Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 186. Freitag, den 23. September. 1910 56] Der Entgleiste. lN°chdr.v-rb°t°n.) Von Wilhelm Holzamer. Philipp freute das ausgelassene Leben und die unge- nierte Oeffentlichkeit. „Die Tugend," dachte er,„hat nun mal in der Welt ihr Loch weg, Heimlicheit flickts ihr nicht zu. Und ich bin ja nicht als ihr Retter hierher gekommen." Er sann darüber nach, wie es wohl käme, daß alles, so toll es auch war, doch ein gewisses Etwas hatte, das nicht ab- stoßend machte. Es war keine Grenze zu spüren, aber es war ein gewisses Maß festgehalten, durch das die Schönheit ge- sichert war, darin sie wenigstens ihren Schein behielt. „La Krotte" stand vor einem großen Spiegel und schwang ihre armseligen Hüften in Bauchtanzbewegungen, die Hände eingesteinmt. Die Rundliche tanzte mit einer Freundin. Sie wgAßn beide den voeteur allemanä über geworden. Er beobachtete und sann nach. Die Dwsik mutete ihn an. In der Pause schenkte er dem Kapellmeister ein Glas Wein ein und versuchte, sich mit ihm zu unterhalten. Langsam leerte sich bereits der Saal. Philipp hatte der Wein ein wenig schwer gemacht, und es wurde ihm im Sitzen erst recht behaglich. Er bestellte eine neue Flasche und eine Henri Clay. Der Kapellmeister stieß ihn an und deutete nach der Türe. „Aufgepaßt, mein Herr!" Eine junge Dame war eingetreten. Unbekümmert um irgend jemand hatte sie sich an einen Tisch gesetzt und einen Tee bestellt. Der Kapellmeister nickte ihr zu. Sie erwiderte leise nickend. Philipp musterte sie. Sie war anders als die anderen, in ihrem ganzen Wesen von einer hervorstechenden Eigenart. Diese tiefen schwarzen Mandelaugen, dieser heiße breite Mund mit den Raubtier- zähnen, dieser weiche dunkle Teint und die blauschwarze Haar- flut, die das ganze Gesicht in schweren Bauschen umrahmte. Dazu die einfache Kleidung: der rote Filzhut, ohne jede Ver- zierung, tief in den Nacken gesetzt, das rotbraune Cape, der kurze rote Seidenrock. Ein ganz anderer Typus. Und Un- berührtheit sogar. Suchende, fragende und doch verschämte Augen. „Sie ist noch ganz Kind— nur Rasse, Algiererin," sagte der Kapellmeister.„Und sie wird tanzen, warten Sie. Sie werden sehen, was das ist: Tanzen!" Er ging zu ihr hin und sprach mit ihr. Sie wehrte ihm ab. Er redete weiter auf sie ein. Sie starrte vor sich. Dann schlug sie ihm auf die Wange und sagte mit einer rauhen, tiefen Stimme, wie sie die Südländerinnen so oft haben: „Dann also los!" Der Kapellmeister kehrte zurück und sagte im Vorbei- gehen zu Philipp:„Passen Sie auf, mein Herr, Sie werden sehen! Die Kleine aus Algier, ah!" Er schlug die Augen auf und grinste., „Die Kleine aus Algier" hatte den Saal verlassen, uni sich die Kleider ein wenig zum Tanze zu arrangieren. Als f,e wieder eintrat, begann die Musik. Philipp erkannte die Musik des Bauchtanzes. Die kleine Algärienne hatte zwei Servietten ergriffen, schwang sie, schlug mit einer reizenden Verschämtheit die Augen nieder und tanzte den Bauchtanz, ganz anders als er in Moulin rouge getanzt worden war, keusch und unbewußt und nur Temperament, daß Philipp nur staunen und starren mußte. Plötzlich, bei einer starken Bewegung, als sie seinen scharfen, forschenden Blick auffing, schlug sie die Servietten vor die Augen und lief davon. Sofort brach die Musik ab. Leichten Schrittes trat sie nach ein paar Sekunden wieder ein und setzte sich auf ihren früheren Platz. Ten Beifall des Kapellmeisters beachtete sie so wenig wie Philipps Beifalls- bezeuaungen. Philipp beobachtete sie unausgesetzt und konnte nicht mit ihr, nicht mit sich ins klare kommen. Hier inter- essierte ihn eine Art und ein Mensch. Aber warum war er denn nach Paris gekommen? War er nicht gekommen, um Studien zu machen? Lebensstudien statt der Bücherstudien? „Kommt sie wie die anderen?" flüsterte er dem Kapell- meister zu. Der zuckte die Schultern. Er glaube nicht— aber vielleicht— sie sei sehr unzugänglich. Vielleicht unglücklich. Er habe noch keinen gesehen, der sie gewonnen habe. Sie sei noch nicht lange von Algier herübergekommen, vielleicht habe si» Heimweh. Vielleicht— Sie trank eben ihren Tee aus und schien sich zum Weg« gehen bereit machen zu wollen. Da ließ es Philipp nicht Ruhe, er bezahlte rasch und ging an ihren Tisch. Mit dem schönsten, liebenswürdigsten Fran» zösisch, das er aufbringen und konstruieren konnte, sagte er erregt und verlegen:„Guten abend. Kleine aus Algier, schönen Dank, schönen Dank!" Sie sah zu ihm auf, lachte erst mit Augen und Zähnen, lachte dann laut mit ihrer heiseren, samtenen Stimme: „Guten abend, mein Herr, guten abend und auf Wieder- sehen!" Er hielt ihr die Hand hin. Sie schlug leicht ein. „Kleine aus Algicr!" flüsterte er. Da sah sie ihn mit einem verächtlichen Blick groß an und ging an ihm vorbei. Das beschämte und reizte ihn. Wer war sie? Was mochte sie wohl fein? Die Hähne des Montmartre krähten schon. Philipp stieg seine Straße hinauf. Was hatte ihn da so seltsam angerührt, so verführerisch abgestoßen? „Die Kleine aus Algier!" War er nicht gekommen, um Studien zu machen? Hier reizte ihn etwas. War das alles Raffinement oder der In- stinkt des Raubtiers? Paris öffnete ihm die Arme. Aus den Straßen wich schon die graue Dämmerung. Die Sonne vergoldete den Marterberg. Nachdenklich ging er heim. 4. Die Tage gingen hin mit Schauen und Genießen. Doch er hielt sich nicht außerhalb des Lebens, er nahm am Leben teil. Er wurde Pariser, mit vielfältigen Interessen, mit wachen Sinnen und lebhafter Phantasie. Er blieb nicht haften am einzelnen, fand sich immer weiter und entrückte die Dinge allmählich ihrer Schwere. Mit ihm gingen öfters zwei seit- same, wilde Augen, und manchmal ward es ein heißes Locken, wenn sie sich auftaten. Aber in stillen Augenblicken, wenn er im Gewühle und Gedränge ganz mit sich allein war, stand ihm ferne eine feine Gestalt. Sie hatte keine Lockung und keine Abwehr— aber sie übte einen eigenen Bann. Es war ein Aufblick zu ihr— so wie zur Mutter etwa— und es war noch ein Fernhalten zu gleicher Zeit. Auf dem Postbureau hatten sich Briefe eingefunden. Die Scheidung hatte der Schwiegervater eingeleitet. Philipp war bereit, alle Schuldfragen zu bejahen. Nein, nie hatte ihm die Frau Uebles getan, und sie war wohl auch eine gute Frau» sie hatte nur an einen anderen Platz gehört. Jeder Mensch gewinnt seinen wahren Wert und seine wahre Bedeutung nur an seinem rechten Platze, am falschen Platze kommt der Beste nicht zu seinem Rechte. Er hatte keinen Vorwurf, aber er konnte auch auf sich selbst keine Schuld laden. Doch war er bereit, alle Schuld auf sich zu nehmen und so viel man wollte. Das ganze Hessenland fiel über ihn her. Man hatte ihm auch die Zeitungen geschickt. Er war ein Ausgestoßcner in der Heimat, die er so sehr lieb hatte. Sein einziger Ver- leidiger war Weik, aber was galt diese Stimme? Erbärm- lich geradezu benahmen sich seine früheren Freunde.„Richtige Lumpen," murmelte Philipp vor sich hin. Er halte nur eine Verachtung für sie, für diese armseligen Korrekten und Klein- geister, für diese Augendiener und Streber. Bei Professor Winter hatten sie sich gleick anschmarotzt.' ihm die Zukunft zu verlegen. Er mußte ein Verlorener, ein Untergegangener sein. Man hatte einmal Hoffnungen auf ihn gesetzt, er werde eine erste vsychiatrische Kraft werden, nun wars vorbei. Selbst die Fachblätter wurden mit dem Klatsch seiner Freunde be- dient. Es war gut so, nun waren die Masken gelüftet. Es war gut so— und er strich die Namen dieser Freunde aus seinem Gedächtnis. Strich sie ganz still, mit der stillen Ver- achtung, die das Herz leer macht und alle früheren Gefühle ausbrennt und alle Fäden zerschneidet. Er hatte die„Gesell- . schaft" gegen sich, daS war begreiflich, die.Gesellschaft" ist das sich selbst schuldig— und in dem ganzen schönen, kleinen Lande war sie eins in Städtchen und Städten, in niederen und hohen Kreisen. Wer ihr die Stirne geboten und aus ihrem Verbände getreten war. der mutzte auch mit ihrem Boykott rechnen. So mochte es sein— und mochte es gut sein. Eine Forderung mehr an ihn, wenn es ihm gelang, in die Höhe zu steigen— ein Stein mehr auf ihn.— wenn er unterging. Aber nun er sich einmal ins Leben begeben hatte, wollte er es hinnehmen, wie es kam, es auf sich wirken lasien, wie es wollte, ihn herabzuziehen, ihn emporzuheben. Es war ihm, er lebe seine Studentenzeit noch einmal, freier, fruchtbarer, entscheidungsvoller. So gewaltig war das Buch des Lebens— und so ohne Hilfe stand er allein. So gefahrvoll war alles— gut, um so gewinnbringender konnte es sein. Und wenn der Gewinn ausblieb, wenn er selbst ver- sagte— nun, so hatte er eben verspielt— und war nicht der gewesen, der gewinnen sollte. Va banque! Es liegt ein seltsam wonniger Schauer darin. Man ist Zeuge seiner eigenen Menschwerdung, man sieht seinem eigenen Geschick zu— und es erfüllt sich an einem. Die kleine Alg�rienne lag ihm im Sinn. Vor den Kunstwerken des Louvre war sie ihm eingefallen. Es war wohl das Rätselhafte, das in ihrem Wesen lag, was ihn so beruhigte. Es war eine Furcht vor ihr, die ihn anzog. Und es war die Jugend, die Schönheit, die Eigenart und Wild- heit, davor er Furcht hatte. War er nicht auf Menschen aus- gegangen? Sie war ein Mensch. Und immer stärker mutzte er an sie denken.— Heut wagte er ein Wagnis: er würgte in einem kleinen Nostaurant der Rue Lepic ein Dutzend Schnecken als Vor- speise zu seinem Diner Hinunterl Bei jedem Schlurf und Schluck gab es eine Revolution in seinem Magen, aber er ward stark. Es gehörte nun einmal dazu, daß man auch Schnecken essen konnte! Der liebenswürdige Wirt stellte ihm dann ein hübsches Menu zusammen. Er konnte schwelgen, ohne seinen Geldbeutel zu sehr anzustrengen. Der Wirt sprach noch dazu ein wenig Deutsch, und so konnte er auf manches aufmerksam machen, was dem Fremden sonst zu entgehen pflegt. Es war Donnerstag, und man strebte schon zum Tanz nach dem Moulin de la Galette. Wie mild die Pariser Herbst- abende waren! Philipp satz noch vor dem Restaurant und trank einen angenehmen Weißwein, den ihm der Wirt be- sonders empfohlen hatte. „Es lebt sich doch leicht hier auf dem Montmartre, finden Sie nicht?" fragte der Wirt. Rein um zu opponieren, sagte Philipp: „Es ist viel Elend da." „O, viel Elend, ja: aber wo ist nicht viel Elend? Wir in Frankreich haben viel Elend, Sie in Deutschland ebenfalls. Elend ist überall. Aber hier auf dem Montmartre macht man sich nicht so viel Sorgen. Man hat Humor. Man kann leben, wie man will, gehen, wie man will, es ist alles gleich. Alle Menschen sind sich gleich— darum helfen sich alle Menschen einander ihre Sorgen tragen. Wenn man keinen verachtet und alle gleich achtet, hilft man sich die Sorgen ertragen und macht sich das Leben leicht. Und das gibt Humor." lFortsetzung folgt.) � Sünde und Buße« Von ll go O j e t t i. Berechtigte Nebersetzung aus dem Italienischen von Friedrich Eich. iSchlutz.) Sie liehen den Verwalter kommen, und der Alte rief ihn an die Seite des Arztes: „Sie beide sind Zeugen, daß ich meine Erben beauftrage, dreitzigtausend Lire, verstehen Sie? dreitzigtausend Lire in bar Don Pietro, wie heißt er doch? Don Pietro Caprani, der hier an- wesend ist, zu geben, als mein Legat, nach meinem freien Willen, damit er damit tue, was er will," und er fiel in die Kissen zurück. Der Sohn drückte Don Pietro in eine Ecke: „Was find das für Winkelzüge?" Don Pietro zitterte am ganzen Körpe': „Aber ich habe nichts gesagt, ich habe nichts verlangt. Er hinter- läßt das Geld nicht mir. Was sollte ich damit?" „Es ist unwürdig, verstehen Sie mich? unwürdig, einen Men- schen auszunutzen, der in einem solchen Zustande ist." Die Ehrlichkeit in Don Pietro wallte auf: »Sie wissen nicht, mit wem Sie sprechen. Ich habe noch nie jemandem etwas genommen. Man hat mich gerufen, ich bin ge- kommen. Ich habe meine Pflicht getan: jetzt geh« ich," und hoch- erhobenen Hauptes kehrte er an daS Bett zurück, kniete nieder, betete still eine Minute lang, bedeckte sich dann die Schulter mit dem seidenen Umhang, und nachdem er dem Behälter die Hostie ent- nommen hatte, machte er mit ihr vor dem Sterbenden das Zeichen des Kreuzes und schob sie zwischen die zuckenden Lippen. Und nach beendigtem Gebet tat er den Behälter wieder ins Kästchen, legte den Umhang zusammen und ging hinaus, ohne jemand zu grüßen. Aber auf der Straße gelang es ihm nicht, seinck Gedanken zu sammeln, so packte ihn das Fieber. Er stieg auf der Piazza aus dem Wagen und begann, die Treppe der Pfarrwohnung hinaufzusteigen. Eine Stimme aus dem Dunkel des Gartens ertönte: „Ich bin hier. Ich komme nach oben." Es war Santino. »Weshalb bist Du dort?" „Ich wußte nicht, wie es enden würde... Ich wollte sehen. ob Sie allein zurückkehrten." Sie betraten das warme Eßzimmer. Don Pietro warf den Hut auf den Tisch, setzte dort auch den heiligen Schrein nieder, sank in den Lehnstuhl, den Kopf in den Händen verborgen, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und begann zu weinen. Santino ließ ihn eine Weile weinen, dann fragte er ihn gleichgültig: „Haben Sie nichts weiter nötig? Ich gehe jetzt." „Ob ich nichts weiter nötig habe?" und er hob die beiden Atme und die fieberhaft glänzenden Augen:„Und Du fragst mich gar nicht? Und Du fragst nicht, was der da oben mir für Dich gesagt hat?" „Für mich? Was weiß der von mir?" „Anzilei verzeiht Dir, Anzilei hinterläßt mir die tausend Lire. die Du der Kirche gegeben hast." „Das ist natürlich..." „Und nicht genug: Anzilei hinterläßt meiner Kirche, durch mich, dreißigtausend Lire, verstehst Du? dreißigtausend Lire." ..Dreißigtaufend Lire?" Auch Santino schien von der Größe dieser Summe betroffen zu sein. Er machte zwei Schritte vorwärts, wie angezogen von einem Magneten. „Haben Sie sie bei sich?" „Nein. Er hat zwei Zeugen gerufen, den Arzt und den Ver- Walter, und in ihrer Gegenwart hat er mir dieses Legat vermacht." „Das wird Zeit kosten, bis Sie es erheben können. Sie werden Verdruß davon haben. Vielleicht werden die Verwandten Einspruch erheben... Wenn Sie das Geld einmal haben werden, was wollen Sie damit machen?" „Was ich damit machen will? Vor allen Dingen werde ich zweitausend Lire den andern beiden bezahlen, die Du mir nennen wirst." „Ich werde Ihnen nichts sagen." „Nicht einmal jetzt?" „Ich habe Ihnen doch gesagt: ich arbeite, damit ich selbst dies« Summe erübrige." „Mein Sohn, dies« Worte trösten mich, aber jetzt darfst Du Deine Eigenliebe nicht herauskehren. Jetzt helfe ich Dir. Wenn Du das Geld beisammen hast, gibst Du es mir zurück. Inzwischen wollen wir uns von dieser Last befreien." „Aber die andern beiden liegen doch nicht im Sterben wie Anzilei. Die Zurückerstattung wird die Verdachtsgründe wieder aufleben lassen, ich werde verfolgt, arretiert werden... Sie werden jetzt schön dastehen, S i e haben jetzt alles zurückgegeben. Aber ich? Don Pietro, Sie sind ein gerechtdenkcnder Mensch. Diese drcißigtausend Lire verdanken Sie mir. Ohne mich hätten Sie sie nicht. Anzilei war nicht der Mann, so viele Tausendlire- scheine zu verschenken, auch nicht im Augenblick des Todes," und Santino, der dem Geistlichen in die Augen blickte, kam immer näher, bis er, seinem Gesicht ganz nahe, ihm zuflüsterte: „Wenn er sie verschenkt, so ist es ein Zeichen, daß sie ihm nicht gehören." „Welch ein Verdacht!" „Daß er Gewissensbisse bekam, als Sie ihm hon meiner Beichte erzählten und von meiner Reue. Ohne mich hätte er keine Ge- wissensbiffe bekommen und Sie kein Geld. Das ist doch klar." „Aber das ist durchaus nicht klar!" „Schwören Sie mir, daß ich Unrecht habe, schwören Sie es mir auf das Allerheiligste." »Ich schwöre gar nichts." „Schön: es ist unnütz, daß Sie schwören. Ich wiederhole Ihnen: ohne mich wäre er in die Hölle gekommen, und Sie hätten mit leeren Händen dagestanden. Worin ist Anzilei besser als ich? Er, der Millionär, hat Ihnen dreißigtausend Lire gegeben, ich, ein armer Teufel, habe Ihnen dreitausend gegeben. Warum kann ich nun arretiert werden und er nicht? Dieser Unterschied rührt von der Dummheit der Rechtspflege her, nicht von mir oder von ihm. Ihm sind die Geschäfte geglückt! Mir werden sie ein anderes Mal glücken; aber ich habe nicht auf den Tod gewartet, um zu bereuen und Gott«in Geschenk zu machen." „Das ist wahr..." „Und jetzt wollen Sie mit diesen Geldern, die Sie mir den- danken, ebenso wie die andern, Ihre lumpigen zweitausend Lire an Müller und Schulz bezahlen, und ich bleibe das räudige Schaf? Nein, das gibts nicht! Die Namen nenne ich Ihnen nicht." »Aber, mein Sohn, bsdenke doch, bofc mich Deine Schuld gegen sie und Deine Schuld gegen Gott in demselben Verhältnis ab» nehmen." „Verdoppeln Sie mir die Buße, ich rede doch nicht. Und ich danke Ihnen für Ihre Dankbarkeit." „Dankbarkeit?" „Wie oft soll ich Ihnen das sagen, Don Pietro? Diese Gelder verdanken Sie heute mir, wie Sie gestern die Ausbesserung der Kirche mir verdankten. Ohne mich wären Sie und Ihre Kirche das geblieben, was sie vor drei Jahren waren: das heißt nichts, absolut nichts. Eine arme, schmutzige Kirche, ein armer und un- bekannter Pfarrer. Ein Ehrenmann, das leugne ich nicht, Don Pietro. Aber schließlich, wer ist Ihrer Kirche nützlicher gewesen? Dieser Ehrenmann, der Sie sind, oder jener Dieb, der ich bin?" Don Pietro schaute ihn weiter an wie hypnotisiert. Er stimmte zu, indem er zwei- oder dreimal mit dem Kopfe nickte, und er- widerte: „Es ist wahr. Die Wege des Herrn sind verborgen." „Sie mögen manches Mal verborgen sein, aber diesmal find fie äußerst sichtbar," gab Santino unerschrocken zurück. Und da die Petroleumlampe immer schwächer leuchtete, löscht« er fie aus, zündete eine Kerze an und ging in die Küche, um die Lampe wieder zu füllen. Als er zurückkam, fand er Don Pietro ohnmächtig über einer Armlehne des Sessels liegend, wie zer« schmettert. Santino hob die Lampe hoch, um ihn besser zu sehen. Dann stellte er die Lampe auf den Tisch, neben den Dreispitz, den der Geistliche bei seinem Eintritt dorthin geworfen hatte. Und er nahm den Dreispitz, glättete vorsichtig mit dem unteren Teil des rechten Bermels den zerzausten Filz, setzte ihn auf den Kopf und ging an den Kamin, um sich in dem darüberhängenden kleinen Spiegel zu betrachten. Wenige Minuten später eilte der Sakristan herbei, der von Santino geweckt worden war, und sie legten Don Pietro aufs Bett und riefen den Arzt. Die kalte Nacht, dos Alter, die wahrschcin- lich durchgemachte Erregung: das waren für den Arzt die Ursachen von Don Pietros Krankheit. Er war zehn Tage krank. In diesen zehn Tagen durfte niemand, außer dem Notar zum Auftetzen des Testaments und dem Priester, der dem Kranken in der Sterbo- stunde die Absolution erteilte, das Zimmer des Geistlichen betreten, und Santino ging nie weiter fort, als in das anstoßende Gemach. Don Pietro starb, und am selben Tage wurde das Testament eröffnet. Er hinterließ all sein Hab und Gut Santino,„damit er es verwende, wie sein christliches Gewissen es ihm raten würde". Santino erhob nack einem Monat das Legat des Grafen Anzilei, schenkte weitere tausend Lire der Kirche und teilte dem Nachfolger Don Pietros ganz offen, außerhalb der Beichte mit, indem er die Beweis« vorzeigte, daß er der Schenker der anderen dreitausend Lire in den vergangenen Jahren wäre. Santino Santi ist heute Besitzer zweier großer Mühlen am Flusse Clitunno und Bürgermeister seiner Heimatstadt. Der Sohn des Grafen Anzilei, der gezwungen ist, in Neapel zu leben, möchte ihm gerne die Verwaltung seiner weiten Besitzungen übertragen. Santino Santi hat sich bis jetzt noch nicht hierzu entschließen können. 82. Versammlung cleutscker f�atur- forfcbcr und Herzte. Die beiden Hauptgruppen hielten Mittwoch stark besuchte Ge- samtsitzungen ab. In der naturwissenschaftlichen Hauptgruppe sprach Professor T 0 r n i e r- Berlin über die Bedeutung des Ex» periments in Pathologie und Tierzucht. Erst durch das Experiment ist die Tierbiologie aus der Vorstufe der Philosophie zur exakten Forschung geworden. Dem Vortragenden ist es gelungen, an Axolutten und Fröschen durch Aufzucht ibrer Embryonen in plasmaschwächenden chemischen Lösungen und in Wasser mit Lustmangel alle jene Verbildungen hervorzurufen, die als an- geborene Mißbildungen in ganz genau derselben Form bei allen Wirbeltieren, also auch beim Menschen, von Natur auftreten, so daß zweifellos auch bei diesem die gleichartigen Verbildungen unter gleichen Bedingungen entstehen. Die plasmaschwächenden Lösungen wirken dabei, indem sie die Bewegungsenergie des Embryo schwächen und zugleich auch dessen Ausbauzellen und vor allem seinen Nährdoller verguellen lassen. Dadurch werden z. B. in der aufgetriebenen Leibeshöhle alle Organe in der EntWickelung stark gehemmt und dadurch zerkleinert, so Herz, Nieren, Lunge; die Tiere werden in extremen Fällen teilweise oder ganz unfruchtbar. Durch zu langes Offenbleiben der embryonalen After- anlage wird ferner der Schwanz entweder für immer aufgerichtet oder durch Spitzenverluft zum Stümmelschwarz oder kommt gar nicht zur Entwickelung. Indem sich ferner der verquellende Nähr- dotler vor die wachsende Kopfanlage legt, und in die entstehende Mundhöhle eindringt, wird u. a. zuerst die Schnauze des Tieres verkümmert, dann auch der Unterkiefer. Die Mundhöhle erweitert sich stark und der Mund erhält die Neigung oder den Zwang zum Offenbleiben usw. Unter solcher Nährdolterverquellung konnten experimentell erzielt werden: Cyclopen, Hasenscharre, Albinismus. Augenlosigleit, angeborene Kurz- und Weftfichtigkeft usw. Es wird dann an dem Beftpiel der Goldfische und Hausschweine nachgewiesen, daß die Haustiere oder „kkullurcharaktere" der Tiere zumeist auch aus verhältnismäßig ge» ringer embryonaler PlaSmaschwäche ihren Ursprung nahmen, so z. B. die Schnauzenverkürzung und die Stirnauftreibung der Tiere. DaS Hochiragen des Schwanzes, die Vergiößerung des Leibumfanges und die Verkleinerung der Gliedmaßen, die Anlage zur Fettsucht und die Zahmheit. Diese Plasmaschwäche aber entstand durch Luftmangel in schlecht ventilierten Ställen und Aufzuchtbehältern. Nachdem der Redner dann noch einmal darauf eingegangen war, daß auch bei dem Menschen die angeborenen Mißbildungen wie die experimentell erzielten entstehen, betonte er. daß es nunmehr möglich werde, ihr Entstehen beim Menschen zu verhindern. In der Abteilung für Geologie hielt Professor Potoniö» Berlin einen Vortrag über dieEntstehung unserer Moore. Ein Moor ist ein Gelände mit einem mächtigen Torfboden. Wenn Torf, jenes nach unvollständiger Zersetzung der Vegetation zurück« bleibende Brennmaterial, sich noch weiter bildet und anHöhr, so haben wir es mit einem lebenden Moor zu tun. Wir nennen das Moor tot, sobald durch natürliche oder künstliche Entwässerung des Moores die Torsbildung ganz oder fast ganz unterbrochen wird. Nahe ver« wandt mit den Mooren sind die durch Organismen erzeugten echten Sünrpfe. Sie sind mit organischem Schlamm, d. h. mit einem fließenden organischen Brei erfüllt und infolgedessen vollständig un» begehbare Wannen oder Strecken. Die Urniarerialien solcher Sümpf« sind echte Wasserorganismen, nicht aber Sumpf» und Landpflanzen, ivelche die Urmaterialien des Torfes sind. Der von milroikopischen Lebewesen erzeugte Faulschlamm kann sich nach und nach viele Meter mächtig anhäufen und zur Versandung eines WasserS wesentlich beitragen. Wie sich bei geologischen Studien so oft zeigt, sehen wir auch hier wieder, daß daS Kleine und Kleinste, das in seiner Wirkung innerhalb der kurzen Spanne eines Menschenlebens kaum Beachtung zu verdienen scheint, in den Zeiträumen, die die Geologie zu messen bat, einen großen AuS» schlag zu geben verniag. Dort, wo in ein Gewässer, in dem Faul» schlämm zur Ablagerung gelangt, außerdem ein nicht organisches Mineral wie Ton oder Sand hineingeführt wird, sei eS von Zuflüssen, oder auch durch den Wind, da entsteht ein gemischter Schlamm. Wenn Tacitus vor bald 20 Jahren von Deutschland sagte, es sei im allgemeinen mit finsterem Urwald oder wüsten Sümpfen bedeckt, und einige hundert Jahre später Prokop vom Niederrhein angibt, dort befänden sich Sümpfe, in denen zu alten Zeiten die Germanen wohnten, so haben jene Historiker für ihre Zeit gewiß das Richtige getroffen. Denn Deutschland besaß damals in allen Teilen des Landes große und kleine sumpfige Ge- lände. In Norddeutschland mögen Sümpfe und Moore rund'/is der gesamten Landfläche eingenommen haben. Solche Sümpfe haben häufig verdrängten Volksstämmen als Zufluchtsort gedient. Ein wunderbares Torfmoor befindet sich noch im Memeldelta. Aber bei der fortschreitenden Kultur wird auch dieses in wenigen Jahren vernichtet sein. Es ist für den Naturforscher eine bange Frage: Muß und soll denn alles verschwinden, was an die Urnatur erinnert? Gewiß; der Kulturfortschritt gehört zur Menschenkultur, er ist eine naturgemäße Bewegung, die nichts aufzuhalten vermag. Aber wie der Mensch ein Recht an die Kultur hat, so hat er auch ein Recht an die Natur. Kunst und Wissenschast und historische Erkenntnis verlangen die Erhaltung der Moore, dieser so großen und eigen» artigen Naturerscheinungen. Möchten unseren Nachkommen noch stille Flecke übrig bleiben, wo sie sich in die natürlichen Urzustände der Heimat verienken können! In der Abteilung für Zoologie hielt Dr. I. Thienemann» Rosinen einen Vortrag über„Untersuchungen über die Schnelligkeit des Vogelfluges". Positive Angaben darüber, wie schnell unsere Vögel tatsächlich fliegen, gibt es zurzeit noch recht wenige. Man war bisher meist auf Schätzungen angewiesen und konnte die Windstärke nicht berücksichtigen. Seit einiger Zeit wird nun auf der Vogelwarte Rositten eine eigene Methode angewendet, um die Eigengeschwindigkeit der Zugvögel möglichst genau festzustellen. Auf einer abgesteckte» Strecke von einem halben Kilometer wird mittels Feldtelephon und Sekunden-Sioppuhr zunächst ermittelt, wie viel Zeit die Zugvögel zum Durchfliegen der Strecke brauchen. Daraus wird dann unter Berücksichtigung der jeweiligen Windstärke die Eigengeschwindigkeit der Vögel festgestellt. Der Zug» flug der Vögel zeichnet sich nach diesen Beobachtungen durch große Stetigkeit, aber weniger durch große Schnelligkeit aus. Die Nebel» kräbe erzielt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 13,9 Meter pro Sekunde mit vier Flügelschlägen, das ist m der Stunde etwas über 59 Kilometer, also ungefähr die Schnelligkeit eines gewöhnlichen Schnellzuges. Daraus geht hervor, daß Heinrich Gätke, der nach Beobachtungen aus Helgoland die Geschwindigkeit der Nebel» krähe auf 209 Kilometer in der Stund« schäyle, sich sehr stark geirrt Hai. Die größte Schnelligkeit von allen bisher beobachteten Vögeln erreicht der Star mit 74,1 Kilometer pro Stunde. Die als hervorragende Flieger bekannten Raubvögel, z. B. Wanderialk und Sperber, zeigen eine weit geringere Schnelligkeit. Bemerkenswert erscheint es. daß selbst innerhalb derselben Vogelspezies die Eigen» gesaiwindigkeit nicht immer gleich ist. Die zunehmende Stärke des Windes scheint die Eigengeschwindigkeit günstig zu beeinflussen. Am Donnerstag sprach in der Gesamtsitzung beider Haupt» gruppen Prof. Z e n n e ck- Lndwigshafen über die Verwertung des LuftstickstoffS inil Hilfe des elektrischen Flammenbogens. DaS Problem der künsttichen Salpeter« darstellung ist von allgemeinstem Interesse. Handelt eS sich doch uni die Darstellung eines fiir die Landwirlschaft aubcr- ordentlich wichtigen Körpers aus den billigsten Rohmaterialien, aus Lust und Kalksteinen, Gelöst wurde dieses Problem bekanntlich mit Hilfe des elektrischen FlammenbogenS, der die Bestand« teile der Atmosphäre Stickstoff und Sauerstoff teilweise zur chemischen Vereinigung zwingt. Die dabei entstehenden Stickstoffoxhde liefern bei der Absorption in Wasser Salpetersäure uud deren Einwirkung auf Kalkstein Kalksalpeter, der als Norgesalpeter in den Handel kommt und dem chilenischen Natronsalpeter als Düngemittel mindestens eben- bärtig ist. Die Einrichtung einer Luftsalpeterfabrik, wie ste z. B. in Notodden sNorwegen) in Tätigkeit ist, wird an der Hand einer an- sehnlichen Modellanlage, die mit zirka 20 Pferdestärken betrieben wird, erlSniert. Der Vortragende bespricht sodann näher die Oefen, die in der Technik zur Salpetersäuredarstellung aus Luft benützt werden. Alle Ofentypen werden durch Modelle in Tätigkeit vor- geführt. Vortragender bespricht dann die elektrischen Verbältnisie einer solchen Anlage und behandelt die neuen Aufgaben, die auf diesem Gebiet entstanden sind, und die Schwierigkeiten ins« besondere für genaue Messungen der elektrischen Energie. Diese Messungen sind von ganz bei anderer Wichtigkeit. Am Schlust be« dauert er, daff manche Naturschönheit durch die Industrie zerstört wird, weist aber darauf hin, dah die Industrie in Norwegen, so paradox es klingen mag. manche Naturschönheit geschaffen hat. An vielen Stellen, wo jetzt ein imponierender Wasserfall von mächtiger Höhe tosend in die Tiefe stürzt, war früher nicht? als eine Reihe unbeachteter Stromschnellen vorhanden. Es folgte ein Vortrag Wilhelm F i l ch n e r S- Berlin über d i e neue deutsche Süd'polar-Expedition. An dem Weit- kämpf im polaren Gebiet hatte sich Deutschland anfänglich durch die Entsendung der„Gaiiii' rühmlich beteiligt, aber dann' schien cS, als ob Deutschland endgültig sein Interesse an der Polarforschung auf- gegeben hätte. Dann ergriff ich selbst die Initiative und rief auf eigenes Risiko eine deutsche Expedition in? Leben. Mein Grundsatz ist. in die Weddellsee südwärts so weit wie möglich vor- zudringen und eventuell einen Durchstotz durch die Antarktik zu versuchen. Für die letzte Möglichkeit muhte die Mit- nähme eines zweiten Schiffes ins Äuge gefaht werden. Nun ist dort, wo da« erste Schiff hätte angesetzt werden müssen, be- kanntlich der Schauplay der englischen Südpolarexpcdition. und es kam die Erwägung, ob sich nicht ein entsprechendes Zusanmienwirken erzielen liehe. In einem solchen Falle konnte das zweite Schiff wegfallen. Dank dem Entgegenkommen von Scott erfüllte sich diese Hoffnung. Ich gedenke also mit nur einem Schiff in die Wcddellfec zu gehen. Die Kosten der Expedition sind auf 1,2 Millionen Mark veranschlagt. Die Erpedition wird bestinmit im Frübjahr näcbsten Jahres angetreten werden. Das Programm wurde aufgestellt nach tühlungnahme nnt der englilchen uud schottischen Polnrexpedition. cott dringt von der Rohsee, ich von der Weddellsee aus vor. Begegnen wir uns dabei, so gehen Leute von Scott mit mir nach der Rohsee und Leute von mir mit Scott nach der Weddelsee. So ent- wickelt sich ein Durcbstoh beider Expeditionen ganz von selbst. Auf diese Weise bleibt jede Expedition in ihrem eigenen Arbeitsgebiet, wo sie allein ihre Proviantdepots usw. anlegt. Der 20. Längengrad West, der Coatsland durchschneidet, soll die Grenze unserer Arbeitsgebiete bilden. Die Weddellsee wurde mir, das Gebiet östlich des 20. Grades den Schotten zugesprochen. Die Vorexpedition nach Spitzbergen hatte den Zweck. Eis- erfahrungen zu schaffen, die wiffenschaftlichen Instrumente, Schlitten und Ausrüstungen zu erproben und Nahrungsmittelversuche zu ver- anstalren. Um dem Unternehmen gleich einen bestimmten wissenschaftlichen Zweck zu geben, sollte eine Durchquerung Spitzbergen? inS Auge gefaht werde». Die Vorexpedition löste das festgesetzte Programm, die erste Ostwestdurchquerung auf dem Eise wurde vollzogen. Im Frühjahr nächsten Jahre? wird die antarktische Expedition in See stechen. Unser Ziel ist Süd-Georgien, das infolge seiner Eigenschaft als Walfangstation der geeignetste Ausgangspunkt für ein anrarktischeS Unternehmen ist. Von Süd-Georgien aus wird da« Schiff nach den Sandwichinseln gehen, um dort in südlicher Richtung in die Weddelsee vorzustohen. Der Plan wurde von Professor P-nck vorgeschlagen. Gerade diese Borstohricktung sowie überhaupt die Weddelliee selbst dürste die gröhte Gewähr für einen Erfolg bieten, da schon im Jahre 1823 Kapitän Weddell noch bei 74 Grad 15 Minuten südlicher Breite offenes Meer gesichtet hatte. ES ist nun beabsichtigt, südlich von Coaisland zu landen, eine Basisstation zu errichten und von dort aus durch eine Schlittenexpedition das Innere des gewaltigen unbekannten antarktischen Landes zu erforschen. Denn bier liegt eines der ivichtigsteu in der Antarktik zu lösenden Probleme überhaupt. Es gilt, den Zusammenhang zwischen den beiden bekannten Gebieten der Antarktik, dem grohen von Shaklelon betretenen osiantarktischen Kontinent und dem südlich von Amerika gelegenen Laudgebiete der Westantarklik zu entschleiern. ES handelt sich im wesentlichen um die Frage, ob Antarktika ein geschlossener Kontinent ist, oder ob ein Archipel vorliegt, oder fchliehlich ob Ost» und Westantarktika durch einen grohen Arm geschieden sind. Drei Eiskraftwageu mit einer Zugkraft von je 60 Zenwern werden die Expedition begleiten. An Schlitten werden 50 Exemplare ver- schiedener Gröhen mitgcführr. An der Expedition werden sich beteiligen je ein Geograph, Meteorologe, Geologe Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: und Physiker, Astronom, Ozeanograph und Techniker. Als Eis« meister wurde ein Norweger gewählt. Die Besatzung des Schiffes wird 26 Mann betragen. Mit den wissenschaftlichen Vertretern zu- sammen wird die Expedition 34 Köpfe zählen. Das Polarschiff ist ein Walfänger und im Eise bewährt. Nach dem Ausspruch von Shakleton und Scott ist es das beste existierende Polarschiff über- Haupt. Sein Tonnengehalt brutto beträgt 527. Das Schiff läuft sieben Knoten. Es hat dreifache Haut und hält starken Eis- druck aus. kleines Feuilleton. Musik. Die Musik als Völkerband. Aus München wird uns geschrieben: Zum erstenmal seit dem Bestehen eine? inter» nationalen Verkehrs von Gcistesgütern findet ein offizielles, von den beiden Nationen subventioniertes französisches Musikfest auf deutschem Boden stait. Man darf wohl sagen, daS ist ein Er» eigniS, dessen eigentliche und folgenreiche Bedeutung nicht so sehr auf rein künstlerischem Boden liegt, als vielmehr auf dem noch höheren Niveau der internationalen Verbrüderung der Völker. Der idealen uud für die werktätige Menschheit maßgebenden Parole deS Sozialismus:„Proletarier aller Länder vereinigt Euch l' antwortet hier zum erstenmal ein vorläufig noch zages Echo der dentsch-fran- zösischen Intellektuellen, die sich dabei des feierlichen Sprachrohrs der tönenden Kunst, der Musik als Weltsprache bedienen. Denn wie keine andere Kunst weih die kosmopolitische Musik, obwohl sie den nationalen Charakter bewahrt, sich über die Grenzen der Völker zu erheben, im Zeichen des Idealen den ewigen Egoismus zu über- winden und als allgemeinverständliche Sprache laut für den Völker- frieden zu zeugen. Der weltgewandte Präsident der großen und machtvollen französischen Vereinigung der Musikfreunde. Graf Chandon de Brixilles szugleich Besitzer einer bekannten Champagnerniarke, von der er in München reichlich den Offiziösen, aber auch den wackeren Musikanten spendete), gab bei seiner An- spräche im München« Rathause dem.Kulturgedanken' der Musik beredten Ausdruck. Das Franzöfche Musikfest, eingeleitet und umrahmt von Banketts und„Empfängen" und Soupers aller Art. bestand in seinem künstlerischen Teil aus drei grohen Orchesterkonzerten und zwei Kammermusik-Matineen in der städtischen Musikfesthalle und im Künstlcrtheater der Ausstellung, in denen ein interessanter Ueberblick über die neufranzösische Tonkunst sinfonischen, dramatischen und lyrischen Stils von Csfar F r a n ck und S t. S a e n S bis zu den Pionieren des modernsten Impressionismus, den radikalen Vertretern der„atmosphärischen Schwingungs- und Sckwebungsmusik' den deutschen Hörern geboten wurde. Einige Häupter gallischer Ton- kunst waren persönlich zugegen; s» der greise, sympathische Camille St. Saöns, G a b r i e l F a n r ö, der Direktor des Pariser Kon- servatoriumS und Charles M. W i d o r, Francks Nachfolger an der Orgel von St. Sulpice. In dem Kapellmeister Rhensj-Baton hatten die Toten und die Abwesenden einen feurigen und hingebenden Diri» gemen, in dem„Münchener Tonkünstlerorchester", das 1909 unter Lavalle deutsche Meister in Paris gespielt bat, einen Jnstrumcntalkörper, der sein Bestes bot, um dem oft so rhythmisch heiklen, mit seinen eleganten Fonnen, seiner weniger pathetiswen wie sinnfälligen In- strumentation sich einschmeichelnden Charakter deS gallischen Kom» Positionsstils gerecht zu werden. Seien wir offen: der Verstand, die intellektuelle Klarheit der Struktur, die Eleganz der Mache, der rhythmische Schmitz neben einer oft in bizarre Träumereien ver- sinkenden gefühlsseligen Phantasie mutz oft das ersetzen, was der deutschen Musik das Gefühl, die Empfindung, die Sprache de« Herzen? ist. Freilich, eigentlich„philosophische Musik" haben die Franzosen nicht auf dem Programm. Sieht man von dem alten, feinen, idealistisch gesinnten Cvsar Franck, dem„ftanzösischen Bach" ab, 1390, so findet man weder bei den Werken seiner Schüler, zu denen in erster Linie Meister Vincent d'Jndy gehört, noch bei denen der St. SaönS-Schule mit Fauvü und Dukas an der Spitze, jene Tiefe des Gemüts, die der deutschen Musik eigen ist. Die verschiedenen Gefühlswelten moderner deutscker und neuer französischer Musik verbindet höchsten» die Brücke der artistischen Technik im Satz, die Technik der Farbe, die in der Tat in der herrschenden Generation der Pariser Tonsetzer den Vorbildern Berlioz' gleichkommt, ja bin- sichtlich der Koloristik von den Debusiyanern noch über- troffen wird. Es ist seltsam zu sehen, wie die Franzosen nach dem Formalismus ihres bedeutenden St. SasnS auch Richard Wagner überwunden haben, dem sie mit doch einigen Meisterwerken wie d'JndyS„Fervael", Chabriers„Gwendoline", Bruneaus „Messidor" ausschweifend gehuldigt haben. Was haben die an Stelle des Wagnerismus gesetzt?„Le Debnssysme". Die Schule Claude Dcbussys tPelleaS und Melisande, NokturneS, Tristan), die ihrem zweifellos geniale» Haupt darin nachäfft, datz sie alle Form, alle Kraft, alle Klarheit durch einen leuchtenden Nebel von ver- schwoinmenen Farbflecken ersetzt.— Wann wird nun den Deutschen Gelegenheit geboten, im friedlichen Wettlampf der künstlerischen Ideen auch ihre neue musikalische Kultur offiziell in Paris zeigen zu können? Wir hoffen 1911._ m. Vorwärts Buchsruckerei u. Verlag sansrertl Paul Singer SrCo.. Berlin 6 As.