Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 179. Mittwoch, den 14. September. 1910 lRaqdrua Verbote».? i9] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. In seinem Bureau fiel die Beherrschung von ihm. Die klare Erkenntnis trübte sich. Die Ereignisse woben und schoben sich ineinander. Alles, was vorgefallen war, bekam einen anderen Sinn, eine andere Bedeutung. In der Be- leuchtung der Liebe sah alles ganz anders aus. Da wuchs auf einmal Schuld vor ihm empor und fiel über ihn her. Er ward verwirrt: er versuchte, klar auseinander zu halten. Aber er traute sich selbst nicht mehr. War er schwach? War er feige? Er hatte nur Gründe gegenn sich. Oder was spricht für ihn. Er suchte und fand und kam der Wirklichkeit näher. Aber da schob sich wieder etwas dazwischen: ob das nicht Sophisterei sei, was er jetzt treibe? Ob er sich nicht selbst etwas vormache? Nur das eine fühlte er deutlich: er kam sich furchtbar beschmutzt vor. Es war so schonungslos, so gemÄn, so er- bärmlich gemein geschehen. Und die eigene Frau. Freilich, wenn es wahr wäre, was man ihr geschrieben, so müßte sie ja unendlich gekränkt sein. Aus ihrem Gekränktsein war es ja wohl verständlich, wie sie sich gegen ihn benommen hatte, wie sie nichts in ihm geschont hatte, wie sie das Schönste und Heiligste in ihm verachtet und bespieen hatte. Ob er nicht zu ihr gehen sollte, ihr alles erklären und so gut und schön darstellen, wie sich alles zugetragen, so schuldlos und harmlos, wie es war, damit sie selbst es so rein und schön ansehen könnte und ansehen müßte? Er sah etwas Edles darin, das zu tun. Aber dann spürte er, wie weit es bis dahin war, wie unmöglich, durch was für einen Schlamm er waten müßte, um zu ihr zu gelangen. Es war ihm un- möglich. Und es wäre auch nutzlos. Es war kein Vertrauen zwischen ihnen, keine Achtung— sie waren einander fremd, sie gehörten nicht zueinander. Sie lebten in einer leeren Konvention zusammen, sie waren einander nicht Besitz. Das war verächtlich und unsittlich, feige und heuchlerisch. Er schlug mit der Hand durch die Luft, wie man einen Mückenschwarm verjagt. Es war etwas durchschnitten, das sie zusammengehalten hatte. Denn es war doch ein Band zwischen ihnen gewesen — ein Gutsein zueinander, ein Gewöhntsein aneinander, und darin war in bunten Farben und zierlichen Formen das Er- leben einer Jugend, die Entzückungen und Begeisterungen und Einbildungen des Jungseins gewirkt, und es war so lieb und schön, und es hatte Liebes und Schönes.— Es war selbstverständlicher, verpflichtender geworden mit der Zeit, aber es war doch, das erkannte er jetzt, das einzige gewesen, was sie zusammenhielt. Und wenn es auch seinen Wert und seine Bedeutung behielt, stark genug war es jetzt doch nicht. Zer- schnitten, erhielten zwei Menschen ihre Einzelgeltung zurück, die Geltung, die sie füreinander haben konnten, war in nichts anderem begründet. Eine unsägliche Verachtung erfüllte Philipp. Sie ver- letzte ihn aufs tiefste. Er war so bloßgestellt, so besudelt, er war so erniedrigt und weit weggestoßen. Nein, er konnte nicht zurückfinden. Je mehr er nachdachte, je mehr abseits drängte es ihn, je weiter rückte er ab und verachtete er. Nun fiel ihm ein, daß er bis jetzt nur an sich gedacht hatte. Hatte er nicht auch einen zweiten, vielleicht schwächeren Menschen zu verteidigen? Aber da war's nun sonderbar in ihm— an diesen Menschen rührten die Leute nicht heran. Und dieser Mensch war weit stärker als er. Mußte er sich nicht auch hier schämen? Ein schmerzliches Gefühl der Scham überfiel ihn. Nichts furchtbarer, als sich vor sich selbst schämen zu müssen. Und nun noch das Bewußtsein mit sich herumzuschleppen, einen Menschen der Gemeinheit der Menschen ausgeliefert zu haben. Er hatte das Bedürfnis, mit jemand darüber reden zu können. Mit wem aber? Weil? Weik, dem Kranken? Ja, fühlte er ihn denn so sehr als den Kranken? Hatte er nicht ganz anders mit ihm verkehrt? Ja, Weik war der einzige. Ob er das aber verstehen würde? Ob er durch seinen Auf- enthalt im Sanatorium schon genügend Kleinstadtmensch dazu geworden war? Er würde morgen Weik zu sich heraufbitten und ihm offen die Vorkommnisse und sein Fühlen mit« teilen. Der Portier kam und brachte die Post. Philipp faßte sich und zwang sich, sie durchzusehen. ES waren meist Anfragen von Familienangehörigen, die sich nach ihren Kranken erkundigten. Er legte sie beiseite. Nun war da noch ein Brief von Professor Winter. Er hatte alles durch, gesetzt bei der Regierung— es galt, einen ersten Assistenten zu finden. Und er fragte an, ob Philipp nun bereit sei? Er hoffe bestimmt, daß er zusage. Dann werde er sofort beim Ministerium die Berufung durchsetzen. Philipp besann sich nicht lange. Er setzte sich hin und antwortete und schrieb ab. Nie im Leben in diese Stadt zurück. Lieber neben der Mutter stehen am Ziegeltisch und Ziegel abtragen. Es gab kein Zaudern und Ueberlegen. Und wenn er eine Chance damit vernichtete, einerlei. Er schrieb den Brief fertig und verschloß ihn. Der Portier kam wieder. Der Herr Direktor bittet den Herrn Doktor auf einen Augenblick zu sich. Philipp übergab dem Portier seine Antwort an Professor Winter zur Besorgung. Dann ging er nach dem Bureau des Direktors. Der Direktor empfing ihn durchaus höflich, so daß Philipp schon stutzig wurde. Er nahm sich zusammen und zwang sich zur Ruhe. Was auch käme, er wollte allem mit Ruhe begegnen. „Herr Kollege," sagte der Direktor,„wir wollen gleich zur Sache kommen. Da ist eine dumme Sache eingegangen. Lesen Sie selbst, das enthebt mich aller Erklärungen, die mir begreiflicherweise nicht angenehm sind. Lesen Sie, bitte." Philipp las. Es war ein ähnlicher Brief, wie seine Frau einen erhalten hatte, voller Beleidigungen und Herab- setzungen, ein Haufen Unrat, wie ihn nur die gute Gesellschaft einer Kleinstadt zusammenkehren kann. Philipps Hand, die den Brief hielt, zitterte nicht einmal. Er beherrschte sich völlig. Als er geendet hatte, gab er den Brief schweigend zurück. „Eine gemein« Sache," sagt« der Direktor nach einer Weile. „Eine gemeine Sache," wiederholte Philipp. Dann blieb's wieder eine Weile still zwischen den beiden Männern. „Das sine," begann der Direktor,„kann man wohl, ohne Ihnen zu nahe zu treten, Herr Kollege, daraus ersehen—■ und mag es als den Anlaß zu dieser Unflätigkeit ansehen-7- Sie haben sich in einem besonderen Maße— vielleicht ein wenig mehr als angängig, Herr Kollege,— für Ihre Patientin. die ja allerdings eine interessante ist,— interessiert. Ich begreife das— Sie verstehen, als Mensch begreife ich das sehr wohl— sehr wohl— aber als Direktor des Sanatoriums konnte ich die Sache doch nicht stillschweigend übergehen. Es ist ja natürlich— Sie haben hier einen ungewöhnlichen Er- folg. Nicht nur die Operation— die Heilung der Lunge ist Ihnen zu danken,— und die Nerven von Fräulein Güßfeld nun ja— ich habe ja nicht Elogen zu machen, es ist ja unsere Pflicht. Dafür sind wir eben Aerzte— aber Erfolg darf uns doch freuen." Philipp rührte sich nicht. Er hätte ruhig den Direktor noch tausend VerlegenhSitsphrasen können machen lassen, so eine stoische Ruhe hatte er nun. Aber der Direktor ward es selbst müde. „Ich glaube es ist nicht unbillig, Herr Kollege, wenn ich Sie bitte, die weitere Behandlung von Fräulein Güßfeld Herrn Kollegen Pratz weiterführen zu lassen, zumal ihm die Kranke ja eigentlich als Abteilungsarzt zukommt. Sie ver- stehen mich recht, Herr Kollege, es ist in Ihrem eigenen Jnter- esse, ohne Mißtrauen gegen Sie, es ist, um allen Weiterungen vorzubeugen und allen Klatsch abzuschneiden." Philipp fühlte, daß nun schon in allein eine kleine Un- ehrlichkeit war. Er fühlte, daß durch die Liebe, die er sich selbst eingestanden, in dem unflätigen Briefe eine Richtigkeit, in dem Wohlwollen und der Anschauungsweise des Direktors aber gerade dadurch eine Unrichtigkeit war. Seine Welt« Iftetfaftrenfjett und Ehrlichkeit drängten zu einer Korrektur durch ein offenes und freies Geständnis. Da fiel ihm noch tm rechten Augenblick Melanie ein, die von all den Vor- kommnissen keine Ahnung hatte. Er hatte sich ja in keiner Weise mit ihr ausgesprochen, und es käme einer Bloßstellung gleich, wollte er jetzt sein Herz jemand eröffnen. Und es könnte sogar den Anschein gewinnen, als wollte er eine Schuld von sich abwälzen dadurch. Denn wie die Welt ist, sie jlädt immer eher der Frau Schuld auf als dem Manne. Und Schuld war doch nun einmal konstruiert. Wenn dieser verteufelte Begriff einmal konstruiert ist, muß ihn jemand tragen. Nun aber hatte er sie allein zu tragen, sie durfte nicht einmal geteilt werden. Melanie war gänzlich unschuldig. Das ging ihm klar durch den Sinn, und er verharrte in seinem Schloeigen. „Möchten Sie sich nicht erklären, Herr Kollege?" Nun wußte er, was er zu sagen hatte. »Ja, gerne, Herr Direktor. Einmal: Sie werden heute meinen Krankenbericht noch erhalten und aus ihm ersehen, daß Fräulein Güßfeld geheilt ist und entlassen werden kann. Einen Winter im Süden können wir ihr anraten, aber wenn sie vorsichtig mit sich selbst ist, so wird es auch ohne das gehen. Dann: gestatten Sie mir, daß ich von meinem Rechte der Kündigung Gebrauch mache, Herr Dirktor. Ich werde Ihre Anstalt verlassen. Zunächst bitte ich Sie um drei Tage Urlaub." Der Direktor war wie aus den Wolken gefallen. „Kollegel" rief er aus—„aber bester Herr Kollegel Dazu liegt doch kein Grund vor! Die drei Tage Urlaub, sofort! Sechs Tage, wenn Sie wollen. Ja, nehmen Sie eine Woche. Aber Kündigung! Ich bitte Sie. Ich dächte, ich habe Sie in keiner Weise beleidigt, und ich habe Ihnen in keiner Weise einen Grund gegeben. Ich versichere Sie meiner besonderen Wertschätzung und gebe Ihnen ausdrücklich die Versicherung, daß ich auf die ganze Sache gar keinen Wert lege!" Philipp verneigte sich:„Danke! Aber vielleicht sollten Sie es doch tun, Herr Direktor. Zum mindesten ist es unvorsichtig von Ihnen, wenn Sie es nicht tun. Gestatten Sie mir, daß ich bei meiner Kündigung bleibe. Ich muß darauf bestehen. Suchen Sie die Griinde lediglich in mir, uicht in Ihnen, nicht in der Sache, wie sie Ihnen vorliegt." „Herr Kollege, gestatten Sie einem älteren Manne, daß er Ihnen, dem jüngeren, einen guten Rat gibt. Ueberlegen Sie das noch einmal. Beschlafen Sie es noch einmal. Dann schreiben Sie mir Ihren Entschluß. Nicht der Form halber, sondern nur deshalb, weil das Geschriebene ein anderes Ge- wicht hat als das Gedachte oder Gesagte." Philipp verabschiedete sich. Als er nach seinem Bureau hinaufstieg, das wie seine Wohnung, aber von ihr getrennt, im ersten Stockwerke lag, wurde ihm klar, daß er nun aber nicht mehr sich, sondern gerade die Dame zu vertreten und zu verteidigen hatte, die durch ihn herabgezerrt wurde. Jinmer mehr löste sich die ganze Sache von seiner Person, und er wendete sich in seinen Ge- danken und Gefühlen mehr den Frauen zu, die in Mitleiden- schaft gezogen waren. Ob er nicht doch noch einmal mit seiner Frau in ruhiger Weise reden sollte? Ob es nicht am Ende doch noch möglich wäre, sie zu einer vernünftigen Stellungnahme und vornehmen Behandlung der Sache und seiner selbst zu bestimmen? Wenn sie ihn nur schonen wollte und ihn nur einigermaßen mit Verständnis und Güte be- handeln, er wollte ihr ja gerne alles versprechen und sich nur noch fester an sie gebunden fühlen. Seine Liebe, die ihm in die Seele gekommen war, wie der Frühling in die Dornen kommt, sie sollte ja dann die Brücke zu ihr sein und sollte ein neues Band zwischen ihnen weben. Mit Melanie würde er sprechen, sie würde gewiß eine große Auffassung haben. Darin fürchtete er nichts. Er würde ihr weh tun müssen. Aber auch das würde sie ertragen können. Freilich, die niedrige Gesinnung, die hier die herrschende war, die Unsauberkeit und Gemeinheit, für die er ihr gegenüber eine gewisse Ver- antwortung fühlte, wie sie das aufnehmen würde, ob sie ihn dafür nicht verachten würde? Aber wenn auch, er mußte ehrlich und offen sein, und er mußte auch das ertragen. Die Türe seiner Wohnung fand er verschlossen. Er klingelte und wartete. Aber, der Nachtriegel wurde nicht ge- rückt. Auch das Dienstmädchen kam nicht, um nachzusehen. Er ging in sein Bureau zurück und schrieb an Weik, in der folgenden Frühe heraufzukommen. Dann warf er sich auf die Chaiselongue und grübelte hin zmd her, ohne eine richtige und, wie ihm schien, berechtigte Lösung finden zu können. Was hatte feine Frau wohl voi:? Was sollte Melanie tun? Was sollte er selbst beginnen? Dabei wurde ihm immer klarer, wie tief ihm die Liebe im Herzen saß, und wie notwendig ihm dieser Mensch war, der ihm nicht notwendig sein durfte, dem er fremd bleiben mußte und dem er fern stehen mußte. Das sprach tiefer und lauter und weher in ihm, je tiefer der Tag sank. Ter Abend brachte Regen. Er lauschte auf die trostlose, eintönige Melodie, mit der er an die Scheiben schlug. Gefühle und Erwägungen halfen nichts— er mußte einen Entscheid treffen. Er mußte etwas tun, einen klaren, festen Schritt. Ein Entscheid und ein Schritt— war es nicht hinauszuschieben, zu umgehen? Er fürchtete sich so davor. Vielleicht wüßte Weik einen Rat. So verbrachte er in Qualen die Nacht in seinem Buregst. (Fortsetzung folgt.)] Sin Vorpoftengefccbt, Ein heißer Sommertag. Anfang August. An der Böschung einer Chaussee, die fast parallel der Grenze führte, lag eine Abteilung des dritten Fliegerbataillons und spähte anfmerksam nach Westen. Schon seit fünf Stunden hatte der Jngenieurleutnant mit einem Unteroffizier und zwei Mann, welche die Besatzung eines armierten GleitfliegerS bildeten, in der drückenden Hitze ausgehalten. Miß- mutig gab er den beiden Soldaten die Erlaubnis, sich in den Schatten des Waldes, der sich auf der anderen Seite des Weges hinzog, zu lagern und das knappe Mittagbrot zu bereiten. Dem Unteroffizier nochmals größte Aufmerksamkeit einschärfend, stieg er von der Böschung hinunter und inspizierte nun schon zum dritten Male seinen Flieger, der zum Fluge fertig auf dem gut geebneten Wege stand. Die jungen Obstbäumchen, die die Straße zu beiden Seiteit einfaßten, wohl vierzig an der Zahl, hatten ihr Leben lasten müssen, damit eine freie Strecke von etwa 150 Schritten entstand, auf der der Aeroplan beim Vorwärtsschnellen nicht gehindert wurde. Sorgsam prüfte der Ingenieur nochmals seine Maschine, einen großen Eindecker, der wohl eine Spannweite von 16 Meter hatte, während seine Länge bis zum Schwanzsteuer 14 Meter betrug. Die ganze Maschine war in einer hellgrauen Farbe, mit einem schwachen Schimmer ins Grüne, gestrichen und glich einem riesigen Vogel. Der Apparat bot vier Leuten einen verhältnismäßig bequemen Sitz. Hinter dem an der Spitze befindlichen IlXZpferdigen Motor, an dessen Welle eine Schraube von 3 Meter Durchmesser saß, war der Sitz des führenden Ingenieurs. Hier mündeten die feinen Stahlseile. welche die Steuer bewegten, in handliche Griffe aus, so gut und übersichtlich angebracht, daß man mit einer Hand die ganze Ma» schine bedienen konnte. Ein Barometer und eine kleine Uhr waren vorn vor dem Sitz an dem Rahmenwerk aufgehängt, während rechts vom Führer ein photographischer Apparat Platz gefunden hatte. Bei dem dritten Sitz waren diese Handgriffe und Instrumente zum zweiten Male montiert, damit die Maschine auch von hier aus gelenkt werden konnte. Hier hatte der Unteroffizier seinen Platz. Neben den beiden Soldaten, denen der zweite und vierte Sitz gehörte, lagen seitlich in ledernen Schlingen zwei lange Gewehre von großem Kaliber. Ihre ge» räumigen Magazine faßten je zehn Patronen aus dünnem Aluminium, weitere Munition hing in ledernen Taschen auf der anderen Seite der Sitze. Die Gewehre schleuderten etwa 4 Zentimeter lange kleine Sprenggeschosse auf bOV Meter mit rasanter Flugbahn. Der ganze Bau des Monoplans war mit großer Akkuratesse ausgeführt und machte den Eindruck eines technischen Meisterwerkes. Langsam umschritt der Führer seine Maschine, hier und da ein- mal rüttelnd und schließlich den Motor an dem einen Schrauben- flügel drehend. Die Maschine sprang sofort an, und die langsam rotierenden Schraubenflügel verursachten einen wohligen Lustzug. Der Ingenieur brachte den Motor wieder zum Stehen und kroch die Böschung hinauf, schickte den Unteroffizier zu den beiden Leuten in den Wald, wünschte ihm eine gesegnete Mahlzeit und kramte sich dann selbst- ein halbvertrocknetes Butterbrot aus der umgehängten Tasche. Mehr aus Langeweile als aus Hunger biß er hinein. Warum mußte man sich nun stundenlang in der Sonnenhitze braten lassen- In der grellen Beleuchtung würde der Feind doch auf keinen Fall eine gewagte Rekognoszierungsfahrt im Lustschiff unter- nehmen. Dazu eignete sich ein trüber Tag besser, da konnte man wenigstens in den Wolken verschwinden. Inzwischen war der Unteroffizier auch wieder auf seinem Be- obachtungsposten angelangt und suchte mit seinem Feldstecher den Horizont ab. Und kaum'hatte er sein Glas am Auge, als er auch schon zu dem Führer hinüberrief:„Er kommt! Herr Ingenieur- leutnant, er kommt I Dort zwischen dem Kirchturm und der kleinen weißen Wolke kommt er heran 1" Der Ingenieur nahm das Glas und sah nun deutlich, wie ein große? Luftschiff in langsamer Fahrt seinen langen weißgelben Leib vorschob.„Wie weit ist er wohl noch?" fragte der Unteroffizier.—„Ich denke sechs bis acht Kilo- meter; in zehn Minuten passiert er die Grenze. Beide sprangen auf, die Soldaten kamen auf einen Pfiff heran, den Rest ihrer Mahlzeit einwickelnd.»Futtert mal ruhig zu Ende, Leute! mit 'nem leeren Magen kriegt Ihr die Seekrankheit 1" Der Ingenieur gab sich Mühe, seiner Mannschaft Mut zu machen, denn es war das erste Mal, dah aus dem allerdings oft geübten Manöver jetzt Ernst werden sollte. Jedem der Leute gönnte er noch ein freundliches Wort, dann ertönte das Kommando:.Einsteigen!" Flink kletterten sie hinein: jeder in seinen Sitz. Die Mannschaft sah in ihrer hellen, der Farbe des Fliegers angepaßten Uniform wie mit der Maschine verwachsen aus. Die Schützen nahmen die Gewehre aus den Schlingen, legten die geladene und gesicherte Waffe quer vor sich über den Rahmen. Der noch warme Motor sprang bei einer Verschiebung der Zündung von selbst an, und langsam, fast geräuschlos drehte sich die Schraube. Mit knappen Worten entwickelte der Führer seinen Leuten den Angriffsplan:»Wir fahren ab, sobald das feindliche Schiff unsere Grenze passiert, und suchen es von hinten zu fassen, dainit die Rllckzugslinie abgeschnitten wird. Geschossen wird auf mein Kommando. Zielt vorerst auf die Gondel. Und nun ruhig bleiben und nicht zur Erde sehen I* Lautlos saßen die vier. Von dem Luftschiff war noch nichts zu sehen, da die hohe Böschung den Aus- blick veiwehrte. Tiefe Ruhe, kaum das Zirpen der Insekten war vernehmbar; nur das leise Weben des Waldes säuselte sanft herüber. Jetzt schob sich die Spitze des Schiffes über die Böschung. Nach einigen Sekunden zeigte sich der feindliche Kreuzer in seiner ganzen Länge. Deutlich hörte man nun auch das Surren seiner Schrauben. In 1200 Meter Höhe kam das 80 Meter lange Schiff in schneller Fahrt näher, und jetzt schwebte es über der Chaussee.„Achtung I" erscholl das Kommando. Die Mannschaft hielt sich fest, der Führer faßte den Zündungskabel und mit scharfem Sausen drehte sich die Schraube, eine Staubwolke aufwirbelnd. Eine zweite Drehung, zugleich die Bremse lösend, und wie mit einem Sprunge stürzte der Flieger vor- wärts und jagte mit knatterndem Getöse gegen öl) Meter voran. Nun ein Ruck am Höhensteuer und frei erhob sich der Eindecker in die Lüfte. Erde und Wald verschwanden, das Knattern und Sausen verstummte fast, sobald man 100 Meter über dem Erdboden war. Zuerst entfernte sich die Fahrt von dem Ballon. Etlva 1000 Meter weit in schiefer Ebene immer höher. Jetzt eine Schwenkung und man bekam den Kreuzer zu Gesicht. Der Flieger war jetzt 400 Meter hoch und jagte, immer noch steigend, hinter dem Luft- schiff her. Anscheinend hatte man dort den gefährlichen Angreifer noch nicht bemerkt, denn der Kreuzer setzte seinen Weg unbeirrt fort. Der Führer des Aeroplans war jetzt gezwungen, eine Schleife zu beschreiben, weil er sonst durch die größere Ge- schwindigkeit seines Fahrzeuges den Ballon eingeholt hätte, aber unter den Kreuzer gekommen wäre: eine Position, die für den Flieger sehr gefährlich werden konnte. Gehorsam folgte der Aeroplan dem Steuer und wand sich, eine große Spirale beschreibend, immer höher in die Luft. Als seine Spitze dem feindlichen Luftschiff wieder zugekehrt war, konnte man bemerken, daß nur noch einige Hundert Meter Höhenunterschied zu bewältigen waren. Der Führer beschloß nun, mit aller Kraft in einem Steigungswinkel hinter dem Kreuzer herzujagen. Der Abstand betrug etwa löOl) Meter. Da nun das feindliche Schiff höchstens 60 Kilometer die Stunde fahren konnte, der Aeroplan aber über neunzig leistete, so mußte trotz der von ihm zu überwindenden Steigung noch ein beträchtlicher Ueber- schuß bleiben und der Ballon in einigen Minuten eingeholt sein. In aufgeregter Spannung beobachtete die Mannschaft, die Ge- Wehre schußbereit, das immer größer werdende Luftschiff. Jetzt war man bis auf 800 Meter herangekommen. Der Höhenunterschied be- trug noch etwa 150 Meter. Jetzt hatte man auch auf dem feind« lichen Fahrzeug den Verfolger bemerkt, denn ein Hagel von kleinen Geschossen sauste über dem Flieger hinweg. Die Geschosse flogen zu hoch, weil die Entfernung von dem Luftschiff aus schwer zu schätzen war. Jetzt hob sich die Spitze des Schiffes, und deutlich konnte man sehen, daß die Höhensteuer nach aufwärts gerichtet waren. Der Feind wollte höher gehen. Das mußte der Aero- plan verhindern, wenn er nicht selbst der Vernichtung anheim fallen wollte. Mit älißerster Kraft jagte er deshalb unter größtem Steigungswinkel auf den Gegner zu. DaS Manöver gelang, sodaß nun das Luftschiff mit seinem Hinterteil den Flieger deckte und das Feuer verstummen ließ. Der entscheidende Moment rückte heran.„Achtung I 800 Meter! auf die Spitze halten I" Um diesen Befehl ausftihrbar zu machen, schwenkte der Flieger, der jetzt etwa 100 Meter höher war als der Feind, nach Steuerbord ab, sich durch dieses Manöver allerdings selbst dem Feuer aussetzend. Pfeifend flogen dann auch die Geschoffe heran, die Flügel durchlöchernd und die Zündung des vorderen Zylinders abreißend. „Feuer!" Zwei Geschosse fuhren dem Feinde in den Leib. Deutlich sah man die zerrissenen Zeugstücke der äußeren Umhüllung flattern. Eine Zündung erfolgte nicht, wohl aber senkte sich die Spitze des Kreuzers zur Erde. Der Flieger war ebenfalls arg zerfetzt und verlangsamte seine Bewegung, weil nur noch drei Zylinder seiner Maschine arbeiteten. Wieder ein Geschoßhagel vom Kreuzer. Ein Schrei, das Gewehr des hintersten Soldaten stürzte zur Erde. Den Ingenieur traf ein Geschoß in die Schulter.„Schnellfeuer auf den Körperl" dann fiel «r hintenüber. Aber zugleich ein Feuerschein,«in furchtbarer Knall. Im vächsten Augenblick war der Aeroplan in eine schwarze Rauchwolke Ö gehüllt. Der Unteroffizier hielt krampfhaft das Steuer fest. Ein« schreckliche Hitze umloderte den Aeroplan. Doch nur sekunden» lang, dann wurde die Lust wieder heller und die Erde sichtbar. Das feindliche Luftschiff war verschwunden, zertrümmert lag es am Boden. Mit starrer Hand hielt der Unteroffizier das Lenkrad. Er der« suchte, von seinem Sitz aus die Erde zu erkennen und beugte sich über den Rand. Eine neue Hitzwelle schlug ihm entgegen und brachte den Aeroplan in gefährliche Schwanlungen: unter ihm brannte das Kornfeld. Ein Schauder kroch dem jungen Manne über den Rücken. Aber er nahm alle Energie zusammen, stellte das Höhensteuer abwärts, hielt den Motor an und glitt, einen Bogen beschreibend, langsam zur Erde. Jetzt nur noch wenige Meter, ein leichter Stoß, und der Flieger stand. Offiziere und Mannschaften liefen auf ihn zu. Mechanisch kletterte der Mann aus seinem Sitz, ebenso mechanisch erstattete er dem nächsten herbeieilenden Offizier Meldung, den Blick starr auf die Trümmer des feindlichen Lustschiffes gerichtet. Brennende Stofflappen, zerfetzte Menschenleiber, ein grausiges Bild. Da flackerten ihm aufs neue Flammen vor den Augen. Dann umfing ihn tiefe Nacht— ohnmächtig taumelte er zu Boden. Cherubim* Zu seinem 150. Geburtstage. Am 14. September 1760 wurde Cherubini in dem schmucklosen Landhäuschen der Straße Fiesolana zu Florenz geboren als zehnter. aber nicht letzter Sprößling von Bartholomäus Cherubini und dessen Ehefrau Verdiana, geborene Losi. Trotzdem der kluge Vater, der ein geschätzter Klavierspieler und-Begleiter im Florentiner Per» golatheater war, des kleinen Luigi Ausbildung„erst" mit deffen sechstem Lebensjahre übernahm, brachte der Knabe es bis zum nennten Jahre schon so weit, daß ihm der väterliche Lehrer sofort die zur Zeit berühmtesten heimatlichen Meister zur höheren Ausbildung erkor. Es waren dies Bartoloeneo Felici und dessen Sohn Alexan». der, die Cherubini die Kunst der Komposition lehrten. Ins»! geheim hatte sich Luigi nebenher auf einer alten Geige, die er in seines Vaters Hause aufstöberte, eine derartige Fertigkeit im Violin» spiel durch Selbstunterricht angeeignet, daß er eines Abends im Pergolatheater eines erkrankten Violinisten Part in so ancrkennens» werter Weise durchführte, daß der Dirigent an ihm nichts weiter als eine anfängliche, leichterklärliche Befangenheit auszusetzen fand. In vier Jahren überwand Cherubini die damals noch nicht systematisch festgelegten Studien des Kontrapunktes, so daß er be- reits mit dreizehn Jahren seine ersten Kompositionen öffentlich aufführen lassen konnte. Daneben trieb er noch das Studium des Gesanges, geleitet von der klugen Erwägung, daß es für den an» gehenden Opernkomponisten unerläßlich sei, zu wissen, was mm» von der Gesangsstimme erwarten und fordern, was man ihr geben kann. So hatte Cherubini mit 17 Jahren eine Ausbildung genossen, die in dem Jüngling die brennende Sehnsucht nach der großen Welt des schaffenden Künstlers hervorrief. Aber der Vater war unver» mögend. Vierzehn Köpfe mit den zwölf Kindern zählte jeüt die nicht gerade mit Glücksgütern gesegnete Familie Cherubini. Schließlich bestritt Grotzherzog Leopold, der nachmalige Kaiser Leopold II., die Kosten der weiteren Studien des jungen Künstlers. Cherubini übersiedelte als Neunzehnjähriger mit dem Lehrer nach Mailand und ließ bereits im nächsten Jahre— 1780— seine erste Oper„Quintus Fabius" in dem nicht weit von Mailand belegenen Orte Alessandria zur Herbstmesse aufführen. War der Erfolg auch nicht durchschlagend, so machte diese und einige bis 1784 noch dazu komponierte Opern seinen Namen bekannt. Auf einige Zeit ging der Künstler nach Rom, nach Mantua, schließlich nach London, wo ev namentlich wegen seiner komischen Oper„Die falsche Prinzessin" sehr gefeiert wurde. Ein entschiedener Mißerfolg mit einer anderen! Oper veranlasste ihn, England den Rücken zu kehren. Paris wurde bald seine zweite Heimat. Hier fand Cherubini schnell in allen ein- flußreichen Kreisen Aufnahme. Unter anderem auch ward er Gast der„Societe Academique des Enfants d'Apollon", wo er eines Abends zum erstenmal eine Hahdnsche Symphonie zu hören bekam« die eine tiefe Wirkung auf fein Gemüt hervorbrachte. Mit Träne:, in den Augen und voll innerer Erregung kehrte er nach Hause zurück und warf sich mit Eifer auf das Studium des deutschen Kompo- nisten, dessen Einfluß fortan in feinen Werken unverkennbar ist« ihm oft das Prädikat eines deutschen Meisters eintrug und seine Beliebtheit in Deutschland erklärlich macht.„Lodoiska", „Medea" und der herrliche„Wasserträger": sie tragen den Stempel deutschen Einflusses an der Stirn, und der oft herbe und grandiose Zug, der durch ihre Musik geht— in jenem Studium und in den französischen Revolution, deren Zeuge er war, sind dia Keime dafür zu suchen. Als Cherubini im Jahre 1805 nach Wien kam, war es kein Wunder, daß sich zwischen ihm und Haydn ein inniges Band de« Sympathie flocht. Wie aber Cherubim von Haydn und auch von Mozart Profi» tierte, so blieb er wieder nicht ohne Einfluß auf deutsche Komponisten, und namentlich unser größter, Beethoven, war«l» inui, Eet Freund und Anhänger Cherubinischer Werke, deren Einwirkung ei ihm sich nachspüren läßt. Cherubini war ein gewissenhafter, unermüdlicher Arbeiter, von strenger Genauigkeit nicht allein gegen andere, sondern in erster Linie gegen sich selbst. Er starb zu Paris, fast 82 Jahre alli. am 15. März 1342, IMax 6yth* (Ein Dichter-Ingenieur.) Aerzte, Offiziere, Juristen, Bureaukraten, Profefioren, Geistliche «nd Lehrer, die das Verse-, Dramen- und Romanschreiben im Neben- amt betrieben, ohne auch immer berufene Poeten zu sein, hat es in Menge gegeben. Aber Architekten oder Techniker und Ingenieure? Da stockt es schon. Von Michel Angelo, der alles zugleich war, bis auf das Zeitalter der Maschinen ist freilich ein jahrhunderte langer Weg. Max E y t h, der im August 1906, wenige Monate nach Kollendung seines Siebzigsten, in Ulm starb, darf auf den Ruhm, Ingenieur und Dichter gewesen zu sein, Anspruch erheben. Selbst- verständlich brachte er das poetische Naturell mit, bevor er mit Zirkel und Reigbrett hantierte und später allerlei Maschinen bis zum Dantpfpflug konstruierte. Und wenn er auch als Lyriker lediglich in die Fnhtapfen seiner größeren schwäbischen Parnast- kollegen getreten ist, so entfernt er sich doch von ihnen allen durch die Erweiterung des Stoffgebietes. Hierin ist er ganz fein eigener; keiner ist ihm da vorausgegangen. Auster Uhland, Bischer war kaum einer über der Heimat Grenzen hinaus- gekommen, hatte sich kaum einer in die politische Arena gewagt; und nur zwei— Georg Herwegh und Ludwig Pfau— hatten ihre Leyer den s o z i a l e n Zeitkämpfen gewidmet. Die mit der Eisen- bahn anbrechende Acra des Dampfes und der Technik mochte wohl kaum einen Widerhall in ihren idyllisch gestimmten Gemütern ge- weckt, geschweige denn ihrer dichterischen Anschauung einen Ruck in die Gegenwart hinein gegeben haben. Mit Max Ehth verhielt sich das sehr viel ander?. Er begriff die Umwälzung nicht nur praktisch, indem er selber das Rad drehte: er erschaute auch ihr innerstes Wesen, ihre Seele sozusagen, weil er wirklich Poet war; oder besser: seine Dichrergabe entzündete sich am Geiste der Technik und Mechanik, deren ausübender Meister er war. All sein Lebtag stand er im Qualm der Fabriken, heute in Schwaben, seiner Heimat, morgen in Belgien, dann lange Jahre in England und schliestlich als Vertreter seiner Firma in allen Welt- teilen. Wie dies sein Leben aussah, sagt er selbst in einem Gedicht: Ich habe durchfurcht manch' nasse Bahn Im Drachenschiff, dem stahlgerippten; Ich war ein Pilger in Kanaan Und habe gepflügt das Land Aegypten. Im Sonnenbrande, Heist und hell, «in ich durch«yriens Berge geritten Und spürte nach tiefverborgencm Quell Bei Drusen und bei Maronilen. Dem Mississippi jagt' ich zu Vom gelben Saume der Sahara; Mein Schlepper dampfte ohne Ruh Am Katarakt deS Niagara. Gold sucht ich im arab'schen Sand Wie in Kentuckys Kohlenschichte; Im lieben deutschen Vaterland, Da schrieb ich Bücher und Gedichte. Wenn der junge Ingenieur während seiner praktischen Lehrjahre am Schraubstock oder Ambos stand, wenn er mit dem Winkelmast vor dem Zeichenbrett fast, wenn er feilte oder meistelte, wenn er beim Tunneldurchbruch des Augenblicks harrte, der das Hüben und Drüben verbinden sollte, wenn er die Essen rauchen, die Maschinen Kohlen schlucken sah— immer, bei jeder Hantierung sang er das Lob der Arbeit, pries er die Wunder und Geheimnisse der Dampf- kraft, der Elekttizilät. Und Poet blieb er bis an sein Lebensende, wie er Ingenieur und Weltwanderer geblieben war. Beides bildet den Einschlag in seinen novellistischen Erinnerungen.Hinter Pflug und Schraubstock", die als erster Band feine nun- mehr in der Deutscheit Verlagsanstalt(Stuttgart und Leipzig) ver- öffentlichten Gesamtschristen— sechs Bände— einleiten. Mit einem Epos.Volkmar" und einem Drama.Waldteufel" hatte er der schwäbischen Dichterschule wie seiner Heimat Tribut gezahlt. Her- nach hat alles, was er dichtet, die intimsten Beziehungen zu seinem arbeitsreichen Beruf, seinein unsteten, doch auch interestanten Wander- leben. Dabei kommt der realistische Schilderer der Natur und der Begebenheitsschaupläye nicht minder auch der Menschenkenner und Humorist zu seinem Rechte. So in.Der Kampf um die Cheopspyramide". kein eigentlicher Roman zwar, sondern.eine Geschichte»nd Geschichten ans dem Leben eines In- genieurs", und noch klarer in seiner letzten Schöpfung:»Der Schneider von Ulni, Geschichte eines zweihundert Jahre zu früh Geborenen". Dieses Wert war es vornehmlich, das Max Eyths Namen einer grasten Allgemeinheit bekannt machte. Hier ttilt uns ein reifer Dichter entgegen. Die Kämpfe eine? Erfinder? an» inner- lichem Erlebnis zu schildern, das must Eyth ganz besonders ver« lockend erscheinen. Das Schicksal des mit Flugproblemen beschäftigten Schneiders, dieser Erfinderroman also, schlug so recht zeilgemäst ein in die Aera der Aviatik von heute, und das Buch wird seinen lite- rarischen Wert auch noch einer späteren Generation offenbaren, denn es kann ein Volksroman im besten Sinne des Worte? genannt werden. Max Eyth hat bereits in Theodor Ebner, dem Freunde des Dichters, sowie in Georg Biedenkapp seine Biographen gefunden, deren Schnftchen hiermit gleichfalls empfohlen sein sollen. «. k. Kleines f euilletons Erziehung und Unterricht. Erziehen, eine Kunst..Erziehen ist eine Kunst I" Rur sehr wenig Menschen sind sich der Bedeutung dieses Ausspruches be- wustt. Wir haben Erzieher, die trotz aller Gelehrsamkeit niemals erziehlich wirken, und wir haben geborene Erzieher, wie wir ge- borene Maler, Musiker, Bildhauer haben. Wenn nun die Kunst des Erziehens auch angeboren ist, wie alle Künste, so ist damit noch nicht gesagt, dah man diese Kunst nicht zu erlernen brauche. .Mancher lernt's nie und dann noch unvollkommen," sagt der Berliner. Erlernt will jede Kunst sein, auch die höchste Kunst: Menschenseelen zu bilden. Ein Maler kann noch so viel angeborene Begabung besitzen, etwas wirklich Grostes wird er nur dann leisten können, wenn er die Technik seiner Kunst erlernt hat. Und was nützen dem Bildhauer Talent und Ideenreichtum, wenn er nicht gelernt hat, das Material— Holz, Marmor, Ton— in richtiger Weise zu bearbeiten I Ganz ebenso geht eS dem Erzieher. Wer Menschenseelen bilden will, must Kenntnis von der menschlichen Seele haben, must, wie der Maler und Bildhauer, das verschiedene ihm zur Verfügung stehende Material und seine Bearbeitungsart genau kennen. Das heistt in diesem Falle: er must mit der Entwickelung der Seele und des Körpers und mit den Grundgesetzen deS Geistes- lebens verttaut sein. Er mutz wissen, welche Mittel ihm zu Gebote stehen, um Einfluh auf das unreife Individuum ausüben zu können, und er must diese Mittel, wie Beispiel, Gebot und Belehrung, in be- stimmter Art und zur bestimmten Zeit anzuwenden wipen. Erziehen ist eine Kunst, die wie jede Kunst eine wissenschaftliche Grundlage hat, die man erst voll beherrschen must, wenn man die Ausübung dieser Kunst erfolgreich betreiben will. Wohl ist eS ver- ständlich, dast die Wissenschaft vom Kinde, die Kinderforschung, in Laienkreisen noch fast unbekannt ist, aber unbegreiflich ist eS, dast diese Wissenschaft nicht schon längst die Grundlage deS Lehrer- studiums geworden ist. Väter und Mütter sollten aber nicht ver- fäumen, in ihren Mutzestunden Einblicke in diese Wissenschaft zu tun, um dann desto leichter und sicherer ihres Erzieherberufes walten zu können. Die aufgewendete Arbeit und Mühe wird ihnen durch ihre Kinder reichlich vergolten werden. Erziehen ist eine Kunst l Nicht gedankenloses Nachsprechen dieses Wortes, sondern fich seiner Be- deutung voll bewustt werden und danach handeln, das ist Pflicht jedes Erziehers. Toni Sustmann. Physiologisches. �Die Wärmesch wankungen des menschlichen Körpers. Die Temperatur des menschlichen Körpers wird im allgemeinen genau nach Bruchteilen eines GradeS angegeben, und zwar zu 36,7 Grad Celsius. Wenngleich weder bei demselben Menschen zu verschiedenen Zeiten— auch im Zustand der Gesund« heit— noch bei verschiedenen Menschen immer genau diese gleiche Temperaturhöhe zu finden ist, so rechnet man deren Steigerung bis über den 37. Grad schon als eine.erhöhte" Temperatur, die ein Unwohlsein oder wenigstens einen anormalen Zustand anzeigt, «ine noch weitere Erhöhung aber als Fieber und somit als ein Merkmal einer eigentlichen Erkrankung. Dennoch kommen auch Tentpcraturschwankungen beim gesunden Menschen vor, die wegen ihrer Regelmästigkeit die besondere Aufmerksamkeit der Wissenschast erregt haben. Gerade wie die Temperatur der Lust im Verlauf deS Tages steigt und finkt, so ist es auch mit der Körpertemperatur deS Menschen, und Dr. O'Connell hat im.Journal für tropische Medizin" zu erweisen gesucht, dast diese Wechsel in der Temperatur des Menschen tatsächlich auch mit den täglichen Veränderungen der Temperatur in seiner Umgebung zusammen- hängen. Täglich steigt die Körpertemperatur von 7 Uhr morgens bis 1 Uhr mittags, weil infolge der Zunahme der Luftwärme der Körper weniger Wärme nach nutzen verliert, austerdem auch, weil die Wärmeentwickelung des Körpers durch Aufnahme von Nahrung befördert wird. Eine übermästige Steigerung wird nötigenfalls durch die Verdunstung der Haut verhindert. Die gleichen Vor- gänge dauern dann ungefähr in derselben Weise noch bis 6 Uhr abends fort. Während der übrigen Zeit des Tages und der Nacht tritt ein Sinken der Temperatur ein infolge des gesteigerten Wärmeverlustes nach austen hin. Dast diese Abkühlung des Körpers keinen zu hohen Grad erreicht, dafür sorgt die gröstere Ruhe und der höhere Feuchtigkeitsgehalt der Atmosphäre. Auster diesen Ein- flössen spielt aber so gut wie sicher eine Regelung der Körper» temperatur durch einen Nervenmechanismus eine ganz wesenttiche Rolle. iverantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Berl»g»ai.iiall zsaut Singer StCv.,Berltitl».sät.