Anterhaltungsblatt des Horwärts SK. 163. Dienstag> den 30. August. 1910 CRotDbtu* hR«st«»Z 38] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. Nach vierzehn Tagen nahm ihn der Alte ins Gebet.' ..Ich sehe Ihnen die ganze Zeit zu. Kollege,"— er lächelte und kniff das linke Auge zu,—„Sie kommen aber so nicht weiter. Sie machen sich unnötige Arbeit erstens und unnötige Feindschaft Meitens. Sie kommen so hier nicht durch. Die Bauernschädel sind hart, und Ihre Jugend rennt sich an ihnen zu schänden. Hören Sie— nicht gleich hin rennen, wenn einer kommt. Ausfragen— dann hören— man muß da gleich merken, ob's not tut— und wenn's nicht not tut, erst einen Rat geben. Einen Tee verordnen, das Bett oder ein gehöriges Rüböl. Das ist so fürs erste. Versprechen, daß Sie kämen. Ruft man nicht wieder nach Ihnen, dann nicht kommen. Dann hat der Tee oder das Bett oder das Rüböl geholfen. Und auch dann, wenn Sie wirklich noch einmal gerufen werden, sagen, daß das Rüböl gerade das Richtige ivar und dabei bleiben. Ich werde Ihnen nachher unsere Hauptteesorten erklären. Warmes Wasser mit Salz ist ein gutes Brechmittel. Vergiftungen kommen kaum vor. Dem Kopf können Sie kalte Umschläge geben, aber nur sonst nicht. Das tut der Bauer nicht. Er denkt, Sie bringen ihn um. Und wenn er sie einmal macht, macht er sie falsch. Etwas anderes ist ein heißer Branntweinumschlag auf den Leib. Einreiben mit heißem Gänsefett. Wenn das Rüböl nicht hilft, Klistier meinetwegen. Aber nicht gleich die Apo- theke. Ihre Arbeit bleibt erfolglos. Glauben Sie mir, ich bin ein alter Praktikus. Und ich bin aus der Gegend, ich weiß das, und ich kenne die Leute. Nichts für ungut." Philipp lernte die Tecpflanzen kennen, wie sie hier angewandt wurden, der Alte verriet ihm ein paar besonders wirksame Mischungen, und er fügte sich. Er entschlug sich noch und nach der Skrupel und praktizierte auf die Art des Alten. Und so ging alles gut. Der Winter schneite die Welt ein. Philipp stapfte manch- mal durch den Schnee aus purer Lust: oft aber auch rief die Pflicht und gebot schwere Gänge. Und des alten Doktors Pfeifen schmeckten vorzüglich. Und an seinem Tische plauderte es sich zu gemütlich. Man war ganz und gar daheim. Der Doktor erzählte gern, und die alte Doktorin wurde manchmal verlegen und schamrot bei den Witzen und Streichen, die er zum besten gab. aber sie scheute sich auch einmal vor einer derben Rede nicht und packte das Wort niemals zimperlich an, wenn es ihr von etwas helfen sollte, was sie auf dem Herzen hatte. Sie verstanden sich sehr gut alle drei zusammen. So abseits von der Welt, fo ganz allein und zutraulich, da war doch alles Leben wie die Glocken auf dem Kirchturm, die sicher in ihrem Stuhle hängen, mag kommen draußen was will, und jeder die Stimme lassen, die ihr zu gebrauchen gegeben und die die Gelegenheit von ihr fordert, und die so cinträchtiglich zusammcnläuten am Sonntag, wenn der liebe Herrgott sich ein wenig im Dorf ausruhen will von seiner langen Wanderung durch die Welt. Der Mutter schrieb Philipp herzliche Briefe und erzählte das Leben hier und die Güte der alten Leute und ihr liebes Liebsein: Luise schrieb er nichts davon. Das würde sie doch nicht verstehen. Da es ihm aber etwas Unschamhaftcs hatte, Gefühle in Worten so klar auszudrucken und damit ganze Briefe zu füllen, so entdeckte er bald, daß er ein schlechter Brieffchreiber sei, und er wurde immer mehr und mchr schreibfaul. Das Frühjahr kam und brachte viel Aderlässe. Die Bauern schonten sich selbst nicht. Sie kamen und verlangten sie. Und Philipp zapfte ihnen ohne viel Widerstreben das versessene Winterblut ab. Der alte Doktor hatte ordentlich feine Freude daran, was für ein eifriger Aderlasser und Blutschröpfer er geworden war. Denn nun sah er auch, daß die Bevölkerung Vertrauen in seinen Vertreter hatte und ihm gut war. Das dürre Eichenlaub raschelte und knisterte, wenn der Märzschnee draufschlug oder an ihm vorbeifuhr in den launi- schen Winterwehen, Die Wasser stürzten schäumend zu Tak und richteten nicht selten Unheil an. Philipp war nun ganz eingewöhnt. Da kam ein Brief von Professor Winter. Es gab eine Stelle für ihn an einem Sanatorium an der Bergstraße. Immer als Zwischenstation, bis die psychiatrische Klinik an der Universität eingerichtet wäre. Die alten Doktorsleute waren bestürzt und betrübt. Ob sie's hätten an etwas für ihn fehlen lassen? Philipp konnte nicht Worte genug finden, ihnen ein« solche Meinung auszureden. Nicht Worte genug, ihnen zu schildern, wie gut es ihm hier gefallen habe, und daß es ja ganz ohne sein Zutun geschehen sei, daß die Stelle für ihn ausgemacht worden. Es wurde traurig zwischen ihm und den beiden alten Leuten, bis sie sich wieder zu schweigender Heiterkeit fanden, Und dann, eines schönen Nachmittags, da die Sonne so eigen lockend durchs Fenster gestrichen kam und draußen in der Linde die Sperlinge schilpten und die Amsel zum ersten Male einen lauten Schlag probierte und von der anderen Seite, der Gartenseite, der Duft des Nußbaums scharf in die Stube gezogen kam, da war's, daß Philipp sich die dritte Pfeife stopfte vor Aufregung— er hatte sie sich alle Zeit gut schmecken lassen, aber heute zog etwas mit dem blauweißen Dampf und umlagerte ihn etwas in dem Tabaksgeruch und in seiner Mischung mit dem Sonnenschein und dem Nußbaum- duft— daß er nicht wußte, was tim, wo anfangen und wo aufhören— und daß er auf und nieder ging, mal am Fenster stehen blieb und hinaus sah, mal die Dinge des Zimmers ein- gehend betrachtete, als sähe er sie zum ersten Male, und nur immer den einen Gedanken mit sich trug, daß er wieder von hier fort müsse— aber dabei nicht stehen blieb, immer weiter spintisierte, endlos weiter, einen langen Bandwurm, der nicht Glied und Fuß, nicht Kopf und Schwanz hatte. Und er empfand es wohlig, die Gedanken so lange zu ziehen und nicht klar werden zu lassen, gleich Sätzen, die wohl einmal angefangen worden, aber kein Ende nehmen wollen und immer wieder einem Einfall nachgehen, den sie sich anhängen, bis sie wie ein Lappenkleid geworden sind, in dem keine Gestalt klar wird. Da klopfte es vorsichtig, und der Alte kam hereinge- tappelt. „Kollege", sagte er,„es ist so ein Zugtag heute. Ich weiß, wenn man jung ist, da ist's an so einem Tag, als sei man an hundert Leinen und Stricke gebunden und es ziehe einer irgendwo, und man müsse hinaus. Sie spüren das heute auch und gehen hin und her und qualmen die Pfeife. Sie denken fort von uns." Philipp wollte erwidern. „Nein, lassen Sie nur, Sie denken fort. Wir haben einen guten Winter zusammen verlebt, und wir waren gut zu- fammen. Ja, wifsen Sie was,, heimlich habe ich manchmal gedacht, Sie wollten ganz hier bleiben und mein Nachfolger werden. Heimlich— ich weiß ja. Sie sind zu gut dazu." „Es ist schön hier und schön bei Ihnen. Aber ich wüßte doch nicht, ob es noch so schön wäre, wenn Sie nicht mehr wären." „Ja, ich bin alt— und Sie haben recht." Sie sehen sich an das Fenster, durch das sie zum Walde hinsehen konnten. Hinter dem Dorfe stand er wie eine blau- schwarze Mauer, über deren Kamm die Sonne gleitet. Und ste saßen hier einen Augenblick stumm und sahen hinaus. „Es tut einem ja immer weh, das Fortgehen", begann der Alte.„Aber sehen Sie, nach so einem guten, langen Winter und so einer fchönen Eingewöhnung, da wird's einem doppelt schwer. Und nun wollte ich noch um etwas bitten." Philipp sah ihn an. Bitten Sie, lieber Herr Kollege." „Ich habe keine Kinder. Sie gehen mir jetzt wie ein Sohn fort. Ich weiß, ich müßte ihn auch ziehen lafsen. Man darf nicht daheim behalten, was hinaus will. Ich weiß auch, Jugend gehört hinaus, und das Alter gehört daheim zu bleiben. Aber würden Sie Ihr Fo tgchen nicht noch um em, zwei Monate hinausschoben können -..Das kann ich jeht nicht bestimmt sagen. Aber vielleicht ginge es." „Wcnn's ginge, wir bitten Sie beide darum, meine Frau und ich. Es wäre so schön von Ihnen. Sehen Sie, der März ist noch nicht herum, und der April spielt uns hier gewöhnlich arg mit. Die ganze schöne Winterkur ginge mir verloren. Und ich möchte doch gerne noch ein bißchen praktizieren, und auch— noch gerne ein bißchen leben." Philipp riß nervös an seinem Barte. Wenn der Alte so sprach, dann dachte er an keine Zukunft und nichts mehr, da dachte er nur daran, ja zu sagen und da zu bleiben für immer und ewig und den guten Leuten zur Seite zu stehen. „Das da hinten ist Schlitterbach, da ist meine Frau her, und dort hinter der Höhe liegt Trachtenhausen, da bin ich her. Da ist mein Vater Schullehrer gewesen, und da war ich selbst Schullehrer, bis ich eines Tages davonlief und nach Bonn ging. Aber dann zog's mich wieder zurück, und ich habe mich hier als Arzt niedergelassen. Ich bekam in der Welt draußen keinen Boden unter die Füße, es glitt mir alles unter den Tritten weg. Es wurde nichts fest. Und ich blieb unsicher. Das ist so im Menschen. Es ging mir mit der Wissenschaft auch nicht viel anders. Erst hier habe ich mir alles fest gemacht und habe mich hier sicher gefühlt, im Leben wie irn Beruf, und so bin ich geworden wie ich bin, klein und bescheiden, aber fest und gut." Philipp griff unwillkürlich nach seiner Hand. Und nun nahm der Alte die seine und drückte sie und behielt sie. „Sie können es glauben, es ist mir alles gut, weil mir alles lieb ist, und ich habe keinen Vorwurf. Auch keine Sehn- sucht. Nur an den Rhein habe ich manchmal gedacht in früheren Jahren. Immer, wenn das Frühjahr kam. Aber mit der Zeit hat es sich gelegt. Ich bin hier ganz fcstgewachsen, denn ich gehöre hierher. Und war hier so zufrieden, wie es nur ein Mensch sein kann, und wir siud's nun beide schon über vierzig Jahre." Dann sah er bewegt nach der dunklen Mauer des Waldes hin und sann verträumt ins Weite. Und Philipp wurde die Pfeife im Munde kalt. „Ich weiß ja, die Welt ist anders geworden, hier noch nicht ganz, aber sie wird's auch werden. Was vom Militär kommt, die Handiverker, die aus der Fremde heimkehren und die jungen Leute, die in Gegenden verziehen, wo Fabriken sind, die tragen das Neue hinein ins Land. Mich hält aber das Alte noch aus. Der alte Stamm, der hier noch besteht, wir bewältigen es noch. Auch Sic waren das Neue für uns. Aber anders. Milder, versöhnlicher. Wir hätten zusammen- wachsen können. Und ein wenig sind wir's ja auch. Drum tut mir's so leid, daß Sie gehen. Und was ich schon einmal gesagt habe, wenn ich einen Sohn hätte, wünschte ich, Sie wären's." Die Tränen standen ihm jetzt in den Augen. Da merkte Philipp, daß er hier nicht länger bleiben dürfe, sonst bleibe er für immer. Er spürte, daß er hier schon Wurzeln geschlagen hatte. War er für das Stille in der Welt, für das Kleine und Enge, für das Begrenzte und Bescheidene? Oder war da ein Heriiberklang von Dorf zu Dorf, von den Menschen daheim und den Menschen hier, vom Kleinen zum Kleinen, von der engen Gasse, die an der Pariser Chaussee abbog zu dem behaglichen Doktorhaufe, das hier weltverloren stand in lauter Friedlichkeit und Behagen? Das wäre aber ein Abschließen und Beschneiden. Dafür war der Baum noch nicht hoch genug gewachsen, man durfte ihn noch nicht in die Breite treiben. �Fortsetzung folgt.)' (Niubdiuck BctDoitn.) Der Seeftern. Von Carl Ewald. Irgendwo auf dem Grunde des Meeres trafen sich ein großer Dorsch, ein alter Hummer, ein Sccstern und ein halber Sandwurm. Der Dorsch stand im Waffer und hatte sich übergesscn. Mit seinen dummen Augen starrte er vor sich hin und mochte sich nicht vom Flecke rühren. Der Sccstern hatte seine fünf Arme um eine Auster geschlungen und tvar im Begriff, sie auszusaugen. Die Auster hatte zunächst ihre Schalen fest geschloffen, aber da'm spritzte der Secstern ein giftiges Zeug auf die Stelle, an der sich die Schalen schloffen, und da konnte die Aermste nicht mehr. Schon war sie halb ausgesaugt, und der Secstern fing an, sich nach weiterer Nahrung umzusehen. Das lonnte er, denn er hatte ein Auge auf der Spitze eines jeden Armes. Dcm Hummer ging es nicht gut Er hatte vor einigen Tagen die Schale gewechselt, und da» neue Gehäuse war noch ganz weich. Drum verbarg der Kavalier sich unter einem großen Stein, aß nicht und war ziemlich verdrießlich, wenn jemand ihn anredete. Aber mit dem halben Sandwurm war es ganz schlimm bestellt Der hatte gestern seine hintere Hälfte verloren. Wie das zu- gegangen war, wußte er selbst nicht. Augen hatte er nicht, und dar« über zu weinen, war kein Grund vorhanden, denn er hatte ganz und gar keine Verwendung für sie da, wo er gewöhnlich im Sande wühlte. Und dann wars im übrigen ein armseliger, weicher Bursch, der das Leben hinnehmen mußte, wie es kam, und dem es auch nicht einfiel, sich zu beklagen. Nun ging er eben nur durch die Welt und suchte nach seiner Hälfte. Nkrn büßt doch ungern ein, was man hat. Und je weniger man hat, desto mehr Wert legt man begreiflicherweise darauf. Wie nun die vier Leutchen da unten sich aufhielten und jeder genug mit feinen Siebensachen zu tun hatte, da kam ein großes Meerschwein zu ihnen herunter. Das verursachte ja einen Schreck. Der Dorsch machte einen Schlag nach der Seite, der Hummer kroch ganz unter den Stein, und der Seestern war nahe daran, die Auster fahren zu lassen. Der Sandwurm endlich merkte wohl an der Bewegung des Waffers, daß etwas los war, wußte aber wie gclvöhnlich keinen Bescheid. „Ha, ha!" sagte der Dorsch,„Was bist Du für ein Fisch?" „Ich bin gar kein Fisch, wenn ich bitten darf", sagte das Meer- schwein. „Aber Fischfasson hast Du doch, Wenns auch ein bißchen plump ist", entgegnete der Dorsch. „Ich weiß wohl, der Schein ist gegen mich", sagte das Meer- schwein.„Das hat mich oftmals geärgert. Es geht so weit, daß die Leute mich und meine Verwandten Walfische nennen. Und ich bin doch in Wirtlichkeit ein vollkommen normales Säugetier." „Was ist das für Zeugs?" fragte der Dorsch. „Das ist das vornehmste aller Tiere", sagte das Meerschwein. „Wir können überhaupt nicht im Wasser atmen, wie die Fische und das andere Getier hier unten. Wir müssen hinauf und Lust schnappen." „Armer Kerl", ließ der Dorsch sich vernehmen. „Ich komme Dir arm vor, Du dummer Dorsch?" brauste da das Meerschwein auf. „Ja, Du bist doch zu bedauern", sagte der Dorsch.„Weil Du dazu bestimmt bist, im Wasser zu leben— und daß Du das bist, kann ich an Deiner Gestalt sehen— da muß es doch greulich lästig sein, daß Du jeden Augenblick hinauf mußt, um Atem zu holen. Ich finde denn doch, daß ich besser geschaffen bin." „Findest Du?" sagte das Meerschwein.„Ja, jeder nach seinem Geschmack. Es lvar recht dumm von mir, mich mit einer Person, wie Dir, einzulassen. Wie solltest Du das Leben und die Gefühle vornehmer Leute verstehen können. Nun geh ich wieder,'s war ganz zufällig, daß ich hier herunter kam." „Adieu!" sagte der Dorsch.„Verlier die Luft nicht, bis Du da hinauftommst, wo Du Dir neue holen kannst." Das Meerschwein ging in die Höhe, und die andern lachten über den Besucher. „So einer", bemerkte der Dorsch.„Wie blödsinnig vornehme Leute sein können. Da segelt das Meerschwein herum und bildet sich ein, daß es besser daran wäre, als wir, weil es im Wasser keine Luft kriegen kann." „Ja, solcher Dünkel ist eine schlimme Sache", sagte der Hummer. „Wenn man älter wird, sieht man am besten, was er loert ist, und lernt, daß wir alle gleich sind vor dem lieben Gott." „Na— a", sagte der Dorsch.„Das, scheint mir, heißt wieder ein bißchen zu weit gehen. Du hast selber gehört, wie ich diesen Prahl- Hans vorhin zurechtwies, also ich bin ein einfacher, rechtliebender Mann. Aber allen Unterschied kann man nun doch nicht aus der Welt beseitigen." „Also nicht", sagte der Hummer.„Ja, mir ist es gleichgültig. solange ich meine Schalen nicht wiederhabe." „Ja, Du bist dabei, die Schalen zu wechseln", sagte der Dorsch. „Das kann nicht amüsant sein." „Nein, das kannst Du mir glauben", sagte der Hummer,„be- sonders in meinem Alter. Hier geht man nun Tag für Tag sozu- sagen im bloßen Hemd umher und ist dem Zugwind ausgesetzt und all den andern Unannehmlichkeiten. Das ist das siebentemal, daß ich die Geschichte durchzumachen habe." „Herr Gott!" sagte der Dorsch.„Und das läßt sich nicht ver- meiden?" „Nein, wie sollte das zugchen!" erwiderte der Humnicr.„Auf diese Weise wachsen wir ja." „Ganz recht, bemerkte der Dorsch,„das vergaß ich. Ich dachte nicht daran, daß Du zu den Niedern Tieren gehörst. Da kannst Du's selbst sehen, wie schlicht und aufrichtig ich bin." „Bin ich niedriger als Du?" fragte der Hummer. „Selbstverständlich!" war die Antwort.„Du erkennst das am allerbesten aus Deiner Entwicklung. Die Niedern Tiere machen es ebenso im Sprunge ab. Sie verwandeln sich oder sie werfen das ganze Skelett ab, wie Du jetzt. Bei den Hähern Tieren geht das mehr gleichmäßig zu. Wir wachsen von Tag zu Rag unmerklich und stetig. Sollte ich mich schinden, wie Du, so stürbe ich auf der Stelle. Ich bin feiner veranlagt, verstehst Du." „Faselt der Dorsch?" sagte der Hummer und kroch ganz unter den Stein, obwohl er noch ziemlich weich war und jedes Sandkorn spüren konnte, an das er rührte.„Soll das ein Zeichen Deiner feinen Veranlagung sein, datz Du stirbst, wenn Du den Rock ab» wirfst?" „Natürlich", sagte der Dorsch. „Dann bin ich überaus glücklich, daß ich nicht fein veranlagt bin. sagte der Hummer.„Einen ähnlichen Unsinn habe ich noch niemals gehört. Alles in allem bist Du ja ein ebenso grotzer Narr, wie das Meerschwein." „Wir verstehen einander gewiß nicht," sagte der Dorsch.„Aber daran liegt ja an und für sich nichts Merkwürdiges. Leute ver- schiedcnen Standes müssen überhaupt nicht zusammen schwatzen, abgesehen vom Allernotwendigsten. Die Tieferstehenden können es selten vertragen; sie werden eingebildet und naseweis." „Hat man schon so etwas gehört?" sagte der Hummer. „Adieu," sagte der Dorsch, vollführte einen gewaltigen Schlag mit dem Schwanz und war im selben Augenblick verschwunden. „Gott mag wissen, was er sich einbildet," sagte der alte Hummer. „Ja, ja," ließ sich der Sandwnrm vernehmen. „Wer ist das?... na, Du bist es, mein guter Sandwurnr," sagte der Hummer. „Fa. so ist es," sagte der Pierer. „Wie geht es Dir?" „Ach ja," erwiderte der Sandwurm,„ich kann wirklich nicht klagen. Sand gibt es ja immer genug, und wenn man das Ganze frißt, so müßt' es doch sonderbar zugehen, wenn nicht ein bißchen für den Darm darunter wäre. Es ärgert mich nur so, daß ich meine hintere Hälfte verloren habe." „Gatt behüte," sagte der Hummer.„Du armes Tier. Ich vertrag' es nicht, von dergleichen zu hören, solange ich weich bin. Was machst Du denn ohne Hinterteil?" „Ja— man schlägt sich durch, so gut man kann," sagte der Sandwurm. „Wie ist das zugegangen?" fragte der Hummer. „WaS weiß ich davon," entgegnete der Pierer.„Ein armer Kerl, wie ich, muß die Dinge hinnehmen, wie sie kommen, und muß froh sein, daß man's Leben behält. Könnt' ich nur meine Hälfte finden!" „Was in aller Welt willst Du damit?" bemerkte der Hummer. „Jösses, ich will natürlich wieder mit ihr zusammenwachsen," antwortete der Sandwurm.„Was denn sonst?" „Kannst Du das?" „Ja, natürlich kann ich das. Wenn ich sie nicht ausfindig mache, muß ich mich daran geben, eine neue wachsen zu lassen. Aber das dauert selbstverständlich länger. Mit der alten wär' es ja leichter." „Merkwürdig, merkwürdig," sagte der Hummer.„Ich habe wohl gehört, daß man ein Bein oder ein Fühlhorn einbüßen kann, und daß das dann wieder wächst.— aber die ganze hintere Hälfte?" „Ja," fiel der Sandwurm ein,„und doch ist es so. Na, man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Kann ja sein, daß ich sie finde. Oder vielleicht auch eine andere." „Was sagst Du?" „Ich sage, ich kann ja Glück haben und ein anderes Hinterteil finden," erklärte der Sandwurm.„ES ist doch gar nicht unwahr- scheinlich, daß ein anderer Sairdwurm dasselbe Unglück gehabt hat, wie ich. Unser sind wahrlich viele, und arme Wesen sind wir alle." „Aber Gott mög' sich erbarmen," sagte darauf der Hummer. „Wenn Du auch eine fremde Hinterhälfte findest— was kann sie Dir nützen?" „J, ich kann doch mit ihr zusammenwachsen," sagte der Sand- wurm.„Was sollte dem im Wege stehen?" (Schluß folgt.) Crika. Von C. Schenkling. Zahllose Herbstmahnuligen ringsumher erfüllen uns mit den betrübenden Vorahnungen des Scheidens— und doch gewährt auch die Zeit, in der wir just leben, eine reiche Fülle der anregendsten Naturbetrachtungcn. Nicht wenige Menschen gibt es, für die der Herbst»»gleich größere Reize birgt als selbst der Frühling. Und in der Tat, wenn ein kühler Lufthauch wohltätig frisch uns durch- schauert, wenn die Landschaft in schön kristallklarer Bläue in so bunten Farben wie zu leiner Zeit vor uns liegt, wenn der„fliegende Sommer" uns malerisch umschwebt, wenn der wundervoll blaue Himmel uns die lieblichsten Schäfchen zeigt, dann dünkt uns der „Altweibersommer" wunderschön. Mit Riesenschritten geht die Pflanzenwelt ihrem Schlaf entgegen; nur verhältnismäßig wenig Neuerscheinungen kommen noch zur Geltung. Indessen blühen noch zahlreiche Blumen, die blauen Gentianen, die bunten Astern, die Herbstzeitlose und mit ihnen viele unscheinbare Blümchen, Habichtskräuter, Wermut, Bei- fuß. Nachtschatten u. a. m., und das ergibt immerhin eine reiche Farbenpracht. Die Waldwiese aber und die Waldränder erscheinen jetzt im lieblichsten Not: viel tausend Sträuchlein der Erika haben ihre Blütchen geöffnet und verleihen Wald und Heide den herrlichsten Schmuck. Dem deutschen Vollsglauben zufolge rührt die rote Farbe der winzigen Blütchen von dem Blute jener Helden her, die dereinst auf der Heide erschlagen und in den Hünengräbern beigesetzt wurden. Die Ruhe dieser alten Kämpen soll man nicht stören. Schon bei uns werden ansehnliche Waldflächen von diesem Pflänzchen bedeckt. Manchen Gegenden aber, z. B. dem norddeutschen Tieslande, verleiht es durch sein geselliges Auftreten ein besonderes Gepräge. Und wahrlich, wenig Pflanzen gibt es. die so aus- schließlich den Boden einer Lokalität für sich in Anspruch genommen hätten, so vollständig die Alleinherrschaft über ihn behaupten, wie unser kleines Heidekraut. Es zieht sich gesellig von den Nieder« landen, man könnte wohl sagen von den GandaroS des spanischen Galizien bis an den westlichen Abfall des Ural. Jenseits dieses europäisch- asiatischen ScheidegcbirgeS verschwindet es zu- gleich mit der Eiche. In Deutschland allein bedeckt das Krant an 500 Geviertmeilen und ist für das norddeutsche Tiefland so charakteristisch geworden, daß man große, steppenartige, nur mit dieser Pflanze bedeckte FäÄen kurzweg„Heiden" nennt, so z. B. die Lüneburger Heide. Die Pflanze ist in ihrer gesamten Eigentümlich- kcit nur auf die Landstriche an der Nord- und Ostsee beschränkt. Zwar machen auch auf anderen Gebieten, z. B. an der Küste der Provence, die Eriken einen Hauptbestandteil der Vegetation ans, aber das Bild der Gesamtheit ist doch ein ganz anderes. Der Boden, den die Heide bedeckt und den sie erst hat bilden helfen, ist der dürftigste der Welt. Darum gehört die Gattung der Heidcgewächse mit ihren meisten Arten der trockenen Zone Südafrikas an, wo beispielsweise im Kaplande an 2— 300 Spezies ihre höchste Pracht und Ucppigkeit bei ftaunenerregender Mannigfaltigkeit ent- falten. So wenig einladend und so einförmig die Heide auch ist,'bildet fle dennoch ein wohltätiges Element im Landschaftsbilde, denn ohne ihre Fähigleit, den magersten Sandboden zu bewohnen, würde dieser alle Schrecken einer trostlosen Sandwüste bieten. DaS Heidekraut mildert dies wie kein anderes Gewächs unserer Breiten und gibt einer Menge von Pflanzen Gelegenheit, sich unter ihrem Schutze an- znsiedeln und zu gedeihen. Mit diesen Ansiedlern verbunden, erzeugt sie nach läugcrcn Zeiträumen auch eine Humusdecke. Die Heide- lräuter haben sich mithin das große Verdienst in der Geschichte der Kultur erworben, die ödesten und unfruchtbarsten Ländercien kolonisiert oder wenigstens doch einigermaßen bewohnbar ge- macht zu haben. Das hat eine zweite Wohltat im Ge- folge. Wo nämlich die Heide vom Wasser in der Weise überflutet werden kann, daß eS zwar nicht Seen bildet, aber doch am Abfließen verhindert ist, da bringen Heide und Wasser das Moor zustande. Also auch in diesem Sinne wird das Heide- kraut zu einem Wohltäter der Menschheit. Bedenkt man weiter, daß die Pflanze den kalten Norden, Island, Skandinavien, Rußland, Sibirien auf ähnliche Weise kolonisiert hat, so verdient sie eben all- gemeine Beachtung. Das Erika deS Volkes ist die Calluna des Botanikers, die den deutschen Namen Besenheide führt. Nur da. wo der Boden inoor- artig sumpfig ist, entwickelt sich die echte Erika, die Sumpfglockcn- Heide. Wenn diese Art auch am Mittelrhein, in den Küsteupropinzen bis hinauf nach Danzig, im Brandenburgiichen, im Königreich wie in der Provinz Sachsen gefunden wird, so ist sie doch weit seltener als Calluna. Und der von uns gepflückte oder gekaufte Erikastrauß besteht lediglich aus Stempeln und Zweigen der Besenheide. Davon kann sich übrigens jedermann leicht überzeugen: bei Calluna bilden die in zwei Reihen angeordneten Blütchen eine einseits- wendige Traube, bei Erika stehen die Blütchen in einem endständigen Köpfchen; auch hier sind die Blättchen mit steifen Wimperhärchen besetzt, die dort fehlen. Sehr selten, und nur an vereinzelten Stellen des Rheinlandes kommt die graue Heide vor. Dagegen hat die vierte Art. die fleischrote Glocken» Heide, wieder eine weitere Verbreitung. Sie ist es, die in den Alpen ausgedehnte der Morgen- und Mitlagsonne zugängliche Geröll« Halden und FclSbänder mit einem dichten Teppich überzieht und diese Borberge des majestätischen Gebirgszuges anfangs April mit den vollen Trauben der im Herbst des Vorjahres angesetzlen Blüten im prächtigsten Karminrot erstrahlen laßt. Diese Art läßt sich aus der alpine» Region bis hinab zu den niederen Höhe» am Rande des Wiener Beckens, bis zu den Ufern des GardaiecS und gar' bis zur Küste der Adria verfolgen, woselbst sie durch die stattliche Baum» beide, die ihren Nsmcn durch ihre Größe vollkommen rechtfertigt, abgelöst wird. Während in unseren Wäldern das Heidekraut zwei Spannen hoch wird erreicht es im norddeutschen Tieflande eine Höhe bis zu V/3 Meter. Trotz ihres besenartigen Habitus hat die Pflanze ein gefälliges Aeußere. Nur spärlich sind Stempel und Aeste mit kleinen und zarten Blättchen bedeckt Ans dem graubraunen Gezweig schauen die zierlickicii, lilnrosigen zu Achrcnbüudeln geordiicten Blütcnglockcn hervor. Die Oeffnung der Blütchen ist stets nach einer Seile und zugleich schräg abwärts gerichtet, welche Stellung für die Erhaltung der Pflanze von größter Bedeutung ist. Die Entwicklung der Blüten beginnt an der Spitze des Zweiges und schreitet nach unten vor. Gleichzeitig mit dem Ocffnen der Krone kommt die Narbe in Sicht, indem sie von dem sich verlängernden Griffel über den Blütensaum hinaus geschoben wird. Die um den Griffel gruppierten Staub- gefäße sind ivährenddeffen noch in der Blüte verborgen. Das nach Honig suchende Bienlcin muß die hervorstehende Narbe notivendig streifen, wenn es zu dem auf dem Bliitengrimd liegenden Nektar gelangen will. Hatte es zuvor nun andere Eriloblüten besucht, so wird em Teil des in seinen Höschen KängengeblieLenen Blütenpollens auf der Narbe der eben aufgesuchten Blüte haften bleiben und die Bestäubung ist erfolgt. Mittlerweile haben sich an den Staubbeuteln Löcher gebildet, die so genau angeordnet sind, dah die des einen Staub- beuteis die der benachbarten vollständig decken, der in den Bcntelchen entbaltene Polle» also nicht herausfallen kann. Nur durch Ver- schiebung der acht ringförmig zusammengestellten Staubbeutel ist dieses möglich und geschieht auch, sobald eine Biene ihren Nüssel durch den Ring zwangt. Indem sie vom Nektar nascht, entladen die Antheren(Staubgefäsie) ihren Inhalt auf Rüssel, Kopf und Brust des Besuchers. Dieser fliegt davon und überträgt de» Blütenstaub auf die Narbe einer zweiten Blüte. Mag nun die Narbe einer Blüte durch Bermittelnng der Bienen mit dem Pollen einer anderen Blüte belegt worden sein oder nicht, stets welkt sie nach wenigen Tagen ab und ist dann nicht mehr fähig, Pollen aufzunehmen. Dagegen verlängern sich die in der- selben Blüte vorhandenen Staubfäden, die bisher in der Krone verborgen waren und schieben ihre Antheren vor die Oeffnung der Blumenkrone. Dadurch geht diesen der Zusammenhalt verloren und bei der leisesten Berührung verlieren sie ihren Pollen und zwar auf die noch belegungsfähigcn Narben der unter ihnen stehenden jüngeren Blüten. So lernen ioir im Heidekraut eine Pflanze kennen, die anfangs insektenblutig später windblutig ist. Der Honigreichwm der Blüte macht das Heidekraut zn einer Wichtigen Bieueiipflanze. Da es aber erst im Juli zu blühen be- ginnt, stellen die Heidebewohner ihre Bienenkörbe während de§ Frühlings in Raps- und Rübsenfelder, dann sucht der Imker mit seinen Körben die Nachbarschaft von Buchweizeubreiten auf. Und solche sind immer in der Nähe des Heidekrautes— gilt dieses doch als bester Dung für das aus dem Morgenlande eingeführte Hirse- korn. Im Juli wird dann der»Jmnicnzaun" inmitten der blühenden Heide errichtet und bleibt dort seinem Schicksal so flange überlassen, bis die Stöcke mit Honig gefüllt sind. Viele Heidebcwohner widmen sich ausschließlich der Imkerei; andere betreiben sie neben der Land- Wirtschaft und geben ihre Honigausbcute an die Bienenvätcr von Beruf ab, die einen förmlichen Großhandel mit Honig und Wachs treiben. Besonders ist Homburg der Ort, wo der Imker starken Absatz für seine Ware findet. DaS Heidekrant hat aber eine noch viel bedeutsamere Rolle ge- spielt. Heidekraut war eS, das nach Abfluß des Ozeans, aus dem das mittlere Deutschland, die grünbcwaldeten Berge Englands und die starren Felsenklippen Norwegens inselartig hervorragten, sich des zurückgebliebenen Meersandes bemächtigte, sein bindendes Wurzel« lverk durch diesen zog und so zur Bildung der nordwesteuropäischen Küste beitrug. Heidekraut ist es. das noch heute den lockeren Sand- boden zusammenhält und unwirtschaftliche Strecken bewohnbar macht. Die Bewohner der Heidegegenden fristen zwar ein harte? Dasein und nur durch schwere Arbeit gelingt es ihnen, den seinen Standort hartnäckig behauptenden Strauch zu bewältigen. Es wird entweder niedergemäht oder die Heidenarbe in Plaggen(rnnde oder viereckige Schollen) dünn abgeschält und als Stallstreu benutzt; auch wird das Kraut mit anderen Stoffen zu Dünger verarbeitet. In getrocknetem Zustande dient die Heide zum Heizen und zum Verfertigen der sogen. Heidebesen. In Faschinenform wird sie als Grundlage zu Wasserbauten sowie zum Eindecken der Dächer benutzt. Auch als Kulwr» erzeugerin spielt die Pflanze eine Rolle. Mit der Kiefer bildet sie nicht nur eine Genossenschaft, sondern begünstigt auch deren Wachstum auf schlechtem Boden; niit der Fichte dagegen lebt sie auf Kriegsfuß und läßt Fichtcnkulturen nicht aufkomme», weshalb sie vom Forst- mann zu den lästigen Forstunkräutern gerechnet wird. Von den winzigen Samen nähren sich Winters über viele Vöglein; den alten Volksspruch, daß die Pflanze eben um der gefiederten Gäste halber vor ciutretendem strengen Winter doppelt blühe und doppelt Samen reife, verweist die Wissenschaft aber ins Reich der Fabel. Es ist erklärlich, daß das Heidekraut überall da. wo eS in Menge auftritt, einen geheimnisvollen Zauber auf den Volksgeist ausüble. Die von ihm bedeckten Flächen sind das Sinnbild der Einsamkeit und in der Tat ist nichts Einfönnigeres zu denken als eine weithin sich streckende Ebene mit dem graubraunen Gesträuch bedeckt. Freilich, wenn man den Boden genauer betrachtet, da findet man wohl die kriechenden Wurzeln von ein paar Seggen, selbst ein kleines Rispen- gras hat sich hier und da angesiedelt und der trockene Sand ist streckenweise vielleicht auch mit grauweißen Flechten, mit Säulchen- flechten, deren braune und rote Becher(Apothccien) höchst zierlich dein sänleusörmigcn Fruchtlagcr angeheftet sind, bedeckt, für die Gesamtheit gehen indessen diese spärlichen Saudsprößliuge ver- lorcn. Wird der Boden aber sumpfig und moorartig, dann entwickelt sich sofort die mannigfaltige Vegetation des MoorcS. Die Sumpfglockenheide mit ihren dunkelfleischrotcn Blütenrrauben tritt an Stelle der EaUurur und die zierliche Mooshcidclbeere schmiegt sich kriechend dem feuchten Boden an, ans dem allenthalben die bleichgrünen Torfmoose hervorsprossen. An lauge» dünnen Halmen glänzen die seidenen Haarbüschel des Wollgrases und die gelben Blüten der Cinerarie» geben der Vegetation ein lebhafteres Kolorit. Unter den hängenden Acsten niedriger Birken und Erlen breitet die Stechpalme ihre dunkelgrünen bewehrten Blätter aus. Auf denr aus zahlreichen Grasarten und Seggen geb.ldcten Rafi a stehen stachelige Ginster- büsche und hemmen den Fuß deö Wanderers, und der Vestenslrauch erhebt auf sandigen Stellen seine grünen, langen Ruten mit den großen, gelben Schmetterlingsblüten. DaS ist die Moorwiese in ihrer angenehmen Gestalt. Freilich, wo sie sich zu meilenweiten Torfmooren ausbreitet, da ändert sich bald ihr physiognomischer Eindruck: sie wird zu einem der düstersten Vegetationsbilder, die je das Auge erschauen kann. So zierlich die Heidekrautarten selbst sind, so zierlich sind auch ihre Verwandten. Hat doch der Botaniker eine nahe- stehende Gattung der Schönheit ihrer Blüten halber nach der äthi- opiichen Königstochter Andromeda benannt. Die östlichsten Vorposten dieser Familie, Rosmarinheide und Lavendelheide, werden in den Torfmooren Ostpreußens gefunden. In den Heiden und Nadel- Wäldern Norddeutschlands tritt truppweise die fleischfarben blühende, scharlachrote Früchte zeitigende Bärentraube auf. die als Aelplerin rötlich-weiß blüht und schwarzblane Früchte trägt. Bekannter als sie sind aber jene kleinen Sträucher, die in den Wäldern des Flach- landes ganze Strecken überziehen und oft ganze Bergrücken bedecken und deren Früchte roh und in den verschiedensten Zubereitungen gern gegessen lverden— Heidelbeere und Preiselbeere. kleines Feuilleton. Hygienisches. Die Reinheit der Schwimmbäder. Trotz der großen Anstrengungen und Aufwendungen, die von den meisten größeren Gemeinden für die Einrichtung von Volksbädern geleistet werden, können diese Anstalten doch immer nur einen kümmerlichen Ersatz für die Bäder im Freien bieten. Sie haben auch den Nachteil, daß das Wasser beim besten Willen und bei sorgsamster Beaufsichtigung nicht so sauber erhalten werden kann wie das eines Sees oder Fluß- laufs. Die natürlichen Gewässer sind selbstverständlich, namentlich wenn ein größerer Schiffsverkehr darauf stattfindet, der Ver- unreinigung in hohem Grade ausgesetzt, aber sie besitzen dafür die Fähigkeit, sich selbst zn reinigen, wobei wahrscheinlich die Einwirkung der Sonnenstrahlen die größte Rolle spielt. Es ist beispielsweise in Indien nachgewiesen worden, daß ein Fluß. dessen Wasser bei einer Großstadt unzähige Choleraleime enthielt, schon wenige Kilometer unterhalb von diesen völlig frei war. Bei geschlossenen Schwimmbädern ist das selbstverständlich ganz anders, und man sollte daher nirgend von der Bestimmung abgehen, daß jeder zum wenigsten eine Reinigung unter der Dusche vornimmt, bevor er sich ins Waffer begibt. In einem vielbesuchten Bad wird es jedoch nur schwer möglich sein, auf die Durchführung dieser Be- stimmung in allen Fällen zu achten, und auch dann würde einer Verunreinigung des Wassers noch nicht mit Sicherheit vorgebeugt sein. Die Hauptsache bleibt die Aufklärung des Volks darüber, daß eS die einfachste Rücksicht auf die Mitmenschen verlangt, ein Schwimmbad nicht als Rcinigungsbad zn betrachten und vor allem auch im Bade selbst alles zu vermeiden, was zu einer Ver- unreinigung sichren könnte. Außerdem sollte jeder den Besuch von öffentlichen Bädern meiden, der erst vor kurzem eine ansteckende Krankheit überwunden hat, denn eS ist zum Beispiel unziveifelhaft, daß die Keime der Diphtherie sich noch längere Zeit im Halse von Personen finden, obgleich sie die Krankheit anscheinend längst über- wunden haben. In dieser Hinsicht haben also auch die Eltern die Verpflichtung, ihre Kinder, die von einer ansteckenden Krankheit ge- nesen sind, noch einige Zeit aus öffentlichen Bädern fernzuhalten. Geographisches. Nene G lets ch er f o rs ch u n gen. In dem letzten Bericht der internationalen Gletscherkommission ist wiederum eine Uebersicht über das Verhalten der Gletscher in den verschiedenen Hochgebirgen der Erde gegeben worden. Diese neuesten Angaben bezichen sich erst auf daS Jahr 1908, weil die Sammlung der Beobachtungen, wie man sich denken kann, längere Zeit in Anspruch nimmt. Das Hauptergebnis lautet noch immer dahin, daß die Mehrheit der Gletscher im Rückzug begriffen ist, obgleich der Grad der Verände- rangen nicht erheblich ist. In den Schweizer Alpen nehmen wahr- scheinlich oder sicher 36 Gletscher ab, IS dagegen zu. In den Ost» alpen zeigt nur ein Gletscher einigen Fortschritt, die übrigen durchweg eine Abnahme. Auf dem Rückzug befindlich sind ebenso die Gletscher in den italienischen und französischen Alpen, während die der Pyrenäen ein Vordringen aufweisen, obgleich auch dies nicht erheblich ist. Von norwegischen Gletschern haben 35 unter Beobachtung gestanden, von denen 10 anwachsen und 22 zusammenschrumpfe». Auf den inneren Hochländern Norwegens folgt das Schwanken der Gletscher den Schwankungen des KlimaS unmittelbar, während es an der Westküste etwas verzögert eintritt. Bei den auf schwedischen Gebieten gelegenen Gletschern ist ein Bordringen beobachtet worden. Die Gletscher in Nordamerika scheinen in ver- schiede»« Richtung vom Klima beeinflußt zu werden, also bald vor- zudringen, bald abzunehmen. Von den Gletschern Asiens ist eS bisher nicht möglich gewesen, eine stetige und einigermaßen voll- ständige Auskunft zu erhalten. Im allgemeinen gelangen die Sach- verständigen aus den jetzt vorliegenden Beobachtungen zu dem Er- gcbnis, daß die Zeit des Gletscherrückzugs, die vor ungefähr einem halben Jahrhundert begonnen hat, vorläufig noch andauert._ verantwortk. Redatteur: Hans Weber, Lcrlin,— Druck u. Verlag; Vorwärts Bu�srucierei a.kcri«g«anflatl�aut Singer SrEo..BerlinL>ät.