Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 189. Mittwoch den 28. September. 1910 691 Der Sntglcirtc. p!aÄ,br't'cr6olcn-) Von Wilhelm H o l z a m e r. Er trat zu Wepler am Place Clichy ein und bestellte sich Sauerkraut mit Schinken. Jetzt könnte er an Melanie schreiben. Es war ihm, als sei er auf einen freundlichen Hügel getreten, von dem aus man über die Täler hinweg- blicken kann, die sich an seinem Fuße winden. Er ließ sich Papier und Tinte kommen. Aber er fand nicht Worte zum Schreiben. Es war eine Bewegung von Gefühlen in ihm, ein angenehmes Aufschwellen und Anwellen und Zerfließen, klar und deutlich und-fest in Worte packen konnte er sie jetzt nicht. Aber er hatte Feder und Tinte und Papier unter den Händen— er schrieb an die Mutter. Er schrieb' ihr einen langen, schönen, warmen Brief, erzählte ihr von den Wundern von Paris und bat sie, sich keine Sorgen zu machen feitet- wegen. Er habe zwar den allgemeinen Weg verlassen, aber er werde schon wieder zu einem guten Wege finden. Es sei ja alles Dummheit und Enge um ihn gewesen, ohne daß er es gemerkt hätte, und wenn nun auch vieles falsch an ihm werde und das Leben ihn mit allem möglichen belade, wie es ja jedem Menschen sein Teil aufbürde, er glaube doch, daß er zum Hellen gelange. Man könne ja die Helle dann erst richtig bewerten, wenn man das Finstere auch kenne. Als er den Brief überlas, dachte er zwar, daß ihn die Mutter nicht verstehen könne. Aber sie würde weinen und gerührt sein. Er wollte also den Brief doch absenden. Es ging schon gegen Mitternacht. Er trat in die unteren Räume des„Cyrano" ein und be- stellte einen Kaffee. Dann und wann wurde er begrüßt— eine Kleine vom Montmartre setzte sich neben ihn und ließ sich einen Kaffee von ihm bestellen. Dann klagte sie ihm, daß sie krank sei. Daß sie sehr an Kopfschmerzen leide und sich schwach fühle. Philipp fragte, ob sie satt zu essen habe. Sie bejahte es. Da sah er sie mit einem langen, prüfenden Blick an. Sie schlug die Augen nieder. „Seit wann?" fragte er. Jetzt verstand sie. „O nein," sagte sie—„das nicht— Gott sei Dank— Sie haben nicht richtig verstanden, Doktor. Ich bin nicht guter Hoffnung. Aber ich bin schwach. Aber das Leben— man muß doch leben!" Der Arzt in ihm war erweckt. Er mußte gegen den Menschenfreund in sich kämpfen. Aber er mußte nun mit seinem Gelde haushalten. Am liebsten hätte er ihr einige Francs gegeben und hätte sie heimgeschickt. Er fragte noch weiter, was für ihn als Arzt wichtig war. Dann riß er ein Blatt aus seinem Notizbuch, schnitt es schmal und schrieb ihr ein Rezept auf. Ob sie es auch machen lassen wolle? Ja, unbedingt, das wolle sie. Oben hatte die Musik begonnen, die Mädchen zogen sich alle nach den oberen Räumen. Weitere kamen. Herren in Frack und Zylinder folgten. Philipp blieb unten sitzen und bestellte sich einen ameri- kanischen Grog. Die Nacht rückte vor. Oben tanzte man. Die Kellner trugen Speisen zu, und der Weinkcllner füllte die Cham- pagnerkübel. Die Alff6rienne trat ein, ging die Treppe hinauf und sah sich nach keiner Seite um. Stolz und unnahbar war sie. Sie trug wieder ihr rotbraunes Cape und den roten Filzhut, der ohne Schmuck lvar und tief im Nacken saß. Philipp starrte ihr nach. Dann saß er und riß sich den Bart. Er meinte, die Decke über ihm miisse in Flammen stehen. Er sah nach der Uhr. Es war nun schon zwei Uhr vorbei. So spät kam sie immer. Er lauschte. Das war die Musik des Bauchtanzes. Da hielt es ihn nicht. Mechanisch stand er auf und ging die Treppe hinauf wie ein Schlafwandler. Es preßte ihm die Brust, und er konnte kaum atmen In der Türe blieb er stehen. Da stand schon die Blumenfrau. „Die schöne Alg�rienne wird tanzen," sagte sie einladend. Philipp blieb aber fest in der Türe stehen. Der Kapell- meister spielte die Geige süß und aufregend. Die Alg6rienne erhob sich nun von ihrem Platze und sah sich um. Es war ein unsäglich verachtender Blick, den sie umgehen ließ. Ihre weißen Zähne fletschten- ein wenig zwischen ihren roten Lippen hervor. In ihren Augen waren Funken. Und er war, als ob ihr blauschwarzes Haar knistern müsse von lauter kleinen, springenden Fünkchen. Der Wirt hatte unten seinen Gästen gesagt, was für ein Schauspiel oben zu sehen sei. Viele drängten herauf und setzten sich hier oben fest, wo ein Glas Bier einen Franc, statt fünfzig Centimes, kostete. Philipp hielt sich am Türpfosten fest und ließ die Eintretenden passieren. Die Algsrienne tanzte den Bauchtanz. Sie tanzte ihn so, daß er gar nichts Abstoßendes hatte. Er regte aber gerade deshalb ungeheuer auf. Man spürte förmlich den heißen Atein der Zuschauer im Raum. Es war wie ein Stöhnen und Pressen. Die Augen waren groß— in jedem Gesichte drückte der Mund Verlangen und Gier aus. Der Kapell- meister schlürfte die Töne förmlich ein, die seine Geige gab, denn jeder Ton ward eine verführerische, wollüstige BÄve» gung. Alle wilden Instinkte schienen in der Algenenne geweckt, das Temperament ihrer Rasse riß sie hin. Sie war wie eine Katze, geschmeidig und wild, ein unheimliches Raubtier. „Das ist Natur," stieß die Blumenfrau Philipp an. Er nickte nur. Als die Alg6rienne geendet hatte, brach ein lärmender Beifall mit Rufen, Händeklatschen, Klopfen und Tischrücken aus. Sie ließ noch einnial ihre verachtenden Augen umgehen. Dabei sah sie Philipp. Ihr Blick verweilte einen Moment lang auf ihm. Dann ging er weiter. Sie setzte sich und be- achtete niemand. Sie wurde nun umschwärmt. Aber das rührte sie nicht. Champagner wurde ihr geboten— sie trank, ohne den Spen- dern weitere Beachtung zu schenken. Der Oberkellner servierte ihr selbst ein kleines, leichtes Souper, Austern, Geflügel, Ge- müse, Käse und Obst. Sie sollte sich den Wein selbst aus- suchen. Sie bestellte einen Chablis, goß sich ein und ver- schenkte den Rest. Sie war nicht zu gewinnen. Man bat sie, noch einmal zu tanzen. Sie sagte nein und blieb dabei. Niemand begriff sie— alle reizte sie. Eines der Mädchen sagte:„Sie ist für Maxims." Eine andere bestätigte es. „Sie wird auch bei Maxims ankommen," meinte eine dritte. „Es fehlen ihr die Kostüme," bezweifelte eine weitere. „Pah, die kann sie leicht haben, sie darf nur wollen," wurde ihr entgegnet. „Aber das ist's ja gerade, daß sie nicht will. Sie will einfach nicht," sagte eine darauf. „Warum kommt sie denn hierher?" „Warum? Weil es ihr Spaß macht." „Es ist eine Rolle. Weiter nichts als eine Rolle." „Wir haben uns alle erst gesträubt, nicht wahr?" „Sie will lierrschen." „Nein, sie will bezwungen sein." „Es fehlt der Erste noch— nach dem Ersten folgt auch der Zweite. Das ist so." „Sie sollte sich engagieren lassen— sie könnte als Tänzerin ein Vermögen verdienen." „Wenn sie nicht ihre Launen hätte." „Sie ist eine Wilde." Das schwirrte an Philipp so vorbei. Er hörte scharf. „Sind Sie unten oder oben?" kam der Wirt fragend zu ihm heran. „Oben!" antwortete Philipp. Dabei wurde er rot. Er hörte eigentlich erst, was er gesagt hatte. „Bitte, so treten Sie ein, mein Herr," komplimentierte der Wirt. Da fiel Philipp das Wort Mirims ein. Es war ihm, er werde mit einer Nadel gestochen. Dann kam ihm ein plötzlicher Entschluß. Er wendete sich nach der Vluuumsrau um und suchte ihre schönsten Rosen aus. Sie verlangte viel zu viel dafür, aber das mar ihm einerlei. Tann ging er hin zur Algsrienne und bot sie ihr dar, linkisch, verlegen, stammelnd. Sie nahm sie an und satzte ihn fest ins Auge. Sie lächelte. „Setzen Sie sich hier her, bitte, und tausend Dank!" Philipp setzte sich neben sie hin. „Ahl" ging es durch den Raum. In allen löste sich das Erstaunen in einem lauten Ah. „Der deutsche Doktor!" Die Pariser, geschniegelt und gebügelt, lächelten. „Ter Erste!" sagte hinten eine rauhe Mädchenstimme. Die Alg�rienne war nun nicht mehr die Herrscherin, sie war die Beherrschte. Nun war sie allen gleich. Es schwirrte förmlich von anzüglichen Reden. Man war nicht diskret damit. Die Algerienne hörte sie alle. Sie saß ruhig und plauderte mit Philipp und roch in ihre Rosen. Ein Mädchen ging mit dem Teller herum—„für die Tänzerin". Die Algärienne ließ sie ruhig herankommen. Sie nahm den Inhalt in Empfang— ohne ihn weiter an- zusehen. Dann legte sie die Summe auf den Tisch und sagte mit ihrer tiefen, heiseren, samtenen Stimme:„Für die In- validen des„Cyrano"." Und dann zu Philipp:„Kommen Sie, Doktor!" Ehe man sich vom Erstaunen recht erholt hatte, waren die beiden weg. Im Hinausgehen fiel Philipp wieder das Wort Mirims ein. Er zuckte ein wenig zusammen. Aber er folgte. Er folgte widerstandslos. Sie fuhren in einer Droschke über den Montmartrefriedhof die Rue Caulaincourt hinauf. Philipp hatte dem Kutscher seine Adresse gesagt. 7 In einer kleinen Stube des Montmartre, hoch oben in der Rue Caulaincourt, brannte die Flamme einer rasend» wilden Leidenschaft, geschürt vom südlichen Temperamente, Trotz, Schmerz, Widerstand und der Ursprünglichkeit einer ungebändigten Natur, mit allen ihren Reizen und Ueber- raschungen, ihrem Unmittelbaren und Plötzlichen. Philipp suchte in der weiten Welt nach einem ruhigen Hasen, aber er fühlte sich immer wieder in den Sturm hinaus getrieben-, die Algörienn« aber war wie ein Vulkan und warf ihre Gluten in furchtbaren Ausbrüchen aus sich. Philipp litt und wollte fliehen. Es war ihm bang« vor dieser Leidenschaftlichkeit, aber sie zwang ihn immer wieder in ihren Bann. Und er fühlle sie wie Ruten. Er fühlte sie wie Raubtierpranken. Aber sie war so etwas Großes, Gewaltiges, Jähes und Starkes, daß er beständig das Erlebnis in ihr fühlte, das sie auslöste. Sie war ein Erlebnis— und er ergab sich. Er sah ein, hier müsse entweder etwas dauern, oder es müsse sich selbst aufzehren— von außen werde es nicht zu brechen sein. Er pflegte seine Leiden in ihr und klammerte sich an seine Leiden und Vorwürfe.— In Teutschland schritt sein Scheidungsprozeß weiter. Tie Mutter saß im Abendschein und las seine Briefe und sah über die Gärten hinaus zur Eulenmühle hin, wo alles so still war. Aber hatte sie in diesem Stillefein nicht immer um ihn gebangt— war nicht immer etwas Angst um ihn hier draußen lebendig geblieben? Hatte sie nicht doch zu hoch mit ihm hinausgewollt? Und hatte sie nicht doch— heimlich— ju viel an sich dabei gedacht? Nun hatte sie gar nichts von rhm, hatte nie etwas von ihm gehabt. Fern und fremd war er ihr gewesen. Jetzt aber verstand sie ihn gar nicht mehr. Was hatte er denn vor, wo hinaus lief sein Weg? Am Ende war er verloren. Die Welt ist so gefährlich. Sie hätte ihn hier bei sich behalten sollen, an ihrem Ziegeltisch. Man gehört da hin, wo man her gekommen ist. Das hängt einem fein Lebtag an, wo man hergekommen ist. Und sein Vater hatte auch keine Festigkeit in der Welt gehabt. Der Spengler Schlüssel, der seine Bücherschätze noch er- weitert hatte und nun einen Hauptteil seiner Zeit darauf verwandte, Bücherkataloge zu studieren und sich anzustreichen, was er noch kaufen müsse, war anderer Meinung. „Ich glaub immer noch, daß es nicht für nichts ist." sagte «r.„Die alt« Lisbeth, wenn sie noch leben tät, die tat sagen: Nichts ist für nichts. Abwarten!" Mehr konnte er aber auch nicht sagen, auf mehr ließ er sich nicht ein. Nur das noch fügte er dann und wann hinzu: „Siehst Du, Klar, wenn ich die Frau nit gehabt hätt, die mich mein Leben lang gequäkt hat, hätt ich mir manches nit angeeignet, was ich so jetzt weiß. Es wär mir am End »u gut gegangen mit einer anderen. Nun sie tot ist, kann ich sagen, daß es gut so war. Ich Hab das Schlechtgehen mit ihr notwendig gehabt." „Sei mir davon still!" fuhr die Klar auf,„man hat das Schlechtgehen niemals nit notwendig. Jeder braucht das Gutgehen. Ich pfeif Dir drauf. Für die paar Tag, die man lebt." „Wie Du willst. Klar. Jeder wie er's selbst will und meint." (Fortsetzung folgt.), Theobalds Großvater. «Schluß.) IV. Die radikale„Urwählerzeiwng" hat 1352 witzig treffend die Partei Bethmarin Hollwegs mit den Meilengeigern an den alten Wegen verglichen, auf denen niemand mehr geht. Die heftige und leidenschaftliche Opposition, in die der ehemalige Bundesgenosse der Feudal-Neaktionäre geriet, war in der Tat nur das Erzeugnis einer anderen gelehrten reaktionären Dia rotte. Die persönliche Heftigkeit Les Tones, in dem die Auseinandersetzungen der alten Freunde vor sich gingen, die wüsten gegenseitigen Beschimpfungen, die Verfolgungen des„Preußischen Wochenblattes", das sehr häufig konfisziert und desien Redakteur gelegentlich eingesperrt wurde, können nicht über den kaum weniger reaktionären Geist der Partei Bethmann Hollweg täuschen. Der Unterschied der Gerlach-Bismarck- schen Kamarilla und der Partei Bethmann Hollwog lag wesentlich darin, daß diese sich durch das erzielte Maß der konterrevolutionären Staatsstreiche gesättigt fühlte, während jene auch die letzten Er» rungenschasten der Revolution wieder vernichten wollte, bis zur Wiedereinführung der gutsherrlichcn Gerichtsbarkeit und Steuer» freiheit. Die Reaktion des preußischen Junkertums zielt« auf die ständische unumschränkte Herrschaft der Rittergüter ab, deren bloßes Instrument der Monarch sein sollte. Dagegen war Bethmann Holl» weg bemüht, die Macht der Krone und deren Bureaukratie zu stärken. Es ist der Gegensatz der Reaktion westlich und östlich der Elbe. Die konservatw-monarchische StaatSau ffaflung Bethmanns, welche die ständische Gliederung dem Staatsganzen unterwerfen wollte, geriet in Widerspruch zu jenem märkisch-preußischen Junker» tum, das im tiefsten Grunde unfähig und unlustig zur ÄaatS» bildung ist. Das Wesen des Junkertums wurzelt in der Anarchie der in sich abgesonderten ländlichen Häuptlingschaften, der gutS» bezirklichen Privatsultanate. Daher die mangelnde Fähigkeit, fremde Volksteile aufzunehmen. Nur niederschlagen, nicht ver- söhnen, ist seine Politik. So wurden unter der Junkerherrschaft die polnischen Gebiete immer mehr polonisiert, die Dänen der preußischen Nordmark zu immer stärkeren Sympathien für Däne- mark getrieben, und im Elsaß wird heute mehr französisch ge- sprochen als unter französischer Herrschaft. Aber, nicht nur die fremdsprachlichen Elemente werden zurück- gestoßen: die Junkerpolitik ist der Todfeind jeder überlegenen Kul» tur. Heute ist es der mehr demokratische Süden, der mit hinter» pommerschen Bajonetten bedroht wird. Bis zur Reichsgründung, der das Junkertum bis zum letzten Augenblick mißtrauisch wider» strebte, galten ihm als das echte Preußen nur die alten preußischen Provinzen östlich der Elbe. Die Gerlachs, die eigentlichen Irren- wärter König Friedrich Wilhelms IV., verlangten, daß innerhalb des preußischen Staates diese alten Provinzen als„herrschende Klasse" anzuerkennen seien. Rheinland und Westfalen wurden als „eroberte" Provinzen bezeichnet, die nur durch die Furcht vor der preußischen Militärmacht an der Treue festgehalten werden könnten. Bon den„Rheinländern und Ausländern" sprachen die Männer der Kreuzzeitung, wenn sie mit der Partei Bethmann HollwegS polemisierten. Der deutsche Bund war den Ratgebern Friedrich Wilhelms IV. nur eine preußische Polizeiorganisation zur Rieder- schlagung der revolutionären Bewegung. Seit der Einsetzung des ..Reaktionsausschusses" im Sommer 1851 leistete ja auch der deutsche Bund unter Preußens Diktatur nichts anderes, als die„von der demokratischen Epidemie ergriffenen Staaten" wieder für den Abso- lutismus zurückzuerobern: so wurde durch Bundesexekution z. B. die hannoversche Revolutionsverfassung wieder zertrümmert. Bon dieser Leistung der deutschen Einheit abgesehen, die auch das Junkertum billigte, fühlten sich die Ostelbier viel mehr al» Provinz Rußlands, denn als Staat Deutschlands.„Noch steht Sewastopol," schrieb Ludwig v. Gerlach, der Rundschauer der Kreuzzeitung, Ostern 1856,„das Bollwerk der Macht und Ehre Rußlands und das Boll- werk des Gleichgewichts, des'Rechts und der Freiheit Europas, und vorzüglich des Rechts und der Freiheit Deutschlands und Preußens." Und er dankte den tapferen Verteidigern von Sewastopol,„daß sie in ihren Schlachten auch unsere Schlachten schlagen, daß sie ihr und unser Recht, ihre und unsere Freiheit behaupten!" Die Freiheit von der Freiheit nämlichl Der gleiche Gedanke wurde noch im russisch. japanischen Kriege, wie erinnerlich, von Berlin nach Petersburg telegraphiert. Das war der eine Gegensatz Bethmann HollwegS zu der Hof» Partei; als Frankurter gehörte er selbst zu den„Rheinländern und Ausländern", die unter dem Einfluß der industriell-kapitalistischen EntWickelung des Westens der reinen Rittergutspolitik des Ostens feibetftreBfen. Aber gegen diese..ungesunde" Reaktion wußte Beth- mann Hollweg nichts anderes ins Feld zu führen als ethische Sal- badereien über das historische Recht, als Predigten über die ,,indi- diduellen Ehren und Schönheiten", womit er die deutschen Einzel- staaten meinte, die der schönste Schmuck und die Lebensbedingungen des deutschen Vaterlandes seien. Schon 1848 hatte er sich gegen das preußische Erbkaisertum aufgelehnt, dessen Annahme ihm nur ein Beweis gewesen wäre,„daß aller Kern von Gesinnung und Ehre" aus Preußen gewichen sei. Solche deutsche Einheit hieß ihm,„mit all unserer Schwäche in den Pfuhl des undeutschen Demokratismus verfinken". In seinem Kampfe für das Dreiklassenwahlrecht hat Theobald zwei Menschenalter später solche Grotzvatersätze kindisch nachgeleiert. Als Jurist hatte Bethmann Hollweg zwar durchaus keine Be- denken gegen die Rechtsbrüche der Staatsstreichverfassung, aber er nahm diese selbst nun als historisches Recht hin, das man nicht mehr umstürzen dürfe. Damit geriet er abermals in Widerspruch zu der Kamarilla, der die Verfassung nur ein leerer papierner Wisch war und die das leidenschaftlichste Begehren des Königs hätschelte, der bis zu den letzten Tagen seines Wahnsinns immer wieder daran dachte, die Verfassung durch einen königlichen Freibrief aufzuheben. durch den die ständische Steuerbewilligung wieder hergestellt werden sollte; Friedrich Wilhelm IV. hat ja auch seinen Nachfolger beim Antritt der Regentschaft beschworen, nicht den Eid auf die Ver- fassung zu leisten. Aber nur gegen diese formale Beseitigung der Verfassung richtete sich Bethmann, nicht gegen ihre innerliche Aus- Höhlung. Für die Kamarilla war die Verfassung ein wertloses Stück Papier, das man beliebig zerreißen und außer Kraft setzen könne; für den Juristen Bethmann war es ein ehrwürdiges Rechtsdoku- ment, das man nicht antasten dürfe, um so eher aber umdeuten könne, sofern ihre Bestimmungen unbequem wurden. Das war der ganze Unterschied. In der Praxis ergab die verschiedene Phraseo- logie die gleiche Wirkung. Bethmanns Enkel regiert ganz wie sein Großvater u n d die Kamarilla. Er lebt m i t der Verfassung ohne und gegen fiel Entscheidend war nur e i n Gegensatz zwischen Bethmann Hollweg und dem Junkertum, und er trat in den Erörterungen über die Zusammensetzung der Ersten Kammer Preußens hervor. Ur- spünglich, nach der Verfassungsurkunde, sollte mindestens die Hälfte der Mitglieder gewählt werden, und zwar im wesentlichen von den Rittergutsbefitzern. Das war die völlige Beherrschung des Staates und des Königs durch den ostelbischen Adel. Dagegen lehnte sich Friedrich Wilhelm IV. auf, und dieser Anspruch entfremdete ihn zeitweilig der Kamarilla und näherte ihn der Partei Bethmann Hollweg, die für die Stärkung der königlichen Gewalt eintrat. Fried- rich Wilhelm IV. und Bethmann Hollweg erreichten zwar nicht, daß alle Mitglieder der Kammer vom Könige berufen würden, aber in dem Kompromiß, das schließlich zustande kam, wurde doch der könig- liche Schein gewahrt: der König erhielt formell ein nahezu unum- schränktes Berufungsrecht, die Geschichte des Herrenhauses aber lehrt, daß es in Wirklichkeit ein gesetzgebendes Majorat des ostelbi- schen Kleinadels ist. Bethmann Hollweg scheiterte als Führer der Opposition mit all seinen Absichten, die im Grunde nur Einwendungen und Er- wägungen eines Professors waren Er trat vom Schauplatz ab. Ebensowenig gelang es ihm später, mit seinen dozierenden Gebärden eines gemäßigten Konservatismus den Konflikt der Liberalen mit der Reaktionspolitik der neuen Aera zu beschwören. Sein Enkel versucht mit seiner Sammelpolitik das gleiche Spiel bei der ge- waltigen Auseinandersetzung der sozialistischen Demokratie mit dem preußschen Absolutismus der Krone, der Kirche und der Junker. Auch er weiß nichts aufzubieten, als einen matten Aufguß groß- väterlicher Kathederweisheiten, nur daß er seine Politik jetzt nicht mehr als die der gefunden Reaktion tauft— die Revolution ist ja schon so lange vorder!—, sondern sich gegen den Aberglauben wen- det,„daß irgendetwas einer geistigen oder wirtschaftlichen Reaktion ähnliches im Werke sei". Bei der Familie Bethmann ist überhaupt niemals irgendetwas im Werke, und deshalb wird auch Theobald, wenn der ernste Zusammenstoß kommt, fern von der wimmelnden Straße der Großstadt einsam an dem Meilenstein einer einge- schlafenen Chaussee über den ererbten großväterlichen Gedanken tiefsinnig grübeln. V. Der alte Bethmann hat seine schwärmenden Bewunderer ge- funden, auch in der Gegenwart Sein Biograph Wach nennt ihn einen Christen, eine in Gott gegründete Natur, voll Demut und Be- scheidenheit, voll unerschütterlicher Wahrhaftigkeit, voll inniger Liebe für seine Mitmenschen, frei von aller konfessionell dogmatischen Enge.„Parteimann im eigentlichen Sinne war er nie und konnte es nicht sein, weil ihm immer nur an der Sache, nicht an Doktrinen, noch an den Interessen bestimmter Gesellschaftsgruppen gelegen war. Er war konservativ im besten Sinne des Wortes, d. h. er stand selsenfest im Glauben an ein ewiges Ziel, an ein ewiges Heil, an ewig unverlierbare Güte und Pflichten der Menschheit. Er war zugleich liberal im besten Sinne, da er, allen Standesvorurteilen, aller Jnteressenpolitik fern, nur einen Rechtszustand erstrebte, welcher, ohne die Individualität vor das Allgemeine zu stellen, doch die Entfaltung der sittlichen und wirtschaftlichen Kräfte des Volkes darbieten sollte. Daher verabscheute er.die Reaktion. Daher war er nicht ein Gegner einer konstitutionellen Verfassung, sondern der Demokratie und eines seichten Liberalismus, welcher in Gleich- macherek, Ueherschätz'ullg der Individualität und Abschwächung der Staatsgewalt das Heil suchte." Ungefähr auf die gleiche Weise begeistern sich heute Professoren wie Lamprecht und Breyssig für Theobald und preisen das uner- hörte Glück, das mit dessen Kanzlerschaft dem deutschen Volke in den Schoß gefallen sei. Aber nach fünfzig Jahren wird für Theobald! sich kein Professor mehr finden, der für ihn mehr Sätze übrig hätte als den einen: Theobald, weiland deutscher Reichskanzler, Moritz Augusts Enkel und Plagiator. ISaturwlffenrcbaftUcbc Ckberficbt. (Brutpflege bei Fischen.) � Von Dr. T h e s i n g. Jeder hat wohl schon dem kunstvollen Neflerbau der Schwalben einmal zugesehen und sich daran gefreut, mit welcher Sorgfalt die Schwalbeneitern ihre Jungen füttern, wie ängstlich sie ihr Nest be- hüten, und mit welchem Mute sie es trotz ihrer schwachen Kräfte gegebenen Falles verteidigen. Man sollte denken, daß eine so stark ausgeprägte Elternliebe, die offenbar erhebliche psychische Quali- täten voraussetzt, nur bei den höchsten Vertretern des Tier- geschlechts, bei Vögeln und Säugetieren, sich findet. In einem viel nüchterem Lichte wird man diese elterliche Anhänglichkeit be- trachten müssen, wenn man sieht, daß sich auch bei sehr viel tiefer- stehenden Tierarten eine ganz gleiche zärtliche Fürsorge für die Nachkommenschast äußert. Auch dem naiven Beobachter wird es schon viel schwerer, das eigene Tun und Denken, die gleichen Mo- twe, die uns bewegen, in den Handlungen der sonst so stumpfsinnig erscheinenden Fische wiederzufinden. Und doch äußert sich bei ihnen die Sorge um ihre Jungen häufig in ganz gleicher Gestalt wie bei den höchsten Tieren. Wie weit man allerdings ihrem Tun Bewußtsein zuschreiben mutz, ist eine andere noch offene Frage. Bereits der griechische Naturforscher Aristoteles(f 322 v. Chr.) berichtete von einem Fiich, der für seine Jungen sorgt, während sich die meisten Fische bekanntlich nach der Eiablage in keiner Weise um ihre Brut kümmern. Dieser Fisch gehört zu der Familie der Welse, und Aristoteles beschreibt ihn unter dem Namen G l a n i s. Wenn die Laichzeit herannaht, suchen die Tiere in Seen oder Flüssen stille Plätze auf, die Weibchen legen hier zwischen dem Schilf ihre Eier ab, über die das danebenschwimmende Männchen dann sofort seinen Samen ausspritzt. Das Weibchen schwimmt un« mittelbar nach der Eiablage fort, seine Arbeit ist getan, während das Männchen über dem ferneren Gedeihen der Eier wacht. Eifrig wehrt es fremde Eindringlinge ab, indem es mit seinen Flossen „rauscht und lärmt und winselt". Dieser Wachtdienst dauert etwa 40 bis ö<) Tage, dann sind die jungen Fische erwachsen genug, um' allein ihren Feinden zu entwischen. Die neueren Forscher begeg- neten lange Zeit diesen Angaben des Aristoteles mit dem größten Skeptizismus, erst gegen Ende des lg. Jahrhunderts haben einige amerikanffche Naturforscher die Richtigkeit seiner Beobachtungen glänzend hestätigt. Heute kennen wir nun bereits eine große Anzahl Brutpflege übender Fische. Die meisten verhalten sich sehr ähnlich wie der Glanis des Aristoteles, d. h. sie begnügen sich, einen geeig- neten Laichplatz aufzusuchen und eine Zeitlang die sich entwickelnden Eier und jungen Fischchen zu überwachen. Merkwürdigerweise liegt dabei die Sorge für die Nachkommenschaft in der Regel dem Männchen ob. Einen höheren Grad der Brutpslege zeigen die nesterbauenden Fische. Unter diesen sind die Stichlinge, sowohl unser gewöhn- licher Süßwasserstich ling wie der Secstichling, die interessantesten und bekanntesten. Das Männchen prangt während der Laichzeit in den prachtvollsten Farben und errichtet ein Nest, das der Baukunst eines Vogels zur Ehre gereichen würde. Seine Nieren find zw dieser Zeit stark angeschwollen. In diesem Organ wird nämlich das zum Nesterbau nötige Klebmaterial bereitet, das dann durch die Harnleiter ausgeschieden wird. So wie der Klebstoff in das Waffer austritt, erstarrt er zu einem feinen Faden, der leicht an jedem Gegenstande hastet. Hat sich das Männchen für einen Laich» platz entschieden, dann schleppt es alle nur möglichen Baumate» rialien, Wurzeln und andere Pflanzenteile, oft länger als eS selbst, herbei und verflicht sie zu einem röhrenförmigen Nest, das durch den NierenKebstoff eine bedeutende Festigkeit erhält. Mehrere Tage ist der kleine Fisch eist ig am Werk, glättet hier und da die Wandung, verstärkt sie, wo er es für nötig hält, erst wenn alles zu seiner Zufriedenheit ausgefallen ist, begibt er sich auf die Such« nach einer Gefährtin. Da die Männchen die Weibchen an Zahl überwiegen, entbrennt gewöhnlich um die Erwählte ein heftiger Kampf. Der Sieger nötigt die erkämpfte Gattin mit Liebe, wenn nötig auch mit Gewalt in sein Rest, und das Weibchen legt hier dann einige Eier ab. Am folgenden Tage geht das Männchen vou neuem auf Brautschau, und dieses wiederholt sich so lange, bis eS eine genügende Anzahl Eier beisammen hat. Nun verdoppelt der Stichling seine Sorgfalt, jeder Feind wird mit drohend aufgerich- teten Stacheln angefallen und vertrieben. Von Zeit zu Zeit schwimmt das Männchen an das Nest heran und fächelt mit seinen Brustflossen den Eiern frisches, sauerswfsreiches Wasser zu. Während des Ausschlüpsens der Jungen„lüftet" der Vater noch öfters sein Nest und reinigt die Eier von allem anhaftenden Sand oder Schlainm. Die ausgeschlüpften Jungen sind winzig klein und fast ganz durchsichtig. Anfangs sind sie in ihrer Bewegungsfreiheit sehr beschränkt, beim der Vater wacht sorglich, daß keines sich zu weit entfernt. Ist ein kleiner Fisch vorwitzig genug, auf eigene Faust auszureißen, so bringt ihn der Vater im Maul sofort wieder zurück. L» drei bis vier Wochen werden die jungen Stichlinge selbständig rinb damit verschwindet die väterliche Zuneigung, ja sie tun gut, sich nicht mehr in seiner Nähe zu zeigen, da sie sonst Gefahr laufen, aufgefressen zu werden. In der Methode des Nestbaues weisen die einzelnen Fischord- nungen große Verschiedenheiten auf. Der Schlammfisch A m i a calva wählt zum Laichen stille mit Wasserpflanzen reich be- tvachsene Buchten. Das Männchen, dem auch hier wieder die ganze Arbeit zu�tllt, reinigt sorgfältig eine schüsselartige Vertiefung von ein bis drei Fuß Durchmesser von allen gröberen Unebenheiten; größere Kiesel werden im Maule toeggetragen, Sand und Schlamiin mittels der Brustflossen aus dem Neste gekehrt. Ist das Nest fertig- gestellt, so sucht der Schlammfisch ein Weibchen auf und lockt sie in sein Nest zur Eiablage. Auch in diesem Falle werden die Jungen »wch eine Zeitlang von dem Vater sorgsam bewacht. Eine eigenartige Methode des Nestbaues findet man bei dem indischen Regenbogenfisch. Gleich dem Stichling legen auch die «männlichen Regenbogenfische in der Paarungszeit ein farbenpräch- tiges Hochzeitskleid an und führen vor dem Weibchen richtige Liebesspiele auf. Sie umschwimmen es, spreizen ihre Flossen, be- tosten und berühren das Weibchen mit ihren langen Faden- anhängen, bis es, durch diese Liebkosungen aufgeregt, entweder die Flucht ergreift oder sich an dem Liebesspiel beteillgt. Nun beginnt das Männchen die Vorbereitungen zum Nestbau. Mit seinem Maule reißt es Pflanzenstengel ab und befestigt an ihnen zahl- reiche Luftblasen, die es aus seinem Maule ausstößt, bis die Stengel frei im Wasser schweben. So werden nach und nach zahlreiche Pflanzenteile zu einem schwimmenden Neste zusammengefügt. Dann folgt der feinere Ausbau, das Glätten der Wände usf. Nach dem Laichen schwimmt der Fisch vor dem Nest umher, bewacht es auf- merksam und bessert noch ständig an ihm herum. Nach etwa siebzig Stunden trägt der Fisch Dach und Boden seines Nestes ab, so daß die inzwischen ausgeschlüpften Fungen nur noch von einem Pflanzenring umgeben sind. Reißt eines einmal in vertikaler Richtung aus, so wird es von dem Alten sofort im Maule wieder in den schützenden Ring getragen. Nach weiteren 8— 10 Tagen beweist das häufigere Auskommen seiner Brut dem Bater, daß seine Sorgen ein Ende nehmen können, daß die Jungen„flügge" ge- worden sind. Bei verschiedenen anderen Fischarten nehmen die Männchen die Eier in Mund und Kiemenhöhle auf. Hier verweilen sie so lange, bis die junge Brut ausgeschlüpft ist und für sich selbst sorgen kann. Während des Aufenthaltes im Maule werden die Eier und später die jungen Embryonen in kurzen Pausen durch Betvegen des Maules umgewendet, daß die hinton gelegenen nach vorne gelangen. Haben die jungen Fischchen eine gewisse Größe erlangt, so werden sie aus ihrem Gefängnis entlassen; aber schon nach kurzer Zeit sammeln sie sich vor dem Maule des Vaters an, werden nachcii«. ander wieder aufgeschnappt, um nach einigen Stunden von neuem ausgespuckt zu werden. Einige Forscher behaupten, daß sogar größere Junge im Falle der Gefahr von dem Vater noch ins Maul genommen werden, wie etwa eine Henne ihre Küchlein vor dem Habicht unter den Flügeln verbirgt. Bisweilen soll es freilich auch geschehen, daß nicht alle Jungen wieder zum Vorschein kommen, dann hat der Hunger über die elterliche Liebe gesiegt. Eine noch spezialifiertere Brutpflege übt eine südamerikanische Welsart, Aspreäo laevis, aus. Ausnahmsweise übernimmt bei diesen Tieren die Mutter die Pflege. Nach Ablage und Befruch- tung der Eier preßt sie sie nämlich fest gegen ihre Brust und ihren Bauch, bis sie feslhaften. Infolge des Reizes wachsen aus der Wauchhaut kleine Stiele hervor, die gleich einem Kelch die Eier um- schließen. In den Stiel dringen Blutgefäße ein, die den Eiern Nahrung zuführen. Sobald die Embryonen ausgeschlüpft find, bildet sich die Bauchhaut wieder zurück. Ganz ähnlich verläuft das Brutgeschäft bei dem bekannten See- .pferdchen, nur daß hier die Männchen„trächtig" werden. Die Eier entwickeln sich in einer sackförmigen Erweiterung der Bauchhaut und die Jungen treten durch einen Spalt heraus. Wie es unter den Vögeln den Kuckuck gibt, so kommt auch unter den Fischen eine Art, der gonieine Bitterling, vor, die die Sorge um ihre Jungen anderen überläßt. Zur Laichzeit entwickelt sich bei dem weiblichen Bitterling eine lange, dem Legstachel der Insekten vergleichbare Legeröhre. Mit ihrer Hilfe schiebt das Tierchen seine Eier in das Innere der Maler- oder Teichmuschel, zwischen deren Kiemen sich die jungen Fischchen endivickeln. kleines Feuilleton. Verkehrswesen. Ein Tunnel durcki den Montblanc. Von der französi- scheu und italienischen Regierung sind Delegierte ernannt, die die Frage der Durchbohning des Montblanc gründlich prüfen sollen; nachdem sie kürzlich in Rom zum ersten Male zusaniinengelreien waren, sollen noch im Laufe des Herbstes lveitere Beratungen statt- finden. Der Gedanke, einen Tunnel durch den Montblanc zu bauen. erscheint, so fllbrt eine französische Zeitschrift dazu aus, besonders kühn, wenn man an die Höhe des Bergriesen und die gewaltige» Gletscher, die ihn bedecken, denkt. In Wirklichkeit würde indessen die Ausführung eines solchen Tunnels keine besonderen technischen Schwierigkeircn bieten, jedenfalls keine größeren, als ein Tunnel durch den St. Gotthard und der Moni Cenis. Der Moni» blanc- Tunnel wird nämlich nicht, wie man anzunehmen geneigt ist, der längste in Europa sein, da das Massiv des Montblanc, das sich so hoch emporlürmt, verhältnismäßig ichmal ist. Der Tunnel, der die französische Seite mit der italie- nischen verbinden würde, hätte nur eine Länge von 12'/, Kilometer, während der St. Gotthard-Tunnel etwa 14 und der Simplon-Tunnel sogar 2O Kilometer mißt. Während man vor einigen Jahren den Tunnels, die durch die Basis der Berge führen, durchaus den Vor» zug gab, da auf diese Weise die hohen Steigungen für die Züge vermieden werden, neigt man heule doch wieder eher dazu, die Tunnels mebr in der Höhe durchzuführen, da die Arbeiten beim Bau des Simplou-Tuunels die besonderen, durch die Vodenbeschaffen» heit hervorgerufenen Schwierigkeiten bei einer Durchbohrung am Fuße des Berges haben erkennen lassen. Wäbrend der Simplon-Tunnel nur 700 Meter hoch liegt, soll der Montblanc» Tunnel in Frankreich in 1170 Meter Höhe bei Taconnaz in der Rühe von Chamonix beginnen und aus der italienischen Seite in etwas größerer Höhe bei Entre-vernes in der Nähe von Courmayeur enden. Ueberraschungen sind auf dieser Strecke nicht zu befürchten, da das ganze Massiv aus festen Gesteinsmassen besteht. Die Moni« blanc-Linie würde Hochsavoyen mit dem Tal von Aosta verbinden z ein direkter Sasieneuweg zwischen Mailand, Genua und Öbcritalien und Savohen und Gens und damit eine außerocdenlliche Annäherung der beiden Länder wäre gewonnen. Auch ein Ausschwung der Touristik in dieser Gegend dürfte die Folge sein. Hauswirtschaft. Honig als Heil- und Nahrungsmittel. Die nährende Kraft des Bienenhonigs kann gar nicht hoch genug ge» schätzt werden. Er ist ein Lebensmittel, wie man kein zweites hat, was Leichtverdaulichkeit, Nährstoff und Wohlgeschmack anbelangt. Der Honig geht unmittelbar, ohne Rückstände zu hinterlassen, in daS Blut über, dient zur Erwärmung des Körpers und zur EntWickelung lebendiger Kraft und ist somit einer der ausgezeichnetsten Nähr« stoffe, die wir kennen. Aber noch größer als für Ge- sunde ist die Bedeutung des Honigs für Kranke wegen seiner erweichenden, schmerzstillenden, Brust und Lungen be» lebenden und die Verdauung befördernden Wirkung. In der Mundhöhle, im Rachen, im Halse und Magen tritt er als Anti» septikum auf, weil die in ihm vorhandene Ameisensäure die Bakterie» vcruichtet. Dadurch erweist er sich sehr heiliam gegen HalSdräune, Schnupfen. Diphlheritis: er erweicht die verhärteten Schleimhäute und bekämpft Husten und Katarrhe. Auch bei Lungenschwindsucht ist er von großer Wichtigkeit, weil diese in der Regel mit der Ab» magerung Hand in Hand geht. Auch gegen Schlaflosigkeit bildet er ein wirksames Heilmittel. Personen, die daran leiden, sollten nicht versäumen, allabendlich vor dem Zubettgehen einen guten Eßlöffel Honig zu sich zu nehmen. Auch bei der Zubereitung von Speisen kann der Honig reichlich Verwendung finden. Er ersetzt fast überall die Stelle des Zuckers, und es lassen sich mit ihm verschiedene Kucken backen und Früchte konservieren. Sehr delikates Kompott erhält man, wenn man das Obst, nachdem es gekocht hat, mit Honig be- gießt und dann ziehen läßt. Auf diese Art schmecken die Früchte besonders gut und haben den Vorteil, noch bedeutend nahrhafter zu sein, als wenn man sie mit Zucker einkocht. Auch kleinen Kindern, die ja gewöhnlich öfter einmal nach Süßigkeiten verlangen, sollte man ruhig hin und wieder einen Löffel Honig statt aller anderen Näschereien geben. Der menschliche Organismus braucht zur Er» Haltung Zucker. Dieser Nährstoff ist im Honig am reinsten cnt» halten. Der Name„Honig" ist nun leider allerdings in letzten Jahr« zehnten nicht mehr die bestimmte Bezeichnung für ein Naturprodukt, sondern dient als Deckmantel für verschiedene andere minderwertige Produkte. Darum ist beim Einkauf von Honig große Vorsicht geboten. Da gibt e? Tafclhonig, Alpenhonig. Fenchelhonig. Traubenbrusthonig, Rosenhonig und wie sonst alle diese Fabrikale heißen, die nur zu oft den ahimngSlosen Käufern als„Das Beste" verkauft werden. Man lasse sich daher nicht durch diese schönen Namen betören, sondern ver- lange kategorisch garantiert reinen Bienenhonig. Manche Hausfrau hat aber häufig auch reinen Bienenhonig zurückgewiesen mit dem Bemerken:„Das ist verfälschter, der ist mir zu dunkell" Dies ist mitunter ein Irrtum. Die Farbe des Bienenhonigs fällt ganz ver» schieden aus; es gibt weißen Honig und es gibr beinahe braunen Honig. Der hellste Honig kommt von den Frühlingspflanzen, wie Raps, Ahorn, Linde und dem Klee; der Herbsthonig ist ganz erheblich dunkler. Die Farbe deS Honigs braucht also niemanden stutzig zu machen. Wer aber ganz sicher gehen will. der kauft wohl am besten den Wabenhonig. Die frische, weiße Honigwabe, deren Zellen mit Honig gefüllt sind, kann unmöglich verfälscht werden. Daher ist— der leider teure— Wabenhonig beim Kauf in allererster Linie zu empfehlen. Aber auch Schleuder» Honig ist reckt gut. Er ist ebenfalls rein und unverfälscbt und wird durch die sogenannte Schlendermaschine mittels Zentrifugalkraft aus de» Zellen herausgeschleudert. In Milch, Kaffee oder Tee genoffen, kann er auch vom schwächsten Magen vertragen werden._ Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Borw«r:tBuch«ru u.Bert»>«anilattPaur«mger alEo.,iverUnLlV.