Zlnterhaltungsblatt des'Dorwarts Nr. 181. Freitag den 16. September. 1910 cNaqdruil verböte») 511 Der entgleifte. Von Wilhelm H o l z a m e e. „Sie versagen mir ganz Ihren Rat und Ihre Hilfe, Weil?" „Ihnen zuliebe, Doktor, jal Vor dem Entscheid. Nach Ihrem Entscheid können Sie mich für alles haben. Dann tu ich alles für Sie. Denn auch, wie's die„Frau vom Meere" tut,— da mir das doch nun einmal eingefallen ist— auch wenn Sie sich ak— akklimatisieren, müssen Sie es in Freiheit tun und unter eigener Verantwortung. Soll ich nun meinen Abgang haben?" „Plaudern wir noch ein wenig, Sie haben mich nun geschuhriegelt genug." Während sie noch plauderten, kam ein Brief vom ent- rüsteten Schwiegervater an, der für die seiner Tochter an- getane Schmach keine Verzeihung finden konnte. Seine Tochter werde nicht zurückkehren. Wenn er kommen und um Verzeihung bitten wolle, so sei vielleicht, um Skandal zu der» meiden, eine Reparation möglich, andernfalls würde er einen Rechtsanwalt mit der Scheidungsangelegenheit betrauen müssen. Philipp spürte die Welt, die zwischen ihm und diesen Leuten lag. Es war noch darauf hingewiesen, wie sehr er der Familie zu Tank verpflichtet sein müßte, und wie sie es gewesen sei, die ihn aus seinen unwürdigen Verhältnissen herausgerissen habe. „Arbeitet Ihre Mutter noch?" fragte Weik. „�a.. „Sie haben Sie seither nicht unterstützt?" „Ein wenig doch: aber sie will arbeiten. Die Arbeit ist ihr notwendig wie das tägliche Brot." „Sie ist wohl sehr stark— willensstark— Ihre Mutter?" „O ja, ich glaube schon." „Hm. Aber Ihr Vater war schwach?" „Ja, sehr schwach und widerstandslos." „Dann bin ich sehr neugierig, wie Sie sein werden." Weik trat ein paar Schritte durch Zimmer und hinkte dabei. „Was haben Sie?" „Ein klein wenig Wadenkrampf. Es ist aber schon wieder vorbei." Er lächelte und ging und ließ den Doktor allein. . 20. Da war eine Wiese, die war ganz lila von lauter Herbst- zeitlosen. Die Weiden am Bach hatten gelbe Blätter, hingen aber noch voll von Laub. Das war unten im Tal. Oben auf den Höhen brannte der Wald in allen Buntheiten des Herbstes, großartig schön, majestätisch in seinem Sterbekleide, Rot, Braun, Gelb, Pur- pur auf stumpfem Grün. Und unten, die Mauer des Sana- toriums, dicht mit wildem Wein bewachsen, war eine tiefrote Borde am Gewandsaum des Waldes, der über die Ebene schleifte. Wo die Wiesen begannen, war die Stadtbleiche. Das Bleichhäuschen war nun verkästen und leer. Hier wartete Philipp. Er wartete auf Melanie. Zum Arsten Male mußten sie Versteck spielen. War das nicht dumm? Feige und ab- geschmückt? Fern sah er eine schwarze Gestalt kommen. Das war sie. Sie war ganz in Schwarz, weshalb wohl? Hatte sie Trauer bekommen? Nun schämte er sich des Versteckspielcns. Er trat aus dem Häuschen und ging ihr entgegen, Verlegen begrüßte er sie. „Haben Sie Trauer bekommen?" „Nein— und dennoch. Aber dem geb ich nicht in Kleidern Ausdruck. Es ist Zufall." „Werden wir Freunde bleiben können?" fragte er. „Warum nicht? Weik erzählte mir alles, er hat mich ein Stück Wegs begleitet. Sie können sich schonen und brauchen mir nichts zu erzählen. Und was ich nicht weiß, kann ich mir denken." „Verstehen Sie das, verstehen Sie, wie so etwas ge« schehen konnte?" „Ich verstehe es und verstehe es nicht. Aber was soll ich mich mit Suchen und Untersuchen abgeben. Ich steh» einer Tatsache gegenüber, und die ist mir leid für Sie." „Und für Sie, Melanie?" Er nannte zum ersten Male ihren Vornamen. Sie nahm es als selbstverständlich hin. „Für mich? Ich bin hier nur ein Zugvogel, der Rast gemacht hat. Ich setzte meine Reise fort, und von mir hört man nie mehr etwas in dieser Gegend, deren Menschen ebenso dumm und borniert zu sein scheinen, wie sie schön ist." „Sie gehen?" „Ja— und es ist mir leid, daß Sie bleiben müssen, und vielleicht mit der dauernden Störung in Ihrem Leben. DaS ist mir leid, und ich wollte Verantwortung dafür tragen. Aber es ist sehr seltsam, ich fühle gar keine Verantwortung. Kann man für die Dummheit der Leute verantwortlich sein?" „Auch ich gehe!" sagte Philipp ruhig und fest. Melanie sah ihn erstaunt und groß an. „Auch Sie gehen? Doktor? Sie?" Das Blut stieg ihm zu Kopfe, der Herzschlag zu Halse. „Ja, unbedingt!" brach er erstickt und heiser heraus. „Doktor, wenn Sie's nicht müssen, tun Sie's nicht. Sie wissen noch nicht, ob Sie's können. Sie wissen nicht, ob Sie das Gewissen dazu haben. Das ist noch mehr, als die Krafh dazu haben. Seltsam, die gestörten Klänge in mir, die haben Sie mir zu Akkorden geeint— und Ihnen habe ich die klaren Akkorde gestört. Es war anfangs, wissen Sie noch, wegen meiner Geige, daß ich Sie bat, Sie sollten sie mir stimmen. Und dann war's wegen mir. Es war mir so eine Seligkeit, zuzulauschen, wie die Töne rein wurden. Es war so das Gleiche wie in meiner Seele, und ich genoß es lange nach. Ach, ich danke Ihnen so sehr, ich danke Ihnen so innig, Doktor." Sie nahm seine Hände und sah ihm in die Augen. So stand sie eine Weile. „Darf ich Ihre Stirne küssen, Doktor? Oder ist das dumm?" Er erglühte und neigte seine Stirne. Sie küßte sie warm. Dann brannte der Kuß kühl weiter. „Doktor, und ich habe Ihnen so viel Leid gebracht, wo ich Dank hätte bringen sollen." Ihre Augen wurden größer und glänzender, ihre Pupillen weiter, und in den Winkeln standen die Tränen. Er sah tief hinein und zitterte. „Sie haben mir Glück gebracht." „Aber Glück kann Kummer bringen." „Und ich bin derjenige, der dankbar sein muß. Ich habe die Wirkung von einem Menschen gespürt, dessen Seele zu mir sprach. Das hatte ich nicht gewußt, was es ist. Das hatte ich vielleicht nur bei meiner Mutter gewußt, so daß es dieser Wirkung zu vergleichen wäre. Wir waren uns doch mehr, Melanie, als Freunde. Gestehen wir's uns." Sie ließ die Arme sinken und neigte den Kopf auf die Brust. Dann drehte sie sich von ihm ab und sah in die Weite, über der ein fahler Glanz lag. Sie seufzte tief. „Es klingen seltsame Stimmen in mir. Sie sind süß. Und sie tun doch alle weh." sagte sie abgewandt vor sich hin. „Es fallen Grundsätze von nur ab. Vergangenes sinkt sachte ins Nichts. Warum haben Sie mich das gefragt?" „Weil ich mußte— weil es mir klar geworden." „Weil es Ihnen klar geworden? Ja, wenn etwas klar wird in einem, dann wird es auch gleich so stark. Und dann ist es für immer da. Dann besitzt es einen, dann verliert es sich nicht mehr. Dann ist es so unerbittlich und herrisch." „Tut es Ihnen leid, Melanie?" Nun zwang sie sich zusammen. Sie hob den Kopf und drehte sich nach ihm um. „Leid tun? Nein! Ich bin Ihnen dankbar. Es ist schön für mich und groß— und traurig. Weil es so gegen meinen Willen ist. Weil ich hatte stärker fein wollen, und weil es nun stärker ist."> -.Also warön wir uns doch mehr, Melanie?" „Ja," sagte sie voll und warm,„ja. ja, wir sind uns mehr." Sie nahm seine Hände. „Darf uh Ihren Mund küssen, Melanie?" «Ja. ja, tun Sie es— und ich küsse den Ihren!" Sie küßten sich warm und ungeschickt. „Das ist nun das erste Unrecht," sagte sie. „Bereuen Sie es nicht?" „Nein!" Und sie umschlang ihn und küßte ihn wieder. -„Aber damit geben wir den anderen recht. Mögen sie recht haben, ja, mögen sie es, so haben auch wir recht. Sie waren ja die, die zuerst unrecht hatten". Hand in Hand gingen sie den Weg hin, der sich zwischen den Weiden und Pappeln verlor.• „Du Liebe!" sagte er. „Du Lieber!" sagte sie. Und sie wiegten leicht m,t den Armen. �,. „Was werden wir nun tun?" sragtc Philipp nach einer Weile. Sie ließ seine Hand los. Dann drehte sie sich wieder von ihm ab. Sie sah nach deni Sanatorium und dem Stüdt- chen hin, über dem schon mild der Glanz des Abends lag, der noch nicht die Berge heraufgestiegen war. „Ist das nicht Deine Welt— die Welt, die Dir eicjen ist? Sehen Sie mal da hin, Doktor!" Sie wies in der Richtung. „Willst Du mich verspottcii, Melanie?" „Nichts liegt mir ferner. Aber Du mußt Dich prüfen, auch wenn es Dir weh tut. Sieh, Du bist nun in etwas getrieben. Du weißt nicht, ob es noch in Dir lebendig sein wird, wenn die Hetze aufgehört hat. Du kennst Dich noch nicht. Du weißt nicht, was in Dir nachhält. Wir Frauen sind uns immer rascher über uns selber klar. Wir sind�s eben gewöhnt, uns immer und in allein ganz einzusehen. Für uns steht immer alles auf dem Spiel. Das hat imsere Selbst» erkenntnis geschärft. Die Eure ist langsamer, bedächtiger, ab» wägender." „Kommt Dir das ans dem Herzen? Spricht Dein Herz eben?" „Mein Herz?"— sie drehte sich noch ein wenig mehr von ihm ab—„meine Erfahrung. Und da ich Dir an Er» fahrung überlegen bin, und Du nur ein Kind in Dir selber bist.—" Sie schwing. Er wartete. Sie ging ein paar Schritte davon. Er folgte nicht. „Darf ich sagen, was ich sagen will?" frug sie herüber. -„Auch wenn es hart und grausam und wahnsinnig ist?" Sie stand ihm immer noch abgettandt. „Ja," bat er und blieb weiter auf seinem Platze stehen. „Weil ich Dir so nahe sein müßte. Lieber, so nahe— laß mich weit von Dir sein. Halt Dich nicht an mich tu nichts um meinetwillen— tu alles, was Du tust, nur um Deinetwillen. Tu's ganz allein, ganz frei, ga»S rücksichtslos. Vielleicht bin ich nur«ine gleitende Welle in Deinen, Leben — Du wirst Dir klar werden, ob ich Dir mehr bin. Und glaub mir— vertraue mir—>vcnn ich Dir mehr bin, wenn Du's ganz fest und sicher weißt, so hast Du mich, wenn Du mich haben willst. Nein, nein, nein— wenn Du mich haben willst, so hast Du mich gleich!" Sie drehte sich nach ihm um. „Ich bin Dein, wenn Du mich willst," sagte sie schlicht. Philipp stand noch immer an seinem Platze und rührte sich nicht. Sie standen nun auf die kleiiie Entfernung Auge in Auge. Sie sahen einander fest an. Philipp ging zu ihr hin. Sie blieb stehen, wie sie stand. Die Arme hingen ihr schlaff herab, ihr Gesicht war ihm frei z,«gekehrt, ihr Körper war willenlos. Er umschlang sie und flüsterte: „So sollst Tu weit von mir sein, Tu Starke, Du Kluge!" Sie umhalste ihn und küßte ihn. „Du lieber Mann! Du lieber Mann!" stammelte sie. Ihre Stimme zitterte vor Freude und Ueberwindung. „Tu Mann!" und sie preßte ihn heiß an sich und biß ihn in die Lippen. Dann sank sie leise von ihm ab. „Ich danke Dir, Lieber! Und nnn wollen wir uns wirk» lich recht geben— oder unrecht geben— wie wir's müssen! Wie wir's müssen," niederholte sie.„Dann wird es so ein schönes und Großes sein, und ein freies und sieghaftes Lieben!" Er erwiderte nichts. „Aber Du bist ohne Zwang, Lieber! Du brauchst mich vie zu suchen. Aber Du wirst mich immer finden, wenn Du mich stichst! Und Du bist ohne Vorwurf und Reue, nichts bin ich Dir, laß es Dir keinen Schatten sein, wenn Du mich nie suchen willst. Ich bleibe Dir dankbar— für diese Stunde und für alle Stunden, die Du mir gegeben hast." (Fortsetzung folgt.), 2) Sünde und Buße. Von u go O j e t t i. Berechtigte Uebcrsetzung aus dem Italienischen von Friedrich Eich. Der arme Pfarrer zitterte noch immer. Er stammelte, indem er die alte Stola zurechtrückte und mit der Handfläche die Falten glatt strich, die Santinos Hände hineingedrückt hatten: „Du hast recht, mein Sohn. Du hast recht. Verzeihe einem elenden Greise, der nicht wußte, was er tat. Ich habe gesündigt wie Tu, jetzt sogar mehr als Du. Verzeihe mir und sprich weiter." Santino hatte fich wieder beruhigt. „Jetzt habe ich Ihnen nur noch wenig zu sagen. Ich habe nn- gefähr viertausend Lire gestohlen vor vier Jahren, sechstausend Lire vor zwei Jahren..." „AuS dem Geldschrank des Grafen Anzilei? Bist Du es gc- Wesen, der am Sonntag, während alle in der Messe waren..." „Lassen Sie das. Und dreitausend Lire im vergangenen Jahr. Sagen Sie mir meine Buße und sprechen Sie mich meiner Sünden ledig." „Buße? Absolution? Aber ich muß doch erst Deine Gemüts- verfassuug kennen und nicht nur Deine Handlungen. Hast Du das bereut, was Du getan hast?" „Sa bereut, daß ich neulich eine prächtige Gelegenheit zum Stehlen unbenutzt vorübergehen ließ. Das genügt doch wohl." „Das genügt nicht, das genügt nicht. Du mußt das unrechte Gut Deinen Opfern zurückgeben." „Vor allen Dingen betrifft es reiche Leute, die, man kann Wohl sagen, keinen Schaden dadurch erlitten haben. Der eine hat noch nicht einmal den Diebstahl angezeigt, weil er Furcht hat, daß das Gericht ihm auch die Gelder nimmt, die ich ihm gelassen habe." „Aber die Tat als solche..." „Und dann: ich habe leinen Pfennig mehr." „Und loas hast Du mit all dem Gelde gemacht?" „Zum Teil habe ich es ausgegeben... schlecht ausgegeben, und auch das reut mich. Zum Teil habe ich es in Geschäfte gesteckt, die alle mißlangen. Und einen Teil, einen großen Teil.. „Wa ist er?" „Den habe ich Ihnen gegeben. Don Pietro." Der Schlag traf ihn noch einmal hart. Don Pietro hatte wegen dieser ungeheuerliche» Neuigkeit fast den eigenen Sckzaden ver- gessen. Er fuhr sich mit der Rechten über die Stirn, auf der der Schweiß perlte. „Aber warum hast Du es mir gegeben?" „Um Verzeihung von Gott zu erbitten für die Tat, die ich begangen hatte. Ist das auch eine Sünde? Hätte ich alles für mich behalten sollen?" „Aber nein, aber nein! Du hätt-st alles zurückerstatten sollen: das hättest Du tun müssen." „Wenn ich das getan hätte, wäre ich heute nicht hier, und Sie hätten in den drei Jahren nichts bekommen. Ich habe gesündigt, das weiß ich. Aber ich bin als Christ geboren und will mit der Verzeihung Gottes sterben. Sie können mir diese geben. Wollen Sie das tun?" Don Pietro fühlte sich einer Ohnmacht nahe und war so weiß geworden wie sein Haar. „Mein Sohn, ich fühle mich schlecht..." „Sic haben noch nichts zu sich genommen. Ich hatte es Ihnen ja gesagt." „Ich fühle mich nicht wohl, ich kann jetzt nicht nachdenken. Der Schlag war zu hart. Komm morgen zurück... Nein übermorgen.. Ich werde nachdenken, werde den Fall prüfen... Deinen Fall und den meinigen... Denn auch ich, Du wirst begreifen, und die Kirche, die auf solche Weise ganz restauriert worden ist.,. mit diesen Geldern..."» „Schön. Ich werde übermorgen zurückkommen. Aber ver- suchen£He, Mut zu fassen; lassen Sie kein Wort darüber ver- sauten... Auch für die Kirche hier wäre es nicht klug." „Wo denkst Du hin? EL tst Beichtgeheimnis, Beichtgeheimnis: Ich kenne meine Pflicht." Santino war aufgestanden und hatte seinen Hut Wiedergenom- men. Don Pietro blieb ganz verstört sitzen. Santino faßte ihn sanft unter den Arm und half ihm beim Aufstehe». „Sprich wenigstens für die Madonna ein Avc-Maria." „In diesem Zustande? Wenn Sie mir eine Antwort gegeben haben werden.. Ton Pietr» konnte kaum gehen. „Lassen Sie mich nur machen. Ich schließe ob." sagte Santino. Er legte das Meßgewand vollends zurccht in der Schublade, faltete darüber die Stola und die Meßbiude, schloß den Schrein und legte bann den Schlüssel ,n ein Persteck aus dem Rand des Waschbecken». .Woher weißt Du. daß wir den Schlüssel dort Versteckens" »Gehen Sie und trinken Sie Ihren Kaffee. Don Pietro. Ich gehe durch die Kirche hinaus." Und er verließ den Raum. »» Die dringendste Aufgabe für Don Pietro tvar jetzt die Be- freiung seiner Kirche von der Schande jener Geschenke. Von dem ersten Geschenk hatte er das Dach wieder instand setzen und die drei Kirchenschiffe rosa, die Säulenfüße und die Bekleidung der Türen blau anstreichen lasten. Von dem zweiten Geschenk hatte er der Mrdonna mit dem Nosenkranz einen Altar aus Stuck errichtet und von einem Maler, der ZeichenlehrermS Körper« darstelle», während die anorganischen Stoffe, vom Wasser abgesehen, also die Salze(Eisen-, Natriuin, Kalium-, Calcinm» salze usw.) nur in minimalen Mengen in den Zellen enthalten sind, müssen natürlich dem Körper ständig in hinreichender Menge zugeführt werden. Wenn die organischen Nahrungsstoffe. Eiweißstoffe, Fette und Kohlehydrate einander auch nicht gleichwertig sind, so läßt sich doch keiner von ihnen aus dte Daner ohne Schaden entbehren. Immerhin sind von ihnen die Eiweiß- stoffe die wichtigsten. Dies läßt sich damit schon begründen, daß nur sie imstande find, längere Zeit die übrigen organischen Nahrnngsstofse, Fette und Kohlehydrate, zu vertreten, während sie selbst durch keinen anderen Stoff ersetzt werden können. Darüber gibt wieder das Tierexperimcnt Auskunft. Ein Hund kaiin wohl mit Etweihnahruug allein am Leben erhalten werden, geht aber zu» gründe, sobald man ihn nur mit fett- und kohlehydrathaltiger Nahrung sütlert. Das Eiweiß, von dem es eine«nßerordentlich reichlich- Menge verschiedener Arten in» Blut, Fleisch, in der Milch, in allen Organen des tierischen Körpers, in den Pflanzensamen gibt, ist das Ideal der lebendigen Substanz; es dient vor- wiegend zum Aufba'.« der Gewebe, während Fette und Kohlehydrate das H e i z m« t e r i a l des tierischen Organismus darstellen, dessen Verbrennung die Wärme unseres Körpers und die Energie erzeugt, vermöge deren wir Bewegungen ausführen, das heißt Mnskelkrast verrichten. Zu jeder Verbrennung ist Sauerstoff nötig; der Sauer- stoff, den die Körperzellen zur Verbrennung der ihnen mit Blut und Lymphe zugesührten Brennmaterialien benötigen, gelangt mit der Aimung auf dem Wege über die Lungen, wo der Gasaustausch(die Aufnahm« von Sauerstoff und die Abgabe der Kohlensäure) statt» findet, in das vlnt und dainit in alle Gewebe des Organisn, uS. Natürlich ist also die Zufuhr einer genügenden Menge von Fetten und Kohlehydraten von größter Wichtigkeit; eine ausschließ» liche Eiweißkost unter Verzicht ans die übrigen organischen Nahrungs- stoffe ist weder Tier noch Mensch dienlich, wenn sie auch gegebenenfalls längere Zeit hindurch ausreichen würde, vorausgesetzt, daß der Mangel an anderen Stoffen durch eine entsprechende Ber- n, e h r u n g der Eiweißzuflihr ausgeglichen wird. Den Nahrungs- verbrauch eines erwachsenen Menschen drückt man durch das so- genannte Kostmaß auS, das in präziser Form zuerst von den» Berliner Ernährnngsphtzsiologen Max R u b n e r festgelegt wurde. Es gibt an, wieviel an Eiweiß, Fett und Kohlehydraten dem Körper innerhalb 24 Stunden zugeführt werden muß, damit sein Stoff- bestand erhalten bleibt. Folgende DurÄicbnittszahlen wurden da- bei ermittelt: für den ruhenden Mann: 100 Gramm Eiweiß. 60 Gramm Fett, 400 Gramm Kohlehydrate; für den angestrengt arbeitenden: 130 Gramm Eiweiß, 100 Gramm Fett, 500 Gramm Kohlehydrate. Natürlich kann man dem Kostmaß mit sehr verschiedenartigen Nahrungsmitteln gerecht werden; so nimmt man ein erforderliches Ouantnm Eiweiß, etwa 130 Gramm, zu sick, wenn man 300 Gramm Käse oder 000 Gramm Erbsen oder 000 Gramm Fleisch oder 18 bis 20 Eier tagsüber genießt. Die Rücksichtnahme auf unseren Appetit, der dauernd kleiner ErregungSmittel bedarf, sorgt natürlich dafür, daß in möglichst mannigfacher Weise, mit denkbar größter Ab- wechselung das erforderliche Kosimaß innegehalten wird. DaS_ift Sache der Empirie fErfahrungi; das weiß jede gute Köchin besier als die klügsten Theoretiker. Die organischen Nahrungsstoffe, die wir als Fette, Kohlehydrate und Etweißfürper ständig genießen, können nun nicht in der Form, in der wir sie aufnehmen, vom Blute resorbiert und zum Stoff- aufbau und Stoffersatz oder zur Wärme- und Energieerzeugung verwendet werden, sondern unterliegen einem sehr komplizierten Spaltungsprozeß, der eben durch die Wirkung der V e r d a u u n g s- fermente vonstatten geht. Zumal das Eiweiß, das hauptsächlich zum Ersatz und Aufbau anderer Eiweißstoffe zu dienen hat, unter- liegt in den zahlreichen Organen, die es nach seiner Aufnahme zu durchlaufen hat, einer komplizierten chemischen Zersetzung; die dabei entstehenden Spaltungsprodukte werden alsdann wieder zusammen- gefügt, und zwar zu den spezifischen Eisweißstoffen des menschlichen Organismus, so wie sie in den einzelnen Geweben, im Blut, Fleisch, Knochen, in der Nervensubstanz, der Haut gerade be- nötigt werden. 'Diese ZersetzungS- und Aufbauungsvorgänge gehören zu den wunderbarsten Vorgängen, die sich im Innern linscres Körpers ab- spielen; ihre Chemie ist uns dank den Forschungen der ErnährungS- Physiologie ziemlich geläufig, sodaß wir über sie genauer berichten können als über die meisten anderen Lebensvorgänge. Die Vor- dauugSenzyme. die die Aufspaltung der Nahrungsstoffe bewirken, be- finden sich in den die Nahrung bespülenden Sekreten der Verdauungs- drüsen, den drei Mundspeicheldrüsen, der Bauchspeicheldrüse und den Drüsen des Magens und Darmkanals. Die Enzyme sind Stoffe, die den Eiweißkörpern nahestehen; über ihr chemische Zusammen- setzung ist man noch nicht genauer unterrichtet. während man über ihre Funktionen ganz gut Bescheid weiß. Für die drei verschiedenen Klassen von Rahrungsstoffen finden sich ebensoviele verschieden wirkende Enzyme, sodaß man tvohl annehmen darf, daß sie mit den Stoffen, auf die sie zu wirken geeignet sind, in einem inneren Zusammenhang auch hin- sichtlich ihres Ursprunges stehen. Emil Fischer, der berühmte chemische Experimentator, dem tvir zahllose Erfindungen aus dem Gebiete der organischen Chemie verdanken, hat sehr anschaulich darüber gesagt: Enzym- und Substanzmolekül müffen wie Schlüssel und Schloß ineinander passen, wenn eine Wirkung erfolgen soll. Entsprechend den NahrungSstoffeu unterscheidet man stärke- s p a l tse n d e und diastatische Enzyme, die Stärke, Dextrin und verwandte Kohlehydrate in Zucker zerlegen, fettspaltende Enzyme, die Fette in ihre Bestandteile, Fettsäuren und Glyzerin, spalten, und schließlich eiweiß spalte»de Enzyme, die das komplizierte Eiweißmolekül in einfachere Körper, zuletzt in Amido- säuren, die einfachsten Bausteine des Eiweißes, aufteilen. Die auf die Kohlehydrate einwirkenden Fermente finden sich im Mundspeichel und im Sekret der Bauchspeicheldrüse, die settspaltenden ebenfalls im Panlreassaft, das heißt: im Sekret der Bauch- sprich eldrüse, und die eiweißspaltenden im Magensast und wiederum im Sekret der Bauchspeicheldrüse. Bon dem Eiweißfermenl des sauren Magensaftes, dem Pepsin, wird das komplizierte Eiweißmolekül zunächst in Eiweißstufen, die sogenannten Albumosen und Peptone, zerlegt, die alsdann unter dem Einfluß des Trypsins, des von' der Bauchspeicheldrüse gebildeten Fermentes, in einfachere Abbauprodukte zerteilt werden. So wirken auf die aufgenommene Nahrung in den verschiedenen Abteilungen des Verdauungsrohres, in Mund, Magen. Darm, jeweils die sür die einzelnen Nahrungsstoffe spezifischen E n z y m e. Schon im Munde wird Stärke zum größten Teil in Zucker zerlegt, im Magen werden Eiweißstoffe in ein'sachere Produkte. Albumosen und Peptone, gespalten und im Zwölffingerdarm, in den die Bauchspeicheldrüse ihr enzymreiches Sekret ergießt, Fette in Glyzerin und Fettsäuren geschieden. Außerdem werden durch die anderen Enzyme der Bauchspeicheldrüse die im Magen schon in Peptone zerlegten Eiweißkörper weiter beeinflußt und in noch ein- fächere Produkte zerlegt: in Leuzin, Tyrofin, Glykokoll usw., Verhältnis- mäßig einfach zusammengesetzte Stoffe, dieAmidosäuren genannt werden »md die einfachsten Bausteine des komplizierten Eiweismolekülcs dar- stellen. Sodann enthält der Baiichspeichel noch ein diastatisches Ferment, daS die Wirksamkeit der Mundspeicheldrüsen unterstützt, in- dem es die Spaltung der Kohlehydrate, vor allem der Stärke, in den leicht resorbierbaren Zucker vervollständigt. Die also gespaltenen Nahrungsstoffe treten nunmehr aus dem Inneren des Darmes in die zahlreichen Blut- und Lymphgefäß- kapillaren ein, die in dichtester Menge die Darmschleimhaut durch- ziehen; fie werden resorbiert und darauf entweder auf synthetischem Wege zu neuen Körpern aufgebaut, wie fie zum Ersatz und Wachstum des Körpers nötig sind, oder sie lverden mit Hilfe des Blutsauerstoffes verbrannt, um dem Organismus die bei diesem Prozeß entstehende Wärme und Energie zugute kommen zu lassen. Die Eiweißstoffe dienen vornehmlich dem Ausbau des Körpers, sie werden nur zum geringen Teil verbrannt, in höherem Maße nur dann, wenn Mangel an Fetten und Kohle- Hydraten, den eigentlichen Heizmaterialien, vorbanden ist; letztere hingegen werden im gesunden Organismus vollkommen verbrannt zu Kohlensäure und Wasser, den beiden Endprodukten jeder voll- kommenen Verbrennung. Sie heizen den Körper, wie die Stein- kohlen die Dampfmaschine heizen; sie erzeugen dabei die Wärme unseres Körpers als Produkt der Verbrennung und setzen die Wärme in Mnskelenergie um. ganz ähnlich wie die Verbrennungswärme der Steinkohlen die mechanische Kraft der Dampftnaschine erzeugt. Die Eiweißstoffe hingegen bilden den Bestand unseres Körpers, liefern das Baumaterial und werden nur in Zeiten größter Not als Heiz» körper zur Wärmeproduktion ausgiebiger benutzt. Gg. Wolff. Gleims feuilleton. Astronomisches. Die Wiederkebr des Kometen d'Arrest. Der Komet, der am 27. Juni 1851 durch den Astronomen dÄrrcst in Leipzig entdeckt mid dann nach ihm benaimt wurde, ist unter den Haarsternen einer der häufigsten Besucher. Seine jetzige Wiederkehr gibt Veranlasiung, das Wesen und die Geschichte dieses Kometen, der in mehr als einer Beziehung merkwürdig ist, zu erörtern. Im ganzen sind jetzt 19 Kometen bekannt, die in einer geschlossenen Bahn um die Sonne laufen, und es gibt ihrer nur 5. die in mehr als einer Wiederkunst beobachtet worden find. Von berühmten Kometen gehören zu ihnen der Halleysche, der Bielasche und auch der von dÄrrest. Seine Bahn wurde schon von dem Entdecker berechnet, später aber mit noch größerer Genauigkeit festgestellt. Der Komet d'Arrest ist einer von denen, die wahrscheinlich bei ihrer An- Näherung aus dem Weltraum von der Masie des Planelen Jupiter angezogen und fortan innerhalb des Sonnensystems festgehalten worden sind. Bei seiner größten Sonnennähe geht er zwischen den Planeten Erde und Mars hindurch, während der Punkt seiner größten Soimenserne etivas jenieils der Jupiterbahn liegt. Die Dauer eines Um- lautes beträgt 0 Jahre 8 Monate l Woche und Hai sich seit der erstmaligen Beobachtung um etwalOOTage verlängert, was wiederum der Anziehung durch den Jupiter zuzuschreiben war, dem der Komet im Jahre 1861 allzu nahe kam. Ein ganzes Heer von Astronomen bat sich mit dem Kometen d'Arrest beschäftigt, und daher ist seine Bahn so genau bekannt, wie kaum von einem seiner Kameraden. Insbesondere hat ihn der Parlier Astronom Leveau vorgenommen und für jede vor- anssichtliche Wiederkehr die genauen Verhältnisse rechnerisch nach- gewiesen. Dadurch sind die astronomischen Grundlagen für die Ver- folgung diese« Gestirns zu einer solchen Vollkommenheit ausgearbeitet, daß es in diesem Jahre, obgleich man den Kometen seit 13 Jahren nicht mehr gesehen hatte, fafl genau an der Stelle des Himmels ausgefuiiden wurde, wo er nach den Berechmiilgen stehen sollte I Für diesmal hat der Komet d'Arrest die Bezeichnuug 1910o erhalten, weil er der dritte in diesem Jahre beobachtete Komet gewesen ist, nänflich nach dem überraschenden.Tageslichtkometen" von Johannis- bürg und dem Halleysche». Dein bloßen Auge bietet der Komet d'Arrest freilich nichts, lind es gehört schon ein recht tüchtiges Fern- rohr dazu, um ihn wahrzunehmen, da seine Helligkeit nicht größer ist als die eines Sternes der 14. Klaffe. Außerdem kann man seiner selbstverständlich mit dem hochempfindlichen Mittel der phologrophi- schen Platte habhaft werden. Immerhin hat die geringe Lichtstärke des Kometen seine Auffindung häufig vereitelt, denn seit seiner Eni- deckmig ist er im ganzen nur fünfmal gesehen worden, obgleich seine diesjährige Wiederkehr die neunte ist. Im Jahre 1857 wurde er zwar gesichtet, aber nur von der Kapslernwarte aus. Im Jahre 1364 war er. überhaupt nicht zu fassen, im Jahre 1870 dagegen konnte er vier Monate lang verfolgt und auch 1877 wiedergefunden werden. DaS nächste Mal(1384) blieb er damr wieder aus. 1897 konnte ein Astronom der Lick-Slernwarte nicht mehr sagen, als daß er mit einem hervorragenden Kometeniucher an der be- treffenden Himmelsstelle etwas gesehen habe, was er für den Kometen habe hallen müssen. Auch im Jahre 1903 war der Komet überhaupt nicht wahrzunehmen, weil seine Stellung damals besonders ungünstig war, während er diesmal sehr gute Bedingungen für die Betrachtungen darbietet, namentlich sür südlich gelegene Sternwarten. Jedenfalls gehört der Komet dÄrrest zu den unansehnlichsten Gestirnen seiner Art und im Jahre 1370 be- zeichnete ihn der berühmte Kometenforscher Winnecke als den .schwierigsten" Kometen, den er jemals gesehen habe. Nach einer Mitteilung von Gonncssiat an die Pariser Akademie der Wissen- scbaften bietet der Komet jetzt den Anblick eines schwachen Nebel- flecks von zwei Minuten Durchmesser mit einer geringen Verdichtung m der Mitte. kerantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Perlag: PorwarliBugjSrlllterel u.Perl«g»anjttlltPaulS,uger t!rEo..>vcrim2Al.