. Auch auf den höchsten Bergen Europa? must ein verhältnismätzig mildes Klima gewesen sein, und als dann die Flora der Tertiärzeit durch die folgende Eiszeit zum größten Teil vernichtet wurde, erhielten sich auf den hohen Gipfeln einige ursprüngliche Arten, während die meisten Blumen der Tertiärflora nach den tropischen Gebieten Asiens verdrängt wurden. Nicht weniger als vier Fünftel unserer gegenwärtigen Alpenpflanzen sind dieser Gruppe von Tertiären, einer heisteren Erdepoche entstammenden Arten beizuzählen. Sie haben sich gleich. sam ins Gebirge geflüchtet und dort in sicherer Hut der Höhen die Revolutionen überdauert, die die Täler durch die Jahrtausende heimsuchten. So kommt es, dast sich gerade in Asien ein auster- ordentlicher Reichtum jener Pflanzenarten entfaltet, die auch für die Alpen charakteristisch sind. Das kühle Edelweist, die? Sinn- bild der Alpengipfel, ist ebenso ein Kind des heißen Zentralasiens wie die Alpenrose, deren verwandte Rhododendrenarten in größter Mannigfaltigkeit von Kleinasien bis Ostasien vorkommen. Eine asiatische Pflanze ist das Edelweist und steht in der europäischen Flora, was sein Aussehen anlangt, ganz vereinzelt da. DaS auS langen lufthaltigen Haaren gebildete Filzkleid der Pflanze ist nicht etwa ein Schutzmittel gegen Kälte, sondern bewahrt das Edelweiß wie andere Steppenpflanzen gegen den Sonnenbrand, das heißt gegen die Gefahr jäher Austrocknung. Nicht viel anders verhält es sich mit der Alpenrose, die eben- falls als der letzte Ausläufer einer in der gegenwärtigen Schöpfungsepoche wesentlich weiter östlich gedeihenden Gattung ist. Als das in der Tertiärzeit herrschende mild« Klima von der rauhen Kälte der Eiszeit abgelöst wurde, mutzte auch die Haupt- masie der alpinen Tertiärflora vernichtet werden. Einzeln« Arten, wie Alpenrose und Edelweist, überdauerten die Eiszeit, andere erhielten sich am Rande der Gebirge, bis wieder milderes Klima eintrar. Daher kommt es, dast sich gerade am Rande der Aloen merkwürdige Arten aus dem Tertiär erhalten haben, die früher für pflanzengeographische Rätsel galten. Früher glaubte man, dast die alpine Flora die größte Ver- wandlschaft mit der arktischen Pflanzenwelt habe, aber dies arktische Element in der heutigen Alpenflora beträgt doch nur ein Fünftel des ganzen Bestandes. Da die Hochgebirge Skandinavien? ebenso wie die Alpen die Bergletkcherung der Eiszeit mitmachten, stiegen aus dem Norden Bergpflanzen in die deutsche Ebene hinab. Ein Teil von ihnen machte dann die Wiederbesiedelung der Alpen nach der Eiszeit mit, aber die aus den wärmeren Erdstrichen ver- kommenden Arten waren doch bedeutend zahlreicher als die Nord- landspflanzen. Diese Bergsteiger aus der heihen Zone machen daher den schönsten und wichtigsten Teil der Alpenflora aus. Geologisches. Das sinkende Nordamerika. Die Ostküste der Ver- einigten Staaten oder, wie man diesen zum Teil wohl auch heute noch immer nennt, von Neu-England, sinkt scheinbar unaufhaltksam mehr rind mehr unter dem Spiegel des Atlantischen Ozeans. Wäh- rend in anderen Erdgegenden, beispielsweise an der deutschen Nord- seeküste, die Anzeichen für eine Senkung des Landes recht ungewist sind oder nur auf eine sehr langsam«, vielleicht auch schon zum Still- stand gekommenen Senkung deuten, sind die Merkmale an der Küste Neu-Englands unvcvkemrbar und in einer ganzen Reihe von Er- scheinungen gegeben. Da gibt es fjordartige Bildungen, weite vom Meer in Beschlag genommene Flußmündungen, alte Flußtäler, die sich in den Meeresboden hinein verlängern, und Beweise für das Fortschreiten von Strandlinien nach dem Innern. Das sind aber nur einige der großzügigen geographischen Tatsachen, die in diese Richtung weisen. Zu ihnen konimt eine große Anzahl anderer. Wenn das Meer sich während der Ebbe zurückzieht, so tauchen an vielen Orten die Reste von Bäumen auf, die ohne Zweifel an der Stelle gewachsen waren, wo sich ihre Ueberbleibsel befinden, aber durch das vordringende Meer zugrunde gegangen sind. Auch ganze Torf- lager, die bekanntlich nur im Süßwasser abgesetzt werden, liegen jetzt unterhalb des Flutspiegols und werden zum Teil von der Meeres- Ivoge angegriffen. Ein besonderes Kennzeichen sind dann endlich nock? die ausgedehnten Salzsümpfe, die sich längs der Küste«nein- ander reihen, wo nur immer das Land mit schwacher Neigung zum Meere abfällt. Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwarl»>0ua,»ruckcrel u.VerUgtaugaU Paul Singer äcCa.,£e[ltn S W.