Hlnterh allun g sblatt des vorwärts Nr. 196. Freitag, den 7. Oktober. 1910 (NachdruS perbolen.j 661 Der Entgleiste. • Von Wilhelm H o l z a m e r. Der ganze Chor erst, dann eine Männerstimme solo. Der Chor sang den Refrain, und nun beganm eine Frauen- stimme. Und wieder der Refrain. Es war ein gemeines Lied, eine schlechte, oberflächliche Melodie. Melanie fiel ihm ein und Weik. Er schämte sich. Aber was half die Scham I Ihnen gegenüber war er wie ein morscher Pilz jetzt. Was konnte ihm das helfen? Nun galt's die Probe: Pilz oder Baum, ganz für sich allein. Nun galt's ganz für ihn allein, das erst war die Entscheidung seines Wegs, seiner Kraft und seines Wertes. Fallen und imten bleiben— oder hinauf und wachsen. Und dann vor ihnen beiden stehen: Melanie und Weik. Ich bin's! Und es ist alles von mir, was ich bin! Da gab er sich einen Ruck und trat ein. Es fiel ihm schwer, iiber die Schwelle zu gehen. Eine dicke muffige Luft schlug ihm entgegen. Aber nun hatte er die Türe geöffnet, weiter also. Er bestellte sich einen Grog. An seiner Aussprache erkannte man den Deutschen. Man empfing ihn mit lauten Zurufen. Er machte gute Miene zum bösen Spiel, aber er hielt sich doch für sich allein. Ein neues Lied begann. Philipp wollte gehen. Aber da hatte sich flink eine Dirne neben ihn gesetzt und plauderte mit ihm. Er bestellte sich ein zweites Glas, der Dirne den erbetenen„Bock". Er hörte ihrem Geplauder zu, ohne eigent- lich aufzufassen, was sie wollte. Es war ihm wie eine simple Melodie, die einlullte. Wieder ein Lied, und wie vorhin wurde die Strophe von einem der Männer mit rauher, roher Stimme vorgesungen, der Refrain von allen mit Gläsergeklapper und Aufschlagen auf den Tisch geradezu gebrüllt. Nach dem Refrain war dann jedesmal ein lautes Gelächter. Die Dirne neben Philipp sang tapfer mit. Er hörte, daß sie eine gute, helle Stimme habe. Meist waren die Frauenstimmen hier rauh und roh, verlebt. Als das Lied zu Ende war, redete er ihr zu, ein Lied allein vorzutragen. Nach einigem Bitten tat fie das. Sie sprang auf den Tisch und sang ein freches Lied, das sie mit häßlichen Gebärden und sehr verständlichen Be- wegungen begleitete. Philipp dachte an die Gasthäuser seiner Heimat. Er dachte an Mainz und an den Rhein, an die Lieder, die sie ge jungen hatten, er und die Freunde, wenn der Mond über die Berge stieg und über die klare Bläue des Himmels hinfuhr, wie ein goldner Kahn über einen blauen See. Er sah die Wiesen sich dehnen und den Fluß sich winden— er sah das Mondlicht durch die Büsche streichen und das Licht von den Zweigen träufen und im Wasser hinfließen. Die Kleine sang längst nicht mehr. Sie war vom Tisch gesprungen und hatte sich wieder neben Philipp gesetzt. Aber da er still verloren, versunken dasaß, ging sie wieder hinüber zu dem anderan Tische, wo die Lust im Lärmen tobte. Philipp war immer noch in seinen Träumereien, und die Lieder seiner Heimat klangen in seiner Seele lauter und lauter. Da kam es leise von seinen Lippen, das deutsche Lied von Heinrich Heine: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin— ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn. Er sang in Heimweh und Schmerz alle Strophen durch. Und die Gesellschaft, die kein Wort verstand und sonst nur Zotcnlieder fang und anzügliche Bonmots prägte, lauschte ihm ergriffen. Als er geendet hatte, kam der Glasfresser zu ihm, der allabendlich die gleiche Stummer hier aufführte und ein Bierglas zerbiß, und sagte: „Bravo, Bruder, w*r werden nun immer zusammen arbeiten!" Eine Dirne kam heran und steckte ihm ein Veilchew sträußchen an. „O. ich liebe die melancholischen Lieder, ich liebe die deut- schen Lieder, teurer Mitbruder," jagte sie. Der Wirt kündigte einen neuen Sangesbruder an, und ehe er sich's versah, hatte man Philipp auf das Podium ge- zerrt. Er sang wieder. Er ließ der frommen Melancholie eine lustige Studentenweise folgen. Von draußen waren neue Gäste gekommen und umstanden ihn. Hinter ihm fragte jemand:„Ist er verrückt?" Philipp hörte es nicht. Er war völlig hingegeben und entrückt. Der Hut beschattete sin Gesicht— wie schwarze, weiche Funken waren die Augen unter dem Schatten der Krempe deutlich � seine Gestalt war ein wenig zusammen- gesunken. Der Nacken seitlich vorgeneigt, die blassen Hände hielt er an die Rocktaschen und packte, den Daumen hineingesteckt, die vorderen Zipfel eng zusannnen. Man sah an der ganzen Haltung und Erscheinung, daß er ein anderer sein müsse, hinter dem noch mehr stecke, als daß er hier unver- ständliche deutsche Lieder singe. fj>!an zuckte die Achseln, man kicherte, aber man hörte zu. Unaufgefordert brachte ihm der Wirt ein Glas Grog. Philipp trank hastig. Er fühlte ein lang entbehrtes Wohl- behagen. Das Nahe und Drückende verlor sich. Die Dinge, d>e um ihn waren, verloren ihre Deutlichkeit, wie das Leben überhaupt. Es trat alles wie hinter einen Schleier und ent- fernte sich mehr und mehr. Nichts, das forderte, nichts, das begehrte. Nichts, danach er verlangte. Es wurde ihm frei. Ein allgemeines verworrenes Ge- räusch des Lebens hörte er ferne sich verlieren, und nicht mehr davon als ein verlorenes Brausen upd Wogen reichte an ihn heran. Traum— Vergessen? Der Wirt kam wieder und svrach mit ihm. Er hörte nicht darauf. Er hörte nur mairchmal etwas von„Engage- ment"— aber das war ihm gleichgültig. Es ging ihn alles in der Welt nichts mehr an. Es war ihm wohl. Er suchte in seinen Taschen, um zu bezahlen. Der Wirt nahm nichts an. Er wunderte sich gar nicht. Er steckte stumpfsinnig sein Geld wieder ein. Traum— Vergessen! das war wie ein lustiges Gaukelspiel, das ioar wie Kinder- freude. Traum— Vergessen! DaS war in einer ganz ande- reu, unwirklichen Welt.— Indessen tanzte die Alg6rienne im Chlltelet und ver- michte Philipp am gewohnten Platze. Sie ahnte nichts Gutes. Aber es war ihr gleich. Der Gedanke, in den „Cyrano" zu gehen, beherrschte sie ganz. 12. Die Algärienne kam nach Hause, als schon der Morgen graute. Sie hatte im„Cyrano" getanzt, toller als je, und hatte die Männer erhitzt und verachtet und keinem nur die Gunst eines Handkusses gewährt. Aber es schmeichelte ihr, wie sie begehrt wurde, und sie ließ alle Reize ihrer Wildheit springen. Es war ihr so wohl— und sie tat einen Schrei. Den Adlerschrei eines freien Fluges, des Hinaussteuerns in die Lüfte, ganz Kraft und ganz Sieg. Und als sie nach Hause kam und das Bett leer und un» berüyrt fand, stürzte sie getroffen aus der Höhe herab. Sic warf sich auf den Boden hin und weinte. Sie schlug um sich und tat sich selbst wehe und weinte. Sie tobte und riß sich die Kleider vom Leibe und heulte. Sie wartete noch. Sie hoffte noch. Der Tag stieg, und sie blieb allein. Da trocknete sie ihre Tränen. Sie fletschte die Zähne und riß die Augen auf. Weh ihm! Sic ballte die Fäuste. Sie haßte ihn! Und sie würde ihn töten! Sie würde ihn finden durch die ganze Welt hindurch. Dann legte sie sich auf das Bett und schlief ein. Sie durchschlief den Tag. Sic schlief traumlos und tief. Denn sie war todmüde,— übernächtig und abgespannt.— Philipp hatte einen schlimmen Tag. Was ihn gestern zum Singen innerlich bewogen hatte, das stand nun vor- wurssvoll vor ihm: die Erinnerungen seiner Heimat, die Sehnsucht nach seiner Heimat. Er schämte sich. Was war er geworden! Aber wie war ies auch in ihm geworden! Er war wie ein See, dessen Grund sich geöffnet und die bewegten Wasser verschluckt hat. Er war tot, leblos. Da mußte der Schlamm obenauf kommen. Wo einst Welle mit Welle gespielt, wo Wasser zu Sonne und Sonne zu Wasser geträumt, wo Leben gewesen war und Glanz, Bewegung und Wechsel und immer wacher Trieb, da war nun Trockenheit und fauliger Grund. Vergessen! schrie es in ihm. Da schlich er sich hinauf in seine Wohnung. Die Al- g'önenne war längst ins Theater gefahren. Er warf sich in seinen Sessel und schloß die Augxn. Es war ihm, als läge ein dunkles Ungetier in seiner Stube, mit roten, stieren Augen, mit geblähten Nüstern, mit verzerrten Zügen— ein Ungetier aus der Apokalypse! Und es griff nach ihm mit runden langen Krallen, von denen das Blut so vieler Opfer tropfte. Und er' konnte nicht ent- rinnen. Nein, er wollte widerstehen! Nie wieder ein Schritt in diese Kneipe! In ihm mahnte es zur Arbeit. Da standen seine Träume vor ihm und verlangten nach ihrer Verwirk- lichung. Aber wenn er zupacken wollte, da griff er ins Nichts, da faßte er nichts, da schälte sich nicht ein Einzelnes, Festes heraus, da jagte eins das andere, und Chaos ward es in ihm und Leere. Er dachte, wie wohl ihm gewesen war gestern abend— wie leicht, wie fern ihn: alles gewesen war. Es war etwas niatt geworden in ihm, er wußte nicht, warum und wie, er war zerbrochen. Er griff nach seiner Geige und strich ein paarmal mit dem Boaen darüber. Nein! Er ginge aber doch nicht wieder in diese Kneipe! Doch als die Nacht kam, hatte er keinen Widerstand mehr. Es war etwas, das lockte und zog. Es war wie eine Stimme im Wind, wie ein tanzender Strahl im Dunkel. Schon bei dem bloßen Gedanken schien ihm das Schwere in seiner Seele leichter zu werden. Und leicht, leicht sollte es ihm doch sein! Er nahm seine Geige und ging. Es war ihm, als gehe ihm jemand voraus, dem er folgen müsse. Er folgte, ohne sich klar werden zu können, ob er noch einen Willen dabei habe. Er folgte. Und so geschah es von nun an jeden Abend. Und so hielt er das„Engagement" des Wirtes. Er sang für das. was er trank. In der Kneipe hieß er kurzweg„der Preuße", und so wurde auch nach ihm gerufen. Anfangs hatte er noch Widerstandskraft genug, nur zu singeu,>venn er Stimmung und Laune dazu hatte. Aber bald nahm ihm der Alkohol auch diese Kraft. Schon auf einen Zuruf hin sprang er auf und lallte seine Lieder, die er auf der Geige begleitete. Seine Gesten und Bewegungen wurden immer übertriebener und komischer, seine Vornehm- hcit erschien immer grotesker in seinen zerlumpten Kleidern. und so war er eine Figur, über die man sich auslachen konnte, ein Clown, und als Sänger erschien er allen einfach als verrückt. „Er ist verrückt!" Und danach behandelte man ihn. Und ihm war alles gleich. Er trank. Man dekorierte ihn, inan formte seinen Hut, man kränzte ihm die Haare mit Papier- blumen, man kehrte ihm die Hosentaschen heraus, man machte ihn zurecht, wie man gerade die Laune hatte, ob er dadurch verhöhnt ward, ob er eine Spottgestalt auf seinen eigenen Jammer wurde, danach fragte man nicht. Manchmal machte man sich auch den Spaß mit ihm und ließ ihn Schnecken und Austern dutzendweise essen, so viel er nur in sich stopfen konnte— und er hatte oft Hunger— und dann schnitt man ihm Zitronen klein, machte mit Bier einen Salat daraus und ließ ihn dieses ekelhafte Zeug verzehren. Er tat es. Der Wirt machte ein Geschäft dabei. An sein Fenster hatte er einen Zettel geklebt:„Allabendlich der Urnssien"! (Preuße l) Seine klein« Schankstube war stets gedrä'igt voll. lFortsetzung folgt.)' 5] Die farniUe Krage. Von Johann Skjoldborg. Autorisierte Uebersetzung von Laura Heidt. Zeitungen! ,.... Ja, wer da Geld und Zeit hatte, sich mit derlei Dingen zu beschäftigen.... Anders hatte zwischen sich und der Welt einen tiefen Graben gelegt. Nun sollte es sich zeigen, ob der Sohn es ihm nachtun werde.— Zeitungen, die er von den Grabcnrändern' und dem Hof« des Kaufmanns her kannte, wo fi« lustig im Winde umherflatterten, waren ja nichts weiter als Einwickelpapier, und nun gab der Schwiegersohn Geld aus für solchen Dreck, ja, vergeudete sogar zweimal wöchentlich soviel Zeit dafür, um sie von der Poststelle zu holen! Weiter als bis dahin reichte der Strom der Zeitungen, die das Land überfluteten, noch nicht. Er floß zuletzt schon sehr spärlich, aber zu den Häufern da draußen in den Dünen hatte er bisher noch nie seinen Weg gefunden. Als Jürgen die ftischen Druckbogen auf dem Tisch des Hauses auseinanderfaltete und seine Blicke voll Wohlbehagen über die Spalten der ersten Tageszeitung gleiten ließ, die jemals in die Toruper Dünen gelangt war, saß Anders neben ihm. Aber der alte Häusler blickte so finsteren Auges daraus hin, daß die„Volts- zeitung", falls seine Blicke hätten zünden können, im Nu zu Asche verbrannt worden wäre. Dann gab es� noch etwas, was Anders beunruhigte: eins Petroleumlampe mit Glocke, die der Schwiegersohn gekauft hatte. Sie hatte einen peinlichen Eindruck auf ihn gemacht, von dem Augenblick an, da sie ausgepackt ward, und die Verzierungen und das blanke Metall stachen ihm in die Augen. Und dann all das viele Oel, das eine solche Lampe mit Hilfe deS breiten Dochtes in sich auftaugen konnte! Und dann fürchtete er, sie könne am End« nur der Anfang von noch anderen Dingen seine— Ter Herbst kam mit seinen kurzen Tagen. Durch die zeitig sich herabsenkende Dunkelheit funkelten hie und da kleine Lichtpünkt- chen gleich ticfhängenden Sternen. Das waren die nach und nach in den Toruper Hütten angezündeten Talglichter oder Tranlanipen.' Auch die Familie Krage hatte ihre Abendsitzungen begonnen. Das leise Rascheln der durch die Hände gezogenen Strohhalme, das einlullende Ccknurren des Spinnrades, das zischende Hin- und Hersagen des Schiftchens über die ausgespannten Fäden, begleitet von den aufmunternden Stößen des Webebaumes, waren in früheren Jahren die friedlichen Laute gelvesen, die sich in diesem Heim, wo der Fleiß HauSgott war, zur Gemütlichkeit verdichtet hatten. Aber nun saß Jürgen dort am Tisch neben dem bis an die Decke reichenden«Balken mit seiner neuen Lampe, seinen Büchern, seinen Zeitungen und— seinen eigenen Gedanken, das fühlten alle. . Der Webstuhl>var in Bewegung und das Spinnrad schnurrte; die Laute waren da wie ehedem, aber das, was ihnen Behaglichkeit und Gemütlichkeit verlieh, fehlte. Dort saß Jürgen wie ein Symbol der Unruhe. Und noch waren die Worte nicht gefallen, die zur Lösung dessen beitragen konnten, an das alle dachten. Jeder saß da über seine Arbeit gebückt. Die beiden Alten im Halbdunkel des Osenwinkcls. Die junge Frau weiter vorne beim Schein eines Talglichtes, drs über dem Webstuhl hing. Aber dort, wo Jürgen saß, loar es am hellsten, dort fiel das Licht der Lampe auf sein braunes Haar und die weißen Seiten. Es herrschte eine drückende Stille, selbst die alte Hauskatze schien das zu empfinden. Es kümmerte sich niemand um sie, soviel sie auch umherschlich und sich bald an dem einen, bald an dem anderen rieb. Sie bewegte mißvergnügt den Kopf und miaute un- zufrieden. Schließlich ließ sie sich in der Nähe des junge» Mannes nieder, den sie aufmerksam mit ihren großen, grünen Augen be- trachtete. Jürgen hob den Kopf, blickte prüfend auf Anders hin und dann gedankenvoll ins Zimmer, als überlege er etwas. „Soll ich Euch nicht ein Gedicht vorlesen?" begann er. Niemand antwortete. „Oder eine Geschichte? Zum Beispiel vom schwarzen Madl und Michel Fuchsschwanz." „Ach, uns liegt nichts an einer Lügcngeschichte, wenn sie auch gedruckt ist.— Ptcuh!" Anders spuckte in die Hand und rieb und rollte mit harter Faust die Halme. „Du glaubst wohl gar, Anders, daß Lüge und Dichtung das- selbe ist?" „Na, der Unterschied wird wohl auch nicht gerade sehr groß sein," meinte der Alte. Jürgen schien nachzudenken. Dann sagte er:„Kennst Du nicht etwas, das hier drinnen, sitzen und uns die Brust beengen kann, bald Freude, bald Kummer, meistens wissen wir selbst kaum, was es ist; man hat nur die Empfindung, daß es nicht herauskann." Lautlose Stille. Marie.rnpfte an den Fäden herum und sagte leise:„Ja, das kann ich sehr gut!" „Was kannst Du wohl?/' fuhr Anders ihr vom Ofenwinkel bisiig dazwischen. Aber Jürgen fuhr fort:„Wenn man in dem täglichen Einerlei stumpf und träge einhergeht, dann verschwindet es oft auf lange Zeit— und man könnte wohl am Ende so lange umhergehen, daß es ganz fortbliebe. Aber plötzlich, ohne daß man weiß warum, ist es wieder da." Marie machte sich am Webstuhl zu schaffen, um Vesser lauschen zu können; Kjestens Blick glitt unruhig von Jürgen zu Anders und von Anders zu Jürgen. Doch Anders saß unbeweglich und flocht eifrig an seinen Halmen. „Seht, was so in unserem Innern lebt, das ist Dichtung. Und wenn wir daher lesen oder singen, was die Dichter geschrieben haben, dann ist es, als mache sich etwas frei, als löse sich etwas in unserer Brust.— Scheint Dir nicht, Anders, daß Dichtung und Poesie sowohl etwas Wahres wie etwas Feines sind?" „Jaa, es ist sogar so fein, daß man Mühe hat, es überhaupt zu sehen.— Pteuh!" Eine Weile sprach niemand. „Ja, wenn wir nun aber zum Beispiel einmal Dich selber nehmen, Anders..." „Mich selber!" Er blickte hastig und verwundert empor. „Ja, wenn Du nun rings um Dein eigenes Haus herum die Erde siehst und Deine eigenen grünen und gelben Felder, dann ist es doch gerade, als wäre das Ganze ein kunstvolles Gemälde in einem heidebraunen Rahmen. Ist es nicht so, Anders?" Der Alte ließ einen Augenblick die Arbeit sinken. „Und das ist ein Bild, das Du im Grunde selbst gemacht hast." „Ja, ja— in gewisser Weise!" Anders kaute seinen Tabak. »In gewisser Weise!" wiederholte er und kraute sich im Nacken. „Und solch ein Bild ist auch Poesie und im.Grunde ist es das Feinste und Schönste im Leben." Der alte Häusler versank in Nachdenken.— Aber plötzlich erwachte er und sah, daß sowohl Webstuhl als Spinnrad stille standen. Da warf er sich wieder mit voller Wucht auf seine Strohhalme und bemerkte zum Schwiegersohn gewandt:„Ich muß Dir ein für alle- mal sagen, Jürgen, w i r haben keine Zeit für derlei Dinge." „Hast Du nicht Zeit, mit Deinen Augen zu sehen!" ''„Das laß nur meine Sache sein," eiferte Anders. Jetzt war er böse. Zur Frau sagte er spöttisch:„Du kannst wohl nicht mehr, wie es scheint." Da ließ sie das Spinnrad sausen. Nun kannte sie Anders wieder. Und Marie sandte er einen Blick zu, der zur Folge hatte, daß sie sofort wieder zu weben begann. Nun mochte Jürgen sich mit seiner„Volkszeitung" beschäftigen, wenn er Lust hatte. Anders selber aber saß so steif wie möglich da, ohne eine Miene zu verziehen. Nur die Hände bewegten sich. Dann wird bis zur Bettzeit kein Wort mehr gesprochen. Jeder saß wie vorher über seine Arbeit gebückt. Die beiden Alten im Halbdunkel, Marie unter dem Talglicht und Jürgen beim Schein der neuen Petroleumlampe. Jürgen blickte aus sein Weib, das mit niedergeschlagenen Augen dasaß und eifrig die Fäden ineinander schlang, und auf seine Schwiegermutter, die alte Frau, die dasaß und in fieberhafter Eile den Faden spann mit ihren gekrümmten Fingern, und dann dachte er, daß Anders dort in seinem dunklen Winkel saß gleich einem harten Riesen der Vorzeit. Aber er war ja der Mann im Hause, und er, Jürgen, war nur hier eingezogen. Aber das mußte ein Ende haben. Seinen eigenen Boden mußte er unter den Füßen haben, sein eigenes Heim; unter den eigenen Tisch mutzte man die Füße stecken... Zur gewohnten Zeit erhob sich Anders und begann sich auszu- kleiden. Seine Frau folgte seinem Beispiel, ohne ein Wort zu sagen. Aber Jürgen blieb absichtlich sitzen, als sei es ihm gleich- gültig, was die anderen täten. Auch Marie setzte ihre Arbeit fort.— aber nur kurze Zeit. Dann beschäftigte sie sich bald mit diesem, bald mit jenem und spähte ängstlich hinüber nach Jürgen, der indessen nur auf seine Bücher hinunterstarrte. Nach eirwr Weile begann sie langsam ihre Kleidertaille aufzuhaken. Anders schritt in seinen gelblichen, selbstgewebten Unterkosen zur Tischschieblade und schnitt sich ein frisches Stück Kautabak ab. Dann griff er nach seiner Taschenuhr, die an dem Balken zwischen den beiden Betten hing, wo Jürgen saß. Während er sie aufzog, sagte er:„Willst Du hier die ganze Nacht sitzen bleiben?" „Hm, ich weiß nicht!" antwortete Jürgen gleichgültig, und schraubte die Lampe etwas höher. Anders aber streckte sich im Bett, daß es in allen Fugen krachte. l Fortsetzung folgt.) Manciervögel an Leuchtfeuern. Zur Zeit der großen Wanderzügc der Vögel entfaltet sich häufig in dunklen, stillen sind regnerischen Nächten an den Leuchttürme» und Leuchtschiffe», die an den großen Zugstraßen liegen, ein wunderbares Vogelleben, das an ergreifenden Momenten reich ist. Zahllose Scharen unserer gefiederten Freunde gehen alljährlich zugrunde, in- dem sie auf ihrem nächtlichen Fluge von den verführerischen Leucht- feuern angelockt werden und sich an den Scheiben der Lampen Kopfe und Flügel zerschmettern. Während einer einzigen Herbstnacht wurden am Helgoländer Leuchtturm, wie Gutke in seinem Buche „Die Vogelwarte Helgoland" berichtet, nicht weniger als lölKX) Lerchen gefangen. Der Beobachter schildert das nächtliche Leben an jenem Orte folgendermaßen:„Das landschaslliche Bild, das einer so reichen Entfaltung des Tierlebens zum Hintergrunde dient, ist an sich schon ein ganz außer« ordentlich anziehendes: eine ebenmäßige stille, schwarze Nacht, ohne Mond, ohne Stern, begleitet von ganz schwachen, südöstlichen Luft- zuge, find Bedingungen für möglichst großartige Entfaltung solcher Wanderflüge; ist gleichzeitig die Atmosphäre sehr stark von Feuchtig- keit erfüllt, so trägt dies zur Steigerung der Erscheinung außer- ordentlich bei. Die gleichmäßig tiefe Finsternis, inmitten welcher der große helle Lichtkörper des FeuerturmS zu schweben scheint, die breite» Strahlen, welche nach allen Richtungen von seinem Lichte ausgehen und sich in der trüben Luft bis ins Unendliche zu erstrecken scheinen, das Bewußtsein des großen umgebenden Meeres und die vollständige Lautlosigkeit der ganzen Ratur bilden ein ganzes von ernstester, nahezu großartiger Stimmung... Das ganze Firmament ist jetzt erfüllt von einem Chaos von Hunderttausenden nah und fern erschallender Stimmen und nähert man sich nun dem Leuchtturm, so bietet sich dem Auge ein Bild dar, das dem durch das Ohr empfangenen mehr wie ebenbürtig sich anreiht: die das Leuchtfeuer in ab- und zunehn, ender Dichtigkeit umflutenden Lerche», Stare und Drosseln erscheinen in der so inten- siven Beleuchtung wie helle Funken, die den Beobachter gleich einem großflockigen Schneegestöber uinwirbeln, stets verschwindend und stets durch neue Scharen ersetzt— Goldregenpfeifer, Kiebitze, Austernfischer, Brachvögel und Strandläufer in großer Zahl mischen sich dazwischen: hin und wieder wird eine Waldschnepfe sichtbar und mit langsamem Flügelschlage taucht aus der Finsternis eine Eule in dem Lichtkreise auf, bald wieder verschwindend, begleitet von den Klagetöuen einer Singdrossel, die sie ergriffen hat." Besonders den schwächeren unter den Wandervögel» erweisen sich ans ihren weiten Flügen Falken. Geier und Eulen als gefährliche Feinde. Größere Falken folgen z. B. Enten auf gewaltige Entfernungen und lassen keine Gelegenheit vorübergehen, um sich auf hilflose Wanderer zu stürzen. Kleinere Geier verschiedener Art suchen sich Blaukehlchen, Drosseln, Finken und andere Zugvögel zur Beute aus. Auf Inseln, die an den Wanderstraßen liegen, lassen sich Geier zu längerem Be- such nieder, damit sie von hier ans ihren Opfern auflauern können. In den Gegenden der arktischen Zone kommt der Wanderfalk zu- gleich mit der Ente an. Aber weit größere Scharen als diesen Raubvögeln fallen eben der verhängnisvollen Anziehungskraft zum Opfer, die die Lichter von Leuchttürmen und Leuchtschiffen auf die Zugvögel ausüben. Wenn man bedenkt, daß ein solcher Strom von Zugvögeln eine ganz lange Hcrbstnacht hindurch andauern und sich unter besonders günstigen Umständen sogar während mehrerer aufeinander folgenden Nächte wiederholen kann, dann wird man es gewiß nicht ganz über- trieben finden, wenn Gutke von einem„Millionenfluge" spricht. An einer anderen Stelle seines Buches schreibt er von der unbegreiflichen Massenhastigkeit, von den Myriaden Einzelwesen, nämlich Feld- lerchen, die nicht nur im Bereiche des Leuchtfeuers, sondern auch meilenweit in See nördlich und südlich der Insel vor seinem erstaunten Auge vorbeizogen. Und über einen von ihm im Jahre 1882 beobachteten Herbstzug des gelbköpfigen Gold- Hähnchens äußert er, jeder Versuch, die Zahl der Wanderer durch eine Ziffer auch nur annähernd auszudrücken, müsse vergeblich erscheinen. Von zehn Uhr abends bis zum Tagesanbruch zogen diese Tierchen in wenig wechselnder Dichtigkeit stetig von Ost nach West am Leuchtfeuer vorbei. Bei Tagesanbruch war die ganze Insel buchstäblich mit diesen Vögelchen bedeckt. In demselben Jahre wurde auch ein beispiellos starker, wiederholt sich zu gleichen Massen steigernder Zug von allen Stationen der britischen Ostküste, von Guernsey aufwärts bis Bressay in der Mitte der Shetlandgruppe, berichtet. Der englische Ornitholog lVogelkenner) Dixon teilt in seinem Buche über den Wanderflug„Tbs migrafcion of birds" Beobachtungen mit, die an englischen Leuchttürmen und Leuchtschiffen gemacht wurden. Der Wächter des in einer Entfernung von zehn deutschen Meilen von der Themse stationierten Leuchtschiffes sah wiederholt in Herbst- nachten Tausende von Zugvögeln mit ihren weißen Brüsten, einem heftigen Schneegestöber gleich, die Laternen und das Takelwerk stuudcnlaug umschwärmen. Viele rannten sich die Köpfe ein und fielen ins Meer. In einer Herbstnacht des Jahres 1833 sammelte der Wächter des Hasbro- Leuchtschiffes Hunderte von Singvögeln von Bord ans, die durch den Anflug an die Scheiben der Laternen gelötet waren. In einer einzigen Nacht wurden auf dem Tuskar- Leuchtturnr auf der Höhe von Wexford 1200 auf gleiche Weise umgekommene Vögel gezählt, während außerdem eine große Anzahl über Bord gefallen war. Und auch zur Kenn- Zeichnung der rasenden Geschwindigkeit, mit der die Vögel ins Verderben fliegen, wenn sie sich in dunklen Nächten aus ihren hohen Wanderbahnen von den weitlenchtenden Strahlen der Leucht- feuer niederwärts ablenken lassen, führt der englische Ornithologe einige bemerkenswerte Beispiele an. So jagte in einer Frühlings» nacht des JahreS 1888 ein kleiner Vogel nnt solcher Gewalt gegen die Laternen des HaSbro-Leuckitschiffes an der Nordfolkküste, daß er vollständig in zwei Teile zerrissen ivurde. Der Wächter des Long- stonc-LeuchtturmeS berichtete aus einer Novembernacht 1883, eine große Schnepfe sei mit so rasender Schnelligkeit gegen die Laterne geflogen, daß sie förnilich in Stücke zer- schmettert sei. Scheiben von drei Zoll Dicke sind von Verhältnis« mäßig kleinen Zugvögeln, besonders Schnepfen, beim Anflug zertrümmert— ein Beweis von der ungeheuren Fluggeschwindigkeit solcher Wanderflüge. Ans dem Farör-Leuchtturm hörte der Wächter In einer Hervstnacht ein scharl-S klingendes Geräusch. Als er zur Laierne emporstieg, um die Ursache kennen zu lernen, sah er zwei der zolldicken Scheiben in tausend Stücke zerschlagen und innerbalb der Laterne lagen die Urheber- drei Enten, die kein Lebenszeichen mehr von sich gaben. Die ornithologischen Deobaytnngen, die auf Anregung des ständigen internationalen Ausschusses, wie an den Leuchttürmen anderer Länder so auch an denen Deutschlands auf Befehl der kaiser- lachen Admiralität und des preußischen HandelsministerS von den betreffenden Leuchiturmwäcktern ausgeführt wurden, sind von Professor Blasius in verschiedenen Jahrgängen der Zeitschrist„OruiS" veröffentlicht worden. Aus diesen Beobachtungen lassen sich Schluß- folgerungen ziehen, die über so manches aus dem noch lange nicht gelösten Problem des Vogel piges Ausschluß geben. Zunächst wird durch die Berichte der deutschen Leuchtiurmwächter GätleS Beobachtung bestätigt, daß sich die wandernden Vögel nur bei trübem und loindstillem Wetter durch die Leuchtfeuer anlocken lossen und durch Anflug an die Scheiben der Laternen zum Teil zu Schaden kommen. Da nun fast alle Vögel durch nahe? Licht in der Stacht stark geblendet werden und dem Lichte dann zufliegen, schließt Blasius, daß die Vögel in klaren und helleu Stächlcn ihren Wander- stug in„sehr hohen" Luftschichten ausführen, so daß sie von den Leuchtfeuer«, weil diese selbst für ihr scharfes Auge entfernt sind, nicht geblendet werden können. Ans dein Verzeichnis der Leuchr« tnrmbeobachtungen ergibt sich die Tatsache, daß namentlich Sing- Vögel des Nachts wandern, unter ihnen in erster Linie die eigern- lichcn Sänger, dann reiherarnge, Schnepfen- und Entvögel. Viel- fach ist da? Anfliegen großer Schwärme von Uelsen beobachtet worden, die sich offenbar regelmäßig zur Herbstzeit aus dem uörd- lichen Europa nach Deutschland begeben. Die von Professor Blasius aufgestellte Tabelle läßt ferner erkennen, daß einzelne Vogelarten höchst selten an den Leuchttllnncn verunglücken, andere dagegen ihnen massenhast zun, Opfer fallen. Es ist schon erwähnt, daß in einer ein- zigen Herbstnacht am Helgoländer Leuchtlurin 15 000 Lerchen gesammelt uu» gefangen wurden, davon allein an den Scheiben der Laterne 8400, und die Beobachtungen anderer Leuchtturmwärter bestätigen, daß Lerchen sich am häufigsten von dem blendenden Lichte zu ihrem Verderben anlocken lassen. Demnächst kontmen die Stare, dann die Drosseln, dann Motkehlchen, Goldhähnchen. Stieglitze, Rotschwänzchen, Meisen, Enten, Fliegcnsänger mrd Bachstelzen. Der Wächter vom Scholpiner Leuchtturm bemerkt in seinem Bericht, wemi die Vögel sich des RachtS zeigten, so kämen sie zuerst nur vereinzelt vor, allmählich aber wachse ihre Zahl an. Dann flögen sie die ganz« Nackt bis zum Tagesanbruch in dein hellen Schein, die die'Lanipe rings um den Leuchtturm verbreite, durch- einander und jeder Vogel erscheine dann wie ein Heller Punkt. Bei Euten und Gänsen laffe sich der Flug durch das Gehör feststellen, denn fle konimen fast iininer schreiend an. Die Ncinen Vögel, wie Giolöhähnchen, Rotkehlchen, Bachstelzen, Stare»md mehrere andere Arten blieben, wenn sie angeflogen seien, im Drahtgitter, am Kenster usw. sitzen, oder flögen an den Scheibe» herum. Zur Zugzeit pflegten sich auS dem nahen Walde viele Eulen ein- zustellen und auf die Vögel Jagd zu inachen, indem sie diese im Fluge zu ergreifen suchten oder nach dein Turnre kämen, wo dann alle, die im Gitter säßen, wie ans Kommando gegen das Fenster flögen.„ES scheint", fügt der Wächter hinzu,.als wenn das Licht sie sehr blendet, denn sie bleiben manche Rächt bis zum Sonnen- aufgang am Turm und fliegen noch au, wenn eS schon Heller Tag ist." Der Wächter auf dem Feuerschiff am Minsener Sand berichtet, daß Enten, Taucherenten und Möwen fast immer gesehen wurden. Anscheinend werde der Zug der Vögel vom Wind beeinflußt, denn bei frischen Winden hielten sie sich dicht über den, Wasser. Vögel, die bei trübem Wetter an Bord flogen und daS Feuerschiff wieder verlassen wollten, wendeten sich zunächst nach allen Richtungen, kehrten jedoch in vielen Fällen an Bord zurück und blieben dort jo lange, bis sich das Wetter geklärt habe. Die Leuchttürme, die Boniholm und Möen am nächsten liegen, bilden die größten AnziehiingSpunlte für die nächtlich wandernden Vögel und nach Prosesior Blasius zwar ans dein Grunde, weil der Haüptzng der Vögel von Schiveden nach Deutschland über die ge- nannten Inseln und vielleicht auch über Arkona ans Rügen geht. Der äußerste Nordosten scheint nach der Beobachttmg in Memel. Nidden, Brüsterort, Pillau und Nossitten von dem Herbstwanderfluge bedeutend stärker als von den, Frühlingszuge berührt zu sein. An der Ostlüste Schleswig-HolfteinS beobachteten die Lcuchtturniwächter nnrjgeringen Anflug, stärkeren die an der Westküste, nainentlich anf Amrum und Helgoland, iv'ährend die weiter westwärts g-legenen Leuchtfeuer bis Borkum hin wieder schwächeren Anflug erkennen ließen. Die Vögel Dänemarks scheinen also z» ihren Wirnderflügen mehr die Westküste SchleSwig-HolsteinS zu wählen und eS zu vermeiden, weit ab vom Lande quer über das Meer zu ziehen. C. Schenkling, Gleims feuiUeton. Hygienisches. Essen Kinder Ive niger als Erwachsene? Bei der Ernährung der Kinder streiten sich gewöhnlich zwei Rücksichlca mit- Lerantw. Redakt.: Satt Wer«»th, Berlin-?! ixdorf.—Druck u. Verlag: einander, soweit die Menge der Nahrung in Betracht kommt. Einerseits heißt es, ein Kind könne nicht soviel eflen wie ein Er- ivachsener i andererseits wird darauf Bedacht genommen, daß sich sein Stoffwechsel rascher vollzieht und sein Wachstum eine größere Nahrungszufuhr verlangt. Wenn man ein Kind so viel eilen läßt wie es will, so wird man wohl häufig die Be< obachtung machen, daß es in der Menge des Genossenen wenig öder gar nicht hinter seinen alteren Tischgenossen zurückbleibt. Natürlich kann dieser Say nur von Äindern gelten, die mindestens ein Alter von zwölf Jahren erreicht haben. wenn sie nicht etwa mit einem krankhaften Appetit oder mit einer Neigung zur Fettsucht veranlagt sind. Die Physiologen und Hygisnftcr haben sich wohl bemüht, auch über diesen Punkt eine bestimmte Klarheit zu gewinnen und das Nahrungsbedürfnis des Kindes in verschiedenen Altern im Vergleich zu dem des erwachsenen Menschen festzusetzen. Namenllich die amerikanische Schule hal eine ganze Reih: von Arbei'en und Ve'fuchen über diese Frage aus« geführt. Die Ergebnisie weichen aber ziemlich weil voneinander ab. Kinder zwischen 7 und 10 Jahren sollen die Hälfte bis drei Viertel von dem brauchen, was ein Erwachsener braucht, Kinder zwischen 11 und 14 Jahren 60— 60 Proz. Das Landwirtschasts- ministerium der Vereinigten Staaten. das sich besonders für diese Forschungen interessiert und selbst Sachverständige mit ihrer Förde« rung betraut hat, ist zu der Feststellung gelangt, daß ein Kind zwischen 6 und 6 Jahren halb so viel Nahrung braucht wie ein Maim, und zwar 1750 Kalorien, ein Knabe von 12 Fahren nicht ganz drei Viertel von der Nahrung eines Mannes und im ganzen 2450 Kalorien. Das klingt nun sehr sicher und bestimmt, aber es wird wohl niemals gelingen, solche Ziffern mit einem Anspruch auf allgemeine Gültigkeit zu ge- Winnen. Die Ergebnisse von Versuchen in großem Maßstab, die jüngst in Philadelphia mit 80 Kindern und in Baltimore mit 115 Kindern angestellt worden sind, haben so abweichende Resultat« gebracht, daß sich aus ihnen kaum eflva? entnehmen läßt. Ferner sind besonders sorgsame Experimente mit zwei Kindern gemacht worden, von denen das eme 12�/z, das andere S'/s Jahre alt war. Diese wurden 26 Tage lang so ernährt, daß alles von ihnen ge- nosicne Esten und Trinken gewogen lourde. Sie erhielten zum Frühstück eine Taste Kakao mit viel Milch, gebutterten Zwieback, Obst und zuweilen ein Stück Käse, zu Mittag Fleisch oder Fisch mit Brot. Butter und Kartoffeln, Gemüse, Pudding und ein GlaS Milch und zun: Abendesten Brot und Butter mit einem Ei oder Käse. Obst und Milch, zulveilen auch noch eiwa-� Fleisch. ES ergab sich, daß der ältere Knabe im Durchschnitt täglich 2692 Ka- lorien zu sich nehm, der jünger? 2051, also bedeutend mehr, als ieue Durchschnittszahlen angeben. NebrigenS weiß man auch von den Erwachsenen nicht zu sagen, wieviel Kalorien sie im Durchschnitt täglich verzehren, denn manche Physiologen setzen ihre Zahl ans nur 2000 a», andere auf 3500. Wenn die erste Zahl richtig wäre, so würde jener I2'/zjährige Knabe um die Hälfte mehr gcgesten haben als ein erwachsener Mensch braucht. Verkehrswesen. Alter und Größe der deutschen Dampf« und Segel- schiffe. Im Weltverkehr der Gegenwart spielen bekanntlich die Segel- schiffe eine tzerhölliüsmäßig unbedeutende Rolle; im wesentlichen wird der Personen- und Gütertransport durch Dampfschiffe bewerkstelligt. Wie in diesem Falle der Großbetrieb im Laufe der letzten Jahrzehnte zur Gelruüg gekommen ist, läßt ein Blick auf die durchschnittliche Größe der Fahrzeuge erkennen. Der Raumgehalt der deutschen Dampfer stellte sich in Registertonnen zu 2882 Kubikmeter Brutto bei Schiffen im Alter bis 10 Jahren auf durchschnittlich 2446 Register- tonnen..von 10 bis 20 Jahren auf durchschnittlich 1934, von 20 bis 80 Jahren auf durchschnittlich 091, von 30 bis 40 Jahren auf 452, von 40 bis 50 Jahren auf 321, von über 50 Jahren auf durchschnittlich 224 Registertonnen. Ein See- dampfer von heule hat durchschnittlich fast die llsache Größe eineS Dampfers aus den Tagen unserer Großväter. Selbstverständlich wird die Durcbschnitisgröße ganz gewaltig von etlichen Riesenschiffen übertroffen. Die deutsche Handelsflotte zählt 161 Dampfer in der Größe von 5000—10 OOO Registertonne»; ferner 22 Dampfer zwischen 10000— 16000, foluie endlich 12 Dampfer, die mehr alS 15 000 Registertonnen fassen. Bei den Segelschiffen tritt, das Alter in Betracht ge- zogen, der Unterschied der Größe nicht so scharf hervor, wie bei den Dampfern. Sie fassen durchschnittlich im Alter bis 10 Jahren 136 Registertonnen, von 10 bis 20 Jahren 330, von 20 bis 30 Jahren 194, von 30 bis 40 Jahren 124, von 40 bis 50 Jahre» 43, über 50 Jahre 32 Registertonnen. Wir sehen hier also im Gegensatz zu den Dampfschiffen nach einer plötzlichen Steige- rung am Ende des vorige» Jahrhunderts neuerdings ein auf- fallendes Sinken der Durchichnitlsgröße. Vielleicht waren die in den neunziger Jahren angestellten Versuche der Erbauung sehr großer Segelschiffe von Einfluß auf die starke Steigerung der Durchschnitts- größe. ES gibt l6 deutsche Segelschiffe, die zwischen 3000 und Z50Ö Registertonnen fassen, drei Schiffe sind über 4000 Registertonnen stark, das größte unter ihnen hat den stattlichen Raumgehalt»on 5548 Registertonnen. -Lvrwältelt nchJ'vuuccci u�eria�iaugc.. isu;».vger SrEc., Berlin 8 Au