Anterhallungsblatt des Horwärts Nr. 163. Dienstag den 23. August. 1910 CNachdritil baiettXJ 333 Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. Mit dem Maskenfeste bei Komnierzienrat Ebner fing die Saison an. und Philipps Jugend ließ sich nicht allzuschtver zu ihren Festen verführen. Gesellschaften. Hausbälle, Fest- essen— Reichtum überall und der Aufwand der angesehenen Familien, die es ihrer dominierenden, gesellschaftlichen Stel- lung in der Stadt und ihrer gefüllten Kasse schuldig waren, sich ins Zeug zu werfen. Anfangs fah Philipp hinter allem Schalheit? aber bald blickte er nicht mehr tiefer. Es lag ein schmeichelnder Reiz für ihn darin, hier Verkehren zu dürfen- Die„ersten Kreise" � es hatte fast etwas Betäubendes für ihn. Daheim die reichen Bauern sahen immer noch auf ihn herab. Hier tat maus nicht. Hier war er Zugehöriger, Gleich- berechtigter. Ein heimliches Stolzsein, eine bewußte Eitel- keit. Und sein Selbstgefühl wurde bestärkt. ».Wie gefällt es Ihnen?" fragte Professor Winter. „Nun, so—" „Na, na— mehr als nur„so". Man amüsiert sich, man unterhält sich und erholt sich. Ich habe das immer als Er- holungen angesehen. Es kostet einen keine Anstrengungen. Es plätschert alles so hin, spielend wie Zimmcrfontänen." „Es ist nicht gerade ohne Ansttengung," wehrte Philipp. „Ach was, feien Sie klug. Ein bißchen körperliche Müdig- keit. Sie tanzen ein bißchen viel, und ein bißchen wild. Das hat nichts zu sagen. Das zwingt einen dann zur Ruhe, und dann ergeht man sich leichter und behaglicher in seinen Ge- danken. Ganz gut, ganz gut. Kosten Sie's nur tüchtig aus, und schlagen Sie Kapital daraus. Es gehört zum Jung- sein. Ucbrigens— die ganze Damenwelt liegt Ihnen zu Füßen. Sie werden ja fätiert wie ein Pascha. Spielen Sie ruhig ein bißchen Pascha- Es sind so nette Triumphe. Man erinnert sich ihrer gerne. Und das ist das Uebelste nicht. Haben Sie s noch nicht selbst gemerkt?" Philipp verneinte. „Mensch, sind Sie blind? Fräulein Luise Ebner, die Kommerzienratstochter, schlägt immer ordentlich die Augen auf, wenn Sie sich nur sehen lassen. Und wenn Sie den Mund zum Reden austun! Und wenn Sie erst tanzen mit ihr— na. Gehn Sie mir, das wissen Sie selbst." Aber Philipp wußte es nicht. Da es ihm nun gesagt war, fiel es ihm sogar auf die Seele. Er dachte gleich heim. Er dachte an Emilie, der es gewiß nie eingefallen wäre, die Augen wegen ihm auszu- schlagen. Ja, wenn er auch aus der Eulenmühle gewesen wäre. Aber er war aus der kleinen Gasse, in der die Ziegel- Hütte stand, darin seine Mutter arbeitete. Und nun die Kommerzienratstochter. Eines der reichsten Mädchen in der Stadt— die sollte? Ja, es war ihm, als könne er sich erinnern— aber nein. Ja doch— sie hatte ihm die Hand gedrückt, als er sie neulich aus dem Kasinoball nach Hause begleitet hatte. Mehr als notwendig war. Herzlich jedenfalls. Hatte sie? Vielleicht bildete er sich's nur ein. Und bei der Damentour hatte sie ihn zuerst engagiert. Das war unbedingt sicher. Als sie ihm neulich begegnet war auf der Waldstraße, hatte sie ihn aufgefordert, sie zu begleiten. Und das war doch viel- Es war ihm ordentlich genierlich gewesen. Das Gerede war so rasch bei der Hand. Und die Leute redeten einen einfach mit jemand zusamen, da war nachher nicht mehr zu entweichen. „Nicht die erste Tour", hatte sie während des Spaziergangs gebeten. Jetzt fiel ihm das erst auf. Nicht die erste Tour auf dem nächsten Kasinoball, der alle vier Wochen stattfand. Es war doch verräterisch. Und was für ein Kostüm er zu Hofrat Krügers MaSkensest wählen werde? Er wußte nicht. „Mir können Sie es doch sagen!" Das hatte sie bestimmt gesagt. Aber das war so Jung- madchcnart- Sie war noch jung. Kaum zwanzig. Noch halb Backfisch. Aber nein, sie war doch kein Backfisch mehr. Sie war richtig erwachsen. Und..Mephisto" hatten sie zusammen ausgemacht. Richtig ausgemacht. Sie würde sich als Gretchcn kostümieren. Da hatte er über ihre Haare gesehen. „Aber Sie sind nicht blond!" „Stört das sehr?" „O ja, Gretchen muß blond sein." „Nun, was glauben Sie denn, was mir gut stehen wird?"� Er hatte geschmunzelt. Tann hatte er sich besonnen unL sehr wichtig getan. „Schwarzes Haar, dunkle Augen, große Gestalt- Wissen Sie was— wenn ich Satanella vorschlagen würde." Das wollte sie doch nicht wagen. „So kommen Sie als Kömgin der Nacht." Sie lächette. Er hatte nicht verstanden, warum sie gelächelt hatte. Dam» hatte sie gesagt: „Gut, Herr Kaiser, ich komme als Königin der Nacht. Sie als Mephisto. Ich freue mich." Dann hatten sie sich verabschiedet. Nun war's ihm eigen und fast unbehaglich zumute. Würde sie als Königin der Nacht kommen? Und sollte er dabei bleiben, das Mcphistokostllm zu tragen? Der Professor hatte ihn gewiß nur aufgezogen. Und nun sah er alles mit anderen Augen an. Nein, er hatte gar keinen Grund, das verabredete Kostüm nicht zu tragen. Er war nur neugierig, ob sie auch bei der Abmachung bliebe. Wahrhaftig, er war unruhig. Es ging ihm den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopse. Das dumme Maskenfest bei Hofrat Krüger. Er beugte sich tiefer über seine Schriften, und die Feder durfte nicht mehr rasten. 9. Die Wintersaison ist um, und die Leute haben etwas zu reden. Philipps Wirtin fragte schon ein paar Mal:„Bis wann darf man denn gratulieren, Herr Doktor?" Gott, er weiß gar nicht recht. Die Leute sind doch gar zu dumm und voreilig.„Eine gute Partie. Der alte Ebner kann seiner Tochter mindestens dreißigtausend bar mitgeben," sagte dm Wirtin ein andermal Heiraten! es kommt Philipp fast lächerlich vor. Das ist gleich ein ganzer Korb voll Worte in einem Wort. Die fallen über einen her wie aus einem Sack, der aufgegangen. In der Eulenmühle ist es ihm einmal in der Scheune passiert: er hatte oben im Gebälk hineingegriffen und ein Spreusack war aufgegangen und die ganze Spreu über ihn. Heber und über. So war's mit dem Wort heiraten. Die Wirtin hatte in allem Anzüglichkeiten. Sie hatte ein Schneeglöckchensträußchen auf den Tisch gestellt.„Für Luise!" Herrgott, man sollte ihn in Ruhe lassen. Allerdings, es war ja etwas angebändelt. Aber harmlos. Wintcrvergnügen. Nun ja, und nun sah man sich öfter und war öfter eingeladen. Sie wußte genau seine Stunden, wenn er von Professor Winter wegging,— und wußte auch genau seinen Vorlesungsplan. Sie begegneten sich öfter. Der erste Assistenzarzt der chirurgischen Klinik nahm ihn nach einem Frühschoppen einmal auf die Seite: „Lassen Sie sich raten, Herr Kollege"— der Wein war ihm bestimmt zu Kopfe gestiegen—„das lange Hängen und Hinhalten hat keinen Sinn. Schaffen Sie sich klare Verhältnisse. Das ist das Gescheiteste. Dann geht man ruhiger seinen Weg. Und dann hinters Examen. Und dann in die Praxis. Ein Arzt muß verheiratet sein. Oder er muß lvo hinkommeu, wo er das„Geriß" wieder haben kann. An jedem Finger zehne"�— er schnalzte mit der Zunge—„das hilft auch zur Praxis. Aber Verheiratetsein, das gibt Vertrauen." „Ja aber—" wollte Philipp einwenden. „Nichts aber, Herr Kollege, wir sind keine Wickelkinder mehr. Reden Sie Säuglingen Ihr Aber ein. Lassen Sie sich raten. Und nichts für ungut. Es kommt Ihnen was I Er ging an seinen Platz nnd trank Philipp zu. Dem Philipp ging so alles mögliche ivirr durch den Kopf. Er dachte an alle möglichen Menschen, die durch sein LefoN gegangen waren, und fragte sie in Gedanken um Rat. Da war der alte Krafft. Nun, der ging unberührt vorbei. Der Spengler Schlüssel. Das war etwas anderes, der saß da und guckte seine Frettchen an. Und'lächelte so sonderbar. Es war auch bei ihm nichts zu holen. Der kleine Herz. Herr- gott ja, der kleine Herz. Der riß seine Augen deutlich auf und reckte sich in du'Höhe anlr sagte ernst:„Philipp, du ,w-:. bist auf dem Vesten Wege, eine Dummheit zu machen. Mach fiel Auch Dummheiten können zu etwas gut sein." Und die Mutter, die Mutter sagte nur:„Philipp, du bist ein armer Bub. Und arm und reich tut selten gut." Aber vielleicht, wenn er die Mutter wirklich fragen würde, würde sie gar nicht so sagen. Vielleicht würde sie sich freuen und sehr glück- vch sein. Er hielt sich ein wenig abseits und machte sich auch für Luise ein wenig rar. Aber nun quälte es ihn, wie sie das aufnehmen würde. Es war, sagte er sich, die pure Neugierde. was ihn quälte. Es ging beständig mit ihm herum. Die Wirtin sagte einmal:„Herr Doktor, um dies Nest ist schon mancher geschlichen. Aber der Alte ist nicht ohne. Er sitzt fest auf seinem Geldsack." Und sie erzählte eine lange Geschichte, wie er früher auch einmal nichts gehabt habe und wie er mit seinen Kindern jetzt gar zu hoch hinaus wollte. Aber schon gleich mit der ältesten Tochter sei er hereingefallen. Sie habe einen Parfüm- fabrikanten geheiratet. Große Stangen, immer feinen Ge- stank, aber nichts dahinter. Nun sitze sie in Amerika, und wenn man auch nichts Gewisses wisse, man könne sich's schon denken, wie's da wäre. Vielleicht putze er nun Stiefel und rieche nach Stiefelschmiere. Und der Sohn— der habe auch schon einen gehörigen Batzen verpulvert. Der alte Ebner sei ein Esel, sie sei gleichalterig mit ihm. Aber Geschäfte machen, das ver- stehe er. Man brauche ja nicht immer dahinter zu gucken. wie er zu seinem Gelde gekommen sei— er hab's nun doch. Drauf sitzen tut er, wie eine Glucke auf dem Nest. Das reizte Philipp und stieß ihn ab. Ein altes Semester mit einem Dutzend Renommierschmissen packte ihn einmal auf der Straße an und sagte:„Nichts für ungut, aber Mann, ich muß sagen, Sie haben Kurage. Wenn der alte Geizkragen Sie hinauswirst, ich biete Ihnen meine Dienste an. Aeh. äh, äh, da schau einer an. Stille Wasser gründen tief. Schon immer wahr gewesen, was Sprichwort sagt. Schoppen stechen? Na, Sie sind ja nun fein heraus. Da braucht's Ihnen nicht auf eine Runde anzukommen." Und er hatte ihn richtig auf die Kneipe geschleppt. Die jungen Damen waren am schlimmsten. Sie stichelten beständig. Kein Wort, das nicht eine Bezüglichkeit hatte. Und da Philipp immer auszuweichen suchte und sich auch von der Familie Ebner ein wenig mehr zurückhielt, so kam er in den Ruf eines Schwerenöters und war von der jungen Damen- Welt viel umworben. Kam es dann bei einer Gelegenheit wieder zu einem Tänzchen, so schmollte Luise oder ward aus- fällig gegen ihn. Dann gab er sich alle Mühe, sie zu ver- söhnen und gut zu stimmen. Und das gab jedesmal ein Schrittchen zur Annäherung, ohne daß er es merkte. Professor Winter hatte nur einmal gefragt:„Nun,.es bekommt Ihnen gut. so ein bißchen Flirten, wie? Der Appetit kommt mit dem Essen. Ja, ja, ganz gut, wenn man sich in Distanz zu halten weiß." Darauf war Philipp rot geworden wie eine Konfir- Mandin. Lange hatte Professor Winter dann nichts mehr gesagt. Der Klatsch hatte sich immer mehr ausgedehnt und war intensiver dabei geworden, so daß das alte Semester ge- legentlich wieder eine Rede herausschlug, indem er bei einer Begegnung von der Bemerkung ausging:„dlon eher, es wird bald kompromittierend für die Familie, wenn Sie noch länger warten. Ich könnte Sie meiner Dienste nicht ver- sichert halten." Nun wurde es Philipp doch zu dumm. Man rückte ihm ja förmlich auf den Leib. Er wollte sich die ganze Sache aus dem Kopfe schlagen. Aber er wurde ein gewisses Verant- Wortungsgefühl doch nicht los. Er war zu schwer und schwer- fällig dazu, einfach so etwas abzuschütteln. Dann war ihm Luise wieder begegnet. Sie war offen Suf ihn zugegangen. „Man sieht Sie ja gar nicht mehr, Herr Kaiser-" Er entschuldigte sich mit Arbeitsüberhäufung. Sie sah wirklich sehr nett und adrett aus. Ein braunes Samtkleid, ein Weißes Filzhlltchen— und der werdende Früh- ling, der seinen Widerschein auf ihr Gesicht warf. „Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie Mephisto waren bei Hofrat Krügers?" „Und Sie Königin der Nacht!" „Sie erinnern sich! Wir hatten es zusammen ausgemacht. Es war doch sehr nett gewesen. Ich habe mich selten so gut amüsiert. Den ganzen Winter nicht wieder so. Ich denke immer in diesen Abend." �Fortsetzung folgt.>, 61 Der fueba. Ein Tiermärchen von Karl Eöald'. (Autorisierte Uebersetzung von Hermann Kiy.)s Der Winter kam und verging, und er war strenger, als er seit vielen, vielen Jahren gewesen war. Jedes Wasierloch war bis auf den Grund gefroren.� Den reißendsten Bach im Walde hatte das Eis gebunden und gebändigt. Und es bedeckte das Meer, soweit das Auge sehen konnte. Der Schnee kam, aber erst nachdem der Frost alles Leben, das er fand, totgebisien hatte. Und der Schnee stürzte herab. Stunde auf Stunde, Tag auf Tag. Der Sturm fegte ihn zu großen Schnee- wehen zusammen, die Weg und Pfad bedeckten. Die Bäume krachten von der Wurzel bis zum Wipfel, und die, die innen hohl waren, zerbrachen und stürzten auf die Erde. Der Forsthof, der in einem Tale lag, war fast ganz von Schnee bedeckt. Man mußte durch das Hoftor einen Ausgang in den Schnee graben. Der Schlitten wurde hervorgezogen mit den Schellen und dem rot und weißen Netz und den Federbüschen für die Pferde. Das war hübsch und amüsant für die, die Zeit hatten, sich an der Herrlichkeit zu erfreuen. Aber für die. die zu arbeiten hatten, war es eine schwere Zeit, und viele litten Not in jenem Winter. So auch der alte Fuchs. Er war in seiner Höhle natürlich gleichfalls eingeschneit. Und er konnte sich nicht offenkundig einen Ausgang graben, wie der Förster und die Bauern. Er nahm sich gehörig in acht seit der Geschichte mit den Hühnern und dem erfchoffenen Dachshund. Denn der Förster war sehr zornig auf ihn. Seit jener miß- glückten Jagd hatte er immer wieder an den Fuchs denken müssen. Spät und früh durchstreifte er den Wald; gefunden hatte er ihn zwar noch nicht, aber es hatte nicht viel daran gefehlt. Und der Fuchs jagte sich manchmal, daß er auf die Dauer unmöglich entwischen könne. Wenn er den Schnee einfach von dem Eingang zur Höhle bei- seite geschaufelt hätte, so wäre der Förster ja bald auf der rechten Spur gewesen. Allerdings hatte er sich nicht im Walde sehen lasien, seitdem der viele Schnee gefallen war. Aber niemand konnte wissen, wann er kam. Da grub sich der Fuchs einen langen Gang unterm Schnee, ringsum den Hügel entlang, und legte ein winziges Loch so weit wie möglich von dem richtigen Eingang an, an einer Stelle, die ganz unschuldig aussah. Das Unangenehme war nur, daß die Schneedecke manchmal einstürzte und das Ganze absperrte, so daß der Fuchs die Arbeit von neuem machen mußte. Das tat er denn auch. Aber er nieste geradezu infolge all des Schnees und trippelre mit den Pfoten in der Wasserpfütze herum, die sich unter ihm bildete, wo der Frost nicht mehr hinabdringen konnte. Und er wünschte sehnlichst, daß es bald wieder menschliches Wetter werden möchte. War es aber schwierig, den Eingang zur Höhle zu ber« bergen, so bereitete der Schnee in anderer Hinsicht noch viel mehr Verdruß. Denn überall, wo der alte Fuchs auftrat, blieb seine Spur im Schnee stehen und wurde hart in dem klaren Frost, als wäre sie in Stein ausgehauen. Und jeder Bauernjunge konnte diese Spur erkennen; wie hätte sie da dem alten Förster entgehen sollen? Wenn er eines Tages in den Wald kam in seinen Pelzstiefeln und mit der garstigen langen Büchse, die immer über seiner Schulter hing, dann würde sich ihm ein artiger Anblick darbieten. Er würde die Spur des Hasen sehen— und dahinter die des Fuchses. Er würde denken: nun hat der verfluchte Fuchs wieder einen von meinen Hasen gefressen. Aber er würde ganz verkehrt denken. Denn der Fuchs hatte die Spur zwar verfolgt, aber den Hasen nicht gefunden. Gott mochte wissen, wo er war. Wahrscheinlich saß er erfroren in einem Graben. Oder vielleicht war er aufs Eis gerannt, in der Hoffnung, in wärmere Gegenden zu kommen, und war dabei von den Strandjägern erschossen worden, die dort Tag und Nacht Wildenten niederknallten. Der Förster würde auch sehen, wie hier und da am Fuße der großen Buchen Schnee beiseite gscharrt war. Die Spuren des Fuchses führten dahin, so daß kein Zweifel daran sein konnte, daß er es getan hatte. Der Förster würde denken: es geht dem alten Schlingel schlecht, weil er hier liegen und warten muß, bis die Maus aus ihrem Loche heraufkommt. Na, ich gönne ihm die MauS, denn sie ist auch ein Bandit. Mag er nur so viele fressen, wie er kann und braucht, um am Leben zu bleiben, bis ich eines Tages komme und mich mit einem ordentlichen Schuß Fuchs» schrot für deu letzten Bubenstreich bei ihm bedanke. Aber der Förster würde sich auch diesmal irrem Denn der Fuchs hatte keine erwischt. Allerdings hatte er den Schnee beiseite gescharrt und dagelegen und gewartet. Er hatte sich hinter dem Stamm versteckt und alle die füchsischen Künste angewandt, auf die er sich verstand. Aber es hatte nicht das geringste geholfen. Die Maus hatte gar nicht einmal daran gedacht, daß der Fuchs da oben liegen könnte und sie fressen wollte, wenn sie sich hervorwagte. Warum in aller Welt sollte sie ihr warmes Loch verlassen? Sie hatte ja da unten ihre guten Vorräte und fraß und schlief seelen» vergnügt und ließ den Winter oben durch den Wald toben. Die Sache war ganz einfach die: der Fuchs war nahe daran. Hungers zu sterben. In den letzten acht Tagen hatte er sich von ein paar garstigen, sauren Schlehenbceren genährt und sich oben- drein das Maul gehörig verletzt, um sie zu erreichen. So konnte eS unmöglich weitergehen. Er war so erschlafft, daß eS greulich anzusehen war. Er sehnte sich voll Gier nach einem Huhn, einem Hasen, einer Maus— oder bloß einer magern kleinen Nachtigall. Aber nichts, nichts war da. Und der weiße Schnee lag so dick und fest auf der Erde. Die Sonne schien zwar hin und wieder ein wenig, aber nur, um die Leute zum Narren zu halten. Des Nachts blinkten die kalten Sterne. Es war unerträglich. Nacht für Nacht schlich der Fuchs zum Waldessaum, wo er von dem Hügel aus den Forsthof sehen konnte und erlebte viele qual- volle Stunden. Er mußte immer wieder an die fiebenurrdzwanzig Hühner Lenken, denen er damals den Hals durchgebissen hatte, um den Förster zu ärgern. Weil er keinen Hunger gehabt, hatte er keinen Bissen gefressen, kein einziges der Hühner mitgeschleppt, sondern aus purem Haß und Rachedurst gemordet. Wie hatte er so un- überlegt handeln können! Hätte er die Hühner damals verschont, so hätte er jetzt hinschleichen können, um sich eins zu holen. Ge- wiß, er hätte sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt. Aber warum sollte er das nicht, statt mit kalten Füßen im Walde umherzu- laufen und zu verhungern? Er hätte sich ein Huhn heute holen können und eins morgen. Oder vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, immer einen Tag zu überspringen, denn an dem Tag nach einem Raube paßien die Leute in der Försterei ja besonders auf. Mit Flux wollte er schon fertig werden. Dem konnte er auch das andere Hinterbein durchbeißen, wenn er es nicht anders haben wollte, llebrigens würde Flux wohl schlafen. Und er konnte ja halb weder hören noch sehen. Der Fuchs leckte sich das Maul vor Hunger. Das waren nichts als Träume und Phantasien. ES waren keine Hühner mehr in der Försterei. Er selbst hatte sie alle ohne Sinn und Zweck totgebissen. Und der Förster hatte geschworen, daß er erst wieder Federvieh auf seinem Hof haben wollte, wenn der alte Fuchs erschossen wäre. Sonst füttere man ihn ja geradezu. Da vergaß der Fuchs in seiner Wut alle Vorsicht. Er bellte laut und lange, so daß eS über das Land hin schallte; und dann rannte er wie besessen nach Hause. Der Förster erwachte in seinem Bett. Er lachte, als er es hörte. .Hoho, du alter heimtückischer Fuchs", sagte er.»Nun leidest Du wohl Not. Aber warte nur IT {Schluß folgt.) Kopenhagen, die grüne Stadt am JVIeer- Kopenhagen, August 1910. Wir stehen auf dem»Runden Turm"— eS ist um die Mittagszeit. Warme Sonne spielt um Nahes und Fernes, und keine Wolke trübt das Blau des Himmels. Was in tausend Farben und iwch einheitlich unter uns leuchtet, was raucht und lärmt, schwatzt und lacht,— das ist Kopenhagen. Grüne und rote Dächer und wieder grüne Kuppeln, Schlotzgärten mit Musikpavillons und wirk- liehen Denkmälern, verwitterte Kirchen, die beschämt werden von modernen Prachtbauten,— das ist Kopenhagen. Aber auch' Fisch- geruch und breitbauchige Fähren, Lustjachten und eine Unmenge von Badeanstalten, englischer Sport und Pariser Grazie, das Ganze demokratischer verteilt als sonst in Europa,— das ist Kopenhagen. Es ist dasselbe wie Dänemark. Der breite schimmernde Streifen dort im Osten ist der Sund. Was hinter ihm kommt, ist Schweden. Kopenhagen selbst liegt nicht am Sund. Sein vortrefflicher natürlicher Hafen wird durch den Kallebodstrand gebildet, einen schmalen tiefen Sundarm, der zu- gleich die Insel Amager von der Stadt trennt. Doch vermag man die beiden kaum noch auseinanderzuhalten. Hingegen erhebt sich weiter nördlich scharf die kleine künstliche Insel Midelgrund vom Sundspiegel ab. Sie ist befestigt und bildet für die nördlich ein- kommenden Schiffe das wichtigste Leuchtfeuer. Jener mächtige Spcicherkomplex im Norden der Zitadelle gehört zu dem neuen Frei- Hafen, der vor Ib Jahren angelegt wurde. Die Kopenhagener Ein- und Ausfuhr beträgt mehr als die Hälfte der Ein- und Ausuhr von ganz Dänemark. Hauptausfuhrartikel sind Butter, Eier, Fleisch und lebendes Vieh. Allein an Butter werden jährlich für 150 Millionen Kronen ausgeführt. Langhin, von. Sund bis mitten ins Herz der Stadt, nach Kongens Nytorp(Königsneumarkt), zieht sich der Hafen. Die Riesen des Hamburger Hafens sind hier unbekannt. Immer- hin verkehren an 10 000 Dampfschiff« hier im Jahr. Auch hat Kopen- Hägen einen Segelschiffverkehr von seltenem Umfange(im Jahre 1908 mehr als 8000). Wie dos Auge noch einmal am Hafen entlang streicht, bleibt es an einem langen grüngedeckten Gebäude hangen, mit zahlreichen Dachgiebeln an den Seiten, mit einem grünen Turme, dessen Spitze vier Drachenleiber bilden, die ineinander verschlungen sind. Dieses Gebäude, die Börse, ist typisch für Kopenhagen. Wir kennen seine« Stil nur aus der Blütezeit niederländischen Bürgertums. Wer sich in die Linien dieser Fassaden vertieft, hat mehr von däni- scher Kultur erfaßt, als wer die glatten Jdealleiber des Klassizisten Thorwaldsen betrachtet— die unter der grünen Kuppel rechts von der Börse, in dem aus einem früheren Mcirstall ohne Frage genial hergerichteten Thorwaldsen- Museum aufgestellt sind. Das führt uns auf die weitberühmte Frauenkirche mit der bekannten Christus-Figur Thorwaldsens und seinen zwölf Aposteln. Es ist dis schlichte Kirche, die hier gleich südlich von unserem Turm neben der Universität liegt. Wer in und aus dem Kräftestrom unserer Zeit lebt, dem werden diese, bei aller Formsicherheit doch seelenarmen Figuren wenig sagen. Wer Plastik in Kopenhagen kennen lernen will— und es ist hier etwas kennen zu lernen, was keine andere europäische Stadt bietet,— der gehe in die neue Karlsberg- Glyptothek. Sie ist von unserm Turm aus etwas schwer zw finden. Diese nicht sehr breite Hauptstraße zunächst, die von Kongens Nytorp mitten die Stadt durchschneidet, endet auf dem Rathausplatz. Das Rathaus ist jenes schmucke Renaissancc-Bauwcrk mit der großen Freitreppe und dem über 100 Meter hohen kupfer- gedeckten Turm, von dem aus alle Viertelstunde das schöne Glocken- spiel erfreut. Neben dem Rathaus liegt Tivoli, der weltbekannte Vergnügungsprater Kopenhagens. Und hinter dem Tivoligarten sieht das Auge die Glyptothek sich erheben— eine gläserne Kuppel in der Mitte, umrahmt von den leuchtenden Farben eines üppigen Gartens. Diese Glyptothek ist, was Aufstellung und Verteilung der Kunst- Werke anbetrifft, unstreitig die schönste der Welt. Einzig das Glas- und Eisendach in der Mitte erinnert zu sehr an Palmenhaus und Kristallpalast, steht zu dem Marmor der Plastiken in einem zu grellen Kontrast,— sonst aber ist hier ein Problem, das alle großen Städte bedrückt, auf vorbildliche Art gelöst. Freilich war dies nur mit Hilf« eines verschwenderisch freigebigen Kopenhagener Bürgers möglich. Herr C. Jacobsen hat sich in dieser Kunsthalle ein dauerndes Denk- mal gesetzt. Vor dem Gebäude begrüßen uns Rodins„Bürger von Calais", im Garten hockt desselben Meisters»P e n s e u r"(Denker). In den Nischen der Fassade, wo bei uns die Klassiiker und Klassi- zisten stehen, fehlt Meunier nicht. Und das Innere überwältigt mit seinen Schätzen auch den verwöhntesten Museumsbefucher. SindingS ..Barbarenweib", seine„Gefangene Mutter, die ihr Kind säugt", die fast populär berühmten„Zwei Menschen", die.Anbetung", dio „Aelteste ihres Geschlechts", die„Walküre im Winde",— von Meunier und Mercie, von Chapu und Klinger charakteristisch« Originale,— und wer im Vergleich zu Thorwaldscns Formalismus ein Stück moderner seelisch vertiefter Kirchenplastik sehen will, achte auf Rodins„Johannes", eine Zierde der ganzen Sammlung. Hinte« dem Lichthof stößt man auf die alte Glyptothek. Anstatt einer un- fruchl'baren Durchwanderung des Ganzen, sollte man wenigstens einen Saal sich genau ansehen. Obwohl erst 20 Jahre alt, ist dies« Antikensammlung eine der reichhaltigsten von ganz Europa, in römischen Porträtstatuen und-Büsten kann keine andere mit ihr wetteifern. Man vergleiche das Nilpferd mit den modernsten Tier- arbeiten eines Gaul etwa, um vor den alten Meistern einmal wieder Respekt zu bekommen. Das Glockenspiel vom Rathaus schlägt 12 Uhr. Die Nörrevold- gade herunter kommt eine Kompagnie graugcklcideter Infanteristen. Mit Musik— das Programm des dänschen Großblocks, in dem auch Abschaffung der Militärmusik auf den Straßen gefordert wurde» ist bekanntlich nicht Wirklichkeit geworden. Das imposante, frei- liegende Gebäude, vor dem jetzt die Graujacken vorbeimarschieren, bedarf noch eines Wortes. Es ist die Kopenhagener Kun st halle. Sie enthält ein paar wertvolle Niederländer, hat sich aber im übrigen leider zu sehr auf das Nationale beschränkt. In den Anlagen vor ihr am Stadkgraben saß I. P. Jacobsen stundenlang und angelte— Dänemarks größter Dichter; am Schlüsse seines Lebens schrieb er: „Licht übers Land— das ist's, was wir gewollt." Wer noch eine Stunde ergattern kann, besuche übrigens ja das Kunst-Jndustrie-Museum. Es liegt gleich neben der Glyptothek. Wir finden hier die Erzeugnisse der berühmten Kopen» Hagener Porzellanmanufaktur in fast lückenloser Voll- ständigkeit. Man weiß, daß die künstlerische Richtung dieser Manu- faktur durchaus modern ist. Aber auch in der Farbenbehandlung können weder die Berliner noch die Meißener Fabriken mit ihr konkurrieren. Ehe wir den Turm verlassen, werfen wir noch einen Blick auf das Ganze. Weder streng altertümlich wie Nürnberg noch streng modern wie Düsseldorf, bietet die Stadt ein Bild von unverkemr» barer Eigenheit, das nicht zuletzt in dem harmonischen Bei- und Ineinander von See, Stadt und Baumanlagen beruht. Denn nicht nur der Sund macht die Nähe des Meeres geltend. Nach Westen hin braucht das Auge nur einige Meilen weit zu schweifen, um den Katteoat-Arm zu erspähen, der bei Roskilde ins Land stößt. Und der Meerbusen von Kjöge, über den in diesen Tagen gerade die dänischen Flieger ihre ersten Versuche machen, ist fast noch näher. Noch gar nicht aber erwähnten wir die Gärten und Parks die Schlösser und Seen, die das Stadtbild überall angenehm unter- brechen und die Umgebung Kopenhagens nach Norden hin zu einem meilcnlangen AusflugSgcbiet machen. Um von den breiten Boulevards im Westen und von den berühmten Strandpromenaden der„Lange- linie" im Osten abzusehen, so ist zunächst jener mächtige aus» gebrannte Ruinenkomplex neben der grünen Thorwaldsen-Kuppel, daS im Jahre 1884 durch Brand zerstörte Schloß K r i st i a n S, borg. Es gewährt besonders des Abends einen unheimlichen An» blick. Erst in diesem Jahre hat man mit den Renovierungsarbeiten! ibegonnen. Der weite Palast-Komplex«ach des.Langelinie" zu, rechts von der Marmor'irche, ist Amalienborg, der Sitz des jetzigen Königs. Alt, kalt, düster und griesgrämig im Vergleich zu den bunten Farben des scmj.igen Kopenhagen schaut die große, graue Reihe der Fenster drein. Kein grünes Blatt belebt den weiten, ausgepflasterten Schloßhof. Da ist R o s e n b o r g ein anderer Bau, mitten im gleichnamigen Parke fast versteckt liegend, mit Pracht- vollen Anlagen und malerischen Winkeln. Neben der Börse viel- leicht Kopenhagens schönster Bau. Nicht nur das Innere, auch der Park mit der„Damenallee" und der„Kavalierallee" läßt überall Dänemarks Renaissance-Zeitalter vor dem Auge erstehen. Heute ist der Park zu Kopenhagens„Kinderstube" geworden. Die Blech- musik der Militärkapellen durchtönt ihn. Aber der stillen Ecken birgt er zahlreiche nach wie vor. In einer steht Andersens Monu- mcnt. In einer andern die entzückende„Echo"-Figur eines jüngeren dänischen Künstlers, die auch bei uns bekannt geworden ist. Bon Rosenburg-Park in die stillen Anlagen des Botanischen Gartens ist nur ein Schritt. An diesen wiederum schließt sich Oerstcdts Park mit köstlichem altem Baumbestand. Und so weiter. Bis zur Vorstadt Frederiksberg, die mit Schloß und Garten die Anlagen nach dieser Seite Kopenhagens abschließt. Hier be- findet sich übrigens auch die große Nh-Karlsberg-Brauerei von Kopenhagen. Zwischen ihr und der Ny-Karlsbcrg-Glyptothek be- steht übrigens eine engere Beziehung als die bloße der Namens- ähnlichkeit. Jener Herr Facobsen, der die Glyptothek stiftete, war hier draußen Bierbrauereibesitzer. Wir verlassen den Turm und pendeln ein wenig durch die belebten Straßen. Aul gut deutsche Art Mittag essen können wir schwerlich. Bor 2 Uhr können wir nichts Gescheites bekommen. Das Straßcnb ild von Kopenhagen ist mehr französisch als deutsch. Solche Frauenkleider sieht man weder in München noch in Hamburg. Aber solche gesunde und gut trainierte Gestalten nur noch in Schweden und Finnland. Da es ziemlich beiß ist, machen wir in einem Rote-Grütze- Keller Rast. Rote Grütze ist Kopenhagener Spezialität. Der ge- wiegteste deutsche Koch kann sich in ihrer Zubereitung nicht mit dem einfaclstm Rote-Grützc-Kellcr Kopenhagens messen. Rote Grütze mit Milch und Mandeln. Wenn der deutsche Tourist kein einziges dänisches Wort mit nach Hause bringt, dieses sicher: Rod Gröd med flöde. Wieder fällt un? die Unmenge der Radfahrer auf und der Radlerinnen, die nicht nur wie bei uns von und zum Geschäft, sondern die aus reinem sportlichen Vergnügen fahren. Ohne Hut, nur mit einem Schleier um das Haar, in graziösester Haltung, so radelt auch die elegante Damenwelt Kopenhagens die Boulevards entlang und den Strandvej, nach Klampenborg, nach Ordrup, nach Lyngbh und wie die beguem zu erreichenden Ausflugsorte der Um- gegend heißen. Selbstverständlich hat diese Sportleidenschaft auf oie Industrie und die soziale Struktur Dänemarks ihren bestimmten Einfluß. Tausende leben von der Fahrrad- und Pneumatik-Jn- buftrie. Kleidung und Schuhwerk richten steh danach. Nach Mittag fahren wir mir der Elektrischen nach Klampen- borg hinaus. Am Hauptbahnhof und an der Redaktion des- „Socialdemokraten" vorbei— Folketshus liegt auch nicht weit vom Bahnhof, die Zentrale der Partei hingegen ziemlich ab- gelegen im Westen— führt die Bahn durch ausgedehnte Vororte hindurch. Nach einer halben Stunde Fahrt haben wir in großem Bogen die Stadt umfahren— überall erinnern die kleinen lorbeer- umwachsenen Einfamilienhäuser an England und englischen Stil — und am Strandweg den Sund wieder erreicht. Ein unbeschreib- lich scbönes Bild begleitet uns nun die ganze Küstenfahrt entlang, bis Helstngör hinauf. Am Ufer des Sunds ein Landhaus neben dem andern. Ein Gamcn noch woblgepflegter als der andere. Nach dem Binnenlande zu bald fruchtbarer Acker, bald alter, dichter Buchenwald. Dann Wiesen, auf dem Riesenherden von Milchvieh lagern. Und über dem allen jene klare nordische Seeluft, die alles Entfernte näher, alles Schöne schöner macht. Aber was rechtshiu hinter den Gärten sich dehnt, übertrifft das alles. In majestätischer Breite, bald grün, bald blau, je nach dem Wetter, zuweilen auch schwarz, dehnt sicki der Sund. Er ist kein Fluß. Nur Seedampfer wagen sich auf ihn hinaus. Und die größten Viermaster durch- kreuzen ihn. Aber er ist auch wieder keine See— als ob man in Cuxhaven oder in Neufahrwasser auf der Mole steht. Dielmehr wird er— bei klarem Wetter zum Greifen deutlich— drüben abgegrenzt durch schwedisches Land. Das nimmt ihm das Unsichere und Uubeftiedigende das man hat, wenn man am Ufer des Meeres steht. Das macht ihn uns vertrauter, weil übersehbarer. Die Fcchrt geht durch He l l er u p und Charlottenlund. Hinter Skooshoved liegt eine Prachtvilla, die aber kaum zu sehen ist vor Mauern und Toren. Sie gebort der russischen Zaren- familie und ist durch einen unter der Straße hergehenden Tunnel mit dem Strand verbunden. So furchtsam sind manche Menschen. Dann kommt Klampeuborg. Aber wir müssen abbrechen. Die kilometerlangen, gepfl'gten Wälder, den Tierpark, die Eremitage, die Waldwiesen mit den unvergeßlichen Durchblicken aus die See, Weiterhin Skodsborg und Hilleröd und ganz oben Helsin-gör mit Hamlets Grab und.Hamlets Schloß— wir wollten von Kopenhagen «eden und nicht von Seeland. Jeder, der Kopenhagen sieht, wird und muß diesen Küstenstrich sehen. Wenn nicht Skodsborg, so Krederitsborg, wenn nicht Helsingor, so Taarbalk. Beranlwortl. Redaltcur: HarS Weber. Berlin.—> Druck«. Verlag: kleines Feuilleton. Volkswirtschaft. Stand und Zukunft des WeizenbaueS. Der Anteil, den die einzelnen Kulturländer der Erde dem Anbau des wichtigsten Getreides, des Weizens, an ihrer gesamten Boden- wirnchaft zugestehen oder einräumen können, ist sehr verschieden. Es dürfte wenig bekannt sein, daß verhältnismäßig den größten Weizenanteil von allen Ländern in Europa Italien besitzt, wo 16,5 Proz. des gesamten Bodens mit Weizen bestellt sind. An zweiter Stelle steht Rumänien mit 14,5 Proz., an dritter Frankreich mit 12,3 und an vierter Ungarn mit 11,2 Proz. Alle anderen europäischen Staaten bleiben mehr oder weniger weit hinter diesen Ziffern zurück. Am besten stehen weiterhin noch Bulgarien mit 8,4, Serbien mit 7,5 und auch, waS gewiß erstaunlich ist, Spanien mit 7,3 Proz. Belgien hat nur den zwanzigsten Teil seines Bodens mit Weizen bestellt, Deutschland, das europäische Rußlaud, Oesterreich und England nur ungefähr den dreißigsten Teil, Holland und Dänemark gar nur den fünfzigsten bis hundertsten Teil. Vergleicht man mit diesen Ziffern die csisprechendcn Angaben für wichtige außereuropäiiche Länder der gemäßigten Zone, so erfahren wir, daß in Britisch- Indien kaum ein Zwanzigstel des Bodens auf Weizenbau per- wandt wird, in Argentinien mit seiner ungeheuren Getreideausfuhr doch nur ein knappes Fünfzigste! der allerdings außerordentlich großen Fläche des Landes, in dem vorzugsweise reisessendeu Japan sogar nur 1,2 Proz. Der Durchschnitt der Weizenbestellung beläuft sich für die Gesamtheit der genannten Länder auf nahezu 6.4 Proz. Merdüigs gibt dies« Liste keinen ausreichenden Begriff von der Ge» tteideproduknon der einzelnen Gebiete, wie schon das Bei- spiel von Argentinien zeigt. Abgesehen von der Größe des Landes kommt noch die Höhe des Ertrages in Bettacht. Dieser fft bei- spielsweise für Deutschland um ein Siebentel geringer als in England und dafür fast um ein Drittel größer als in Frankreich. Blickt man auf die Entwickelung der letzten Jahrzehnte zitrittl, so ergibt sich für manche Länder eine außerordentliche Steigerung des Weizenbaues. Ungarn zum Beispiel hat jetzt eine fast um ein Drittel größere Fläche mit Weizen bestellt als vor 26 Jahren. Im europäischen Rußland beträgt die Steigerung sogar mehr als ein Drittel seit nur fünfzehn Jahren. Ebenso ist die Zunahme in Rumänien, geringer in Bulgarien und Serbien. Der Weizen» ertrag hat auf der Flächeneinheit in Deutschland während der letzten zehn Jahre so stark zugenommen wie in keinem anderen Lande der Erde, nämlich um mehr als daS Doppelte im Vergleich zu Oesterreich, Frankreich und England. Diese interessanten und wichtigen Angaben hat Profeffor Carleton in der Wochenschrift„Science" veröffentlicht und benutzt sie zur Beant» wottung der Frage, ob die Weizenproduktion auch in Zukunft für die Menschheit noch ausreichen wird. Er kommt dabei zu deni Schluß, daß auf der ganzen Erde im Jahre 1950 rund 2,7 Milliarden Zentner Weizen gebaut werden können, das heißt ungefähr eine Milliarde mehr als heute; dieser Erlrag würde mehr als genügend für die bis dahin zu erwartende Zunahme der Erdbevölkerung sein. An der Steigerung des Weizenbaues werden voraussichtlich namentlich Kanada, die Bereinigten Staaten und Argentinien und von curo- päischen Ländern vorzugsweise Rußland beteiligt sein. Meteorologisches. — Die Höhe der Dämmerungsfarben. Es ist nicht ganz leicht zu bestimmen, in welcher Höhe die Vorgänge statlsinden, die zu der Erscheinung der herrlichen Farben vor Aufgang und nach Untergang der Sonne führen. Wo eine besonders klare Luft herrscht, kanu inan deu Schatten der Erde fast unmittelbar nach dem Unter- gang der Sonne am östlichen Himmel erscheinen sehen. Sein oberer Rand bewegt sich erst langsam, dann schneller aufwärts. Wenn er den Zenit erreicht hat, scheint sein Fortschritt ungefähr einen Himmelsgrad in der Sekunde zu betragen. Dr. Caron, der von Tonlon aus die mit der Dämmerung verbundenen Erscheinungen seit Monaten sorgfältig beob- achtet und darüber im Jahrbuch der Pariser Meteorologischen Gesell- schuft berichtet hat, gibt für den Weg des Erdschattens von dem Augenblick, in dem die Mitte der Sonnenschoibe unter den Horizont taucht, bis zur Erreichung des Zenits 36 Minuten an. Wenn der Erdschatten den Zenit überschreitet, befindet sich der Mittelpunkt der Sonnenscheibe etivas mehr als 5 Grad unter dem Horizont. Diese Ziffern schwanken selbstverständlich um einiges mit den Jahreszeiten und auch mit den Witterungsverhältnisien. Von diesen Grundlagen ausgehend, kann man int Höhe der D ämme ruu g sfa rben leicht be- rechnen. Sie liegt zwischen 16 und 24 Kilometern, und 19 Kilo- meter scheint der mittlere Betrag zu sein. Diese Angaben stimmen mit den Befunden überein, die durch Beobachtungen vom Luftballon ans erbracht worden sind. Alle Erscheinungen nämlich. die an die Gegenwart von Staub oder Wolken aus Wasserdampf oder Eiskriitallen gebunden sind, hören nämlich in ungefähr 15 Kilometern auf, und der Himmel muß dort ganz dunkel sein. Nur durch gewaltsame Ereignisse wie große Vulkanausbrüche gelangt Staub in sehr viel größere Höhe, bis zu 166 Kilomcteri/und mehr, und dann treten auch ungewöhnliche Däininermtgserichcinungen aus. deren Dauer viel weiter in die Nacht hinein reicht. Aehnliche Dämmernngswnnder sind nach den Ausbrüchen sowohl deS Krakatau wie des Mont Pel« beobackstet worden. :o:n«r.c,0uu,söurttr« Paluchucger ix�o..BecuiväW<