IlnterhaltungsSlatt des Dorwärts Nr. 185. Donnerstag den 22. September. 1910 ssz Der Entgleiste. (Nachdr. verboten.) Von Wilhelm Holzamer. So sitzt er zu Hause und sinnt nach. Dann tritt er auf die Straße, und gleich übt sie ihre Anziehung. Sie macht ihn recht innerlich froh: an allem hat er seine Freude, alles wird ihm lieb. Die starken Schimmel der Omnibusse machen ihn staunen, die Auslagen der Magazine erfreuen ihn. Er erfreut sich an den Früchten und Gemüfen vor den Läden, an Geflügel und Wildbret, an den kleinen netten Restaurants mit ihren blanken Zinkausschänken, an den Marennes und Portugaises*) und Escargots"), an Elegants und Dirnen, an den Kutschern und Maronenröstern, an allem, was die Straße bietet, was ihr beständiges Bild und ihr lebendiger Wechsel ist. Er will das alles aufnehmen. Er will rücksichtslos und reflerionslos Auge in Auge mit allem sein, was zum Leben gehört, er will den großen Ausdrucksreichwm des Lebens in seiner ganzen Hn mittelbarkeit genießen. Und etwas meint er schon zu fühlen, wie einen Duft des Westwinds, der über Nosenfelder geweht, fernher und fein und köstlich: den Duft der Lebenskunst. Ihre Rhythmen wellen und wogen noch nicht in ihm weiter, er hat an ihr noch nicht teil, aber erspürt sie. Er spürt das Maß in der Maßlosigkeit ihres Tanzes, die Grazie, die BeHerr schung, und die prachtvollen Ueberschüsse, die zu aller Kunst gehören. Noch muß er abseits stehen und zusehen: aber ein. mal wird er daran teilnehmen können, und einmal wird ihm das volle, klare Verständnis dafür aufgehen. Und wer dann auf dem Nichterstuhl des Gut- und Bös serns sitzen wird, dem wird er lächelnd seine Entrüstung und seine Verachtung, sein Rechthaben und Besserwissen lassen. Ihm wird er das Leben als etwas Fertiges, den Menschen als etwas von vornherein Ab- und Zugeschlossenes überlassen. Er aber als echter Lebenskllnstler wird für Gärung und Klärung Verständnis haben.— Philipp schlendert die Rue Fontaine hinauf, dem Mont- martre zu. Der Abend ist weich, weich wie die schönen Herbst- abende von Paris nur sein können. Da oben, am Ende der Straße, drehen sich helle, rote Kreise im Dunkel, rote, ver- lorene Lichtpunkte stehen um sie iin Schwarzen. Die Wind- mühlflügel von Moulin rouge drehen sich da und locken seit- sam und verführerisch, frech und schwindelhast. Sie locken Philipp in das Vergnügungslokal hinein. Er findet zwar alles anders als er erwartet hatte, aber es ist ihm keine Ent- täuschung. Er hat sich schon gewöhnt, die Dinge so zu nehmen, wie sie ihm entgegentreten. Er hat sich ganz und gar un° befangen und vorurteilslos gemacht.„Die deutsche Erbsünde der besserwissenden Krähwinkclei überwinden", nennt er das. Er winkt ein paar Dirnen ab, die ihn ansprechen.„Nonl" und eine Handbewegung, das genügt. Eine kommt, die ihm nicht übel erscheint: er bestellt ihr den gewünschten„Bock" (Glas Bier), sucht seine paar französischen Brocken zusammen, um sich mit ihr zu unterhalten, fragt sie aus, läßt sich er- zählen und schickt sie wieder fort, als er meint, daß er genug von ihr erfahren habe. Eine nach der andern kommt, und bald kennt man ihn, bald kennt er sie.„b>e docteur allemand" (der deutsche Doktor)— er macht sich den Scherz und zahlt ein halbes Dutzend„Bock" und läßt sich feiern und freut sich seines raschen Bekanntwerdens. Dann hat er genug davon, er steht auf und sieht sich den Bauchtanz an, zahlt einen Grog, be- sieht sich wieder den Rundtanz und steht schließlich vor einer Gruppe von Tänzerinnen, die die Spezialität von Moulin rouge bedeuten, die über dem Spitzenunterrock das Straßen- kleid tragen und die„Quadrille naturalistique" tanzen. Phi- lipp hat's getroffen, es ist der letzte Abend des alten Moulin rouge. Und sie tanzen keck. Je kecker sie's machen, desto mehr freut er sich, obgleich ihn der Eindruck ärgert, daß der Tanz mehr zur Lockung als um seiner selbst willen getanzt wird. Aber, denkt er sich, wenn ein paar Menschen gern lasciv sind und Wenn sie's sein müssen und wenn sich ein paar Menschen auch daran erfreuen, Gott, meinetwegen! Eine Bewegung geht durch den Saal, es bilden sich leb- Haft plaudernde Gruppen, man sieht bedauernde Mienen. Ein alter, jovialer Herr wird besonders attackiert, Valentin le D6-- sosss. Händeschütteln, Wangenstreicheln— und wie eben der ,*) Billige Austerarien.—) Schnecken. Walzer ausklingt, läßt die eine Tänzerin im schwarzen Kleids den Rock fallen und stürzt auf ihn zu und umarmt ihn. „Valentin!" ruft sie. Das weitere versteht Philipp nichs. Valentin streichelt ihr über den Kopf. „Ja, Grillon," sagt er,„vorbei!" Alle sehen nach der Uhr— Mitternacht. Die Kapelle beginnt den Kehraus. Grillon springt davon und hebt die knisternden Volants. Sie fliegt nur m der Luft, ihre Füße berühren kaum mehr den Boden. Eine feine Gestalt, zart wie ein Schmetterling, die schlanken Beine in schwarzen, durchbrochenen Seidenstrllmpfen, fliegt ihr entgegen. Die beiden tanzen um die Wette, immer die Beine in der Luft, nur dann und wann ein kurzes, bestimmtes Klappern der Holzabsätze. Grille d'Egout und Jane Avril, die Meisterinnen der Quadrille naturalistique, tanzen sie zum letzten Male in dem alten Moulin, in dem sie groß geworden. Rings stehen die Zuschauer und sind entzückt. Und da steht auch der alte Valentin le D6soss6, der Meister dieses Tanzes, und klatscht in die Hände.„Bravo, Grillon!" ruft er bald einmal, und„Bravo, Jane!" wieder, und alle klatschen Bei- fall, lachen, wenn der Tanz sich dem Ordinärsten und Niedrig- sten in Dienst gibt und die groben Vorstadtinstinkte auslebt, rufen Bravo, wenn er sich zur Kunst oder zum Kunststück erhebt. Es ist furchtbar beklemmend und aufregend manchmal, und manchem wird der Atem heiß. Und die Tänzerinnen spielen damit, bewußt und absichtlich. Der Tanz ist aus. Die drei sinken sich in die Arme, Grillon und Jane küssen den alten Valentin. „Ja, meine lieben Kinder," sagt er,„zum letztenmal, zum letztenmal! Ich danke Euch, liebe Kinder! Aber es ist vorbei, vorbei!" Sie gehen Arm in Arm unter den Zurufen der Menge davon. Moulin rouge hat seinen letzten Tag gehabt, Moulin rouge ist tot. Wenn es wieder auferstehen wird, wird es seine alte Eigenart nicht mehr haben. Langsam leert sich Moulin rouge, langsam nehmen seine Getreuen von ihm Abschied. Philipp steht nun draußen auf der Straße und schaut hinauf zu den großen Flügeln, die plötzlich stille stehen. Und plötzlich verlöschen ihre Lichter, das Haus liegt im Dunkel, tot, wie vor seinen Augen gestorben. Er tritt in das Restaurant„Cyrano" nebenan ein. Er hat Hunger.„Soupers" steht mit elektrischen Lampen oben hingeschrieben. Die Fenster sind hell erleuchtet, eine Zigeuner- kapelle konzertiert. Mit Jubel wird er im ersten Stock empfangen. Docteur allemand!"— Und eine garstig-kichernde Stimme ruft:„I�e Prussien!"(„Der Preuße I") Sie kam von einer, die er vorhin abgewiesen hatte. Denn alle Bekannten von Moulin rouge sind da. Er ist im Nu von Dirnen umringt. Sein erstes war, daß er nach seiner Geldtasche griff. Da lachten sie ihn alle aus. Zarte Hände streichelten ihn, Koseworte, die er nicht verstand, aber als solche empfand, umschwirrten ihn. „Eine Zigarette, bist!" Im Nu war seine Zigarettenschachtel geleert. „IIa Bock!"—„Zahlen Sie ein Bock, mein Herr!" „Eine Tasse Kaffee!"„Ein Gläschen für mich, lieber Doktor!" Philipp sträubte sich anfangs, dann gewährte er der einett und anderen. Aber als neue Besucher kamen, fielen sie wieder von ihm ab. Schließlich war er mit dreien allein an einem Tische. Die eine war eine Schlanke, die ein gerötetes Gesicht hatte, eine spitze Nase, eckige Bewegungen und Zähne wie ein Droschkengaul, die sie beim Rauche« noch besonders zeigte, indem sie die Zigarette mit ihnen packte und die Oberlippe aufschürzte. Philipp war das zum Ekel, und er sah manchmal an ihr hinunter und wieder hinauf, um etwas an ihr zu finden, was ihm gefallen könnte, aber er fand nichts, und so knurrte er in sich hinein:„Wenn das verdammte Aas nur zum Teufel ginge!" Aber sie ging nicht und bestand darauf, ihm ihre Adresse ins Notizbuch zu schreiben. „Hab keins," sagte er barsch und im Dialekt seiner Hei- mat. Man verstand seine abwehrende Bewegung und lachte hell auf. giftet Deshalb denn, lieber Doktor?" fragte die Schlanke. Da nahm er mißmutig fem Stotizbuch aus der Tasche, blätterte es rasch durch und reichte es ihr mit einem gut deutschen derben Fluch hin. „Mni-Auerits Brivard, 11, rue des Abesses," er las es gleichgültig und wollte sein Notizbuch wieder einstecken. Aber nun griff die kleine Runde danach, die ihm eigentlich am besten gefiel von allen dreien. Sie hatte rote Wangen, von denen er sicher glaubte, daß sie nicht geschminkt seien, gute, weiße Zähne, eine etwas dicke Nase, die ihr aber gar nicht übel stand, und war überhaupt ein netter saftiger Käfer. Die runden Wangen waren manchmal zum Hineinbeißen, besonders wenn sie lachte und sich links und rechts die dünnen Grübchen einpreßten. Und sonst ihre Gestalt— nun, dachte Philipp, es ist schon etwas an ihr. Aber er dachte es ganz unbcgehrlich. Als er ihr das Notizbuch reichte, ging etwas wie eine Helle in ihren großen dunklen Augen auf, aber während sie ihre Adresse einkritzelte, wurde ihr Blick fast traurig. Philipp beobachtete das mit Neugierde und Er- staunen, mit einem Gefühl der Teilnahme. Was er bei der anderen nicht mußte, mußte er bei ihr: er interessierte sich für ihr Schicksal, und er vermutete bestimmt, es müsse etwas aus ihr zu gewinnen sein, es müsse vielleicht etwas in ihr befreit werden können.„Aim6e Duprö, 2, rue des trois fröres," stand in unbeholfener Schrift in dem Notizbuch. „Dank schön!" sagte Philipp und versuchte ein besonders freundliches Gesicht zu machen. Da griff auch die dritte nach dem Notizbuch. Philipp sah sie erstaunt an. -„Du?" fragte er, ganz breit Deutsch. Sie war eine kleine Person, die Figur eines zwölf- fahrigen Mädchens, die Züge einer Dreißigerin, aber durch Puder und Schminke und einen hängenden, strohblonden Zopf mit blauer Schleife gewaltsam jugendlich gemacht. „Du kleine Kröte?" sagte er. Obschon er nicht verstanden worden war, ging nun doch über das ältliche Mädchengesicht eine Verzerrung. Das spöttische Lächeln auf Philipps Antlitz verschwand, sie tat ihm leid, und er reichte ihr das Notizbuch hin. Sie schrieb nun mit lachendem Gesicht ihre Adresse ein. Aber als sie das Wüchelchen zurückgab, sah der Doktor nicht hinein. Dann kam ihm ein Einfall:„dlerci, merci, meine kleine Krotte," sagte er. Er hatte viel Freude an seiner Leistung: das deutsche Kröte so fein ins Französische übertragen zu haben, und er nannte die kleine Ungestalt nun nicht mehr anders als„la Krotte". Der Schlanken wars nun hier langweilig geworden, sie suchte anderswo ein Geschäft zu machen. Die Runde fiel Philipp uni den Hals und küßte ihn,„la Krotte" strich ihin 'sacht und zärtlich über den Scheitel. Da fuhr der dicke Oberkellner, der ein furchtbar sattes Gesicht hate und den Tugendrichter spielte, dazwischen und uberreichte dem Doktor die Speisekarte. Ja, nun mußte er endlich speisen. Er aß kalles Huhn mit Gemüsesalat und krank roten Burgunder dazu. Zwei Kuverts waren außer- dem noch gebracht worden, das war selbstverständlich. Philipp beachtete und beobachtete nun das weitere Leben stm Restaurant. Er sprach mit dem Kapellmeister der kleinen Zigeunerkapelle und freundete sich mit ihm an, er fragte die beiden Mädchen nach dem und jenem und verstand ihre Ant- Worten nur halb, wie sie auch seine Fragen nur halb verstehen Mochten. Er ließ noch Früchte kommen, Kaffee und Ziga- xetten und fühlte sich herrlich aufgehoben. In dem kleinen Saale ging es indessen bunt her. Die zahlreich anwesenden Damen tanzten und benahmen sich ganz und gar ungeniert. Sie boten sich an, bettelten um Soupers, begrüßten und umhalsten neue Ankömmlinge, von denen sie hofften, daß sie festzuhalten wären, und wendeten sich dann verächtlich von ihnen, wenn sie sich getäuscht hatten. Da und dort war die eine und andere gut angekommen und trank Ehampagner mit einem Galan und soupierte fein, und diese und jene schritt, ihres Verdienstes froh, verstohlen oder frech, gravitätisch oder gleichmütig, wies gerade ihre Art war, mit einem Herrn davon. Die Herren selbst gebürdeten sich hier, wies ihnen behagte. Einige tollten, indem sie auf Stühle und Tische sprangen, andere tanzten, andere produzierten sich in Jongleur- und Taschcnspielerkunststücken, andere char- wierten umher, alle gaben sich frei und ausgelasien, nur wenn ein Pärchen zu sehr ein Paar wurde, fuhr der dicke Ober- kellner darein und überreichte die Speisekarte. �Fortsetzung folgt.), 6] Sünde und Buße. Von llgo Ojekti. Berechtigte Uebersetzung aus dem Italienischen von Friedrich Eich. Don Pietro nahm wieder Hut, Mantel und Halstuch, stieg hinab und ging in die Kirche, um den Kelch, das Kästchen mit der Hostie und das Deckchen zu holen. Der Wagen fuhr davon. Auf dem freien Lande war die Straße nicht gefroren wie- auf der von Häusern umschlossenen Piazetta, und das Pferd griff aus. Nach einer halben Stunde stieg Don Pietro vor der Villa aus: einem großen, weißen Gebäude, das auf drei Seiten von Kastanien ein« gefaßt war, die mit ihren Zweigen die Fenster berührten. Die ganze Straße unterhalb des Hauses und der ganze Raum davor waren mit Stroh bedeckt, um jedes Geräusch von Rädern und Schritten zu dämpfen. Ein langer Korridor mit Bildern, ein Billardzimmer, ein verlassener Saal, ein Salon, in dem ungefähr zehn Menschen leise im Halbdunkel sprachen und auf dem Boden zwei Jagdhunde, unbeweglich, mit der Schnauze auf den Pfoten: und schließlich das Zimmer des Sterbenden, geräumig, ganz rok eingerichtet, erhellt durch eine verschleierte Lampe, erfüllt von einem beklemmenden Dunst von Aether, Senf und kochendem Wasser. Auf der einen Seite des Bettes erkannte Don Pietro den Sohn des Grafen, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, da er seit seiner Verheiratung in Neapel lebte, und auf oer anderen Seite den Doktor Ambrofi vom Hospital in Spoleto, einen gut- mutigen Riesen mit kurz geschnittenem weißen Haar, enormer Nase und einem schwarzgefärbten Schnurrbart, der lächerlich wirkte, wie ein falscher Bart unter der Nase einer Maske. Der Doktor kam ihm entgegen und bat ihn, den Kranken nicht aufzuregen und die Beichte mit wenigen Worten zu erledigen: „Was geschehen ist, ist nun einmal geschehen," und er ging davon, ohne zu grüßen, denn er war antiklerikal. Der Sohn, ein Mann in den Fünfzigen, ergraut, mit einem dicken Bauche, drückte Don Pietro die Hand: „Ich schließe die Tür. Sobald Sie fertig sind, rufen Sie uns." Der alte Anzilei, kahlköpfig, mit einem kurzen weißen Bark, der ihm in den wenigen Tagen der Krankheit gewachsen war, hatte Leben nur noch in den Augen und in den Händen. Mit den Fingern seiner roten und glänzenden Hände, die aussahen, als wären sie von zerknitterter roter Seide, klopfte er unaufhörlich nervös auf das zurückgeschlagene Bettuch, und die schwarzen Augen zuckten unter den schweren Augenlidern hin und her und durch- suchten alle im Schatten liegenden Ecken, als wollten sie sich von den vielen Falten befreien. Von Zeit zu Zeit ruhten die Hände. die Augen schlössen sich, und es schien, als ob der Tod mit seinem Frieden gekommen wäre; dann begann die Bewegung wieder, genau so als ob eine unsichtbare Hand den Faden am Mechanismus eines Spielzeuges wieder angezogen hätte. Don Pietro setzte sich auf den Stuhl des Sohnes und sagke dem Alten einige Worte des Trostes. Dieser fragte nach einigen Sekunden des Schweigens den erstaunten Geistlichen: „Wie alt sind Siel," „Siebzig Jahre." „Dann können Sie mich verstehen«., Ich bin achtundsiebzig." und er schlug wieder mit den Händen auf das Bettuch und suchte mit seinen schwarzen Augen umher. Plötzlich hefteten sich diese mit Aufbietung aller Kraft an die des Geistlichen, und der Sterbende begann mit schwacher Stimme zu sprechen. Es schienen wohlvor- bereitete Worte zu sein, denn jeden Augenblick unterbrach und ver- besserte er sich. Er beschrieb mehr seine Fehler, als daß er von seinen Sünden sprach: den Geiz, die Härte, die unlauteren Wünsche. Am Schluß brach er mit einem Male ab und bewegte sich nicht mehr. Don Pietro dachte daran, ihn erst um Verzeihung für jene Tat zu bitten, ehe er ihm die Absolution erteilte, aber dann schien es ihm, als wäre das wenig großmütig gewesen, gleichsam eine Er- pressuitg, und da absolvierte er ihn eiligst, ohne innezuhalten, und nach den lateinischen Worten sprach er, ihm ganz nahe, mit bebender Stimme weiter: „Jetzt müssen auch Sie mich freisprechen. Entsinnen Sie sich des Diebstahls, der vor zwei Jahren hier bei Ihnen verübt wurde, an einem Sonntage, während Sie in der Messe waren? Jener Un- glückliche, der den Diebstahl ausführte, hat ihn bereut und ist zu mir gekommen und hat gebeichtet, indem er dasselbe Vertrauen hatte, das Sie eben in das Erbarmen Gottes gesetzt haben. Aber ehe er beichtete, gab er in den Opferstock der Kirche einen Teil der gestohlenen Summe, und wir von der Kirche, in dem Glauben, es sei ein rechtmäßiges Geschenk, verwandten eS, um das Haus des Herrn zu schmücken. Vielleicht hat der Herr selbst uns verziehen, hat er doch den Dieb an den Beichtstuhl geführt. In diesem feier- lichen Augenblick bitte ich Sie, als einen guten Christen, der Sie sind, jenem Irrenden zu verzeihen..." „Er kam und beichtete? Und hat Ihnen alles gebeichtet? Ihnen? Von selbst gebeichtet? Und hat keine Angst gehabt, daß Sie dann..IT „Wir haben zwei Pflichten: zu verzeihen und zu schweigen." „Und Sie werden nie aufdecken...?." „Nie. Eher würde ich sterben." Der Alte schwieg. Don Pietro fragte dringend, erschrocken über seine Unbeweglichkeit: „Antworten Sie mir. Verzeihen Sie ihm?" »Ja, ja, ich verzeihe, ich verzeihe l Ich verzeihe allen. Wird ttit Set Herr das anrechnen ZI Sie müssen das Eissen. Der Herr Muß mir das anrechnen." .Der Herrgott hört uns," erwiderte ihm Don Pietro mit Einfachheit. Dann, zufrieden, daß er erreicht, was er gewollt hatte, ging er auf die Tür zu. »Jetzt rufe ich Ihren Sohn zur Kommunion." Aber kaum hatte er einige Schritte gemacht, da fuhr der Alte ßusammen. seine Hände suchten einen Halt, als wollte er sich auf- richten. Er rief: „Kommen Sie her, kommen Sie Herl Rufen Sie niemand, Hören Sie mich, hören Sie michl" Don Pietro kehrte zu ihm zurück. „Hören Sie mich, hören Sie alles. Ich habe Ihnen nicht alles gesagt, ich habe nie alles gesagt. Auch ich bin ein Dieb, auch ich habe gestohlen. Die Millionen, die ich besitze, habe ich zu Anfang durch Diebstahl erhalten. Sagen Sie niemandem etwas.'Sie allein sollen es wissen. Als Dreißigjähriger habe auch ich gestohlen, ja, habe ich gestohlen, gestohlen, gestohlen," er wiederholte das Wort, indem er bei jeder Silbe mit den Händen auf das Bettuch schlug: „Sie glauben mir nicht? Aber es ist wirklich so: gestohlen. Ich habe das Testament eines- Verwandten unterschlagen und habe da- durch dreißigtausend Lire geerbt, nur dreißigtausend Lire. Und hiermit habe ich alles erworben. Alles Uebrige habe ich mit meinen Händen erworben: das ganz gewiß. Aber jene dreißigtausend Lire, die habe auch ich, auch ich gestohlen. Und jetzt gehen Sie hin. rufen Sie die anderen, ich will mich von dieser Last befreien, ich will handeln wie jener andere, der mich bestohlen hat, ich will, daß diese Summe Ihnen zufällt, damit Sie mit ihr machen, was Sie wollen, damit der Herr mir verzeihe, jetzt, mir sofort verzeihe. Gehen Sie hin, rufen Sie die Zeugen... Zwei Zeugen find nötig..." Don Pietro hatte mit offenem Munde zugehört. Er vermochte nur unbewußt der Aufforderung nachzukommen. Er öffnete die Tür, der Sohn und der Arzt traten ein und näherten sich dem Bett. Der Sterbende sagte zum Sohn: „Du nicht. Der Doktor und ein anderer... Einer, der kein Verwandter von uns ist... Wen könnte man nehmen?" Sie nannten ihm zwei oder drei Namen. Er wiederholte: „Ein anderer, der kein Verwandter von uns isV und schaute Mißtrauisch seinen Sohn an. (Schluß folgt.) 82. Versammlung cleutfcder JNTatur- forfeber und Herzte. Dienstag früh vereinigten sich eine größere Anzahl von Ab- teilungen der naturwissenschaftlichen Hauptgruppe zu einer gemein« samen Sitzung. in der zunächst Dr. Coro- Berlin einen Vortrag über»Moorkultur und Torfverwertung" hielt. In Holland, führte er aus. besteht eine ausgebreitete„Vehnkultur", indem die Moore abgetorft werden, der gewonnene Torf als Brennmaterial nach den Städten gebracht wird und die abgetorften Flächen mit städtischen Abfällen und künstlichen Düngemitteln gedüngt und in blühende Wiesen und Felder verwandelt werden. In Deutschland kann die Verwertung des Torfs als Brennmaterial als ausschlaggebender Faktor für die Moorverwertung nicht in Betracht kommen. Die Hochmoorkultur, die man hier versuchte und die die landwirtschaftliche Behandlung des Moorlandes ohne Verwertung der Moorsubstanz ermöglichen soll, scheiterte bisher, vor allem, weil es nicht gelang, die Wirtschaft- liche, beständig wirkende Entwässerung des Torfes durchzuführen. Aber deni Vortragenden ist es gemeinsam mit Professor Frank- Charlottenburg gelungen, ein Verfahren auszuarbeiten, bei dem die bisherigen Uebelstände vermieden werden? der Torf wird in Generatoren der Einwirkung von Luft und Wasserdampf unter- warfen und dabei wird die gesamte Torfsubstanz(mit Ausnahme der Asche) in ein heizkräftiges Gas verwandelt und daneben noch eine Reihe wertvoller Nebenprodukte gewonnen. Hierdurch sind die Moore Kraftquellen ersten Ranges geworden, denn das gewonnene Gas eignet sich wegen seiner Reinheit und konstanten Zusammensetzung besonders zur Gewinnung von Elektrizität, was für Deutschland mit seinen nur teuer auszubauenden Wasserkräften von besonderer Be- deutung ist. Das Verfahren wird ganz besonders dadurch Wirt- schaftlich, daß bis zu 85 Proz. des im Torfe enthaltenen Stickstoffs in Form von Ammoniak gewonnen werden, das zur Herstellung von schwefelsaurem Ammoniak dient, einem in der Landwirtschaft gut bewährten Düngemittel. Die Moore werden also durch dieses Ver- fahren in die Reihe der wichtigsten Elcktrizitäts« und Kraftquellen erhoben und gleichzeitig kann die Landwirtschaft mit billigen, im Jnlande hergestellten Düngemitteln versorgt werden. Die letzte Frage ist von besonderer Bedeutung— werden doch jährlich für 150 Millionen Mark Düngemittel vom Auslände, fast ausschließlich in Form von Salpeter bezogen. Das größte Stickstofftefervoir besitzen wir in unserer Atmosphäre, und es sind bereits verschiedene Methoden zur Verwertung des Luftstickstoffes in die Industrie eingeführt; aus» fichtSreich erscheint neben der Herstellung von künstlichein Salpeter nach dem Verfahren von Bickeland u. Eyde namentlich das Ver« fahren von Professor Frank und dem Vortragenden. Kallstück- stoff zu erzeugen, der entweder direkt oder nach Umwandlung in schwefelsaures Ammoniak in der Landwirtschaft Verwendung findet. Auch der folgende Vortrag von H e n n i g- Berlin über „Aeronautik vor Montgolfier" fand vor derselben Zuhörerschaft statt. Bekanntlich ist der erste Luftballon, der mit Hilfe erwärmter Lust in die Höhe stieg, von Montgolfier im Jahre 1783 konstruiert worden. Daß das Sehnen der Menschen von jeher auf die Erhebung in die Lüfte gerichtet war, beweisen die vielen Flug- sagen, die wir ähnlich der Dädalus-Jkarus-Sage in allen Teilen der Welt finden. Es sind auch sicherlich in alten Zeiten schon manche Versuche unternommen, um mit Hilfe von Flugapparaten, meist in Verbindung mit Nachahmungen der Flügel der Vögel, in den Luftraum aufzusteigen. Doch können diese Versuche nicht als Vorgänger der Montgolfiere bezeichnet werden, wohl aber führt von dem' Drachen, der als Feldzeichen benutzt wurde, eine gerade Eni« Wickelung bis zum Warmlustballon Monlgolfiers. Aus China kam dieses Feldzeichen zu uns, und in der großen Mongolenschlacht im Jahre 1241 soll der feuerspeiende Drachen der Feinde einen panischen Schrecken in, Heere der Christen verursacht haben. Später nahmen dann die europäischen Völker ihn auf und ent« zündeten ebenfalls in seinem Innern ein Feuer. zunächst wohl, um das Zeichen auch bei Nacht weithin sichtbar zu machen, dann aber auch wohl, um die Gegner zu schrecken. Wenn nun der Drache nicht auf einer Stange getragen wurde, fondern wenn der Reiter ihn, wie viele bildliche Darstellungen zeigen, luftig im Winde flattern ließ, so mußte man bemerken, wie viel leichter er aufstieg, wenn das Feuer in ihm entzündet war. Er brauchte nur noch eine etwas andere Form zu bekommen, um das schnelle Ent- weichen der erwärmten jLust zu verhindern, und der Warmluft« ballon, die Montgolfiere, war fertig.— Merkwürdig ist auch, daß in den vielen phantastischen Projekten, die im 16. und 17. Jahrhundert sich vorfinden, manches eine theoretisch richtige Grundlage hatte, wie das von Lena, wo luftleer gepumpte Kugeln sich erheben und ein Schiff mit in die Höhe nehmen sollen, und daß manche später in die Praxis übergegangene Erfindung sich bei ihnen vorfindet, wie der Fall« schirm, den der jetzt wieder viel genannte Jules Verne deS 17. Jahr» Hunderts, Cyrano von Bergerac, in seinen Romanen verwendet. Sehr ernsthafte und umfassende Studien über das Flugproblem hat übrigens auch der berühmte Maler Leonardo de Vinci angestellt; er erwähnt auch die Absicht, einen Flugversuch zu unternehmen, doch ist nichts darüber bekannt, ob er drese Absicht auch verwirk- licht hat. Zur gleichen Zeit hielt heute die medizinische Gruppe eine Ge- samtsitzung aller Abteilungen ab, in welcher Dr. Vassermann« Berlin»über die Bedeutung des Spezifizitätsbegriffes für die moderne Medizin" sprach. Er führte aus, die heutige Epoche der Medizin ist im Gegensatz zu der vergangenen eminent praktisch gerichtet, sie wird nicht von der Durchforschung der Leiche, sondern von der Durchforschung des lebenden Organismus beherisscht, sie ist Biologie(Lebenserforschung) im weitesten Umfange. Die Grundidee in der modernen Epoche der Medizin ist mit dem einen Worte.Spezifizität" zu bezeichnen. Dieser Begriff wurde zuerst in strenger Form von Robert Koch in der Medizin eingeführt, der sein Gesetz der Spezifizität ausstellte, wonach jede Infektionskrankheit durch einen ganz bestiminten Erreger hervorgerufen wird, der für die be» treffende Krankheit spezifisch ist. Vor rund 20 Jahren erschien Ehr- lichs Arbeit, wonach der Organismus in Reaktion auf die Ein- Verleihung von Bakterien' oder deren Giften mit der Er- zeugung von gewissen Substanzen arbeitet, die ebenfalls spezifisch sind. Weiter zeigte sich bald, daß der Spezifiziläts- begriff nicht auf Bakterien beschränkt ist, sondern alle möglichen Zellen tierischer und pflanzlicher Herkunst umfaßt. DaS Protoplasma jeder einzelnen Tierart erwies sich als spezifisch, so daß bei Einverleibung in den Organismus nur ihm entsprechende RcaklionSprodukte hervorgebracht werden. Bei der Serodiagnostil der Syphilis zeigte sich, daß diese Spezifizität nicht auf Eiweiß» stoffe beschränkt ist, und damit eröffnete sich mit einem Schlage ein neues Gebiet. Die Spezifizität einer Zelle besteht darin, daß sie zu einer chemischen Substanz eine andere Affinität(Beziehung, An» ziehung) hat als alle übrigen Zellen oder Gewebe des Organismus, und der therapeutische Forlschritt besteht nun darin, diese Substanz herauszufinden. Dadurch ist eine zielbewußte experimentelle Therapie (Heillehre) möglich geworden, deren vielfache Erfolge der Redner darlegt; sie führte zur Ausbildung einer zielbewußte!� Chemotherapie, deren jüngstes viel verheißendes Kind das Ehrlichsche Präparat 606 ist. Der Nachmittag gestaltete sich in den Abteilungen für Derma- tologie und Bakteriologie zu einer Ehrlich-Sitzung. Der Behandlungsgegenstand lautete:„Die Behandlung der Syphilis mit dem Ehrlichschen Präparat". Der Vorsitzende Prof. N e i s s e r- Breslau wies darauf hin, daß 30 Vortragende und 15 Diskussionsredner bereits gemeldet feien, es sei daher kaum auf diesem Wege zu Ende zu kommen. Der richtigste Weg wäre wohl, wenn wir Geheimrat Ehrlich bitten würden, die Sache einzuleiten. Es handelt sich nur darum, das Mitlei selbst zu erörtern, nicht darum, daß jeder erzählt, wie viel Fälle er geheilt hat. Dinge, die man jetzt in den medizinischen Wochenschriften lesen kann. Hierauf nahm unter stürmischen Beifallskundgebungen Professor Ehrlich» Frankfurt a. M. das Wort: Ich hatte eigentlich die Absicht, erst am Schlusie der Diskussion ganz kurz zu sprechen, weil der heutige Tag den Klinikern gehört, also denen, die über den Wert oder Unwert des Mittels zu entscheiden haben. Ich will mich nur auf einige kleine Mitteilungen beschränken. Bekannt ist, daß bei Anwendung des Mittels die Spirochaeten(die Erreger der Syphilis) in 24 bis 23 Stunden verschwinden. Dauert es länger, so ist der Fall als geheilt zu betrachten oder es handelt sich um arsenfeste Spirochaeten, die nicht reagieren. Ein zweites wesentliches Zeichen des Mittels ist die Bildung spezifischer Antikörper durch das Mittel. Es ist durch Tierversuche bekannt geworden, dast Säuglinge geheilt wurden, wenn die Mütter eine In- jektion erhalten haben. Da natürlich das Arsen nur in kleiner Zahl angewendet wird, so muß man annehmen, daß sich im Körper der Mutter Antikörper gebildet haben, die den Heilungsprozeß herbeiführen. Ich bin aber der Meinung, daß die Serumbehandlung nicht genügt. Wenn nur eine Spirochaete zurückbleibt, so sind Rück- fälle wahrscheinlich. ES ist daher noch eine Injektion notwendig. Auf dem Wege der Antikörperübertragungen werden die Bakterien abgetötet. Es ist nach allen Mitteilungen, die mir bisher bekannt geworden find, ganz sicher, daß die Spirochaeten schwinden, wenn auch mitunter nicht für immer, und daß es daher geboten ist, die Wasiermannsche Reaktion(die feststellt. ob die Syphilis geheilt ist), häufig zu wiederholen, um bei der nächsten positiven Reaktion eine neue Behandlung einzuleiten. Die Behandlung mit 606 ist nicht so einfach. Man muß nicht glauben, daß es sich nur darum handelt, zu injizieren und daß der Fall dann erledigt ist, sondern es ist die Aufgabe des Arztes, den Patienten Wochen- und monatelang, vielleicht jahrelang zu beob- achten und zu untersuchen. Es handelt sich also um eine sehr schwierige Aufgabe und es ist daher wünschenswert, daß. wie Wassermann schon in Aussicht gestellt hat, eine Untersuchung des Blutserums Modifikationen findet, daniit auch die Praktiker sie selbständig ausüben können. Dann kommt eine Wirkung des Mittels, das schwer zu erklären ist. Wir haben eine oft wunderbare Schnelligkeit der Heilung beobachtet. Es ist der Fall eingetreten, daß ein Mann, der ein Geschwür an den Mandeln hatte und nicht schlucken komrte, fünf Stunden nach der Injektion ein Butterbrot essen konnte. Eine wunderbar schnelle Heilung haben wir in vielen Fällen erlebt. Die unangenehmen Empfindungen, die viele Syphilitiker in den Knochen und im Halse haben, verschwinden wunderbar schnell. Wie ist also diese kolofiale Geschwindigkeit zu erklären? Nun, anatomisch ist ja nichts verändert. ES scheint, daß die Spirochaeten Stoffwechselprodukte produzieren, die diese Schmerzen zu erzeugen imstande sind. Was nun die therapeutische Taktik be- trifft, so habe ich immer das Mittel als ein sehr gefährliches Mittel angesehen, das erst im äußersten Maße ausprobiert werden muß. Es ist das ja natürlich, daß ein Mittel, das im Körper schädliche Parasiten abtötet, nicht ganz unschädlich sein kann. Aber Gift ist ein relativer Begriff. Daher ist eine ganz ausgedehnte Anwendung des Mittels notwendig. Bevor ich dasMittel in die Praxis gab, hielticheSfür nötig, daß 10- bis 20 000 Beobachtungen vorliegen müßten, um die Gefahr an sich beurteilen zu können. Dieser Aufgabe der Er- probung hat sich eine große Anzahl Fachmänner in dankenswerter Weise unterzogen. Ich verfüge heute über 10- bis 12 000 Fälle. Es lhat sich herausgestellt, daß bei dem Mittel im allgemeinen keine besonderen Gefahren entstehen. Nur ein einziger Fall wurde berichtet, wo eine Patientin gestorben ist, die ihren Leiden nicht bättc erliegen müssen. Die übrigen Todesfälle betrafen ausschließ- lich schwere Fälle von Störungen des Nerven- und Gefäßsystems. Ich bin der Ansicht, daß man, um zu retten, auch, wie es der Chirurg tut, einen gefährlichen Fall vornimmt. Aber dann soll man den Mißerfolg nicht auf Rechnung des Mittels setzen. Bei schweren Paralytikern glaube ich nicht die Behandlung mit dem Mittel empfehlen zu können. Denn wenn es auch gelingen sollte, die Spirochaeten zu töten, so würde das Gehirn so zerstört sein, daß es wohl nicht mehr gelingen würde. aus dem Kranken ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu machen. Ein zweites Gebiet ist die Behandlung von Kranken mit schweren Herzaffektionen. Bei diesen muß man ebenso wie bei Gefäß- erkrankungen sehr vorsichtig sein. Der wesentlichste Nutzen der Diskussion würde dadurch erreicht werden, wenn sich die Fachmänner über die Technik aussprechen wollten. Es würde sich hauptsächlich um die Art der Dosierung bei Neurasthenikern und Alkoholikern handeln. Die Dosis hängt von der Art der Krankheit ab. Man kann da keine allgemeine Norm festsetzen. Bei Nervenerkrankungen muß die Dosis sehr klein sein. Die Zeit der Beobachtung für Syphilis ist noch zu klein. Aber allerdings hat Alt-Uchtsvringe schon Beob- achtuugen bei Paralyse über ein Jahr gemacht, und mit Arsenophenhl solche von zwei Jahren. Es hat sich gezeigt, daß bei dem Patienten in den zwei Jahren Reaktionen nicht wieder vorgekommen find. Das berechtigt zu großen Hoffnungen für die Zukunft. Bei Tabes und Paralyse wird man mit kleinen Dosen auskommen muffen, sonst aber, bei sonst gesunden Personen, find kräftige Dosen von 0,3, ja sogar 1.2, womöglich mit Kombinationen anzuwenden, um den Effekt zu verstärken. Damit werden möglichst mit einem Schlage die Spirochaeten beseitigt werden. Geheimrat Ehrlich dankt schließlich seinen Mitarbeitern und wünscht, daß diese Verhandlungen eine Klärung bringen mögen. Werantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Es nahmen dann eine Reihe von Rednern da? Wort, die über ihre günstigen Erfahrungen Mitteilungen machten. Unter den Diskussionsrednern befanden sich auch eine Reihe Aerzte aus dem Auslande, darunter Ruffen und Franzosen. Von verschiedenen Seiten wurde allerdings auch auf die Nebenerscheinungen hin- gewiesen. Dr. Stern-Düffeldorf hält für dringend notwendig, daß zunächst einmal der Optimismus des Publikums abgekühlt werde. Profesior Hoi-Tokio: Die Vortröge von Neißer und Ehrlich stehen heute im Mittelpunkt des Interesses der ganzen wissenschaftlichen Welt. Redner behandelte in Japan zahlreiche Fälle mit 606. Die Erfolge seien epochale. Er freue sich als Japaner, dem neuen Wohltäter der Menschheit den Dank der Oeffentlichkett abstatten zu dürfen.(Slllrniischer Beifall.)— Dr. Friedländer- Berlin weift darauf hin, welche enonnen Summen die Krankenkaffen durch Heilung der Syphilis in so kurzer Zeit ersparen werden.— In seinem Schlußwort führt Professor Neißer aus, er hoffe, daß sie bald wieder eine solche Sitzung haben werden. Denn wie er Paul Ehrlich kenne, werde dieser mcht ruhen, und dem 606 werde wohl bald 607 und 603 folgen. kleines Feuilleton. Meteorologisches. Herbstanfang. Am Freitag, den 23. September, um 11 Uhr vormittags, überschreitet die Sonne mit ihrem Mittelpunkt den Aequator und tritt gleichzeitig in das Zeichen der Wage ein. Der Herbst beginnt und damit für die nördliche Halbkugel daS Halbjahr der kurzen Tage und langen Nächte, die Zeit der Herbststürme und Nebel, des Frostes und der Winterkälte. Zwar trennt uns noch eine längere Uebcrgangszeit von Spätherbst und Winter, vier bis sechs Wochen, die häufig noch durch besonders beständiges und mildes Weiler ausgezeichnet zu sein pflegen; aber es ist fraglich, ob der be- ginnende Herbst diesmal die Erwartungen erfüllt. Der nunmehr zu Ende gegangene Sommer war immerhin, so- viel er auch zu wünschen übrig ließ, noch besser als sein Ruf. In bezug ans Unbeständigkeit stand er seinen schlechten Vorgängern von 1907 und 1909 allerdings nickt nach; immerhin waren aber in diesem Sommer die Temperaturvcrhältnisse erträglich, und wenn eS während des eigentlichen Sommers, d. h. in der Zeit vom Sommcrsolstitium bis zum Ende der Hundstage auch nicht eine einzige wirkliche Hitzeperiode in Deutschland gab. so fehlten doch auch die besonders kalten Tage, wie wir sie z. B. 1907 so häufig hatten. Meteorologisch betrachtet, begann der Sommer 1910 am 11. Mai in Ost- und Mitteldeutsch- land mit einem außerordentlich jähen Hitzeeinbruch, nachdem noch am 9. Mai im ganzen Lande Märzkälte geherrscht hatte. Am Diens- tag, den 10. Mai, morgens, stand zu Metz das Thermometer nur 2, zu München 4 Grad über Null. Am nächsten Tage dagegen, als in West- und Süddeutschland die Morgenteniperaturen auch nur erst 4 bis 3 Grad betrugen, stieg zu Graudenz mittags das Thermometer bereits bis aus 29 Grad empor, am darauffolgenden 12. Mai zeigte zu Memel das Thermometer bereits 24 Grad Celsius. In Berlin und den meisten Gebieten Ost- und Norddeutschlands stiegen die mittleren Temperaturen von einem Tage zum anderen um 12 Grad und mehr empor! im Westen und Süden Deuffchlands erfolgte die sommerliche Erwärmung viel langsamer. Der rapide Sommerbcginn war jedenfalls die bisher absonderlichste meteorologische Erscheinung des ganzen Jahres. Es folgte dann eine nur für wenige Tage am Maiende durch Regen- Wetter unterbrochene Hitzeperiode, die bis Mitte Juni dauerte und sich durch besonders zahlreiche Gewitter auszeichnete. Schon während dieser Periode waren unter elektrischen Entladungen in vielen Teilen Deutschlands enorme Regengüsse niedergegangen, die zu verheerenden Ueberschwemmungen führten. Mit der zweiten Junihälfte begann dann das veränderliche Wetter, das im Grunde genommen bis in die zweite Septemberwoche auch nicht eine einzige nennenswerte Unterbrechung fand. Der Augustbeginn brachte dem mittleren Norddeutschland sowie dem Nordwesten des Landes gleichfalls sehr heftige Wolkenbrüche, während in der ersten Septcmberwoche das Oder- und Weichsel- gebiet von heftigen Regengüssen, die Ueberschwemmungen zur Folge hatten, heimgesucht wurde. Erst dann, an der Schwelle des Herbstes, setzte im ganzen Lande für einige Tage völlig beständiges, allerdings nur noch mäßig warmes Wetter ein. Den eigenartigen Ver- bältniffen dieses Sommers entsprechend, wurden die höchsten Temperaturen überall noch während des Frühlings erreicht, wenn auch nicht so früh wie im Jahre 1907, in dem bereits die erste Mai- Hälfte die heißesten Tage brachte. Die höchsten, in diesem Jahre registrierten Wärmegrade meldeten Magdeburg am 6. Juni und KöSIin am 11. Juni mit 33 Grad Celsius. Bereits am 20. Mai hatte es Essen a. Ruhr auf 32 Grad gebracht. Während des eigent« lichen Sommers brachten eS nur drei ostdeutsche Orte, und zwar Oppeln am 1. August, Posen am 30. Juni und Königsberg am 3. August auf 30 Grad Celsius. Auch die Zahl der eigentlichen Sonmiertagc, der Tage mit mindestens 2ö Grad Celsius, waren seit Mitte Juni an den meisten Orten verschwindend gering, nachdem sie im Mai und Juni recht häufig gewesen waren._ jorwarr« Buchdruckerei u.BertagScmpatt ljtaut«mger ScCo..Berlin SW.