NnterhaltimgsKlatt des Horwärts Nr. 180. Donnerstag, den 15. September. 1910 (flactttuff 6«t(>U« 50] Der Entgleiste. Bon Wilhelm Holzamek. 19. Frau Doktor Kaiser war noch am Abend nach Hause zu ihren Eltern gereist. Am Morgen kam das Dienstmädchen auf das Bureau Heruber und brachte mit grinsendem Gesicht die Nachricht, die Frau Doktor sei heim zu ihren Eltern gereist. Philipp war das ein neuer Schlag ins Gesicht, eine neue Beschimpfung und Bloßstellung. Sie schonte ihn also auch vor ihren Eltern nicht, denen er von jeher der Proletarier war und die nie müde wurden zu betonen, wie er ihnen alles, gerade alles, zu verdanken habe. Und die von der ganzen Sache gar nichts verstehen konnten, die gröbliche Philister waren durch und durch, stumpfsinnige Geldsklaven und Reich- tumsprohen. Hier war jede Diskretion, jede Feinfühligkeit ausgeschlossen. Nun ja, es mußte so kommen. Wenn es ein» mal kam, daß es gälte, einen feineren oder vornehmeren Sinn, nicht zu sagen einen freieren, zu beweisen und zu betätigen, dann mußte es so kommen. In diesem Augenblicke wich sein vielseitiges Schuldgefühl, mit dem er sich die Nacht abgequält und herumgeschlagen hatte, ganz von ihm und machte einem einseitigen und starken Rechtsgefühl Platz. Er fühlte sich zum ersten Male richtig in seinem Rechte und richtig stark. Er hatte nichts getan, womit er sich das Recht wenigstens auf Schonung verscherzt hatte. Er durfte Diskretion für sich fordern. Und er mußte es für Melanie fordern. So viel war er ihr zum mindesten schuldig. „Wollen Sie Urlaub haben, Anna?" fragte er das Dienst» mädchen. „Die Frau Doktor sagte, ich müsse jetzt die Wohnung bewachen, damit nichts Ungebührliches geschehe." Philipp verstand. Die Frau hatte sofort Rache geübt. Und das Dienstmädchen war ihr gut genug erschienen dazu. „Sie sind entlassen, Anna," sagte er ruhig. � Das Mädchen erschrak, dann faßte es sich. „Sie können mir jetzt nicht kündigen, Herr Doktor. Ich habe ein Vieteljahr Kündigung." „Gut, ich zahle Sie ganz aus. Sie sind unschuldig an der Entlassung. Und ich schreibe Ihnen ein entsprechendes Zeugnis." Das Gesicht des Mädchens strahlte. „Ich zahle Ihnen das Jahr aus," sagte Philipp. Nun betätigte sich die Schlauheit des Landmädchens. Sie mußte gleich festhalten, was er eben gesagt hatte; aber es mußte zögernd geschehen, er durfte nicht merken, daß sie zugriff. „Aber eine neue Stellung—? Philipp ließ sie nicht ausreden. „Eine neue Stellung können Sie sich sofort suchen. Ich schreibe Ihr Zeugnis entsprechend. Sind Sie einverstanden?" Sie sagte zögernd:„Jal" So zahlte er sie aus und schrieb in ihr Zeugnisbüchelchen, daß er sie„eingetretener Familienverhältnisse wegen leider nicht länger beschäftigen könne". Dann ging er durch die Wohnung. Er blieb ganz ruhig dabei. Seltsam, wie wenig die Möbel zu ihm sprachen. Wie wenig teil sie an ihm hatten. Es war alles fremd. Nur vor seinen Büchern blieb er stehen. Er nahm wohllos da und dort ein Buch heraus. Das war sein. Und hier das Bild seines Großvaters, das er einmal der Mutter weggenommen hatte,— und hier das Bild der Mutter, das versteckt in der Ecke hing. Er hängte die beiden Bilder ab. Er bat das Mädchen, ob sie ihm seine Bücher noch auf sein Bureau schaffen wolle. Sie tat es. Seine Kleider, seine Wäsche. So, das war, was er besaß. Das andere gehörte ihr. Daran hatte er keinen Anteil. Er wollte sich nicht auch damit noch beleidigen lassen. Er schloß die Kommode auf. Sie hatte die kleine Kassette mitgenom- men, in der die Wertpapiere lagen. Sie hatte recht, die ge- hörten ihr. Nun war er ganz ruhig. Er setzte sich hin und schrieb seine Kündigung an den Direktor und bat unter Verzicht auf das Gehalt sie ihm sofort gewähren zu wollen. Auf jede» Fall müsse er um Urlaub bitten. Nun gab es kein Hin und Her mehr, nun mußte alle» seinen geraden Weg gehen. Nur Melanie verursachte ihm Unruhe. Da war noch kein Entscheid gefallen, und da hatte er in sich noch nicht entschieden. Dazu mußte ihm Weik helfen. Im Vertrauen auf ihn schob er das nun beiseite und machte sich hinter seine Berufsarbeiten. Er erledigte die rückständigen Briefe, schrieb seine Diag« nosen und Beobachtungen auf und machte reinen Tisch. ES sollte nichts fehlen und nichts liegen geblieben fein. Sein Nachfolger sollte in die Lücke eintreten können, wie ein Pferd in den bereiten Wagen. Er dachte nichts anderes, als nun an seine Berufspflichten. Dann ging er auf die Morgen- Visite. Er beherrschte sich vollständig und erledigte sie leicht und sicher. Kaum saß er wieder an seinem Schreibtisch, als Weik kam. „Ich kann mir schon denken, weshalb Sie mich rufen ließen, Doktor. Hier hat das Gras Ohren, und die Straßen- steine plaudern und klatschen. Ist's also wahr?" „Was wahr?" „Ist Ihre Frau fortgegangen?" „Ja!" „Und wegen Fräulein Güßfeld?" „Ja auch!" „Nun, Doktor, die Sache spielt ja schon seit Wochen im Städtchen. Sie wußten's nur selbst nicht, wie Sie der Gesprächsgegenstand aller Kaffeeklatsch- und Waschweiber waren. Ich habe selbst ein paar kleine Waffengänge für Sie getan." Philipp war erstaunt..»♦ „Sie wußten, was vorging?" „Darum gesellte ich mich ja immer auf den Spazier- gangen zu Ihnen— zur Ablenkung. Anfangs tat ich's aus Freude an diesem prächtigen Manschen— und dann mit der bestimmten Absicht. Sie sind ja ein Kücken in der Welt. Ein Kleinstadtmensch, und kennen doch die Kleinstädter nicht." „Und Sie haben mir nichts gesagt?" „Doktor, sollte ich Ihnen die Harmlosigkeit, die schöne Naivität nehmen? Es wäre schade darum und für Sie gewesen. Ich hatte ja selbst meine Freude daran. In dieser Welt der Berechnung und kühlen Ueberlegung erlebt man so unbekümmerte Unmittelbarkeit selten. Es war so etwas Traumhaftes, das Sie umschwebte. So etwas, wie es in der Schiilcrliebc ist, das, was das Schöne in ihr ist. Ich habe mich gefreut, die Welt einmal anders zu sehen als auf das zwei mal zwei vier hin. Können Sie mir das übel nehmen?" „Nein,— und doch." „Ach, gehen Sie, Doktor, und glauben Sie ja nicht, daß da Warnung hilft. Sitzt so etwas tiefer, so schürt man nur mit ihr. Ist es nur Spiel— an dessen Ernst man natürlich glaubt— so verdirbt man etwas Schönes, etwas Keusches, möchte ich sagen, und macht es unrein. Sehen Sie, dazu eigne ich mich nicht. Und die Menschen gelten mir so wenig. Das Schöne— sei es auch nur Spiel— und das Starke, das tief sitzt, das gilt mir weit mehr. Daß das besteht und sich ausblüht, und einmal Erfüllung findet, und einmal recht be- hält, oder wie Sie es sonst nennen wollen, das ist viel wich- tiger und wertvoller. Daß einmal zwei Menschen nur nach sich, nach ihrem eignen— ihrem dunklen, wenn Sie twllen — Lebenssinn fragen und nicht nach dem menschelnden Nütz- lichkeitssinn— nach ihrem Unkrautsinn, und nicht nach dem Nutzpflanzensinn— ich rede, Doktor, ich weif— so wie die Schlehe, wenn sie blüht, und der ApfelöcUin auch— nicht wie ihn der Mensch ansieht— kurz und gut und-mm S yluß •— machen Sie ruhig ihre Diagnose auf meinen Zustand—■ das ist mir ein Ergötzen, das ist für mich das eigentliche Leben, das ich nie gehabt labe!" Er rannte in dem Bureau auf und ab. „Sie sehen llbernächtigt aus, Doktor." Philipp hörte nicht darauf. „Und wenn man damit einem Menschen ein Schicksal macht?" Weik blieb vor ihm stehen und riß die Augen groß auf. „Gelesen haben Sie Leute alle sehr viel! Theorien, daß man Schweine mit fett machen könnte � sie würden natürlich daran krepieren— aber Erfahrung— keine Spur. Schicksal, Doktor, macht man keinem Menschen, das macht sich der Mensch selbst. Man wird ihm dabei Mittel—. gut — die Leute sagen Ursache— als ob das glattgewichste Parkett die Ursache wäre, wen- einer das Bein auf ihm bricht! Die Ursache liegt in ihm. Doktor, solange man dar- über noch theoretisiert, ist man kein eigener Mensch. Da gehört man den anderen an. Solange man aber denen noch angehört, ist man kein freier Mensch. Sie waren seither kein freier Mensch. Sie sind nun vor den Entscheid gestellt, einer zu werden. Gut, daß das in Ihnen lag. Gut, daß das Leben Sie dazu für wert gefunden. Bei vielen geht es ganz rubig vorüber und kümmert sich nicht um sie. Solche werden be- neidet. Ich verachte sie. Bestenfalls bemitleide ich sie. Das kommt auf meine Stimmung an. Und damit Sie sehen, datz ich gerecht bin: ich mache es mit mir selber so." � Die Hände auf dem Rücken, stand Philipp in der einen Ecke des Zimmers und starrte in sie hinein. „Doktor, ich will Ihr Latein nicht aufrühren, aber wenn Sie mich einmal so anträfen, denken Sie nach, welche Be- zeichnung Sie für meinen Zustand hätten." Dieser Spott traf. Philipp hob den Kopf und raffte sich auf. „Sie suchen nach Philisterart nach Ursachen, statt daß Sie in allem Mittel sehen, die Sie aufgreifen und fallen lassen können." „Ich habe ja schon einiges getan." „Und was denn?" Philipp erzählte nun, daß er eine Unterredung mit seiner Frau gehabt, die nur zu neuen und weiteren Beschimpfungen geführt habe. Er habe sein Fühlen offen und frei eingestanden. „Ganz wie ich Sie mir gedacht habe, Doktor! Wenn Sie denn ein Gedankensünder sein wollen, seien Sie es für sich. Damit wirft man sich vor Leuten, die das nicht verstehen, nur weg." Einen Augenblick war es Philipp darauf, als sei es besser, er bräche die Unterredung ab— es war der Arzt in ihm, der es nicht ertragen konnte, datz ihm der Kranke über- legen sei. Dann überwand er sich und erzählte weiter, daß er das Dienstmädchen entlassen, seine Entlassung vom Direktor gefordert habe. „Aber das alles ist ja kein eigentlicher Entscheid. Der eigentliche Entscheid liegt ja anderswo. Und der steht mir noch bevor." Weik schien nicht darauf zu hören. „Weiß Fräulein Güßfeld von all diesen Vorgängen?" „Sie weiß nichts!" „Wie steht es zwischen Ihnen beiden?" � Philipp errötete verlegen.„Es ist kein Wort darüber zwischen uns gesprochen worden, keine Aussprache, nichts. Es ist alles nur Freundschaft." „Bravo!" lachte Weik auf. Nur die Kleinstadt macht so etwas möglich. Nur sie hat diese Schuüffelrüssel, und nur in ihr wird eine Bagatelle zur Tragik. Aber es ist gut für Sie. Nun entscheiden Sie sich! Es ist gut, so ein Entweder Oder! Bravo!" Philipp sagte kleinlaut:„Dazu wollte ich Sie um Rat fragen, Weik. Das fällt einem allein schwer." Weik lachte auf:„Sie irren, Doktor, so etwas muß man ganz allein tun. Da gibt es keinen Dritten. Da gibt es keinen, auf den man eine Verantwortung abwälzen kann. Sie sind in einiges oder zu einigem— wie Sie wollen— getrieben worden. Nun gehen Sie weiter— aus eigenem Willen oder gehen Sie zurück. Sie haben nichts getan, was nicht wieder rückgängig gemacht werden könnte. So oder so." „Aber raten können Sie mir doch. Nur raten, was ich tun soll." „Das heißt Hand reichen. Nein! Prüfen Sie sich, was das Stärkste in Ihnen ist, das ist auch das Beste und Frucht- barste in Ihnen! Dann tun Sie danach— oder tun Sie nicht danach. Hier gibt's nur eine Hand, die Ihnen gereicht werden könnte. Und das ist eine Frauenhand. Nur die hätte das Recht dazu, hätte vielleicht noch eher das Recht dazu." „Aber ich weiß ja gerade nicht, ob diese Seite stark genug in mir ist." „Das müssen Sie in sich selbst ergründen, Doktor. Und ich will Ihnen etwas sagen. Wisien sie wie Ballested sagt in Ibsens„Frau vom Meer"? Man kann sich auch akklimatisieren. Aber das Feine ist, daß er über das Wort stolpert. Tun Sie, was Sie müssen. Vielleicht eignen Sie sich zum Akklimati- fieren— ohne Stolpern!" „Und was soll ich zunächst tun?" „Nun, sprechen mit Fräulein Güßfeld müssm Sie. DaS sind Sie ihr rein als ihr Beschützer schuldig. Dann aber es ist alles Ihre Sache." (Fortsetzung folgt.) t] Sünde und Buße* Von Ugo O j e t t i. Berechtigte Uebersetzung aus dem Italienischen von Friedrich Eich. Die Messe war zu Ende, und Don Pietro hatte bereits in der Sakristei das Meßgewand und das leinene Kopftuch abgelegt. Die fünf oder sechs Knaben, seine Schüler in der Christenlehre, die in ihren laut klappernden Holzschuhen gekommen waren, um Don Pietro die Hand zu küssen, hatten sich wieder entfernt. Checchino, der Sakristan, legte den Riegel vor die Tür, die in die Kirche führte, und ging dann in den Garten, um das Trocknen der To- maten zu übcrwackxn, die auf fünf Brettern in der Sonne lagen und von zahllosen Fliegen belagert wurden. Don Pietro betrachtete den Kelch, den Hostienteller, das Meß- tuch, das Meßgewand und die Meßbinde; Checchino hatte alles bunt durcheinander auf den niedrigen Wandschrank gelegt.— Er atmete tief auf, legte dann das Zingulum ab und streifte sich langsam das Chorhemd über den Kopf. Er tat das mit großer Vorsicht, um nicht die tausend Falten zu verderben, die die Nonnen der heiligen Anna hineingebügelt hatten. Diese waren so kunstfertige Bügle» rinnen, daß sie imstande waren, auf die Falten der Chorhemden des Bischofs mit der Spitze des EisenS„Es lebe Maria" in gothischen Buchstaben zu schreiben. Er hatte das Chorhemd gerade über den Kopf gezogen, als an die Tür, die nach der Kirche ging, geklopft wurde. Er hielt inne und antwortete nicht. Es wurde wieder ge- klopft, diesmal stärker. Don Pietro näherte sich der Tür, immer noch den Kopf unter dem Chorhemd, die Arme nach oben ausge- breitet, um es zu halten. „Wer ist da?" „Santino." „Gehe in die Pfarrwohnung und erwarte mich dort, denn ich ziehe mich gerade um." „Unnröglich. Hier muß ich Sie sprechen." „Sofort?" „Sofort, Don Pietro!" Don Pietro kehrte wieder zu dem Schrank zurück, zog das Chorhemd vollends aus, faltete es zusammen, die Aermel über Kreuz, und öffnete die Tür. Santino war ein Mann in den Vier- zigern, gebräunt, stark, kahlköpfig, mit grauem Schnurrbart, schwor. zen Augenbrauen und einer Narbe an der rechten Schläfe. Er war einst nach Amerika ausgelvandert und zurückgekehrt, nach der Mei» nung der«inen als reicher Mann, nach der Meinung der andern ohne einen Pfennig. Er lebte allein; auf Viehmärkten betätigte er sich hin und wieder als Makler; häufig reiste er nach Rom, blieb manchmal einen Monat dort und führte den Schlüssel seines Häus- chens in der Tasche mit sich. Im Orte verschaffte ihm dieser Hauch des Geheimnisvollen Autorität. Er begrüßte den Geistlichen mit Achtung, ohne Unterwürfigkeit. In die Kirche ging er jeden Sonn- tag zur Messe: er beichtete nicht und nahm selbst zu Ostern nicht das Abendmahl. „WaS ist vorgefallen?" fragte Don Pietro, indem er sich die Hände in dem zinnernen Waschbecken wusch und sich darauf an dem doppelten Handtuch abtrocknete, das an einer hölzernen Rolle hing. „Ich muß Sie sprechen, Don Pietro." „Sprich, sprich," aber Santino schwieg und blieb mitten in der Sakristei stehen, den Hut in den Händen drehend. Don Pietro, der sich gebückt hatte, um das Meßgewand und die Meßbind« in der für diese bestimmten Schublade auszubreiten, drehte sich um und blickte Santino verstohlen an. „Hast Du mir etwas zu beichten?" „Ja, gerade das." Don Pietro ftohlockte innerlich, blieb aber äußerlich unbewegt, als ob sein Besucher jeden Tag zum Beichten gekommen wäre. Denn er wußte, daß man die Neubekehrten mit einem Nichts erschreckt und daß die aufrichtigsten Bekehrungen diejenigen sind, die am wenigsten feierlich vor sich gehen, ohne Ausrufe und Tränen, in einem ruhigen Gespräch. Er legte sich die Stola um den Hals und setzte sich neben den Betstuhl: „Komm hierher. Knie nieder. Weißt Du das Beichtgebet?" „Don Pietro, ich möchte lieber sitzen bleiben. Ich muß län» gere Zeit mit Ihnen sprechen," und als praktischer Mensch fügte er hinzu:„Sie haben gewiß Ihren Kaffee noch nicht getrunken? Gehen Sie nur; ich erwarte Sie hier." Dem Geistlichen, so gerne er auch jedem seiner Worte die größte Natütlichkeit gegeben hätte, begann doch diese zwanglose Vertraulichkeit zu mißfallen: „Bekümmere Dich nicht um mich mein Sohn. Bleibe sitzen. wenn Du willst, vorausgesetzt, daß Du die ganz« Feierlichkeit der Handlung, die Du zu begehen gedenkst, richtig empfindest." Santino durchschritt ruhig die Sakristei und schob den Riegel vor die Tür. Dann setzte er sich, und während er den Schrein betrachtete, in dem die Kirchengeräte aufbewahrt wurden und dessen Schubfächer offen geblieben waren, bemerkte er, ohne einen Schein von Zerknirschung: «Sie haben schöne Metzgewänder und lauter neue, Don Pietro.� „Gütige Spenden der Gläubigen." „Und Sie haben diese ländliche Kirche in ein so stolzes Gottes- Haus umgewandelt, datz— verzeihen Sie mir, wenn ich eine Gott- losigkeit sage— unser Herrgmt gewitz lieber hierher kommt, als in den Dom von Spoleto. Neue Bilder, vergoldete Leuchter, ver- filberte Metzbücher, Teppiche, Spitzen." „Lauter Gaben der Gläubigen, wie ich schon sagte. Die Kirche hat in den letzten drei Jahren bedeutende Schenkungen erhalten. Ich habe sie vom Altar aus verkündet. Aber sprechen wir von Dir und sprechen wir im Ernst. Seit wann hast Du nicht gebeichtet?" Santina, der seinen Hut auf den Schrank gelegt hatte, ging ruhig hin, um ihn wiederzuholen, denn er konnte nicht sprechen, wenn er ihn nicht zwischen den Händen drehte. Dann setzte er sich nieder. „Don Pietro, wenn w'r von der Ausschmückung der Kirche sprechen, so sind wir schon bei der Sache." „Ich verstehe Dich nicht." „Wir sprechen unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses, nicht wahr? Sie können also nicht ein Wort von dem, was ich jetzt sagen werde, weitersagen, ohne mit dem Kirchenbann bestrast zu werden." „Aber daS weitz ich, mein Sohn. Sage das, was Dich hierher geführt hat, und verlier Dich nicht in Redensarten." „Also, Sie haben seit drei Jahren an jedem Weihnachtsheilig- abend in dem Opferstock einen Umschlag mit tausend Lire ge- sunden. Diese dreitausend Lire habe ich gegeben." Don Pietro sprang aus. „Du? Du?" „Ja ich. Wollen Sie einen Beweis? Bergleichen Sie jene Umschlüge mit diesem hier, jene Siegel mit diesem. Von dem Papier, in dem jeder Schein lag, war an einer Ecke ein Stück ab- gerissen, nicht wahr? Haben Sie jene Bogen Papier noch? Halten Sie sie mit diesen drei Stückchen Papier zusammen: sie passen genau aneinander." Und er nahm aus der Tasche einen Umschlag mit all den Doku- menten, die er aufgezählt hatte. Don Pietro hatte sich für einen Augenblick unsicher gefühlt, nicht wegen seiner eigenen Befriedi- gung. Seit drei Jahren hatte er sich diesen ungenannten Geber nach seinem Geschmack vorgestellt, jedes Jahr schöner, edler, vor- nehmer. Manches Mal, wenn er für ihn gebetet hatte, glaubte er ichlietzlich auch an ein Wunder, indem er dachte, datz Gott selber ich bemüht und jene Form von Papier und Bankscheine« gewählt hätte, um seinen ergebenen Diener zu unterstützen und die arme Kirche zu verschönern. Und nun war es Santino gewesen. Er gab zwar seinem Gesicht den Ausdruck herzlichster Freude, aber er mutzte sich doch eingestehen, datz dieses keine göttliche Offenbarung war und datz das Geschenk im Grunde genommen doch mehr galt als der Geber. Aber er dachte an seine Pflicht, er dachte an seine Kirche, die wirklich durch diese Zuwendungen ein Prachtbau in der ganzen Diözese geworden war, er dachte auch etwas an die Zukunft; und indem er Santinos beide Hände ergriff, die noch immer den Hut festhielten, und sie zwei- oder dreimal schüttelte, sagte er: „Aber warum sagst Du das alles in der Beichte? Das darf kein Gehcininis sein, alle sollen unfern Wohltäter bewundern..." Santinos Züge blieben jedoch unbeweglich und gleichgültig. „Lassen Sie mich zu Ende kommen," und er setzte sich von neuem. Auch Don Pietro setzte sich wieder, bereit, alle Schonung walten zu lassen. Doch betrachtete er diesen kahlen roten Schädel, diesen ungepflegten groben Schnurrbart, diesen gewöhnlichen Anzug, diese Weste mit drei Knöpfen, die über dem dicken Leib offen stand, diese Hände, die roten Würstchen glichen— diese Hände, die dreitausend Lire gegeben hatten. Santino hatte die Augen geschlossen und pretzte die Lider, die Lippen, die Kinnbacken zusammen, er verzog das ganze Gesicht, als mützte er eine zu grotze und überaus bittere Pille schlucken. Plötzlich Öffnete er sie wieder und sagte nachdrück- lich: „Dieses Geld hatte ich gestohlen!" „Nein!" rief Don Pietro aus und begann zu zittern:„Nein! es ist nicht wahr! Das Geld, das Du der Kirche des Herrn ge- geben hast? Das Geld, mit dem ich den Herrn geehrt habe, indem ich ihm jene Altäre, jene Bilder, jene Kandelaber jene Geräte weihte? Es ist nicht wahr!" Er sprang auf, legte die Stola ab und rief:„Und in der Beichte sagst Du mir dieses? Den Ge- richten mutzt Du das sagen, nicht mir! Den Gerichten!" Aber Santino hatte die Stola gepackt, sie ihm wie eine Schleife um den Hals geworfen und schleppte ihn so zum Beicht- stuhl zurück, legte seine beiden Hände auf Don Pietros Schultern, der jetzt ganz gebrochen war, und zwang ihn zum Niedersitzen. Dann setzte er sich auf den andern Stuhl ihm gegenüber, mit ge- spreizten Knien, als wollte er ihn wie mit den Armen einer Zange festhalten. „Don Pietro, ich lasse nicht mit mir spähen. Ich bin zu Ihnen gekommen, um als guter Christ meine grotzten Sünden zu beichten. Sie können mir Absolution erteilen oder auch nicht, aber Sie können mich weder unterbrechen noch anzeigen. Wenn Sie eS aber doch täten, was wären Sie dann für ein Priester?" (Fortsetzung folgt.) RdidenzIcblöITcr. Vor kurzem ist das neu erbaute umfangreiche Residenzschloss i» Posen mit grossem Pomp eingeweiht worden. Mr entnehmen der amtlichen Veröffentlichung im Zentralblatt der Bauverwaltung einige Angaben, die einen Begriff von der kostspieligen Pracht und dem Prunk geben, die hier wieder entfaltet sind. Illustrierte Wochen- und Tageszeitungen brachten bereits Bilder vom äusseren Aufbau. Im ersten Obergeschoss find die Wohnräume des Königs und der Königin angelegt. Der blosse Flächenraum de» Vorzimmers zum Empfangszimmer ist 8,86 Meter zu 7,3 Meter. Dieser Flächenraum entspricht dem, der für eine ganze Uitterbeanirenwohnung(Stube, Kammer, Küche) bewilligt wird! Das Empfangszimmer ist schon saalartig: 10,84 zu 7,3 Meter. Die Fläwe einer Arbeiterfamilienwohnung dürfen wir mit solchem Raum nicht vergleichen, sie bleibt weit dahinter zurück. Von der Pracht der Räume, von der Fülle der kleinen und grossen Bequemlichkeiten an Licht. Lust und Wärme kann sich der Fern« stehende keinen Begriff machen. Wie in anderen Schlössern, so ist auch hier die übliche Ahuengalerie— 32 Meter lang, 8 Meter breit— in der Nähe de« grossartigen FestiaalS mit dem Thron- sesiel. Der Saal reicht durch zwei Stockwerke. Im Erdgeschoh be« finden sich Wohnungen für das Gefolge und die Beamten. Der Schlossbau hat eine Kostensumme von S3öOOOO M. verschlungen. In dem Aufsatz des ZentralblaNes, der den ganze» Bau ein« gehend beschreibt, ist natürlich nur die Rede von dem Architekten alS Ervauer, von den Professoren der Bildhauerkunst, von den Malern und den ausführenden Architekten. Von den wichtigen technischen Leistungen der Handwerker, der Poliere, der Arbeiter, die hier mit ausserordentlichem Geschick so viel Ausgezeichnetes geleistet haben, dass man darüber ei» dickes Buch schreiben könnte, von diesen Leuten, die erst die Papierzeichnung in die Wirklichkeit überseven, ja oitmalS die Papierzcichnung der Herren Theoretiker korrigieren müssen— von dieien unentbehrlichsten Mitarbeitern ist niemals die Rede, sie sind entlohnt und müssen sehen, anderwärts Arbeit zu finden. Sind schon die Baukosten solcher Schlösser eine enorme Last für den Staat, so steigen diese Lasten noch ganz erheblich durch die jährlichen U n te r h a l l u n g s k o st e n. Der Laie kann sich hier- von kaum eine Vorstellung machen, wenn er nicht schon die Unter« haltiiiigskosten eines geivöhnlichen Wohnhauses kennt. Die Kosten wachsen natürlich mit den, Alter des Gebäudes und es mutz bei alledem noch als ein Glück betrachtet werden, dass die meiste» dieser Residenzichlösser leer stehen und höchstens von einem Schloss- inipektor und der zugehörigen Dienerichaft bewohnt werden. Die Unlerbaltuitg wächst troydem für jedes Schloss jährlich von 10 000 auf 20 000, 30 000. 40 000 M. und darüber. Daher sind ja gerade die Burgen und Schlösser t'o vielfach Wahrzeichen verschwundener Pracht und Prunksucht, Wahrzeichen verschwundenen Hoch- und Uever- muls; man braucht nur irgend einen Bädecker aufzuschlagen, wenn man an verfallene Schlösser erinnert sein will. Grotze und kleine Burgen der Raubrilier. Ruuien vergangener Fürsten- und Kaiierpracht sind über alle Lande verstreut, zum Teil umgewandelt in Gefängnisse, Kasernen, Zuchthäuser, Magazine u. dergl. Man braucht sich nur zu erinnern an die Paläste ans der römischen.«ajserzeit. Der Palast de« Diokletian in Spalato ist heute in Strassen eingeteilt, und feine Ruinen sind zu W o h n u n g e n eingerichtet. In unserer Nähe, in Coswig im Anhalt-Bernburgschen, steht ein altes Schloss, das vor 70 oder 80 Jahren noch von der fürstlichen Familie bewohnt war, heute aber als Gefängnis dient. Ueber ganz Deutschland sind Residenzschlösier verbreitet, die, mit ungeheuerem Koslenaufwande erbaut, jahrzehntelang leer stehen und, wenn sie einmal benutzt werde», den Fürstlichkeiten gewöhnlich mir wenige Tage als Aufenthalt dienen, wenn sie an irgend einem Festgepränge. einer Jagd, einer Fahnen- oder Denkmalsweihe teil- nehmen. Residenzschlösier einer alles Mass überichreilenden Prunk« sucht haben wir in Bayern, aber auch ihre Pracht ist in Verfall, denn die Unterhaltungskosten gehen, wie�s scheint, sogar den Wittels» bachern mit ihrem gut gefüllten Familienschatz über die Hutschnur. HnarcborozlaUrtlfcbc LuftibulTe. Aus Paris schreibt man uns: Der Zug der Zeit, der Tragödien» spieler sich in Brettelkünstler verwandeln lässt, hat nun auch den be« rühmten P a t a u d ergriffen. Den Mann dürstet eS nach Erfolgen, die er mit den abgeleierten Generalstreikstrophen bei den denkenden Arbeitern nicht mehr findet. Sein sozialpolitisches Kochbuch:„Wie wir die Revolution machen werden" hat ihnen den Geschmack am Autor vollends verdorben. Palaud sucht sich jetzt ein anderes König» reich. Er wird nicht mehr vor den Pariser Spiessbürgern als die per- sonifizierte Macht der Finsternis paradieren, sondern als Schmieren« Confsreiicier die Provinz bereise». Im„Matin", seinem alten Reichs« anzciger, verkündet er der Welt die grosse Begebenheit, dass er als Vortragender Aufführungen des Bourgelschen Theaterstücks „Die Barrikade" einleiten wird. Bekanntlich ist dieses künstlerisch wertlose, von wildem Hätz gegen die organisierte Arbeiterschaft erfüllte Tendenzdrama ein Aufruf an die Bourgeoisie zu brutal terroristischer Niederknüppelung des Proletariats. Ein findiger Impresario will nun den durch die dramatischen Qualitäten deS Werkes nicht ausreichend verbürgten Geschäftsersolg durch die 720-- Pikanter?« fichem, daß er den vielgenannten Laternenmann in einem Vorspiel auf dem Theater als lustige Person austreten läßt. Einige sozialistische Gemeindeverwaltungen haben indes die Zumutung, in den städtischen Theatern Pataud den Hof- narren der Bourgeoisie spielen zu lasten, abgelehnt, was den Abgewiesenen veranlagt, pathetisch über die Freiheitsfeindlichkeit der geeinigten Partei loszuziehen, wobei er so tut, als ob er die in seiner Person angetastete Würde deS Schauspielers zu verteidigen hätte und nicht seinen kommerziellen Eifer, aus dem Kampf der Arbeiterklasse gegen die kapitalistische Gesellschaft einen Scherzartikel für das bürgerliche Vergnügen zu machen- Gleichzeitig aber trommelt er an?, daß er ein soziales Drama im Gewände hat und meint mit Hinweis daraus in seiner selbstgefälligen Spaßhastigkeit, nun bleibe Bourget nichts übrig als Elektriker zu werden. DaS ist entschieden übertrieben. Die französische Bourgeoisie wird fich sicher freuen, zwei solche Kerle auf ihren Parnaß zu heben: Don Ouixote Bourget und Sancho Pausa Patand. Aber wehe der Arbeiterschaft, wenn sie dem Dichter Pataud nicht die erwartete Be- wunderung zollt. Wenn sie seine Verse nicht lobt, läßt er sich von ihr scheiden. Eine andere, über die Sphäre irdischer Zweckmäßigkeit um so «rhabenere Betätigung sozialrevolutionärer Energie wird von Hervös „Guerre Sociale" vorbereitet. Die langweilige, schrittweise vor- rückende Organisationsarbeit der sozialistischen Parteien soll durch die sozialrevolutionäre Aviatik ersetzt werden! Die zwei großen Reklameblätter von Paris.„Matin" und„Journal", haben ihren alten Konkurrenzkampf in diesem Sommer in der Art geführt, daß sich der „Matin" als Anwalt aller patriotisch- chauvinistischen Interessen und Gefühle. d«S.Journal" als Hüter des gemeinsamen Kulturguts der Menschheit etablierte. Feierte das„Journal" das Ehrlichsche „Hate" in tonenden Hymnen, so donnerte der„Matin" die naliona- listische Gleichung.60(5 �-0" ins Volk. Und der außerordentliche Er- folg des vom.Matin" mit grellen Revanchefanfaren begleiteten„l?ir- cuit de l'Est" veranlaßten das„Journal", die Flugmaschine als Geschoß des Friedens" zu preisen und für das nächste Jahr einen internationalen Weitflug durch Europa mit friedensfrcundlicher Tendenz zu organisieren. Das Pro- letariat nimmt mit gerechtem leidenschaftlichen Interesse an den Bemühungen, dem Menschen das Reich der Luft zu erobern, teil, aber es hat nicht den geringsten Grund, den Sums mit- zumachen, mit dem die großen geistigen Errungenschaften und tech- nischen Uniwälzungen im kapitalistischen Zeitalter zunächst Privat- interesscn dienstbar gemacht werden. HerveS„Guerre Sociale" jedoch ist auf den tiefsinnigen Gedanken geraten, daß sich die prole« tarische Jnternatienale an dem internationalen Ueberlandflug offiziell beteiligen solle: mit Flugapparaten, die von organisierten Genossen gelenkt werden, und das Blatt fordert zu G e l d s a m m l u n g e n für diesen Ziveck aufl Ob diese symbolistische Demonstration internationaler Solidarität in Frankreich eine größere Opserwilligkeit erwecken wird als z. B. die materialistische zur Zeit der schwedischen Aussperrung, möchten wir immerhin be- zweifeln.... In den anderen Ländern wird jedenfalls das organisierte Proletariat, ungeachtet der Gefahr, von den„Vaterlands- losen" der„Guerre Sociale" wieder einmal patriotischer Rück- ständigkeit und serviler Feigheit beschuldigt zu werden, der Meinung bleiben, daß der Sturz des kapitalistiichen Staates besser vor- bereitet werden muß als durch Luftpolitik und Windbeutelei. kleines Feuilleton. Gesundheitspflege. Zahnkrankheiten und Tuberkulose. Die Fortschritte der medizinischen Wissenschaft haben eine Aufklärung auch in der Hinsicht gebracht, daß die Beschaffenheit der Zähne eine Be- demung nicht nur an sich und für die Leichtigkeit und Vollkommen- heit der Ernährung, sondern auch für die Erhaltung oder Gefährdung der Gesundheit im allgemeinen besitzt. Da der Mund die Eingangspforte nicht nur für die Nahrung, sondern auch für die Luft ist, so nimmt er auch den größten Teil der Keime auf, die den Menschen mit der Erzeugung von Krank- Helten bedrohen, und es läßt sich leicht verstehen, daß es durchaus nicht gleichgültig für die Abwehr dieser Keime ist, ob sie den Mund und alle seine Teile in eiliem gesunden oder in einem krankhaften Zustand antreffen. Die Frage insbesondere, ob und wie das Vorhandensein von Zahnkrankheiten mit der Entstehung von Tuberkulose in Verbindung stehen kann, hat Professor Adolf Knopf im Journal der Amerikanischen Medizinischen Vereinigung behandelt, und zwar nicht etwa vom Standpunkte eines amerikanischen Zahnarztes, der für seinen Beruf vielleicht mehr Beachtung und Verdienst herausschlagen möchte, sondern als Leiter der Abteilung für Tuberkulose eines großen, mit einer Aerzteschule verbundenen Krankenhauses. Nach seiner Er« fahrung sind schlechte Zähne zwar nicht die einzige Ursache von Eniährungsstörungen und anderen Leiden, tragen aber wesentlich dazu bei, derartige krankhafte Erscheinungen hervor- zurufen. Sind die Zähne teilweise so schlecht geworden, daß sie zu Eiterbildungen Veranlastung geben, so können fie den gelegentlich eingeatmeten Tuberkelbazillen den Zutritt zum Knochen eröffnen. Obgleich Amerika noch immer als das klassische Land der Zahn« Heilkunde betrachtet wird, steht die Zahnpflege auch dort noch durch- aus nicht auf der Höhe, die man danach erwarten sollte. Unter den Schulkindern in den Vereinigten Staaten befinden sich wahrscheinlich nicht weniger als 12 Millionen, die mit irgend einem körper» lichcn Mangel behaftet sind, und von diesen leiden fast S Millionen an schlechten Zähnen. Von anderer Seite ist sogar versichert worden, daß nach neuen Untersuchungen nicht weniger als LS Pro- zent der Kinder der öffentlichen Schulen schlechte Zähne haben! Diese Verhältnisse entsprechen durchaus denen, die auch in den sonst höchststehenden Kulturländern Europas anzutreffen sind. Profestor Knopf hält es daher für eine der wichtigsten Pflichten der Eltern, ihren Kindern beizeiten die Grundbegriffe der Zahnhygiene beizubringen, und es ist anzuerkennen, daß die Gesundheitsbehvrde der Stadt New Dork unter der ganzen Bevölkerung ein Flugblatt hat verteilen lassen, das den Eltern in wenigen Zeilen die Grundregeln für die Mund- und Zahn- pflege mitteilt. Professor Knopf vertritt die Ansicht, daß der Kampf gegen die Tuberkulose eiuschließlich der Lungenschwindsucht bei Vernachlässigung der Hygiene des Mundes gar nicht wirksam gefördert werden kann. Die geeignete Ernährung der Schwindsüchtigen spielt für die Hebung ihrer Gesundheit und damit für die Bekämpfung ihres Leidens die Hauptrolle. Ein Erfolg dieser Vorschrift ist aber nicht denkbar, wenn der Kranke schlechte Zähne hat. Knopf befürwortet daher, daß jedes Sanatorium oder jedes Krankenhaus, das eigen? für die Aufnahme von Schwindsüchtigen bestimmt ist, in engster Verbindung mit tüchtigen Zahnärzten stehen müsse. Die Erreichung des hohen Ziels, die Ausrottung der„weißen Pest", werde, so sagt er, ohne die größte Sorgfalt in dieser Richtung nicht zu er- reichen sein. Aus dem Pflanzenleben. Die Pflanze im Moment der Tierwerdung. Unter diesem Titel veröffentlicht« schon vor 80 Jahren ein Wiener Arzt eine Abhandlung über ein ganz unscheinbares Wasserpflänzchen. In der Tat ist der Wasserfaden, dieses weich wie ein grünes Blies zwischen Wasserrosen ruhende Pflänzchen, das sonderbarste Ding auf Erden. I« nachdem es ihm patzt, wächst es ehrbar ruhig, wie eS sich für eine Pflanze ziemt, oder es schlüpft aus dem scl'bsterbauten Häuschen und treibt sich im Wasser herum wie ein Fisch. Man muß es unter dem Mikroskop gesehen haben, um daS Un- glaubliche für wahr zu halten. Da sieht man. wie diese Schwärmer« alge aus ungemein zierlichen Fäden erbaut ist, die, regelmäßig ge- gliedert durch Querwände, im Innern erfüllt sind mit kleinen grünen Scheibchen, zwischen denen größere stark glänzende Kugeln zerstreut find und auch feine blitzende Körnchen. Mit nur wenig botanischen Kenntnissen errät man schon, daß diese Schwärmeralge eine wahre Pflanze ist: besitzt sie doch Blattgrün, dieselben Scheibchen, die, ge- häuft zu Millionen, die Bäume der Blätter färben. Und mit diesem Blattgrün vollführt sie auch die wahre Pflanzenarbeit: im Sonnen- licht bildet sie Kohlensäure und bildet sie um für sich in Nahrung, deren Ueberfluß sie um jene vorhin bemerkten Kugeln als Stärke anhäuft. Aber noch während wir uns der botanischen Kenntniste rühmen, beginnt die„Tierwerdung". Die feste Wandung, in der so ein Zellenabschnitt des Fadens eingeschlossen ist, reißt auf. Und sofort gerät der Inhalt der Zelle in Wallung und Unruhe, wie wenn er kochte vor Begierde, in ein neues Leben einzutreten. Da auf einmal zwängt er sich durch den Spalt. Ein grüner, unförmiger Kopf blickt hinaus in die Außenwelt. Wir wohnen einer Geburt bei, die in zehn Minuten vollendet ist. Wie sonderbar: schon ist wirklich ein Haupt geboren I Eine Art Wölbung, unabhängig vom Leibe. Da ist auch eine feine Blase herum. Jetzt taucht wieder etwas Un- begreifliches auf. Zarte Körnchen erscheinen am Wirbel des Hauptes. Und nun etwas ganz Unerwartetes. Dort, wo der Kopf ohne Hals plump an den Leib stößt, wackelt etwas hervor: wie wenn es Finger wären, ungeschlacht— jetzt ist es em Faden— da noch einer und noch einer. Und jetzt gibt eS einen Schlag, und ein ganzer Kranz feiner Haare quillt hervor und schlägt im Takle. Schon schlüpft das Neugeborene aus dem Mutterschotz: mit einem Ruck zerreißt dieses Sonntagskind seine Blase, und nun stürmt es in einem zitternden wilden Tanze dem bestürzten Auge davon. Diese„Tierwerdung" versetzt den Zuschauer in eine Auf- regung, als habe er unerlaubt in die Werkstatt der Natur ge- blickt. Mit Hast verfolgt er den tollen Wirbel, in dem das junge Geschöpfchen sein neues Leben genießt, bemerkt, wie dieser ganz unerfahrene Neuling auf Erden doch schon Bescheid weiß, wie er als grüne? Stäubchen, dem Lichte nachziehend, sich an den helleren Rand des Wasiertropfens, in dem wir ihn beobachten, begibt, dort schon eine Menge seinesgleichen findet und mit ihnen sich im Neigen schwingt, getrieben von einer merkwürdigen, uicht erlahmenden Schlagkraft seiner Härchen am Kopfe. Am nächsten Morgen ist es in ruhiges Brüten versunken und hat seine Geißeln verloren. Wenige Stunden später beginnt es wieder sein anständiges bürgerliches Pflanzenleben. Es hat sich ausgetobt und wächst nun emsig zu einer Art Würzelchen, einer Hafischeibe aus, die an irgend einem Gegenstand festklebt. Dann beginnt es sich zu teilen, und binnen wenigen Tagen ist eS ei» Waffertaden, als sei es das von jeher gewesen. I. Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwariSSuchvruckerei u.V-rl«g»anjlait�aul«lnger(k>to..BtrllnS�!„