Ilnterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 187. Sonnabend den 24. September. 1910 67] Der Entgleiste. (Nachdr. verboten� Von Wilhelm Holzamer. � Philipp lächelte ihn an. Das klang, in seinem ein wenig suchenden Deutsch, wie Kindcrweisheit. „Sic glauben es nicht?" „Doch— es war mir nur nicht so vorgekommen, es ist Mir neu. Aber es ist schön." „£), wenn Sic länger auf Montmartre leben, werden Sie es merken. Wenn Sie nur über die Straße gehen werden— dieses heitere Leben! Und man hat Freunde und macht Scherz. Es ist ganz anders als anderswo. Sie glauben es nicht?" Philipp glaubte es gerne. Er hob sein Glas und stieß mit dem Wirte an. „Auf gute Freundschaft!" sagte der. So plauderten sie noch eine gute Weile. Montmartremusikanten zogen vorbei; ein Geiger, ein Gitarrespieler und ein Sänger. Philipp bezahlte und ging den Musikanten nach. An einer Straßenecke hielten sie Umschau, ob kein Polizist in der Nähe sei. Tann stellten sie sich zum Musizieren auf. Sie waren von Dienstmädchen und Verkäuferinnen, Arbeitern und Handwerkern, Frauen und Kindern umringt und sangen ihre unanständigen Lieder. Der Geiger war eine auffällige Erscheinung in seinem dunklen Samtanzug und breiten Schlapphut, dem langen Haar und Spitzbart, mit dem blassen Gesicht und den müden, traurigen Augen. Er faszinierte Philipp, so daß er von Straßenecke zu Straßenecke den dreien folgte. Am liebste hätte er sich ihnen als der vierte zugesellt! Er hatte aber weiter nichts tun können als sich für zwei Sous das Couplet kaufen und an jeder Straßenecke noch seinen Sou extra geben. Als die Musikanten schließlich in einer Kneipe auf dem oberen Montmartre landeten, trat Philipp mit ihnen ein. Er verstand nicht genug Französisch, um sich in eine Unterhaltung mit ihnen einlassen zu können oder etwas von ihrer Unterhaltung zu crschnasipen. Aber er mußte beständig deir Geiger ansehen. Er bewunderte an ihm die dekorative Erscheinung, denn er trat wie ein großer Künstler auf, ob- gleich er in Wirklichkeit nicht mehr war als ein ganz simpler Musikant, der kaum mehr als die Melodien der Couplets auf seiner Geige spielen konnte. Und dennoch— wie war er dazu gekommen? Als was fühlte er sich? Hatte er ein- mal hoch hinaus gewollt— höher als seine Kraft reichte, oder hatte er wahllos und ohne innere Nötigung etwas er- griffen, was gerade am Wege lag und ihm nicht allzuviel Mühe machte? War er gefallen, oder war er nie empor- gestiegen? Wie sie scherzten und rauchten und plauderten und wichtig taten, die drei! Dann und wann einmal ein schiefer Seitenblick nach ihm, dem Unbekannten. Philipp trat nun an ihren Tisch. Er wollte teilhaben an ihrer Sorglosigkeit. Die Stunde gab, bald so, bald so— er wollte nehmen. Er stammelte ein paar Komplimente, die ihm mit einem Lachen quittiert wurden. Tann spendierte er eine Flasche Wein— und als sie getrunken war, noch eine, zechte und plauderte, fragte und verstand nicht, lachte aber mit und freute sich und fühlte sich echt menschlich wohl. Hinter das Schicksal der drei kam er nicht. Er merkte nur, daß der Geiger manchmal verträumt und leer in die Welt schaute und immer stiller wurde. Das Leben mnßte ihm doch wohl in besonderer Weise mitgespielt haben. Den Refrain des Straßenliedcs vor sich hinsingcnd, ging Philipp ein wenig schwer nach Hause. Als er schon in seinem Bette lag, holte er sich noch einmal das Couplet her- vor und sang laut: Weine nicht, liebe Suzette, Das Unglück ist nicht groß. Es währt ein Weilchen bloß. Lache, liebe Kleine, Und laß die Sorgen laufen— Man muß ne Wiege kaufen. Das war nun sein Abendlied vor dem Einschlafen. Und es klang noch in seine Träume. In denen wurde es dann frei- lich ein Tanzlied. Der blasse Geiger strich die Fiedel, und den Tanz tanzte eine allerliebste und bestienwilde Tänzerin. Er aber litt grausam. 5. In einem Restaurant am Place Pigalle hatte Philipp Deutsche getroffen. Deutsche Schriftsteller in Paris, den großen blonden Germanen Heinrich Willibald Müller und den kleinen blassen Skeptiker Kunz Erich Mirim, der aber eigentlich anders hieß. Beide waren Philosophen ganz schweren Kalibers, der große Heinrich Willibald mit dem wehenden Gcrnianenbart hatte die Philosophie des Gesichts- Winkels sich zu eigen gemacht und bramarbasierte in Persön- lichkeit, Kunz Erich Mirim, ein ehemaliger katholischer Theologe, exzellierte auf dem Gebiete der Liebe. Und zwar auch zur Hervorkehrung der Persönlichkeit. Der große Heinrich Willibald sagte:„Alles ist der Ge- sichtswinkel. Ich stelle mich der Welt gegenüber. Ich sehe, sie ist ein Misthaufen. Das ist der stehende Gesichtswinkel. unter dem ich sie zu beurteilen habe. Paris, Deutschland, diese ganze Schmierfinkenbande von Schriftstellern, das ist nur Gcschnkeiß auf dem Misthaufen." Philipp lächelte. Der große Heinrich Willibald fuhr auf und schwadro- nierte mit dickster dialektischer Aussprache drauf los:„Wer noch nicht so weit ist, der ist ein Waisenknabe. Lächeln Sie. Doktor, aber lassen Sie sich in Windeln wickeln. Man muß auf der Höhe sein! Eine Persönlichkeit sein! Nur wer den ganzen Gestank der Welt gerochen hat, weiß seinen eigenen zu würdigen. Und Paris ist ein Saunest. Gehen Sie ruhig wieder heim, Doktor, zu holen ist hier gar nichts. Ekel! Wollen Sie den Ekel? Auch Ekel ist gut. Wanzen, Läuse, Flöhe, Syphilis! Das finden Sie hier, sonst nichts." „Kunst?" fragte Philipp bescheiden-kleinlaut. Der große Heinrich Willibald schlug eine germanische Lache, daß die Fenster klirrten und die Gläser auf den Tischen tanzten. Dann sagte er ein Kraftwort, daß es nur so klatschte. Ein grobes, dreckiges Kraftwort. Nun mischte sich der feine, skeptische, blasse und ein ganz klein wenig schielende Kunz Erich Mirim ein, gab erst einen Laut von sich, der mehr ein Grunzen war, ein nettes Grunzen, aber immerhin doch nichts anderes— dann saugte er noch einmal an seiner Zigarette und begann: „Sie müssen wissen, Doktor, d�.mit drückt er das Höchste aus, was er ausdrücken kann. Und wenn Sie alles abziehen, was abzuziehen ist, so kommen Sie schon aufs rechte." Philipp wußte nun nicht, ob mm ihn verspotten wollte, oder ob diese Leute sich wirklich ernst ncchmcn. Er wollte auf seiner Hut sein. „Was empfehlen Sie mir, daß ich mir ansehe?" fragte er. „Setzen Sie sich in die Bahn und fahren Sie wieder heim," sagte der große Heinrich Willibald,„und an der Grenze, in Köln, im„Treppchen" r it ich Ihnen, saufen Sie sich knüppeldick voll aus lauter Freude, daß Sie diesem Stink- nest entronnen sind." „Sie sind aber doch schon mehrere Jahre hier? Und ich habe doch sehr begeisterte Artikel von Ihnen über Paris gc- lesen," erwiderte ihm Philipp. „Hm," knurrte der große Heinrich Willibald,„das ist ja alles Mist. Wenn Sie eine Zeitlang hier sind, kommen Sie nicht mehr fort; das ist ja daS Fatale an diesem grandiosen Drecknest. Und was ich schreibe, wollen die Leute lesen. Nächstens werde ich aber schreiben, was sie nicht lesen wollen. Ich werde schimpfen. Das muß nur so krachen. Das Schimpfen ist das einzig Wahre in der Welt— es beweist den ganz persönlichen Gesichtswinkel, ich bin nur leider noch nicht ganz so weit gekommen." „Na, na," höhnte 5!unz Erich Mirim,„so einiges hast Du Dir doch schon geleistet. Er hat nämlich den Ehrgeiz, Doktor, ein deutscher Rabelais zu werden." Wieder sagte der großc Heinrich Willibald ein Kraftwort, ein grobes, dreckiges jtras.wort. Was sind das für Leute eigentlich? dachte Philipp. Wird man so m der Welt, macht das Metier einen so. oder ist das alles nur forciert, u>n zu imponieren und sich als anders zu zeigen wie die anderen. Der große Heinrich Willibald hatte für alles nur ein Schimpfwort und ging gar nicht auf die Dinge ein; der schielende Kunz Erich Mirim verachtete alles. Liebe erklärte er für Unsinn. Das einzige in der Welt sei Befriedigung. Dazu bedürfte es der Liebe nicht. „Sind Sie Idealist?" fragte er Philipp. Philipp zögerte mit der Antwort. „Idealismus ist Dummheit. Daran geht die Welt und gehen die Menschen kaputt. Radikal kaputt. Wirklichkeit, eine klare, nüchterne Betrachtung. Und dann werden Sie freilich finden, daß hintennach alles stinkt. Halten Sie sich die Nase nicht zu, kosten Sie's richtig aus. Es gibt dem Menschen die Eigenart, wie er den Gestank der Tinge aus- gekostet hat. Wo ist denn heute noch Eigenart? Besonders bei uns Deutschen? Es fehlt die Besonderheit, von einer Streiflichtbelcuchtung gar nicht zu reden— alles wird plump und barbarisch ins volle Licht gesetzt, ins Licht der Dummheit, die„Idealismus" getauft worden ist." Der große Heinrich Willibald war jetzt wie eine Lokomotive, die einen zu schweren Eisenbahnzug einen Berg heraufziehen muß, es fehlte ihm der Volldampf. Als nun Kunz Erich Mirim geendet hatte, sagte er nur knurrend mit abgesetztem Atem: „Ich sag's ja, der Gesichtswinkel." Die Zigarette zwischen Mirims Lippen machte jetzt eine ganz leise Bewegung nach links, und im linken Mundwinkel lag das skeptische Lächeln— und lag da wie ein kleiner Unrat auf der Straße, dem man ausweicht. Zwei weitere Deutsche kamen. Hier traf man sich täglich. Philipp schenkte ihnen anfangs kaum Beachtung. Er war so begossen, daß er das Gefühl hatte, sich nicht richtig rühren und regen zu können. „Einer, der noch Illusionen hat," stellte ihn Kunz Erich Mirim vor. „Sucht Kunst in Paris," sagte der große Heinrich Willibald. „Ich suche nur das Leben— und was damit zusammen- hängt." sagte Philipp schüchtern, aber in dem deutlichen Ge- fühl, sich wehren zu müssen. Heinrich Willibald lachte laut auf. „Qar�on," rief er,„un cognac pour ce monsieur läl"*) Philipp war erstaunt über die ungeheuerliche Aussprache des Französischen. Dabei war der blonde Germane schon ein ganzes Jahrzehnt oder mehr in Paris. Die Zigarette in Mirims Munde machte einen großen Bogen nach links und hing nun tief in dem skeptischen Lächeln des linken Mundwinkels drin. Es war einen Augenblick still am Tische. Philipp bot seine Zigaretten an. Mirini nahm gleich zwei und legte sie vor sich hin. Heinrich Willibald schlug aus, er rauche nur Zigarren. Der Kellner brachte den Kognak. „Prost!" sagte Kunz Erich Mirim und trank ihn aus. Nun wurde aber Philipp boshaft. Nicht des Kognaks wegen, sondern der frechen Art halber, die eher unter Gymnasiasten Brauch war, wenn sie der Uebermut überkam. „Wünschen Sie auch einen, Herr Müller?" fragte er den großen Heinrich Willibald. ' Der wieherte wie ein Pferd als Antwort.- „Es tut nicht gut, sich zu ärgern, Doktor," sagte Mirim und klopfte ihm auf die Schulter. Die Zigarette beschrieb dabei einen Bogen nach rechts und fiel dann wieder zurück, tief in den linken Mundwinkel, wo sie einen Augenblick zitterte, bis ein leichtes Wölkchen Rauch von ihrer Asche sich löste. Nun schielte Kunz Erich Mirim ganz lange mit halb zugekniffenen Augenlidern. „Sind Sie Oesterreicher?" fragte der jüngere der beiden Neuankömmlinge mit einem ein wenig belegten Organ in langsamer, schleppender Sprechweise, der man den Wiener anhörte. „Nein," sagte Philipp. «Aber Hesse?" fragte der andere Herr, „Hesse, ja!" „Ich bin Mannheimer." „Mannheimer? So?" „Hören Sie das nicht am Blaumaul?" platzte Heinrich Willibald heraus.„Aber Herr Bender ist auf dem Mont» martre hängen geblieben," erklärte er dann noch. •)„Kellner I einen Kognak für den Hcrrnl" (Fortsetzung folgt.). Der planet Venus. EZ find in diesem Monat gerade 30(1 Jahre her, daß der große Galileo Galilei das kurz vorher von ihm nach holländischem Muster konstruierte Fernrohr auf den Planeten Venus richlete, und sofort, im September des Jahres 1610, konnte er feststellen, daß dieser glänzende Stern nicht stets in der Form eines vollen Kreises er« Icheinl, sondern bald in sichelförmiger Gestalt, bald als Halbkreis, und nur zuweilen als voller Kreis. Die Venus ist also in ihren Phasen dem Mond vergleichbar, und die Ursache dieser Form« Veränderlichkeit ist bei beiden Gestirnen die nämliche; von beiden wird stets die der Sonne zugewandte Halbkugel bestrahlt, und wegen der veränderlichen Stellung, die die Erde ihnen gegenüber einnimmt, ist uns bald die volle bestrahlte Gestirnshälste sichtbar— dann erscheinen sie uns als leuchtende, volle Kreise, wir sagen: wir haben Vollmond, und würden, wenn bei der Venu? die Tatsache allgemeiner bekannt wäre, sagen, wir haben Vollvenus; wenn die Erde so steht, daß ihr eine Mondscheibe zugewandt ist, die nur zur Hülste in dem sonnenbeschienenen Mondkreis liegt, haben wir Halbmond, und unter gleichen Bedingungen erscheint auch dieVenusim FernrohralS beller Halbkreis, und so lassen sich überhaupt die verschiedc..�t Phasen wie beim Mond auch bei der VenuS erklären. Merkwürdiger« weise haben in den seitdem verstrichenen 300 Jahren unsere Kenntnisse von der Venus nur unerheblich zugenommen. Eine Haupt« uriache dafür liegt in dem Umstand, daß die Venus einen so ungemein starken Glanz ausstrahlt, daß man, um nicht von ihm geblendet zu werden, um also überhaupt etwas zu erkennen, Dunkel« gläser vor das Fernrohr schieben muß, und. hierdurch werden die Einzelheiten des Bildes wieder so verdunkelt, daß man im Zweifel darüber bleiben muß, waS man eigentlich gesehen hat. So hat man an den Polen und am Rande der Venus eine stärkere Helligkeit bemerkt als in ihrer übrigen Fläche, aber man weiß nicht, ob dies eine wirkliche Tatsach« ist oder ob man eS nur mit einer optischen Täuschung der Beobachter zu tun hat. Schon wenn man die Mond« fichel mit bloßem Auge betrachtet, sieht man in gewifien Zeiten neben ihr eine malte Fläche, die die Eichel zu einem Kreise ergänzt— nicht zu einem genauen Kreise, sondern der schwache Schein hat einen etwas Heineren Radius als die hellglänzende Sichel. Die matt beleuchtete Fläche rührt von dem Lichte her, das die von der Sonne beleuchtete Erde auf den Mond reflektiert. Würde es Mondbewohner geben, so könnten fie sogen, sie hätten in den betreffenden Zeiten.Vollerde", daß diese mattbeleuchtete Fläche uns kleiner erscheint, rührt von seiner Eigentümlichkeit der menschlichen Augen her, denen hell« leuchtende Flächen neben dunkleren größer vorkommen. Man glaubte nun auch an der VenuS, wenn fie uns in Sichelgestalt sichtbar ist, die nur matt leuchtende, fie zu einem vollen Kreis ergänzende Scheibe wahrzunehmen, aber man konnte dies nur so undeutlich sehen, daß man nicht genau sagen kann, ob die matte Scheibe wirk« lich zu sehen ist oder ob man es sich bloß einbildet. Ist fie tatsäch» sich vorhanden, so wird wohl auch hier als Uriache eine Beleuchtung durch die hellglänzende Erde anzunehmen sein. Wenn man das Venuslicht in geeigneter Weise in das Spektrum, daS bekannte Regenbogenfarbenband zerlegt und dies mit dem Fern« rohr betrachtet, so sieht man in ihm dieselben Streifen, wie wem» man Sonnenlicht, das durch die Erdatmosphäre zu unS dringt, in das Spektrum zerlegt. Man darf daraus schließen, daß_ auch die VenuS eine Atmosphäre hat, die sich aus denselben Bestandteilen zusammensetzt wie die der Erde.� Aber die Absorptionsstreisen am Venusspektrum find viel un- deutlicher und verwischter, als die durch die Erdatmosphäre verursachten. Man muß dies so erklären, daß man sagt, die Sonnen« strahlen dringen nicht sehr tief in die Venusatmosphäre hinein, und um dies zu bewirken, muß irgendetwas in ziemlich hoben Schichten der Venusatmosphäre liegen, was ein tieferes Eindringen der Sonnenstrahlen in fie verhindert. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß dies störende Element Wolken find, die also in der VenuS« atmosphäre viel höher liegen müssen als die irdischen Wolken in unserer Atmosphäre. DaS läßt sich auch um so eher annehmen, als dadurch der starke Glanz des VenusgestirnS erklärt wird. Aus den hoch gelegenen Wolken wird ein großer Teil des aus die VenuS fallenden Sonnenlichtes reflektiert und dies gibt dem Planeten seinen anfsälligen Strahlenglanz. Die genauesten Meffungen ergeben, daß 76 Proz. des zur Venus gelangenden Sonnenlichtes an ihren Wolken zurückgeworfen wird. Lange Zeit hatte man aus der Betrachtung der VenuS schließen zu sollen geglaubt, daß fie sich etwa in derselben Zeit, wie die Erde, einmal um ihre Axe dreht, daß also der VenuStag ungefähr 24 Stunden dauert, also so viel wie der Erden» tag. Da erklärte der große, kürzlich erst verstorbene Astronom Schiaparelli, er müsse aus seinen Beobachtungen an« nehmen, die Venus brauche viel mehr Zeit zu einer einzigen Achsen« drehung als 24 Stunden, nämlich gerade so viel Zeil, wie zu einer Drehung der Venus um die Sonne notwendig ist, also 225 Tage. Es ist durchaus nichts Unerhörtes, daß ein Gestirn sich in genau derselben Zeit einmal um seine eigene Achse dreht, in der es einen Umgang um das Gestirn vollendet, um das es sich dreht: daS im wörtlichen Sinne uns zunächst liegende Beispiel liefett uns unser Mond, der, während er sich einmal um die Erde bewegt, sich auch einmal um seine Achse dreht. Daher kommt es, daß wir stets dieselbe Seite des Mondes uns zu« gewandt haben, daß wir nur diese eine Seite der Mondkugel lennen, während uns ganz unbekannt ist, wie die andere Seite aussieht. Man hat nun noch nicht genügende Beobachtungen anstellen können, um zu entscheiden, welche von beiden Behauptungen für die Achsen- drehung der Venus zutrifft, oder ob vielleicht gar alle beide un- richtig sind, und die Achsendrehung weder 24 Stunden noch 225 Tage beträgt. Aber gewisse andere Beobachtungen und Erwägungen lassen doch eine gewisse Schlußfolgerung auf dieDauer der Venusdrehung zu. Wenn die Schiaparellische Behauptung richtig wäre, also bei der Venus Achsendrehung und Umgang um die Sonne'zusammenfiele, so würde die Venus stets ihre eine Halbkugel der Sonne zuwenden, eben wie es der Mond zur Erde tut. Unter diesen Umständen müßte die stets besonnte Veuus sehr heiß sein, die stets unbesonnte sehr kalt, und an dieser kalten VenuSseite müßte ewiger Schnee, ewiges Eis herrschen; auch die gesamte von Hause aus in der VenuS- atmosphäre enthalten gewesene Feuchtigkeit müßte sich schon fest langer Zeit auf dieser kalten Venosseite als Eis und Schnee nieder- geschlagen haben, und da hier, auf der kalten Schattenseite, keine durch Sonnenwärme hervorgerufene Verdampfung vorkäme, müßte die Venusatmosphäre allmädlich ausgetrocknet sein, es könnten in ihr weder Wolken, noch Nebel bestehen. Da'es aber andererseits sehr wahrscheinlich ist, daß Wolken in der Atmosphäre der Venus enthalten sind, scheint dies die Annahme Schiaparellis zu wider- legen; es ist also recht unwahrscheinlich, daß bei der Venus Achsen- drehung und Umdrehung um die Sonne die gleiche Zeit erfordert. Aber auch die Annahme, daß die Achsendrehung der VenuS sich ähnlich der der Erde vollziehe, also in 24 Stunden, führt zu Konsequenzen, die sich mit den Beobachtungen nicht vereinbaren lassen. Bei der Drehung der Erde um die Sonne führt die Sonne eine solche Erwärmung und Auflockerung der Luft in der Gegend des Aequators herbei, daß dort beständig ein Luffteigen der Lust- säule stattfindet, die ja auch m den Kalmen, der Region der Wind- stille, sich zeigt und bekannt ist. Die in die Höhe gestiegene Luft fließt nach beiden Polen hin ab und sinkt in beträchtlicher End- fernung vom Aequalor auf der nördlichen und aus der südlichen Erdbälste hernieder, während aus der Erdoberfläche selbst ein all- mähliches Zuströmen der Lust nach den äquatorialen Gegenden hin stattfindet. Könnte man die Erde etwa von der Venus aus betrachten, müßte infolge des starken Auffteigens der Luft am Aequator ein heller Ring zu sehen sein, und ebensolche Ringe sähe man an den Stellen der nördlichen und südlichen Erdhalbkugel, an denen das hauptsächlichste Niedersinken der Lust von statten geht. Zwischen diesen hellen Streifen würde man dann rötlich- gelbe Fleck« da sehen, wo festes Land liegt, dunkle Flecken an den Stellen der Ozeane. Wäre nun die Achsendrehung der Venns ebenso beschaffen wie die der Erde, so müßten auch die Berhältniffe der Luftwärme und Lustbewegung so fein wie bei uns und infolge davon müßte man am Venusäquator und nördlich und südlich dauernd helle Streifen erblicken, im ganzen also ihrer drei. Aber die bis- herigen Beobachtungen haben solche helle Dauerstreifen nicht gezeigt. Freilich hindern die hohen Venuswolken meist den Weitblick in die tieferen Lustschichten und auf die Oderfläch« der festen Venus selbst, aber hin und wieder muffen doch hier oder da die Wolken reißen. «inen Durchblick gestatte« u»d die hellen Streifen erkennen lassen. So lange die hellen Streifen nicht mehrmals an derselben Stelle konstatiert find, wird man also annehmen müffen, daß die Achsen- drehung der Venus fich auch nicht in 24 Stunden vollzieht. Bor- läufig wird man also annehmen müffen, daß die Achsendrehung der Venus länger als 24 Stunden, kürzer als 225 Tage währt. Ob dies wirklich der Fall ist und in welcher Zeit sich die Venus nun totsäch- lich einmal um ihre Achse dreht, das wird erst durch andauernd« und sorgfältige Venusbeobachtungen jestzustellen sein. lKachvrruk verdolen.) Oer Gang cler Cbokra in Kußland. Es geht jetzt in das dritte Jahr, daß die Cholera wieder ein- mal in Rußland festen Fuß gefaßt hat, und nach den früheren Er- fahrungen wird sie sich dort noch geraume Zeit behaupten. Die Geschichte der Cholera-Epidemien in Rußland ist ein Buch, auf dessen Blättern ganze Hekatomben von Menschenopfern verzeichnet stehen. Eine kleine Tabelle von vier Zeilen, die Dr. Dworetzky aus Moskau tn einem Brief an die.Münchener Medizinische Wochenschrift" voranstellt, gibt einen Begriff von dem Inhalt dieser Chronik, obgleich sie nur von den vier Epidemien des neun- zehnten Jahrhunderts handelt und die Verhältnisse früher noch schlechter waren. Danach starben im neunzehnten Jahrhundert etwa 2 Millionen Menschen in Rußland an der Cholera, während die Zahl der Erkrankungen mehr als 4% Millionen betrug. An dem Maßstab der indischen Pest-Epidemie gemessen, die im letzten Jahrzehnt allein mehr Opfer gefordert hat. mögen diese Ziffern noch nicht einmal überraschend groß erscheinen. Man muß aber bedenken, daß die Cholera immerhin nicht so gefährlich ist wie die Pest, weil die Sterblichkeit bei jener noch nicht ganz die Hälfte, bei dieser aber einen sehr viel größeren Teil der Erkrankungen ausmacht. Außerdem freilich kann man ganz sicher sein, daß die aus Rußland angegebenen Ziffern gegenüber den Tatsachen um einen erheblichen Betrag zu niedrig find. Die kleine Tabelle ist ferner lehrreich durch die Auskunst, die fie über die Dauer der einzelnen Epidemien im neunzehnten Jahrhundert gibt. Die erste dauerte von 1829 bis 1837, die zweite von 1847 bis 1859, die dritte von 1865 bis 1872 und die vierte von 1892 bis 1896. Danach scheint die Dauer der Epidemien neuerdings abgenommen zu haben, aber auch auf diese Annahme darf liM!» sich kaum d erlassen. Auch die Cholerasterblichkeit hat im Lauf des Jahrhunderts nicht abge. nommen, im Gegenteil! Sie betrug bei der ersten Epidemie 43. bei der zweiten 49, bei der dritten nur 37 und bei der vierten wiederum 45 v. H. der Erkrankungen. Während also in den wirklichen Kulturländern durch den Fortschritt der Hygiene sowohl die Gefahr einer Epidemie überhaupt wie auch im Fall ihres Ein- tritts die Sterblichkeit abgenommen hat, ist in Rußland von einem solchen Erfolge nicht das geringste zu verspüren. Bei diesen Epidemie waren bis Ende August nach amtlichen Ziffern rund 155 990 Personen an der Cholera erkrankt und fast 75 990 ge- starben. Daraus ergibt sich, daß die Sterblichkeit diesmal sogar noch größer ist als bei der vorigen Epidemie. Außerdem bezeichnet es Dr. Dworetzky als zweifellos, daß diese Ziffern um die Hälfte zu niedrig find. Alle glaubwürdigen Berichte aus den von der Seuche besonders schwer heimgesuchten Gebieten geben herzzer» reißende Schilderungen über die Zustände,� die durch den überall herrschenden Mangel an Aerzten und an Pflege der Kranken übe» Haupt aufs äußerste verschlimmert werden. Dazu kommt der in Rußland noch besonders heimische Aberglaube, der den wenigen Aerzten die Ausübung shrer sauren und gefahrvollen Pflicht er» schwcrt. Er äußert sich nicht nur darin, daß die Krankheitsfälle vom Volk nach Möglichkeit verheimlicht werden, sondern auch in der Verbreitung des aus den früheren Cholera-Epidemien be- kannten Märchens von der Entstehung der Cholera durch das Gift, was die Aerzte selbst in die Brunnen streuen. Am furchtbarsten müssen die Zustände in den Becken des Donez-Flusses sein, wo die Bevölkerung wegen des Abbaues der bekannten ansehnlichen Kohlenlager eine ungewöhnlich große Dichte besitzt. Man muß sich nur vorzustellen versuchen, was es schon im allgemeinen, ganz besonders aber im Fall einer Epidemie zu bedeuten hat, wenn ein solches mit einer dichten Arbeiterbetwlkerung dejetzlez Revier weder eine Kanalisation noch auch nur eine Wasserleitung hat. Selbstverständlich muß dann das Wasser aus den Flußläusen ge- nommen werden, und das Wasser des Donez wimmelt jetzt von Cholerabakterien. Welche Verheerungen die Cholera dort anrichtet, zeigt ei» einzelnes und beliebig herausgegriffenes Beispiel, das Dr. Dwo- retzky nach dem Bericht eines Augenzeugen in folgenden Worten mitteilt:„Auf einer Station der Donez-Eifenbahn� trifft ein Heilgehilfe mit Frau und Kindern ein. Nach drei Stunden be- reits ist er eine Leiche. Seine Frau hatte kaum Zeit, ihr« Mutter telegraphisch davon zu benachrichtigen, als sie selbst erkrankt und am selben Tage wie ihr Mann verscheidet. Die herbeigeeilte Großmutter, die ihre Tochter nicht mehr am Leben findet, stirbt nach zwei Tagen zusammen mit zweien ihrer Enkelkinder. Von einer Familie aus acht Personen waren in drei Tagen nur drei Waisen übriggeblieben." Es ist nicht schwer, sich die weiteren Folgen dieser Lage im Donezrevier auszumalen. Es ist dort be- greiflicherweise eine Panik unter der Bevölkerung ausgebrochen, so daß die Zahl der Arbeiter in den Kohlengruben sich um zwei Drittel oder sogar um drei Viertel verminderte. Diese Flucht der kohlengeschwärzten, staubbedeckten Bergleute wird mit dem Rück- zug einer geschlagenen Armee und mit der versprengten Horde einer Völkerwanderung verglichen. Natürlich werden dadurch der Cholera neue Gebiete erschlossen. Außerdem aber wird es von der größten Tragweite für Rußland sein, wenn die Arbeit in dem wichtigsten Kohlenrevier d«S Landes auf diese Weise zum Er- liegen kommt. Der Kohlenmangel wird sich im nächsten Winter voraussichtlich in einer Weise bemeribar machen, die noch weiter auf das allgemeine Elend' zurückwirkt. Daß es den dortigen Grubenbesitzern, die selbst die Unterstützung der Siegierung ange- rufen hatten, damit nicht in erster Linie um ein Werk icz Menschenliebe zu tun war, geht übrigens daraus hervor, daß sie gegen eine Verfügung zur Einrichtung von Volksküchen für die Arbeiter beim Handelsminister Beschwerde einlegten und diese Verfügung als ungesetzlich und unaussührbar bezeichneten. Das wäre der Zustand im Donezgebiet, wo man leider immerhin er- warten mußte, ungünstigere Verhältnisse zu finden als in anderen Gebieten, wo die Industrie eine geringere Rolle spielt. Was soll man aber schließlich von ganz Rußland denken, wenn sogar in der Hauptstadt Petersburg eine so haarsträubende Rückständigkeit in der Besolgung der Hhgienischen Grundregeln herrscht. Auch dort gibt es noch immer keine Kanalisation, aber in sehr vielen Häusern auch noch keine Wasserleitung und, was noch schlimmer ist, in anderen Stadtviertel,' eine Wasserleitung, die den Be» wohnern als das für ihren täglichen Gebrauch unentbehrliche Naß unfiltriertes Newawasfer zuführt. Das heißt-lsa nichts anderes,-als den Insassen solcher Häuser ifcie Cholera ga- radezn in die Wohnung und in die Küchen hineiuleiten. Dabei herrscht die Seuche in Petersburg jetzt schon zlvei Jahre lang und noch hat die Stadtverwaltung nicht das geringste an diesem Zu, stand zu ändern für notwendig befunden. Um der Sache die Krone aufzusetzen, hat der Oberbürgermeister von Petersburg ein zwar nicht ga»z einwandfreies, aber dafür ungeheuer einfaches Mittel erdacht, die Zahl der Cholerafälle in der Stadt zu ver- mindern. Er hat nämlich von der Liste der angemeldeten Er- krankuugcn alle gestrichen, bei denen nicht mit Sicherheit durch — 748- bakkriologrsche Nntcrsuchurkg Cholera festgestellt war. Im oll� Gemeinen scheint in flary Rußland noch nichts geschehen zu sein, etwS dem Fortschreiten des Würgengels der Cholera Halt gebieten fcmnte; vielmehr deutet alles darauf hin, daß die Seuche noch immer weiter um sich greifen wird. kleines feuilleton. Aus dem Tierreiche. Gezeichnete Vögel. Seit einer Reibe von Jahren werden von verschiedenen Vogelarten sowohl i» Deutschland wie in Oester- reich-Ungarn und in anderen Ländern ganz systematisch junge Zugvögel, z. B. Störche, eingefangen, durch Anlegen dünner Alu- aniniumfutzringe kenntlich gemacht und wieder in Freiheit gesetzt. Man hofft auf diese Weise zu einem genaueren Aufschluß über die von den Vögeln bei ihren Zügen eingeschlagenen Wanderstraßen und das Ziel der Reise zu gelangen, beides Fragen, die noch immer sehr der Aufklärung bedürfen. Man hat denn auch auf diese Weise bereits recht bemerkenslvertc Resultate erzielt. Cs muß noch her- vorgehoben werden, daß die Methode des Anlegens von Futzringen durchaus human ist und die Vögel in keinerlei Weise schädigt. Es ist daher wirklich nicht berechtigt, wenn jetzt von gewisser Seite unter dem Feldgeschrei„Tierquälerei" dieses Vorgehen bei dem Publikum in Mißkredit gebracht wird. ES ist wirklich erstaunlich, von einem wie großen Prozentsatz der gezeichneten Vögel heute bereits Nachrichten bei>den Vogelwarten einlaufen und es steht zu boffen, daß mit der Zeit, wenn sich die Jäger mehr an diese Ein- richtung gewöhnt haben, und über jeden erlegten, mit Ring der- sehenen Vogel sofort an die zuständige Warte berichten, dieser Prozentsatz noch erheblich steigt. Solange nur vereinzelte Nach- richten vorliegen, ist ihr wissenschaftlicher Wert nur gering. Das wird jedoch anders, wenn sich im Laufe der Jahre erst ein reicheres statistisches Material angesammelt hat. Wie die„Ornithologischen Monatsberichte" in einer ihrer letzten Nummern mitteilen, wurden im vorigen Jahre in Natal, in Transvaal, im Basutoland und in der Oranjekolonie nicht weniger als sünf Störche erlegt, die im Juni respektive im Juli 1909 von verschiedenen Städten Ungarns freigelassen waren. Auch ein mit einem Fußringe unserer, unter Leitung von Dr. Thienemann stehenden Vogelwarte Rositten in Ostpreußen versehener Storch gelangte im Januar dieses Jahres in Natal zur Strecke. Bekanntlich arbeitet man seit einigen Jahren auch mit der Zeichnung bei verschiedenen, volkswirtsckiaftlich wichtigen Seefischarten, um über die Laichlvanderungen Aufschluß zu erlangen. Obwohl in diesem Falle die Aussichten, die gezeich- neten Tiere wiederzuerlangen, weit geringer sind, hat man doch bereits sehr hoffnungsvolle Ergebnisie erzielt. Th. Schach. Unter Leitung von S. N l a p i n. ab odotxb T r o i tz k y. Weiß zieht und gewinnt.Z Lösung.(17. September. Schwer?. Weiß: legi, TM, Lh6, SM, Bd5; Schwarz: Kc7, Vs7, Le8, Sc8. Weiß am Zuge macht Remis.) 1. dllch DXdG.(Sonst folgt entweder Säbs oder 1,18.1 2. Tf7t, LX17(2..... Kb6; 8. Tf6. Oder 2..... Kb8; 3. L(4. Oder 2..... Kd8; 3. Lgöf jc.) 3. Lf4, VX14; 4. Sdöf, LXdö. (Sonst SXW mit RemiSschluß.) Weiß ist Palt. EvanSgambit. Freie Partie zur Untersuchung der sogenannten„LaSkcr-Variante" in Monte Carlo 1902 gespielt. Da diese Variante uielsach als die b e st e im EvanSgambit gilt(Siehe den 7. Zikg von Schwarz) bringen wir noch die gegenwärtige Partie, um hiermit einstweilen die Jllustricruug der w i ch t i g st e n EvanSvarianten durch Modcllvarticn zu schtiesjen, S. Alavin. H. Pillsburg. Schwarz. v7— ob Sb8— c6 Lf8— c5 LcSXMI £b4— ab I 1. e2— e4 2. Sgl— f3 3. I,ll—e4 4. b2— M 5. c2— c3 Bei 5...... LcS könnte Weiß mit 6. d4l, eXdl; 7.0—0(Siehe die Fortsetzungen in unserer Spalte vom 17>Septeniber> der„Lasker-Variante" ausweichen. Diese kann nur dann entstehen, falls Weiß auf ö...... 1,05 mit 0. 0—0 antwortet! z.B.: 6...... dß; 7. dt. Lb6l Dies ist die„Lasler-Stellung". 0. 62- d4 I...... Falls 6. 0—0, so kann die»LaSker- Variante' mit 6...... d6; 7. dt, Ijb6 entfteben.(Dann wäre aber 7...... Ld7 1 stärker für Schwarz.) 6....... 67—66 1 Nur durch diesen, von A I a p i n herrührenden Zug, kann schwarz die „Lasker-Variaule" anstreben. 7. 0-0!...... Hiermit läßt Weiß die>„Laster- Variaute" zu. Weiß hat aber viel- jache Möglichkeiten, ihr— wenn auch ohne Vorteil— auS- zuweichen. Erwähnt sei noch folgende scharfe, wenn auch zweiselbaste Wendung: 7. Ddl— b3, e5Xdt?I(Vorsichtiger ist 7..... Dd7. Auch 7..... 8Xd4 kommt in Betracht. Und selbst 7...... De7; 8. d5, Sdtf 9. 8X64. 0X64; 10. Batf, Kd8; 11. DXa5, DXetf je, wäre zu erwägen.) 8 I-etXnf, Ko3—©71 9. et— e5 (9. LXg8?, DXgS I jc. Aus sonstige Züge kann Schwarz I,bS mit der Drohung 8a5 antworten.) 9...... d6Xe5; 10. Lei— a3+, Ke7— 16 je. Trotz der exponierten schwarzen König- stcllnng ist zwcijethajt, ob Weiß den Minderbcsitz zweier Bauern weit machen könnte. 7....... La5— b6 Hiermit gelangt man zur„Lasier- scheu Verteidigung". Aus Grund vor- liegender Partie halten wir jedoch 7..... Ld71 sür stärker, z. V.: 8. Ob3. D07I; 9. dXoö, dXoö; 10. La3, Dfß; 11. Lb5, Sgo7; 12. Sbd2, 0—0; 13. LXc6, LXc6; 14. Set, Lb6; 15. ScXeö, T£e8; 16. I,Xo7, TXe7 JC.(Siehe die Fortsetzung in unserer Spalte vom 10. September.) 8. 64Xsö! dGXeö 9. DdlXdSf!...... Mit 9. Db3, De7 1(9..... DI0; 10. Lb5, So7; 11. LgS je.) 10. Lb5, 1,67; 11. La3, D16; 12. Sbd2, Sge7; 13. Set, 0-0; 14. I-Xo«. BXc6; 15. ScXe5, Tfo8; 16. LXo7, TXe7 jc. konnte Weiß genau dieselbe Stellung erreichen, die in obiger Anmerkung zum 7. Zuge von Schwarz angc- deutet ist und die aus der Vcrtcidi- gung 7..... Ld7 1(von Sanders und Alapin herrührend) resultierte. Demnach kann die«Laskersche Vcr- teidigung'(mit 7...... Lb0) ans Wunsch des Gegners zu einer ein- fachen Z u g u m st e I l u n g der SanderS-Alapinschcn Variante(mit 7..... Ld7 1) gestaltet werden. 9....... ScGXdS 10. Sf3Xe5, LcS— eG Stuf 10..... 816(von Lasker empfohlen) folgt 11. Lg5 mit eventueller Komproniittierung der schwär- zen Bauernstellung der jiönigseite. 11. n2— a4 17—16 11..... Se7; 12. La3 nebst event. at— a5. 12. Lc4Xe6 SdSXsS' 13. Se5— c4 Sg8— e7 14. Sbl— 62 Ke8— 17 14..... 0-0?; 15. Sb3 nebst event. La3 und a5. 15. Sd2— b3 LbG— c5 Es drohte La3 nebst a4— a5. 16. Kgl— hl Se7— cG Um wegen der Drohung 12—14—15 dem Läufer Platz zu machen. In Betracht kam zu diesem Zwecke auch 16..... a6, obschon auch dann Weiß Mit 17. 8Xo5. SXcä; 18. La3 die Initiative behauptete, z. B.: 18..... Sc6(18..... SXet?; 19. Tael, 15; 20. 13 K.) 19. Tabl, b6; 20. 14 JC. 17. 12-14 Lc5— e7 18. Lei—«3 Th8— d3 19. Tal— dl a7— aG 20. a4— a5...... Der Bauer bildet zwar hier ein Slugrisssobjelt. aber die Drohung ließ sich mit 20. Td5 nicht parieren, z. B.: 20..... b5!; 21. aXb5, aXb5; 22. TXb5, Tat liebst coent. Td3 je. FürS Mittelspiel steht Weiß evident srcier und anssichtsvoller(z. B. Td5 nebst Tldl oder auch 864.) Schwarz sucht demnach durch nachstehendem Abtausch der Türme das Endspiel hcrbeizusühren, indem er seine bessere BaucinsteUnng der Damcnseite sowie die Schwäche des I5a5 zur Geltung zu bringen hosst. 20....... TdSXdl 21. TllXdl TaS— d3 22. TdlXdS...... Td5 1 nebst event. 864 kam starl in Betracht. 22....... 806X68 23. g2-g4 868-06 24. KM— g2 g7— g6 25. 14—15 SeG— g7 26. Le3— 14 Sg7-e8 27. Sb3— 64 Se8— 66 Zieht der ScS,>0 gelangt Weiß bald zu o4— o5(event. lr2— ht nebst gi—gö). 28. L14Xd6 c7X66 29. Sd4Xc6 b7Xc6 30. Kg2— 13 gß— g5 Der schwarze König will aus die Damcnseite lommen, um die einzig mögliche Drohung, in Ld3 nebst dö bestehend, zu verwirklichen.(30..... 65?; 31. eXd5, cXdä; 32. Sb6, Ld8; 33. Ke3 nebst 1164 jc.) Fall? soso, 4 30..... Ke8, so lann Weiß mit IXgO nebst h4 einen Freibauer aus der b-Rcihe etablieren. Und die Fortsetzung 30..... gXß; 31. gXß würde dem weißen König den Weg 13— gl— h5— h6 frei geben. Dies sind die Gründe des Tcxtzugcz. 31. K13— e3 KH— e8 32. Ke3— d4 Ke8— 67 33. Sc4— bGf Kd7— c7 34. c3— c4 Kc7— b7 35. Sb6— a4 Le7— d8 36. o4— c5 Ld8— c7! Sonst dringt Weiß bald mit et— s5 durch. ES folgt nun ein fchr de- merkenswertes Endspiel. 37. Sa4-bG I deXcöf 37...... LXbß; 38. aXb6! jc. Aus jonstige Züge folgt 867 uebsl event. e4— vö und baldiger Entscheidniig 38. Kd4Xo5 Lo7— 68 Sowohl 38...... LXh2; 39. 867 als 38...... LXb6; 39. aXb6, a5; 40. öS jc. führen zum sofortigen Verlust 39. Sb6— c4 Ld8-o7t Es drohte Kd6. Auf 39.... Lc7 gewinnt Weiß mit: 40. 866, Kb3; 41. KXc6, LXa5; 42.©5, fXoo; 43. Kd7 1 nebst 15-16—17-18 Df 40. Kc5— 64 Kb7— c7 4t. e4— e5 Kc7— 67 Aus 41....... Kd8 folgt 42. 866 nebst event. Se4. 42. oö-eOf Kd7— c7 43. Sc4— 62 Kc7— b7 44. Sd2— b3 Kb7— a7 45. Sb3— c5 Le7— 68 46. ScS— 67 Ld8— e7 47. 867—«5! KM— b7 48. Se5— g6! h7Xg6 49. 15Xg6 Lo7— 13 50. c6-e7 LI8Xe7 51. g6— g7 Aufgegebeik. Wir ichen nicht, an welcher Stell« obiger Partie Schwarz einen Vorteil haben könnte und schließen bicrauS, daß die sogenannte„LaSkcr-Variante" im EvanSgambit mit Unrecht als die beste gilt. Wenn man dem Gambit etwas anhaben kann, so ist eS unsere» Erachtens höchstens mit 7..... Ld7 t (Sande, S-Alapin) möglich. .111? tUlfHUVUHl VIV v'" I» � �«V./ i I.JJ, WV». ai tw.\ wir 1 1 w v 1 antw. Stedakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwariti Bulptruckerei u.Verl»gtaunau>paui Singer öciäo..Berlm8VL.