Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 191. Freitag, den 30. September. 1910 61t Oer Entgleiste. (Nachdr. verboten. Von Wilhelm Holzamer. Mirims Zigarette machte einen leichten Bogenfoll nach links. „Ich, meinst Du? Ich bin gegen jeden Heiligenschein. Schwindler sind wir alle. Wir unterscheiden uns nur durch die Art, wie wir schwindeln. Du kannst beruhigt sein, Söhnchen, er meint Dich, wie er sich meint. In der Art, wie wir schwindeln, liegt einzig ein Schutz Ehrlichkeit— in Deiner Feinheit und in seiner Gesundheit. Na, prost, Kinder, ich bin zum Bier gediehen aus Gass-Ekel, aber dem Doktor Kaiser wird's ja auf einen Kognak mehr nicht ankommen, er hat's ja!" „So. sind Sie reich?" fragte der große Heinrich Willibald. „Nein," sagte Philipp,„aber arm." „Nun, was wollen Sie dann hier in Paris?" brüllte Heinrich Willibald los.„Da gehen Sie nur so bald wie möglich wieder heim. Oder steckt'was anderes dahinter?" „Seien Sie doch nicht indiskret," wehrte Söhnchen. „Es wird schon'was dahinterstecken," meinte Mirim. „Ja," sagte Philipp,„es steckt auch'was dahinter." Er hatte es laut und fest gesagt. Einen Augenblick lang waren sie doch verblüfft. So einen vollen, ehrlichen Ton war man hier nicht gewöhnt. So ein redliches Selbstbewußtsein kannte man hier nicht. „Geht uns ja gar nichts an," brüllte Heinrich Willibald. Philipp sdynneg, aber er war nun gereizt. Bei der ersten besten Gelegenheit wollte er einmal Farbe bekennen und denen seinen Standpunkt klarmachen. Die Unterhaltung ging in der gewöhnlichen Weise weiter, in starkem, plumpem Schimpfen und groben Verhöhnungen. Philipp fühlte sich doch Mirim noch am ehesten nahe, er war doch der Gescheiteste von allen. Söhnchen, wenn er das Gemachte in seinem Wesen ein wenig vernachlässigte, gewann ganz entschieden. Aber er war viel zu sehr auf dies Gemachte bedacht. Herr Bender aus Mannheim wurde nur gesprächig, wenn die Rede auf Mannheim oder den Montmartre kam. Dann schwärmte er. Sonst schtvieg er. Die Bäurischkeit Heinrich Willibalds mochte Philipp nicht ausstehen. Es steckte nichts dahinter. Nun war auch noch in Philipp die Ungeduld— er wollte fort. Was würde die Algsrienne zu Hause machen? Es war ihm doch ein peinlicher Gedanke, wenn sie davonliefe. Wenn sie in den„Cyrano" ginge. Nun fände sie gewiß auch den Zweiten. Es war ihm aber immer, er müsse sie in die Höhe bringen können, statt sie herabzuziehen. Er müsse sie zu etwas bestimmen können, darin ihre Anlagen auch fruchtbar würden. In diesem Zustande der inneren Unruhe reizte ihn eine Anzapfung des großen Heinrich Willibald über Gebühr, und er brach los: „Aber gestatten Sie, Herr Heinrich Willibald Müller, gestatten Sie, daß ich auch emmal meine Meinung sage. Ihre ganze tumultuarische Art, die gelegentlich recht unangenehm aggressiv werden kann, ist doch nichts als eine Ab- und Notwehr. Sie sind gar nicht Sie selbst, Sie spielen den, den Sie sich zurechtgemacht haben, daß er wirken soll vor den anderen. Wo ist denn einmal einer, der er selbst wäre, auch in seinen Fehlern, der echt wäre? Die einen tänzeln über die Eierkiste der eingebläuten Moral, und ihr Leben ist ein mehr oder weniger bewußter Eiertanz. Wenn sie einen Moment nur zu sich selbst kämen, liefen sie mit breiten Schritten und festen Tritten über diese ganze zerbrechliche Unnatürlichkeit hinweg und stampften sie kurz und klein. Aber sie kommen nie zu sich selbst, im Gegenteil, es geht ihnen so ins Blut, daß sie ganz werden, wie die anderen sie wollen, wie die Allgemein- hett sie braucht. Keine Echtheit, keine Unmittelbarkeit, keine Ursprünglichkett, alles Produkt. Ein Kokettieren mit seinen Fehlern, um sich schließlich so in sie hineinzut'okettteren, daß man sie den Leuten als die Stärken vorspielt. Aber wenn's einmal zum rechten Auskleiden käme, wie mancher Wanst würde klapperdürr werden! Wo ist denn noch der Mut zu diesem Klappcrdürrsein? Alles Komödie. Komödianten. Nicht sich selbst zuliebe, nicht einmal aus Bedürfnis, nein aus Schwäche, aus Kleinheit, aus ein bißchen Profttlichkeit. Eigene Menschen— Eigenart! Hahaha! Sie tun nur so— und manchmal trägt's was ein. Der eine schriftstellert, der andere spielt den Salonlöwen, wieder einer ist der blasierte Zyniker— eine ganze Menagerie. Eine komische Menagerie. Aber gar nicht amüsant. Höchst abstoßend. Und nun muß man denken, aus solchem Geiste wird das Leben beurteilt, wird das Leben geführt, wird über Menschen gerichtet!" „Welche kleine Schwäche, Herr Doktor, haben denn Sie zu verbergen?" fragte langsam und gedehnt Doktor Söhnchen. „Ich verberge keine— das heißt, ich will versuchen, mir das Verbergen abzugewöhnen. Denn was wir uns nicht selbst angewöhnt haben, das ist uns angewöhnt worden. Jedem von uns." „Der Mann hat Grundsätze!" sagte der große Heinrich Willibald. „Meenzerland— Narrelandl" sagte Bender.'„Dort sind sie alle so." Philipp lachte. Jetzt erst ließ Mirim seine Zigarette in den linken Mund- Winkel fallen, nahm den Zwicker ab und rieb sich, eine fürchter- liche Grimasse schneidend, das rechte Auge. „Döktörchen," sagte er,„Sie sind ein Revoluzzer. Sie gefallen mir. Aber geben Sie acht, daß Sie nun den Re- voluzzer nicht auch spielen. Die Gefahr ist groß, und die Rolle ist gut. Sehr gut. Sehr wirksam. Und steht Ihnen auch— übberrascht ein bißchen, aber steht Ihnen. So mit dem verschluckten Schießprügel im Bauch und der Barrikade in der Handbewegung— wie, Heinrich Willibald?" „Der junge Mann hat Grundsätze," gröhlte der. „Was für eine Schwäche haben Sie denn zu verbergen?" wiederholte Doktor Söhnchen mit stereotypem Tonfall feine Frage. „Das ist Mainzcrland," wiederholte Herr Bender aus Mannheim, der es wissen mußte.„Dort sind sie alle Re- volutionäre." Das ließ Philipp nun gelten. „Döktörchen," klopfte ihm Mirim nun auf die Schulter, „ich trinke auf Ihre Kosten noch einen Kognak. Sie haben ihn reichlich verdient. So'was strengt an. Gehen Sie dann mit?" Philipp war's nun gerade recht, Mirim allein zu kriegen, und er wollte gerne den Kognak opfern. Auf der Straße meinte Mirim:„Sie sind wohl noch des guten Glaubens, daß Offenheit eine Tugend sei? Sie haben wohl zu lange abseits gelebt. Ich sage Ihnen, Offen- heit ist ein Fehler, ein Kapitalfehler. Wir brauchen alle den Panzer und die Maske, anders kommt nuin nicht durch. Wie man drunter ausschaut, das kann man sich zu Hause bei ver- schlossener Türe vor dem Spiegel ansehen—" „Aber—" warf Philipp ein. „Ihr Aber klingt theoretisch, Döktörchen. Ich rede von der Praxis." „Und der richtige, ganze Mensch?" „Gibt's gar nicht. Es gibt nur den unrichtigen, halben, Viertelsten, bruchteiligen Menschen. Und er richtet sich ent- sprechend seine Welt ein. Man meint dann, die Welt habe sich nach dem Menichen gerichtet. Es ist aber der Mensch, der sie gemacht hat. Sie wäre ganz anders, wenn Ihr richtiger, ganzer Mensch existierte. Nun ist aber der Unrichtigkeits- und Halbheitsprozeß schon so weit vorgeschritten, er muß sich selbst zu Ende bringen. Denn sehen Sie, alles in der Welt, das einmal angefangen ist, das muß sich selbst zu Ende bringen. Das ist Gesetz. Ein gutes und ein schlimmes Gesetz. Das ändern Sie nicht, Döktörchen. Und dafür hätten Sie am wenigsten nach Paris zu kommen brauchen. Warum sind Sie eigentlich nach Paris gekommen, wenn ich fragen darf?" „Verhältnisse halber," antwortete Philipp und sah ihn gerade dabei an. „So, so? Das ist ein sehr plausibler Grund. Lassen Sie sich Paris eine gute Schule sein. Es ist hier schon vieles verdaut, woran wir noch in Deutschland gewissenhaft herumkauen. Das ist die einzige Leichtigkeit in der Welt: verdaut haben! Merken Sie sich das! Auch hier ist nichts echt, aber die Unechtheit ist Natur geworden und zur Kultur erhöht. Ein deutscher Professor bekappt das nicht, und sehen Sie, auch wir, auch wir bleiben Dilettanten darin." Philipp wußte nicht, was er darauf erwidern sollte._ „Döktörchen!" sagte Mirim und warf mit einem weiten Bogen seinen Zigarettenstummel weg.„Man hat die Maske notwendig. Aber noch etwas ist noch notwendiger: das ist die Marke! Pfui Teubel— aber! W«m Sie erst einmal so weit sein werden, Döktörchen." „So weit?" „Hängen Sie sich nicht vorher auf. Es hat keinen Zweck. Man kommt auch so aus. Denn man ist immer nur einer von dielen. Das ist der Trost." Er drehte sich eine neue Zigarette. „Sehen Sie— ich liebe die Deutschen sehr, aber ich finde sie komisch. Ich liebe die Franzosen gar nicht, aber ich be- wundere sie. Nun macht man sich daraus einen Positivismus zurecht, denn das eine ist man, und das andere zieht einen an. Es kommt freilich nur ein Negativismus dabei heraus. Darin sind Sie uns über, Sie Theoretiker, Sie Kiekindiewelt. Auf Wiedersehen!" Er ging. Philipp hatte noch nicht den Mut, ihm sein Anliegen zu sagen. Aber es mußte sein. Er rief ihn zurück. „Sagen Sie— Sie sind Statist im„Nouveau Thsatre"?" „Ja— und?" „Ich brauche Geld." „Döktörchen— Sie haben eine Kleine gefunden." „Ja— und ich brauche Geld." „Lieber Gott— ich bin Statist— wissen Sie warum? Das pure Wächteramt. Sauer wird mir's. Zu verdienen ist nichts dabei. Hm, hm— was tun?— Ist Ihre Kleine vom Theater?" „Nein— gar nichts." „Könnte sie nicht zum Theater gehen? Das kann jede Französin." „Tanzen, ja?" „Gut! Machen Sie doch!" .„Nein!" „Und Sie gehen als Statist!" „Nein!" „Na, na, Döktörchen, dann wird es Sie Ihre Kleine kosten. Französische Liebe ist sehr geldbedürstig. Ich will Ihnen etwas sagen: ich bringe Sie in die Claque. Viel ist's nicht, aber Sie können in die Große Oper avanzieren. Da verdient man.. Und überlegen Sie sich's noch'mal wegen des Tanzens. Man muß freilich auf der Hut sein. Aber Sie sind ja ein Deutscher. Wir stammen alle ein wenig vom Cerberus ab." Er notierte sich Philipps Adresse. „Ich schreibe Ihnen." Und nun schämte sich Philipp so entsetzlich, wie er sich noch nie in seinem Leben geschämt hatte. Warum lief er nicht einfach davon? Einfach nach Deutschland zurück, in die Praxis, in die gute, brave Bürger- lichkeit? Wäre das dann aber nicht Schwäche? Wäre er dann nicht sein Leben lang zum Auslachen? Und würde ihm nicht der Stachel blechen, er habe etwas begonnen, was er nicht habe zu Ende führen können? Er habe feige und klein- mütig aufgehört bxim ersten Widerstand und der ersten Un- annehmlichkeit! Und würde ihn Melanie verachten müssen? Aber mußte sie ihn nicht jetzt schon verachten? Vielleicht würde sie ihn verstehen— die zwei Leben, das eine, in dem die Seele kaum anzuklopfen gewagt hat zur Seele des anderen, und dieses hier, wo der Leib die Seele unterjocht hat. Er fühlte die Unterjochung, aber er mußte noch Sklave sein. Es war eine Gewalt, die stärker war als er. Er träumte sich nach Taormina und stand oben im Amphitheater und sah über das Meer und sah die weiche Linie der sizilianischen Küste fern versdslvinrmen und verschninden und oben in Blauen die Schneekuppe des Aetna verblassen. Und um ihn war ein süßes Wehen und sachtes Flüstern, eine wärmende, weiche Kichle. ein wohliges Stillesein. Aber er war fremd— es war kein starkes Selbstgefühl in ihm, kein Mut. Er hatte das Gefühl, er müßte noch viel leiden, um dahintreten und die Schönheit rein genießen und ganz besitzen zu können. Er litt. Er war wie mit Ruten geschlagen, aber er mußte ihnen stillhalten. Die Alg6rienne war nicht zu Hause. Im„Cyrano" war jetzt noch nichts los. Er fand sie in der„goldenen Schnecke". Sie hatte zu Abend gegessen und trank nun Champagner und rauchte Zigaretten. „Wer soll denn das aber bezahlen?" flüsterte PhilW. „Wir werden schon verdienen," sagte sie,„Ich mach' nur einen Dreck daraus!" Es lag ein schwerer Druck auf dem Abend. Und Philipps fühlte, daß dieser Druck irgendwo festlag, wo er ihn nicht heben konnte., (Fortsetzung folgt.)) pflanzliche Moblgerücke. Von D r. L. Reinhardt. (Schluß.) Die zur Parfümgewinnung verwandten Stoffe de'S Pflanzenreichs sind fast stets ätherische O e le, die auS den Blüten und Fruchtschalen oder anderen Teilen durch Aus- pressen, durch Destillation mit Wasscrdämpfen oder durch Zu- sammenbringen mit Fett gewonnen werden. Das älteste durch Destillation rein gewonnene ätherische Oel ist das Rosenöl, daS im S. Jahrhundert nach Christi zuerst in Persien durch Aerzte auS den herrlich duftenden Zentifolien gewonnen wurde. Es wird be- sonders von den Türken sehr geschätzt und mit 800 bis 900 M. daS Kilogramm bezahlt. In Europa sind die Haupterzeugungsplätze Kasanlik in Bulgarien und Miltiz in Sachsen. Seines hohen Preises wegen wird es vielfach mit dem ähnlich duftenden äthe- rischen Geraniumöl verfälscht, das in Almeria in Spanien, dann in Algerien und seit 1887 besonders auf der Insel Reunion aus dem 1,6 Meter hohen, hochrote Blüten hervorbringenden Rosen- geranium gewonnen wird. Dieses wird wiederum mit dem Lemou« grasöl verfälscht, das aus dem in Südindien heimischen bläulich- grauen Lemongras gewonnen wird. Auf Ceylon und Malakka wird es im großen angebaut und durch Destillation das Oel daraus gewonnen. Noch weit mehr ist dies mit dem in trockeneren Gegen- den Südasiens verbreiteten Citronellölaras der Fall, daS sich von jenem durch seine rote Behaarung, die schmalen Blätter und die kurzen Nehren unterscheidet. Das 2 bis 2,5 Meter hohe Gras wird aus Samen gezogen und wird just vor dem Blühen ge- schnitten. Bei sorgfältiger Kultur gibt es zwei bis drei Ernter» im Jahr. In Südindien wird besonders auch das aus den Wurzel- stocken von Andropogon muricatus gewonnene Kuskus- oder, wie die Tamilen sagen, Vetiveröl viel benutzt, aber in nicht sehr großer» Mengen nach Europa ausgeführt. Dort wird auch viel Sandel- Holzöl aus dem in kleine Späne gehackten, rosenartig riechender» Kernholz des kleinen Sandelbaumes destilliert, das in allerdings weniger ertragreicher Qualität auch von den kleinen Sundainselr» exportiert wird. In der Medizin dient es zur Behandlung der Gonorrhoe an Stelle des älteren Copaivbalsams. Das wohl- riechende Holz dient— bei den Chinesen zugleich mit Weihrauch—» als Räuchcrmittel in Tempeln und bei Begräbnissen. Ebenfalls in der Medizin Verwendung finden das aus den ge- würzhaft riechenden Blättern zweier nahe verwandter australischer Bäume destillierte Cajaputöl(vom Malaiischen csju puti, d. h. weißer Baum) und das Eucalyptusöl(von dem bis 130 Meter Höhe erreichenden, äußerst rasch wachsenden und daher zur Eni- sumpfung fieberreicher Gegenden benutzten Eurslyptus globulns)', Aus den Blättern einer anderen Myrtacee(�momis carno- phyllacea) wird in den Kleinen Antillen, und zwar bis jetzt fast ausschließlich von wildwachsenden Bäumen, das B a h ö l gewonnen, während aus den Früchten des hauptsächlich auf Jamaika kulti, vierten Pimentbaumes das P i m e n t ö l hergestellt wird. Gleicherweise destilliert man aus den verschiedenen Gewürzen, wie Zimt, Cassia. Gewürznelken. Muskatnuß, Kar- damomen, Ingwer, Kalmus, Anis. Sternanis, Fenchel, Koriander usw., die betreffenden ätherischen Oele, die mancherlei Verwendung finden. DaS Gleiche ist mit den wohl» riechenden Lippenblütlern der Fall, wie Pfefferminz, Ros- marin. Lavendel, Thymian und Salbei, zu denen als eines der wichtigsten tropischen ätherischen Oele das eines Halb- strauchs von Indien, Ceylon und Malakka,?oxo5temen patsclrnli, hinzukommt, das nach der bengalischen Benennung P a t s ch u l ii heißt. Diese alle werden durch Destillation aus den Blättern und, übrigen krautigen Pflanzenteilen gewonnen. Mit dem durch- dringend riechenden Patschuli parfümieren die indischen Frauen ihre Kopfhaare, die Kaufleute die teuren Schals und den Tabak, die Chinesen ihre Tusche. Auch in Europa wird diese Essenz häusig zu Parfümerien verwendet, da der Duft der haltbarste unter allen Pflanzengerüchen ist. Eines der feinsten und kostbarsten der flüchtigen Oele, dem in Südosten sogar der allererste Rang eingeräumt wird, ist das Dlang-Nlangöl, das aus den grünlichen Blüten des etwa 20 Meter hohen, auf den südasiatischen Inseln heimischen, von den Malaien als Kananga bezeichneten Baumes Guianga odorata gewonnen wird Es kommt fast ausschließlich aus den Philippinen über Manila in den Handel und wird von kultivierten Bäumen ge- Wonnen, deren Duft sehr viel feiner als der der wilden ist; letz- teres, das als Kanangaöl bezeichnet wird, kostet deshalb auch nur etwa ein Siebentel des echten Nlang-DlangölS. nämlich 65 M. statt 440 M. das Kilogramm. In Südosten werden schon lange die ivohlriechenden Samen- körner einer strauchartigen Malve als Parfüm benutzt, z. B. zwischen die Wäsche gelegt..Sie riechen nach Moschus und kommen deshalb ff*<( als MosHuSkörner m Len Handel. Von Indien auS Ijai sich der Strauch, dessen unreife Früchte als beliebtes Gemüse gegessen werden, über die ganzen Tropen und Subtropen verbreitet und wird besonders in Weftindien, speziell Martinique, im grossen hilti- viert. In den beiden letzten Jahrzehnten hat sich der Verbrauch des aus den Moschussamen gewonnenen ätherischen OeleS ausserordentlich gesteigert. Ihm im Gerüche ähnlich ist das aus der bitteraromatischen Wurzel der in der zentralasiatischen Steppe heimischen Sumbulpflanze, eines Doldengewächses, gewonnene andere Moschusöl, das ebenfalls ein Surrogat des echten Moschusöles bildet. Wie das in den Orchideenblüten nicht seltene Vanillin, das übrigens neuerdings künstlich hergestellt wird, sich in konzentrierter Form in den Schoten der Vanillepflanze vorfindet, so ist das in der Pflanzenwelt als Duftstoff weit verbreitete K u m a r i n, das dem Waldmeister, dem Ruchgras und dem letzteres in grösserer Menge enthaltenden Heu den charakteristischen Geruch verleiht, in der südamerikanischen Tonkabohne in besonders hohem Masse angehäuft. Die sie hervorbringenden Tonkabäume sind 20 bis 27 Meter hohe Schmetterlingsblütler, die in den Wäldern Guianas, Venezuelas und Nordbrasiliens heimisch sind. Von dort kommen die über mandelgrohen, glänzend schwarzen, runzeligen Samen in den Handel, die sich nach vorüber gehendem Einlegen in Rum mit farblosen Kumarinkriställchen bedecken. Während sie wie die Vanilleschoten und das Kraut von Waldmeister und Ruchgras fast geruchlos find, duften sie jetzt stark nach Heu, indem sich wahr- scheinlich das Kumarin, wie das Vanillin und ähnliche Duftstoffe, aus einer anderen leicht zersetzlichen Substanz erst bildet. Es dient vielfach zur Parfümerie, als wohlriechende Beigabe zum Schnupf- tabak, zur Bereitung von Maitrankcssenz und zur Imprägnierung von gewöhnlichen, geruchlosen Kirschbaumtrieben, die dann als Weichselrohr zur Herstellung von Pfeifenröhren, Spazier- stocken usw. dienen. In der Medizin wird damit der penetrante Geruch des Jodoforms gemildert. Reichliche Verwendung finden auch die in den Blüten und Früchten der Agrumon(Zitronen, Apfelsinen usw.), wie auch in den wohlriechenden Blüten der verschiedenen Gartenpflanzen, wie Veilchen, Reseda, Maiglöckchen, Heliotrop, Hyazinthen, Tuberosen usw., enthaltenen ätherischen Oele. Die Stadt Grosse in Süd- frankreich ist das Zentrum von deren Kultur und Gewinnung. Dabei werden die gepflückten Blüten mit geschmolzenem Fett über- gössen und umgerührt, erstarrt 24 Stunden liegen gelassen. Dann wird' das Fett wieder geschmolzen und dieser Prozetz wiederholt, bis das Fett mit dem Riechstoff gesättigt ist. Zur Erreichung dieses Resultats sind von manchen Blüten bis 0 Kilogramm auf 1 Kilo- gramm Fett erforderlich. Für die feinsten Gerüche verfährt man in der Weise, datz man grosse, starke Glastafeln 0,5 Zentimeter hoch mit ebensolchem reinem Fett— in der Regel Schweinefleischschmalz und Rindstalg— belegt und in diese die Blüten, deren Duft man auffangen will, mit dem Kelch nach oben steckt. Auf die Glastafel wird eine zweite, in derselben Art zugerichtete gelegt, die als Deckel dient und den Geruch nicht entweichen lässt, darauf eine dritte wieder mit Blüten besteckt und so fort. Nach 25 bis 30 Tagen ist das Fett mit dem Dufte der täglich gewechselten Blüten gesättigt. Diese als Pomaden bezeichneten parfümierten Fette bilden die Grundlage der meisten Parfümartikel. Aus ihnen kann man durch Extraktion mit Weingeist den Riechstoff als Essenz erhalten und in einzelnen Füllen ihn auch als ätherisches Oel für sich ab- scheiden. Der Sprit gibt dem Parfüm die Frische, und sein Geruch hat etwas Belebendes. Um nun die verschiedenen, vielfach mit Phantasienamen belegten Parfümwässer zu erhalten, werden die Essenzen in mannigfaltiger, als Fabrikgeheimnis geheim gehaltener Weise gemischt und zur gegenseitigen Durchdringung der Duft- stoffe oft längere Zeit in Holzfäffern gelagert 8täätebiläer. Basel. Ist eS eine Täuschung, wenn ein freies Gefühl beim Verlassen des Bundesbahnhofes sich des Preussen bemächtigt, der über die Grenze des KantonS geht, nicht um einige Kupons hochwertiger Papiere in diesem Lunapark Europas abzufahren, sondern sich einige Atemzüge einer Lust aufzunehmen, die nicht vom Hauch des Gottes- gnadentumS geschwängert ist? Ist sie bester? Der noch von erstickter Abneigung bewegte Puls geht langsamer, man schreitet durch Villen und parkartige Strassen und zaudert. Ist dies nicht auch das Land der inter- nationalen Milliardäre, der Hotels mit jenen Rechnungen, die nach dem Witzblatt dem Gaste das vergnügte Pfeifen unterbrechen lassen? Man greift beunruhigt nach den beiden Güldenen, die die Um- wcchslung in Franken ergab, und eilt, die vornehme Gegend zu verlassen. Die Strasse senkt sich tief hinab, und in diesen Niveau- Veränderungen liegt ein Teil deS starken Reizes der Stadt. Alte Häuser übereinander, mit den Strassen auf und absteigend, gewunden und gebogen— kaum mehr als fünf Häuser weit eine Gerade bildend. Die Front selbst ist selten bei den vorherrschenden älteren Häusern mehr als drei Fenster breit, so wirken sie schlank und in schönem Verhältnis, während das Berliner' Mietshaus dem Quadrat sehr nahe kommt und durch die Einförmigkeit reizloser Fenster« öffnungen, endloser monotoner Geflmslinien den öden Eindruck hervorruft. Was alles geschieht am Baseler Haus, eS auS der Masse zu heben I Weit schiebt sich de'' Balkon über die Strasse, bei grösseren Häusern das ganze H uS galerieartig umgehe. ld; weit auch schiebt sich der Giebel vor, herzhaft gleich all den Läden der Fenster, gleich dem Fenstergesims in Farbe gebracht. Sie sind stark, diese Farben, tief und voll, braun— blaugrau— das tiefste Rot— aber nie bunt. Es freut ein Malerauge zu sehen, wie geschickt selbst kühne Kontraste durchgeführt sind. Und mehr noch freut es: es sind nicht die allen und ältesten Häuser, es ist nicht die Vergangenheit, die so baute, gerade die zu» letzt Eingereihten fallen nicht heraus, sie sind mit die reizvollsten, enthalten alle Eigenarten des besonderen Baseler Stils. Eine Stadt an einem derartigen Schnittpunkt der europäischen Kultubcwegungen mutz ja reich sein an Ideen und Erfahrungen. Sie kann also nicht, wie das immer noch erst als„angelegt" zu betrachtende Berlin, noch bei der primitiven Geraden, dem Kreis, dem einfachen Bogen im Bau sein, sie kann auch nicht zufrieden sein, einen Baustil zu über« nehmen. Sind sie doch alle im Laufe der tausend Jahre mit am frühesten hier eingeführt, und spielen sie wie Regenbogenfarben in allen Gebäuden in kaum merklichen Reflexen. Man beschneidet die Ecken, rückt das Erdgeschoh zurück, läßt aar den ganzen Aufgang offen. Durchfahrten gehen durch neue Häuser; man steht, die neue Zeit ist nicht brutaler in Basel gegen das Ganze geworden. Mehr noch tun die Gässchen und Wege, die nicht nur Fronten, sondern auch Seitenwände entwickeln lassen. Reiche, un« ablässig gewandelte Gesims- und Friesornamente, die auch im Balkon» gitter wiederkehren und kein gusseisernes Fabrikschema dulden, halten den aufsteigenden Blick zurück. Selbst das simpelste Häuschen bringt neben den Farben der Hauswand und der Läden ein kunstvolles, eigenartiges Türgitter auf, und sei eS nur eine kleine Torfenster« einlage. „Das Haus zum goldenen Tanz�, als ein neuestes, „Die Schnecke", in Kleinbascl am Rhein gelegen, als ein altes Beispiel aus der Zeit von 1500, sie sind einander wert. Bei diesem ist das heute noch im Eigennamen jeden Hauses ausgedrückte Selbst« bewusstsein in dem Hauszeichen erhalten, einer Schnecke, die in grünem Laub sitzt, in violettfarbigem Rahmen. Farbe— wohin man sieht, durch Farbe drückt das Steinhaus das Leben seines Be» wohners, sein besonderes Empfinden aus, wofür sich ja auch in Berlin langsam Meinung findet. Aber was wagt man nicht in Basel I DaS Rathaus ist im Bauprinzip kaum vom Berliner Rathaus abweichend, das Berliner darf sogar als das edlere gelten. Aber welch Leben, welche Wärme verlieh der Basler dem seinen! Das tote Weiss der Natursteme bringt seine frisch zugreifende Farbe schnell zum Leben, aber auch zur Einheit. Auf das tiefe Rot setzt er dann kühn blaue Orna- mente, die Fenster selbst sind enger verbunden und lassen grosse Flächen dem Schmuck der Farbe frei. Im Hof ergibt wieder die farbige Tünche Wärme und Behaglichkeit, zugleich den Fresken den Rahmen gebend. Ein tiefes Blau strahlt auS den Decken der Bogen» gänge und schafft ein vertrauliches Verhältnis mit dem Beschauer. Auch die Frage, ob man Statuen bemalen soll, hat Basel längst gelöst und freudig bejaht. Ist doch an sich schon ein Steinbild ein Versuch der Nachschöpfung des Lebens. Basels Standbilder, die Figuren des Fischerbrunnens, prägen sich dem Vorbeigehenden ein, ihr Gold und Blau und Rot hindert nicht, die Arbeit des Schnitzers, des Bildners zu betrachten. Aber sie verhüten den Frost, den die Marmortoten des Tiergartens verursachen. Allerdings, eins hat der Baseler Baumeister an sich voraus, er baut sich und den Seinen zur Lust und Ehre, niemand darf sich herausnehmen, dem Bürger seinen Geschmack aufzudrängen— sie würden ihn mit Hohn heimschicken. Trotzdem ist Basel nicht schön zu nennen; dazu gehört wohl eine Einheit der Verhältnisse, die nicht möglich war. Ein Stadtteil nur— ganz dem Stil des„Hauses zum goldenen Tanze" an» gehörend— könnte idealen Ansprüchen genügen. So stört schon die übermässige Breite deS an sich schönen. gletschergrünen Rhein- stromes, gegen den die Stadthäuser wie Vogelnester wirken, und selbst der Münster mit den schönen Ordenskreuzgängen, mit den figurenreichen Portalen wirkt klein. Eine Ueberfülle von interessanten Ausblicken und Durchblicken entschädigt dafür, die Stadt ist wie ein Museum, nur belebt und angenehm belebt von einer charakteristischen Bevölkerung. Basel wie Strassburg und Frankfurt besitzen trotz ihrer kleineren Strassenbahnnetze etwas, was die Grosse Berliner nur in einer ein- samen Villengegend andeutungsweise besitzt— Wartehallen. Ist das Wetter im Norden milder oder sind die Südländer anspruchsvoller? Jedenfalls sind die Bahnhöfe der Trambahn mit einer Sorgfalt ausgestattet, wie sie der Norden nur für die Minutcnaufenthalts durchreisender Potentaten hinzaubert. Sie nehmen gleichzeitig alle die kleinen notwendigen, aber störenden Bauten: Rotunden(die unterirdisch find), ErsrischungShäuschen, Zeitungskiosk usw. auf, enthalten Telephon, Wetterapparate, Autcmaten, die auch Fahrpläne für 20 Cts. mit Stadtplan verkaufen. Eine noch grössere Ueberrasckung find die B r u n n e n. ES mag Basel mit seinem reichen Wasserzustrom nicht viel kosten, eine solche Menge Brunnen Tag und Nacht laufen zu lassen, aber wohl wünscht man die Berliner Verschönerungsräte herbei, um ihnm zu Welsen, wle billig und einfach auS dem Brut n a ew Stadtschmuck gemacht wird. Die Form ist nicht auffallend, das scheint die Hauptsache zu sein. Meist ist es die alte dörfliche Trogform, ein längliches Viereck auS groben Quadern, an der Stirn eine Säule— darauf eine Figur, die dem Volke, der Bevölkerung etwas bedeutet. Man brauchte nur die Berliner Museen zu öffnen und die er« träglichsten, lebendigsten Statuen ins Licht zu bringen. Man brauchte Weiler nur die Ateliers der Bildbauer revidieren lassen und man würde erstaunt sein, wie viel billiger und origineller der plastische Schmuck der Stadt sein könnte. Aber nicht der plastische Schmuck ist es, der die Brunnen so vor« bildlich scheinen lästt, neben der bequemen Form ist es die Weite und Breite der Bassins, das Fehlen des„Entwurfs", der auf- gepappten„Kunst"— deS„Stils". Da hat jede Generation etwas zurechtgerückt, aber da? Ganze als vernünftig gelassen, eine Figur hinaufgestellt, Blumen und Pflanzen bei den mehrteiligen Anlagen um die Säule gebracht. Sie füllen bequem die Nischen und Winkel auS, die die Treppengästchen und das Durcheinander der Häuser in Menge entstehen lassen. Zwanzig von ihnen in ihrer anmutigen Schönheit dürften noch nicht die Kosten des schlechtesten Berliner »Monumcntalbruuncns" erfordern. Was aber kann der Fremde vom Innern deS Stadtbildes, auch Nur der Häuser sagen, geschweige vom Bewohner? Er wird sich an die„Wahrzeichen" und Chroniken halten, um tiefer zu sehen. Daß cS nicht auch hier heigt:„Austen hui— innen pfui", belehrt manch' flüchtiger Durchblick, verrät aber selbst da? Stadtbild. Wenig des Pomps und öden renommistischen Prunks findet das Auge, wohl aber viel Freude am sichtbaren Geiiust— am Sinnbild der frucht- reichen Arbeit, an innerem Reichrum. 1537 sagt Wurstisen vom Innern ihrer Häuser:„Da alle Gemach zum zierlichsten vertäfelt. vergipst, gemalet und gefirnißt sein müssen, wird bald dazu kommen, daß man sie versilberr und vergülder." Bom Baseler selbst sagt das Volksivort nur in vielen Wendungen, daß er nicht von seinen Geldsäckcn zu bringen sei— und verspottet sein ewig von Eeldnicht verschrumpeltes mürrisches Gesicht. Dennoch geht man wie befreit unter diesen ruhigen, heiteren und sichtlich sehr fleißigen Menschen umher, wundert sich ein wenig, daß Polizeibeamte sich anständig und sympathiscb benehmen köimen, ohne an Autorität— einer vom Volk: an Volksglieder freiwillig verliehenen— zu verlieren. WaS würden die ausgedienten Feld- webel und Tressenwäger der Berliner Polizei dazu sagen, daß sämtliche Stützen der Basler Ordnung bis auf den letzten Mann organisiert sind und selbst die Linke ihnen den Revolver nicht vcr- sagt, gewist, daß diese Bürger ihn nie gegen andere Bürger miß- brauchen würden? Noch eines der Fresken im Eingang des Rathauses sei gedacht als Illustration deS Geistes, der in Preußen erst erwachen soll und iiber Basel lebt: Ein verbrecherischer König, zur Veranrwortung ge- zogen, erscheint im Vertrauen auf die gewohnte Furcht vor dem Schein der Macht, umgeben von seiner Leibwache, vor den Richtern. Schon will daS Gericht ihn furchtsam freisprechen, da wird es von einem der Beteiligten an rechtes Gericht auch diesem gegenüber er« mahnt, überwindet die Furcht und bestinimt ihm seine Strafe. Noch ganz voll von dieser Symbolik komme ich zu einem Bahn- bof, da schallt mir ein ernster vielstimmiger Gesang entgegen. Es sind Beanite— wohl in einer Pause— einer dirigiert, kräftig. andächtig wogt ihr Berglied durch die Hallen, und ruhig gleitet der Verkehr fort, als gehöre Heiterkeit der Seele zum Dienst, der Dienst zum frohen Leben._ Kleines Feuilleton. Aus dem Gebiete der Chemie. Das Brennen und Löschen des KalkeS. Es gibt chemische Prozesse, die man täglich vor Augen hat, ohne daß man sie beachtet oder danach fragt. wie sie bedingt seien und man es höchstens dabei bewenden läßt, sich über die„unerklärliche Erscheinung" zu wunder». Zu diesen gehört sicherlich das Brennen und Löschen des Kalkes und es ist nicht ganz ungerechtfertigt, hier einmal daS Naturgesetzmästige dieses alltäglichen Vorganges mitzuteilen. Der Kalk, wie er einen so wesentlichen Bestandteil der felsigen Erdoberfläche bildet, ist kein chemisch einfacher Körper, sondern eine Verbindung eines chemischen Elements, des Calciums, mit Sauerstoff und Kohlensäure. Das Calcium, das also überall den Grundbestand« teil des KalkeS bildet, kommt nirgends in der Natur rein vor. Vom Chemiker rein dargestellt, ist es ein hellgelbes Metall, glänzend, ziemlich weich und sehr dehnbar, verändert sich aber schnell an der Luft. Als Kalkstein ist daS Calcium mit Sauerstoff zu Calciumoxyd und dieses mit Kohlensäure zu kohlensaurem Calciumoxyd verbunden, das eigentlich der wissenschaftliche Naine für den Kalkstein ist. Dieser ist in reineni Wasser gar nicht und in kohlensaurem Wasser nur sehr wenig löslich; er ist also wohl ohne weiteres nicht als Mörtel ver- wendbar. Dazu muß er vorher mancherlei Behandlungen unter« zogen werden. Zunächst wird der Kalkstein gebrannt, was bekanntlich in besonderen Kalköfen stattfindet. Durch die Hitze wird die flüchtige Kohlensäure auS dem Kallstein ausgetrieben; es wird also aus dem kohlensauren Calciumoxyd einfaches Calciumoxyd, gewöhnlich(je« brannier Kalk oder Aetzkalk genannt. Calsiumoxyd kommt ebenio« wenig wie das Calcium in den Gebirgen oder sonstwo vor, sondern wird eben durch das Brennen, einen chemischen Prozeß im großen, erst dargestellt. Aetzkalk heißt es wegen jener ätzenden Eigenscbaften, die es z. B. geeignet machen, um die Haare von den zu gerbenden Tierhäuten herunter zu bringen. Aus diesem Grunde verbraucht der Gerber viel gebrannten Kalk. Vor feuchter Luft geschützt und an trockenen Orten aufbewahrt, hält sich der Aetzkalk lange unverändert, während er aus der feuchten Lust Feuchtigkeir und Kohlensäure anzieht. Da es aber nicht möglich ist, gebraunlen Kalk in großer Menge luftdicht abzuschließen, so ver- liert er bald seine Brauchbarkeit. Der gebrannte oder Aetzkalk wird nun behufs der Mörtelbereitung gelöscht. Dieses Wort erleidet hier eine sonderbare Anwendung, weil dabei kalte Körper, Aetzkalk und Wasser, zur stärksten Erhitzung getrieben werden, alio gerade das Gegenteil vom Löschen bewirkt wird. Je nach dem Gewichtsverhältnis des zum Löschen verwendeten Wassers gibt daS Löschen ein anderes Ergebnis. Mit ungefähr ein Drittel seines Gewichtes Wasser besprengt, bläht sich der gebrannte Kalk stark auf und zerfällt langsam zu einem trockenen Pulver(Kalk- mehl). von dem 100 Teile 75 Teile Calciumoxyd und 23 Teile Wasser enthalten. Setzt man zu dem Kalk all« allmählich die doppelte Menge Wasser hinzu, so erhält man eine etwa rahmdicke Flüssigkeit, die nach dem Erkalten einen dicken weißen Brei sden Maurerkalk) gibt. Durch Hinzusetzen von noch mehr Wasser bekommt man- eine milchweiße dünne Flüssigkeit(Kalk« milch) und bei einer Steigerung bis zu 1003 Teilen Wasser wird der Kalk zu einer vollständig wasserhellen Flüssigkeit(Kalkwasser) aufgelöst. In allen diesen Fällen verbindet sich der gebrannte Kalk unter Eniwickelung einer großen Wärme, die bis zur Siedehitze steigt, mit dem Wasser; er bildet ein Hydrat. Wir haben hier, beiläufig gesagt, einen Fall von Wärmeerscheinung, die einfach durch den Vorgang einer chemischen Verbindung, ohne einen sogen. Wärmestoff, bedingt ist. Bei der Verwendung zu Mörtel mischt man den Mauerkalk be- kanntlich mit Sand und daß dieser Mörtel allmählich erhärtet, beruht darauf, daß er mit großer Begierde Kohlensäure aus der Luft an« zieht und also wieder wird, was er vor dem Brennen war, kohlen« murer Kalk. Bei dieser Erhärtung zeigt der Kalk zu den bei« gemengten Sandkörnchen ein großes Anhaftungsvermögen. Technisches. Der elektrische Geigenvirtuose. Dem Violinspie� droht eine schreckliche Gefahr, denn die Elektrizität soll gegen die Geigenvirtuosen mobil gemacht werden. Der elektrische Violinspieler scheint bereits zur Talsache geworden zu sein. Sein Vater ist ein junger Schwede namensSandcll, der in Amerika lebt. Schon als Zwanzigjähriger hatte der begabte Jüngling verschiedene Apparate für drahtlose Telegrapbie erdacht und ein»lavier mit Menschen« stimmen erfunden. Jetzt ist nun auch seine elektrische Violine aus dem Plan erschwnen, und zwar mit der erforderlichen Begleitung des automatischen Klaviers. Vier Jahre hat er angeb« lich gearbeitet, ehe er eine„befriedigende" Lösung der Aufgabe fand. und es heißt, daß er jetzt schon einer großen Gesellschaft die AuS- beutung seines Patents übertragen hat. Die elektrische Violine ebenso wie das begleitende Pianino wird durch den Streifen von perforiertem Papier in Betrieb gesetzt, die durch elektromagnetische Ströme bewegt werden. Es scheint eigentlich unmöglich zu sein, das Geigcnspiel durch eine mechanische Vorrichtung mit annähernder Aehn- lichkei« der Ausführung hervorzubringen. Dennoch wird versichert, daß dem jungen Sandell das Kunststück durchaus gelungen ist. ES wird zwar zugegeben, daß diesem automatischen Geigcmpiel etwas von der Seele des Spielers fehlt, auf der anderen Seite aber der Vor« zug in Anspruch genommen, daß die elektrische Violine nicht die sehr häufigen Unzulänglichkeiten von Geigenspielern zweiten Ranges höre» läßt. Der Violano Virtuoso, wie der Apparat genannt wird, vennag angeblich die zartesten Feinheiten künstlerischer Aus- führung wiederzugeben. Es wird auch versichert, daß er gegen die Einflüsse von außen her ebenso empfindlich ist wie eine Geige, so daß die mechanische Einförmigkeit deS Ausdrucks vermieden wird. WaS die Konstruktion selbst betrifft, so wird daS Streichen der Saiten durch kleine Räder hervorgerufen, die in ungefähr fünfzig biegsamen Scheiben aus Zelluloid bestehen und ebenso wie ei» Violinbogen mit Kolophonium eingerieben sind. Sie drehen sich mit größerer oder geringerer Geschwindigkeit und üben dadurch einen verschiedenen Druck auk die Saiten. Die Dicke der Scheiben ist nur die eines starken HaareS. Die Bewegung der Finger des Spielers ist ersetzt durch die Bewegungen einer Reihe von Elektromagneten, durch deren Wirkung das Auf und Ab der mechanischen Finger hervorgebracht wird. Andere Elektromagneten sind dazu da, besondere Be« wegungen zu veranlassen wie ein Staccato, ein Pizzicato, ein Glissando, ein Tremolo. Die Ströme für die Elektromagneten werden durch Bürstenkontakte kontrolliert, die über die Papier- bänder laufen und aus einen Metallzylinder treffen, wo ein Loch in dem Band ist. Die Bänder sind 35 Zentimeter breit und geben 125 Koniakte, nämlich 70 für die Geige und 55 für daS Klavier. Der erregende Strom hat eine Spannung von 113 Volt, wie bei den gewöhnlichen Elektrizitätsleitungen. Die Bewegungen deS Papiers geschehen durck einen kleinen Elektromotor. Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärrsBuchdruckerel u.Bert«g»auilall>ßaul«,uLerLlEo..>vertMtiV)i„