Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 184. Mittwoch den 21. September. 1910 t?!ac»drus verboicz.) u] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. Er ging nach dem Montmartre hinauf. Ein kleines Weg- stückchen pfiff er vor sich hin und schwang seinen Stock. Dann ging er eine Weile still, bis er über die Straßenkreuzungen hinaus am Place St.-Georges war. Von da an pfiff er wieder. Die„Wacht ani Rhein" den Montmartreberg hinauf. Ganz dumm, nur aus Freude am Gegensatz. Und dann sagte er vor sich hin, wie ein Kind, das seinen Auftrag nicht ver- gessen will:„Ich bin in Paris, ich bin in Paris, ich bin in Paris!"— bis er an dem kleinen Hotel stand und die ganze Haustüre und den Türrahmen abtastete, um den Schcllenknopf zu finden. „Verdammt," brummte er,„die verfluchten Franzosen könnten auch ihre Straßen besser beleuchten!" Da hatte er den Knopf, und es schien ihm unrecht, daß er die Franzosen verwünscht hatte. Denn ihm war, er sollte ihnen doch dank- bar sein. Während er auf den Concierge(Portier) wartete, jubelte er innerlich:„Ich bin in Paris! Ich bin in Paris!" Er stieg mit dem blanken Messingleuchter und dem flackernden Kerzenlicht darin die Treppe hinauf. Aber er war ein bißchen duselig geworden— er tat einen Fehltritt und kollerte ein paar Stufen die Treppe hinunter. Krampshaft hielt er das Licht hoch. Er raffte sich auf und krabbelte wieder nach oben. Aber nun wußte er nicht mehr, wo sein Zimmer war. Er ging ins erste beste, das er offen fand, und legte sich. In der Nacht war's ihm, als trete jemand mit einer brennenden Kerze ins Zimmer. Aber er wurde nicht recht wach. Es war nicht sein Zimmer, in dem er schlief. Für die erste Nacht mußte er zwei Zimmer bezahlen. Aber das ver- stimmte ihn nicht. Er lvar mit dem Gedanken:„Ich bin in Paris!" wach geworden. Da mochte nun kommen, was wollte, es verstimmte ihn nicht. So trat er auf die Straße. Der Morgen war nüchtern, öde. Unangezogene Frauen, gewöhnliche Männer, Arbeiter, Handtverker, Ladendiener, Ausläufer, Gemüse- und Grünkramverkäufer und-Verkäufe- rinnen mit ihren Wägelchen. Uebernächtige Gesichter, die Schminke verwischt, unsauber der Puder, unordentlich die Frisur— war das dasselbe Paris? Puhl es schüttelte ihn. So trostlos, so abstoßend war das! Und wie er ging, ward ihm so einsam und verlassen zumute. Die verschiedenen Ca- barets, die ineisten Häuser, Moulin rou�e, das sah alles aus wie auf Abbruch. Katzenjämmerlich, wie nach einem über- mütigen Feste, das bis in den Morgen gedauert hat. Grau, verschlafen, krank direkt. Philipp dachte darüber nach, was er denn eigentlich hier wolle. Schien es nicht die reine Narrheit, daß er überhaupt hier? Melanie zuliebe, die doch gar nicht in Paris war! Er dachte an Wald und Feld und Wiesen, an die Berge daheim. Wie viel schöner war das alles! Wie viel reicher! War nicht plötzlich eine Sehnsucht über ihn gekommen? Ein leichtes Schämen bedrückte ihn, ein leises vorwurfsvolles Heimweh. Und das Gefühl des Alleinseins lag so schwer auf ihm. Er war doch noch gar nicht versucht und geprüft in der Welt, und nun wollte er beim ersten leichten Enttäuschtsein die Flinte ins Korn werfen? Da straffte er sich wieder auf und sprach sich Mut zu und schalt sich. Er stieg die Rue Caulaincourt hinauf, ging über den Montmartrefriedhof hinweg— Heines Grab wollte er sich noch aufsparen— und sah nun das bunte Gemengsel der kleinen Häuschen, Hütten und Baracken, von der Moulin de la Galctte oben bis zur Straße herunter hingestreut, und weiter zurück, ein wenig versteckt, lugte einer der grauen. runden Türme von Sacr6-Coeur über die Dächer hinaus. Darüber lachte die Sonne und ein heller klarer Herbsthimmel — und alles war in diese zitternde, flimmernde Helle getaucht, die Paris eigen ist, in der die Linien so fein und spielend, die Farben so heiter und satt werden. Alles Einzelne so nichtig rind anspruchslos, und doch das Ganze so reich und mannig- faltig, wie verklärt, wie von Poesie übergössen. Zwanglosig- kert und Freiheit, Freiheit und Anmut. Aermlich und erbärm- lich jedes Haus, einige sogar menschenunwürdig— und doch — fast einladend in seiner Freiheit. Hier leben nicht Menschen, dachte er, die sich irgendwie gebunden fühlen, die an irgend etwas hängen, was hinter ihnen liegt, hier ist man sorglos, zwanglos � verlorene Existenzen, verpfuschtes Leben, Halb- heit in Talent und Willen, erbärmliche Schicksale— ja, aber losgelöst von den allgemeinen Gleichmachungen und dem all- gemeinen Philisterkoder,— den anderen ein Verlorener, sich ein Besitz, ganz gleich, ob in Kraft oder Schwäche, und wenn auch meist in Schwäche. Und so betrachtete er wirklich mit Behagen dies« Montmartretypen und Originale, die ihm hier begegneten. Sie hatten das Leben auf nichts gestellt— und hatten weit mehr Eigenart dabei bewahrt und weit mehr Eigenart dabei herausgebildet als die Gründlinge da unten, die sich zwischen den erstarrten Regelrechtigkeiten hindurch- schlängelten. Wenn er hier eine Wohnung finden könnte! Er ging die Straße ab und las die ausgehängten Plakate. Er fand eine Junggesellenwohnung ausgesck/rieben. Er machte sich der Concierge(Portierfrau) verständlich, so gut er konnte, stieg mit ihr in den fünften Stock hinauf und mietete ihre kleine, ärmlich eingerichtete Stube. Er hatte hier einen schönen Blick, auf Baumgrün und auf die Häuser vor dem Moulin de la Galette, die da durcheinander hingestreut waren. Und hinten stieg Sacr6°Coeur auf, weiß ins Blaue ragend, eine Fata Morgana. Die Mittagssonne lag darauf. So aufgelöst war hier das Leben, man konnte es neu bauen. Er stieg hinauf auf Sacr6-Coeur, zu Füßen lag ihm die Weltstadt. Dumpf, verworren, dann und wann in einzelnen Stimmen und Rufen laut und fast deutlich, dann wieder ein allgemeines Gewirr von Schreien, Klängen, Geräuschen, dringt ihr Lärm, ihr Getöse, ihre Bewegung herauf. Eine Weile steht Philipp starr, er weiß nicht, worauf er hören, was er ins Auge fassen soll. Alles scheint ihm gleich wichtig, alles möchte er wissen und kennen. Er sieht den Eiffelturm, die Kuppel vom Jnvalidendom, goldglänzend und reich, die Kuppel vom Pantheon, die Türme des Trocad�ro. Seine Blicke streifen die Runde ab. Er sucht die Türme von Notre-Dame. Er weiß nicht, sind's diese, sind's jene. Er nimmt eine Karte: Notre-Dame,— Saint-Sulpice. Er hat sich orientiert. Hier rechts ist die große Oper— nur den Louvre kann er nicht finden. Aber er wird dieses Meer von Häusern wieder und wieder sehen, was liegt daran, wenn er jetzt noch nicht ganz sicher ist, was das einzelne sei. Er muß nur sehen und sehen, das Nahe, das Nächste, das Ferne, das Fernste. Den zarten grauen Strich da hinten— Wald oder Berge: wunderbar ist die Riesenstadt davon umrahmt. Fast ist's eine Andacht, die ihn überfällt, eine Andacht vor der Größe, vor der Menschenarbcit. „Herrgott!" sagt er— und„Herrgott, Herrgott, Herr- gott!" Ein alter Mann bietet ihm eine Sacrs-Coeur-Medaille und das Bild der Kirche mit der Savoyardglocke an. Er lächelt und sagt:„Herrgott! Herrgott! Herrgott!" Und zu dem Alten auf Deutsch:„Danke schön!" Aber dann:„Na da!" Und er reicht ihm ein Fllnfzigcentimesstück und läßt ihm Medaille und Bild. Er geht den Hügel hinab und fährt mit der Untergrund- bahn nach der Etoile. Gar nichts anderes möchte er tun, als den ganzen Tag durch Paris laufen, betrachten, bestaunen, be- wundern, sich freuen und sich verwundern. Nun muß er Paris noch einnial zu seinen Füßen haben. Es ist ihm eine wollüstige Freude. Auf dem Are de Triomphe genießt er sie aus. Er sieht in die Straßen hinein, die auf den Platz münden— er sieht Menschen und Wagen scheinbar schweigend sich bewegen. Er blickt weiter und beginnt am Trocadäro das Stadtbild langsam mit den Blicken abzustreichen. Tro- cadäro, das große Rad, der Eiffelturm, der Jnvalidendom, wo Napoleon ruht, Saint Sulpice, das Panthäon, Notre- Dame. Notre-Dame steigt von hier aus in massiger Größe auf, es bannt den Blick. Rnbt es, strebt es, das Riesengebäude der Gothik? Wie spielerisch und epigonisch ist der Kölner Dom dagegen! Philipp fühlt, daß eilvas in ihm wach geworden, das früher nicht in ihm war: er steht anders zu den Dingen, sie Seen ihm mehr, er legt mehr in sie hinein, er bleib! nicht am eußeren haften. Und so sieht er in dem allen, was ihm da {u Füßen liegt, in diesen großen, feierlichen, festlichen An- agen der Champs Elys6es, in diesen stolzen Straßen und vor- nehmen Ouartiers, diesen Vierteln der Armen, diesem phan- tastischen Elend des Montmartre nichts als eine große Ausein- andersetzung mit dem Leben—: dazu da, ihm zuzujubeln, ihm recht zu geben, es zu bekämpfen und zu bezwingen, sich ihm zu ergeben und zu fügen, vor ihm zu flüchten— in den kleinen Bedürfnissen und den großen Notwendigkeiten. Ter Himmel ist jetzt leicht bewölkt, die Sonne ist tiefer gesunken und vergoldet den Rauch, der über der Stadt lagert. Es ist wieder ein neues, ein großes, stummes Schauspiel. Philipp dreht sich um: finster ragt da hinten der Mont Va° l6rien auf, beherrschend, beschützend, bedrohend. Die Anmut, die Leichtigkeit, das Spiel, sie liegen hart neben der Schwere, dem Ernste, der Größe. So schreibt das Leben seine großen, starken Züge, so schreibt es seine eherne Schrift. Auf dem grünen Dache der Madeleine gleißt die Sonne. Die Wolken steigen, und die Sonne sinkt. Da steigt Montmartre im Lichte auf, ganz hell im Lichte, ein Traum, ein sorgloser, freudiger, freundlicher Traum über dem feind- lichen Wirrwarr des Lebens, ladend und rufend zur Flucht und Zuflucht, zur freien Ungezwungenheit und sorglosen Hin- gäbe. Ein Eckchen, eine blühende Hecke, ein heimlicher Winkel ist da für jeden, ob er das Leben hinwarf, ob das Leben ihn auswarf. Nun ist Philipp schon wieder unterwegs. So geht man durch den Wald, so geht man am Meere, so geht man auf den Bergen, so geht man durch eine große Stadt, müde und un- ermlldlich, ungesättigt. Er geht die Champs Elys6es hinunter über den Place de la Concorde, durch den Tuileriengarten zum Louvre. Die Sonne geht unter. Ein blutroter Schein fließt langsani iiber den Himmel hin und färbt sich tiefer und tiefer. Er scheint in breiten Fluten auf die Stadt herabzu- sinken. Schwarz stehen die Bäume gegen ihn, scharf und deut- lich zeichnet sich das Gezack ihrer Zweige und Aeste in ihm heraus. Um die Paläste flimmert ein roter Schimmer. Ein Licht nach dem andern geht auf, die Parallelreihe wächst über die Champs Elysses bis zum Arc de Triomphe hinauf. Die Statuen und Denkmäler treten sacht ins Dunkel, die Umrisse verwischen sich. Ein Windstoß— die Lichter und Schatten schwanken. Das blutige Rot des Himmels verblaßt, verblaßt in ein zartes Orange, dann in mattes Violett und stirbt zuletzt in flachem Grau. Unter des kleinen Napoleon kleinem Triumphbogen steht Philipp. Hinter sich fühlt er die schwarze Masse des Louvre. Von ihm aus wurde das Zeichen zur Bartholomäusnacht gegeben— und da vorn, auf dem Place de la Concorde, hat das Volk den König geköpft. Hier ist keine Handbreit Land, über das nickst der Fuß der Historie geschritten wäre, hier ist keine Linie, die nicht von der Kultur- gezogen wäre— hier ist kein Fleckchen, das nicht reich wäre. Da und dort steht ein Stern am Himmel. Hoch oben in der Höhe ist jetzt die Dunkelheit, unten wächst die Helle. Paris erwacht. Er kommt auf seinen Gedanken zurück: wie viel Opfer sind für dieses Paris bezahlt worden, und wie viele Opfer fordert es! Aber Opfer sind so notwendig wie der Gewinn. In Gewinn und Opfer schließt sich allemal der Ring des Lebens. L» Opfer und Gewinn schließt er sich jedem einzelnen. Darum hat keiner ein Lebendiges in sich, der sich daran vorbeigedrückt hat. Er ging nach den Boulevards, zu Abend zu speisen. Er war todmüde, aber froh und fest in seinem Herzen. 3. Paris hatte seine wohligen, weichen Arme aufgetan und Philipp hineingenommen. In diesen Armen war das Ver- gessen. In ihnen gab es keinen Widerstand. Sie wußten so gut zu streicheln und zu schmeicheln, loszulassen, wenn es am richtigen Momente war, und darnach nur um so fester zu um- schlingen und die Energie einzulullen. Melanie stand hinter der großen Verführerin und sah ihn mit traurigen, fragenden, vorwurfsvollen Augen an. die Mutter trat ihm öfter entgegen und wollte ihm fortwinken— aber das war nur für den Augenblick. Ein Augenblick des Vorsatzes, und dann wieder ein weiches, wohliges Zurücksinken in die verlockenden Arme der Lebensstadt. Und es war nickt nur Niederlage, es war auch Reiz und Gelvinn, es war au h Empfangen und Besitzen — und es war nicht nur Wehren und SinMuen, es war auch Wollen und Fordern, es war Di rsten unt Fragen. So viel Verschlosienes war aufgebrochen, so viel Unterbundenes frei geworden. Und nun wollte er nicht wieder unterbinden und nicht wieder verschließen. Nein, er war sich ganz klar, es waren nicht nur unausgeführte gute Vorsätze, es waren nicht nur unbestandene Versuchungen, es war auch etwas Starkes in ihm— wenn es gleich keinen klaren Sinn, kein deutliches Ziel hatte, es war eine Notwendigkeit in ihm. In seinen schönsten und stillsten Gedanken träumte er zu Melanie hin. Der Mutter schrieb er freundliche Briese, voll warmer, einnehmender Schilderungen. Und leise war ein Vorwurf in ihm, heimlich ein Leiden. Er hatte sich dem Leben ergeben und war nun von dem Leben mitgerissen worden. Es war gut, daß er darum litt, es tat ihm wohl und beruhigte ihn, denn es war ein stiller und verschwiegener Kahn, der immer an seinen Ufern anlegte, wenn es zu toll und wirbelig in ihm wurde, und der ihn schweigend und freundlich aufnahm und zu der Insel seiner guten Gedanken und schönen Empfindungen führte, wo er denen gehörte, dia ihm die liebsten auf Erden waren. Fühlte er ein Sinken? Ja, vielleicht, wie man es so nannte— aber gehört das Sinken nicht zum Steigen? Er glaubt an dies Steigen, und es ist eine versteckte Willenskraft darin— und gibt sich darum nur um so willenloser dem Sinken hin. An Melanie hätte er gern schon geschrieben: aber er findet nicht die Möglichkeit. Es kommt ihm wie eine Flucht und Zuflucht, es konimt ihm früh und so feige vor. Er wollte ins Leben als in einen Kampf gehen, da, wo es am gefähr- lichsten ist— nun sollte er schon wieder entweichen und sich ein Refugium suchen? Nein, er gibt sich dem Leben hin, er gibt sich ihm ganz und frei hin. (Fortsetzung solgt.� Sünde und Buße. Von U go O j e t t i. Berechtigte Uebersetzung aus dem Italienischen von Friedrich Eich. Als der Wachtmeister fort war, konnte Don Piebro sich fast eine Stunde lang nicht bewegen. Er starrte auf die Tür, als warte er auf die Rückkehr jenes anderen. Dann trank er einen Schluck Wein und ging in die Kirche, um vor dem Allerheiligsten zu beten. In der Mitte der dunklen Treppe angelangt, die zur Sakristei führte, stand er still: er vermeinte hinter seinem Rücken einen schweren Schritt und lautes Atmen zu hören... Es war Einbildung. Santino wurde viele Tage lang von niemand gesehen. Don Pietro ging auf einem Spaziergange bis zu seinem Hause: es war fest verschlossen. Und wenn er aus Furcht nach Amerika zurückgekehrt wäre? Und wenn er unvorsichtiger- weise irgendeinen Beweis seines Verbrechens zurückgelassen hätte? Und wenn bei einer Haussuchung festgestellt würde, daß gerade San. tino den Geldschrank des alten Anzibei geleert hatte? Und daß er. Don Pietro, gelogen hatte. Dann kam der Prozeß� die Verur» teilung. Ein Prozeß für ihn im Alter von siebzig Jahren, als Mit. schuldigen eines Diebes! Ein gut bezahlter Mitschuldiger, denn von jenem Diebstahl hatte er tausend Lire in bar erhalten. Er ging um das Haus herum. Hinten war ein zehn Meter langer Gemüse- garten, ungepflegt, ohne Zaun, wo nur ein Rosmarinbusch gedieh und duftete: zwischen Gurken, Winden und dornigem Gestrüpp; außer diesem Busch am Hause ein Haufen von Backsteinen, Ziegeln, Kalkschutt und verrostetem Eisen. Don Pietros angstvolle? Auge unterschied zwischen diesem Eisengerümpel einen Schlüssel. der so angefressen vom Rost war. daß der Stift zwischen Ring und Bart so dünn wie ein Faden war. Bei dem Anblick des Schlüssels fiel ihm natürlich der Geldschrank ein, und die Furcht übermannte ihn: er warf einen Blick umher, grub den Schlüssel sorgfältig mit den Füßen ein und kehrte etwas beruhigter auf die einsame Straße zurück. Ehecchino vertraute er sich nicht an. Er kannte seine Eifer. sucht auf neue Gesichter, er merkte, daß Santino ihm mißfiel, und so wagte er nicht, mit ihm zu sprechen, aus Furcht, Verdächti- gungen und Anklagen zu hören, auf die er keine Antwort gewußt haben würde. Und so verschloß er sich in sein Schweigen, da er nicht alle Türen und Fenster seines Hauses verschließen konnte. In die Kirche stieg er so wenig wie möglich hinunter. Er plapperte die Messe eilig her, als ob er sich am Altar und an den Geräten verbrannte. An den Wochentagen, wenn er die alten, noch nicht vom geschenkten Gelbe gekauften Meßgewänder trug, war er ruhiger und aufmerksamer. Aber am Sonntag verließ die Ge- meinde die Kirche und flüsterte untereinander, daß Don Pietro nicht mehr lange leben würde und daß es not täte, zu seiner Ent, lastung einen Hilfsprediger zu suchen. So verging ein Monat. Don Pietro hatte die Abficht, nach den Wcihnachtsfciertagen zum Bischof zu gehen, um ihm alles zu erzählen, auf den Knien liegend, zu jedem Opfer bereit. Wenn nur Santino wieder erschienen wäre und ihm angezeigt hätte, dah er einige hundert Lire ehrlich erübrigt hätte für die Abzahlung. ... Er selbst, arm wie er war, wurde geizig und knauserte sogar am Wein bei der Messe. Er hatte zweihundert Lire in Silber bei- feite gelegt: das Geld für außerhalb der Pfarrgemeinde gelesene Messen und für einige Totenämter. Als er erfuhr, daß er beim Umwechseln in Papiergeld in diesem Jahre etwas verdienen konnte, gab er sie dem Briefträger zum Wechseln nach Spoleto mit und ließ das Sckloß seiner Kommode erneuern, das seit Menschengedenken keinen Schlüssel gesehen hatte. Eines Morgens endlich, als er am Cafe vorüberging, sah er Santino wieder. Sofort blieb er stehen; aber der andere, der mit zwei oder drei Bauern dort saß und sich unterhielt, grüßte ihn ohne jede Erregung, erhob sich ein wenig und berührte kaum die Krempe seines Hutes, genau so, wie er es vor der Beichte zu tun pflegte. Diese Gleichgültigkeit beunruhigte ihn sehr. Was hatte Santino vor? Arbeitete er? Mühte er sich ab, das Geld für die Rückzahlung zusammenzubringen, wie er es feierlich versprochen hatte? Büßte er seine Sünden ab? Wo mochte er das tun, da er sich in der Kirche nicht wieder hatte blicken lassen? Und er traf ihn oft, wagte jedoch nicht, ihn je zu rufen. Schließlich war er beinahe froh über diese Trennung, denn sie schien ihm etwas Frei- heit zurückzugeben bis zu dem Tage, wo er zum Bischof gehen würde, um sich ihm zu Füßen zu werfen, mit den Rechnungen für die Kirchenausschmückung in der Hand. � � Acht Tage bor Weihnachten— es hatte gerade ein Uhr nachts geschlagen— verließ Checchino die Kirche durch die Seitentür und machte sich auf den Weg nach dem Dorf. Die leere Piazza glänzte wie eurSpiegel, denn am Morgen war etwas Schnee gefallen, der zuerst in der Sonne auftaute, um dann gegen Abend bei Kälte wieder zu gefrieren, so daß man leicht darauf ausrutschen konnte. Plötzlich hörte er von der oberen Straße her das Geräusch eines Wagens, gedämpft durch die Eisschicht, und den unregelmäßigen Husschlag eines Pferdes, das nicht vorwärts kam und immer wieder ausrutschte, während es jemand antrieb und fest im Zügel hielt. wobei er schrie, fluchte und mit der Peitsche knallte. Als er bei der Laterne anlangte, rief ihm jene Stimme zu: „Holla, du cha bei der Kirche!" und der Wagen hielt an: «Komm hierher, denn ich kann nicht weiter auf diesem Glatteis." Der Sakristan näherte sich und erkannte das weiße Pferd des gräflichen Verwalters, aber drinnen, hinter dem Schutzleder des kleinen Wagens, erkannte er den Verwalter nicht „Wo ist der Pfarrer?" „Zu Hause." „Kannst Du ihn rufen? Der Graf Anzilei, der Alte, liegt im Sterben. Er bedarf des Pfarrers, aber sofort." „Zu dieser Stunde und bei diesem Wetter kann der Pfarrer nicht fort. Er ist auch schon alt." „Frage ihn doch." „Fahre lieber weiter nach Ponte Nuovo, der Pfarrer dort ist jünger." „Nein: diesen soll ich bringen. Ich habe Decken bei mir! Vor- tvärts, wir werden ihn schon warm einpacken." Checchino betrat widerwillig das Pfarrhaus. Diese Fahrt in der Nacht konnte für Don Pietro der Tod sein. „Don Pietro, man verlangt nach Ihnen. Aber Sie müssen nein sagen." „Wer verlangt nach mir." „Erst versprechen Sie mir, daß Sie nein sagen. Bei dieser Kälte dürfen Sie nicht gehen." „Wer ist's? Antworte." „Graf Anzilei, der Alte, aus der Villa oben..." „Stirbt er?" und Don Pietro war sofort auf den Beinen: »Antworte: stirbt er?" „Natürlich. Oder meinen Sie, er wolle sich zu dieser Stunde verheiraten? Er liegt im Sterben und läßt Sie rufen. Aber Sie dürfen nicht hin." „Gleich, gleich gehe ich hin." „Das heißt sich selbst umbringen, verstehen Sie?" „Gleich gehe ich hin. Hat er ein Pferd geschickt?" „Der Wagen des Verwalters ist da." Don Pietro war ins Schlafzimmer gegcmgen, so gewandt wie ein Jüngling. Im Nu kehrte er mit dem Hut, dem Mantel und einem wollenen Halstuch wieder zurück. „Wo ist der Wagen?" „An der Ecke der Kirche. Er kann nicht vorfahren, weil das Pferd auf dem Eise ausrutscht." „Ich gehe." Er hatte bereits die Tür zur Treppe geöffnet, als er sie Plötz- lich wieder schloß, zurückkehrte und Hut, Halstuch und Mantel auf den Tisch warf. „Nicht wahr, es ist Ihnen zu kalt? Wer hatte nun Recht." Aber Don Pietro antwortete nicht. Er strich sich mit einer Hand über die Stirn und blickte in den Lichtkreis, den die Hänge- lampe auf den Tisch warf. Schließlich sagte er, nachdem er auf Checchino einen mißtrauischen Blick geworfen hafte: „Santino, wo mag der um diese Zeit sein?" „Santino? Was hat Santino damit zu tun?" «Ich weiß es. Antworte schnell: wo mag Sanftno sein?" „In der Osteria. Wo sollte er sonst sein?" „Gehe und rufe ihn." ""»Aber weshalb? Was geht den das an? Don Pietro, ich habe es Ihnen schon lange gesagt: Sie fühlen sich nicht wohl. Fahren Sre nicht da hinauf heute Nacht." „Gehe und rufe Santino. Wenn nicht, so gehe i ch. Hast Du verstanden?" Checchino ging. Nach fünf Minuten kehrte er mit Santino zurück und fand Don Pietro stehend, in der gleichen Stellung vor, den Blick auf den hellen Kreis unter der Lampe gerichtet. „Hier ist Santino." Aber er rührte sich nicht. „Es ist gut. Jetzt gehe nur. Santino wird auf mich warten." „Deshalb haben Sie ihn rufen lassen?" und er ging hinaus und warf eine Tür nach der anderen zu. Santino nahm seinen Hut ab. „Was wünschen Sie zu dieser Stunde, Don Pietro," „Anzilei liegt im Sterben." Santino zeigte keine Bewegung. „Das ist natürlich: er ist alt." „Er hat mich rufen lassen, um zu beichten." „Sie werden sich gut dabei unterhalten, Don Pietro." „Mein Sohn, mein Sohn, wie ists möglich, daß Du mich nicht verstehst?" „Was?" „Ermächtigst Du mich, ihm von jenem«.. von jenem Vorfall zu sprechen?." „Nein." Wenigstens von dem, was mich betrifft,-. von den tausend Lire der Kirche...?" „Ich möchte genau Ihre Worte wissen." „Ich werde ihm sägen, daß der, der ihm jenes Geld vor zwei Jahren am 25. Oktober genommen hat..." „Wir wollen genau sein, Don Pietro: am 2ö. S e p t e m b e r», Ich will keine Verwirrung." „Ja, am 25. September-.. Also, daß der, der ihm jenes Geld genommen hat. aus Neue tausend Lire dieser Kirche geschenkt hat, daß ich, ohne von der Herkunft des Geldes zu wissen, es ver- wandt habe, wie ich es verwandt habe, daß ich ihn im Augenblick des Todes hftte, es mir zu überlassen, als hätte er es mir über- geben..." „Welch ein Glücksfall! Ohne mich wären Sie nicht dazu ge« kommen." „Laß doch die Vermessenheit. Höre mich an- Kann ich ihm das sagen?" „Sagen Sie ihm es nur. Aber entschuldigen Sie., Eine Stimme von unten ertönte: „Kommen Sie?" Santino fuhr fort 7 „Wenn Sie von ihm, als Bedingung für die Absolution, die Verzeihung für meine Tat verlangen würden und die Erklärung an seine Verwandten, daß sie sich niemals mehr mit jener Tat befassen sollen, wäre das nicht besser, Don Pietro?" „Das geht mich nichts an." „Eins zieht das andere nach sich. Entweder Sie raten ihm, uns alles zu überlassen, oder es ist unnütz, daß Sie ihn stören." „Uns zu überlassen, uns zu überlassen! Du sprichst von mir und von Dir so gemeinsam, als ob ich selbst bei der Tat beteiligt gewesen wäre." „Aber das ist doch klar, Don Pietro. Tausend Lire schulden S i e ihm, die anderen schulde ich ihm. Machen Sie eine Sache daraus, und Gott wird es wohlgefällig seinl Hat Gott mir nicht durch Ihren Mund verziehen?" „Kommen Sie, ja oder nein?" ertönte die Stimme von unten wieder:„Wenn nicht, so gehe ich nach Ponte Nuovo." „Du erwartest mich hier?." „Ich erwarte Sie hier." .(Fortsetzung folgt.)i Die 82. Versammlung deutfeber ISaturforfcbcr und Herzte wurde Montagvormittag um S Uhr von dem ersten Geschäftsführer Prof. L i cht h e i m- Königsberg eröffnet. Er warf einen Blick auf die EntWickelung der Medizin in den letzten SV Jahren und schloß, wie es ja bei unS zu Lande üblich ist, mit einem Hoch auf. den Kaiser. Die Ansprachen der offiziellen Persönlichkeiten, Ober- Präsident, Oberbürgermeister usw. boten nichts Bemerkenswertes; natürlich wurde auf den großen Königsbergcr Philosophen, Immanuel Kant, hingewiesen, wobei freilich nicht daran erinnert wurde, daß die preußische Regierung ihm einen Maulkorb anlegte, damit seine gottlosen, den frommen Kinder- und Kirchenglauben umstürzenden Gedanken aus seiner Studierstube ja nicht heraus- drängen.— Der Erinnerung an Kanf und seine kritischen Arbeiten über unser Erkenntnisvermögen ist es Wohl auch zuzuschreiben, daß zunächst ein Philosoph, nicht ein Naturforscher zu Wort kam. Der erste Vortrag in dieser allgemeinen Sitzung lautete:„Er- kenntniStheorie und Naturwissenschaft" und wurde von dem Bonner Philosophen Prof. K ü l p e gehalten. Der Vortragende wies zunächst darauf hin, daß Kants Er« ketmtniStheorie fruchtbare Wechselbeziehungen zwischen Philosophie tmb Naturwissenschaften angebahnt habe. Doch haben die Unter- suchungen Kants fast nur der mathematischen Naturwissenschaft gegolten; es sei indes an der Zeit, auch die empirische(auf Er- fahrung begründete) Naturforschung unter den Gesichtspunkt der transzendentalen Methode zu stellen. Als eines der wichtigsten Probleme ergibt sich dabei das der Realität(die Frage nach der Wirklichkeit der äusseren Welt und ihrer Bestimmungen). Dass tie Naturobjekte nicht mit Empfindungen oder Empfindungs- koniplexen zusammenfallen, wie namentlich Mach behauptet hat, und dass sie auch nicht als Begriffe zu charakterisieren sind, geht aus den Beschaffenheiten und Beziehungen, die man ihnen bei- legt, unzweifelhaft hervor. Sie sind Gegenstände, die von der sehenden und bestimmenden Tätigkeit des Forschers unabhängig bestehend gedacht werden. Die Veränderungen in der leblosen und bebenden Natur werden uns zwar an den Inhalten unserer Wahr- nehmung bewuht, aber sie sind diesen aufgenötigt, sie sind für die Empfindungen erzwungen. Das reale Geschehen muss daher in realen Vorgängen seine Quelle haben, an reale Objekte gebunden sein. Auf diesem Wege gelangt die Naturwissenschaft zur Kenntnis der Körperwelt, und damit ist zugleich das Verfahren der Reali- sierung der Bestimmung von Naturgegcnständen gegeben. Die Körper sind Jnbegrisse von Möglichkeiten des realen Geschehens oder Träger davon und damit ergibt sich, dass sie nur so weit er- kennbar sind, als die real zu deutenden Veränderungen und Ae- Ziehungen unserer Sinneseindrücke dazu Veranlassung geben. Der Redner schloss mit einem Appell an die Naturforscher, sich den Realismus durch Phänomenalistische Grämlichkeitcn(Phänomen«- lismus ist Auffassung der Welt nicht als Wirklichkeit, sondern als blosse Erscheinung) nicht verleiden zu lassen. Wenn ihre Aufgaben reinlich geschieden werden, gedeihen Naturwissenschaft und Erkenntnistheorie am besten. Für die Erkenntnistheorie leisten die erkenntnis-theoretisterenden Naturforscher in der Regel ebenso wenig, wie die ästbetisiercndcn Künstler für die Aesthetik. lieber« lassen wir die Erkenntnistheorie den naturwissenschaftlich un- produktiven, aber die Naturwissenschaft verstehenden Philosophen! In den allgemeinen Sitzungen ichliesst sich an die Vorträge keine Diskussion, und daher mischte sich in den reichen Beifall, den der Vortragende erntete, kein Mißton. Andernfalls wäre wohl energisch daraus hingewiesen worden, wie gerade die Naturforscher der Erkenntnistheorie die nörigen Bausteine liefern müssen und daß erkenntnistheoretische Untersuchungen ohne eine genaue Kenntnis der Vorgänge bei den SinneStvahrnehmungen stets in die Irre führen müssen." Gegen das Schlußwort des Referenten seien nur die Worte Helmholtz' angeführt, des großen Naturforschers und Philosophen: »Die Philosophie ist unverkennbar deshalb ins Stocken geraten, weil sie ausschließlich in der Hand philologisch und theologisch ge- bildeter Männer geblieben ist und von der kräftigen Entwickelung der Naturwissenschaften noch kein neues Leben in sich aufgenonime» bat... Ich glaube, daß die deutsche Universität, welche zuerst das Wagnis unternähme, einen der Philosophie zugewendeten Naturforscher zum Philosophen zu berufen, sich ein dauerndes Verdienst um die deutsche Wissenschaft erwerben würde.' Es folgte als zweiter Vortrag einer von Geheimrat Professor Dr. C r e m e r- Göttingen über„Pubertät und Schule'. Gerade in der Zeit der Entwickelung der Pubertät(Geichlechtsreise), führte der Vortragende aus, hat das Gehirn eine Riesenarbeit zu bewältigen, weil aus dem in Kurzschlüssen denkenden und urieilslos handelnden Kinde ein auf Grund abstrakter Vorstellungen selbständig urteilendes Individuum wird. In der Pubertät differenziert sich auch die individuelle Neigung und Veranlagung wie auch die ersten kriminellen Ausschläge fast immer in die Pubertätszeit fallen. Auch ausgesprocheue psychische Störungen und Schwachsiniiszustände reichen mit ihren Wurzeln oft bis in den Beginn der Pubertät zurück. Wichtig sind auch die gerade in der Pubertät einsetzenden, durch zu rasches Wachsen und Stoffwechselveränderungen bedingten anämischen Störungen und auch gewisse hysterische Züge. Solche Kinder müßten von den nicht unbedingt erforderlichen Stunden be- freit werden und womöglich im Hochgebirge oder an der See ihre weitere Ausbildung erfahren. Aus seinen Betrachtungen kommt der Redner zu den Forderungen oder Lehren: Nicht allzu viel Milde gegenüber der heranivachienden Jugend in der Pubertät, sondern stramme Schuldisziplin, für den Erzieher der Jugend aber die Not- wendigkeit, sich selbst mit den krankhaften Erscheinungen der Pubertät immer vertrauter zu machen, um schwachsinnige und psycho- Zathische und beim weiblichen Geschlecht namentlich auch hysterische Individuen zu deren eigenem und der anderen Kinört Besten zu berücksichtigen und eventuell, wo es erforderlich ist, aus dem ge- meinschaftlichen Unterricht zu entfernen. Der Vorstand und der wissenschaftliche Ausschuß beschlosien in einer gemeinsamen Sitzung, einer Einladung der Stadt Karls- r u h e' folgend, den nächstjährigen Naturforscher- und Aerztetag in Karlsruhe abzuhalten. Die Abteilungen nahmen am Nachmittag fast überall unter starkem Andrang ihre Arbeiten auf. Ganz besonders stark besucht find die Abteilungen für Dermatologie(Hanlkunde), Bakteriologie. Kinderheilkunde und Physik. ES sind im ganzen LS Abteilungen ge- bildet, darunter U Abteilungen der naliirivissenschastlicken Haupt- gruppe und 18 Abteilungen der medizinischen Hauplgruppe._ Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Gustav af Geijerstams Gesammelte Romane. (Verlag von S. Fischer, Berlin. 5 Bde., geh. 12 M., geb. 15. M.) Ich will nicht auf den Satz der Formalisten schwören, daß der Menich hinter dem Künstler in seinen Werken verschwinden müsse. Gewiß, die große Kunst läßt Privatangelegenheiten unter sich, sie erhebt sich in die objektiven Höhen der Entpersönlichung. Es kann uns das Genie in Paradiese führen, dieweil es selbst in der Hölle haust. Es gibt aber auch eine Kunst, in der der Dichter nicht vom Menschen zu trennen ist, in der das Erlebnis zum Bildner wird. Ich meine nicht die kleinlichen Jch-Produkte, die die Welt in eigener Sache belästigen. Ich meine jene ganz in die Atmosphäre des Herzens getauchten Bekenntnisbücher, unrer derem Dichterischen uns immer ein Hauch des Menschen, der sie geschrieben, anweht. Die reife, plastische Kunst eines Konr. Ferd. Meyer z. B. kann mich ent- zücken, aber ich sehe in ihrer kalten Klarheit nicht den Menschen K. F. Meyer dahinter, ich fühle nur sein Werk. In den ganz von Seele durchströmten Geschichten Gustav af Geijerstams aber, die hier in gesanmielter Ausgabe, vornehm und gefällig aus« gestattet vorliegen, fühle ich in jeder Zeile den Menschen, spüre seine Nähe und werde vertraut mit ihm wie mit einem offenen Freunde. Das sind die warmen Bücher, die Herzensbücher, die vielleicht nicht in die Höhe der großen Geistesbücher hinaufragen, die man aber lieb gewinnt wie was Lebendiges. Geijerstam, der sich in Deutschland längst einen festen Platz erobert hat, ist Schwede, aber die Wiege seiner Ahnen stand in Nürnberg. Er ist geniütbeladen, hat das Innige und die Poesie, die Vier-Wände-Liebe, die das Erbteil der Deutschen ist. Geht man nicht gern durch die trauliche Stille eines fränkischen Winkclstädtchens, durch seine Poesie- umsponnene Enge? Ein leiser Spießerzug liegt darüber, aber nicht auch ein heimeliger Zauber? Ich spreche von Spießcrzug und Enge, weil die Kühlen, die Gescheiten Geijerstam mehr als einmal den Philister an den Kopf geworfen haben. Wo ein Dichter sein Herz aufzeigt, sich nicht der Tränen schämt und der weichen Güte, und— wie feminin 1— das Haus, das Häusliche zu seiner Welt macht— da ist die krittsche„Ueberheblichkeit' sehr schnell mit einem geringschätzenden Lächeln da. Hat Geijerstam es doch selbst von dem nicht verstehenden Freunde Strindberg erleben müssen, daß er ihm vorwarf, er mache aus jedem kleinen Ehezwist ein Erlebnis und daraus Literatur. Aber nun, da wir die Ehe- und Freundesgeschichten Geijerstam zusammens vor uns haben, zeigt sich erst, mit welcher Einheit und Stärke er sein Lebenswerk schuf, dieses große Liebeswerk, das einer kampssüchtigen Zell zurief: Lernet einander verstehen, denn das größte ist die Liebe I Von der Tragik der Ehe, der Familie hat er immer und immer wieder ge- schrieben. Vom„Kampf der Seelen", die das Glück suchen und das Leid finden und auch andere leiden machen. Und er grübelt dem „Ewigen Rätsel" nach, warum aus einer glücklichen Zweisamkeit immer eine unglückliche Einsamkeit, eine„Komödie der Ehe" werden muß. Ein noch immer lauschender Poet, spürt er die„Gefährlichen Mächte" auf, die zwei Un« schuldige schuldig werden lassen und sie in das Martyrium der Vereinsamung zu Zweien schleudern. Fern von den Aufreizungen der Welt und den aktuellen Fragen(Geijerstam fing an der Seite StrindbergS mit revolutionären Tendenzen an und flüchtete nach Enttäuschungen zur Walstatt, da die stillen, innerlichen Kämpfe aus- gekochten werden) feiert er die„Frauenmacht" und die Ehe mit dem „Haupt der Medusa". Und auch die Kindesmacht hat er in seinem „Buch vom Brüderchen" erschütternd geschildert, in diesem tränen- getränkten Buch der Trauer und des Todes. Durch alle seine Bücher geht das Sterben, sei es leiblich oder seelisch, denn die Menschen, die sich finden und verlieren, sind keine starken, sondern zerbrechliche Mimosenscelen. Sie haben nicht das robuste Wikingergewissen, das sich sein Glück erkämpst, sie sind von jener GewissenSzartheit, die unter einem Blick, einem Gefühl, einem Wort verblutet. Wo sich die Menschen in den geräuschvollen Taten« und Geschehnisbüchern zerfleiscben, könnte man von den über den Abgründen des Unbewußten sich marternden Menschen in GeyerstamS lautlosen Gefühlsbüchern sagen, daß sie sich„zerseelen". Und doch ist G. kein Desillusionsdichter wie Jakobse», von dem er unzweifelhaft bc- fruchtet wurde. Wo dieser im stumme» Kampf und Nichtverstehen der Geschlechter als trostloser Pessimist verhauchte, wo StrindbergS einseitiger Haß geboren wurde, erwuchs Geijerstam die versöhnende Güte. Er wurde zum resignierten Vermittler. Wir finden in allen seinen wehmütigen Geschichten von Enttäuschungen, Ringen und Zer» brechen liebender Menschen nicht den beschränkten Kampf von Wesen gegen Wesen, sondern die unhörbare, ununterbrochene Zwiesprache zwischen Mensch und seiner mitteilungSarmen Seele, die sein Schick- sal-wird. Geijerstam fängt, wie Ibsen in seinen Familiendramen, da an, wo andere aufhören. Da wo die große Unruhe erst beginnt, un Zusammenleben. Und am Ende leuchtet doch der Frieden über dem Kampf: die Unterwerfung unter unbekannte Mächre, läßt die Bitterkeit der Seele verschwinden, bändigt Haß und Häßlichkeiten und hebt die Schuld auf. So sind Geijerstams Romane Familienbücher im edelsten Sinne. J. V. Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»anj;al:Paul Smger sräo..Berlin SW.