Nnlerhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 176. Freitag� den 9. September. 1910 tJta«i)niil P«v»tts.7 46] Der Sntgleilte. Von Wilhelm Holzamer. !l7. s Sie gingen, täglich zusammen spazieren. Weik wußte es stets so einzurichten, daß er auf dem Heimweg mit ihnen zusammentraf. Es war ihnen allen dreien ein Bedürfnis geworden, diese eine Stunde des Tages für sich ganz allein zu besitzen. Fräulein Güßfeld genas zusehends. „Denken Sie, Doktor, daß ich früher gar nicht gehen konnte. Ich habe nie Spaziergänge vertragen. Es scheint mir, ich bin viel gesünder geworden als vorher." Er wollte ihr eine Erklärung geben. „Bitte, sagen Sie nichts. Ich habe das ganz von mir abgeschüttelt, daß Sie der Arzt sind. Mein Arzt. Bitte, Doktor, versuchen Sie's auch, daß Sie die Kranke in mir, Ihren Patienten, nicht mehr sehen. Das steht so zwischen mir und Ihnen. Sie haben's doch auch Weik gegenüber fertiggebracht. Macht das, weil er ein Mann ist?" Philipp war verlegen. Sie lachte. „Ich habe Sie erwischt, Doktor. Nicht wahr, wir Frauen sind auch Ihnen nur Dreiviertelsgeschöpfe?" „Durchaus nicht." „Durchaus nicht! Es ivar viel zu rasch gesagt. Haben Sie sich einmal innerlich daraufhin geprüft? Gewiß nicht. Durchaus nicht,— das sagen die Männer so. Aber durchaus doch— das beweisen sie dabei auf Schritt und Tritt." Sie sprachen über die Frau. Philipp mußte zugestehen, daß er wirklich noch nicht über die Frage nachgedacht habe. Eine kleine Größe der„Bewegung" aber, die er in einer Rachbarstadt persönlich kennen gelernt habe, die sei ihm wirk- lich so dilettantisch-abstoßend vorgekommen, daß er die drei heiligen K der Frau, Küche, Kirche und Kinder, entschieden vorgezogen habe. „Lieber Freund," sagte Fräulein Güßfeld.„warum bleiben Sie an einem einzelnen Exemplar hängen? Das ist falsch. Warum sehen Sie nicht der Sache direkt ins Gesicht und behalten sie im Auge? Die Sache muß die Menschen erst hervorbringen. Zunächst bringen die Menschen erst die Sache hervor. Und da läuft denn viel Uebertreibung und Dilettantismus mit unter." Sie sprachen von den Frauen in Paris, in England, in Amerika. „Der Mann meint zunächst nur, er habe etwas zu ver- lieren— er denkt nicht daran und kann es noch nicht ab- schätzen, was er auch gewinnen kann. Es geht ja nichts ein- fettig— die neue Frau wird auch den neuen Mann machen. Die Frau denkt zunächst nur daran, was sie gewinnen kann — sie denkt nicht, was sie auch verliert. Die Prinzipiellen im Leben büßen immer mehr ein als sie gewinnen. Denken Sie an Ihre Kollegen, die Aerztinnen. Viele sind gewiß nicht Frauen geblieben und haben nur noch einen Beruf. Das ist aber eine Einseitigkeit mit einer anderen vertrieben." „Ja," sagte er,„die Frau muß zuerst Frau sein, wie der Mann zuerst Mann ist." „Na, na, Doktor. Man müßte wissen, was es heißt. zuerst Frau sein. Aber daß der Mann zuerst Mann, ist, das finde ich gar nicht. Höchstens in seinem Egoismus." „In welchem Egoismus?" „In dem Egoismus seines Herrseins, das ja vielen Frauen so eine angenehme Selbstverständlichkeit ist." Nun wußte er nicht weiter. Sie war ihm über darin. Das freute ihn und ärgerte ihn. Seine Freude unterdrückte er, seinem Aerger gab er Ausdruck. „Sie geben doch zu. daß in all dem viel Phrase ist." Sie schnellte auf und maß ihn mit ihren klaren Augen. „Danke, Doktor!" Das war ein heißer Ueberguß. Er zog den Nacken ein und sah zur Seite. Er schämte sich. „Ich meine"— stotterte er—„in allem, was wir darüber reden können und was darüber vorgetragen und ge- schrieben wird." Sie lächelte. „Doktor, wenn man eine Bosheit gesagt hat, muß man sie aufrecht erhalten." Er wußte nicht recht, wie nun zufassen, und riß sich in seiner Verlegenheit am Barte. „Bleiben wir bei der Phrase. Phrase ist in allem— in allem, was Theorie ist. Auch in Ihrer Wissenschaft. Wir Künstler haben vielleicht da eher einen Ausgleich, wir setzen rascher ins Leben um. Das Flüssige, das ist das Leben, das ist der Mensch zum Menschen. Und ich hasse alles Starre." „Sie sind mir nicht böse?" fragte er. „Würden Sie das auch einen Mann gefragt haben, Dok» tor? Nicht wahr, bei einer Frau muß man sich gleich auf ihr Schmollen einrichten. Nun, dann will ich Ihnen auch sagen, ich hasse solche Frauen." „Sie hassen sehr!" „Ja, ehrlich ja! Das habe ich in meiner Jugend gelernt, Das ist das Verdienst meiner Pensionen. Nur in meiner Pariser Pension war Liebe. Aber in meiner Berliner. Die Preußen sind ein so rohes Volk, weil sie mit ihrer Kultur- losigkeit in eine Kullurzett hineinragen. Das macht sie so unerträglich. Mir tut jeder Mensch leid, der bei ihnen seine Jugend hat zubringen müssen." „Und bei uns in Süddeutschland?" „Da ist 5hiltur— aber sie wird Ihnen bald aufgezehrt sein. Sie hätten die Porta Westphalica zumauern und sich wenigstens den Rhein bewahren sollen." „Treiben Sie auch Politik?" „Nein! Soweit sie aber das Leben berührt, ja! Ich will doch nicht wie ein Tauber und Blinder an meiner Zeit vorbeigehen. Sie tun das wahrscheinlich. Das ist eben deutsch. Darum sind Kunst und Wissenschaft und Leben auch so getrennte Gebiete in Deutschland. Aber zum Mensch- sein gehört nicht Trennung, sondern Zusammenschluß, weil auch das Leben Zusammenschluß ist, nicht Trennung." Philipp schwieg. Es wirbelte ihm ein wenig. Als echt deutscher Eigenbrödler hatte er sich eine so feste Schlaraffen- Welt zurechtgemacht— in der ward's nun lebendig wie in einem Ameisenhaufen. Ein Zappeln und Krabbeln, ein Hin und Her— wo sollte das hinaus. Der schöne Schlarafsenbau drohte zusammenzufallen: hatte sie recht oder hatte sie nicht recht? Und dann saß ihm noch ein ganz persönlicher Stachel in der Seele. Was sie vorhin von Mann und Frau gesagt hatte. Da war ihm etwas ins Fleisch gegangen. Und etwas war noch unerledigt. Es quälte ihn. Er ließ das andere fallen und kam auf diesen Punkt zurück. „Sie sagten, Sie hassen Frauen, bei denen sich der Mann auf das Schmollen einrichten muß. Sagen Sie und wie denken Sie von den Männern, die sich damuf einrichten?" Ihre Unterscheidungsgaben und Instinkte waren viel zu feine, als daß sie nicht sofort gewittert hätte, wo hier der Grund zu diesem umständlichen Zurückgreifen zu suchen war. Sie ward unsicher und wußte einen Augenblick lang nicht, was sie antworten sollte. „Sind Sie so einer, Doktor?" Aber sie bereute schon die Frage und hätte sie gerne wieder zurückgenommen. Er hatte es jetzt auf einen heiklen Punkt getrieben. „Wir haben doch im Grunde theoretisiert. Doktor?" „Theorettsieren wir nicht mehr?" „Ja, doch— aber—" „Sie meinten vorhin, man muß eine Bosheit aufrecht erhalten, wenn man sie gesagt hat. Nun wollen Sie eine Konsequenz fallen lassen oder ihr ausweichen." Da merkte sie, daß er ohne Hintergedanken war. „Nun denn, weil Sie es absolut wissen wollen, einen solchen Mann verachte ich." Es gab ihm einen Stich. „Bedingungslos?" „Es gibt nichts Bedingungsloses in der Welt. So wert sind wir hoffentlich heutigen Tages. Aber das„alles be- greifen". Doktor, das wird jn neuerer Zeit, habe ich be« oEocfjM, häufig als Umschreibung der Charakterlosigkeit an- gewandt." Da hatte er ein zweites Stück zu kauen gekriegt. Aber iy.nahm sich zusammen. „Je näher wir uns am wirklichen Leben halten, um so vusgedehnter wird unser Verstehen werden, um so unbe- dingter unser Urteil. Das heißt unsere Verurteilungen. Denn wir urteilen ja nicht um zu urteilen, wenn Sie den «Paradoxismus gestatten, sondern um zu verurteilen. Aber davon wollen wir uns frei halten. Das wollen wir von- «inander gewinnen. Dann breitet sich das Leben so schön vor einem aus, dann ist die Bewegung der Menschen drin wie in einem Bilde, alles an seinem Platze und alles zu einer Bedeutung." Melanie blieb stehen und blickte über das Land.„Wie schön ist es hierl Wie weich ist die Lust, und wie weich find die Farbentöne, die sie hervorbringt! Und doch schon Stoppeln. Wie langsam und mählich geht das Steigen— und wie rasch vollzieht sich der Abstieg. Hätte ich nicht ein paar Wochen früher gesund werden können! Dann wären wir zusammen durchs reifende Korn gegangen. Ich kenne nichts Schöneres, als durchs reifende Korn hinzu- schreiten. Es ist ein Dust darin, merkwürdig und wunderbar. Und die ganze Welt tönt darin. Aber man muß lauschen können." Philipp erzählte, wie er oft in seiner Jugend im hohen Gras der Wiesen gelegen habe, nahe am Bach. Da sei man der Welt ganz fern. Und da habe er es auch wunderbar tönen gehört. Oft sei es ihm gewesen, er höre die Wolken oben tönen, wenn sie so sacht und schweigend über den blauen Himmel hinzogen. „Man hat das doch nie im Leben wieder," schloß er. „Schämen Sie sich! So erstarrt wollen Sie sein. Aber ich bitte Sie, Doktor. Nicht wahr, das war doch nicht Ihr Ernst? Das hat man immer wieder, und das hat man sein ganzes Leben lang. Sind Sie traurig?" „Nein, traurig nicht." „Es könnte ein Aber kommen, sagen Sie's nicht. Sagen Sie nur. daß Sie nicht traurig sind. Und daß Sie genießen können, was schön ist in der Welt. Ach, es wäre mir so leid -um Sie, wenn das nicht wäre! Nicht>vahr, Sie können sroh sein und genießen, Doktor?" „Ja— o ja!" Sie streckte ihm die Hand him „Auf Freundeswort— ja!" „Ja!" sagte er und drückte ihr schlankes Händchen, das zwischen seinen Fingern verschwand. „Wenn Sie wiederkomnien, spiele ich Ihnen einmal -richtig und tüchtig Geige vor. Wollen Sie~ und darf ich?" „Ich will schon aber ob es Sie nicht doch zu sehr anstrengt?" „Ich erhole mich dabei." „Nun, dann. Aber nicht zuviel auf einmal. Möchten Sie nicht einmal zu mir kommen?" Er wollte noch etwas wie eine Einladung von seiner Nrau sagen, aber er verbiß es. „Nein," erwiderte sie.„Ich danke Ihnen. Aber es ist lschon mchr, als Sie für andere tun. daß Sie mich zum Spaziergang abholen. Hier, die freie Natur, das ist neu- kraler Boden, da geht der Arzt mit einer Patientin— und es gehört gewissermaßen zur Behandlung. Verstehen Sie Mich?" Er nickte nur. „Ich bin so ermüdet, Doktor. Würden Sie mir nur tür ein kleines Stückchen Ihren Arm reichen?" Er bot ihr den Arm. Und da sie nun Arm in Arm so dahinschritten, ward ihm wohl, aber zugleich auch unruhig. Er mußte mit Gewalt seine Erregung, seine Geniertheit ver- bergen. Sie merkte es wohl und legte es als Ungeschicktheit aus. Denn sie konnte ja nicht ahnen, daß er hier Bedacht auf die kleinen Leute nehmen mußte, die auf dem Felde arbeiteten oder ihnen begegneten. „Darf ich mich ein wenig schwer hängen lassen? Wir sind wohl weiter gegangen als gewöhnlich, weil ich so er- müdet bin?" „Nein, wir hatten nur den kleinen Anstieg, das macht's," erwiderte er. Sie kamen an den Waldrand und hatten nun den Blick ins Tal. darin das Dörflein sich hinzog, dessen Rauch sie schon vorher hatten aufsteigen sehen. Weit hinaus reihten sich nun BergkuppM an Kergkuppen— ein pgar Hänge übersah' man in größeren Flächen. Immer He Krone Sei Waldes. und öfter seinen reichen Kranz, der sich breit und tief um die Berge legte. Da und dort ein rotes Dach, ferne ein Turm aus dem Waldesgrün ragend. Und unten das kleine Dorf, verschwiegen, versteckt und einsam. Verloren vor der Welt. „Sehnt es Sie da hinunter?" fragte Melanie. „Ganz verloren, verträumt und stille sein, warum nicht?" Sie ließen sich auf einer Bank am Wege nieder. „Nur ein Äugenblickchen." bat sie. Dann saß sie zusammengekauert, die Hände im Schöße, lang und lose die Arme hingelegt, und sah hinab. Immer tiefer senkte sich ihr Kopf auf die Brust, und ihr Blick ging nach innen. So brütete sie lange hin. Dann fuhr sie auf einmal auf. „Nein, doch nicht, Dokwr." Sie sah hinauf zu den Höhen. „Meine Wünsche gehen über die Berge, mein Ziel geht in die weite Welt. Gehen Sie da unten hin, Doktor, wenn Sie es müssen. Ich kann das nicht." Er stand auf und schwieg. Es war fern und feierlich zwischen ihnen. Es gab nicht halbe Wege zwischen ihnen, auf denen sie sich begegnen konnten. Das war Höhe und Tiefe— Gegensatz. Und er schwieg und blickte verloren, über die Berge. Weiter und weiter dehnte sich alles vor seinen Blicken. War seine Sehnsucht ihren Gedanken fremd? �Fortsetzung folgt.)) (Nachdruck verdoleg.! Der tote punkt Manöver-Humoreske. Die Schlacht war auf einem jener toten Punkte angelangt wie man sie häufig auch bei anderen festlichen Veranstaltungen be- obachtet. Bei Tanzvergnügungen beispielsweise. Die Musik spielt, einige Paare drehen sich, aber es ist kein Leben, keine Verve darin. Etwas Mechanisches und Gelangweiltes liegt über dem Ganzen. Bis plötzlich wieder alles in Zug und Stimmung kommt. Wodurch weiß kein Mensch. Der tote Punkt ist eben überwunden. Von den Höhen, die drüben aus dem Manövergelände auf- ragten, löste sich in bestimmten Zwischenräumen ein weißes Wölk-� chen ab. Wenn man dann bis fünf zählte, machte es bumml Die feindliche Artillerie. Es kam ihr augenscheinlich weniger darauf an, Tod und Verderben zu speien, als den Betrieb aufrecht zu erhalten. Im Chausscegräben ziemlich weit auseinandergezogcn— lag ein Füsilierbataillon. Es hatte die verantwortliche Aufgabe, die Landstraße zu überwachen, erforderlichenfalls das nahegelegene Torf zu besetzen und das listig verborgene Gros über die Bcwegun- gen des Feindes auf dem Laufenden zu erhalten. Aber der Feind bewegte sich nic&t Die paar Weißen Wölk- chen, hinter denen es bumm machte, wenn man bis fünf gezählt hatte, waren längst gemeldet. Sonst war nichts zu sehen. Schon seit zwei Stunden nicht. Ein an der Armbinde kenntlicher Schieds- richter schuckelte durch das Gelände und richtete seinen Krimstecker hierhin und dorthin. Wahrscheinlich war er ausgezogen, den toten Punkt zu suchen. Da dieser aber selbst mit dem besten Fernglas nicht zu sehen, sondern nur zu fühlen ist, ritt der Herr wieder ab— in der Richtung, wo die höchstkommandierende Exzellenz mit ihrem Stabe eingeschlafen sein mußte. Die Situation hatte etwas Erschlaffendes. Das an den Chaussecgraben grenzende Kleefeld war von den Füsilieren längst auf Armlänge nach glückbringenden Vierblättern abgesucht. Und da es immer noch nichts zu kämpfen gab, kämpften die Mannschaf- ten gegen den Schlaf. Manche vergeblich, andere mit Erfolg. Die Munteren schäkerten mit den Dorfschönen, die des Weges daher- kamen, oder unterhielten sich mit den paar dauerhaften Schlachten- bummlcrn. Wie es Leute gibt, die stundenlang angeln können, ohne was zu fangen, gibt es auch Leute, die dem stundenlang zusehen können. Und das sind die Erstaunlicheren. Nur die Radfahrer machten sich einige Bewegung. Wenn kameradschaftliche Wünsche sich äußerten, fuhren sie ins Dorf, um Flaschenbier, Eier und Leberwurst zu holen; denn Warten macht hungrig— und neben der Liebe ist Essen die beste Zerstreuung für den Soldaten. Die Offiziere hatten nichts dagegen. Einige der jüngeren Herren ließen sich selbst etwas mitbringen. Natürlich nicht gerade unter den Augen des Herrn Majors. Aber der hatte seit langem nur Augen für seine Fingernägel, an denen er eifrig schnitt und feilte. Nur wenn es längere Zeit nicht bumm machte, hob er verträumt den Kopf. Der älteste Häuptling saß in einiger Ent- fcrnung auf einem Steinhaufen— und zwischen jeder Zigarette, die er rauchte, erklärte er das ganze Leben für belämmcrt. Udtet deM Mhll lag die pralle Sonne; in ihrem Glanz tanzten die Mücken und summten Fliegen. Die an den Chaussee- bäumen festgehalfterten Schlachtrosse stampften und schlugen mit den Schweifen. Plötzlich jagten Ordonnanzoffiziere und Adjutanten über das Feld und enteilten in verschiedenen Richtungen. Einer setzte über den Chausseegraben und schrie: .Zur Bahnstation— rechts oder links „Links I" Und schon war er weg. In noch tollerer Fahrt sauste gleich darauf ein Privatauto mit einem Generalstäbler die Chausiee entlang in derselben Rich- tung>-- „Da ist'was los." kalkulierte der Major; da> er sich aber vor Schreck in den Finger geschnitten hatte, beschäftigte er sich zunächst mit Daumenlutschen. Inzwischen hatte ein Radfahrer außer einem halben Pfund Wurst beiläufig die Mitteilung gebracht, daß ein Generalstabsoffi- zier im Schloßhofe in höchster Eile nach einem Auto gefragt habe. Wie das so geht mit solchen Nachrichten, die von Mund zu Mund laufen und einer durch Langeweile aufgestachelten Phan- taste preisgegeben sind: Der nächstliegende Zug schon erzählte sich, daß ein Auto mit Chauffeuren in brauner Livree von Osterfeld her in den Schloß- Hof eingefahren und vom Stabschef empfangen worden sei. Eine Strecke weiter führte das Auw bereits eine gelbe Standarte— und ein Berliner schwur Stein und Bein, vor einiger Zeit und aus geraumer Entfernung die bekannte Dreillanghuppe gehört zu haben-- Als das lawinenartig angeschwollene Gerücht bei dem Feld- webel der Königlichen Zweiten anlangte, meinte er zwar, die Leute, die so'was behaupteten, seien verrückt, aber als er sich dann an seinen Kompagniechef wandte, verwies er doch auf die Möglichkeit, daß Exzellenz mit dem Stabe nach dem Schloß befohlen seien; daraus erklärte sich möglicherweise der tote Punkt .und—•— Der Hauptmann horte nicht mehr. Trotz seiner Korpulenz hüpfte er wie ein Donnerwetter auf seinen Gaul und schoß davon. Er hatte noch nicht drei Worte gesagt, als der Major schon zu Pferd saß. Dem ältesten Häuptling blieb die bekannte Parallele zwischen dem menschlichen Leben und einem Kinderhcmd im Halse stecken. Hastig erklomm er sein Roß. Ein unheimliches Leben entwickelte sich— und nicht nur längs des Chausseegrabens. Von den Höhen drüben stiegen die weißen Wölkchen in rascherer Folge auf— bumm, bumm, bumm, bumml Und aus dem Osterfelder Wäldchen kam feindliches Kleingewehr- feuer. Der Major schrieb in fliegender Hast einen Meldezettel nach dem anderen>— kaum daß er sich zwischendurch Zeit ließ, den Daumen zu lutschen. Die Radfahrer reichten nicht mehr zu; als einer mit Bierpullen behangen daherkam, erhielt er im Hand- umdrehen drei Tage Arrest. Ein kleiner Leutnant, der geschwind noch ein Soolei verdrücken wollte, wurde fürchterlich angehaucht. „Die Herren Hauptleute II" brüllte der Major. Und als diese um ihn versammelt waren, gab er, stotternd vor Aufregung, seine Befehle:„Die erste und zweite Kompagnie besetzen im Laufschritt das Dorf, die dritte hält sich zu meiner Verfügung; die Mann- schaften bleiben zunächst im Graben, sollen sich aber nach Möglich- keit ein bißchen säubern— und sobald das Auto in Sicht kommt, wird Hurra gerufen. Aber ganz spontan! Die Sache darf nichts Vorbereitetes haben." Das Gefecht entwickelte sich immer lebhafter. Die Artillerie schien Verstärkung erhalten zu haben; denn das Gebumms war gar nicht mehr zu zählen. Aus dem Wäldchen schob sich feindliche Infanterie in Schützenlinie vor— und von der anderen Seite war das Gros im Anzug. Wieder peitschte ein Ordonnanzoffizier heran, kehrte aber so- fort um, als der andere von der Bahnstation her im gestreckten Galopp zurückjagte und kirschrot im Gesicht ihm entgcgenschrie: „Schon da II" Diesmal aber lehnte der abgehetzte Gaul den Chausseegraben ab, und der Rcitersmann flog allein hinüber— gerade in dem Moment, als ein Auto dahertutete-- Die Offiziere salutierten, und die Mannschaften brüllten Hurra wie die Berserker. Es war aber nur das Auto von vorhin, mit dem Generalstäbler, der ob der ihm bereiteten Ovationen kein sehr gescheites Gesicht machte. � Auch der Major schaute verdutzt. Dann wandte er sich an den Abgeworfenen, der mit schmerzlich verzogenem Gesicht seine Knochen Zählte. „Sagen Sie mal— was geht denn eigentlich bor?" „Exzellenz haben die Zigarrentasche vergessen." „Die Zi>— zigarren--?" „Jawohl. In dem Mantel, den Exzellenz auf der Station zurückgelassen haben. Leider ist mir das Auto zuvorgekommen." Kopfschüttelnd sog der Major an seinem Daumen. Der älteste Häuptling aber erklärte das menschliche Leben für ein Jammertal und seine Leute für Tapire— weil sie zur Unzeit ge- brüllt hätten. Nach einer kleinen halben Stunde wurde„Das Ganze halt!" geblasen. Schade— der tote Punkt war so hübsch überwunden. A. V. E. (Wafttcui wrJfflflM Das tragen der Kinder. Eine völkerkundlich« Betrachtung von Else Kind. Das Kind ist im ersten bis zweiten Lebensjahr durch seine Er- nährung auf die Mutter angewiesen, und beide begegnen uns daher bei den Völkern als zwei fast unzertrennliche Wesen. Die Frage, auf welche Weise das Mitnehmen des Kindes der Mutter die wenigsten Schwierigkeiten macht und sie vor allem auch nicht irr ihren Arbeitsverrichtungen hindert, wird in vielerlei Form gelöst. Das bei uns übliche Tragen der Kinder auf dem Arm ist durchaus nicht am meisten gebräuchlich. Es verbietet sich sofort bei der arbeitenden Mutter, die sich die möglichst ungehemmte Bewegungs- freibeit der Arme wahren mutz. Daher gibt man bei den meisten Völkern den Säuglingen ihren Platz auf dem Rücken der Mutter. Das ist die zweckmäßigste Art, denn die Rückenmuskulatur, besonders das Kreuz des Menschen, erträgt am leichtesten jede Belastung, wes« halb der Soldat den Tornister, der Wanderbursche sein Felleisen, der Tourist seinen Rucksack auf dem Rücken trägt. Die notwendige Vereinigung von Arbeit und Kinderpflege läßt auch bei einigen europäischen Völkern die Mutter sozusagen zu einem Reittier für ihr Kind werden. Die serbische Bäuerin schleppt ihr Kind in einer Tasche auf dem Rücken mit sich, und in den Strahen Wiens sieht man häufig Frauen der Landbevölkerung, deren Säug» ling in einem vorn aus der Brust geknoteten Tuche auf dem Rücken der Mutter hängt. Wenn die Schwedinnen Norrlands in der kurzen Sommerszeit den weiten, beschwerlichen Gebirgsweg von ihrem ein» samen Gehöft zur nächsten Stadt wandern, nehmen sie ihr Jüngstes in einem Pelz, der das Körperchen bis zum Halse umschließt und vorn durch Schnüre zusammengehalten wird, mittels eines'Riemens oder eines Bandes auf den Rücken. Der Riemen ist am Kopf- und Fußende der Pelzhülle befestigt und wird so über die Schulter der Mutter gehängt, daß sich das Kind in sitzender Stellung befindet. Aehnlich binden die Zigeunerinnen Dalmatiens auf langen Wände- rungen ihr lleiitsies Kind in einem Tuch auf den Rücken, das, über beide Schultern geschlagen und vorne am Halse zugeknöpft, eine sack- artige Vertiefung bildet. Bei einer anderen europäischen Bevölkerung, den Mainoten in Griechenland, trägt die Frau ihr Kiud� in einem Hammelsell auf dem Rücken und hängt eS so an einen Baumast, während sie auf dem Felde arbeitet. In dein rauhen Klima des hohen Nordens bieten die Mütter den Kindern als Schutz gegen Frost und schlimme Witterung, die den der Wärme noch sehr bedürftigen Säuglingen so verderblich ist, teils ihre eigene Körper- temperamr, teils die Pelzhülle, die sie gleichsam als Wohnung des Kindes auf dem Rücken tragen. Die Eskimos stecken ihre Kleinen ganz nackt oder roh in Felle gehüllt in den warmen, kapuzenähnlichen Sack, der wie ein Beutel auf dem Rücken der Mutter hängt. Aber noch einen anderen, nur bei den Eskimos üblichen Platz, der eng mit dem Körper der Mutter zusammenhängt, weist man den Kleinen an: die hohen, großen und weiten Pelz-Winterstiefel, die, um den für den Kinderkörper erforderlichen Platz zu schaffen, mit Fischbeinreifen versehen sind. Forschungsreisende berichteten, daß die Kinderköpfe, die am Oberschenkel der Mütter aus dem Stiefelschast herauslugen, an diesem Ort noch possierlicher aussehen, als wenn sie aus der Pelzkapuze hervorschauen. Die Lappen, die zum Teil in Norwegen, zum Teil auf russischem Gebiet wohnen, betten ihre Kinder in ein hölzernes, mit Leder über» zogenes und sehr warm ausgefülltes Behältnis, das etwa die Form eines großen Holzschuhs hat, wie ihn die Holländer tragen. Ist das Kind diesem Holzkäfig entwachsen, so tragen es die Lappinnen noch jahrelang in einer Hängewicge, die eigentlich nur ein Sitz ist, bei ihrem nomadisierenden Leben mit. sich herum. Die Bnduinenfrauen setzen ihre Kinder bei langen Märschen ge» wohnlich rittlings auf eine Hüfte. Die Beduininnen in Arabien zwischen Aden und Makalla verbinden auf eine geschickte Weise Kinderzucht und Viehzucht, wie A. v. Wrede berichtet. Sie tragen einen Korb, der die Gestalt einer Viertelkugel hat und mit Leder überzogen ist. Beim Tragen ist seine Oeffnung nach dem Körper der Frau zu gekehrt. Da hinein tun sie ihr vollkommen nacktes Kind, und als ebenbürtige Gesellschaft die jüngsten Lämmer und Zickelchen, die noch zun» Latifen zu schwach find, so daß das Ganze eine Art transportablen Stall darstellt. Die asiatischen Nomadenbölker, deren Streifzüge sich durch ein weites Gebiet erstrecken, sind besonders erfinderisch in praktischen Traitsportmitteln für ihre Nachkommenschaft. Die berittenen Bäsch- kieren nehmen die Wiege, in der das Kind befestigt ist, in einem Tragrie»i»en auf die Schulter. Die Karagassen hängen das Kind in der Wiege an den Sattel des Pferdes, auf dem sie reiten. Die in der großen sibirischen Steppe und in der Steppe zwischen Wolga und Ural nomadisierenden Kalmücken fertigen als bequmes Reise- behältnis für ihre Kinder Körbe aus Lindenbast, die auf dem Rücken der Frauen befestigt werden und unten zum Zwecks der leichteren Sauberhaltung eine weite Oeffnung haben. Diese Körbe gleichen geschlossenen Röhren und haben nur an der Seite ein paar Löcher als Fenstcrchen. Beim Aufenthalt in der Kibitke, den zeltartigen Wohnstätten der Kalmücken, bmdet man den Säugling an ein Brett und legt ihn an die Erde, wo er nur durch ein seltenes Schreien an sein Vorhairdensein erinnert. Fängt das Kind bei fort- schreitendem Wachstum zu kriechen an, so bindet man es an einen Strick, der ihm das freie Herumkriechen gestattet, aber seiner Kürze wtgen verhindert, baß es das in der Mitte der Kilutke brennende teuer erreichen kann. Bei einem anderen russischen Waudervolk, den urtincn, werden die Kinder in Säcke gesteckt, die die Mutter vor sich aufs Pferd bindet. Solche Säcke gibt man der jungen Frau bei der Aussteuer als einen Teil ihrer Mitgift mit. Besitzt aber eine Kurtinenfrau solche Kindersäcke nicht, so bindet sie ein Paar ihrer weiten ledernen Hosen unten psammen und tut in diese leicht her« gestellten Säcke ihre Nachkommenschaft. Bon den Tschuktschenfrauen ,n der Bchringstraße erzählt Dr. Pcchuel« Loesche, daß sie, wenn sie sich im ftahn auf dem Meere befinden, ihre kleinen Kinder stets in der herabgelassenen Kapuze tragen. So lugen die kleine»» Köpfe über die eine oder die andere Schulter der Mutter hinweg. Und die Kinder sind im warmen Pelzwerk gegen.Kälte, Spritzwasier und Rasse geschützt. Den verarmten und verdrängten Ureinwohnern Japan?, den Linns, schaut fast innner ein Bübchen oder Mädchen über die Schulter, das auf ihrem Rücken hockt. Dasselbe gilt von den Japanerinnen, die oft nicht nur eins, sondern zwei»»nd drei ihrer mit rührender Liebe gehegten Kleinen im eigenen Gewände auf dem Rücken trage». Sehr häufig sieht man in Japan auch die Väter mit ihren Kleinen. die sie splitternackt auf dem Anne halten, dabei mit ihnen scherzen und sie sorgsam behüten. In China setzt man daS Kind auf den Rücken in ein viereckiges Stück Zeug, das an seinen Ecken mit Bändern versehen ist. Mittels dieser Bänder, die über Hüften und Schultern geführt werden, befestigt sich die Chinesin das Kind auf dem Rücken. Wenn die Fischhandel treibenden Chinesinnen ihre Flußboote, die SanipanS, stehend rudern, so gerät da? auf den Rücken gebundene Kind durch die»nächtigen Armbewegungen der Mutter ins Schankeln, so daß sich die Kinder»nit ihren Aermchen ängstlich an die Mutter anklammern. DaS Hocken der Kinder auf dem Rücken in einen» umgeschlagenen Tuch, in einem Mantel, im weiten Gewände der Mutter oder sonst einem dazu hergerichteten Behältnis ist auf den» afrikanischen Kontinent mit wenigen Ausnahmen vorherrschend. Ein wie hohes Alter dieser Brauch beansprucht, erhellt daraus, daß oltägyptische Wandgemälde Frauen aus dem Volke darstellen, die ihre Kinder rittlings in einem umgeschUingcnen Tuche trage». Dieselben Ge- mälde zeigen andere Frauen, auf deren Schultern ihr Jrtnd reitend fitzt. Diese letzte Art hat sich bis heute bei den Fellahweibern Aegyptens erhalten und findet sich noch an anderen Orten, z. B. in den BogoSländern in Afrika, in einigen Landstrecken von Australien und bei den südamerikanischen Indianern vom Stamine der GivareS. Hierbei handelt es sich natürlich schon un, Kinder, die neun bis zwölf Monate und darüber alt sind, denn sie müsien aufrecht sitzen und sich an dem Kopfe ihrer Trägerin ziemlich geschickt festhalten können. Das Hocken der kleinen Kinder auf dem Rücken der Mutter findet mmi ganz allgemein bei den Kongonegcrn in Westafrika, bei den Kaffern, den Hottentotten, den Basutos, den Masiai, auch bei den Hereros und den Wasaramo. Eine Verschiedenheit besteht nur in derHülle, in der man daS Kind auf den» Rücken der Mutter befestigt. Die Kaff'ernfcauen haben zu dem Zwecke einen ebenso praktischen wie hübschen Behälter. Er besteht aus Antilopenhaut, deren Haarseite nach innen gekehrt ist. Der Behälter mißt gut eine Elle in der Länge, und sein Umfang bietet bequem Raum zur Ausnahme des KindeS. Zur Befestigung auf deni Rücken der Mutter find vier lange Lederstreifen angebracht,»ind das Ganze macht durch sorgsame Arbeit und hübsche Glaspcrlenverzierung auf der Vorderseite eineti sehr netten Eindruck. Vom Tage seiner Geblirt an wird den, Kinde dieser Platz angewiesen, den es weder bei der Arbeit noch bei Spiel und Tanz seiner Mutter verläßt. Nur des Nachts legt die Mutter ihre kleine Bürde ab. Sie bereitet dann dem Kinde ein Lager in der halbwarmcn Asche des Hültcnfcuers,»m cS gegen die kühle Rachttemperatnr zu schützen. Aus ähnlichem Grunde legen die Anstralnegerinnen ihre Kleinen nachts in warm»ind weich anS« gepolsterte Erdlöcher. Es ist auffallend, wie sich die Kleinen an die mannigfache, für ihre eigene Körperhaltung oft wenig bequeme Tragweise gewöhnen, so daß sie auch in der einmal gewohnten Lage in sanften Schlummer verfalle», ohne durch Rütteln und Schütteln gestört zu iverden. Soyaux schreibt in seinem Buche über Westasrika:„Eben sah ich ein Regerioeib, ihr Kind in ein großes Stück Zeug gebunden rittlings auf der Hüfte tragend, emsig bei der Arbeit. Sie lockert mit der kleinen Hticke den Boden, jätet das wuchernde Unkraut, pflückt die langen Bohnenschoten und bricht die Stengel der reifenden Mais« kolben ein. Ohne aufzusehen, arbeitet sie unermüdlich, nur bisweilen sich den Schweiß von dem branuen Antlitz wischend, während daS Kind auf dem Rücken, obgleich sein schon dichtbehaartes Köpfchen bei jeder Bewegung der Mutter hin- und herwackelt, sich nicht im süßen Schlummer stören läßt." Diese Schilderung trifft auch für die Eingeborenenftauen ander Loaitgo-, an der Gold-»»nd an der Psefferknste zu. die ihre kleinen Kinder in rockartig un, die Hüsten geschlungenen Tüchern aus dem Rücken, manchmal auch auf einer Hüfte tragen. Erwähnt sei noch da? originelle Gerät der Kitsch der Eingeborenen um Adäel im äquatorialen Afrika, westlich vom weihen Nil. Es ist eine kahnsörmig geschnittene Haut, deren Zipfel vor der Kehle znsanimengebunden werden. Ferner nehmen die Frauen eine Art Pilgerkragen von Leder über die Achsel, der die Kleinen im Ledcrkahne vor Regen oder den sengenden Sonnenstrahlen schützen soll._ Die Indianerinnen Amerikas tragen ihre Kleinen so. daß das Kind mit dem Rücken auf ihrem Rücken liegt. Sie befestigen es mitunter in einem Beutel oder Sack, meistens aber wird das Kind mit einer weich ausgelegten Umhüllung fest umschnürt. Diese Hüllen find über dem Kopf mit einer Art Wetterdach versehen. Manche Jndianerstännne binden die Kinder auf ein Brett. Dieses Brett ist auch des Nacht? in den Zelten die unveränderte Lagerstätte des Kindes und dient bei den Flachkopfindianern noch zur Zilsammenquetschung des Schädels, der ihrer Sitte gemäß in abweichende Formen gebracht wird, so lange die kindlichen Knochen weich und nachgiebig sind. Zum Schluß sei noch die Sitte der Botoludinnen erwähnt, die ihre Kinder mittels einer Stirnbinde auf einem geflochtenen Sattel tragen, an besten Seiten die Binde befestigt ist. Aehnlich wie die Botokudin die Racken- und Rückenmuskulatur bei ihrer Trag- weise verwendet, gebrauchen die Bewohnerinnen des Sabiner« gebirges vorwiegend diese Muskelpartien, wenn sie ihre Kleinen in muldenartig geflochtenen Körben auf den Kopf nehmen und so, ihre eigenartige Kopfbedeckung sicher balancierend, hochaufgerichtet ihres Weges schreiten. kleines femUetou. Medizinisches. Krankheiten der Zunge find nicht so häufig wie die Krankheiten der anderen Organe. Freilich wird die Zunge bei allen rnöglichen Erkrankungen in Mitleidenschaft gezogen, weshalb sich der Arzt auch heute noch von jedem Patienten gewöhn- lich die Zunge zeigen läßt; ihre Veränderungen erstrecken sich aber meist nur auf einen mehr oder weniger starken Belag, der zwar die Geschmacksempfindungen wesentlich abschwächen kann, sonst aber an sich keine weiteren Unannehmlichkeiten mit sich bringt. Dennoch läßt sich eine ziemlich große Zahl eigentlicher Krankheiten der Zunge nennen, die nur eben nicht gerade häufig sind. Dr. Legendre hat in der„Medecine moderne" eine vollständige Zu- sammenstellung der Zungcnkrankheiten gegeben. An erster Stelle nennt er die Flecken a>»f der Zungenschleimhaut, die eine weißlichck Farbe besitzen und als Soor oder als rahmartige Zungen« entzündung bezeichnet werden. An dem Zustandekommen ist ein Schimmel der Gattung Oidium wesentlich beteiligt. Der Soor tritt besonders bei Kindern, ferner bei Greisen und außerdem auch als Begleiterscheinmlg fieberhafter Krankheiten auf und erscheint überhaupt im Leidensrcgister der Zunge noch am häufigsten. Die Bekämpfung ist leicht.— Biel seltener und merkwürdiger ist die 5ttank!)eit, die auch in der Wissenschaft den Namen„schwarze Zunge" trägt. Auch sie ist auf einen Pilz zurückzuführen, der seinerseits zu der Gattung Saccharomyces gehört. Die Zungen- Wärzchen werden dabei hart und vereinen sich init den Pilzfäden zu einem filzigen llcberzug von dunkler Farbe. So lästig und entstellend diese Erkrankung ist, so kann auch sie leicht gehoben werden.— Eine andere Form der Zungenentzündung hat die bezeichnende Benennung der„Landkartenzunge" erhalten, weil sich dabei Flecken mit eigentümlichen landkartenähnlichen Umrissen auf der Zungcnfläche bemerkbar inachen. Die eigentliche Entstehung dieses Uebels ist noch nicht sicher ermittelt. Wahrscheinlich hängt sie mit Verdauungsstörungen zusammen und ist als keine eigene Krankheit zu betrachten.— Ein weiteres Znngenleiden, für das der Mensch in höherem Grade verantwortlich ist als für andere, wird durch den Tabakgenuß verschuldet. Wer viel raucht und außerdem gewohnheitsmäßig die Zunge mit der Zigarre oder Zigarette oder mit dem Mundstück einer Pfeife in Derührirng bringt, muß mit der Gefahr rechnen, daß seine Zunge diese Ruch sichtslofigkeit in unangenehmer Weise beantwortet. Es bilden sich an der betreffenden Stelle, meistens an der Zungen spitze, bläu- liche wunde Flecken. Wer etwa die unsinnige Geioohnheit hat. eine Tabakspfeife weiter in den Mund zu stecken, so daß ihr Ende unter die Zunge oder an die Backen gelangt, darf sich nicht wun- dern, wenn auch an diesen Stellen ähnliche Erscheinungen auf- treten-, sie wären ai» sich nicht bedenklich, wenn sie nicht das Ein- gangstor für krebfige Erkrankungen bilden könnten. Eine schlimme Form, die aber nicht iminer init dem Rauchen in Verbindung steht, ist die sogenannte Leukoplafie, die eine sehr sorgfältige Be- Handlung verlangt und auch im besten Falle dem davon Betroffenen schwere und auch meist langwierige Unannehmlichteiten durch Sch, nerzen und durch Erschwerung der Nahrungsaufnahme be- reitet. Zu diesen Erkrankungen kommt noch die große Zahl anderer, die durch die Nerven vermittelt werden und in der Bildung von Geschwüren zum Ausdruck kommen, ferner die mit Tuberkulose, Syphilis oder 5trebs in Beziebung stehenden und end- lich die gewöhnlichen Folgen zufälliger Mißhandlungen der Zunge durch heiße Getränke, durch giftige Flüssigkeiten, durch zu scharfe Gewürze usw. Sfcrgntw. Redakteur� Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwarri Buchsructere» u.PertagsanjlaltAaut Singer S»Eo..>vertm t-Ai.