Ilnterhaltmgsblatt des'Vorwärts Nr. 190. Donnerstag� den 29. September. 1910 eoz Der Entgleiste. (Nachdr. verboten.) Von Wilhelm Holzamer. Es war kein Mensch in der Welt, der ihr jetzt beistehen konnte. Nur die Arbeit. Die ganz allein. Es ging nicht mehr so wie früher, aber es ging noch. Sie schlug alle Aengste und Zweifel tot. Nun hxiren die Hügel kahl, die Trauben gekeltert, und der Wein duftete schon aus den 5Zellern— nun kam der Winter reistend schnell. Aber da hinten, war noch ein heller Giebel, und der sah noch freundlich und sommerlich herüber — der blickte sie mit guten Augen an— hatte er nicht einmal böse gehabt?— und sah zu ihr mit seinen Blicken aus schönen, langen schönen Zeiten, da ihr Philipp noch jung ge- Wesen. Da sie die kleinen, die vielen kleinen Sorgen um ihn gehabt hatte, wie jetzt die großen. Aber war das nicht auch etwas, so Sorgen um jemand gehabt zu haben— und noch zu haben? Was hätte sie denn von der Welt,»Denn sie das nicht hätte? Und was hätte sie von ihr gehabt? Das hatte ihr Leben getrieben, wie das Wasser das Mühlrad. Und wir sind ja alle nur Mühlen— alle. Nur mahlen wir nicht alle dasselbe Korn. Tut nichts. Wenn nur gemahlen wird. Sie legte seine Briefe zusammen und verschloß sie in die Kommode.— Im Wirbel rasten Philipp die Tage hin, sie waren wie Seifenblasen, die in der Luft verwehen, und waren wie Segel, die der Sturm in die Wellen zwingt, daß sie sich nicht mehr erheben können. Die Algärienne sang mit ihrer sammetheiserm Raubtier- stimme, und er wiederholte immer:„Sing noch einmal, kleine Algsrienne!" Und sie sang ein Tanzliedchen ihrer Heimat und wiegte ihren geschmeidigen Körper in verführerischen Be- wegungen dazu. Und es war wie Tausend und eine Nacht— es war Wüste und Palmen— es war die Sonne und das Meer— und es waren die Wunder des gestirnten Himmels und die verführerischen Oasen in der UnHeimlichkeit der Wüstennacht. „Mein Geld geht zu Ende," sagte Philipp einmal. „Pah— ich tanze—" und sie fletschte die Zähne—«ich werde tanzen, und wir werden Geld haben." Er bat sie, das nie zu tun. Er beschwor sie, nie wieder in den„Cyrano" zu gehen und zu tanzen. Sie begriff ihn nicht. Er werde alles tun, Geld herbeizuschaffen— alles, was sie nur wolle— aber sie dürfe nicht in den„Cyrano" gehen und tanzen. Sie dürfe nur vor ihm tanzen. Oder wenn es K u n st sei. Wenn es wirklich für die Kunst sei. Er schlug ihr vor, sich in der Großen Oper zu bewerben. „Pah," sagte sie,„in so einem Stall! Auf Kommando und nach Vorschriften. Niemals, niemals." Aber er ließ nicht nach. „Ich liebe die Freiheit." Damit schnitt sie alles ab. Und Philipp begriff nur zu gut, daß dieses Raubtier die Freiheit liebte. Sie mußte sie lieben; denn nur durch die Freiheit konnte sie bleiben, was sie war. � Philipp suchte nach einem Geldverdienst. Bei einem Apotheker fragte er um Rat, ob er nicht eine ärztliche Praxis eröffnen könne. Große Aussichten machte ihm der Mann nicht. Das komme nicht billig, meinte er. Ein entsprechendes Logis entsprechend ausgestattet, dann Verbindungen und Empfehlungen, ein Kapital, um abwarten zu können. Ueber- dies liebten die Franzosen die lateinischen Rezepte nicht. Der Patient wolle genau und ausführlich lesen können, was ihm gegeben»verde und wozu es ihm gegeben werde. Dazu konnte sich Philipp nun gar nicht verstehen. Und dazu reichte ja auch sein Französisch nicht aus. Er ging in die verschiedenen Spitäler urld fragte nach. Alle Stellen»varen besetzt, und es waren schon so viele Leute vorgemerkt! In Sainte-Anne»väre man»nöglicherweise be- reit getvesen, ihn in der Jnncnabteilung als Volontär zu be- schäftigen. Das half ihm aber für den Augenblick nicht. Der Vorsicht halber ließ er sich von dem leitenden Arzt die Adresse geben, damit er bei Gelegenheit darauf zurückkommen könne. Die Algörienne nahm's nicht schtver. Für Kleider hatte sie zunächst noch keinen ansvruchsvollen Sinn, sie liebte Rot, und wenn sie sich nur in Rot kleiden konnte, alles andere, ob kostbar oder nicht, war ihr gleich. Und Zigaretten mußte sie rauchen. Da sie den billigsten und schärfsten Tabak rauchen konnte und die Zigaretten selber drehte, war das keine große Ausgabe. Ob er nicht Berichte aus Paris für deutsche Zeitungen schreiben könnte, dachte Philipp. Wenn er sich die Leute an« sah, die es taten, tvarum sollte er's nicht können? Sie waren ihm nur im Handlverksmäßigen überlegen. Das»var aller« dings so unwichtig nicht. Freilich auch an Frechheit. DaS »var wohl wichtiger. Als er die Arbeit anfing, sah er, daß sie schwerer tvar, als er vermutet hatte. Und nun wußte er nicht, ob das Ge« schriebene auch wirke. Der Algörienne konnte er's nicht vor« lesen. Aber er tat's doch. Sie lachte sich halbtot. „Das ist sehr amüsant," sagte sie. Als er ihr sagte, daß er damit Geld verdienen»volle, lachte sie noch mehr. „So heulen die Schakale bei uns in Algerien," sagte sie, „wie das klingt. Damit wirst Du nicht Geld verdienen. Ich »verde tanzen, dann werden wir Geld haben." Er gab ihr nun wieder die himmelsbesten Worte, daß sie nicht tanzen dürfe, unter keinen Umständen. Die Tage vergingen, und sein Geld wurde imniev knapper. Bald saß ihm das Messer an der Kehle. Daheim in Deutschland wär's ihm ein Leichtes, zu verdiene»». Hier, in der Fremde, blieben ihm alle Quellen verschlossen. Aber wenn sein Artikel angenommen würde— dann ginge es tvohl. Das wäre dann doch wenigstens ein Anfang. Er hatte wieder ein paar Rezepte geschrieben, lateinisch, wie er es geivohnt war. Die Concierge des Hauses hatte ihm Kunden verschafft. Aber das war kein Verdienst, darauf war gar nicht zu rechnen. Niemand würde ihm dafür ettvas zahlen. Der Wirt„zur goldnen Schnecke" borgte ihnen das Essen. Aber»vas half das? Einmal mußte das doch bezahlt»Verden. Die Alg6rienne war freilich anderer Meinung.„Und wenn Du das nie bezahlst, was tut das?" Sie kannte den Begriff der Verpflichtung nicht. Philipp dachte Mirim um Rat zu fragen. Der war in solchen Dingen bewandert und der rechte Man»», das Leben rücksichtslos anzupacken. Es tvar ja nichts»vciter nötig, als alle Forderungen und Vorteile von sich zu werfen. Weiter nichts. Sich gewissermaßen nackt der Welt gegenüberzu« stellen, dann würde sie einen schon bekleiden. Nun»ragte er ja seine erste Nacktheit: er fragte Miriin uin Rat. War das nicht schon die schiefe Ebene? Ist man nicht ganz von selbst auf ihr. wenn»nan die Leitseile der gesellschaftlichen Ordnung abstreift— ist man da nicht ganz von selbst fallen gelassen, ohne daß man etnas dagegen tun könnte? Hat»nan da nicht plötzlich einen Boden unter den Füßen verloren und steht in Sand und Schlamm? Es»var ihm immer so entsetzlich ge« Wesen, durch den Sand zu gehen. Nun mußte er's tun, denn das Leben zwingt einen immer zu dem, was einem das Widerwärtigste ist. Es war ein Brief von Weik gekommen, der von den Vor- gängen in der Heimat erzählte. Man hatte sich ganz auf die Seite der Frau gestelli/und ihn verurteilt. Sogar Weik sollte Schuld tragen. Das regte Philipp nicht tveiter auf. Weik konnte nicht nur Schuld tragen, der konnte sie auch von sich abschütteln. Darin war er, der Kranke,»rxüt stärker als die meisten Gesunden. Denn er hatte die»»ötige Verachtung, eine wohlgegründcte, gefestete Verachtung. Und die Sittlichkeits- begriffe und die Philistermoral der„Gesellschaft", dieses fadenscheinige Mäntelchensystem, das hatte er gründlich durch. schaut. Nun schrieb er noch:„Wenn Sie auf die schiefe Ebene geraten, lieber Doktor, behalten Sie sich rwch so viel Stärke und Widerstairdskraft, daß Sie bewußt auf ihr gleiten. Tann ist nichts verloren, und dann kommen Sie auch wieder in die Höhe. Nur wer so blindlings hinunterrutscht und sich auf einmal unten befindet, ohne daß er»veiß, wie er hinunter- gekommen ist, der ist der eigentliche Schtvächling. Der ist einer vor der Welt und vor sich selber. Und nxis Ihnen be- gegi»cn»nag, halten Sie sich das eine bewußt: es ist besser zu sinken als immer auf dem ebenen Boden glatt hinzurutschen, ohne Steigen und ohne Falle»». Das ist sogar verächtlich. Sehr verächtlich. Denn es ist mittelmäßig. Es gibt aber nichts Traurigeres. Klebrigeres. Schmutzigeres m der Welt öl§ die Mittelmäßigkeit. Mein Zorn ist, mein ganz großer Zorn, daß uns die Hegemonie Preußens, daß sie uns Süd» deutsche in diese Schivcine-Mittelmäßigkeit hineinererziert, in der dann das einige deutsche Reich gedeihen soll. Mir ist's um mein Kriegsblut und meine �eldzugsschmerzen leid. Die alten Achtundvierziger waren große Esel, als die 1870er Siege kamen, wir waren aber noch größere, als wir sie uns über die Köpfe wachsen ließen. Es lebe der Partikularismus I Für ihn zog ich noch einmal mit meinem kaputten Körper in den Krieg." Philipp las das herzerguickende Schreiben auf einer Bank nahe bei dem Place Pigalle. Tie Leute guckten ihn an, wie er lachte. Die Fontäne des Platzes plätscherte sanft mit ihrem kleinen Strählchen in seine Gedanken hinein. Ein weiches Fühlen durchklang ihn. Als Postskriptum stand da: „Ich habe einen Kartengruß aus Taormina erhalten. Es ist darin geschildert, wie schon das Meer sei, wie sanft die Abende, wie hübsch die Lage von Taormina und wie unbe- schreiblich es sei, die Wellenlinie der sizilianischen Küste mit dem Aetna über ihr— ferne verschwinden und ver- schwimmen zu sehen. Es gehe gut— Brust und Nerven heilten sich aus— und manchmal ertöne nun auch die Geige wieder." Es war etwas Liedhaftes für Philipp in diesen Worten. Sie klangen schön und schmeichelnd. Aber es strebte auch etwas in ihm mit aller Schärfe ihnen entgegen. Einen Augenblick lang verwirrte sich ihm alles. Er fühlte feindlich gegen Melanie, freundlich zu seiner Frau. Was hatte ihni Melanie Freiheit genannt: Verirrung und Verwirrung? Was hatte sie ihm Kenntnis seiner selbst und der Welt ge- uannt? Wenn er zurückkehrte und seinen Weg weiterginge, den Weg, der einsam ums Dorf führt, eine Strecke Dorn, eine Strecke Wald, eine Strecke Feld, ein Endchen Wiese— dann ein Garten und eine Laube, und Frühling, Sommer, Herbst und Winter, so wie es allen Menschen geschenkt, so wie es alle Menschen zufrieden genießen und sich daran ergötzen? Warum hatte er nicht behalten, was er besessen? Hatte er sich nicht durch einen vorübergehenden Eindruck von einem Menschen bestimmen lassen, und hatte er nicht unbedacht alles geopfert? Er hätte wenigstens seine Stellung behalten können. Tann wurde ihm erst klar, daß es nicht Melanie gewesen war, die ihn hinausgetrieben hatte, daß sie es nur gewesen war, die ihn ganz auf sich selbst gestellt hatte, zu einem völligen Freisein— und daß er dann Paris gewählt hatte, mehr aus Instinkt als aus klarer Erkenntnis— und nun mußte er nehmen, was kam, und tragen, wie es kam, und ringen, wie ihm die Kraft gegeben und das Ziel be- stimmt war. Unter eigener Verantwortung. Und damit hatte er wieder eine kleine Schwäche von sich gelegt. Es war der ewige Schuldbegrisf, der uns in Fleisch und Blut einge- senkt ist, der dann auch immer wieder verleitet, einem anderen Menschen aufzuladen, was man selbst tragen müßte. In seinem Leben war ein falscher Schoß gewesen, der hatte keine Krone bilden können. Einmal hatte das offenbar werden müssen. Denn darin ist das Leben unerbittlich. Niin ging er hinüber in die„Tote Ratte", wo die Deutschen tagten. Er fand sie im vollen Disput. Der kleine Doktor Söhnchen sagte beständig:„Aber wählen Sie doch ein klein wenig Ihre Ausdrücke, meine Herren"— worauf der große Heinrich Willibald immer erwiderte: �Halt's Maull" so wie ein Kutscher einen Pcitschenschlag Hirnen über seinen Wagen weg ausführt, wenn sich ihm böse Buben angehängt haben. Mirim kicherte dazu und schielte nach Söhnchcn hin, der wie ein Opferlamm, klein und geknickt, auf seinem Stuhle saß. „Ich habe heute wieder das Moreau-Museum besucht." sagte Söhnchcn.„Es ist doch sehr fein, und ich finde die ganze Idee so nett, ein Haus zu haben, darin ein Leben lang zu arbeiten und dann sein Haus und seine Werke der Stadt als Museum zu schenken, dem Publikum zur Besichtigung aufzutun. Sehr nett." „Moreau ist einfach hysterisch," sagte Herr Bender aus Mannheim.... „Historisch," verbesserte Mirim,„und das heißt ver- gangen." „Literatur!" sagte der große Heinrich Willibald.„Aber was soll uns all der Literaturguatsch? Wir brauchen Leben, Natur, Kraft. So spinnewebfeine Geister wie Du, Söhnchen, die sind nur Literatur, die sind die Schwalbennester in der gesunden Bauernkost. Und ich trau Euch nicht. Nein! Ich glaub, daß Ihr alle mehr Schwindler als ehrliche Kerle seid. Schwindler— was sagst Tu dazu. Mirim?" lForts. solgt.) �Nachdruck vnröltn.1 Oer Dieb. Von Hermann D r e ß l e r. Es war ein Testament wie jedes andere, wenigstens stand nicht mehr darin als in jedem anderen. Aber es war schöner, in braunes Leder gebunden, die Blätter waren mit Goldschnitt versehen, und die Schrift darin war so zierlich, daß man das winzige Büchlein bequem in die Tasche stecken tonnte. Herr Rektor Schreiber bediente sich dieses Büchleins, wenn er in seiner Mädchenklasse Religionsunterricht erteilte. Er legte es immer so sorgfältig zwischen die beiden Tintenfässer vor sich aus das Katheder. Heute stand auch wieder„Religion" auf dem Stundenplane. Die Hausglocke hatte eben mit schriller Stimme den Beginn des Unterrichts in die lebhaften Klassenzimmer hineingerufen. Die Mäulchen der zehnjährigen Mädchen verstummten zum Lispeln, und dieses hörte bald ganz auf, denn auf dem Korridor ertönte das be- kannte Stiefelknnrren Rektor Schreibers. Gleich darauf trat er ein, der große Herr mit den freundlichen Augen und dem väterlichen Wesen, den sie alle so gern hatten. Er schien an diesem Tage besonders gut gelaunt zu sein, wenigstens leuchteten seine Augen so freudig beim Gruße seiner Klasse. Gesang und Gebet waren vorbei. Die Mädchen setzten sich nieder. Ebenso nahm Rektor Schreiber Platz. Vorher aber griff er in die Tasche und zog sein Neues Testament hervor, an dem alle Kinderblicke mit so viel Bewunderung als an etwas ganz besonders Herrlichein hingen. Der Unterricht verlief zu seiner Zufriedenheit, ohne Störung und Aufregung. Die Augen der Schülerinnen hingen mit wahrem Eifer am Gesichte de? Lehrers. Nur zwei Augen konnten an diesem Tage nicht recht voll und froh zum Katheder einporblicken. Hin und wieder streiften sie mit scheuem Seitenblick das Neue Testament mit dem leuchtenden Gold- schnitt. Dann überzog stets ein leichtes Rot das schöne Kindergesicht. Es war Charlotte, die da hinten auf der letzten Bank saß— eine der besten Schülerinnen Rektor Schreibers— aber heute hatte sie sich noch nicht zu einer einzigen Antwort gemeldet. Die Stunde war zu Ende. Mit freundlichem Kopfnicken ver- ließ Rektor Schreiber das Zimmer, sein Neues Testament auf dem Kalbeder zurücklassend. Er hatte die nächste Stunde in derselben Klasse. Mit seinem Verschwinden begann sofort wieder das heitere und lebhafte Geplauder, jene Unruhe, die pedantische Lehrer gerne bösem Willen zuschreiben. Paarweise verließen die Mädchen das Zimmer, um die 15 Minuten Pause auf dem Schulhofe zu verbringen. Charlotte trat als letzte in die Reihe. Schweigend ging sie bis zur Türe, mit doch plötzlich kehrte sie mit einem scheuen Blicke auf ihre Klaffenschwestern um und überzeugte sich nochmals, ob ihr Ent- fernen auch nicht bemerkt worden sei. « Die Pause war zu Ende. Die nächste Stunde begann. Lebhaft gestikulierend polterte die kleine Gesellschaft ins Zimmer, bis Rektor Schreiber durch sein Erscheinen der Unruhe wieder ein Ziel setzte. Verwundert blickte er auf das Katheder und warf dann einen fragenden Blick in seine Klasse. Sein Neues Testament war ver- schwunden. Der helle Goldschnitt leuchtete nicht mehr an der ge- wohnten Stelle. Doch sagte er nichts. ES war ja möglich, daß ein Kollege sich das Büchlein während der Pause geliehen hatte. Die erregten Blicke seiner Kinder beschwichtigte er durch den Beginn der neuen Uwserrichtsstunde. Als das Glockenzeichen ihr Ende ankündigte, verließ er seiner Gewohnheit gemäß das Klassenzimmer. Kaum war das Knarren seiner Stiefeln aus dem langen Korridore ver- hallt, als die Aufregung in hellen Flammen unter der Mädchcnschar emporlohte. „Rektor Schreibers Neues Testament ist gestohlen worden! Wer ist der Dieb?"— Diese Frage wurde in allen Tonarten ventiliert.> „Das schöne Testament mit dem Goldschnitt I" „Dazu gehört aber viel Schlechtigkeit!" „Ich war's nicht, ich war aus dem Hofe, nicht wahr, Liesel? Wir haben zusammen die Tauben gefüttert!" .In!" „Und ich war auch dabei 1� „Ich auch I" „Ich auch!" So tönte eS im frohen Gefühle der Schuldlosigkeit von allen Seiten.— Nur Charlotte tat nicht mit. Sie war im Anfange sehr verlegen geworden. Jetzt nahm sie ihr Lesebuch herauf und versuchte zu lesen. Sie sah zwar nichts, aber es verschaffte ihr doch eine Ablenkung. „Wer war denn in der Pause oben?" „Lotte, warst Du denn auf dem Hose?" „Ich—? Ja!" sagte Charlotte uud sah wieder auf ihr Buch. „Ich habe Dich aber nicht gesehen! Mit wem bist Du denn gegangen?" Keine Antwort. .Wer hat denn Lotte auf dem Hofe gesehen .Ich nicht!* .Ich auch nicht— ich auch nicht „Eben, das ist auch wahr! Lotte, Du warst nicht unten! Du hast gelogen! Du bist hier gewesen I Du mußt doch gesehen haben, wer es gestohlen hatl" Jetzt drängten alle auf fie ein. „Lotte, wer war's? Du weißt's! Wir sagen's Herrn Rektor!" Charlotte wurde immer unsicherer. Sie sah in stummer Ver- zweiflung vor sich nieder, während die gesamte Mädchenschar sie in dichtem Kreise umdrängte. „Sie will's nicht sagen!" rief eine. „Sie hat's vielleicht selbst gestohlen!" setzte ihre große Nach- barin Luise hinzu. Charlotte war längst nahe daran, zu weinen. Jetzt brach ihr aber der Tcänenstroin mit unwiderstehlicher Gewalt auS den Augen. Sie legte sich mit dem Kopfe auf die Bank und schluchzte herz- zerreißend. „Pfui! das ist gemein von Euch!' rief eine mitleidige Stimme dazwischen.„Das werde ich Herrn Rektor sagen! Lotte stiehlt nicht I" „Nichts da!" rief eine andere,„sie weint, das ist ihr böseS Gewissen!" „Nicht wahr, Du hast's genommen?" „I', ja, sie ist's gewesen. Sie war nicht unten und war vorhin immer so ruhig." „Wir wollen doch einmal nachsehen!" Die große Luise griff unter die Bank und riß Charlotte? Bücher- tasche hervor. Doch mit außergewöhnlicher Energie stürzte sich Charlotte darüber her und umklammerte mit beiden Armen ihren Ranzen. Einen Moment war Stille. Dann aber wurde der Kampf allgemeiner. Drei bis vier andere Mädchen griffen mit zu. „Natürlich, sie hat's in ihrem Ranzen! Warum läßt sie uns sonst nicht hineinsehen?" riefen die anderen. „Nein, nein, Ihr dürft nicht hineinsehen, mein Vater— mein Vater.. schluchzte Lotte in herzzerreißendem Jammer. „Dein Vater kann Dir nicht helfen, wenn Du gestohlen hast, bist Du ein Dieb I" Nach kurzer Gegenwehr wurde ihr der Ranzen entrissen. Die große Luise öffnete und zog zum Erstaunen der übrigen wirklich das Neue Testament Rektor Schreibers daraus hervor. „Seht Ihr?! Seht Ihr?!" rief fie triumphierend. „Pfui, Lotte, das hätte ich nicht von Dir gedacht!" „Ich setze mich weg von Dir! Neben einem Diebe mag ich nicht fitzen!" „Wir wollen es Herrn Rektor wieder vorlegen!" „Nein nein I Laßt es in ihrem Ranzen stecken, damit er eS sieht, sonst glaubt er es vielleicht gar nicht." „Ja, so wollen wir es machen! Pfur, schäme Dich, Du Dieb!" Lotte lag noch immer mit dem Kopfe auf der Bank und lveinte und schluchzte dazwischen hinein:„Mein Vater— mein Vater 1" „Der hilft Dir nicht, Du Dieb!" sagte Luise und rückte mit ihren Büchern an das äußerste Ende der Bank. Jetzt waren auch die mitleidigen Stimmen verstummt, keine mehr, die sich für ihre Klassenschwester verwendet hätte. » Die neue Lehrstunde begann. Rektor Schreiber betrat das Klassenzimmer wieder. Alle Hände flogen bei seinem Eintritt in die Höhe. Jede wollte ihm zuerst melden, daß der Dieb gesunde» sei. Hochrot vor Ausregung im Gesicht blickten die Mädchen in größter Spannung in das ruhige, freundlich klare Auge ihres Lehrers, „Run, was gibt's denn, Kinder?" „Charlotte hat Ihr Neues Testament gestohlen!" antworteten mehrere zugleich. „Charlotte—? ach. glaubt doch daS nicht!" „O ja, o ja I Wir haben es in ihrem Ranzen gefimdcn, es steckt noch dann!" „Was?" Ein leises Rot der Entrüstung flog über das Gesicht des Lehrers. Zugleich hörte er das laute Schluchzen seiner Lieblings- schülerin. Mit feinem pädagogischen Takte sagte er sich ober sogleich, daß dabei irgend eine andere Triebfeder gewirlt haben mußte als der bloße Gefallen an dem entwendeten Gegenstände. Er kannte ja dieses Kind bereits seit vier Jahren. Er ging an die hinterste Bank, faßte Charlotte an der Hand und sagte freundlich: „Komm, Charlotte, wir wollen zusammen reden!" Charlotte brach in krampfhaftes Schluchzen aus und ließ sich willenlos die Treppe zur Wohnung des Rektors emporsühren, die — wie auch heute noch in kleine» Städten üblich— im obersten Stockwerke des Schulhauses lag. „Run, Charlotte, willst Du mir etwas sagen?" Charlotte schluchzte unaufhörlich. Der alte Lehrer wiederholte mit ruhiger Stimme seine Frage: „Willst Du mir nichts sagen, Charlotte?" Immer noch keine Autwort. Da setzte sich der freundliche Mann in seinen Lehnstuhl, zog das Kind an sich heran und sagte liebkosend: „Sieh, Charlotte, ich bm doch Dein Lehrer»md Du hast mich Leb, nicht wahr? Du kannst mir alles erzählen, als ob ich Dein Vater wäre. Nun komm und weine nicht mehr, und schütte mi» Dein kleines Herz auS I" Charlotte weinte noch immer. Ein Schluchzen und Zittern erschütterte den zarten Körper, während die Hand des Lehrers lieb- kosend über den Kopf der Kleinen glitt. „Nun sage, Charlotte, hast Du mein Neues Testament wirklich genommen?", Antworten konnte das Kind nicht. Ein leises Kopfnicken war die einzige Entgegnung. „Nun, da erzähle mir einmal ganz ruhig, warum Du das getan hast!" „Mein Vater— mein Vater.. schluchzte Charlotte, in er- neutes Weinen ausbrechend. „Dein Vater? Was ist mit dem? Ist er etwa krank?" „Ja— sehr kr— krank!" „Das tut mir im Herzen leid, aber er wird schon wieder gesund werde». Ich will ihn morgen einmal besuchen! Soll ich?" „Ja!" Ein wenig hob Charlotte ihr Köpfchen. Ihre Tränen versiegten allmählich. Nur das Schluchzen stieß ihr den Atem noch heftiger durch die Brust. Aber nun sage mir, liebes Kind, was hat denn mein Neues Testament mit der Krankheit Deines Vaters zu tun?" Dabei streichelte er ihr freundlich die Wangen, während fie ihr Händchen zutraulich auf seine Schulter legte. „Du wolltest ihm gewiß daraus vorlesen, ja?" „Nein!" „Nun, so sage mir's doch!" „Großmutter— hat gesagt: Wenn wir— ihm ein— Neu— Neues Test— ment unter das Kopfkissen legen, da--" Da kamen wieder die Tränen. Die Stimme ging in Schluchzen über. „Da wird dein Vater bald wieder gesund werden, hat Groß- mutier gesagt, ja?" Ist's nicht so?" „Ja!" „Und da dachtest Du, mein Neues Testament wäre dazu am besten, ja?" „Weil Großmutier sagte: es müßte eins sein, daS nicht von sündhaften Händen gebraucht wäre." „Und Du glaubst, daß ich— daß ich ohne Unrecht, daß meine Hände nicht sündhaft seien?" „Ja I"- Das klang so bestimmt, daß eS aus innerster Ueberzeugung gesprochen sein mußte. Dabei schlug sie die Augen voll zu ihm aus und sah ihm vertrauend in das gute Gesicht. Ein feines Lächeln glitt über die Züge des Lehrers. Gerührt von diesem Grade kindlichen Vertrauens wollte sich ihm fast eine Träne ins Auge schleichen. Er zog das Kind noch dichter an sich heran und drückte ihm die kleine Hand. „Du sollst mein Neues Testament behalten", sagte er,„ich schenke es Dir. Helfen kann es Deinem Vater nicht, aber Du sollst es Deinem Vater mit einem freundlichen Gruße von mir geben. Heine nachmittag werde ich Euch besuchen. Vielleicht kann ich helfen ihn gesund zu machen! Ist Dein kleines Herz nun wieder froh und ruhig?" Ein seliges Lächeln war die Antwort. „So gehe nun ruhig nach Hause, und wenn Du morgen zur Schule koinmst, so sei ohne Bange! Ich werde dafür sorgen, daß Deine Klassenschwestern Dich nicht schelten." » Charlotte eilte glücklich nach Hause. Rektor Schreiber ging hinab in seine Mädchcnklaffe. Mit Spainmng sahen ihm alle ent- gegen. In seinem Geficht lag aber etwas so Beruhigendes, daß eS sich auch sofort seinen Schülerinnen mitteilte. Als dann Ruhe ein- getreten war, erzählte er den Kindern in seiner seelenvollen Weise, welches große Leid das kleine Herz Charlottes bedrückt hatte, und daß nur die Liebe zu ihrem kranken Vater sie dazu verleitet hatte, den Griff nach dem Reuen Testamente zu tun. Er verstand es, die nach dieser Aufregung doppelt empfänglichen Kindergcmüter so in die Lage der kleinen Charlotte zu versetzen, daß alle herzliche? Mit- leid mit ihr empfanden. Und als er dann fragte:«Wollt Ihr mir nun bestimmt versprechen, nicht darüber zu reden?" da antworteten alle— auch die große Luise— mit festem„Ja!"— Als am andern Morgen Charlotte wieder zur Schule kam, hatten alle ein freundliches Wort für sie, alle wollten in der Pause auf dem Hosclnlit ihr gehen, und die große Luise konnte nicht dicht genug an ihreZlleine Nachbarin heranrücken. pflanzUcbe ÄloblgerUcbe. Von D r. L. Reinhardt. Die Hervorbringung von Duftsioffen ist eine ungemein ver- breitete Erscheinung in der Pflanzenwelt. Von den niederen Pilzen bis hinaus zu den höchsten Blütenpslanzen wird dieser Weg mit Vorliebe eingeschlagen, um die verschiedenen Insekten zur Ver» schleppung der Sporen oder zur Befruchtung der Blüten herbeizu- locken. Auch bei den Tieren steht die Ausbildung von Duftsioffen in engster Beziehung zur Fortpflanzung, und zwar wenden sie hier die Männchen zur geschlechtlichen Erregung der Weibchen an. Man denke nur an den Duftstoff der Schmetterlinge, des Moschustieres und der Zibetkatze, welch beide letzteren den Menschen die stärksten überhaupt existierenden Parfüme lieferten. Daß Wohlgerüche auch auf den Menschen anregend und belebend wirken, ist eine längst fest- gestellte Tatsache, die neuerdings auch durch wissenschaftliche Ver- suche belegt wurde. So konnte man beispielsweise feststellen, daß ein Mann, der unter gewöhnlichen Bedingungen am Ergographen (Apparat zur Messung von Arbeitsleistungen) 1 Kilogramm mit dem Daumen hochzuheben vcmochte, unter dem Banne des Geruchs von Tuberosen 1 Kilogramm und 100 Gramm hochhob. Vor allem wird auch die geistige Tätigkeit durch gewisse Düfte angeregt. So liebte Friedrich Schiller beim Gerüche faulender Acpfel, die er sich in der Schublade seines Schreibtisches hielt, Viktor Hugo da- gegen bei dem der wilden Winde zu schreiben. Starke Düfte, wie Moschus, regen auf. und unangenehme Gerüche können empfind- same Menschen geradezu krank machen. So wurde der Natur- forscher Albrecht von Haller durch den Geruch von Käse, der Herzog von Epernay durch den des Hasen ohnmächtig. In besonders nahen Beziehungen stehen Wohlgerüche zur Mystik und zum Geschlechtsleben. Alles deutet darauf hin, daß sich das Weib zuerst der Wohlgerüche als sexueller Reiz- mittel bediente, und sie erst weit später zur Vcrdcckung eigener übler Gerüche verwendete. Es ist durchaus kein Zufall, daß bei allen Vcrführungsszenen im Alten Testament Parfüme erwähnt werden. So weit wir in der Geschichte zurückzugehen vermögen, finden wir wohlriechende Salben und Oele im Inventar vornehmer Frauen, und zwar war schon im alten Reiche in Aegypten die Ver- Wendung der Wohlgerüche so spezialisiert, daß für alle Körperteile besondere Parfüme zur Anwendung gelangten. Von den O r i e n- t a l e n, die bis auf den heutigen Tag große Liebhaber von Wohl- gcrüchen sind, so daß sie sogar das Konfekt nach unserem Empfin- den übermäßig würzen, übernahmen die Grieche» und Römer diese Vorliebe für Wohlgerüche. Als die Mazedonier im Gefolge Alexanders des Großen nach der Niederlage des Dareios bei Gau- gamola am 1. Oktober 331 v. Ch. die luxuriösen Zelte des persischen Großkönigs plünderten, waren sie vor allem über den unermeß- lichen Reichtum an wohlriechenden Salben und köstlichen Gewürzen erstaunt. Doch bald empfanden sie an diesen Produkten einer ver- feinertcn Kultur selber Freude, und so war auch in den reichen Griechen st ädten der Luxus an Parfümen ein gewaltiger, so daß sich schließlich die Gesetzgeber genötigt sahen, dagegen einzu- schreiten. Das„veilchenduftende" Athen trieb in den drei letzten vorchristlichen Jahrhunderten die Parfümverschwcndung so weit, daß für die verschiedenen Teile des Körpers besondere Salben im Gebrauch waren. Dort salbten die üppigen Frauen die Haare mit einem Parfüm aus Majoran, Kinn und Racken mit einem solchen aus Thymian, die Arme dagegen mit einem aus Minze. In dem Venveichlichten Rom der Cäsaren wurde die Verschwendung mit Wohlgerüchen auf die Spitze getrieben. Damals war das unter dem Konsulat des Licinius Crassus aufgebrachte Gesetz, da» in Italien den Verkauf ausländischer Parfümerien verbot, schon längst als unhaltbar aufgegeben, und von weither bezog man die kost- barsten Essenzen, den Veilchenduft von Athen, Rosenöl aus Kyrene, Nardcnsalbe aus Assyrien, Hcnnablütenextrakt aus Aegypten usw. Das Parfümieren stand ganz im Dienste der Liebesgöttin Venus, und der Handel mit den Wohlgcrüchen wurde meist von Kurtisanen, Kupplerinnen und Bordellwirten ausgeübt. Man macht sich keinen Begriff von den Unsummen, die damals in Rom für Wohlgcriiche ausgegeben wurden. So verbrannte Kaiser Nero beim Begräbnis seines zweiten Weibes Poppaea Sabina, die er durch schnöden Freundschaftsbruch in seinen Besitz gebracht hatte und im Jahre Kö durch Mißhandlung in hochschwangerem Zustande tötete, mehr Weihrauch, als damals Arabien in einem Jahre hervorzubringen vermochte. Allerdings waren die Eigenliebe und Gefallsucht dieser Frau ungemein groß. Obschon sie nicht mehr jung war, lebte sie nur der Pflege ihrer.Körperschönheit, trug zur Erhaltung ihres zarten Teints eine Maske, die sie vor dem Sonnenbrand schützen sollte, und führte auf ihren Reisen und während des Sommeraufenthalts stets 000 Eselinnen mit sich, um täglich in deren Milch zu baden und dadurch die Reize ihrer Haut zu erhalten. Nach dem Untergange der römischen Weltherrschaft beschränkte sich die Anwendung der feineren Parfümerien wesentlich auf das an Kultur höherstehende Morgenland und die Vornehmen von Byzanz, während das die Weltflucht predigende Christentum des Abendlandes solchem Luxus nicht gewogen war. Erst durch den Einfluß der Kreuzzüge und der arabischen Aerzte kam hier die Anwendung von Wohlgerüchen bei den Wohlhabenden auf und drang während der Renaissance in breitere Volksschichten, zunächst in den reichen Städten Italiens. Aus ihrer Heimat Florenz verpflanzte Katharina v. Mcdici 1533 bei ihrer Vermählung mit Franz des Ersten Sohn, dem nachmaligen König Heinrich II., den übermäßigen Gebrauch von Parfüm an den französischen Hof, der dann unter Ludwig XIV. und Ludwig XV. die Ver- Wendung von Wohlgerüchen beinahe so weit trieb, als es die Vor- mehmen im kaiserlichen Rom getan hatten. Wie der Kaiser Nero {eine Gemächer stets mit Rosenessenzen parfümiert haben wollte, iebte Ludwig XIV. in einer stark nach Orangenblüten duftenden Atmosphäre zu leben. Der allmächtige Minister Richelieu, der seit l&2i unter Ludwig XIII. die Geschicke Frankreichs leitete, verließ «wr selten sein scharfparfümiertes Arbeitszimmer. Zu seiner Zeit veraotw. Redakteur: Richard Barttz�Berlim war der Geruch faulender Aepfel sehr beliebt und män rieb deren Fleisch mit Fett zusammen, um sich mit der so erhaltenen Masse die Haare zu parfümieren. Es ist dies die Pomade, die von den Aepfeln ihren Namen erhielt. So üppig auch der französische Hof war, so war er in bezug auf Reinlichkeit kein Muster, und hier wurden die Parfüme zum großen Teil zum Verdecken der eigenen üblen Gerüche verwendet. Im Gegensatz zur Badfreundlichkeit des Mittelalters war jene Zeit sehr wasserscheu; bis zum König hinauf mied man nach Möglichkeit selbst das tägliche Waschen mit Wasser, befeuchtete vielmehr nur Gesicht und Hände bei der Toilette mit Parfüm, und war daneben äußerst sparsam mit dem Wechseln der Leibwäsche, die viele Wochen anbehalten wurde. Besonders unter dem liederlichen Ludwig XV. wurde die Verschwendung mit Parfüm eine heillose, so daß eine seiner Maitressen, die Pompa- dour, jährlich mehr als eine halbe Million Frank dafür ausgab. Und zwar waren damals die stärksten Düfte die belieb- testen. Heute verwenden selbst die Vornehmen nicht mehr solch über- triebcne Parfümierung, die nur ein Zeichen stumpfer Geruchs- nerven ist. An? meisten Parfümluxus treiben noch die Frauen, deren Gcruchsorgan,':c durch eingehende wissenschaftliche Versuche fest- gestellt wurde,'-niger fein empfindet wie das der Männer. Und wenn auch he: bedeutend weniger ausgiebig wie früher parfü- miert wird, so ist dennoch der Verbrauch an Parfümen sehr viel größer als je in der parfümwütigsten Vergangenheit, weil er sich nicht mehr auf die höchsten Kreise beschränkt, sondern sich auf alle Volkskreise ausgedehnt hat. Ihre Herstellung beschäftigt heute einen bedeutenden Industriezweig. Die meisten Parfüme liefert Frankreich, das jährlich für über 12 Millionen Frank davon ins Ausland versendet, während Deutschland jährlich für etwa 2 Millionen Mark einführt. kleines Feuilleton. Völkerkunde. Kinderehen in Indien. Das außerordentlich frühe Alter, in dem die meisten indischen Mädchen in die Ehe treten, bringt nicht nur die weibliche Jugend um die schönste Zeit ihres Lebens, sondern ist auch von großen Gefahren für die Gesundheit vieler Jndierinnen begleitet. Ucber die« Problem der Kinderehen in Indien spricht Mrs. I. Ramsey Macdonald in eüiein amerikanischen Blatte. Indien ist ein Land ohne junge Mädchen. Wenn man in den höheren Ge- fellschaflskreisen den zarten, feinen Frauengestalten begegnet, die das 20. Jahr nock nicht überschritten haben, so vergißt man ganz,, daß man Ehefrauen, vielleicht schon Familienmütter vor sich hat, die die Schönheit der Mädchenzeit nie genossen haben, sondern noch als Kinder verheiratet wurden. Und nicht anders ist es unter den ärmeren Klassen. In den Dörfern begegnen dem Europäer überall kleine, schwarzäugige, lächelnde Mädchen, von denen ihm der Führer berichtet, daß es verheiratete Frauen find, weil sie Armbänder an ihrem Unterarm tragen. Oder man sieht in den Baumwollspinnereien kindliche Gestalten, die kaum das notwendige Arbeitsalter von neun Jahren erreicht zu haben scheinen und deren rote Bemalung doch verkündet, daß sie bereits das Joch der Ehe tragen. Da diese jungen Frauen zumeist schon mit 14 und 15 Jahren Kinder bekommen, so wird ihnen in noch ganz unreifem Alter eine schwere Verantwortlichkeit auferlegt; außer- dem aber find sich alle Aerzte darüber einig, daß diese frühen Ge« burten auch eine große körperliche Schädigung der jungen Frauen bedeuten. Die Kinderheiraten in Indien sind verhältnismäßig späten Datums; sie finden sich noch nicht in den alten heiligen Büchern vorgeschrieben, sondern werden auf die Zeit der mohammedanischen Einfälle zurückgeführt, in der die Hindus ihre jungen Mädchen durch eine rasche Heirat vor den Feinden schützen wollten. Gegenwärtig ist nun eine Bewegung im Entstehen, die ein späteres Heiraten er- strebt und eine größere Gleichstellung der Geschlechter. Diese sich immer stärker geltend machende Reform wird veranlaßt durch die bessere Erziehung, die einem kleinen Teil der indischen Knaben und Mädchen jetzt zuteil wird. Die englische Regierung ist in der Ein- richtung von Mädchenschulen mit gutem Beispiel vorangegangen, läßt aber in der systematischen Ausbildung des Erziehungswesens noch viel zu wünschen übrig. Die Inder haben dann selbst Mädchenschulen errichtet, und in Älighar, wo sich daS indische College für Knaben befindet, ist auch eine höhere Schule für Mädchen entstanden. Im ganzen besuchen von den 560 261 indischen Mädchen, die überhaupt Schulunterricht erhalten, 1208 eine höhere Schule. Es ist freilich noch ein recht geringer Prozentsatz der weiblichen Bevölkerting Indiens, der die Segnungen de« Unterrichts empfängt, etwa 3 oder 4 Proz., und die meisten dieser Schülerinnen erhalten nur eine ganz oberflächliche Kenntnis im Lesen und Schreiben, denn initten aus dem Lernen und aus der Schule reißt sie die Ehe heraus, die sie noch als Kinder eingehen müssen. Dabei besteht in Ivetten Kreisen der indischen Frauen eine Sehnsucht nach Bildung, die mit dem Wunsche nach späterer Verheiratung Hand in Hand geht. Nur eine bessere Erziehung wird auch die Sitte der Kinder- heiraten einschränken können. Es wäre also die Aufgabe der eng- fischen Regierung, größere Mittel für die Errichtung von Mädchen- schulen auszuwerfen. — Druck u. Verlag: VorwarrtBuchtruckerei u.VerlngKaniraUUaut Singer ScTo..Bertmt»At.