Nnterhaltungsblatt des Honvärts Nr. 170. Donuerstag den 1. September. 1910 lSiaqdritck etttnux.) 40] Der Sntgleirtc. Von Wilhelm H o l z a m e r. Aber er fragte in seiner Seele und wurde des Fragens nicht müde. Es antwortete ihm die Schwäche, und die Feig- heit erkannte er, und er sah ein, daß etwas im Menschen ist, das nicht auf ein Unbedingtes gestellt werden kann. Der Wille zu unbedingter Ehrlichkeit und Geradheit fuhr immer wieder auf und wollte stark und stürmend werden, aber dann gab er sich darein vor einem saubergedeckten Tische und einem wohlbereiteten Mahl und der strahlenden Erwartung des Lobs, mit dem die gute Hausfrau stolz ihre Gerichte darbot, und versank völlig im Kuß der Anerkennung und der Wärme des Gntseins, das nicht kränken konnte. .„Hast Du mich lieb?" „Ich glaube." „Du glaubst nur? Du hast mich nicht lieb?" „Weißt Du, die Liebe, das ist etwas, das kann man nie wissen." „Das steht in Deinen Büchern so." „Meinetwegen." „Und wir sind doch glücklich?" Er zauderte ein wenig. „Nun, sag doch!" Und er sagte ja— und wurde rot dabei. Hinter seinen Worten klang eine feine, ferne Glocke, lockte und bangte, und er lauschte und niachte sich Vorwürfe. Draußen die Natur und die Bücher, das ward seine Zu- flucht. Er las Stirner und Niehsche und irrte immer tiefer in seine Seele hinein, deren letzte Klarheiten ihm kein Philo- soph und kein Dichter aufschließen konnte. Man sagte ihm überall von seiner„guten Partie". Es ging ihm jedesmal ein Stich durch die Seele. Äine Speku- lation auf Geld war darin betont. ES kränkte ihn. Denn das wußte er ganz genau: davon war er frei gelvesen. Er zog sich immer mehr und mehr in sein Studierzimmer zurück. Er richtete sich mit dem Leben ein. Gerne, daß er seinen Becher bis auf den Grund getrunken hätte. Aber er meinte, er habe schon seinen bitteren Bodensatz geschmeckt. Luise waltete und schaltete als die Herrin im Hause. Er gab nach dieser Seite völlig seinen Willen auf. Nur daß sie ihn dann und wann fragte:„Hast Du mich lieb?" Sauber gedeckt war der Tisch, und das Haus in musterhafter Ord- nung. Dann und wann ein Brief von der Mutter. Sie blieb hier eine Fremde. Aber manchmal griff er hinüber nach ihrer Hand, manchmal griff sie nach seiner. Es war etwas Unausgesprochenes in ihnen, das wirkte, und in dem sie sich suchten und verstanden. Keinem wurde es klar. Manchmal klang ihm eine geheime Hoffnung auf: ein Kind. Etwas, ein Geschöpf, das er ganz lieben, in dessen Liebe er ganz aufgehen könnte. Ganz aufgehen, ohne Rest und Schein. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Seine Kranken. Immer tiefer suchte er in seinem Be- rufe. Er grub nach Schicksal, er forschte nach Menschen. Er sehnte sich nach tieferen, volleren Beziehungen, nach der Praxis gewissermaßen in der Menschenerkenntnis und -schätzung. Frei genug fühlte er sich dazu. All die fest- gelegten Begriffe hatte er sich in der Theorie längst weg- geräumt, nun hungerte er nach Betätigung und Bestätigung. Er war ein Mensch, der nicht irren wollte. In dieser Zeit befreundete er sich mit einem alten Pensionär des Sanatoriums� der sich im Kriege vor Metz Nerven und Gesundheit ruiniert hatte. Wenn er so allein an seinem Schreibtisch faß und seine Berichte aufgesetzt und kontrolliert hatte, dann schrieb er ihm öfter eine Karte und sandte sie durch den Wärter auf seine Abteilung: eine Ein- ladung zu einem Plauderstündchen ode" einen Spaziergang. Er hatte in 5iarl Weik einen, der verstand, und der ins Weite führen konnte. „Sie haben das richtige Leid noch nich� ze'vürt, Doktor," sagte ihm Weik eines Tages.„Das Leid isi der Schlüssel des Lebens. Die Freude und das Glijck, die führen Sie durch Türen und Tore, durch Säle und Hallen hin, ja das geb ich zu, aber Schmerz und Leid, die reißen Türen auf und ent- decken verborgene Kammern." Sie gingen die Wiesen entlang, zwischen hohen Pappeln hin, und Weik pflückte Blumen. „Was nennen Sie Leid?" fragte Philipp. Weik stellte sich breit vor ihn hin und lachte. „Was ich Leid nenne?" Leid, Doktor, kann einem alles werden, das Kleinste und Geringste. Es komnit nur darauf an, wie Sie es durchleben. Sie sehen eine Fliege sterben, das kann ein Leid sein. Leid ist nichts, man kann es dem zweiten nicht sagen, es verliert dabei seinen Wert. Und eS wird den Menschen oft komisch. Ich will Ihnen etwas er- zählen, Sie dürfen darüber lachen, aber es ist bitter ernst- Ich hatte im Feldzug mir einen prächtigen Schnurrbart ge- zogen— einen Schnauzer wie ein Feldgendarm. Im erster» Jahre, als ich hier war, bekam ich lauter kleine Geschwüre in die Haarwurzeln des Bartes, und Ihr Vorgänger, dieser unverschämte Metzger, riß mir Haar uni Haar des Schnurr- hartes aus. Wissen Sie, daß ich damals wußte, daß ich nicht wieder gesund werden könnte? Ich hatte die. Energie zum Gesundwerden mit meinem Schnurrbart eingebüßt. Ich habe seelisch ausgehalten wie ein Hund, glauben Sie mir. Es zerbrach mir das Letzte damals. Nun machen Sie sich einen Vers darauf." Sie gingen schweigend neben einander her. Weik erregte sich immer mehr und mehr. „Ich will Ihnen sagen, was Leid ist, Doktor, ganz genau: Es ist erleben können. Wer diese Möglichkeit nicht hat, dem bleibt das Leben verschlossen, der versteht vom Menschen nichts, und ist er Arzt, so ist er nur ein Barbier, und ist er Schulmeister, so ist er ein Rohling, und ist ev Pfaffe, so ist er ein Verdammer. Punktum, basta. Habt ihr nur alle eure Leisten für die Welt und die Menschen, habt nur eure festen Begriffe von Schuld und Schicksal und all dem Zeug. Es gibt kein Schicksal und gibt keine Schuld, und Reue ist das Sirupgesäuf der Unmündigen. Verstehen, begreifen, das ist alles. Verzeihen ist alles und Gut und Böse neben einander gelten lassen im Menschen, als feine Notwendigkeiten. Es sind alles hereingetragene Begriffe. Ein Gewitter verheert und ist druin böse. Dummes Menschenvolk. Wenn ihm die Nützlichkeit nicht gleich auf deni Präsentierteller dargereicht wird, dann meint es gleich verurteilen zu dürfen." „Warum regen Sie sich auf. Weil?" „Weil ich unter dieser Bande gelitten habe, Jahre und Jahre. Und weil es nicht drauf ankommt, was wir tun, sondern was es in uns bewirkt. Wir gehen Strecken durch Morast, aber nachher sind wir in einem grünen Tal, oder wir haben den Weg frei zu einer schönen Höhe, wo wir eine Umschau halten können, von dem diese Nichtigkeitsmenschen keine Ahnung haben." „Aber— ," wollte Philipp einwerfen. „Aber, ja, ich weiß schon— wie das mit unserem Leiden zusaminenhängt? Nun so, weil dieser Morast so sehr in uns bedingt sein kann, daß wir ihn nicht vermeiden können und weil ein klares Bewußtsein von ihm und dem Grunde, weshalb er vorhanden ist, uns das bitterste Leiden ver- Ursachen kann." Er pflückte eine Klatschrose und hielt sie Philipp hin: „Nicht wahr, das ist Unkraut. Unkraut und nichts wert. Die Nützlichkeit fehlt. Daruni fehlt die Berechtigung. Ich pfeif drauf— mir gilt diese Blume so viel wie Klee und Korn, und in gewisser Beziehung mehr. Ich freu mich ein- fach dran. Wie ich mich an Stechapfel und Bilsenkraut und Nachtschatten freue." Er blieb stehen. „Ihr Weg, Doktor, geht ja kerzengerade durch die Welt. Sie werden nie erfahren, was Unkraut heißt. Sie werden darum nie die Freude am Unkraut, auch am Menschenunkraut erleben lernen. Sie werden nie daran leiden lernen. Aber ich Halls gelernt. Denn nutz- und fruchtlos steh ich im Weizen. Durch meine Krankheit, und durch alles, was damit zusammenhängt, und was nicht damit zusammenhängt." Der Mensch in Philipp erkannte, datz dieser ganze Zirkel von Philosophie, den er jetzt durchrannt hatte, sich um �en Mittelpunkt seines innersten Leids bewegte. Der Arzt «Wer sah ein, daß er ihn langsam von sich selbst wegführen müsse, denn er war in einem Zustande so starker Erregtheit, daß er für ihn fürchtete. „Wer weiß, ob mein Weg so gerade geht," sagte er. „O, Siel" Weil lächelte.„Nein, man kann es nie vorher wissen. Wenn Sie es wert sind, versucht zu werden, so wer- den Sie versucht werden. Die meisten Menschen sind's ja Snr nicht. Das aber rate ich Ihnen: sich nicht bücken vor den Renschen. Mutig durch den Schlamm gehen. So tief es kein muß, und sich frei fühlen. Nicht beladen fühlen. Sie find dann nicht weniger wert. Sie können es freilichwerden.Ach, guter Doktor, was reden wir dal Sie gehen kerzengerade, ein nützliches Glied der Gesellschaft. Und Sie werden selig Werden." „Also denken Sie, daß ich nicht mehr wert sei?" „Das nicht, aber Sie werden erreichen, was Sie wollen." „Wieso?" „Weil sich jedenfalls die Menschwerdung in Ihnen nicht wehr weiter vollziehen wird, weil Sie kein Suchender mehr sein werden. Sie haben gesunden. Sie haben jetzt nur noch Ihren Beruf zu erfüllen, sich selbst auszubauen fällt bei Ihnen weg. Es fällt etwas dazu ab, ja aber-- Bringen Sie den Strauß Ihrer Frau mit. Mit meinen ergebensten Empfehlungen." „Danke! Aber warum wollen Sie ihn nicht für stch Gehalten?" „Was soll ich damit? Ich habe ihn gemacht, er ist, kn ganz schwacher Bedeutung natürlich, ein Werk von mir. Er gewinnt als Werk einen höheren Wert, wenn ich eine Freude damit machen kann. Das tu ich gerne. Verstehen Sie das oder verstehen Sie das nicht. Es ist noch das Letzte, was ich habe." Dann gingen sie heimwärts in den Abend, der aller Fragen immer stiller und seiner Ruhe immer voller ward. (Fortsetzung folgt.)/ Zwei fraucn. Von A. W e r b i tz k a j a. AuS dem Russischen von Stefania Goldenring. ?. In dem Großen Theater wurde„Faust" gegeben. Aber diesmal «lang es weder Faust, noch Margarete,, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen. Dies« gau vielmehr ganz und gar der Gestalt des Mephisto in der genialen Wiedergabe des jungen, gestern noch kaum bekannten Künstlers. „Jä gehe hinunter l Wer kommt mit?" fragte ein hübsches, gngeS Mädchen und wandte stch an ihre Freundinnen in der Loge. I waren ihrer sechs. .Ich gehe mit Ihnen", sagte Zaplina, ein unansehnliches Mädchen «it auffallend blasier GesiivtSfarbe. „Es freut mich für die Zaplina, daß wir eö heute so gut ge- troffen haben", bemerkte eine andere Studentin mit üppiger, moderner Frisur, in rotseidener Bluse.„Sie wird wenigstens eine gute Er- bmerung von Moskau mitnehmen. Wer weiß, wann fie wieder in die Oper kommt I" Mit Mühe drängten stch die beiden Mädchen durch die Menge bis an die Rampe heran. Sie fühlten sich unter der Macht einer Hypnose, eines wollüstigen Grauens. Erst als der Vorhang wieder ausging, schritten fie wie Moudiüchtige durch die Menge zurück. In dem Korridor an der Treppe begegneten die Studentinnen einem hübschen, hochgewachsenen blonden jungen Mann in Uniform, mit modern gestutztem Bart und goldenem Kneifer. Er faßte die Kosnitzkaja mit einer vertrauten Bewegung bei der Hand. Sie hob ihre Augen zu ihm, aber der Ausdruck i» ihnen veränderte sich nicht. Er hatte das verstanden. „Was hat das zu bedeuten? Sie bemerken mich nicht einmal, Katarina Fedorowna?" „Ach nein! Ich verliere förmlich den Verstand... Wie schade, daß Sie zu spät gelominen sind I Hätten Sie Ihre Sitzung wirklich nicht versäumen können?" „Ich hatte einen Vortrag zu halten; Sie haben eS vergessen?" Sein Blick fiel auf die vorübergehende Zaplina, und sein Gesicht wurde fahl. Er verstummte und betrachtete die kleine Gestalt. Auch die Zaplina streifte ihn mit dem Blick. Ihre sonst bleichen, fast durchsichtigen Wangen färbten sich leicht, die gesenkten Augenlider zuckten, aber sie wandte sich gleichgültig ab und begann die Treppe emporzusteigen. „Sie gehen hinauf?" rief die Sosnitzkaja ihr nach..Gehen Sie nur, ich komme zum Anfang des Altes." Der blonde, junge Mann begleitete die kleine, abgezehrte Ge« stalt in dem altmodischen, wollenen Kleide und einem gehäkelten großen Schal auf den Schultern, mit seinem Blick. „Wer ist das?" fragte er mit seltsam zusammengepreßter Stimme. „Das ist dieselbe, von der ich Ihnen erzählte." Katja faßte ihren Verlobten unter den Arm, ging mit ihm di« Treppe hinauf und zog ihn ins Foyer. „Was haben Sie erzählt?' begann Polosjew, von neuem leicht gereizt. „Sie haben's wieder vergeffen? Das macht Ihr Referat. Sie hat mit uns die Kurse besucht... jetzt hat fie fie beendet und reist als Feldscherin nach den Grenzprovinzen. Eine furchtbar öde Gegend... Tschuwaschen"). Mordwinen— entsetzlich! Die Sarnizina sagt, fie würde sich eher erwürgen, als dorthin fahren.... Vor kurzem haben wir noch alle gelacht: Wer würde wohl Lust haben, dort hinauszuziehen? Ein kümmerliches Gehalt und gar kein Um» gang.... Ein Student aus jener Gegend hat uns davon erzählt.... Man hört kein Menschenwort.... Hunger, Unwissen- heit... und Epidemien ohne Ende.... Augenblicklich herrscht dort der Flecktyphus.... Plötzlich kommt die Zaplina und sagt: Ich reise hin, ich habe mich eingeschrieben. Wir schrien alle laut auf." Polosjew ging und starrte unentwegt auf die glänzenden Spitzen seiner Stiefeletten und die über den Boden streifenden Bänder der Damentoiletten, als wäre ihm in diesem Augenblick daS wichtigste, nicht darauf zu treten. .Kennen Sie sie schon lange?" .Stein.... Wir sind einander schon manchmal begegnet.... Sie ist so eigenartig, wiffen Sie.... Sie besucht keinen Menschen, wohnt in einer Spelunke. Gearbeitet hat fie fast wie beseffen. Wir haben sie natürlich deswegen alle sehr verehrt. Bei uns gibt eS wenige, die so eifrig find. Meistens ist es junges, lustiges Volk.... Ich habe zufällig lauter Freundinnen in der Art der Sarnizina, ziemlich wohl» habende Mädchen, die sich modern lleiden und gern tanzen. Nur die Stepanowa ist vielleicht anders, eigentlich haben wir die Zaplina überhaupt nicht bemerkt. Eines Tages kam die Stepanowa ganz erregt zu uns und sagte:„Meine Herrschasten, wir haben sie nicht gekannt... das ist ja«ine Heldin.. Und sie erzählte uns, wie sie ihr Leben fristet, wie viele Jahre fie in entsetzlicher Not gelämpfl hat! Und dabei hat sie einen Stolz.... Sie hat nie geklagt, nie um etwas gebeten. Wir haben hier einen Verein. Ihr Studium wurde natürlich bezahlt. Aber daß fie sich jemals wie andere wegen einer Geldunterstützung an den Verein gewandt hätte, — niemals I... Ein Student kennt sie auch von früher. Er sagt ebenfalls„Eine Heldin".... Und nun erklärt uns Stepanowa, daß sie nach den Grenzprovinzen reist... das heißt die Zaplina. Verstehen Sie? Und dann.... Ach, daS kam alles so unerwartet l Diese Stepanowa prahlt mit ihrer Energie, ihren Manieren und ihren Toiletten. Sie tut als wäre sie eine siebzigjährige Frau.... Aber sie ist ein prächtiger, feinstihliger Mensch.... Und nun stellen Sie sich vor: Sie hat geweint...„Ich bin bei ihr im Keller gewesen." erzählte fie,„und kann das BUd nicht wieder vergessen...