Ilnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 183. Dienstag den 20. September. 1910 l?ia»dru« verbot»«.) 63� Oer Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. Die Feierabendglocke tönte vom Städtchen her. Ein Klang herüber aus einer fernen Welt. Aus dem Lande der Gleichgemachten und Uneigenen, der Braven und Richtenden. Weiks Harmonieerklärungen fielen ihm ein. War dort nicht Harmonie bei diesen guten Bürgern, und braven Spießern? Gleichklang? O ja, weil Klanglosigkeit, weil kein eigener Klang. Aber war davon nicht schon viel stark und wirksam in ihm geworden? Er sah ins dämmernde Land hinaus— und hell wuchs daraus das Bild seiner Heimat. Damals, als er ein Bub war und widerhaarig war und seine Streiche verübte, als er sich mußte strafen und„stumpieren" und zurückstellen lassen, war er da nicht viel eher er selber als heute? Oder muß man gleich eine Heldenseele und ein Ganz- bevorzugter sein, um sein Leben nach eigener Fasson leben zu dürfen und es auch danach gestalten zu können? Diesen Idealismus verwirklichen zu können? Aber hatte er nicht diesen Idealismus in seinem Berufe? Hatte er seinen Beruf nicht deshalb erwählt und sich zu ihm durchgehungert und durchizequält? Ach nein, das ist vorbei für ihn— dieser ganze Idealismus hat sich in der Suppenfrage aufgelöst. Das voll- zieht sich ganz von selbst, und wenn einer wäre, in dem sich's nicht vollzöge, der wäre ein fossiler Sonderling. Freilich— nur die Dinge, die flach und platt auf der Erde liegen, trotz- dem zwischen Himmel und Erde heben! Dem Stande seinen Glorienschein erhalten. Er bohrte seinen Gedanken auf einen dunklen Punkt. Im Zimmer tickte und tackte die Uhr. „Beruf," sagte Philipp vor sich hin,„Idealismus, Harmonie, Stand— lauter Worte. Und wenn ich einem den Körper geflickt und die Knochen geheilt habe, was Hab ich ihm innerlich gegeben? Nichts! Oder hatte ich einem eine seelische Nahrung zu bieten, eine Wegzehr, ein Almosen nur aus meinem Erfüllten und Erfülltsein? Nichts! Denn was ich zu geben hatte, das war die Kasernenkost aller, eine eigene Küche hatte ich nicht. Die konnte im Idealismus des Berufes, in meinen Standes- und Menschenpflichterfüllungen nicht aufgetan werden." Die Uhr wurde so laut und kreischend. „Vertrauern und versauern— nur wer vom Kampf des Lebens weiß, weiß vom Leben. Und von sich selbst. Ob siegen oder unterliegen, das ist gleichgültig. Es will das Leben gewagt fein. Es will es mit uns selber gewagt sein. Wo's auch hintreibe— Weif hat recht— es kommt nicht auf den einzelnen an— wir haben alle nur Teil an einer Kaiser- kröne, und dafür bekommen wir Wadcnkrämpfe und Ordens- kreuze— auch eine kaputte Brust oder einen ruinierten Schädel." Drüben wo ging ein Licht auf— und dahinter gab es einen helleren Schein. Da lag Worms, die Siegfriedsstadt. Nun fiel ihm Melanies Adresse ein: Unris. bureau des postes 96, Grand Hotel. Paris! Es lag etwas Seltsames in dem Worte auf einmal. Da ging auf einmal ein Weg auf— da stand ein Tor sperrangelweit offen. Paris! Er wußte nun, er hatte hier Abschied genommen— und wie aus einem Dunkel war es aufgetaucht, wohin er sich wenden wollte. Ins Leben! In seinen Kampf. Da, wo es am bewegtesten und am gefährlichsten war. Paris! Er schrieb Weik ein paar Zeilen und die Postadresse, dann schrieb er noch einmal an seine Mutter. Und nun fort, so rasch wie möglich fort. „Aber es drängt doch nicht," sagte er nch. „Doch," antwortete er,„das Leben drängt." 2. Philipp fuhr in die Welt, in iu>. �reuwe. Er sagte sich stumm das Wort: Fremde. Ganz andächtig und mit dieser leisen Angst, die in aller Andacht ist. Diese Landschaft, dt« Dörfer, die Städtchen, die Menschen, die Wolken, der Himmel, die Sonne— das alles war Fremde. Es war anders als zu Hause. Es brachte ihm nichts von ihm selbst entgegen, eS hatte nur sich und bot sich ohne innere Bewegtheit, bot sich fremd dar. Das war wieder das Wort. Und nun sann er lange nach über diese Wechselwirkung von den Dingen zu un? und von uns zu den Dingen. Dann begann er seine Mitreisenden zu studieren. Sein« Augen fragten, fragten in sie. Was mochte jeder erlebt haben, was erleben wollen? Wo hatte das Leben seine Spuren hinterlassen, seine Zeichen geschrieben? Was jeder Mensch erlebt, ist er selbst, die Menschen finden nur oft die Zusammenhänge nicht. Und wie jeder erlebt, das macht ihn, seine Art, seine Armut oder feinen Reichtum, seinen Wert oder Unwert. Das ist sein Besitz, zu Glück oder Leid. Denn keiner entflieht sich selbst. Er stand auf und stellte sich ans Fenster. „So trägst Du nun in die Fremde Dein Schicksal, und bald wird sie Dir's entgegenbringen, und es wird Dir um so deutlicher sein, als sie ganz unbeteiligt an Dir ist." Das murmelte er vor sich hin und riß sich den Bart. Etwas Jubelndes zog in ihm ein. „Ein Schicksal haben, ganz gleich, ob gut, ob schlecht, ob zur Niederlage oder zum Siege— nur ein Schicksali haben! Nur nicht gleichgcbügelt sein im allgemeinen, nur nicht nichts weiter sein als eine tote Nummer, einer, der bloß bei der Anzahl mitgezählt wird, aber nicht in die Wag» schale fällt, wenn es auf den besonderen Wert ankommt." Paris! Man stieg aus. Er stellte seinen Koffer hin und schaute sich um. Ein Gepäckträger nahm ihn auf. Er schritt lächelnd hinter ihm drein. „Paris!" sagte er sich, und noch einmal:„Paris!" und mit einem Behagen, als ob er einen seltenen Wein schlürfe: „Ich bin in Paris!" Die Lichtstadt l Zunächst war Philipp enttäuscht: Pari» war ihm nicht hell genug beleuchtet, und das Wort Viktor Hugos hatte auch nach dieser Seite eine Vorstellung in ihm erzeugt. Freilich, was die Straßenlaternen versäumten, da» holten die Schaufenster nach. Aber die kleinen Gassen, di« nach dem Montmartre führten, die waren doch recht düster und blieben's trotz der Läden, die zu Besuch und Betrachtung mit reichem Lichte lockten, selbst der Boulevard Magenta, trotz seiner besseren Beleuchtung, blieb hinter seiner Vorstellung zurück. Die großen Boulevards— auf die war er gespannt — die würden ihm die eigentliche Sensation geben. Noch am Abend, trotz der Reisemüdigkeit, wollte er sie sehen. Er hatte den Plan von Paris nach dem Bädicker gut studiert— er würde sich schon zurechtfinden. In einem kleinen Hotel auf dem Montmartre, das ihm unterwegs empfohlen worden war, hatte er Logis genommen. Nachdem er sich ein wenig restauriert hatte, trieb's ihn fort, hinunter in die Stadt, hinein in das reiche Leben. Er ging die Rue Fontaine hinunter, die Rue Notre Dame de Lorette, Rue du Faubourg Montmartre weiter: er stand auf den Grands Boulevards. Die Straßenbeleuchtung war heller, die Restaurants strahlten im vollen Lichte, ebenso di« Läden mit den geschmackvollen und außerordentlich wirksam arrangierten Schaufenstern. Die Menschenmenge auf den Trottoirs, die Wagen und Omnibusie im Hin und Her. lange Züge, das Geschrei der Zeitungsverkäufer, die kleinen Straßenscnsationen, rasch zum Verkauf � eines niedlichen Spielzeugs im drängendsten Verkehr inszeniert, die plaudern» den, gestikulierenden, lesenden, trinkenden Menschen, elegante Männer und elegante Frauen! Auffallende Erscheinungen durch Kleidung. Gebaren, Schönheit, Ausdruck, Tracht, durch die Gepflegtheit der Haare, die Eigenart der Frisur, dann wieder durch die genialische Vernachlässigung im Anzug, die Selbstaesälligkeit im Auftreten, die bestrickende Leichtigkeit des GeHabens! Er wurde nicht strtig, nach allen Seiten zu schauen und seine Beobachtungen zu machen. Menschen, die ihm gefielen, die zu einander, zu ihrer Umgebung paßten: wie sie auch auftraten, was sie auch taten, geschickt alles und fttc ottf eine guten Bühne, wo alles Nbsichtlsche 8ur'ch die Vollendung des Zusanimenspiels verdeckt ist. Ein paarmal sah Philipp an sich herab. Er hatte seinen besten Anzug an, aber was war das hierl Sein bester Anzug, mit deutschem Kleiustadtschnittl Er mußte ja ausfallen, er fiel gewiß auf. Aber dann trieb er ein starkes germanisches Stolzgefühl ?n sich hoch und sagte sich:„Ihr seid, wie Ihr seid, ich bin, wie ich binl" Er ging bis zur großen Oper, sah in ein Eaf6, ging dann weiter, blieb einmal bei einem Straßenverkäufer stehen, der die Leute immer noch hinhielt und seine sifaxen und Flausen machte, ließ sich dann wieder schieben und rieb sich die Hände vor Vergnügen, so in der Menge drin zu stecken, sich so in die Menge verloren zu haben, sich so tragen und treiben zu lassen wie eine Feder, die in der Luft fliegt, wie ein Wölkchen, daL mit den großen Wolken zieht. Er trat auf die Freitreppe der großen Oper und sah die Lichtreihe der Avenue de l'Opüra hinab, drehte sich dann um und staunte das Opernhaus an, das so breit und prunkend dalag. Dann schritt er wieder langsam weiter, wie verloren in der großen Bewegung, am Grand Hotel vorbei bis zur Madeleine, so angenehm willenlos— erst an der Madeleine raffte er sich zu einem Entschluß auf und wechselte das Trottoir. Langsam ging er zurück, nachdem er einen begehr- lichen Blick nach Maxims in der Rue Noyale geworfen hatte, staunend, ziellos, mitgetrieben wie eine Planke in den Wellen, verlangend, gesättigt, und immer wieder verlangend. Viel, viel, viel war das, aber nicht genug. Immer mehr be- gehrte er davon, immer mehr, Weiteres. Neues wollte er in sich aufnehmen. Rasch hatte er sich gewöhnt an den Lärm, an die Menschen, an das Lichtgeflimmer, an die Art des Gehens und Ausweichens— das war der Nheinhesse in ihm mit seinem ererbten Anpassungsvermögen und seiner ihm im Blute liegenden Lebensgewandtheit—, und noch mehr ?am er sich a l l ei n unter den vielen Menschen vor, zugleich aber auch als einer für sich, der sich verlor und sich selbst be- saß, ein Teilchen in der Menge, aber auch ein Teilhaber an ider Bewegung. Bewegung— so lange hatte er geruht, nur geruht, dumpf und stumpf— und nun war er ins Treiben gekommen. In Krähwinkel mochten sie seht die gehörnten Schädel zusammenstecken, Krähwinkel lag ihm jetzt tausend Meilen hinterm Mond. Bewegung— nun wollte er sich in ihr erhalten und sich kräftig mit ihr regen. Arme, Beine, Augen und Hände, Herz und Seele, ein Schwimmer sein, der nichts fürchtete, der sich mit erhöhter Wonne in die größten Fährlichkeiten stürzte. Sich tummeln— leben! Er stand an der Rue de Richelieu. Er war nun doch mikde geworden, zu viel hatte auf einmal auf ihn einge- sprechen. Die Reise dazu und das lange Gehen. Drüben an der Ecke las er eine deutsche Aufschrift. Ein Wiener Restaurant— ,.Caf6 Viennois". Bier—„Bürgerliches Brauhaus Pilsen". Ein echt deutscher Durst stellte sich ein. Er steuerte hinüber. Und nun wollte er deutsch sein. Er sprach nur deutsch, bestellte deutsch, bat sich eine deutsche Zeitung aus. Er hörte verloren auf die Musik und trank ein Pilsener nach dem anderen. Mitternacht war vorüber, und die Musik hörte auf. Da faß er, den Kopf in die Hand gestützt, und trank weiter, und sann vor sich hin. Langsam leerte sich das Restaurant. Er bemerkte auf ein- mal, daß die Tische rings um ibn schon leer waren. Es war wie ein Erwachen aus einem Traume. „Ich bin in Paris," sagte er sich, um sich recht in die Wirklichkeit zurückzuversetzen. Er rief den Kellner. Er sprach jetzt nur französisch, schauderhaft schlecht und noch dazu mit dem leichten Zungenschlag, den er sich angetrunken hatte. Der Kellner lächelte diskret. Philipp wurde es nun erst recht ge- mütlich. „Guten Abend," sagte er liebenswürdig und mit einer gewissen Wärme in den zwei deutschen Worten— und nun noch ein innigeres:„Danke schön!" für das Türöffnen. Ihm war so wohl, so wohl! Hier durfte er, hier wollte er Mensch sem. Und Herr sein— auch wenn er Stiefel putzen müßte. �Fortsetzung folgt.)' 4 8Unde und Buße« Von llgo Ojetti. Berechtigte llebersetzung aus dem Italienischen von Friedrich Eich. Auch Santino war aufgestanden, hatte die Füße fest auf den Boden gesetzt, wie um die Beine zu ermuntern, hatte den Hut er» griffen und schaute dem Pfarrer wieder ins Gesicht. „Jetzt komme ich mit einer Bitte. Sie leidet keinen Aufschub. In Spoleto muß der Untersuchungsrichter irgendetwas erfahren haben." »Was erfahren?" „Von den, Diebstahl bei Anzilei." „Der irdische Richter geht mich nicbts an. Wenn Du Deine Buße beendet hast, wird Dich der göttliche Richter freisprechen." „Ja, ich weiß. Aber ich habe dem Untersuchungsrichter gesagt, daß ich am Sonntag morgen, den 25. September 1905, während der Geldschrank des Anzilei geleert wurde, hier bei Ihnen im Pfarr- hause gewesen wäre und mit Ihnen abgerechnet hätte, daß Sie mich den ganzen Morgen gesehen hätten, bereits vor der Messe und gleich nachher. Von hier bis zur Villa Anzilei sei eine Stunde Weges. Ich bin also gerettet." „Aber wenn der Untersuchungsrichter..." „Wenn der Untersuchungsrichter Sie fragen sollte, so ant» warten Sie ihm, was ich Ihnen gesagt habe. Wollen Sie mich ver- derben? Wollen Sie mich jetzt verderben?" „Ich will keinen Meineid schwören." „Sie haben gar nicht zu schwören. Es handelt sich bloß um einen Verdacht. Der Fall ist zwei Jahre her, und der Unter- suchungsrichter wird glücklich sein, wenn die Sache wieder ein- schläft. Ein Wort von Ihnen genügt. Kein Schwur: Sie brauchen keine Angst zu haben." „Ich werde die Wahrheit sagen." „Na, ich danke, Don Pietro. Erst veranlassen Sie mich, daß ich wie ein Kind alles ausplaudere, und erteilen mir die Absolu- tion: dann verraten Sie mich. So sind die Menschen. Verlohnt es sich da der Mühe, Reue zu haben? Verlohnt es sich, ehrlich zu sein? Verlohnt es sich der Kirche zu schenken, was ich ihr geschenkt habe? Es ist gut: ich sage nichts mehr. Wenn ich festgenommen werde, so werde ich gestehen, alles gestehen: das, was ich gestohlen habe, und das, was ich Ihnen gegeben habe. Das wenigstens werden Sie nicht leugnen." „Aber Du bist verrückt..." „Alles werde ich sagen. Und wenn Sie und Ihre Kirche dar- unter zu leiden haben, wird es nicht meine Schuld sein.� Ich bin zu Ihnen gekommen, habe mich hingekniet, habe meine Sünden ge- beichtet, und sie sind mir vergeben worden. Und jetzt verlassen und verraten Sie mich? Urteilen Sie selbst, Don Pietro. Wenn der Untersuchungsrichter Sie befragen wird, so denken Sie an sich, so sprechen Sie, wie Ihr Gewissen es Ihnen gebietet. Jetzt wissen Sie alles. Ich bin in Ihrer Hand. Es ist nun einmal geschehen, und es ist unnütz, jetzt noch darüber zu klagen." Und er näherte sich der Treppe. „Santino, Du kannst doch nicht... Santino!" Santino hatte die Tür geöffnet und betrat die dunkle Treppe. „Santino I" Don Pietro eilte hinter ihm her. Als er zum Fenster hinaus. schaute, ging Santiiw bereits über den Platz, beide Hände in den Taschen. Er schickte nachmittags Cherchino aus, um ihn in seinem Hause zu suchen. SantinoS Haus war jedoch verschlossen. Niemand hatte ihn zurückkehren sehen. Don Pietro blieb zwei Tage im Bett, und der Arzt verbot ihm sogar, das Brevier zu lesen. Doch geschah es, daß die Frau des Checchino, die ihm die Fleischbrühe kochte und die Wärmflasche zu seinen Füßen wechselte, ihn des abends sitzend im Bette fand, vor der aus der Kommode gezogenen Schublade, eipen Stoß Papiere auf den Knien und so vertieft in das Lesen, daß er noch nicht ein- mal antwortete. Don Pietro schaute die Rechnungen für die Nestau- riening der Kirche durch. Nachts fand er sie dann im Traum in den Wolken wieder, aufgezeichnet in dem ewigen Buche des Soll und Habens, das der Erzengel Michael zur Rechten des Herrn führt und durcbKanert, und bei seinem Erscheinen schwiegen die Harmonien der Sphären, und der Erzengel begaim mit Donnerstimme zu lesen: „Dem Meister Piacentt für Gips und Zement 110 Lire. Dazu fünfzig Arbeitstage der Maurer 75 Lire.. Und je weiter die schreckliche Vorlesung fortschritt, desto tiefer sank die Wolke, auf der er saß, sank wie ein Ballon, der zusammenschrumpft: und unter ihm befand sich ein Abgrund. Als er sich am Donnerstag erhob, so schwach, daß er die Messe nicht lesen konnte, kam Lorenzo Triccoli, der päpstlicher Kämmerer der Ordensgcsellschaft der Madonna war, gefolgt von zwei Ordens- brüdcrn, und überreichte ihm eine Bittschrift mit hundert Unter- schriften von Gemeindemitgliedern, in der er gebeten wurde, das Bild der Madonna mit dem Rosenkranze weder abzunehmen noch zu verändern,„das wundertätige Bild, von dem schon unzählige Gnadengaben über die Gläubigen ausgegossen worden sind". Dies geschah am Morgen. Kurz nach dem Frühstück ruhte Don Pietro im Lehnstuhl aus, als in der Türöffnung der Wachtmeister der Karabinirri erschien. Dieser sprach öfters o:i dem Geistlichen vor, besonders im Sommer um die heisze Mittagszeit, um mit einem Glase Wein die Mühen der wöchentlichen Streifzüge zu unter- brechen. Wer in diesem Augenblicke wirkte sein Erscheinen auf Don Pietro wie ein Todesurteil. Der Wachtmeister lächelte ihn an: „Don Pietro, nach dem Essen darf man in Ihrem Alter nicht schlafen." „Was sagen Sie? Was sagen Sie da? Was wünschen Sie von mir?" Der Wachtmeister war eingetreten und hatte sich gesetzt. Chec- chino folgte mit einer Flasche Wein. Don Pietro tonnte sich von dem drückenden Gefühl nicht befreien. Er mutzte aufstehen: „Mein Sohn..." „Sie haben geschlafen, wie? Nach dem Essen darf man in Ihrem Alter nicht schlafen," wiederholte er und schob das Futteral des Revolvers an dem Ledergurt nach vorne, denn es hinderte ihn daran, sich zurückzulehnen, wenn er tranck. Don Pietro studierte das ehrliche Gesicht seines Gastes mit den rasierten Wangen, dem zweigeteilten braunen Spitzbart und den blauen Augen. Bei den früheren Besuchen des Wackitmcisters hatte sich der gute Alte geschmeichelt gefühlt, denn dieser Besuch be- wies vor den Augen aller im Dorfe das Zusammengehen und die Eintracht der irdischen Gewalt und der göttlichen, und es war ihm auch eine Beruhigung, denn es schien ihm unmöglich, datz Diebe das Haus betreten könnten, das ein Wachtmeister besuchte. An diesem Tage atmete er jedoch schwer und wagte nicht, das erste Wort zu sprechen. Schließlich hatte er Furcht vor seinem eigenen Schweigen und wagte sich mit einem Wort hervor: „Neuigkeiten?" „Ein Auwmobil hat nah beim BabnwärterhauS einem Ochsen den Schwanz abgerissen. Ich weiß die Nummer, aber es wird viel Zeit kosten, das Auto zu ermitteln," und er erklärte, wie man die Anzeigen gegen Autofahrer abzufassen hätte. Er schloß:„Sie ent- wischen schlechter als Diebe." Don Pietro überlief es von neuem. Checchino ging hinaus. Der Wachtnieister schwieg, so lange noch die Tritte des Sakristans auf der äußeren Treppe unter dem Fenster zu hören waren. „Don Pietro, ich möchte Sie um eine Auskunft bitten, aber im geheimen." Das Todesurteil tauchte wieder auf. „Sprechen Sie nur, sprechen Sie nur." „Sie kennen Santino, den Makler, der in Amerika gewesen ist' „Er war vorgestern hier," und es schien ihm, als ob der Lehn- stuhl langsam versänke wie im Traum die Wolke vor dem ewigen Bater. „Um so besser. Wovon lebt er nach Ihrer Meinung?" „Hm... er bemüht sich... Um die Wahrheit zu sagen, ich weitz es nicht." „Ist er ein guter Christ?" „Er beichtet... selten." „Um so besser, um so besser. Bon einem galten Bekannten haben wir vor einiger Zeit eine vertrauliche Auskunst erhalten, aber der betreffende ist nicht sehr verlätzlich." Es war ein Wunder, datz Don Pietro nicht wie ein Echo das um so besser des Wachtmeisters wiederholte. Dieser sprach mit leiser Stimme weiter, indem er das leere GlaS auf den Tisch fetzte und mit seinem Stuhl näher heranrückte. „Sie erinnern sich des Diebstahls beim Grasen Auzilei, der vor zwei Jahren geschah? Jener gute Bekannte hegt einen Verdacht «gen Santino. Er hat einen Verdachtsgrund: Santino ist zwei Tage vorher in der Villa Anzilei gelvesen, um mit dem Verwalter über den Verkauf von einem Paar Ochsen zu verhandeln, und an- statt in das Bureau zu gehen, toar er geradeaus durchs Herrschasts- tor gegangen. Warum? Er kannte genau die beiden Eingänge, denn hundertmal war er hindurchgegangen. Der Untersuchungs- richter rief ihn ohne weiteres zu sich. Santino verteidigte sich sehr «schickt: er sagte, datz er am Morgen des Diebstahls,— und dabei knövfte er sich die Jacke auf und entnahm der Brusttasche«in Notizbuch,— datz er am Sonntagmorgen, den 25. September 1905, hier bei Ihnen gewesen wäre, im Pfarrhaus, um mit Ihnen abzurechnen. Ist dem so?" „Ja.. „Ich kann mir denken, datz es Ihnen nach zwei Jahren schwer fallen wird, sich eines bestimmten Datums zu entsinnen." „Nein, im Gegenteil..." „Am Sonntag, den 25. September 1995. Der Diebstahl mutz während der Messe geschehen sein." «Sie hal»en reckst. Es ist schwer, sich zu erinnern." „Wenn Sie einmal Zeit haben, Don Pietro, schauen Sie doch in ihren Büchern nach..." „Ja...". „Wenn Sie finden, datz das Datum stimmt, datz Santino an jenem Dtorgen bei Ihnen war, so brauchen Sie mich nicht zu be- nachrickstigen. Wenn Sie dagegen ersehen, datz er sich gewih an jenem Tage wenigstens bei Ihnen nicht hat blicken lassen, so lassen Sie mich rufen. Kommenden Sonntag gehe ich nach Norcia, wohin ich für einen oder zwei Monate abkommandiert worden bin. Ich »nöchte, wenn möglich, die Nachricht vorher haben. Ohne Beweise verhafte ich ihn nicht, darüber sind wir uns einig, der Unter- suckungörichter und ich. Die Prozesse, die bei der Voruntersuchung aus Manoel an Beweisen im Sande verlaufen, rutmeren uns die Karriere." Bald darauf ging er fort. Beim Abschied wiederhotte er zum dritten Male sehr herzlich: „Und nach dem Essen schlafen Sie nicht mehr. In Ihre«?. Alter ist das gefährlich. (Fortsetzung folgt.jj Die jüngste geologische Vergangen- beit cles nördlichen Europa. Nun find in den verschied? nen Gebieten Schweden? solche Endmoränen, in steter Folge ziemlich parallel hintereinander angeordnet, zu beobachten, besonders in Ackerbau. gebieten, wo der Landmann stets den steinigen Moränen mit dem Pfluge auswich und nur das dazwischen liegende Gebiet bearbeitete. Jede dieser Endmoränen bezeichnet also einen Winter, und bei genauer Kartierung und Kombination der der» schiedenen Züge läßt sich leicht berechnen, in wie vielen Wintern, respektive Sommern das Eis seinen Rückzug bewerkstelligt hat, umsomehr als— von kleinen Schwankungen ab. gesehen— der Rückzug sich ziemlich regelmäßig vollzogen haben muß; die Endmoränenzüge liegen im südlichen Schweden etwa 59 Meter, im Stockholmer Gebiet zirka 299—259 und in Jämtland 399—499 Meter von einander entfernt, die Gletscher zogen sich also jährlich um diesen Betrag zurück. In Uebereinslimmung damit be» finden sich die sogenannten O s a r« Ablagerungen, die dem Schmelz. Wasser der Gletscher ihren Ursprung verdanken. Während die End» moräncn sich parallel dem Eisrond entlang ziehen, sind die„O s a r" fwallartige Höhenzüge ans Rollsteinen, Kies und Sand) senkrecht zum Gletscherrand, parallel zur Srrömungsrichtung des Eises an« geordnet. In und auf den Gletschern wurde ständig eine Menge Schmelzwasser frei, das in Spalten unter dem Eile, dazu unter dem gewaltigen Druck der Eismassen, abfloß und, wie bei vielen Alpengletschenr zu beobachten ist, als Gletscherbach oder Gletscherfluß aus einem Gletfchertor hervorbrach. Diese Schmelzwasser schleppten viel Gesteinsmaterial mit, das sie teils auf ihrem Weg, vor allem aber vor dem Glclschertor in einer Art Delta ablagerten und aufschütteten. Wich der Gletscher jedes Jahr zurück, so ivnrde auch das Gletschertor und damit das Delta des Schmelzwasserstroms nach rückwärts verlegt. Da man die Osar» züge oft mehrere 199 Kilometer weit verfolgen kann, ist es möglich, auö der besonderen Art ihres Aufbaus die Dauer des Eisrückzugs fest. zustellen, die mit der durch die Endmoränen nachgewiesenen auffallend korrespondiert. Dazu kommt noch ein weitere?: Die Gletscher mündeten ins Meer, das mit deren Rückzug das tiefgelegene Land einnahm; in dem Meere schlugen sich die feineren Rückstände nieder, die die Schmelzwasser der Gletscher dem Binnenlande entstihrten, und bildeten auf dem Meeresgrunde eine T o n s ch i ch t, die sich heute in ganz Schweden in den ehemals vom Meere bedeckten Ge« bieten findet. Dieser Ton zeigt eine eigentümliche Bänderung: dunkle und bellere Schichten wechseln miteinander ab. Bei ge» nauerer Untersuchung stellte sich die Ursache heraus: im Sommer war die Menge des Schmelzwassers und damit auch die des mitgeführten SchlammaterialS bedeutend größer als im Winter und überwog die Menge der organischen Reste von Tieren und Pflanzen, die im Meere gelebt hatten und dort zu Boden sanken; im Winter war eS gerade umgekehrt; im Sommer überwogen die helleren mineralischen Bestandteile in dem Tonscblamm, im Winter die dunklen organischen. Die Bändertone weisen also gewiffcrn, atzen Jahresringe ans, und durch Herstellung und Vergleich einer systematisch durchgeführten Reihe von Durchschnitten durch die einzelnen Tonlager gelang es de Geer, nachzuweisen, datz die so gewonnenen Jahreszahlen mit den auf die oben geschilderte Art bestimmten ganz offensichtlich harmonierten. Auch das Klimaproblem der jüngsten erdgeschichtlichen Vergangenheit erfuhr durch die Verhandlungen des Kongresses mancherlei Klärung. Zudem wurde für künftige Diskussionen eine breitere Grundlage geschaffen, indem das Komitee die Gelehrten der verschiedenen Nationen vorher aufgefordert hatte, die Resultate der Forschungen in den einzelnen Ländern zu bearbeiten. Diese Untersuchungen wurden von dem vorbereitenden Komitee zu einer umfangreichen Veröffentlichung zusammengestellt, die unter dem Titel:„Die Veränderungen des Klimas seit dem Maximum der letzten Eiszeit" erschienen ist. Als feststehend darf danach betrachtet werden, daß die Eiszeit keine lokale Erscheinung war, die sich auf das nördliche Europa beschränkte, sondern daß damals eine bedeu» tende Temperaturerniedrigung, verbunden mit einer starken Ver» mehrung der Niederschläge, auf der ganzen Erde stattgefunden hat; in tropischen und subtropischen Ländern, die heute, wie Persien, Turkestan und andere Gebiete, ein trockenes Steppenklima besitzen, wurde durch die Forschungen der letzten Jahre, z. B. durch die Reisen Sven Hedins, für eine frühere, unserer Eiszeit entsprechende Epoche ein bedeutend niederschlagsreicheres Klima nachgewiesen. Während die eiszeitliche Klimaschwankung sich über die ganze Erde erstreckte, scheint eine schwächere, darausfolgende der post» glazialen Zeit, die in Skandinavien besonders durch die Forschungen von Prof. Gunnar Andersson festgestellt wurde, mehr lokale« Natur zu sein. Zur Zeit des Litorwameeres war, wie aus Torf« ! moorfunden geschlossen werden kann, in Schweden die Jahresmittel« ! temperatur um mindestens 2,4 Grad wärmer als beute: die Baum« ' grenze befand sich nördlicher und in größerer Höhe. Nährend£5 — 732- Int Norden deS mittleren Schwedens henke durchschnittlich in !7b0 Meter Höhe liegt, hat z. B. Verfasser dieses in einem Torfmoor im nördlichen Härjedalen in 980 Meter Höhe, in einer noch dazu (im August!) gefrorenen Schicht die Wurzel- und Stammreste von Fichten und Erlen gefunden. ES fragt sich nun, ob diese Klima- schwankung auch tn anderen Gebieten nachweisbar ist und welche Ursachen ihr zugrunde liegen. Beide Fragen lassen sich bis heute nur dahin beantworten, daß Spuren eines etwas wärmeren Klimas sich in dem Randgebiet des nördlichen Atlantischen Ozeans finden und daß sie möglicherweise in einer Verlegung des Golfstromes be- gründet sind. Speziell die spontane Temperaturerhöhung in Schweden hat aber noch einen lokalen Grund: die Senkung des Landes, so wenig diese auch an die der Doldiazeit heranreichte, und die Entstehung des mit dem offenen Ozean in Verbindung stehenden Litorinameeres. Durch die Senke im mittleren Schweden drang das infolge des Golfstroms wärmere Salzwasser der Nordsee cm und bewirkte eine Verbesserung des Klimas, wie sie das Küsten gebiet von Norwegen heute noch aufweist. Die dann wieder ein setzende Hebung des Landes sperrte die breite Verbindung mit der Nordsee ab und süßt seitdem allmählich wieder die Ostsee zu einem kälteren Binnensee aus. Natürlich muß diese Klimaschwankung sich auch im nördlichen Deutschland bemerkbar gemacht haben. Aber die Untersuchungen darüber können noch nicht als abgeschlossen be� trachtet werden; die Ansichten über die Torfmoorfunde(und die darin aufgefundenen Pslanzcn- und Tierrcste bilden ja vorläufig das einzige Untersuchungsmaterial) gehen noch weit auseinander. Jedenfalls dürste die Ausbreitung des Waldes auf Kosten der Stcppenvegetation ein ausgezeichneter Gradmesser für Klima- schwankungen sein; vielleicht daß da in Zukunft die Vorgcschichts- sorschung einmal ein gewichtiges Wörtlein mitzusprechen haben wird. Wissen wir doch, daß der vorzeitliche Mensch sich fast aus- schließlich in waldfrcien Gebieten angesiedelt hat; der Wald ist für eine auf einer niedrigen Kulturstufe stehende Bevölkerung stets ein siedelungsfeindliches Element. Durch eine Zusammenstellung der vorgeschichtlichen Ansiedelungen der verschiedenen Zeitalter ließe sich in Verbindung mit der Geologie und besonders auch der Pslanzengeographie ein Bild von der jeweiligen Verteilung von Wald und Steppe und damit auch von den Verschiebungen der .Grenzen zwischen beiden rekonstruieren. eg. Kleines Feuilleton. Der fliegende Briefträger. Edison ist alt geworden, aber sein Geist wandelt noch immer dieselben kühnen Bahnen, die so wunderbar praktischen Erfolg und prophetische Phantasie mit- einander verbinden. Es ist daher nicht überraschend, daß er sich jetzt auch mit der Zukunft der Flugmaschine beschäftigt und seine Gedanken darüber geäußert hat. Er ist voller Bewunderung für die neuen Errungenschaften, wie seine folgende Acutzerung bezeugt, die dem„English Mechanic" aus New Dork gemeldet wird:„Wir befinden uns angesichts einer Flugschiffahrt, wie wir sie nie ge- träumt haben. I» zehn Jahren werden Flugmaschincn die Post besorgen und auch Passagiere befördern. Ihre Geschwindigkeit wird löv Kilometer in der Stunde übersteigen, und es ist kein Zweifel daran, daß sie alles erdenkliche leisten werden. Wenn mich jemand fragt, ob ein Mensch jemals von der Erde zum Monde gelangen wird, so antworte ich nein, weil sich das mit der Vernunft nicht veneinigen läßt. Die Flugmaschine aber wird alles erreichen, was Innerhalb einer vernünftigen Voraussicht liegt. Noch niemals habe ich eine Erfindung sich schneller entwickeln sehen. Die Flug- waschinen, mit denen die Regierung der Vereinigten Staaten nach gehn Jahren ihren Postdienst besorgen wird, werden klein sein. gerade nur so groß, wie es zu diesem Zweck erforderlich ist; denn je kleiner sie sind, desto weniger Widerstand bieten s«e der Luft. Sie werden aber kräftige Maschinen haben und mit großer Geschwindig- Zeit fahren." An dieser Ausgestaltting und Verwertung i>cr Flug- Maschine zum fliegenden Briefträger scheint Edison also vor allem gelegen zu sein. Im übrigen ist er auch davon überzeugt, daß das Fliegen bald für den Menschen nicht mehr besonders gefährlich sein wird, denn er hält es für zweifellos, daß Sicherungsapparate erfunden sein werden, die eine gefahrlose Landung der Luftschiffe gewährleisten. Endlich sieht er voraus, daß ein elektrischer Be- irieb von Flugmaschinen durch drahtlose Uebertragung elektrischer Energie von der Erde zum Motor der Maschine bewirkt werden wird. Hoffentlich hat der alte Edison noch die Freude, die Be- flätigung seiner Hoffnungen zu erleben. Physiologisches. Kälte» und Wärmepunkte der Haut. Vor einem Merteljahrhundert entdeckte der Deutsche Goldscheidcr und der Däne M. B l i x glcickzeitig in der menschlicben Haut gewisse Stellen, die energisch auf Kälte oder Wärme reagierten. Sie stellten fest, daß wir nicht auf der ganzen Sautfläche Kälte oder Wärme spüren, sondern nur an gewissen punktlleinen Stellen, die man z. B. mit einer Stahlfeder abtupfen und herausfinden kann. Die eine Art reagierte nur auf Kälte(man nannte sie deshalb„Kältepunkte"), die andere nur auf Wärme, weswegen sie„Wärmepunkte" getauft wurden. Man hat konstatiert, daß im Durchschnitt auf den Ouadrak« Zentimeter der Haut etwa 6— 23 Kältepunkte, aber nur 0—3 Wärme- punkte kommen. Auf die ganze Oberfläche der Haut berechnet, macht das, wie Dr. H. Dekker in seiner Biologie der Sinnesorgane: „Auf Vorposten im Lebenskampf"(Kosmosverlag) feststellte, etwa 259 999 Kälte- und 39 999 Wärmepunkte. Analog konnten Druck- punkte bestimmt werden, und schließlich fand man, daß jedes Nervenfädchen, nur einen ganz bestimmten Eindruck weiterleitet: das eine Druck, das andere Kälte, das dritte Schmerz usw. Im Gelehrtendeutsch nennt man das:„Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergie", das Johannes Müller aufgestellt hat. Der Schmerz wird erst„alarmiert" durch irgend eine Zellenverletzung, durch Zellentod, einerlei ob dieser durch chemische, ätzende Stoffe eintrat oder durch einen Nadelstich, durch Quetschung, Entzünoung oder Verbrennung. Ebenso löst der Eiweiszerfall Schmerz aus, einerlei ob er durch Verbrennen oder durch sonstige Verletzungen von Zellen eingetreten ist. Verkehrswesen. Berlin als Hafen st ad t. Man schreibt uns: Die Be- deutung des Berliner Schiffsverkehrs wird dem Eisenbahnverkehr gegenüber gewöhnlich unterschätzt, ein großer Teil der Güter, die der Reichshauptstadt zuströme», kommen zu Wasser, und zwar auf Gefährten, die im Zeitalter der Elektrizität vorsintflutlich anmuten können. Welche gewaltigen Gütcrmasseu aber in diesen„Kähnen" nach Berlin kommen, zeigt Paul Goehts in einer interessanten Studie„Berlin als Binueuschissahrtspiatz", die in Schmoller und Serings Staats- und sozialwissenschaftlichen Forschungen kürzlich erschienen ist. Berlin hat auf seinen Wasserwegen einen Verkehr zu bewältigen, der nur nock von dem einiger Rheinhäfen übertroffen wird. Unter den Lastschiffen steht dabei der Kahn in erster Linie. Die Anzahl der Frachtschiffe betrug im Jahresdurchschnitt in den Jahren 1349M 59 437 mit 1233 909 Tonnen Frachtgut. Nach zehn Jahren hatte sich dies auf 1 485 909 Tonnen gesteigert, während die Zahl der Sckiffe nur 47 933 betrug. Bis 1879/74 hatte sich die Menge der Frachtgüter schon mehr als verdoppelt, die Zahl-der Schiffe war auf 67 771 gestiegen. Zu Beginn des 29. Jahrhunderts konnten dann 73 279 Schiffe gezählt werden, während die Menge der Frachtgüter sich wiederum mehr als verdoppelt und die ge- waltige Summe von 7 453 999 Tonnen erreichte. Bis 1907 findet wieder eine Zunahme um fast eine Million Tonnen statt, die Zahl der Schiffe wächst zugleich um 2233. Seit 1849 ist die Zahl der Frachtschiffe nur um 49 Proz., die Menge der Frachtgüter dagegen um nicht weniger als 481 Proz. gestiegen. Die kleinen Fahrzeuge haben nach und nach aus den Berliner Gewässern verschwinden müssen. Die Zeit der Steigerung seit den vierziger Jahren wurde übrigens durch die wirtschaftliche Erschöpfung infolge der Kriege 1864 und 1866 unterbrochen. 1863 waren 2,7 Millionen Tonnen zu Wasser angekominen, 1866 nur noch 1,7 Millionen und erst im Jihre 1872 war diese Minderung wieder ausgeglichen und eine kleine Er- höhung auf 2,9 Millionen Tonnen erreicht. Eine Vergleichung des Güterverkehrs zu Wasser mit dem Güterverkehr der Eisenbahn ist erst seit 1833 möglich; von 1833—1999 war das Verhältnis 1:2; seitdem hat eine Aenderung zuungunsten des Wasscrverkehrs statt- gefunden, der 1993 nur noch für'/« der von Berlin abgesandten Güter in Betracht kam; sein Anteil an der Aussuhr geht mehr und mehr zurück. Erdkunde. Unbewegliche Gletscher. Zu dem Begriff eine? Gletschers scheint das Moment der Bewegung unbedingt zu gehören. Die Bezeichnung Gletscher würde, wenn sie durch ein anderes deutsches Wort erklärt werden sollte, am ehesten mit EiSstrom wiederzugeben sein. Nach den Grundlagen der Gletscherkunde ver- wandelt sich der auf den Hochgipfcln der Gebirge gefallene Schnee unter der wechselnden Einwirkung von Hitze und Kälte, von Schmelzen und Gefrieren allmählich in Firn; dieser gerät ins Gleiten und wird dann erst zu Firneis und dann zu Gletschereis, das trotz seiner glasartigen Härle wie ein zähflüssiger Körper tal- abwärts strömt. Daher kommt es auch, daß die Enden der Gletscher mehr oder weniger tief unter die Grenze de? ewigen Schnees hinabreichen. Es hat sich nun unter den Sachverständigen ein Streit darüber entsponnen, ob es auch Gletscher gibt, die sich gar nicht bewegen, sich also zu dein gewöhnlichen Gletscher so ver- halten würden wie ein Teich zu einem Fluß. Nachdem Professor Tarr behauptet hatte, daß es solche stehende Gletscher in Alaska gebe, die er als totes Eis bezeichnete, ergreifen jetzt zwei andere Naturforscher in der Wochenschrift„Nature" das Wort, um die Möglichkeit solcher stagnierenden Gletscher zu bestreiten. Wahr- scheinlich beruht der Anschein der Bewegungslosigkeit nur auf der Ungenauigkeit der Beobachtung oder auf dem Fehlen eigent- lichcr Messungen. Bisher ist in der Tat noch kein einziger Gletscher in den Alpen, in Norwegen oder in anderen eingehend studierten Hochgebirgen gefunden worden, der gar keine Bewegung gezeigt hätte. Andererseits bestehen große Unterschiede in der Ge- schwiudigkeit der einzelnen Gletscher, und es mag wohl vorkomnien, daß manche dieser Eisslröme sich so langsam verschieben, daß ihre Bewegung nur durch eine sehr sorgfältige Messung festgestellt werden könnte. Ein besonderer Beweis dafür würde die Bewachsung der Moränen mit größeren Bäumen fein. «cranliv. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Perlag: Vorwärts Buchtcuckccei u.Berl»g«aunalt Paul S,ng-r LlEo..>verlm8V>i.