Mnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 176. Donnerstag, den 8. September. 1910 tutiia.} 45] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamee Philipp blieb stehen und sagte erregt: „Glauben Sie, es geht ein Mensch an einem Menschen zugrunde? Glauben Sie, es kann ein Mensch einen Menschen retten? Jeder geht nur an sich selbst zugrunde. Man kann Krankheiten heilen, aber keine Charaktere, keine Instinkte. Das glauben Sie ja nichtl Man kann unterbinden. Aber teas ist damit gewonnen? �Jst dann so ein Mensch noch der Mensch, der er war? Wir sind ja alle schon zugrunde ge- gangen, wenn wir nicht mehr wir selber sind. Das Leben wirkt auf die Menschen genau so, wie die Menschen auf das Leben wirken. Darum wimmelt's ja von Leichen, weil diese Wirkung und Rückwirkung vernichtet ist. Und mir ist einer, der ehrlich und richtig zugrunde gegangen ist, lieber, als tausend von denen, die nie zugrunde gehen könnten." Sie waren an einer kleinen Brücke stehen geblieben, die über den Wiesenbach führte. Vor ihnen lag das Grün der Wiesen, kurz geschoren, und in einzelnen Haufen war die zweite Mahd gesammelt. „Darf ich mich darauf setzen? Der Stein ist warm?" Er fühlte. „Ja— aber nicht zu lange." Als sie sich zurecht gesetzt hatte, sagte sie: „Hüten Sie sich vor Ihrer Weisheit, Doktor. Die ist gut für andere Leute. Aber wenn es einem selbst an den Kragen geht, dann ist sie bitter. Da geht es wie mit dem Wetterleuchten. Man sieht die Blitze, hat aber das Gewitter nicht auszuhalten." „Sie trauen mir nichts zu in dieser Beziehung?" „Nicht allzu viel, nein." „Wie kommen Sie dazu?" Sie hustete hinter ihrem Taschentuch. „Darf ich's sagen?" „Aber ja, ich bitte Sie darum." „Ich habe die Linien Ihrer Hand gesehen." Er prustete lachend heraus:„l�ul yivra, yerra."'(Das wird die Zukunft lehren.) Er wurde nachdenklich. „Gewiß, es liegt ja in allem ein Sinn und eine Be- ziehung. Nur ist das nichts Unbedingtes." „Nein, nein— eS lauert hinter allen Dingen etwas, das wir nicht lesen können, gewiß— das hervotschießt und der Stunde ihre Tat gibt." Dann saßen sie eine Weile stumm und sahen hinaus ins Land. In die Weite der Wiesen und zu dem Glanz der Berge, deren Kuppen sich vergoldeten in dem roten Wider- schein der mählich sich neigenden Sonne. Das Städtchen lag fern, sanft an die Hänge hingeschmiegt, freundlich und bunt. Auf den Feldern bewegten sich die Landleute— auf der Landstraße gingen die Fuhrwerke mit Gerassel und Gepolter, und dann und wann hörte man Peitschenschlag und Zuruf. Durch die Bäume zog der Wind, der vom werdenden Abend kündete, und rührte an das Laub und die reifen Früchte, und es war ein ganz feiner, dünner Tan in ihm, der dem blauen Himmel, der klar und rein war, und dem Glanz der Sonne, der mikd und süß war, sich nicht recht einen wollte. Er war fremd und unsicher. Er war wie der Ton einer Glocke, die einen leichten Sprung hat, den man in den starken und vollen Klängen nicht bemerken kann, der «her im sanften Abendläuten zum Feierabend jedesmal hör- bar wird. Für die feinen Ohren wenigstens, denn die Leute sind daran gewöhnt und lauschen nicht genauer darauf. Philipp und das Fräulein hörten ihn und sahen einander an. Es ivar ein großes, schönes, stummes Verständnis in dem Blicke. Und er war lang und innig. Fäulein Güßfeld erhob sich. „Wird es nicht zu kühl?" „O, so weit sind wir noch nicht im Jahr. Die Wärme des Steines hält noch an. Und so weit sind wir noch nicht in der Stunde. Die Erde zieht noch keine Feuchte an." Dabei sah er ihr Profil und prüfte eS unwillkürlich. Ev dachte an Weiks Worte. Und eine selige Wärme floß ihn» in alle Sinne ein. Es wurde froh und klingend in ihm. „Wir gehen aber doch zurück, nicht wahr, Doktor? Wisse« Sie, ich gebe mich gar nicht verloren. Ich will ewig leben. Ja. ewig am liebsten. Und das verdanke ich ja eigentlich Ihnen." Er wehrte dagegen. „Ja, ja, Ihnen! Nicht, daß ich das Freudige in mir erst von Ihnen geschenkt bekommen hätte. So nicht. Aber er- kannt habe icks erst richtig durch Sie. Das wollte ich Ihnen vorhin schon sagen. Es ist gerade, als hätten Sie mir mit gutem Wort und Trost und Fürsorge'das Rauhe und Grobe in meinem Leben glatt gestrichen— und das Frohe sei darauf gesetzt wie Blumen im Moos. Das wollte ich Ihnen vorhin von mir erzählen." Sie wartete ein wenig, ob er eine Frage an sie richte« würde, oder eine Bitte, oder eine Abwehr gar. Aber er ging stumm neben ihr her, einen leisen Glanz in seinen Zügen, ein schönes Strahlen in den Augen. Unwillkürlich machte sie eine Bewegung, nach seiner Hand zu fassen. Und fast he- rührte sie auch noch seinen Arm, da bezwang sie sich. „Wissen Sie, Doktor, ich habe das Bitterste in meiner Jugend gehabt, was ein junges Mädchen nach meiner Mei- nung haben kann: ich habe nur in Schulpensionen gelebt, Da wurde kein liebes Gefühl in mir gepflegt, nur Wider- stand, Verachtung und Haß. Jahrelang habe ich gemeint, es sei keine Freudigkeit in meiner Jugend gewesen, nur Bitternis und Zwang, und Pflicht- und Einengung. Was weiß ich! Nun ist mir so viel Freudiges eingefallen, so viel Glück. Der Name einer Lehrerin ist mir aufgeklungen, und ich meine, ich habe einen ganz anderen Menschen in mir. Den ganz anderen Menschen, der auch eine Jugend in sich hatte." Da nahm er ihre Hand und drückte sie, Ihre Augen strahlten ineinander. In ihm klang seine Jugend auf. Dank war in ihm und eine Erhebung, wie er sie nie gefühlt. Ein Reicherwerden in dem, waK�r selbst besessen. Er fühlte, daß es erst Besitz in ihm wurde. Es überwältigte ihn, daß ihm erst jetzt ge- geben wurde, was schon sein gewesen war. Nie war daran in ihm gerührt worden. Nie hatte er so in sich hineingesehen, Das ging auf mit hohen Toren und strahlenden Bogen, mit Feiern und Festen. Es war, wie wenn Musik alle Pforten des Lebens aufreißt und alle Ströme des Daseins und Menschenwesens entfesselt. Es überwältigte ihn. Er fühlte die tiefe Natur, die Menschenseele, den Fraucnsinn— er fühlte den letzten Tropfen in einer vollen Schale, daß sie überrinnt. Und immer voller wird und überrinnt. Einen Augenblick schloß er die Augen. Er stand wie in einem großen, hellen Bilde drin.'Ev blickte in einen tiefen, klaren Strom, in dem sich die hellen, hohen Türme der Stadt spiegeln, die im Morgenleuchten ruht. Er sah den Rhein, seinen Rhein, den er erlebt hatte, und er sah die Wiesen und Weinberge, die oll nun sein waren. Er fühlte etwas aufgegangen in sich. So mußte es der Knospe sein, wenn Tau und Sonne sie wecken. Er beugte sich ein wenig nieder und hob ihre Hand zu seinem Munde. „Ich danke Ihnen," sagte er. Es war so steif und ungeschickt geschehen, daß er es selbst fühlte und verlegen errötete. Sie bemerkte es und lächelte. Dann nahm sie die Ver- lcgenheit von ihm und sagte in leichtem Tone, indem sie ihre Linke graziös zu ihm erhob: „Nun küssen Sie auch diese Hand, Doktor, sie ist meinem Herzen näher als die andere. Und ich bin's, die zu danken hat." In den Villen am Bergabhang glänzte nun die Sonne in den Scheiben. Sie gingen in gleichen gemessenen Schritten. Die Leute auf den Aeckern hielten in ihrer Arbeit ein und sahen, auf Karst und Spaten gestützt, zu ihnen, Witz sahen sich dann bedeutungsvoll an. Sie gingen ihren Weg weiter und' beachteten es nicht. tab sie zwischen ihren Blicken Spießruten liefen. Fräulein Güßfeld begann die Rede wieder. „Ich denke, Doktor, daß ich nun bald genesen sein werde. Dann gehts wieder hinaus ins Freie, in das Freisein. Und in den Beruf! Das ist mir doch ein lieber Gedanke und ein Trost, daß ich einen Beruf habe. Das gibt doch viel Wider- standskrast. Aber da wollte ich Sie um eins bitte?:— wollen Sie gewahren?" „Gerne." „Nein, sagen Sie das nicht. Es könnte Ihnen schwer werden. Ich habe so ein Gefühl dafür. Sie können ruhig Nein sagen." Er wehrte ab. „Sie haben mich operiert und kuriert— Sie waren mein Arzt. Doktor, ich hätte es so gerne, und es wäre mir so viel, wenn wir Freunde sein und bleiben könnten. Wollen Sie diese Bitte gewähren?" Er reichte ihr die Hand hin. „Besinnen, Doktor, bitte! Sie kennen mich ja gar nicht." „Schlagen Sie ein! Wir sind Freunde! Ich kenne Sie genug!" „Doktor!" „Wir sind Freunde!" „Gut! Und bleiben es! Aber es steht Ihnen jederzeit frei, den Vertrag zu lösen. Ich löse ihn nicht, das weiß ich. Denn das ist das Stärkste in meiner Nawr: ich bin un- bedingt treu. Wer mir einmal Freund gewesen, ist mir's immer. Ich vergesse nämlich das Gute nicht, Doktor. Und jetzt gar nicht mehr." Vorn um die Ecke bog eine hohe, breite Männergestalt und schritt ihnen rasch entgegen. „Weik!" sagte Philipp. Weik schwang den Hut und hob einen blühenden Zweig in die Höhe. Mit wenigen Schritten war er angelangt, ver- beugte sich tief, ganz außer Atem, und während er Melanie einen Zweig gefüllter Apfelblüten galant überreichte, sagte er:„Zum ersten Ausgang, gnädiges Fräulein. Es ist lange her, daß wir uns in den Wiesen trafen. Wissen Sie noch? Ihnen war ein wenig angst vor dem Bär. Aber sehen Sie hier— oben von der Burg— gefüllte Apfelblüte. Das Bäumchen blüht zum zweiten Male. Und ich mußte den Zweig für Sie stehlen. Sie sollten ihn ans Krankenbett haben. Aber wie ich in die Anstalt heimkomme, höre ich von Ihrer Fmu Gemahlin, Doktor, daß Sie das Fräulein zum ersten Male ausgeführt hätten. So bin ich Ihnen entgegen- geeilt." Melanie dankte ihm. „Wenn ich nicht störe,— es wäre mir eine große Ehre, wenn ich die Herrschaften auf dem Heimwege begleiten dürfte." Er wischte sich die Stirne. Nun war er in seinem Elemente. Er erzählte munter und anregend. Er war entzückend. Ganz, als sei er einen Augenblick in die große Welt versetzt, in der er vor fünfzehn Jahren gelebt hatte. Melanie warf dann und tvann eine Bemerkung ein, die bewies, wie wenig sie selbst dieser großen Welt fremd war. Nun erzählten sie von dem Feste der ,.