Zlnterhallungsblatl des vorwärts Nr. 169. Mittwoch � den 31. August. 1910 XJiaUfcmi SetDoUXJ 89] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. „Was sind Ihre Eltern?" fragte der Alte unvermittelt. Philipp war verblüfft— und eine leise Feigheit kroch in seiner Seele hervor. Verleugnen, hatte sie das Ver- suchungswort, und da es nicht gleich zog, ward ausweichen! ihr Rat. Aber Philipp bezwang sich. Die Ehrlichkeit lag wach auf dem Grunde seiner Seele. „Mein Vater ist im Rhein ertrunken und war Maurer. Meine Mutter ist eine Ziegelmacherin und lebt in meinem Dorf daheim. Sie hat mir mit ihren Blutpfennigen auf meinem Weg geholfen." Der Alte stand auf und sah ihn an, als habe er ein großes Glück erlebt. Ein Leuchten war in seinen Augen. Er legte ihm die Hand auf die Schulter. �„Sie sind ein guter Mensch, ich habe mich nicht in Ihnen getauscht. Meinen Sie, ich wüßte nicht, daß mir das der zehnte nicht geantwortet hätte. Ich weiß das. Und nun weiß ich auch, warum Sie so gut zu uns waren und wir uns so gut verstanden haben." Philipp war beschämt— und doch stolz. �„Wenn es nur mit allen Menschen so wäre, daß das, was in ihnen ist, auch sonst mit ihnen stimmte. Aber Sie sollen nun nicht länger bleiben. Sie- sollen nicht. Es war falsch von mir. Es ist ein unnötiger Aufenthalt für Sie. Nein, Sie müssen weiter. Gehen Sie. Vielleicht findet sich ein Student, der mich noch die zwei Monate vertreten kann. Dann geht's wieder mit den eigenen Beinen. Es sind ja nur die Beine, die man hier nötig hat. Den Kopf"— er lächelte— „mit dem Kopf ists so weit nicht her." „Aber das Herz— warf Philipp, seinem Gefühl nach- gebend, ein. „Nun ja, das Herz ist ja überhaupt der beste Arzt. Da helfen sämtliche Hochschulen nichts, das ist so."— Die Doktorin hatte einen Kuchen gebacken wie ein Rad. Sie saßen zusammen und tranken Kaffee zum Abschied. Und zum Schluß, als draußen schon der Bauer mit der Peitsche klapperte, stand der alte Doktor auf, stieg auf einen Stuhl und holte oben vom Schranke einen verstaubten Schnaps- krug. „Den Hab ich imnier für eine besondere Gelegenheit auf- gehoben. Der�steht schon mindestens zwanzig Jahre da drin. Öder warten Sie einmal— ja, es wird sogar mehr als dreißig Jahre sein. Er stammt von dem alten Pfarrer, der mir ihn vorm Sterben gab. Zu retten war er nicht mehr gewesen. Jetzt ist die Gelegenheit für den da." Und sie tranken den alten Wacholder zum Abschied, und als sie sich ansahen, die leeren Gläser in der Hand, standen ihnen die Tränen in den Augen. Philipp ging rasch. Der Wagen fuhr davon. Als er noch einmal zurück sah an den Wcgbiegungen, winkten die beiden Alten noch am Fenster. Die Doktorin mit dem Taschen- tuch, der Doktor mit seinem Stulpkäppchen. Und das ganze Dorf war auf der Straße lind rief ihm den Abschied nach. Er fuhr mit einer wohligen Wärme, in der ein rechtes Herzweh war, in den Frühling hinein, in die Welt. Eine stille Wunde— und dann ein lauter Jubel, als er den Rhein sah. O Welt! 13. Die Ebene dampfte von Fruchtbarkeit. An den Hängen blühten die Mandeln und Pfirsiche, oben stand der Wald in werdendem Griin und sah hinüber zum Rhein, zu den Zacken der Hardt und den Hügeln Rheinhessens, die die Sonne ver- goldcte. Philipp zog ein in den wunderbaren Garten der Bergstraße. Burgen grüßten ihn, und Türme, Dörfer und Städtchen lagerten sich verschwiegen in die einmündenden Täler, aus denen die Sehnsucht in die Weite des Landes von den Verborgenheiten des Gebirges ausströmte. Und hier, am Fuße des Gebirges hin, zog die alte Römerstraße, nach Heidelberg, nach dem Süden zu, nach Italien. Die alte Germailensehnsucht. Das Herz fragte nach seinem Feiertag, das Leben begehrte nach seinem raschen Pulse und seinem fröhlichen Mute. War's die Berufspflicht, die ihm beständig auf den Rücken starrte— waren's die Menschen, die in ihrer Schwerfälligkeit und Unbeweglichkeit so wenig harmonierten mit der Schönheit der Gegend und sich nicht Schwingen des Geistes gewonnen hatten— er wurde nicht froh. Er wurde nicht leicht. Von den Bergen ging der Blick über die Ebene hinaus, fragend, begehrend. Hier war fremde, Entserntheit — draußen ging des Lebens beflügelter Schritt, hier kroch die Rückständigkeit, das Selbstgenügen, die Starrheit. Aber es war Fortschritt in der Welt— und das Fortschreitende ist das Lebendige nur. Er war noch kein Greis, und?r war noch nicht geeignet zum satten Krippengänger. Sein gut rheinhessisch Blut sprang in seinen Adern und hüpfte in seinem Herzen, das feine Mischblut aus feinen und heiteren Kulturen, aus immer zehrenden und immer begehrenden Beweglichkeiten und Genußbedürfnissen. Eine klappernde Mühle war der Beruf. Eine innere Un- freudigkeit stieg an den glänzenden Freudigkeiten und Füllen und den lachenden Prächten der wunderbaren Bergstraßen» natur, die allen Segens voll war. Die Zeit lief nicht. Sie ging immer den gleichen Schritt, Sie ging im Stechschritt, mit alten Gespreiztheiten, mit patriarchalischen Rückständigkeiten. Oder war er ungerecht? Wenn er's war, nun einerler, er war dafür Nheinliesse. Und das war er nun mehr als je. Dort das Französische, das wie Champagner im Glase war— und hier ein erdiger Wein, der nicht einmal die Firne gut vertrug. Frühling, Sommer und Herbst, Blühen und Prangen und Reifen— und des Winters klare Stille, mild und lieblich im Kreislauf. Er lebte nur im Sanatorium. Verkehr wollte er keinen. Die Beamten waren hier eingebildet und selbstherrlich, die Schullehrer arrogant, die Aerzte cinfälttg und die Bürger ohne Selbstbewußtsein. Er saß manchmal allein unter den alten wundervollen L'tastanien des Hotelgartens, rauchte und trank und ließ sich von der sanften Sommernacht umschmei» cheln. Und wenn er nach Hause ging, den mondhellen Weg hin durch das träumende Feld, in dem die heimlichen Stim». men der Nacht raunten und der Sommer in erschöpftenr Schwelgen ruhte, dann lauschte er feiner auf sein Herz und hörte es schlagen und sagen von den Jahren am Rhein, von dem Glück der Jugend, von der Lust der tollenden Zeit, deren Schwere mählich zu Boden sank, daß ihre Leichtigkeit nur duftender aufsteigen konnte. Er wurde mehr und mehr ein Genießer aus den Bechern seiner Erinnerungen, und er kostete den süßen Schaum seines Erlebens nur süßer in sich selbst, er zehrte von sich selbst, weil ihm von außen keine Nahrung zu- floß. Das stille Doktorhaus im Gebirge, es wurde seinen Gedanken nicht selten Zuflucht, und bei den alten Doktors, leuten lud er sich öfter zu Gaste und schwelgte, in dem herz-. lichen Angedenken, das er ihnen und ihrem Frieden bewahrte. Luise schrieb drängende Briefe. Er habe nun einen Beruf und eine Stellung, kein Meiffch in der ganzen Stadt könne es mehr begreifen, daß sie noch länger verlobt bleiben und nicht heiraten wollten. Er war tagelang verstimmt. Immer wieder fand cp Gründe, die Hochzeit hinauszuschieben. Er stieß sich an manchem in den Briefen, er wehrte sich gegen Meinungen und Auffassungen, ohne sich das völlige Eingeständnis zu machen. Es blieb etwas Fremdes zwischen ihnen. Es kamen Vorwürfe. Man appellierte an seine Ehre, Man erinnerte ihn an seine Pflicht. „Papa sagt", das war der Refrain. Papa! zum Teufel, was sollte denn der Parvenü mit seinen leeren Fischaugen ihm den Lebensweg vorschreibe� dürfen. Aber schnell vcrbrauste der Zorn, und das energische Auf- trumpfen verlor sich. Du leicht rheinhcssisches Blut, mit deinen tugcndschönen Schwächen! Er ermüdete des ewigen Drängens und Gequältwerdens Und es kam die Hochzeit! Ein schwarzes Kleid für die Mutter und eine neue Haube, und den Platz oben an der Tafel. Die Mutter oben an der Tafel, im Kreise die reiche Ver- Wandtschaft und die protzige Vornehmheit der Provinzstädter. Das Leben klapperte wie eine alte Mühle. Der Tag hatte einen Trab. Essen, Trinken, Schlafen— Beruf. Die geregelte Einteilung, die Herdwichtigkeit,— Mittagessen, Kaffee, Kuchen und der wohlgelungenc Pudding. Und Hand- arbeiten. Häkelarbeit und Stickrahmen. Das„Gebet einer Jungfrau" auf dem Pianino— Koschatlieder mit Klavier- begleihmg. Besuche bei den Höhergestellten und Gleich- gestellten. Wetteifer in Klatsch und Kleidergeschmacklosig- keiten. Gegenbesuche und Bewunderung der Ausstattung. So viel befriedigte Neugier, und sich mehrende Gelegenheiten, einander in die Töpfe zu gucken und hinter dem Rücken üble Nachrede zu führen. Ins Gesicht— lauter grinsende Höflichkeit. Das Leben hatte seinen Stempel— die Lebensführung war bestimmt, und Philipp hatte nicht einmal Zeit gefunden, sich dagegen zu wehren. So ging es nun das Jahr hin, und so folgte dem einen Jahr ein zweites. Zwei Lebenskreise, die sich nicht ineinander einschlössen, sondern getrennt voneinander lagen. Das Zusammenleben war ihre einzige Berührung. In ihr bogen sie sich äußerlich zueinander. Eine behagliche Wohlgeordnetheit, eine Tüchtig- keit, die den Haushalt aufrecht hielt, ein Zusammensein, das weder von starken Sympathien noch von dauernden Anti- pathien erschüttert wurde. Ein glückliches Paar. Ein Glück, mit dem sich Philipp abfand, um seinem Leben den Miß- klang zu ersparen und einem Menschen, der nicht weiter wußte und wollte, kein Leids anzutun. '�Fortsetzung folgt.)) (Nachdruck verdolcn.> Ver Seeltern. Von Carl Ewald. (Schluß.) .Du machst mir was weiß," sagte der Hummer. „Fällt mir nicht ein," erwiderte der Sandwurm.„Ich Hab' wahrhaftig nicht den Kopf, zum Geschichten erdichten. Sie müssen wissen, die Hälfte, die ich verloren hatte— das war im Grunde genommen nicht meine eigne." „Was war es nicht?" „Nicht meine eigene," sagte jener,„sondern eine, die ich das vorige Male ergatterte, als ich ins Unglück kam. Aber danach die vorige— das war meine eigene. Das.war die, mit der ich ge- boren worden bin." „Das ist ja merkwürdig," murrte der alte Hummer.„Dann will ich nur hoffen, daß Du Deine hintere Hälfte oder eine fremde findest,— denn Dir ist es wohl gleichgültig, was für eine es sein wird." „Das will ich nicht gerade sagen," bemerkte der Sandwurm. „Meine eigene war ein wenig verschlissen; drum: könnt' ich eine jüngere und bessere entdecken, so wäre das ja schön." „Na, Glück zu denn," sagte der Hummer. „Danke sehr, danke sehr," sagte der Sandwurm.„Es tut immer wohl, Teilnahme zu finden. Es hat mir vorhin auch un- geheure Freude gemacht, als Sic sagten, wir wären alle gleich vor dem lieben Gott. Es ist so herrlich für einen erbärmlichen Wurm, Hier und da so etwas zu hören." „Na— ja," begann der Hummer.„Gesagt Hab' ich dies ganz gewiß. Aber Du mußt das nicht gar so buchstäblich nehmen. Dies einfältige Meerschwein und der dumme Dorsch, die spielten sich auf. Denen tat es gut, eins ausgewischt zu bekommen. Aber das kannst Du Dir doch niemals weitzmachen, daß, zum Beispiel Du und ich, daß wir gleich wären!" „Also— so war es nicht gemeint," sagte der Sandwurm. „Du sagst das so wunderlich," bemerkte darauf der Hummer. „Willst Du Dich wirklich mit einem vornehmen Hummer vergleichen, der Scheren hat und Augen auf Stielen, Fühler und vierzehn Beine, Schwimmschwanz mit Fächer, Panzer und Schild, und viele andere Herrlichkeiten? Du, der Du herumschwimmst und nach Deinem eigenen Hinterteil suchst und froh sein willst, wenn Du ein anderes findest?" „Ach nein," sagte der Sandwurm.„Es mag ja etwas daran sein. Ich denke noch an das, was feie vorhin zu dem Dorsch sagten, und an das, was der Dorsch zum Meerschwein sagte. Ich kann es nur so verstehen, daß es doch ein Vorteil für mich sein mutz, daß ich toieder mit einer anderen Hälfte zusammenwachsen kann, wenn ich sie ausfindig mache— da ich sie nun mal verloren habe. Und es kann doch«uch nie und nimmer mein Schaden sein, daß ich eine andere brauchen kann, wenn ich nicht die eigene finde." „Tropf Du," sagte der Hummer.„Ich bereue, daß ich mich mit Dir in ein Gespräch eingelassen habe. Pack' Dich, und find' Dich mit Deinen Hinterhälften zurecht, wie Du magst." „Schönen Dank," äußerte sich der Sandwurm. Damit kroch er weg. Der Seestern ließ die Auster fahren« weil nichts mehr in ihr war. „Der Sandwurm da gab Dir eigentlich reinen Bescheid," ers klärte der Seestern. „Wen duzest Du hier?" raste der Hummer los. >Er vergaß, daß er noch weich war, und fuhr hervor und big den einen Arm des Scesterns ab. „Aul" sagte der Eeestern. „Au!" schrie der Hummer.„Nun ist meine schöne Schere bkU leicht auf Lebenszeit verdorben." „Und mein Arm ist weg," sagte der Seestern.«Aber ich werd' mir schon einen neuen verschaffen." Damit kroch er seiner Wege. Und der Hummer desgleichen) denn er hatte die Gegend satt. Da war nun rrichts anderes mehr. als der abgebissene Arm des Seesterns. Und«ine Weile danach! kam der Sandwurm zurück. „Hast Du nicht Deine Hälfte gefunden?" fragte der Seestern- arm. „Wer spricht da?" fragte der Sandwurm.„Ich sehe niemand." „Nur ich bin es! Ich bin der fünfte Arm des Seesterns. Der Hummer hat mich abgebissen, weil Du ihn in Wut versetzt hattest." „Herr Gott, armes Wesen Du," sagte der Sandwurm.„Nun ist es also aus mib Dir!" „Na— a," sagte der Seesternarm.„So arg ist's nun auch'nicht gerade!— Hast Du Deine Hälfte gefunden?" „Nein, das Hab' ich nicht," sagte der Sandwurm. Und auch keine andere. Es wird wohl eine neue wachsen. Wenn ich bloß nicht zu alt dazu bin,— dann muß ich mich ja so behelfen." „Das tut mir leid für Dich," sagte der Seesternarm. „Ich danke Dir für Deine Freundlichkeit," entgegnete der Sandwurm.„Uebrigens scheint es mir. Du könntest all das Mit- leid, das Du auftreiben kannst, selber gebrauchen. Du kannst doch nie mehr zu was rechtem werden." „Warum denn nicht?" sagte der Seesternarm.„Man soll nie die Hoffnung aufgeben. Er, zu dem ich gehörte, bekommt bald genug einen neuen Arm, und ich denke wirklich auch nicht daran. zu krepieren." „Eigentlich scheinst Du mir rechte Veranlassung dazu zu haben," sagte der Sandwurm.„Dir fehlen... laß mal sehen. Dir fehlen vier Arme..." „Und Mund und Magen und das Ganze," sagte der Seestern-! arm. „Das heißt. Dir fehlt das ganze Tier bis auf den Stumpf, der Du bist," sagte der Sandwurm. „Jawohl, versetzte der Seesternarm.„Und was einem fehlt. soll man sich ja verschaffen. Wenn Du sehen könntest, würd' ich Dir zeigen, daß ich schon ein ganz klein wenig auszuwachsen ange- fangen habe." „Kannst Du denn sehen?" „Gewiß doch," war die Antwort.„Ich habe ein Auge—, jeder von uns hat eins, und meins Hab' ich Gott sei Dank behalten, weil es ganz an der Spitze sitzt. Und ein Stück Darm habe ich auch in mir, so daß es gar kein schlechter Anfang ist." „Ja, Glück zu!" sagte der Sandwurm. „Danke," wehrte der Scesternarm ab.„Es wird sich machen. — Hättest Du nur Deine hintere Hälfte!" „Hör einmal, Freundchen," begann nun der Sandwurm.„Ist's nicht ein bißchen eingebildet von Dir, Dich mit meinen Sieben» fachen zu besstäftigen, da Du selbst in der Patsche sitzest? Kümmer' Dich gefälligst nicht um meine hintere Hälfte, und denk an best ganzen Seestern, der Dir fehlt." „Herr Gott," sagte der Seesternarm,„wirst Du nun auch wichtig?" „Wichtig?" sagte der Pierer.„Das bin ich nicht. Aber ich kann es nicht leiden, wenn jemand sich so anstellt. Es gibt doch Unterschiede." „Gibt es die?" sagte der Seesternarm.„Ich meinte sonst, zum Hummer hättest Du gesagt..." „Du sollst nicht zuhören, was ordentliche Leute reden, wenn Du es nicht verstehen kannst," rief der Sandwurm zornig.„Was ich zum Hummer säge, ist etwas für sich, was ich zu Dir sage, etwas anderes. Du bist nichts als ein elender Stumpf von einem Weich» tier, und ich bin ein Wurm,... wenn auch zurzeit nur ein halben Wurm! N Meilenweit steh ich über Dir, der daliegt und stumpf dahinlebt, ohne Arme, ohne Magen, ohne Mund und das Ganze. bis es eines Tages wieder an Dir auswächst, diesen oder jenen Weg— es ist Dir wohl ganz gleich." „Du darfst nicht böse aus mich werden," sagte der Seesternarm. „Du kannst Deine Hälfte wiederbekommen.— Aber wenn ich nun alles bekomme, was ich verloren habe, so ist das doch ganz tüchtig von mir... ist es das nicht auch? Mich dünkt, je schlimmer eS einem ergangen ist, desto tüchtiger ist man, wenn man sich durch- findet.— War das nicht so ähnlich, das. was Du zu dem alten! Hummer sagtest?" „Weicht,'er? Idiot l" schrie Ltt SandwuM."� Dcmn kroch er fort. Urrd der Seesternorm lag und wuchs, und es dauerte gar nicht viele Tage, bis alles an ihm wieder ausgewachsen war. Nun war er ebensogut Seesiern, wie die andern nur der alte Arm war viel größer, als die vier neuen. Aber das besserte sich ja gewiß mit der Zeit. Froh ging er in die Welt hinaus, um jemand zu finden, gegen den er sich wichtig machen könnte. .(Nachdruck»erdolen.Z Die Kuidcsmörderin. Durch die Weltgeschichte des Frauenelends schleicht das blutige Gespenst der Kindesmörderin. Unzählige sind in Schande und Marter zugrunde gegangen, und die Frau allein trug das Mar- tyrium. Der Mann erscheint an ihrer Seite nur als Richter, Folterknecht und Henker; aber der mitschuldige Mann, der das Kind zeugte, ist niemals dort zu finden, wo die Frau geopfert wird, er zieht leichten Herzens ungestraft feines Weges, den lustigen Ge- schmack genossener Buhlschaft auf den Lippen, nach neuem Zeit- verlreib auslugend. Bis in das Ende des 18. Jahrhunderts lastet die ganze Grau- samkeit mittelalterlicher Justiz auf der armen Dirne, die unehelich empfing, um ein bißchen Liebe zu genießen. Die uneheliche Mutter war nicht nur gesellschaftlich geächtet, sondern sie verfiel durch die »Unzucht" auch der kriminellen Ahndung. Und doch stießen die vielen Eheverbote und Eheerschwerungen ständischer, konfessioneller und materieller Art die Frau fast gewaltsam in daS ungeweihte Bett der Liebe. Die Geburt eines Kindes bedeutete ihre Ausstoßung aus der Gesellschaft, entledigte sie sich aber der verfluchten Bürde, die in Angst und Qual ihren Schoß unentrinnbar schwellen ließ, so ward sie von rohen Knechten mit glühenden Zangen zum Geständnis gebracht, an den Galgen geknüpft, gepfählt, im Sack ertränkt oder lebendig begraben— unter pfäfsischen Gebeten. Die revolutionäre Weltstimmung am Ende des 18. Jahrhunderts, das die Menschlichkeit wieder entdeckte, linderte auch das Los der Kindesmörderin. Pestalozzi, der große Erzieher, der die ganze Tragik eines einsamen, allzu feurigen Idealismus in feinem Dasein auskosten mußte, hatte aus dem Studium der Gerichtsakten die Er- kenntnis gewonnen, daß häufig die uneheliche Mutter im Augenblick der Geburt im kranken Zustande geistigen Wahns unfrei und be- wußtloS das Verbrechen mechanisch verübte, und predigte leiden- fchastlich Milde für die Unglücklichen. Eine Preisanfgabe wurde ge- stellt:»Welches sind die besten ausführbaren Mittel, dem KindeS- morde abzuhelfen, ohne die Unzucht zu begünstigen." Die drei preis- gekrönten Arbeiten wurden 1784 in Mannheim veröffentlicht. Die Dichtung nahm sich der Kindesmörderin an: H. L. Wagner, Bürger, Schiller weihten die Märtyrerin, und in der Gretchcn-Tragödie des Faust schuf Goethe erbarniend und begreifend ans der gefolterten Kreatur der Henkersknechte eine weltliche mater dolorosa. Hellte hat das Recht die Strafe für Kindesmord gemildert, aber nur unter gewissen Voraussetzungen gilt diese Tötung nicht als Mord. DaS deutsche Strafgesetzbuch versteht unter Kindesmord nur die Tötung eines unehelichen Kindes in oder gleich nach der Geburt durch die Mutter. Das französische Strafgesetz begreift darunter die Tötung jedes Neugeborenen durch irgend eine Person. Im Vor- entwurf zum schweizerischen Strafgesetzbuch ist KindeSmord die vor- sätzliche Tötung eines Kindes durch die Gebärende unter dem Einfluß des Gebäraktes. Die Rechtswissenschaft streitet über die Gründe, welche solche Milderung der Strafe vor dem gewöhnlichen Mord rechtfertigen. Die Auffassung Pestalozzis von der Bewußtseinstrübung im Vor- gang des Gebärens kämpft mit der anderen, die mit der Furcht vor Schande die Herabsetzung der Strafe rechtfertigt. Die psycho- logischen Einwirkungen des Geburtsaktes auf die Zurechnungsfähig- keit werden von einzelnen Kriminalisten gänzlich geleugnet, die nur den„Ehrennotstand" gelten lassen, die Furcht vor Schande. Von dieser Streitfrage ausgehend, sich aber weit über ihre Enge erhebend, untersucht Margarete Meier auf Grund von Material des Züricher Universitätsinstituts für gerichtliche Medizin, die Psycho- logie des Kindesmordes. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung ver- öffentlicht sie in einer ganz hervorragenden Arbeit im»Archiv für Kriminal- Anthropologie" slSIl), Heft 3/4). Dieser auf persönlicher Beobachtung von KindcSmörderinnen und Aktenstudium beruhende »Beitrag zur Psychologie des KindesmordeS" müßte unmittelbar eine fundamentale Aenderung der Gesetzgebung veranlassen, wenn diese durch Vernunft und Humanität, statt durch Klasieninteressen bestimmt würde. Jene Streitfrage beantwortet Margarete Meier dahin, daß eine durch den Geburtsvorgang verursachte Verminderung der Zu- rechnungsfähigkeit in keinem Falle nachzuweisen sei. Wenn aber auch keine Bewußtseinstrübung vorhanden ist, so befindet sich die Frau dennoch durch die Geburt»in einer so neuen, ungewohnten Situation, sie steht unter dem Zwange einer solchen Menge drückender Tatsachen, an einem solchen Wendepunkt ihres Lebens, daß ihr Zustand nicht normal genannt werden kann". Gcrechtsertighsei, den GeburtSvorgang alS strafmildernd z« berücksichtigen, nicht be- rechtigt aber, daß er„daS strafmildernde überhaupt sei". In der Tat sind die anderen Motive des Verbrechens ungleich wichtiger. In den von Margaret Meier untersuchten Fällen wirkten als Motive der Tat, sich mehr oder weniger miteinander verflechtend: Verlassenheit(im engeren Sinne) durch den Kindesvater 3 mal; Verlassenheit in, weiteren Sinne(weil die Frau keinen Halt an ihrer Umgebung hatte) 11 mal; Ehrennotstand L mal;- Finanzielle Not 8 mal; Abneigung gegen Kind und Vater 3 mal; Abneigung gegen das Kind 1 mal. Gemeinsam ist allen Fällen: 1. Daß die schwersten Verantwortlichkeiten nicht In den Täterinnen selbst liegen. 2. Daß die Täterinnen GelegenheitSverbrecherinnen sind. 3. Daß die Verhältnisse überall der Entwicklung des mütter» lichen Gesühls entgegenwirken. Zur Erläuterung bemerkt die Verfasserin:»Bei den Verbrechen der Frau und namentlich bei ihren sexuellen Verbrechen, wie Kindes- mord usw., den Mann zu suchen, der selbstverständlich dahinter steckt. daS wäre so naheliegend und natürlich." Aber den Mann zu suchen, würde nichts nützen;„denn daS Gesetz kann ihm nichts tun, weil er entweder... nichts juristisch Wägbares getan hat oder, weil er wie die unehelichen Väter durch ein besonderes Gesetz geschützt ist".„Er kann durch das Gesetz nur höchstens zur Linde- rung der finanziellen Not herangezogen werden; dafür, daß er die uneheliche Mutter der Schande und der Verzweiflung des Verlassen» seins preisgibt, dafür kann kein Gesetz ihm etwas anhaben. Viel mehr als die finanzielle Not drängen aber die letzteren Momente die Unglücklichen zu ihren Verzweiflungstaten."„Jedenfalls existiert meines Wissens zurzeit kein Gesetz, das dem Manne für die un« ehelichen Kinder die gleiche Verantwortlichkeit auferlegt, wie für die ehelichen. Bei diesem Rechtszustand sollte es für jedes Gesetz und für jedes Gericht Ehrensache sein, die Tötung eines unehelichen Kindes durch die Muttsr oder einen anderen Anverwandten, auf den die Last fallen würde, so gelinde als irgend möglich zu bestrafen, denn dieser Rechtszustand ist an allen diesen Verbrechen mitschuldig. Die scharf- finnigen Erwägungen über Ehrennotstand und Einfluß der Geburt sollten eigentlich für diese Fälle überflüssig sein." Ist so der heutige Rechtszustand mitschuldig, so nennt Margarete Meier die Tötung des Kindes nnt Fug eine Art mütterlichen Selbst- mordes. Fast alle die Kindesmörderinuen stammen aus Ilcinbäuer- lichen, durch Geisteskrankheit und Alkoholismus entarteten Familien. Es sind kranke Sprößlinge, deren Beseitigung für die Gesellschaft, wie Margarete Meier mit einer gewissen Härte meint, keine Schä- digung bedeutet. Fast könnte man glauben, daß die Natur den Kindesmord bisweilen als Kunstgriff wählt, um die Gesellschaft nicht mit menschlichen Krüppeln zu belasten. Ein Teil der Täterinnen ist geisteskrank, fast alle in verschieden hohem Grade geistig oder moralisch oder geistig und moralisch minderwertig. Endlich ist der Entschluß zur Tat in den seltensten Fällen vorgefaßt tind wird meistens„den Täterinnen durch den Wunsch erdrückender Tatsachen und Verhältnisse erst im Moment der Tat aufgezwungen". Es sind armselige Geschöpfe, deren Schicksal uns Margarete Meier zeichnet. Aber keine, auch die nicht, welche für Lebenszeit ins Zuchthaus gesteckt wurden, ist so verworfen, wie— Goethes Gretchen. deren Missetaten die Verfasserin aus der Sprache des DichterhcrzenS in die heutige Gerichtssprache übersetzt; ein besonder» leichtsinniges, verbrecherisches Mädchen, das sich einem hergelaufenen Manne ergibt, von dem es nichts weiß, der ihm nicht einmal die Ehe verspricht, das die Mutter vergiftet, das Kind ertränkt. Der Dichter macht die Seele reden, den„dunklen Drang" niit dem»daS Gericht bis jetzt nichts anzufangen weiß". Die Fälle, die Margarete Meier darstellt, lassen in die Abgründe unserer Kultur blicken. Da tötet eine arme Großmutter das Enkelkind, weil sie schon so viel Plage mit den unehelichen Kindern ihrer Töchter gehabt hat. Eine furchtbare Tragödie zerschmettert eine guterzogcne, auS günstigen Familienverhältnissen stammende Frau. Zwei Schwestern, die in Bureaus tätig sind. Sie leben zusammen, schlafen in einem Zimmer, prüde, ein Jahrzehnt lang scheinbar ohne sexuelles Leben. Aber die eine Schwester hat ihren heimlichen Roman, mit einem verheirateten Manne. Sie ivird schwanger. Sie wird von Wehen befallen, und ohne daß die Schwester etwas ahnt. gebiert sie nachts ein Kind und vernichtet es. Kein Arzt. Sie schleppt sich aufrecht und wird schwer krank. DaS verrät die heimliche Geburt. In einem Spital erhängt sie sich an einem Bettlaken. »Das gleiche, wofür ihrem Geliebten weder von der Welt noch von den Gesetzen ein Haar gekrümmt wird, muß sie mit einem Ver- brechen und mit dem Leben bezahlen." Ein Dienstmädchen tötet aus Angst vor Schande und Not ihr Kind, das ein Witwer ihr gezeugt hat. Wie sie wieder freikommt, verkriecht sie sich vor allen Menschen;„sie würden mit den Fingern auf mich zeigen," schreibt sie der Verfasscrm. Eine in einem Hotel beschäftigte Bauerntochter wird von einen, Reisenden trunken gemacht und verführt. Der prahlt am anderen Tage,»die habe er erwischt". DaS Mädchen hat niemals einen Menschen gehabt, zu dem sie Vertrauen gehabt hat; nie jemand geliebt. Sie verlobt sich während der Schwangerschaft mit einem Handwerker, dem sie ihren Zustand verbirgt� Dann tötet sie das Kind, daS zwei Monate zu früh in die Welt will. Im Zuchthaus findet das verängstete und verstoßene Wesen Frieden. Ein anderes Mädchen wirb durch ein Ehebersprechen gefügig gemacht. Sie lebt mit dem Geliebten zusammen— vor der Welt Mann und Frau. Vor der Hochzeit und der Geburt verschwindet der Liebhaber. Sie kommt sich vor„wie die unglücklichste, ver- lassenste Kreatur der ganzen Welt". Nun wird die Welt erfahren, bab sie nicht verheiratet waren. Sie ist ganz arm, muß zehn Franken stehlen. Und sie labt das Kind in der Geburt verbluten. Diese Frau ist wie die meisten anderen ganz unwissend. Sie wird ge- fragt, wer die Jungfrau Maria gewesen sei. Sie antwortet: Die Mutter Jesus. Auf den Einwand: wie konnte sie denn Jungfrau sein, ist sie ganz verdutzt und sagt: Dann war sie wohl die Schwester Jesus. Wie sich der Mann verhält, zeigt der Fall eines erblich schwer belasteten Mädchens, das ihr Kind vergiftet. Als der Geliebte für das— noch lebende— Kind nicht mehr zahlen wollte, schrieb er ihr die zärtlichsten Briefe, sie solle nur alles zahlen, er würde ihr's später zurückgeben. Als er aber die Tat erfuhr und in der Zeitung las, daß das Mädchen leugnete, schrieb er an das«hohe Schwur- gericht", es wäre ganz verfehlt, eine.solche überwiesene leichtfertige Person" gelinde zu strafen;.der Jammer deS lieben Kindes soll gesühnt werden in seiner ganzen Schwere". Und in einem Postskript bittet er— um Rückzahlung der Beträge, die er anfangs für das Kind geleistet hatte. Unter diesen KindeSmorderinnen findet sich auch ein Glied jener Trinker- und Bagantenfamilie Zero, die Dr. Jörger beschrieben hat. Lina Zero, ein TppuS völliger Entartung, zweifellos geisteskrank und doch nicht ohne menschliche Züge, die sich in alles fand, weil sie niemals ein vernünfttges Leben fand, sondern nur eine Welt von Elend, Verwüstung und Erbarmungslosigkeit kannte. Ein Kind, das sie leben liest, war ein taubstummer Idiot. Lina Zero strengte stolz niemals Vaterschaftsklagen au; mochten die Männer gehen, wenn sie nicht freiwillig gaben. Sie tötete ein Kind aus finanziellen Gründen..Sie hastte die Kinder nicht, aber so lange sie da ivaren, mutzte sie ihren ganzen Verdienst hergeben." Margarete Meier verlangt in ihrer Schlustbetrachtung Hinzu- ziehung von Frauen zu den Gerichten, Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern, strafrechtliche Verantwortung des ManneS, wenn er durch feine Schuld das Motiv der Tat mit verant« wortct hat.... Brouardel hat in seinem Buch über den.KindeSmord" den Satz ausgesprochen, dast nur die anständigeren verführten Mädchen ihr fiiud töten; die schamloseren bringen es zur Engelmacherin, bezahlen einige Monate lang, dann verschwinden die Mutter und kümmern sich um die Kinder nie mehr. Dieser indirekte Kindes- mord ist für die Gesellschaft unendlich wichtiger als das direkte Verbrechen, weil er um so viel häufiger ist. Aber das gesellschaft- liche Elend und der soziale Unverstand ist auf diesem Gebiete so riesengrost. dast moralische Entrüstung überhaupt nicht an da? Problem heranreicht. Ist doch die verheerende Säuglingssterblichkeit nichts wie Kindesmord, den Gesellschaft unablässig verschuldet und verübt. Amerikanische Alolkenkrat�er. »Sky-Workers" nennt man in New Dork die Leute, die beim Vau der grasten Wolkenkratzer zwischen Himmel und Erde ihre Tätigkeit verrichten, und die eine ganz neue Kategorie von Ar- beitern darstellen. Sie sind eine unerschrockene Gesellschaft, die die Furcht nicht kennen, gewöhnt, über ungeheuren Abgründen auf kaum fustbreitcn Stahlplatten zu balancieren und dort zu arbeiten, wo sonst die Vögel umherflattern. Wandert man durch die Straßen der New Aorker City, in der eins der Himmel- stürmenden Gebäude neben den anderen errichtet wird, so erblickt man in schwindelnder Höhe diese Leute auf den Pfeilern des Eisengerüstcs. Klein wie die Ameisen sehen sie aus. Was für eine Tätigkeit aber da droben auf den schmalen Stahlgerüsten sherrscht, vermag sich der gewöhnliche Sterbliche kaum recht vor- zustellen. Sehr anschaulich schildert die„Bauwelt", wie die Sky- Workers furchtlos in der Höhe ihr Werk verrichten. Rot- glühende Nieten fliegen hin und her, Gitterpfeiler werden auf- gerichtet, zusammengeschraubt und mit Hilfe von Kranen in die richtige Lage gebracht. Auf einer kleinen, kaum fußgrosten Platt- (form arbeiten die Leute stundenlang, während zu ihren Füßen ein Abgrund von mehreren hundert Fuß Tiefe gähnt. Mit der einen Hand klammern sie sich an dem Gerüst fest, das im Winde ihin und her schwankt, und mit der anderen Hand schlagen sie die Wolzen ein; oder sie hängen über einem Pfeiler, der ihre einzige Stütze bildet, während sie Stahlplatten, die heraufgezogen werden, mit den Händen an den richtigen Platz dirigieren. Die Höhe macht diesen Leuten absolut nichts aus. Gefährlicher für sie sind dagegen Stürme und Gewitter. Wenn es selbst auf den Straßen fast windstill ist, weht in der Höhe, in der die Wolkenkratzerleute arbeiten, bereits ein ziemlich starker Wind. Es ist absolut nicht ileicht, auf Stahl zu gehen, und jahrelange Uebung gehört dazu, bis die Leute imstande sind, sich in der immensen Höhe vollständig gefahrlos auf den schmalen Stahlbalkcn zu bewegen. Wenn es noch dazu zu regnen beginnt, und der Regen den Leuten in die ILerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin,— Augen getrieben wird, dann beginnt die Gefahr. In den seltensten Fällen können sie dann die Arbeit fortsetzen, da sie dem Element völlig schutzlos ausgesetzt sind und auf den glitschrigen Stahlplanken außerordentlich leicht ausgleiten können. Der eigentliche Grund zum Bau der Wolkenkratzer in New Dork und Chicago ist der außerordentlich geringe Umfang des eigentlichen Geschäftsviertels der beiden Städte. In der City von New Dork ist der Grund und Boden so teuer, daß sich die Errichtung eines gewöhnlichen Gebäudes gar nicht lohnen würde. Vor kurzem wurde z. B. an der Ecke von Broadway und Wallstreet der Quadratmeter mit 24 000 M. bezahlt, d. i. achtmal so viel, als in Berlin für die teuersten Geschäftsgrundstücke bewilligt wird. Zur- zeit hält unter den Himmelskratzern den Höhenrekord das Gc- bäude der Metropolitan- Lebensversichcrungs- Gesellschaft am Madison-Square, daz 46 Stockwerke hoch ist. Das Gebäude ragt mehr als 200 Meter über dem Pfeiler in die Höhe und ist noch so tief fundamcntiert, daß die Gcsamthöhe mehr als 230 Meter beträgt. Die Cheops-Phramide oder der Kölner Dom werden bedeutend von diesem Wolkenkratzer überragt. Noch höher ist aller- dings das Singer-Gebäude, wenn man die Höhe von den Funda- menten aus rechnet. Vom Pflaster aus erschAnt es jedockj niedriger. Auch das Gebäude der City-Jnvestment-Bank, das bei 30 Stockwerken eine Höhe von mehr als 120 Meter erreicht, oder das Park-Row-Gebäude, das 130 Meter hoch ist, muß man vom europäischen Standpunkt aus auch noch als Riesen betrachten. Zwei Faktoren waren erforderlich, um den Wolkenkratzer zu ermöglichen. Die Vervollkommnung der Personen-Aufzüge und das System des käfigartigen Stahlgcrüstes, das dem Architekten keine Grenzen mehr für die Höhe vorschreibt. Dieses Stahlgerüst ist eigentlich nur eine in die Lüfte ragende, auf einer Seite ver- ankerte Brücke. Früher dienten die Mauern dazu, um die Decken zu tragen. In den Wolkenkratzern sind die Mauern nichts als Verkleidungen des Gerüstes, während sie selbst durch Stahlträger, die den Boden bilden, getragen werden. Oft kann man sehen, wie bei dielen Wolkenkratzern die oberen Etagen früher zuge- mauert weroeu als die niedrigeren. Großer Wert ist selbstvcr- ständlich auf die Fundierung derartiger Riesenbauten zu legen, da das Gewicht außerordentlich geschickt verteilt werden muß. Ge- wöhnlich Iverdeu diese Wolkenkratzer auf Bctonpfeilern fundiert, die so tief mittels Caissons in die Erde hineingetrieben werden, bis sie auf den Felsuntergrund kommen. Das Singer-Gebäude zum Beispiel ruht auf 34 Caissons. Diese Caissons sind Stahl- zhlinder, in die unter ungeheurem Druck Beton hineingefüllt wird. Falls man nicht in genügender Tiefe auf Fels stößt, wird ein Betonbett hergestellt, in das dann die Caissons verankert iverden. Nach Vollendung der Fundamente beginnt die Aufstellung des eigentlichen Stahlgerüstes. Die Hauptschwierigkeit macht die Ver- ankerung der Stahlgebäude in den Caissons. Ist diese einmal geschehen, geht die übrige Arbeit außerordentlich schnell vorwärts. Je höher das Stahlgerüst wächst, umso sorgsamer muß der Wolken- kratzer-Arbeiter vorgehen, da von seinen Bewegungen oft das Leben fast der gesamten auf dem Bau arbeitenden Mannschaft abhängt. Die größte Vorsicht muß obwalten, damit keine Werk- zeuge oder glühende Bolzen herunterfallen, da sie durch die Fall- geschwindigkcit wie Geschützkugeln wirken. Pittoresk ist zu sehen, mit welcher Geschicklichkeit diese glühenden Bolzen geworfen werden. Der Mann am Schmiedefener packt die weißglühenden Nieten mit der Zange und wirft sie 10, 20 selbst 40 Fuß weit seinen Käme- raden zu, die sie gleichfalls mit Zangen auffangen und sofort in die dazu bestimmten Löcher einführen. In den seltensten Fällen kommt es vor, daß die Nieten ihr Ziel verfehlen. Das Gebäude der Metropolitan-Lcbensvcrsicherungs-Gescll- schaft ist typisch für die ganze Anlage der Wolkenkratzer. Nament- lich im Winter gegen Abend macht das Gebäude einen wunder- baren Eindruck, wenn alle Fenster des großen Turmes erleuchter sind. Zwischen dem 2S. und 27. Stockwerk ist eine kolossale Uhr angebracht, deren Zifferblatt einen Durchmesser von 8 Meter hat. Nachts ist diese Uhr erleuchtet. Die glänzende Organisation der Passagierbefördcrung durch Aufzüge, die in diesen Wolkenkratzern besteht, erleichtert außerordentlich die Vermietung der einzelnen Etagen und Bureaus. 20 Aufzüge vermitteln oft in den großen Wolkenkratzern den Verkehr zwischen den einzelnen Etagen. Dabei ist die Einrichtung getroffen, daß einige Aufzüge von Etage zu Etage fahren, während andere als Expreßzüge nur von der zwanzigsten Etage an Halt machen, um die oberen Stockwerke schneller zu erreichen. Einer Statistik zufolge werden in den New Iorker Wolkenkratzern täglich mehr als eine Million Menschen von Aufzügen befördert. Ein moderner Wolkenkratzer ist eine Stadt für sich, mit eigener Wasser-, Licht- und Kraftanlage. Alles, was man zum täglichen Leben gebraucht, kann man dort haben. In jedem Wolkenkratzer befindet sich eine Telephon- station, ein kleines Postamt. Eine sogenannte Mail-Chute, ein durchs ganze Gebäude durchgehender Briefkasten ermöglicht, auf jedem Stockwerk die Briefe in den Kasten zu werfen. Sie fallen durch einen Kanal in einen Sammelbriefkaften, der sich im Erd- gefchoß befindet, und von wo aus sie zur Post abgeholt werden. Restaurants, Barbiere, Zigarrenhändlcr, Blumen- und Konfekt- stände, Theatcr-Billett-Agenturen und die, für amerikanische Ver- Hältnisse so wichtigen Schuhputzer haben ständig ihr Heim in den Wolkenkratzern aufgeschlagen.__ Druck u. Verlag: PorwärrS Buchdruckerei u.Verlagtanstall Paul Singer scCo.. Berlin 6 W.