A Ilnterhaltuttgsblatt des vorwärts Nr. 166. Freitag, den 26. August. 1910 Maqdrus serv?»», 361 Ver Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. Und sie spreizte ihre beiden kräftigen Männerhände au? und betrachtete sie, und wie gerade die Sonne auf ihre Stirne fiel, wurden die vielen Falten da alle hell. „Hier bin ich und hier bleib ich. Ich geh nit. Aber wer kommen will, soll kommen. Und wer mich nit will, soll's bleiben lassen." Dabei blieb sie. Ob ihr auch der Philipp selbst mildernd einfiel, sie blieb dabei. „Daß ich die Kaiserklar bin, dafür schäm ich mich nit. Vorm Großherzog nit." Da schössen ihr nun die Tränen aus den Augen, und sie biß sich auf die Zähne, daß sie knirschten. Und sie spreizte ihre Hände und betrachtete sie. Dann ballte sie sie zusammen und stemmte die Fäuste auf den Tisch. Da sprang die Sonne über sie, auf und ab, und umkoste sie mit ihren glitzernden Lichtern und ihrer wohligen Wärme. Der Klar fielen die Tränen aus den Augen und tropften auf die Verlobungskartc. Als sie das gewahr wurde, raffte sie sich zusammen, nahm die Karte auf und wischte die Tränen mit ihrer Schürze ab. Dann schneuzte sie sich und blickte frei auf. Sie trat wieder ans Fenster und sah hinaus— über ihren Garten hinweg und das freie Land, und stand dann so gerade und fest wie ein alter Baum, der Stürme und Wetter ausgehalten und nicht schwach dabei geworden. Hier war sie stark und daheim, hier ging sie nicht weg. Hier war sie gerade und ausrecht, vor anderen Leuten brauchte sie sich nicht zu bücken. „Und ich bück mich nicht." Nun war sie gelassen und ruhig. Der Aufruhr in ihr war vertobt. Sie nahm den dritten Brief. Er war voller Jubel und Freude. Nichts von Braut und— Kommerzicnrat. Und er sagte alles in klaren Worten, in denen kein Verdrehen und Bemänteln war. Seine Doktorarbeit war angenommen und so gut befunden, daß ihm die mündliche Prüfung ge- schenkt tvar. Er war nun Doktor. „Doktor Philipp Kaiser." Tie Klar lachte, daß die Scheiben klirrten. „Närrische Welt!" Und sie wiederholte:„Doktor Philipp Kaiser." Sie lachte und schlug sich in die Hände. „Mein Philipp!"— Und dann:„Der Philipp, da habt ihr's, ihr Bauern! Ihr Drcckbauern, ihr Eselsbauernl" Sie rieb sich die Hände. Dann dachte sie an alle. An den Michel, wie er sabbern würde, an die Ziegler. an die Schul- lehrer, ans ganze Dorf. Dann nahm sie die Verlobungsanzeige und ging. Sie ging zum Spengler Schlüssel. Der lachte ihr aber schon ent- gegen.„Weiß schon!" rief er. „So!" Und er holte seine Karte herbei. Sie sprachen miteinander. Dann meinte er: „Vor kommt'S mir ein bißchen, die Laus hat sich in den Grind gesetzt." „Kannst Du's der Laus übelnehmen?" „Na ja, ich Hab nur gemeint." „Aber Grind ist Grind." „Was willst Du— und Laus ist Laus. Ist das irgendwo anders in der Welt? Es kommt nur darauf an. Bis es auf was anders ankommt. Dann bläst man ein Fcdcrchen in die Luft und lacht die Welt aus. Laß uns nur rund herum unser Welt behalten. Klar. Die ander geht uns nichts mehr an. Nur, wenn alles zusammenbricht, dann mocht ich dabei sein. Einmal muß doch der Kapitalismus an sich selbst zugrunde gehen, es ist ja schon so viel an sich selbst zugrund gegangen, -Königtuni und Kaisertum, warum nit auch das!" Die Klar verstand nicht. Aber die Freude war ihr ge- sunken. Darum sagte sie nun:„Aber etwas weißt Du nit. Er ist Doktor. Er hat den Doktortitel/* Der Schlüjjel grinste, „Klar, Du wirst kindisch in Deinen alten Tag! Ich bm Spengler, Du machst Ziegel— er wird Doktor. Und den Titel. Er hat was gelernt. Das ander gilt nix. Was meinst Du? Drin steht mein Meisterstück. Meinst Du, das gilt mir weniger? Und siehst Du, mit mir hat einer gearbeit't, der hat sein Meisterstück auch gemacht. Aber gekonnt hat er nix. Na was willst Du?" „Du bist ein Ekel, Schlüssel." „Dein Freud sollst Du ja rechtschaffen haben, Klar, die will ich Dir nit nehmen. Dein Freud gehört sich. Aber komm nit aus dem Häuschen. Mach Dir kein Neider. Sei ganz still und freu Dich für Dich. Das ist das beste, Gib den andern keinen Anlaß." „Besser Neider als Leider!" „Ganz recht, aber noch besser, man bleibt allein für sich und läßt ei'm die andern nicht in die Tür hinein oder gar ins Töpfchen gucken. Siehst Du. da ist ein ganzes Bündel Briese— die sind all von Deinem Philipp. Gesagt Hab ich keinem Menschen davon. Ich hätt mich ja damit stolz machen können. Und dazu jetzt. Geh, Klar, das schönste, was wir haben können, das können wir nur für uns allein haben. Nix für die andern. Und ja nix vor den andern." Und wie sie noch plauderten, kam der Briefbote und brachte einen Brief. Er war von Philipp. „Ich bin jetzt titulierter Doktor, lieber Schlüssel, und ich sag Ihnen das, nicht, weil mir der Titel etwas gilt, sondern weil ich dafür etwas geleistet Hab, sonst tät ich's Ihnen nicht sagen. Denn ich kenne Sie. Wenn man einen Topf machen will, inuß man mit Blechscher und Lötkolben umzugehen wissen und die Fläche berechnen können, das ist selbstverständ- lich. Gelt, ich kenne Sie? So ist's auch für den Doktor. Aber es macht mir doch Freude. Und auch wegen meiner Mutter. Und wegen dem ganzen Dorf. Wegen Ihnen auch. Und auch wegen mir selber." „Siehst Du, Klar!" „Dir schreibt er anders als mir. Und die ganze Zeit schreibt er Dir schon?" Da schloß ihr der Schlüssel dxn kleinen Wandschrank auf und sagte:„Siehst Tu, Klar, da war schon einiges für ihn drin, und ein bißchen was ist noch übrig für ihm Daher kommt's, daß wir unS so gut kennen." Die Klar war erstaunt. „Der ist jetzt hinausgeworfen auf einen Weg und muß da laufen wie eine Kugel. Bleib ganz still. Wir zwei wollen zusammen ganz still bleiben und die Kugel laufen lassen, Trifft sie alle Neune, dann ist's noch Zeit, Bravo zu rufen. Fällt nur ein Bauer, so werden wir das auch verstehen, und geht sie daneben, so wird'S uns nit weh tun, weil wir zu- gesehen haben, wie sie gelaufen ist." Die Klare legte ihre Arme über ihre Knie und starrte in das Lötfeuer, das der Schlüssel von Zeit zu Zeit anblies. Dann sagte sie: „Ich glaub. Du hast recht. Ich war dumm." Und von Stund an waren sie nicht nur gute Nachbarn, hinter dem Rücken der Schliisselin, sondern gute Freunde, die sich immer etwas zu sagen hatten. Aber auch zusammen still sein konnten.— Professor Winter hatte sehr förmlich gratuliert. Nach ein paar Tagen aber war er schon herzlich gekommen. Er brachte die erste Mitteilung von dem Erfolg der Doktor» dissertation. Er war zugleich voller Vertrauen für sein Werk. Die letzten Druckbogen mußten nächstens zur Korrektur kommen. Das Ministerium aber mußte zuletzt nachgeben. Es siegte der Geist. Ter Professor sagte das böse Wort— mit sarkastischem Lächeln—„Ministerien sind da, den Geist einzuspannen. Meist fahren sie ihn tot. Denn es gehört ein besonderer Beruf dazu, Herr zu sein. Aber Minister sein hängt mit Diener sein zu nahe zusammen." Philipp flog die Zeit. Er hatte die ersten Kämpfe mit der Familie Ebner hinter sich, die er wegen der Besuche und ähnlicher Formalitäten auszukämpfen hatte. Er war Sieger geblieben. Nur zum Notwendigsten hatte er sich verstanden, die übliche Brautschaftsparade hatte er abgelehnt. Man fügte sich, weil er arbeiten mußte, aber man verzieh es ihm nicht. Auch Luise nicht, und wenn sie daraus zu spreche» kamen, gab eS Zank. Testo mehr vergrub er sich in sehte Arbeiten und förderte sie mit zäher Ausdauer. Das Jahr eilte. Semester wechselte mit Semester. Und eines Tages wachte er auf und wußte, daß er vor dem Examen stand— und dann wieder torkelte er von einer fröhlichen Kneiperei heim und wußte, daß er das Examen hinter sich hatte. Als er in der Morgenfrühe mit schwerem Kopfe iiy Bette lag und in den wachsenden Tag blinzte, wollte er sich sagen: am Ziel. Aber er verschluckte den Gedanken förmlich und sagte sich, daß er nun erst am richtigen Anfang sei, und daß das alles nur Vorbereitung gewesen war. Nun erging es ihm wie den jungen Bäumen, die der Gärtner aus seiner Baum- schule aushebt, um sie zu verpflanzen. Nun kamen sie erst in ihren eigenen Boden— seither war es nur der allgemeine Boden gewissermaßen der Baumschule gewesen— nun galt s. Ob ihre Wurzeln stark genug waren und gesund genug, und ob der Boden Nährkraft genug barg— und wie der Stainm wuchs in Regen und Wind und die Krone sich entfaltete im Sonnenschein. Die Wirtin brachte ein Päckchen und ein duftiges Briefchen. Examensgeschenk von Luise. Ein gestickter Tabaks- beute! und ein gemalter Pfeifenkopf. Philipp freute sich. Dann sagte er:„Abzeichen des Philisteriums. Ich gedenke, noch einen tüchtigen Schlaf zu tun." Und er zog sich die Decke über die Ohren. 12. Ebncrs alte Magd, die Katherin, lief beständig auf dem Perron hin und her und rief:„Aufs Wiedersehen! Aufs Wiedersehen!" Der Ruf übertönte noch das Schnaufen der Lokomotive. Luise stand auf dem Perron und sah mit ver- liebten, traurigen Augen zu dem Fenster, hinter dem Philipp stand. Von Zeit zu Zeit schnäuzte sie sich in ihr kleines, weißes Batisttaschentuch. Neben ihr stand ihr Vater und sah mit feinen wässerigen, blauen Augen leer in die Welt. Die rechte Hand hatte er in der Tasche und klapperte mit seinen Schlüsseln, dann und wann winkte er mit der Linken, als der Zug davon fuhr. � Philipp fuhr heim zur Mutter. Es war ein dumpfer Groll in ihm, daß er allein zu ihr ging, obgleich er die Gründe eingesehen hatte, daß er es allein tun mußte. Wer hätte Luise begleiten sollen! Es sollte niemand Einblick in die Ver- Hältnisse haben, auch die nächsten Verwandten nicht. Ja, das war überzeugend gewesen, sehr überzeugend sogar. Zu Hause blieb dieser Groll in ihm. Er war unfrei, be- sangen, geniert der Mutter gegenüber. „Deine Braut wollte nit mitkommen? Die geht in so ein arm Haus nit?" Er wollte ihr erklären. Die Mutter verstand nicht und wollte nicht verstehen. „Ach was— nit können und nit wollen, das ist ein und dasselbe. Was geht mich an, was die Leute reden! Laß die Leut reden! Ich war den Leuten zu wenig, Punkwml" Er kostete den Wermut aus. Und er behielt beständig den bitteren Geschmack auf der Zunge. Es gab einen Punkt, den er überall vermeiden mußte— und war er aufs Tapet gebracht, mußte er beschönigen und verteidigen. Und dabei klagte er sich selbst immer mehr an. Der Spengler Schlüssel sah mit einein bösen Spott zu ihm auf. Es war so ein Zwinkern in feinen Augen, wie wenn ihm eine kleine Mücke hineingeflogen wäre. Und das schlimmste für Philipp war, daß es zu keiner deutlichen Meinungsäußerung kam. Wie froh wäre er um ein scharfes und hartes Wort gewesen! Es kam aber nicht. Und Philipp schlich daheim herum mit geducktem Kopfe und eingezogenem Genick, und schlich einher, wie eine Katze um den heißen Brei. Er sah, wie die Mutter zu keiner rechten Freude kam, wie der Schlüssel mißtrauisch war, er hörte die reichen Bauern nur von„der guten Partie" sprechen und daß er ge- scheit getan habe. Sie unterstrichen ihm das Armsein, und die Armen unterstrichen ihm tois Reichsein. „Ja Du," sagten die einM„Du hast's verstanden und hast Dein Schäfchen im Trockenen," und die anderen sagten: „Ja Du, Du guckst jetzt ganz von oben auf uns herunter und wirst Dich fein schämen, daß Dir mit unserm Wasser die Windeln gewaschen worden sind. Ja, wenn die Laus in den Grind kommt. Der Ochs vergißt immer, daß er auch einmal ein Kalb war." slFortsctzung folgt.)! (Nachdruck verbolen.1 Ver SmlassungsappeU. Skizze aus dem Soldatenleben, Von Wilh. Hellwig. „Raustreten zum Appell!" Wieder einmal gellt der bekannte Befehlsruf in dem hallenden Korridor vor den Mannschaftsstuben, und noch eiliger als sonst wohl öffneten sich diesmal die Türen, um die Soldaten— doch nein!— eine Schar blühender, sauber gekleideter junger Leute her- auszulassen, die sich auf dem halbdunklcn Flur, Pakete und Koffer- chcn in der Hand, vor ihrem bisherigen Korporal aneinander- reihen. Die Gesichter strahlen vor Freude, und bei keinem ein- zigen ist gar etwas von Wehmut zu bemerken, obgleich sie soeben einen Ort auf Nimmerwiedersehen verließen, der ihnen für mehrere Jahre ein Heim gewesen, in dem sie so manche gemütliche Stunde verlebt. Auch der Abschied von den Kameraden, die noch länger zu dienen haben, wird ihnen nicht schwer. Lachenden Auges winken sie ihnen noch einmal einen tröstenden Abschicdsgrutz zu, der etwa sagen soll: Auch Eure Zeit wird kommen, auch Ihr erlebt einst diesen Tag, nur Geduld! Aber wir, wir haben es jetzt„geschafft". Der Korporal, deffen Macht über seine Zöglinge mit dem heutigen Tage zu Ende geht, verliest mit gleichgültiger Miene wie alltäglich die Namen seiner Leute; er unterdrückt auch heute keines- Wegs die kräftigen Töne, die derben Anschnauzer, die man von ihm gewohnt ist. Es darf die jungen Burschen ja bei Leibe nicht zu früh gelüsten wollen, sich als unabhängige Zivilisten zu fühlen. Darunter könnte Richtung, Haltung und Disziplin leiden. Und die wird heute ebenso streng gefordert wie nur jemals sonst. Keiner fehlt. „Heruntertreten auf den Kascrnenhof zum Appell!" Der Sergeant vermeidet offenbar mit Willen das Wort„Ent- lassung". Wie viel lieber hörte man doch heute:„Herunter zum Entlajsungsappell I" Doch genau wie sonst ertönt der Ruf, und als ob es heute so gar nichts anderes gelte, als das übliche Vorzeigen von Uniform, Stiefel, Gewehr; als ob nun gleich wieder das peinliche Nachsehen des Anzuges folgen würde— wie sonst. Und doch hat ihr heutiger Anzug gar nichts mehr Nachsehbares an sich. Kein putzbarcs Metall, keine bunten Aufschläge, keine Abzeichen. Aber auch nicht» mehr allen Gemeinsames. Schon ist jeder nach seinem Willen, Beruf oder Geldbeutel gekleidet, elegant oder bequem, grau, braun, blau öder grün; die Hüte steif oder weich, ebenfalls in allen Farben schimmernd, die Stiefel gelb oder schwarz, spitz oder breit. Nichts mehr von Uniform, jeder nach seinem Geschmack. Es geht zum Ent- lassungsappell. Weiß denn das der Unteroffizier, der Feldwebel etwa nicht? In der Tat, wäre man nicht schon in Zivil, man könnte glauben, die ersehnte Stunde sei noch aufgeschoben worden. Wie alltäglich marschieren sie zu zweien über den weiten Exerzierplatz an der Kaserne, der so manchen Schweißtropfen von ihnen eingesogen hat. Hinüber gehts unter die schattigen Bäume am Ravelingarten,'dem althergebrachten Versammlungsplatz, auf dem schon Anno siebzig die ausrückenden Krieger zum letzten Appell im feldmarschmäßigen Anzüge angetreten waren, bevor's hinausging vor die Mündungen der Chassepotgewehre. Das ist lange her. Aber auch lange her erscheint's den jungen Leuten seit jenem gräßlichen Nachmittage, als sie zum ersten Male hier gestanden, sie, die heute von hier Scheidenden. Nicht ganz zwei Jahre ist's her. Hungrig, durstig, nach langer Fahrt, langem, er- müdeirden Marsche, war man als soeben eingeholter Rekrut hier angelangt. Endlos stand man hier herum, man wußte nicht warum. Einteilungen wurden vorgenommen, lange Listen verlesen. Heiß brannte die Sonne, schwül war die Luft. Vom langen Stehen auf einem Fleck wurde man matt wie eine Fliege im Spätherbst, der scheinbar auch alles gleich ist, ob sie gefangen und zerquetscht wird oder nicht. Abgestumpft, in sein Schicksal ergeben, wartete man hier und wartete. Auf Einteilung, Einkleidung und all die schlimmen Dinge, die da kommen mußten. Was drohte ihnen damals nicht alles aus diesen hohen Ka- sernenmauern, als das eiserne Hoftor sich hinter ihnen schloß und sie nun gewissermaßen für immer von der Außenwelt geschieden waren! Laßt alle Hoffnung draußen, ihr, die ihr hier eingeht! So sprach's aus den eintönig gelben Kasernengebauden, aus den unfreundlichen kleinen Fensterhöhlen, aus den barschen Mienen der Offiziere und Unteroffiziere zu ihnen. Alles war auf diesen Ton gestimmt, und sowohl die schon mehrfach vernommenen Kriegs- artikel, wie auch die Erzählung des Gefreiten vom Transport- kommando und sonstiger Leute, die es„hinter sich" hatten, ent- wickelten in den Köpfen'der Ermüdeten eine trostlose Vorstellungs- reihe: Schnauzen, Schleifen, Knuffen, Nachtübung mit dem Aus- klopfer. Melden, Rapport. Arrest, zweite Klasse, Festungsgefängnis, Arbeiterabteilung, Zuchthaus, Todesstrafe! l Und dagegen nichts, was Vergnügen versprach. Brrrl— Na, ganz so heiß, wie der Brei gekocht wurde, war er ja nicht aufgetragen worden, und man hatte auch manche fröhliche, faule Stunde gehabt, besonders im letzten Manöver, da um Halle herum, wo man von den Hallorenmädchcn ganz vortrefflich versorgt «Md verhätschelt worden war. Und nun war alles glücklich vorbei. alles überstanden, man hatte es.geschafft" und nur der letzte, der Entlassungsappell, lag noch zwischen ihnen und der goldenen Frei- heit, die dort oben, hinter jenem bewußten eisernen Tor. auf der Straße ihrer harrte. Nur noch ein wenig Geduld! Der Sergeant, der bei Kameraden und Untergebenen den Spitz- namen„eiserner Willem" führt, macht beim Ausrichten der des- uniformierten Schar ein furchtbar grimmiges Geficht, um nie- «nandem etwas von einer gewissen Rührung zu verraten, die bei ihm in dieser Abschiedsstunde aufsteigen will. Trotz seiner Grob- heit hat er im Grunde ein weiches Gemüt, der alte Willem, das er nur durch seine rauhe Außenseite zu verdecken sucht. Mancher von den frischen Jungen war ihm ans Herz gewachsen, und ihm, dem alten Kapitulanten, für den selbst es ja diesen frohen Entlassungs- tag nie gegeben, ergreift jedesmal an diesem Tage ein eigentüm- liches Gefühl, als müsse er mit dieser frohen, hoffnungsvollen Schar, die keinen Tag länger, als die Pflicht es gebeut, hierbleibt, hinaus- ziehen aus dem geisttötenden, alles nivellierenden Drill und Staub des Kasernenlebens. Mit dem einen möchte er ins Heimatsdörfchen, ins Vaterhaus, an den Pflug zurück, stammt er doch selber vom Lande; mit den anderen hinaus in die weite Ferne ziehen, aus der es dem Wanderburschen so verlockend winkt. „Ich will mein Glück probieren« Marschieren!" singt einer im zweiten Gliede leise, doch vornehmlich vor sich hin und schielt verstohlen nach dem Sergeanten. Der blickt ihn von der Seite an, schnappt ein paarmal drohend nach Worten oder Luft, bis sichs ihm wohlwollend verwarnend entringt: „Paß bloß mal auf-- Mattikau--, wenn ich Dir,— — noch heute--- hier beim Abschiedsappell-- ne Hand voll -- Exerzierplatz-- in die Schnautze schmeiße,-- wenn Du die nicht noch-- die paar Minuten-- halten kannst!" Alles schmunzelt. Man kennt den eisernen Willem, der nie so gemein in seinem Handeln war, wie in seinen Worten, der nie- mals meldete und deflen drastische Grobheiten stets genügt hatten, seine Scha? zur Musterkorporalschaft zu erziehen. „Stillgestanden! Nicht' Euch! Augen rechts!" Ter dicke Feldwebel, der dies Kommando gegeben, ging dem hermrschreitenden, von den beiden Leutnants gefolgten Hauptmann entgegen und meldete, während die Unteroffiziere vor der Front Stellung nahmen. Der Kompagniechef, ein großer, schwarzbärtiger Mann, als eiserner Soldat mehr gefürchtet als geliebt, ging die Front herunter und musterte noch einmal mit strengem Blick die Schar, die mit dem Ablauf dieses Tages seiner Machtsphäre und der militärischen Disziplin entrückt wurde. Dann ließ er rühren, wechselte einige Worte mit dem Feldwebel und befahl, Pässe, Jeug- uisse und Fahrkarten zu verteilen. Währenddem schritt er im Gespräch mit den beiden Leutnants vor der Front auf und ab. Die Aufmerksamkeit der Leute, die sich zuerst mit Durchlesen ihres eigenen und des nachbarlichen Zeug- nisses die Zeit zu vertreiben suchten, wurde bald durch drei sehr ungleiche Soldatenfigurcn in Anspruch genommen, die vom Uhr- portal her zum Appellplatz kamen. Der eine davon, der wohl- bekannte Unteroffizier vom Dienst mit Helm und Patronentaschen, führte die beiden anderen nahe heran, ließ halten, ausrichten, Augen links nehmen und meldete die Rotte beim Hauptmann. Die beiden anderen, ein großer und ein sehr kleiner Gefreiter, waren mit den schlechtesten Röcken bekleidet, in Feldmütze und ohne Waffe und Koppel. In den Händen trug jeder ein Bündel. Das war der bekannte Anzug der Arrestkandidaten. Nach der Meldung stellten sich die drei am linken Flügel auf und warteten. Die Haltung und die Mienen der beiden armen Sünder boten ein Bild trostloser Niedergeschlagenheit. Inzwischen trat auch die andere Hälfte der Kompagnie, die Kameraden, die noch länger zu dienen hatten, beim Uhrportal heraus und stellten sich zu den Scheidenden im rechten Winkel auf. Der Feldwebel näherte sich dem Chef, klappte mit den Hacken, hob den Degen etwas vom Boden empor und meldete: „Papiere. Fahrkarten und Marschgelder sind verteilt!" Der Hauptmann trat wieder vor die Mitte der Front. „Stillgestanden!— Wer seine Papiere nicht erhalten hat, der trete jetzt vor!" Niemand rührte sich. „Wer da glaubt, noch irgend welche Forderungen an Brot. Geld, Fahrkarten oder sonstigen Kompetenzen zu haben, der melde sich jetzt. Wenn niemand vortritt, so nehme ich an, daß jeder dasjenige erhalten hat, was ihm zustand." Neue Pause. Alles bleibt im Glied. „Ihr seid also abgefunden. Zweien von eurem Jahrgang mußten zu meinem Bedauern die Pässe noch vorenthalten werden und ihr sollt noch vernehmen, was mit diesen geschieht. Es sind zwei Gefreite, also Leute, von denen man gemeinhin mehr und bess res erwartet, als sie zutage gefördert haben. Um was es sich handelt, ist euch bekannt. Der eine war der Radfahrer der Kom- pagnie. Die Schreiberseele sollte eines Morgens im Manöver der Kompagnie einen llmtveg ersparen und wurde von mir vorauf- geschickt, einen kürzeren Waldweg, der einen großen Bogen der Chaussee abschnitt, auszukundschaften. Er fand den richtigen Weg auch und kam uns auf demselben entgegen. AlS er uns aber als Führer dienen sollte, döste er natürlich, verlor seine eigene Spur und führte die Kompagnie im Walde in der Irre umher. Die Folge davon war. daß wir zwanzig Minuten zu spät zum Rendezvousplatz kamen. Das machte mir persönlich große Unan- nehmlichckeiten und ich nahm keinen Aastand, ihm wohlverdienter- maßen drei Tage Arrest zuzudiktieren, die er nach der Entlassung verbüßen sollte. Gefreiter Gühre!" Aschgrauen Gesichts kam der unglückliche Velozipsdist, der kleinere der beiden Gefreiten, den ein mächtiger Schnurrbart zierte, vor die Front gesprungen. „Sie haben mir durch Ihre Faselei schweren Aerger bereitet. Im Hinblick auf Ihre sonstige gute Führiuig nehme ich jedoch an. daß bei Ihnen weder böse Absicht, noch grobe Vernachlässigung vorlag, sondern daß Ihnen nur ein allerdings schwerwiegender Irrtum unterlaufen ist, der im Ernstfalle die schlimmston Folgen zeitigen konnte. Zwar könnte ich Sie bestrafen, denn der Soldat soll seine Augen aufreißen und im Dienst seine ganze Intelligenz aufbieten. Besonders der Gefreite muß das leisten können, was der Vorgesetzte verlangt! Da ich aber diesmal nur allein der Leidtragende bei der Sache bin, und weil auch ich hierbei den großen Fehler beging, daß ich mich zu sehr auf einen Mann verließ, den ich für ge- scheiter hielt, als er war, so sehe ich von Ihrer Bestrafung ab. Die ausgestandene Angst vor dieser Stunde, die ich Ihnen ansehe, mag Ihre Strafe, aber zugleich auch die Mahnung fürs Leben sein, bei ernsten Sachen nicht zu schlafen. Lassen Sie sich Ihren Paß vom Herrn Feldwebel geben.— Wegtreten!" Und nun nahm das Gesicht des„Alten" einen tiefernsten Ausdruck cm. „Gefreiter Vrodwolf!" „Hier!" erklang es halberstickt und der zweite Mann im Arrestanzuge stand vor ihm. Mit bedauerndem Tonfall in der Stimme sprach ihn der Hauptmann an. „Ich gäbe viel darum, könnte ich mit Ihnen ebenso kurzen Prozeß machen, wie mit Ihrem Kameraden Göhre, das heißt, ich wünschte, daß dasjenige, was man Ihnen zur Last legt, ebenfalls als entschuldbares Verschen aufgefaßt werden kömüe. Leider lag bei Ihnen die Sache schlimmer. Sie sind standrechtlich zn sechs Wochen strengen Arrest verurteilt und ich habe Ihnen hier vor versammelter Mannschaft den Tenor bekannt zu geben." Er nahm ein großes Schriftstück aus der Hand des Feld- ivebels. Tiefes erwartungsvolles Schweigen herrschte ringsum. Auch was von anderen 5Üvn:pcrgnien im Hofe war oder in den Ksascrnensenstern lag, lauschte angestrengt, als der Hauptmann jetzt mit lauter Stimme das standgerichtliche Erkenntnis vorlas. lSchluß folgt.) Die Ref Uxtatigfecit des JVIcnfchcn. In der Neurologie, d. h. der Lehre von den Nervenvorgängen (Neuron— Nerv), spielen die Reflexe eine große Nolle. Man be- zeickmet damit Bewegungen, die von uns unwillkürlich aus- geführt, nicht von unserem Bewußtsein oder Willen veranlaßt werden. Die Reflexzentren haben infolgedessen ihren Sitz auch nicht in unserem Gehirn, in dem sich die Bewußlseinsvorgänge abspielen, sondern vielmehr im Rückenmark, zu dessen wichtigsten Funktionen die Regulierung der Reflexe gehört. Einer der häufigsten Reflexe, den wir ständig ausüben, ohne daß wir uns seiner bewußt werden. ist z. B. der Lidschlag. Das Tierexperiment hat uns gezeigt, daß solche Reflexbewegungen auch dann noch ausgeführt werden, wenn das Gehirn zerstört und nur das Rückenmark noch erhalten ist. So macht z. B. ein geköpfter Frosch Abwehrbewegungen, wem» man feine Haut mit einer Pinzette oder dergleichen reizt. Wie die Reflextätigkeit, die also immer unbewußt und un- willkürlich stattfinde� zustande kommt, wollen wir im folgenden sehen. Zum Verständnis dieser hochinteressanten Borgänge, die uns in das Gebiet der Nervenphysiologie führen, wollen wir ein paar allgemeine Bemerkungen vorausschicken. Alle Nerven unseres Körpers, die zum größeren Teil vom Rückenmark ausgehen, gliedern sich in m o t o- r i s ch e und sensible. Die motorischen Nerven innervieren die Muskeln, bewirken deren Streckung und Beugung, während die sensiblen Nerven lediglich Empfindungen, Schmerz, Wärme, Kälte, Berührungen, nach dem Großhirn und damit zum Bewußtsein leiten. Gewöhnlich sind in einem größeren Nerven motorische und sensible Nervenfasern vereinigt, sie trennen sich erst im Rückenmark und gehen dann in besonderen Bahnen zum Gehirn. Die gewöhnliche, willkürliche, von uns als Handlung bezeichnete Be- wegung wird in folgender Weise ausgeführt. Ich sehe z.B. einen Bleistift an der Erde liegen und habe das Verlangen, ihn aufzuheben. Dieser WillenöiinpulS erregt das motorische Zentrum für die Nerven der Armmuskulatur, daS sich an ganz umschriebener und auch von unS genau gekannter Stelle in der grauen Substanz des Großhirns befindet. Dieser Reiz wird von hier auf die von dem Zentrum ausgehenden Nerven- fasern, die einen ziemlich komplizierten Verlauf durch das Gehirn nehmen, weiter nach dem Rückenmark geleitet. Dieser erste Abschnitt der Nervenleitungsbahn, die man nicht ganz unpassend mit«lektri- scheu Leitungsdrähten in Parallele gezogen hat. reicht von dem motorischen Zentrum im Gehirn bis zur Abgangsstelle der Arm« «ervcn ans dem Riickenmcirl. An dieser Stelle fasert sich die aus dem Gehirn kommende Nervenbahn, die man auch als den zen« t r a l e n Teil im Gegensatz zu dem nun folgenden peripheren bezeichnet, in allerfeinste Fäden auf. Letztere stehen in direkter leitender Berührung mit Ganglienzellen des Rückenmarks, die ein zweites Zentrum der motorischen Nervenbahn darstellen und den Ausgangspunkt des peripheren Abschnittes bilden. Dieser erstreckt sich vom Rückenmarlszentrum bis in die Ncrvenendungen, die die einzelnen Muskeln innervieren. In unserem erstgenannten Beispiele »vird der WillcnSimpulS also vom motorischen Zentrum der Arm- nniSkulatnr im Gehirn nach dem Rückenmark, vom Rückenmark auf de» peripheren Nerven geleitet, der die Muskeln zur Funktion ver- anlaßt und sie die typischen, von uns gewollten Bewegungen ausführen lägt. Wird eine willkürliche Bewegung ausgeführt, so werden nur motorische Nerven erregt, die stets einen pcriphercu Verlauf haben, also von, Gehirn nach den einzelnen Körpcrenden hinführen. Gleich hier wolle» wir bemerken, datz die sensiblen Nerven in umgekehrter Richtung leiten, also den Erregungsreiz(Schmerz, Berührung usw.) von der Peripherie nach dem Zentrum, nach dem Gehirn weitergeben, wo er in unser Bewublscin gelangt. Führt nun ein Muskel auf reflektorischem Wege eine Bewegung aus, so ist der Verlauf des Nervenreizes, der die Bc- weguug auslöst, ein ganz anderer als bei willkürlichen, auf Befehl des Gehirns ausgeübten Bewegungen. Das Borhandensein oder Erloschcnsein der Reflexe ist in der Nervenheilkunde von größter Wichtigkeit, für die Diagnose gewisser Nervenkrankheiten oft aus- fchlaggebend. Betrachten ivir z. B. den Knieschcibenrefler, der am häufigsten vom Arzt untersucht wird. Zu seiner Auslösung bedient rnan sich eineS kleinen 5luustgriffcS. Man schlägt mit einem kleinen Hammer leise auf die Kniescheibe oder besser auf die Vertiefung unterhalb der Kniescheibe: ist der Reflex vor- banden» so schnellt daS Bein des Betreffenden unwillkürlich in die Höhe, cS findet eine Streckung des Unterschenkels statt, ohne daß diese Bewegung beabsichtigt, also vonr Gehirn be- fohlen war. Dementsprechend verläuft auch der Nervenreiz, der die Bewegung ausgelöst hat, ganz anders als bei willkürlicher Bein- strcckung; er gelangt nicht von der Gehirnzentrale auf direktem, geradem Wege durch das Rückenmark in die Nervenendigungen der Slreckmnskulatnr des Unterschenkels, sondern der durch den Hammer- schlag verursachte Berührungsreiz nimmt einen ganz besonderen Verlauf, den wir nun darlegen wollen. Durch die Berührung der Haut ist ein sensibler Nervcnast gereizt! dieser EmpfiudungSnerv leitet den Reiz, wie wir sahen, zentralwärt S. Der sensible Nerv tritt in das Nückeumark ein, und zwar an dessen hinterer Seite: hier im Rückenmark teilt er sich in zwei Abschnitte, der eine verläuft weiter zentralwärtS nach dem Gehirn und meldet hier die Art des Reizes, die ihn zur Erregung gebracht hat, also in unserem Falle den Hammerichlag, den wir infolgedessen empfinden. Der andere der beiden Zweige nun, in die der sensible Nerv bei seinem Eintritt in die RückenmarkSsubstanz zerfällt, verläuft nicht zentral- tvärtS nach dem Gehirn, sondern zieht vielmehr im Rücken- »nark etwa in derselben Ebene nach dessen vorderem Teil, von dem die motorischen Nerven abgehen. Dieses VerbiudungS- ftnck nennt man die Rcflcxkollaterale; es verbindet also den sensiblen mit dem motorischen Nerven, der zu der Stelle gehört, und über- trägt den Reiz des erregten sensiblen Nerven damit auf den moto- rischen. Wie wir sahen, leiten die motorischen Nerven stets pcriphericwärtS! infolgedessen wird der auf den motorischen Nerven übergeleitete Reiz nun nach außen fortgepflanzt bis in die feinsten Berzweigungen der StrcckmuSkulatur des Unterschenkels, gerade als ob der Reiz vom Zentrum, vom Gehirn, ausgegangen wäre. Der Nervenreiz beschreibt also durch Vermittelung der im Rückenmark verlausenden Reflexkollaterale einen richtigen Kreislauf, den sogenannten Reflexbogen, vom sensiblen Hautnerven, der durch deit Hammerschlag erregt wurde, nach dem Rückenmark, über die Reflexkollaterale nach dem motorischen Nerven, der die Muskulatur zur Zusammcnziehu»g?(Kontraklio»). zur Tätigkeit, also in unserem Beispiel den Unterschenkel zur Streckung bringt, ohne daß unser Gehirn etwas davon weiß. Es findet also eine unwillkürliche Bewegung, eine Reflextätigkeit, statt. Der motorische Nerv, der allein die Muskelbewegung bewirken kann, ist gereizt, ohne daß das motorische Zentrum des GehirnS den Befehl dazu erlassen bat. Vermittelst des Reflexbogens ist es gewissermaßen überrumpelt oder ausgeschaltet worden. Der Teil des sensiblen Nerven, der im Rückenmark aufwärts verläuft und zentralwärtS zum Gehirn führt, benachrichtigt natürlich nicht das motorische, sondern daS sensible Zentrum, daS den Reiz als solchen empfindet und je nach seiner Art als Kälte, Wärme, Schmerz, Berührung zum Bewußtsein bringt, in unserem Falle also als Bcrnhrnug. Die Eigenart des Licflexbogcns besteht eben darin, daß er sensible und motorische Nerven miteinander verbindet, die sonst streng getrennt voneinander verlausen bezw. völlig unabhängig voneinander siinktiouicreii. So entsendet das motorische Gehirnzentrum nur motorische LeitungSbahnen, die in einen: genau abgegrenzten Teil des Rückenmarks verlaufen, und zu den feitfiblen Gehirnzcntrcn gelangen nur sensible Nerven, die nach ihrem Eintritt in das Rückenmark ebenfalls in einer genau abgegrenzten Zone zentralwärts verlaufen. Die Reflexkollaterale», die man mikroskopisch bei entsprechender Behandlung sehr gut erkennen kann, sind demnach die einzigen Stellen, an denen zwischen motorischen oder Empsindungs- nerven eine leitende Verbindung besteht. Ihrem eigenartigen aua- vcraiüwortl. Redakteur: Hau» Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: tomischen Verlauf entspricht die besondere physiologische Bedeittimg, die ihnen für die NervenleitungSvorgänge zukommen. An diesem Beispiel sieht nian zugleich mit besonderer Schärfe, daß eigenartigen physiologischen Vorgängen besondere anatomische Verhältnisse zugrunde liegen. Dem besonderen Verlauf der Nerven- bahn entspricht hier genau die Uinschaltuug ihrer Leitung! nicht immer sind die Beziehungen zwischen den Lebeitsvorgängen in unserem Körper und dem feineren Bau seiner Teile, zwischen Physiologie und Anatomie der Organe, so deutlich. Nichtsdesto- weniger sind sie immer vorhanden, wenn auch unserem heutigen Wissen oft noch verborgen. Völlig unbekannt ist uns auch die Art des Nervenleitungsprozesies; wir wissen wohl, daß der Reiz auf be- sonderen, präformiertcn Bahnen, den Nerven, fortgeleitct wird, in welcher Weise aber, ob auf elektrischem Wege etwa, wie man früher anzunehmen geneigt war, oder auf Grund allerfeinster chemischer Umsetzungen in der Nervensubstanz, das ist zurzeit noch nicht geklärt. Immerhin haben wir gesehen, daß doch schon vielerlei aus der Nervenphysiologie bekannt ist, daß wir hinsichtlich des Verlaufes der LeiluilgSbahncii sogar schon recht gut unterrichtet sind. Unsere Kenntnisse hierin verdanken wir zum großen Teil den ungemein verfeinerten mikroskopischen Färbcmethoden, vermöge deren wir die LeitungSbahnen sehr gut verfolgen können. Die größten Verdienste hat der spanische Anatom Ramon y Cajal, der wegen seiner Forschungen auf dem Gebiete der Nervenanatomie bereits mit dem Nobelpreis ausgezeichnet ist. Die Reflexe spielen in der Medizin, speziell in der Nervenheil- knnde eine große Rolle, ihr dauernder Ausfall deutet immer auf eine schwere Erkrankung der Nervenleitungsbahnen. So fehlen bei der Tabes(RückenmarkSichwindsucht) die Reflexe, und zwar deS- balb weil bei dieser Krankheit die sensiblen Nerven im Bereich des Rückenmarks zerstört werden. Zuerst wird von den sensiblen Nervenbahnen das Stück geschädigt, daS die Verbindung zwischen dem sensiblen und motorischen Nerven darstellt, die sogenannte Reflexkollaterale; dadurch wird der Neflexbogen unterbrochen und ver Reflex kann natürlich nie mehr ausgelöst werden, eine Er- scheinung, die bei der Tabes sehr frühzeitig auftritt und neben anderem für die Diagnose von großer Wichtigkeit ist. Selbstver- ständlich erlischt der Reflex auch, wen» ein beliebiger anderer Teil des RcflexöogenS zerstört ist, wenn die Schädigung z. B. an der Abgangsftelle der motorischen Nerven liegt, wie eS bei der in letzter Zeit so viel genannten s p i n a l e n K i n d e r l ä h m u n g der Fall ist, die leider immer mehr um sich gegriffen hat. Noch viele andere Krankheiten, bei denen der Rcflexbogcn an irgend einer Stelle unter- brachen ist, gehen niit Aufhebung der Reflexe einher. Schließlich verschwinden die Reflexe auch in tiefer Narkose, während sie im Schlafe erhalten bleiben. Bei der.Lether- oder Chlorosormnarkose, wie sie zur Operation erforderlich ist, wird eben nicht nur das Gehirn ausgeschaltet, sondern auch das Rückenmark betäubt; beim normalen Schlaf hingegen wird nur unser Bewußtsein ausgeschaltet, das Rückenmark hingegen und folglich auch seine Hauptfunktion, die Reflextätigkeit, bleibt unberührt. Gg. Wolf f. kleines feiriUeton. Mineralogisches. Kongo-Kupfer. Im äußersten inneren Winkel des Kongo- flaatcs, wo dieser an Rhodesien grenzt und wo der Hauptast des Riesenstromes sein Onellgebiet besitzt, liegt die Landschaft Katanga. Noch vor wenigen Jahren hätte wohl niemand geglaubt, daß aus dieser scheinbar so obgeschiedenen Ferne etwas komnien könnte, daS von einer gewisien herrschenden Bedeutung für die Kulturwelt zu werden bestimmt ist. Jetzt werden wir eine» Besseren belehrt. Katanga steht nämlich im Begriff, den Kupfermarkt zu erobern und die bisherige Alleinherrschaft der Vereinigten Staaten auf diesem Gebiet zu brechen. Bis jetzt lieferten diese fast drei Viertel des ganze» Weltbedarfs an Kupfer, und durch die Entdeckung neuer Kupfcrlager in verschiedenen Teilen Amerika» schien sich diese über» legene Stellung noch immer weiter zu verstärken. Freilich kam eS trotzdem nicht zu einer künstlichen Steigerung der Kupierproduklion, weil eS den Amerikanern nicht gelang, den ganzen Kupferbergban in einen Trust zu zwingen. Jetzt aber scheint das Kupfer noch einer weiteren Verbillignng entgegenzugehen, die bei dem stetig steigenden Bedarf namentlich der elektrotechnischen Industrien. im allgemeinen nur mit Genugtuung zu begrüßen sein wird. Die Kupfererze von Katanga tcheinen von ungewöhnlicher Bedeutung zu sein. Man schätzt, daß sie den ganzen Weltbe- darf wenigstens ein Jahrhundert für sich allein decken könnten. Sie sind nicdt nur in großer Menge vorhanden, sondern haben auch einen viel größeren Knpfergchalt als die amerikanischen Erze, nämlich 6—25 im Vergleich zu 3—6 Proz. Unter diesem Umständen werden sich bald Eisenbahnen bis nach Katanga im Herzen der südlichen Hälfte von Afrika erstrecken, und der„Elektrotechnische Anzeiger� wagt schon jetzt die Voraussage, daß das Kongokupfer eine Um- wälzung auf dem Kupfermarkt herbeiführen, die überragende Stellung Amerikas erschüttern und eine Wiederkehr der früheren hohen Kupfer- preise dauernd Verbindern werde._ Vorwürr« Buchdruckerci u.VcctagsangaU Waul singec ScTo..IverlüiSW.