Zlr. ao. iy. Jahrg. Jbcmitmiiitfi-Srttngungtn:'SHylTH M- ,»st-u Ml., monall. l,lc>Ml>, W> I»> M> W W(A W W W W W W f/ W'WSr�f/«erle oder deren Raum 40 Psg.. lür wöcheullich 38 PIg. Ire» ins Vau«. /<#8M K�jH* I»M Hjj WW HB M» BB �ps EH Hfl JV poimiche und gewerkschaflltche VerelnS- «tnielne Nummer b PIg. SannlagS. W�H �-Wg W BB W H||H Hfl W Hl W W Hfl I und Versammlung«-Nn, eigen 20 Psg. Nummer mU MuNri-rier SanniagZ. WWH RH I W W W W WI W WWW W JXmbS&W/„Kieine Anieigen» I-d-, Wort S Psg. Beilage„Tie Neue Well-.0 PI« Bali. l7W W W W Äl WM, W �WW W // W Singe-rag-n in der Pal.�ei.u.�« M ♦> W CMrtfn.ra"®oC PreiSIisle sür 19 00 unter Et. 7971. fleftn r~ lagen big 7 Uhr abendi, an Sonn- und Unier Kreuzband sür D-uilchland und J C~/f( y-\- tr�Tr Sesitagen bi» S Uhr vormittag» geöfsnet. Lesierreich- Ungarn ii Marl, w- da» � V_ �X>.- Bmt l Br isoa übrige AuSland S Marl pro Manai.. � Zernsprrchrr. Smt I, Er. lova -u«.w.°-�.. Dvrlinvv VoIIksItlLtH. Centralorgan der soeialdemokratischen Partei Deutschlands. Nedalttion: L�s. 19. Veuth-Strahe 2. Die Milizidee und der Boereukrieg. R. X. Noch niemals haben wir daS„Militär- Wochenblatt" mit so viel Vergnügen gelesen. als seit dem Beginn des Boerenkriegs. Unbewujjt liefert hier die genannte halbosfiziöse militärische Fachzeitung ganze Wagen- ladungen Material für die Anhänger möglichst kurzer Präsenz- zeit, vor allem der Miliz, für die Gegner des preußischen Drills, für alle jene. die der Meinung sind. daß in unseren Kasernen die überflüssigsten Dinge. die die Präscnzzeit nur unnütz verlängern, getrieben werden. Die Sache ist nament- lich für die Socialdcmokratie und auch in Anbetracht der wieder auftauchenden Nörgeleien an der zweijährigen Dienst- zeit von so großer Wichtigkeit, daß es sich wohl verlohnt. darauf einzugehen. Die gewöhnlichen Vorwürfe, die gegen Milizen erhoben werden, bestehen im Mangel an Fähigkeit und Geübtheit der Führer, Mangel an Disciplin. Ausdauer und moralischer Widerstandskraft der Truppen, wodurch wieder die Ausführung der strategischen und taktischen Bewegungen leiden soll, und endlich in geringer Fertigkeit in der Handhabung der Waffen. Alle diese Einwürfe werden nun durch die Aeußerungcn des „Militär-Wochenblatts" über die Bocren-Armee. die be- kanntlich auch nur eine Miliz ist. schlagend widerlegt. Was zunächst die Strategie und die Taktik der Bocrenführer anbelangt, so finden sie beide von Anfang an die Anerkennung des„Militär-Wochenblatts". die sich im Fortschreiten des Kriegs zur helllodernden, enthusiastischen Bewunderung steigert. In Nr. 98 der genannten Zeitung finden wir hinsichtlich der Vereinigung der Transvaal- und Freistaatboeren aus dem östlichen Kriegsschauplatz folgendes Urteil: „Unter den schwierigsten, durch die Ausdehiiiiiig der ursprünglichen Stellung und die Unwegsainkeit dcS Geländes geschaffenen Verhältnisse hatte Joubert in koitzeiitriichein, hauptsächlich den linken Bocrcnfliigel stark beauspruchcnden Vor- morsche im allgemeinen die Vereinigung mit den Oranje- bocren und die Umklammerung der feindlichen Stellung bewirkt." Und bezüglich des Gefechts bei Glencoc lesen wir: „Während hier niit Aufdietnug aller lenglischens Kräfte um eine Borpostenstcllung des Feindes gerungen ivnrde. schob dieser unbeirrt und zielbewußt seine Hauptcorps vorwärts. gewann verschiedene die Isolierung Glcncoes bewirkende Stellungen, soivie die unmittelbare Fühlung mit dem rechten Flügel und durchschnitt bis zum Abend die Verbindung zwischen Glencoe und Ladysmith, die Einschliehung des ersteren Ortes vollkommen, jene von Ladysmith größten» te i l S bewirkend." Die in den obigen Citaten ausgesprochene Anerkennung ist gewiß warm, sie wird aber noch weit übertroffen von dem glänzenden Lob. das wir in der übernächsten Nummer 191 finden. Da heißt es: „Wenn man die Operationen der Boeren und ihre taktischen Leistungen während der bisher geschilderten Nufangöperiode des südafrilanischen Krieges und hauptsächlich bei der Unter» nehmung gegen Natal betrachtet, so kann man weder ihrer Führung noch der Gesamtheit ihrer kriegerischen Scharen die berechtigte Bewunderung und das Zeugnis eines selten hohen Gradcö von DiScipliu, vollen Verständnisses für die Absichten der räumlich getrennten höheren Fühnmg. zielbewußter, nur auf Begeifterimg. Ausdauer und williger Ertragung großer Strapazen sich aufbauender Verfolguug ihrer Ziele und der Bewährung hoher militärischer' Tugen- den bei der Krastabinessung mit dem Feinde versagen. Die Aufgabe, welche sich General Joubert gestellt hatte, einheitlich und gleichzeitig mit allen verfugbaren Kräften vor den englischen Stellungen anzukommen und nahe vor der Front der Engländer die Vereinigung der bisher auf weiten Räumen getrennt stehenden Heeresteile des Oranje- und TranSvaal-StaatS zu bewerkstelligen, stellt an die Führung und die Truppe s o hohe Anforderungen, daß die neuere KriegSg eschichte den Beleg hierfür nicht versagt, wenn sie Beispiele dcS teilweisen oder gänzliche» Mißlingens dieser Operation selbst bei fe st gegliederten und organisierten Hccrlörpcrn europäischer Armeen zeigt, welche— wenigstens was das Gelände betrifft— nicht mit gleichen Schwierigkeiten zu rechnen hatten wie der Vormarsch der Bocren. Daß die Schwierigkeit dieser Operation in einzelnen vorübergehenden oder stellen- weisen Mißerfolgen der Boeren bei den ersten taktischen Berüh- rungen mit dem Feinde nachwirkte, haben allerdings die Gefechte zwischen 2». und 24. Oktober gezeigt. Gerade dadurch aber wird die S ch w i e r i cj k e i t der von Joubert eingeleiteten Operation in das richtige Licht gestellt, wie andrerseits auch der taktische Ge- samterfolg, den die Boeren aus jenen Gefechten unter Bekundung außerordentlich anerkennen swerter kriegerischer Eigen- schasten zogen, den Beweis dafür liefert, daß der auf der Grundlage zutreffender Berechnung und richtiger Beurteilung der Verhältnisse aufgebaute Plan auch unter Friktionen mit voller Energie aufrecht er- halten und folgerichtig durchgeführt wurde bis zum gesteckten Ziele— der engen Einschließung der englischen Streitkräfte in Ladysmith." Bezüglich des bedeutsamsten Ereignisses der folgenden Kricgspcriode. der Schlacht am Tugelafluß. lesen wir in Nr. 191. nachdem die Stellung der Boeren kurz dargelegt ist: „Diese Gruppierung der Vocrenkräfte, welche sich als das wohldurchdachte Ergebnis des seiner Zeit auf englischer Seite mit so freudiger und zuversichtlicher Stimmung begrüßten Rückzuges Jouberts von Weston und Estcourt darstellt, verdient die höchste Beachtung» weil sie die Erklärung dieser damals fast allgemein befremdenden Operation Donnerstag, den ÄZ. Jannar 1900. Expedition: SW. 19, Veukh-Steaste 3. bringt und das große Verständnis der Boeren- fllhrung für Ausnützuug der Geländeverhältnisse auch in strategischem Sinne zeigt. Man kann nach der heutigen Klärung der Lage behaupten, daß der damalige Rückzug der Bocren keinen andern Zweck hatte, als die Engländer zu einer Verfolgung in nördlicher Richtung zu verlocken, im Verlaufs welcher sie an der starken Verteidigungslinie am Tugela aus- gehalten. gleichzeitig aber von Weenen und Springsield a u f beiden Flügeln umfaßt werden sollten." Eben solches Lob wie der Strategie wird der Taktik der Boeren gezollt. Nr. 197 des„Militär-Wochenblatts" sagt über sie u. a. folgendes: „Die Bocren rücken nie vor. bevor sie die Verbindung mit den Nebenkolonnen. die Rückzugslinie gesichert, die rück- wärtslicgendcn Flußübergangs- und Eisenbahn-Knotenpunkte in starke Verteidigungsstellungen verwandelt und sich aller beherrschenden Höhen ihres Operationsgebietes bemächtigt haben... Sorgfältigste Prüfung und Abivägiing aller Eventualitäten, weitgehende Vorsichtsmaßregeln zur Abschwächung von Rückschlägen und selb st verleugne u de Ausdauer und Zähigkeit in der praktischen Durchführung eines einmal gefaßten Planes kennzeichnen alle ihre Maß- nahmen." Nun ist es zwar von vornherein klar, daß solch mtistergüliige Strategie und Taktik nur mit Mustersoldaten möglich sind, daß also auch die Mannschaften der Bocren in jeder Hinsicht vorzüglich sein müssen, aber wir wollen doch auch in dieser Beziehung dem„Militär-Wochcublatt" das Wort erteilen. In Nr. Z des neuen Jahrgangs charakterisiert es die Boerentruppen wie folgt: „Mit anerkennenswerter S ch m i c g j a m k e i t ihr Verhalten den wechselnden Geläudeverhältnisicu und den Schwächen des Gegners anpassend, zeigen sich die Boeren ebenso v c r l ä s s i g in der Ausführung der ihnen durch den Opcratioiisplan und die Befehle der Führung aufgctrageiicu Beivegungesl wie g e- wandt in d e r V e r>v e r t u ii g i h r e r W a's f e n u n d d e r selbständigen AuSnüßung des Geländes, sei es zum eignen Schutz oder zur Erhöhung der Waffcuwirkiiug. Das Zurückziehen der Artillerie in Momenten, wo die stärkere Spreng- Wirkung englischer Geschosse verhängnisvoll zu werden droht, das Wiedereinsetzen derjelben im entscheidenden Moment des Nah- kampfcs. die geschickte Anlage von Schützeugräveii. welche in ihrer von den Baiutas üvernomincncu L Form und durch ihre Maskierung sich der feiudlichc» Feuerwirlirng ebenso zu entziehen wie die eigene Feuerwirkung zu steigern geeignet sind, d i e B c w c g l i ch k c i t der Bocren in einem Gelände. Ivo die englischen Truppen völlig versagen, die Vermeidung eines die eigene Stellung verratende» und Gegenmaßiiahmen des Feindes ermöglichende» Wcitfcuers. kaltblütige Z u r ü ck b a l l u n g auch des JiifantcricfcucrS. bis der sorglos vorrückende Gegner sich seiner vernichtenden Wirkung nicht mehr entziehe» kann: Alle diese in der Schlacht am Tugelafliisse in die Erichciining getreteneii Momente beweisen, daß die Boeren mit großem Scharfblick und richtiger Abwägung von Ursache und Wirkung aus den bisher mit ihrem Gegner, feiner KampfeLiveise und senrcr Bewafimiiig gc- machten Erfahrungen die zutreffende Nutzanwendung ableiten. Sie bekunde» aber auch einen solchen Grad von natürlicher Findigkeit. Schlauheit und S e l b st d i S c i p l i n, daß in dem Kampfe mit ihnen nur ein Gegner Aussicht auf Erfolg haben kann, dem entweder eine etdrlickeiide Ueberlegenheit oder ein höheres Maß jener Elgenschafteu zur Verfügung steht." Damit schließen wir die Reihe unsrcr Eitate und werfen zugleich folgende Fragen auf: Ueben die Boeren auch stunden- lang Garnisonswachtdienst wie die deutschen Truppen, üben sie auch stundenlange Gewehrgriffe, Parademärsche und Rich- tungen nach rechts, links, nach Rotten und nach Points? Hören sie auch stundenlange Theorie über Ehrenbezeugungen, Ballistik, Garnisonswachtdienst? Ist es bei ihnen auch ein kleines Verbrechen, wenn einmal ein Mann einen Fuß zu weit noch auswärts oder einwärts setzt? KaumI Wenn aber eine Armee, die alle diese deutschen Specialitäten nicht kennt, strategisch, taktisch. sowie hinsichtlich der Disciplin und Leistungsfähigkeit ihrer Truppen sich als mustergültig erweist, so ist doch sonnenklar bewiesen, daß alle diese angeblich unentbehrlichen Specialitäten überflüssig find, daß sie die Bedeutung, die ihnen zugeschrieben wird, absolut nicht haben können. Die fanatischen Anhänger des preußischen MilitärshstemS werden uns wahrscheinlich„die veränderten Verhältnisse", die im Boerenkrieg herrschen und einen Vergleich mit europäischen Feldzügen und Heeren verbieten sollen, entgegenhalten. Dies ist aber vollkommen falsch. Man kann von veränderten Ver- Hältnissen wohl bei Kämpfen gegen geschlossen anrückende Derwische, bei Kämpfen gegen Wilde inmitten mannshoher Grassteppen und undurchdringlicher Urwälder sprechen. nicht aber beim südafrikanischen Krieg, wo beide Armeen civilisiert und mit den modernsten Waffen ausgerüstet sind und auch das Terrain des Kriegsschauplatzes europäischer Natur ist. Der einzige thatsächlich vorhandene Unterschied besteht in der Zahl der Kombattanten. Aber waS will der- 'elbe für unsere Erörterungen bedeuten? Zweifellos nichts? Wenn ich fünfzigtausend Mann nach einer bestimmten Methode vorzüglich ausbilden kann, so kann ich auch 499999 Mann und mehr nach derselben Art zu tüchtigen Soldaten erziehen. Oder glaubt wirklich jemand, daß die Boerentruppen weniger leisten würden, sofern sie fünfmal stärker wären? Glaubt wirklich jemand, daß sie ihre Siege nur in Südafrika erfechten können, aber etliche Breitengrade nördlich versagen würden? Kein vernünfttger Mensch wird diese Fragen mit ja beant« Worten und daher bestehen unsere Schlußfolgerungen aus dem Boerenkriege vollkommen zu Recht. ZAolitisrszv Mvbevstcht. Berlin, den 24. Januar. Der Reichstag erledigte am Mittwoch sehr rasch die zur Diskussion stehenden Teile des Etats, und nahm schon vor 2 Uhr die Debatte über die Anträge(unsren und den fortschrittlichen) zum Erlaß eines Reichs- Berggesetzes wieder auf. Natürlich glänzte der Bundesrat und die Reichsregierung durch Ab- Wesenheit. Dieses— nachgerade als Gewohnheits-Unfug sich charakterisierende Gebahren ist nach zwei Richtungen hin be- deutsam und kennzeichnend. Es offenbart einerseits die wahren Gefühle der Reichsregierung für wirkliche Social- reform und bekundet andrerseits eine beleidigende Nichtachtung des Reichstags. Unser Genosse Sachse rügte im Laus der Debatte diesen Unfug mit scharfen Worten. Eröffnet wurde die Debatte durch eine längere Rede deS Genossen Thiele, der namentlich die Zustände in den Mansfelder Mustcrbergiverken an das Licht zog. Es war im besonderen dasselbe Gemälde, wie H o ch es bei Be- gründung unseres Antrages im allgemeinen entrollt hat. Rechtlosigkeit. Ansbeutung, Roheit. Erziehung zur Roheit, die Bestimmungen des Arbeiterschutzcs mit Füßen getreten,— überall das gleiche Bild. Vergebens bemühten sich die Ab- geordneten Franken(natl.), H i l b ck(natl.), Arendt lfreikonservativcr Abgeordneter für Silberwährung und die Mansfelder Silberbergwerke), die Ausführungen Thieles zu entkräften. Dieser hielt siegreich alles aufrecht, und fand kräftige Unterstützung bei den, Ccntmms- Abgeordneten Dasbach, der die Zustände im deutschen Bergbau aus eigener Anschauung genau kennt, und der in allen wesentv lichen Punkte ndas"heute von Genossen Thiele, und in früheren Sitzungen von Genosse Sachse Vorgebrachte für richtig er- klärte Zu längerer Rede nahm dann noch Genosse Sachse da?. Wort, und faßte das früher von ihm Gesagte zusammen. ergänzte es, berichtete einige Irrtümer, die ihm unterlaufen waren und ging mit den Grubenbesitzern und Grubenleitern, spccicll mit Herrn Hilbck unbarmherzig ins Gericht: Herr Hilbck wußte gegen die vielen, wohl substantilerten Angaben über die Zustände in seinen— Hilbcks— Gruben nichts Besseres zu sagen als:„wenn ich nicht alles widerlege, so ist damit nicht gesagt, daß ich es als richtig anerkenne." Da Herr Hilbck gar nichts widerlegt hat. so wäre es entschieden kluger gewesen, er hätte ganz geschwiegen. Die Ausführungen unserer Redner waren so wuchtig und eindrucksvoll, daß das Haus mit großer Mehrheit, ja beinahe einstimmig den Antrag auf Erlaß eines Reichs-Berggesetzes annahm. Warten wir nun ab, was die Reichsregierung thun und nicht thun wird. Morgen: lex Heintze— Gesetz zur staatlich patentierten Sittlichkeit.—_ Ein neues Ausnahmegesetz. Die zweite Lesung des landwirtschaftlichen Etats, die am Mittwoch im Abgeordnetenhaus begann, gab den Agrariern aller Schattierungen wieder einmal Gelegenheit, ihre bekannten Klagelieder anzustimmen. Der konservative Ober-Agrarier v. M e n d c l- S t e i n f e l S, der Führer des Bundes der Landwirte Frhr. v. W a n g e n h e i m. die CentrumSagrarier Schmitz und Frhr. v. E y n a t t e n, der nationalliberale Agrarier v. Sanden— sie alle sind sich darüber einig, daß die Regierung noch lange nicht genug für die Landwirtschaft gethan hat. Insbesondere wurde die alte fsordernng der Bestrafung des Koutraktbruchs laudwirt« chaftlicher Arbeiter mit erneutem Eifer erhoben. Abg. v. Mendel verlangte den Erlaß eines Gesetzes, wie es kürz» lich in A n h a l t beschlossen ist, wonach der Kontraktbruch unter Strafe gestellt wird. Dasselbe verlangte Herr v. Wangcnheim, nach dessen Meinung in letzter Zeit für keinen Stand so viel geschehen ist. wie für die Arbeiter. In welcher Richtung die Agrarier sich die härtere Bestrafung des Kontraktbruchs denken, geht aus den Verhandlungen über den Antrag Gamp aus der vorigen Session hervor. Damals traten fast alle Mit- glicder des Abgeordnetenhauses für eine kriminelle Ähndung des Kontraktbruchs, also für ein Aus- nahmegesetz gegen ländliche Arbeiter ein. Die Regierung hat die damaligen Wünsche ihrer agrarischen Freunde mit Andacht vernommen und der Landwirtschafts- Minister Frhr. v. Hammer st ein konnte nunmehr die frohe Botschaft verkünden, das) die Vorarbeiten für einen Gefetzentwurf im Sinne des Antrags Gamp zur Steuerung der Leuteuot durch Erschwerung des Kon- traktbruchs bereits im Gange feien. Vielleicht schon im nächsten Monat werde sich das Haus mit dieser Vorlage beschäftigen können. Damit ist eine Art Znchthausvorlage für die land- wirtschaftliche Arbeiterschaft Preußens in sichere Aussicht ge- stellt. Anstatt die landwirtschaftlichen Arbeiter aus der Recht- losigkeit, in der sie gefesselt sind, zu befreien und sie wenigstens mit den industriellen Arbettern gleichzustellen, geht die preußische Regierung auf Geheiß des übermütig drängenden Agrariertums daran, die preußischen Landarbeiter durch neue schmähliche Ausnahmegesetze vollends zu entrechten. Die weiteren Wünsche der Agrarier betrafen das F l e i s ch- s ch a u g e s e tz, das angeblich den Beschlüssen des Abgeord- netenhauses nicht entspricht und das auch nach Ansicht des Ministers nicht ausreichend ist. Ferner forderten sie die Re- gierung auf, beim Abschluß der neuen Handels- Verträge in höherem Maße für die Landwirtschaft ein- zutreten und überhaupt dem Reiche gegenüber größere Energie an den Tag zu legen. Als ob Preußen nicht auch so schon im Bundesrat die Kleinstaaten majorisierte! Für Einschränkung des Volksschul- Unter- Vichts und Verkünimerung der Freizügigkeit sprach sich in ähnlicher Weise wie im vorigen Jahre Freiherr v. Eynatten aus. Der einzige Redner, der die agrarische Anmaßung zurückwies, war Abg. Dr. Hirsch, der die Ab- schaffung aller Ausnahmegesetze gegen die ländlichen Arbeiter empfahl und unter Gelächter der Agrarier die Anstellung von landwirtschaftlichen Inspektoren nach Art der Fabrik- inspektorcn anregte. Donnerstag wird die Beratung sortgesetzt.— Monarchische Justiz. Die Debatten des Reichstags über den Reichs- Justizetat haben wieder eimnal erschreckende Proben dalion geliefert, wie sehr sich das Rechtsgefühl der herrschenden Klassen abstumpft. Die Justizpflege soll einfach eine Waffe sein, womit dcr Klasienkamp des Proletariats niedergeschlagen wird, und je brutaler diese Waffe gehandhabt wird, um so besser. In diesem Sinn perorierle nament- lich der agrarische Häuptling Oertel, indem er ausführte, das König- tum sei Quell und Grund und Fundament aller Ordnung, und somit auch aller Gerechtigkeit, und das müsse der Richter berück- sichtigen, der im Namen des Königs Recht spreche. Die Richtigkeit dieses Oertelschen Satzes prüft die„Leipz. Volksztg." an einem Beispiel, indem sie einen Justizmord aus der Zeit Friedrich Wilhelms I. mitteilt, und zwar vollkommen richtig, nur mit nicht ganz unanfechtbarer Quellenangabe. Sie beruft sich auf den Baron von Seid, der dies Beispiel als eine Erinnerung seines Großvaters erzählte, so daß es den Anschein gewinnen könnte, als handle es sich nur um ein Anekdötchen vom Hörensagen, die Sache ist aber vollkommen alten- mäßig; der Professor Stcnzel erzählt sie in seiner Geschichte des Preußischen Staats so:„Als die Handwcrksburschen zur Beschleunigung des Turmbaues der Petrikirche auch während des sogenannten blauen Montags arbeiten sollten und sich dessen weigerten, kam es zum Aufstande, wobei mehrere ver- haftet wurden. Der General Glasenapp als Kommandant von Berlin berichtete das an den König und fragte an, was er mit den Gefangenen thnn solle. Der König schrieb wie gewöhnlich mit seiner sehr unleserlichen Hand auf den Bericht sogleich den Bescheid, von dem Glasenapp weiter nichts entziffern konnte, als:„Rädel ans- henken, ehe ich komme". Er wurde am folgenden Morgen um zehn Uhr erwartet. Niemand konnte den rätselhaften Befehl erklären, bis man sich entsann, daß ein übrigens in diese Angelegenheit gar nicht verwickelter Offizier der Garnison Rädel heiße. Glasenapp ließ diesen einziehen und zum Tode vorbereiten. Glücklicherweise kam ganz kurz vor der Vollstreckung der Kabincttssekretär Marschall an und erklärte, daß der König Rädelsführer gemeint habe. Glasenapp ließ erfreut den Lieutenant Rädel los und sogleich einen der Gefangenen aufhenken, dessen rote Haare ihn als Rädelsführer zu bezeichnen schienen." Unmittelbar darauf, fährt Stenzel fort:„Die fiirchterlichsten Exekutionen, außer dem Hängen und Köpfen, das Rädern von Unten auf, das Aufsradflechten, mit glühenden Zangen kneifen und Zunge- ausschneiden rissen nicht ab in Berlin, die Gefängnisse und die Festung Spandau wurden nicht leer." Und Stcnzel iveist an einer Reihe schauererregeudor Beispiele nach, daß alle die fürchterlichen Exekutionen rein nach den Launen des Königs verhängt wurden. Um diesem permanenten Justizmorde zu steuern, versuchten die Gerichte,„die dem Könige vorzulegenden Urteile nach Möglichkeit zu mäßigen und dadurch, wenn sie dann auch von ihm geschürft wurden, immer noch im Geleise wahrer Gerechtigkeit zu bleiben". Aber damit kamen sie bei dem argwöhnischen Despoten schlecht an. Stenzel erzählt, daß der König ein Richterkolleginm, das ein ihm miß- fälliges Urteil gefällt hatte, vor sich geladen und, mit dem Stock in der Faust, gefragt habe: Ihr Schurken, warum habt ihr so erkannt?„Als sich nun einige von ihnen ivegen des gefällten Urteils rechtfertigen wollte», verlor der eine durch den Stock deS Königs ein paar Zähne, die andern aber mutzten mit blutigen Köpfen zur Thür greifen, und die Treppe, bis zu welcher der König sie verfolgte, hinunter eilen." So erreichte die„monarchische Justiz", daß jeder Widerspruch gegen ihr blutdürstiges Wüten verstummte. Die„monarchische Justiz", denn in ihrem Wesen wurzelten diese Scheußlichkeiten und nicht etwa nur in dem ja freilich äußerst grau- samcu und rohen Charakter Friedrich Wilhelms I. DaS zeigte sich, als sein Nachfolger, der sogenannte„große" Friedrich, die preußische Justiz reformieren wollte, aber da er au dem Grundsätze festhielt. daß die Monarchie Quell und Grund und Fundament der Gerechtigkeit sei, auch nicht hinweg kam über die stistcmatischcn Justizmorde und das Zerprügcln der Richter, die zwar gerechte, aber ihm mißfällige Urteile gefällt hatten. In den alten, preußischen Historiken, die noch nicht vom Apfel der Erkenntnis gegessen haben, findet sich darüber ein reichliches Material. Wie von einem Alp erlöst, atmete die Bevölkerung des preußischen Staats auf, als der 18. März 1818, der deshalb allein schon als glorreicher BefrciungStag gefeiert werden sollte, sie von_ der „monarchischen Justiz" befreite, und der Schrei der Sehnsucht, den der Abgeordnete Oertel nach ihren Justizmorden ausstieß, zeigt mit dankenswerter Klarheit, was die BolkSmasscn von der agrarischen Reaktion zu erwarten haben.— Bauarbeiterschutz. Dem wiederholten Drängen von socialdemokratischer Seite nach- gebend, teilt jetzt Herr v. PosadoivSky den Erfolg seines Rund- schreibens an die Bundesregierungen vom 30. Juni 1893, betreffend den Erlaß von Gesetzen und Verordnungen zum Schutze der Bau- arbeiter, der Oeffentlichkeit mit. Nach Herrn v. Posadowskys Meinung hätten sich die von ihm gegebenen Anregungen„in weitem Umfange wirksam" eriviescn. Zunächst sei durch Vermittlung des Reichs-VersicherungsamtS bei den Bauberufsgenossenschaften auf eine Verbesserung des Aufsichtsdienstcs zur Durchführung der Unfall- verhütuugs-Vorschriften hingewirkt worden. Die preußische Rc- gierung hat die Regierungspräsidenten augewiesen, nach Bedürfnis geeignete Verordnungen zu erlassen, was auch teilweise bereits ge- schehen sei. Dan» wird auf das unseren Lesern ja bekannte Vorgehen Bayerns und auf das in Beratung befindliche sächsische Bau- gesctz verwiesen, Baden und Württemberg werden gelegentlich prüfen, Hessen und Braunschweig haben Polizei- Verordnungen erlassen, ebenso Anhalt, Schwarzburg- Rudolstadt und R e u ß ä. L., in S a ch s e n- A l t e n- bürg, S a ch s e n- M e i n i n g e n, R c u ß j. L. und Schaum- bürg sollen„im Bedürfnisfalle" bei der Baucrlaubnis geeignete Bedingungen gestellt werden, in Lübeck wird beraten, H a m- bürg habe schon entsprechende Vorschriften und in Elsaß- Lothringen sind die Polizeibehörden zum Erlaß von Vorschriften angewiesen worden. Ueber den Inhalt dieser vielen Vorschriften wird ebenso wenig mitgeteilt, wie über die Art der Fürsorge für ihre Beachtung. Da- mit lväre auch wenig Staat zu macheu. Wir haben die meisten dieser Verordnungen mitgeteilt. Ten berechtigten Wünschen der Bauarbeiter entsprechen sie nicht im cntserntcstcn und die lieber- wachung ihrer Durchführung ist ohne Ausnahme den Polizeibeamten überlassen, die Nichtbeachtung mit geringen Geldstrafen bedroht. Eine einzige Ausnahme bildet Bayern, wo man bekanntlich Arbcitercontrolcure anstellen will. WaS ist auch Besseres zu erwarten nach der famosen„An- regung" der Rcichsregicrung. die sich die Mitwirkung praklisch er- fahrener Bauarbeiter bei der Kontrolle so denkt, daß der Bauherr oder Unternehmer seinen Vorarbeiter mit der Aufsicht betraut und ihm die Verpflichtung auferlegt, die Durchführung der Schutz- Vorschriften zu überwachen und ihre Vernachlässigung anzuzeigen. Daß ein solcher„Vertrauensmann" viel z u abhängig von seinem Unternehmer ist, um irgend etwas für die Arbeiter durch- zusetzen, liegt auf der Hand. Der Untemiehmer würde den mibe- quemen Arbeiter einfach entlassen. Wohl aber wäre dieser Ver- trauensmann der Prügeljunge, auf den der Unternehmer, wenn sich ein Baunnfall ereignet, alle Schuld abwälzen kann. Weshalb, würde in einem solchen Fall der Herr entrüstet fragen, hat der Vor- trauensmann nicht seine„Pflicht" erfüllt und für„Abhilfe" gesorgt? Und zu solchen kläglichen Mittelchen sieht sich unsere offizielle Socialpolisik genötigt, iveil„es an den erforderlichen Geldmitteln fehlt, um genügend zahlreiche Bcamtcnkräste anzustellen und zu besolden". Natürlich: Hunderte von Millionen müssen dem Militarismus und MarinismuS geopfert werden. Da können selbstverständlich die wenigen tausend Mark zum Schutze des Lebens und der gesunden Glieder von ca.. einer Million deutscher Arbeiter nicht erübrigt werden. So sieht die„moderne" Socialpolitik aus.— ** * Deutsches Iieich. Die Chance» der Flottenvorlage steigen. Auch der R i ch t e r s ch e Freisinn im Parlament ist nicht mehr immun gegen den Flottcubacillus. Die Herren S ch in i dt (Elberfeld), Winter meyer und Lenzmann sind eifrig bemüht, ihre Fraktionskollegen für die Flottcnvorlage zu enthusiasmieren. Wir empfehlen dem Flottenverein, den Herren ein Ehrcndiplom mit der Devise„Volldampf voraus" zu dcdiciercn.— Die KostendecknngSfrage wird jetzt von den Blättern der bürgerlichen Parteien, die das Alldeutschtnm, wie es sich räuspert und spuckt, noch nicht genügend gelernt haben, zur Hauptfrage im F l o t t e n st r e i t gemacht. Von einer principiell gegen den sich ungeheuerlich aufblähenden MarinismuS gerichteten Politik keine Spur mehr. Wenn man nur den Wählern sagen kann': Wir haben darauf gedrungen, daß Ihr nicht die ganze Rechnung bezahlen müßt— so glaubt man das höchste gethan zu haben. Natürlich liegt uns nichts ferner als eine Unterschätzung der Deckungsfrage. Wir haben wiederholt betont, daß wir nicht nur die Beseitigung der Anleihe, sondern die Aufbringung der Gesanltkostcn für die neuen Schiffsvcrmchrungen durch die besitzenden Klaffen als Mindostsordernng einer bürgerlichen Partei ansehen, die das Interesse der Steuerzahler wahrnehmen will. Die Absicht, eine derartige Fordenmg aufzustellen, ist aber in den Blättern des C c n t r u m S, von dem die Entscheidnna auch dieser Frage abhängt, nirgends zu erkennen. Wohl verwahrt sich die„G e r m a» i a" auch heute wieder gegen Aufnahme von Anleihen zum Bau neuer Panzer- schiffe und die„Kölnische V o l k S z e i t u u g" betont mit Recht, daß die Berechnungen der Ncgicruug, die jetzt aus dem bevorstehenden Flottcngesctz in die Oeffentlichkeit dringen, keinesfalls auf längere Jahre hinaus innegehalten werden könnten, wie ja auch die Kosten- ausätze des jetzigen Flotteugcsctzes sich schon nach IVe Jahren als zu niedrig herausgestellt haben. Nach einer Berechnung der„ Frank- urter Zeilung" wird zur Herstellung der von der Regierung — vorläufig! geplanten Flotte nicht eine Verdopplung dcS bisherigen Marine-Etats, sondern jedenfalls seine Verdreifachung nötig werde». Je gewaltiger aber die Summen sind, die aufgebracht werden müssen, wenn erst einmal mit Centrumshilfe die Flottcnvcrdopplung beschlossen würde, mn so größer ist die Verpflichtung, nicht nur bei der Abwehr von Anleihen stehen zu bleiben, sondern alle ans der weiteren Flottenvermchrung erivachscnden Ausgaben auf die„starken Schultern" zu legen.—_ ScchSunddrcinigstündigc Arbcitsschichtc». Ein Dokument unerhörter Arbeiterschinderei bildet die nach- stehende Zuschrift der Gewerbe- Inspektion Altona an einen Unter- nehmer deS Aufsichtsbezirks: Altona. 28. Juli 1898. Herrn..,., In der Nacht vom 21. zum 22. d. MtS. fand ich in Ihrem Betriebe Leute bei der Arbeit, welche mir sagten, daß sie von morgens 6 Uhr am 2l. bis abends 6 Ubr am 22.. also in ZSstündiger Schicht arbeiteten und daß dies wöchentlich ein- bis ztvcimal vorkomme. Eine so weitgehende Anstrengung der Arbeiter muß ans die Dauer GcsuiidheitSstörungcn zur Folge haben und ist, auch wenn sie nur vereinzelt vorkommt, nicht unbedenklich. Ich ersuche Sie daher ergebenst. wenn Sie künftig nachts arbeiten lassen wollen, für einen regelmäßigen Schichtwechsel Sorge zn tragen. Andernfalls würde ich inich genötigt sehen, ein Polizei- licheS Verbot der Nachtarbeit herbeizuführen. Unterschrift. Auffällig ist, daß in der dem Reichstage zugegangenen Uebcrsicht über die Jahresberichte der Gewerbc-Anfsichtsbcamtc» ans dem Bezirk Altona gar nichts mitgeteilt wird über das Vorkommen außer- gewöhnlich langer Arbeitszeiten. AuS verschiedenen andern Bezirken werden eine ganze Anzahl solcher Klagen verzeichnet und auch das Vorkommen Ästündiger Schichten in mehreren Fällen erwähnt. Vielleicht ist aber dieser Mangel im Bericht doch nicht auffällig, wenn man die liebenswürdige Art berücksichtigt, mit der der Herr Gewerbeinspektor dem rücksichtslosen llnternchmcr entgegentritt. Ilm den Unternehmern die Lust zu solcher Ueberausbeutimg zu nehmen, ist schon ein schärferes Zufassen nötig. Eine Bestrafung ist ja leider aus Grund der allgemeinen gesetzlichen Vorschriften nicht möglich, tvohl aber ein polizeiliches Verbot derartiger Arbeitsschichten auf' Grund von§§ 120» und 1206 der Gewerbe- Ordnung, und das sollte in solchem Falle nicht erst für die Wiederholung ange droht, sondern sofort ange ordnet werden. Tientsin zahlt alleS. Der Flottenvereiu zu T i e n t s i n (Hafenstadt von Peking) und die Deutschen Tientsins haben an den Reichskanzler nachstehendes Telegramm gerichtet: „Das weitschauende Vorgehen in der Flottensrage begrüßen wir dankbar und vertrauensvoll. Der nationale Geist der Volks- Vertretung muß die Mittel bewilligen, die erforderlich sind, um der ewig jungen Schaffenskraft deutscher Arbeit durch eine achtung- gebietende Flotte daheim und allüberall die Segnungen des Friedens zu sichern. Cin Steucrappcll an uns Ncberseer wird nicht verhallen!" Die llcbcrsecr in China wollen die Bagatelle des Flottcngesctzcs zahlen— das ist eine«rfreuliche Lösung der unangenehmen Deckungsfrage. Doch man mute den Flottenbegeisterten von Tientsin nicht allzu viel zu, man lasse auch die Uebersecr andrer Sonnenplätze an dem Zahlvcrgnügcn teilnehmen. ES soll genug sein, wenn die Herren in China nur die Millionen für Kiautschou auf- bringen werden.— Eine Atrappcn- Beratung. Eine sehr spaßige Miniik leistet sich zur Zeit der Bundesrat der deutschen Regierung. Er berät nämlich mit Eifer und Hingebung den längst feststehenden Flotten- plan, von dem zuerst die Industriellen, dann die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung", hernach die Höfe und ganz zuletzt die eigent- liche Regierung erfahren hatten. Erst gedachte man die Sache in einer Sitzung"schnell zu erledigen, zumal Krupps Essener Organ sehr richtig bemerkt hatte, daß sich Begeisterung nicht einpökeln lasse, namentlich wenn sie nicht vorhanden ist. Dann aber überlegte man sich, solche Hast ivürde einen schlechten Eindruck machen und so setzte man sich höchst ernsthaft hin und beriet daö fertige Gesetz, an dem kein Bundesratsmitglied mehr etwas zu ändern hat. Wer nun nicht überzeugt ist, daß'der Bundesrat die ausschlaggebende Instanz in der deutschen Gesetzgebung der Gegenwart bedeutet, der leidet an einem Mangel von Wahnvorstellungen, der in der Zeit der weit- politischen Schwarmgeisterei einfach unanständig gesund ist!— Der gesetzliche Achtstundentag für Bergarbeiter hat in Bayern ein kurzes Leben gehabt: In der ersten Lesung der Berg- gesctznov'elle wurde er von der Kommission beschlossen m>d in der Zwesten Lesung wurde er schon wieder beseitigt. Genosse Scgitz, der Antragsteller,'konnte zur zweiten Lesung nicht anivesend sein und deshalb zeigte sich die Kommission den Wünschen der Regierung geneigter. Sie beschloß nun einen Achtstundentag ohne Ein- un d'Aus fahrt. Tie Genehmigung zu zehnstündiger Arbeitszeit wurde von 3V auf 52 Schichten erhöht.— Genoffe Segitz wird nun seinen Antrag im Plenum wiederholen, die Aussichten für dessen Annahme sind aber unter diesen Umständen noch geringer ge- worden.— Seknndärbahnvorlage. Dem preußischen Landtag ist die Sekundärbahn vorläge zugegangen. Laut K 1 des Entwurfs soll die Rcgierimg ermächtigt werden,' zu vetipenden: a) zur Herstellung von Eisenbahnen und zur Beschaffung der für dieselben er- forderlichen Betriebsmittel 32 813 000 M.. b) zum Bau von Neben- eisenbahucn 53 817000, o) zur Beteiligung deS Staates an den Bau einer Eisenbahn von Treuenbrietzen nach Neustadt a. Dosse durch Uebernahme von Aktien 1000 000. ä) zur Förderung des Baues von Kleinbahnen 20 000000 M.. im ganzen 115 660 000 M. Für einige der geplanten Linien ist wegen ihrer militärischen Be- deutung eine Beteiligung des Reichs an den Baukosten mit 80 Proz. bczw. 60 Proz. vorausgesetzt. Die Herstellung der einzelnen Ncbcnbahnlinien ist wie bisher von einer angemessenen Beteiligling der Interessenten abhängig gemacht worden. Die Forderung von 20 Millionen für den Bau von Kleinbahnen wird damit begründet, daß für die finanzielle Unterstützliug von privaten und ioinmunalen Klembah»- Unternehmnngen von der Staatsrcgicrung bisher Fonds im Betrage von 29 Millionen Mark bcivilligt'wordcn sind, während die bewilligten, in Aussicht gestellten und in zahlenmäßig bestimmter Höhe beantragten Staatsunter- stütznngcn auf 15 371051 M. beziffern. Hiernach wäre die Bereit- stellung von weiteren 16 371051 M. erforderlich. Da jedoch eine lange Reihe von Anträgen auf Bewilligung weiterer Unterstützungen vorliegt oder zn envarten steht, sucht die Staatsregicrung um die Ermächtigung zur Verwendung einer Summe von 20 Millionen Mark nach.— Cisrnbahu-Tarif-Rcform. Der preußische Eisenbahnminister ptant. wie der.Deutschen Tagcsztg." geschrieben wird, eine Reform der Eisenbahn-Personen-Tarite. Alle bisher bestehenden außer- ordentlichen Vergünstigungen, wie z. B. die verlängerte Gültigkeits- daucr der Rücksährtskarten während der Sommerzeit usw.. sollen in der nächsten Zeit aufgehoben werden. Weiter soll die Ausgabe von Sonntagsfahrkartcn zu ermäßigten Preisen, die namentlich im Sommer vom Publikum stark benutzt wurden, sehr erheblich ein- geschränkt ivcrdc». Die geplante Tarif-Reform soll dahin gehen, die P er s o n e n- Ta r i f e um etwa zn ermäßigen, dafür aber die Rückfahrtskartcn ganz zu beseitigen.— JntiilicS von Lorcnzen. Aus Kiel wird uns geschrieben' lieber den famosen früheren Werftarbeiter Theodor Lorenzen. den berühmten Schmähschriftenvertreiber gegen die Socialdcmokratie. siiid in einer Gerichtsverhandlung ani Dienstag dieser Woche rcchl intcrcssante Dinge bekannt geworden. Derselbe hatte gegen einen früheren dicnstlducndcn Werkfiihrer der kaiserlichen Werst bei der Wcrfldircttioii eine Denunziation eingereicht, daß der- selbe in den Jahren 1891—98 gelegentlich für sich kleinere Arbeiten. wie Schlüssel. Lötkolben usw. angefertigt habe. Der Betreffende wurde von der Werft scincS Postens enthoben und halte sich wegen Diebstahls kaiserlichen Eigentums zu verantivorten. Das Ergebnis war F r c i j p r e ch u n g. lieber die Glaubwürdigkeit des Lorenzen vernouimen. sagte ein Baurat der kaiserlichen Weift aus. daß Lorenzcn sich ihinAgegenüber als unzuverlässig erwiesen habe. Bei einer Anwesenheit in seinem Bureau habe sich Lorciizeii ihm gegenüber derartig unverschämt bcnoinmc», daß er ihm die Thür habe weisen müssen: Em solches Benehmen ihm gegenüber habe er sich nur daraus erklären können, daß Lorenzcn sich bei höherer Stelle infolge seiner gegen die Socialdcmokratie gerichteten Broschüre gedeckt glaubte. Schließlich aber war es mit der Deckung doch zu Ende und man ließ ihn ziehen. Undank ist der Welt Lohn.— Tpioncnjagd an der deutsch-franzöfischcn Grenze. AuS Elsaß-Lolkrtugeu wird uns geschrieben: Bon der in uaserm Grenz- lande betriebeneii Jagd auf Spionageverdächtige und ihren Erfolgen giebt eine Zuschrift Knilde. Ivelche die kaiserliche Polizcidirektion in Metz zn Bcrichlignilgszweckeil dieser Tage an ein Straßburgcr Blatt gerichtet hat. Danach ivlirden im Lause der letzten vier Jahre aus dem Bereich der Polizeidircktian Metz wegen vollcndetcu bezw. her- suchten Landesverrats diirch das Reichsgericht in Leipzig verurteilt: der Kohlenhändler Hanne zu vier Jahren Zuchthaus, der ehcnialige Feuerwerker Schmidlkoiiz zu zehn Jahren Zuchthaus, der srüherc Depo:- Viccfeldwcbel Meinecke zu sechs Jahren drei Monaten Zuchthaus, der Schristslellcr Mffister zu 5.Jahre» 1 Monat Zuchthans, der Bildhauer Steiiileu zu 2 Jahren Zuchthaus, der Reisende Dussard zu 1 Jahr 6 tvionateii Zuchthaus, endlich der Gärtner de Cock z» 6 Jahren Zuchthaus, nn ganzen also sieben Personen zu insgesamt 34 I ahren 10 Monate» Zuchthaus. Weil größer ist aber die Zahl jener Opser der Spionitis, die von reichsländischcn Polizei-Orgaucn unter dem bloßen Verdachte der Spionage feftgenoiiime» wurden, nach kürzerer oder längerer Haft aber ivicder sreigelasien werden mußten, weil die gerichtliche Untersuchung keinerlei belastendes Material gegen sie zu Tage zu fördern vermochte.— Daß man jenseits der Grenze mit derselben Schärfe gegen Spionageverdächtige vorgeht, kann nicht verwundern. Erst dieser Tage crkamite das Appellgericht zu Nancy gegen den in Metz ivohnhast geivcsenen Spmchlehrcr V i d a l, der vom Zuchtpolizeigericht in St. Mihiel zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war. auf die vom Staatsainvalt ein- gelegte Bcrusimg auf eine Gcsamtstrase von drei Jahren Gefängnis und' 3000 Fr. Geldbuße. Vidal war bei den letzten großen Manövern an der Maas von den französischen Behörden unter dem Verdacht der Spionage verhaftet worden und soll wichtige, die sranzösische Artillerie bctresiende Schriftstücke an eine fremde Macht ausgeliefert haben. Er beteuerte jedoch in beiden Verhandlungen auf's nach- drücklichste seine völlige Unschuld.— Dresden, 23. Jan.(Eig. Bei.) Landtag. In der zweiten St am in er wurde heute die von der Rcgicriiug vorgelegte Novelle zum Cinkonimenstcuergesetz, deren wesentlichen Inhalt wir. schon besprochen haben, beraten. Die Borlage selbst ist uiibedcnteiid, es kam bei der Gelegenheit aber zu eiiicc iiiteressallten allgemeinen siiioiizpolitischen Debatte, die vom Präsidenten, dem konservativen Führer Dr. M e h n c r t, demonstrativ eingeleitet wurde. Die ge- künstelte Bilanz des Etats, an der speciell die Konservativen schuld sind, indem sie im vorigen Landtag die von der Regierung ver- langte Steuerreform(Vermögenssteuer) rundweg ablehnten, scheint den Herren nun doch recht unbequem zu tm-Sen.- Er. Mehnert hielt eine Stenerrcde zu Gunsten' der armen Beliultermig»nid er hatte dabei das Malheur, daß ihm von keiner Seite geglaubt wurde. Er verlangte von der dtcgicrnng erneute Initiative zu einer Steuerreform, die aber die ärmere Bevölkerung nicht belasten dürfe. Denn gerade deswegen hätten die Konservativen iin vorige» Landtage— die V e r- n» ö gcnssteuev abgelehnt. Was der Herr unter„minder be- inittelt" verstehen»nag! F i» a>» z m i n i st e r v. M e tz d o r f er- klärte bissig, daß man von ihm doch vernnnftigeriveise»richt schon wieder eine Vorlage verlangen könne, nachdem eben erst eine solche, mit aller Sorgsalt von der Regierung ans- gctnftclte. abgelehnt lvurde. Mit andern Worten: Ganz ui»d gar will die Regierung nicht Handlanger der Koirscrvativen sein. Mit förnllicher Schadenfreude lvurde Herrn Mehnert seitens der Nationalliberalen, wenn auch recht höflich ui»d diplomatisch, gesagt, daß man an die gute Absicht der Konservativen »ncht eher glanbc, als bis ihr Wolle» von ivcgen den„starken Schüller»»" in die That umgesetzt sei. lluscr Genosse Fraß d orf vollends sagte den Herren ohne große Umschweife unter Klarlegung der Situation direkt auf den Kopf, daß er an der ehrlichen Absicht der Kon- scrvativen zweifle. Er»vicS auch ganz richtig auf die Steuerpolitik dcrKon- feivativeu im Reiche und den Gemeinde» hin. Jetzt käme man nun auf das, ivas die Socialdemokraten von jeher»vollen: Vermehrte Heranziehung der Reiche». Die Vorlage lvurde zivei Deputationen übcnvicsen.— Bemerkt sei noch, dag man nn außerordeirtlichen Etat 20 Millionen, im Eisenbahn-Etat 6 Millionen Mark durch Ab- striche zu sparen gedenkt.— Grober Uufug im Himmel. Gegen Redactcur Dr. Reinhold Gchecb ist ivegen einer in Nr. 43 des„Simplicissimus" gebrachten Illustration„Im Hiinmel" samt Text das gerichtliche Ver- fahren mls Grund des„Groben Unfug"»Paragrapheu eingeleitet »vorden. Das„inkriminierte" Bild ist eine ebenso drollige»vie uirschuldige Darstellung von Th. Th. Heine, auf der die Änsstattung cincS schlimmen Weibes mit Engelsflügeln»»»it Stift und Wort geschildert wurde. Offenbar gehören die Engel noch nicht zu den kirchlichen Einrichtungen und»nan hat stalt zu den» lieben§ l6ö zu den» Macht-alles-Paragraphcn vom groben Unfug seine Zuflucht gc- nomine».— „Spargroschen." Nach der letzten Veranlagunip von Anfang 18V!) waren in Preußen 6014 Personen, die ein Vermögen von mehr als 1 Millio»» Mark battcn. gegen 5440 im Jahre 1897 und S212 im Jahre 18LS. Die Zahl der Millionäre hat in den letzten zlvci Jahren also»nn 574 oder IS.S Proz. zugenommen. Von ihnen haben 3905(18S7: 3549) ein Vermögen von isbör ein bjS zivei Millionen. 1630(1461) ein solches von über 2 bis 5 Millionen. 348>315) ein solches von 5 biS 10 Millionen. 67 �61) von 10 bis 15 Millionen, 36(31) von 15 bis 20 Millionen, 11 fv) von 20 bis 25 Milliouc». 6(8) von 25 bis 30 Millionen und 11(6) von mehr als HO Millionen. Von allen Millionären lvohncn 4767 s3977> in den Städten und 1749 s1543) auf dem'Lande. Unter den zchilfachcn Millionen be- finden sich 94<81) in den Städte» und 37<36) auf dein Lande. Von den reichsten 1 1 Personell mit über 30 M i I l i o n e u Mark Vcrulögen»vohneu 4 in Schlesien, je Ä in Hefsen-Raffau und in Rheinland, 1 in Westfalen und 2 in Pcrliu. Im ganzen zählt Berlin 1306 Millionäre gegen 1221 im Jahre 1897. so daß ihre Zahl um 85 oder 7. Proz., mithin verhältnismäßig noch nicht halb so stark»vie im ganzen Staat zugenommen hat. In» Reg.-Bez. Potsdam, wozu die Vororte von Berlin gehören. sind 136 Millionäre' vorhanden gegen 109 in» Jahre 1897, so daß hier eine Zunahme von 23 Proz. stattgefunden hat. Von den Berliner M i I l i o u ä r en haben 830<772) 1 bis 2 Millionen, 367<339) 2 bis 5. 72 s86) 5 bis 10, 16(16) 10 bis 15, 14(12) 15 bis 20, 3 20 bis 25, 2(4) 25 bis 30. 2(0) über 30 Millionen Mark. Stark vertreten sind die Millionäre außerdem noch in den Slegiernngsbezirken Breslau, Magdeburg. Wiesbaden. Düsseldorf und Köln. Unter allen Millionären sind 23(im Jahr 1897 32) vorhanden, die ein E i u k o>»» m c>» von noch nicht 3000 Mark habe». Es sind dies vornehmlich»vohl Besitzer von Baustellen, Vorortsländercicn u. dcrgl.: von ihnen fallen 3 l6) auf Berlin und 5(6) auf den Regierungsbezirk Potsdain. Während die Zahl der Millionäre svioohl absolut als relativ gestiegen ist, sind die kleincü Kapitalisten, die ein Vermögen von 6000—20000 M. besitzen, wohl absolut— entsprechend der Znnahiiie her Bevölkerung— gestiegen, relativ aber hat sich ihre Zahl ver- m i>i d e r t. 1899 zählte man 597 123, zivei Jahre vorher 581 212 sn diese Kategorie culfallcnde Eensitcn; auf je 100 aller Ccnsiten kamen jedoch 1899 nur 48.87, zivei Jahre vorher 49,26 solcher mit einem Vermögen von 6000—20 000 M. Von hoher Wichtigkeit für die Beurteilung der Kon- zeutratioi« dcS Kapitals ist die Frage, ivicvicl das Vermögen der einzelnen Gruppen von Eensitcn beträgt. Da crgiebt sich daS Resultat, daß die sämtlichen Gruppen der Eensitcn mit einem Ver- mögen bis zu 200000 M. mit ihren Anteilsziffern von dem Gesamt- soll der Steuer zurückbleiben, während die Vermögen von mehr als 200 000 M. stärker daran beteiligt sind. Die Vermögen über 500 000 M. bringen 33,19(im Vorjahre 31,81), die kleineren uutcr 32 000 M. 16,00'(im Borjahre 16,61) und die mittleren 508,2 (im Vorjahre 51,58) Prozent dcS Stcuersolls auf. Am stärksten sind die Vermögen über 2 Millionen angewachsen, sie haben sich von 14,24 auf 15,17 Proz. vermehrt. Die»nchr als zweifachen Millio- näre bringen 5,1 Millionen Steuern gegen 4,5 Millionen im Vor- jähre auf. Diese amtlichen Daten beweisen von neuem die Richtig- teil der von der Socialdemokratie stets vertretenen Anschauung. daß die Konzentration des Kapitals in immer schnellerem Maße vor sich geht.— Ausland. Verbannung der Gefangenen von Montjuich? Aus Madrid wird berichtet: Die Königin habe den Wunsch aus- gedrückt, de» NameiiStog des Königs durch einen Gnadcnakt zu feiern und der Ministerrat habe daraus beschlossen, die Strafe der a»- a rch ist isch e n Gefangenen von Montjuich in Verbannung umzuwandeln. Auf diese Weise will man offenbar der weiteren Erörterung der skandalösen Vorgänge in den spanischen Gefängnissen aus dem Wege gehen. Darauf deutet auch die Thatsache hin, daß die Regierung vor wenigen Tagen eine Revision des Montjuich- Prozesses ab- lehnte. Der Prozeß stammt, wie wir einer zusammenfassenden Madrider Korreipoildcnz der„Voss. Ztg." entnehmen, aus dem Jahre 1895, in dem in Barcelona ans eine Prozession eine Dynamit- bombe geschleudert wurde, die eine große Anzahl von Leutcn tvdtele und vcrwmidete. Infolge dieses Anschlags wurden etwa 1 00 Anarchisten verhaftet und gerichtlich belangt; 5 wurden standrechtlich erschossen und etwa 20 zu l c b e n s- länglicher Zwangsarbeit verurteilt. Als, der erste Ein- druck, den dieser schreckliche Vorfall verursacht hatte, vorüber war, begaim dos Gerücht sich zu verbreiten, die erschossenen und venirieilten Leute scicu unschuldig gclvescii. Die Polizei habe sie eingekerkert, nn» eine» Preis von �10000 Pesetas, der auf die Entdeckung der Ursache des Verbrechens gesetzt worden war, ein- zustecken, und durch s ch r c ck l i ch e F o l t c r n, die auf Fort Moni- juich, ioo die angeblichen Anarchisten untergebracht worden waren, ins Werk gesetzt wutden, den Unglücklichen Gestandniffe abge- zwuuge». Hierauf brachte die Presse haarsträubende Enthüllungen über die in den Kaiwnatten von Montjuich verübten Greuel- thaten. Im ganzen Lande regte sich ein Gefühl des Abscheus. und der Entrüstung gegen die Henlelslcute von Montjuich. und ungestüm wurde die Revision dieses Prozesses verlangt. Die Regierung konnte nicht länger dieser allgcmcincu Belvegung gegen- über lhateulos verharren und gab dem Gcneralkapitän von Barcelona Befehl, eine Untersuchung betreffend die Vorgänge auf Moiltjuich vorzunehmen. Die Folge dieser Untersnchuilg ist nun wohl die mit Verbannung i verbundene„Begnadigung", nachdem die Revision des Prozesses. um Polizei, Gefängnisbeamte und Offfziere»licht bloßstellen zu müssen, abgelehnt worden �ist. Madrid, 23. Januar. Der Senat beschloß, einen Antrag des Grafen Almenas in Erwägung zu ziehen, welcher fordert, daß die Regierung und die G e n e r ä l e, welche an den» Kriege mit den Vereinigten Staaten tcilgciiommc», zur Verantwortung ge- zogen werden sollten.— In parlamentarischen Kreisen wird hierzu bemerkt, daß das Kriegsgericht nur die Generäle abgeurteilt habe, welche in Manila und Santiago de Euba sich ergaben, nicht aber den Generalkapitän von Kuba und diejenigen Staatsmäner, welche die Frage der Friedeiisschließuiig erörterten. Diese letzteren habe hauptsächlich der Antrag Almciias im Auge. Wenn sie gerichtlich verfolgt werden sollten, so würde sich der Senat als Oberster Gerichtshof konstituieren, um sie abzuurteilen. Frankreich. Affnmptionistcn Prozcff. In der Mittwochsitzung führt der Staatsanwalt aus, daß das Verzeichnis der Deputierten, von denen er vorgestern mitteilte, sie verdankten ihre Wahl der Unterstützung durch die Afsumptionistei» und ihre Organe, nicht von ihn» herrühre, sonden» aus einem durch Affumptionisteu geleiteten Blatt stamme. Der Staatsanwalt drückt sodann seine Freude darüber aus, daß die Deputierte», welche er im Auge gehabt habe, sich dagegen verwahrt hätten, von den Ässumptiomstcu unterstützt zu sein.— Italien. Eine allgemeine Berramschung alter Kricgsmaicrialicn will Herr P e l l o ü x vornehmen, um die Reorganisation der Artillerie durchführen zu können. Er hofft ditrch Verkauf aus Fortifikati0>is- gründen, aufgelassene Festungen und von außer Gebrauch gesetzten Gewehren alten Systems die hierzu nötigen Mittel zu beschaffen. Rußland. Finnische Zustä»idc. Das Mittel, womit sich die Finnen in erster Reihe der Rnssiffzierililg zu entziehen suchen, ist die Aus- w a n d e r u n g. Schon 1897 wanderten ans Finnland 2500 Personen anS, 1898 3656 ,»id 1899 ist die Zahl, angesichts der immer bewußter ivcrdeiidcn Unterdrückung ans 1 3 0 4 2 gestiegen. Die vierfache Anzahl gegen das Vorjahr, das schon fast die doppelte Ausluanderuiig als 1897 hatte. Die»ucffte»! gehen nach Amerika, ein Teil »ach Australien, neuerdings aber»vicdcr in abnehmende»» Maße, da die englische Regicrung den Finnen sehr schlechte Ansicdctulig-Zplätzc aniveifcn läßt. Es»»'andern besonders junge Männer aus. lvcil sie die fünfjährige Dienstzeit uutcr russischem Knutenkommaudo füchtcn, Im übrigen schreitet die Vergewaltigung rasch vorwärts. Schon im Sommer waren durch eine kaiserliche Resollition die in Finnland cxisticrciidcn Vereine für„überflüssig" erklärt und daß von 1901 ab VcrciiiSbildungcn der„Bestätigung des Kaisers" bedürfen. Aber auch jetzt' ivcrdc» jeder Vcrcinsbilduug die größten Schwierigkeiten bereitet, die Statuten bedürfen der Gc- nchinigmig des Senats, werden monatelang zurückgehalten niid die Begründung dann erst»ach ciiicm halbe» Jahr gestattet. Außerdem hat Bobrikow in allen Vereinen seine Spione: Ferner ist ein Verbot gegen össentli che Vorträge erlassen, das absolut vcrfasstmgslvidtig ist. Bisher haben keinerlei Bccinschräilkuiigcn odcr Bcaufsichtiguilgcii von veröffentlichten Vorträgen stattgefunden.— Amerika. Die offene Thür in China. Washington. 24, Januar, Alle Mächte, ivclchc an den Verhandlungen betreffend die„Offene Thür" in Ehiua teilgeiionnucn haben, haben den» Staatsdepartement Schreiben zugehen laffen. i»»velcbn» sie dem anierikanjschen Handel in Ehina die„Offene Thür" zusichern. Nur Japan und Italien haben noch keine förmlichen Zusicherungen gegcbr», man glaubt jedoch, daß eS sich hier nur um Verzögenuigeu in der postalischen Beförderung handelt,—_ a mentavipches. Kolonial Etat. Jit der Bildgctkommiffion des Reichstags ivnrde heute die Be- ratimg des K o l o n i a l- E t a t 6 fortgesetzt bei dem Etat für das o st a s r i k a n i s ch e Schutzgebiet, Die Einnahmen anS, dem Eisenbahnbetriebe sind mit 85 400 M. angesetzt. Abg. Müllcr-Fnlda(C.) hat kciii Vertrauen zur Rentabilität der Ilsmiibara-Bahn und ver- weist aus die ungünstigen Nachrichten über den ostafrikaiiischen Kaffee- bau. Er bezweifelt, daß. ivenii der Reichstag diese ungünstigen Nachrichten früher gelniuit hätte, der Ankauf seitens des Reichs bewilligt worden wäre. Die Bahn sei ein verkrachtes Unternehmen gewesen. Der ganze Frachtverkehr landabwärts habe in einem halben Jahre nur 630 Cciitner betrogen, die Kaffec-AuSsuhr müssc also sehr unbedentend geivesc» sein. Er glaube nicht an den Kaffee- erport. Der Bahncrwcrb sei ei»„gründlicher Rciiisall". Abgeordneter Dr. Müller-Sagaii ifrs. BP.), hegt Ziveifel, daß Usämbara sich über- Haupt für den Kaffceban eigne, zumal Heuschrecken und Pilz- crkrankungcu den Äaffcebau bedrohen. Abg. Gras Arnim/l M. verdient, so macht das 43 000 M. und in 14 Tagen Ve Million. Die Zinsen dieser halben Million fallen stets der millioilenschiveren Gewerkschaft i» die Tasche. Ebenso ist die Ausbentung der Kinder dorr eine geradezu skandalöse. 724 jugendliche Arveiter sind in der Mansfelder Ge- werkschaft bcsebäftigt. davon 684 nntcr Tage. Diese Kinder müssen Karren von 3—4 Ecntucrn laden und sie durch ganz enge Erz- gänge hindurch schieben. Ihr rechtes Bein ist mit einem Slromeu an die Karre gebunden. Unter dem linken Arm und am linken Bein haben sie ein Holzbrctt. So müssen sie sich unter dem harten Gestein 50—100 Meter fvrtschiebcii. Für diese Arbeit be- kommen sie einen Lohn von 1.28 bis 1,48 M. pro Tag.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.j Dabei ist die Mansfelder Gciverk- schaft wie gesagt millionenrcich. Sie hat»ach dem Handels- kanimerbericht pon 1897 bei 49 Millionen Mark Einnahmen nnd 46 Millionen Mark Ausgaben nind drei Millionen Mark lleberschust, im Jahre 1898 r»»d vier Millionen Mark Ileberschust. Da ist noch nicht einbegriffen die Summe von drei Millionen Mark, die bereits als Dividende gezahlt ivnrden. Natürlich sind nntcr den erwähnten Arbeitsbedingungen die sittlichen Verhältnisse nntcr den Arbeitern nicht gerade die besten. Gewist giet't es gerade in dem Mansfelder Revier eine graste Reihe von sehr tüchtigen nnd braven Leuten, ober zugleich kommen in diesem Gebict die meiste» Rohettsvergrhe» in ganz Mittel- denrichland vor.(Hör:! hört! bei den Socialdemokraten.l Ich werte deshalb auf dieie Leute wahrlich keinen Stein, denn wenn die Arbeitsverhältnisse so sind, wo soll da die sttl- liche Bildung herkommen. Zudem sind die Leute geradezu auf Bestechung der Steiger angewiesen, denn die Tonne Erz wird nicht bezahlt nach dem. was gefördert wird, sondern nach dein, was in die Hütte kommt, nnd über die Menge dessen, was ans- geschieden werden innst, entscheiden die Steiger. Diese Steiger find es andrerseits, die die Löhne außerordentlich drücken und geradezu sanatisch alle Bestrebungen der Arbeiter, sich zu organisieren, unter- drücken. Vor kurzem noch sind slius Arbeiter entlassen worden, die zum Teil 8—10 Jahr im Dienst standen und die sich absolut nichts hatten zu schulden kommen lassen. lediglich weil sie dem Deutschen Berg- und Hüttenarbeiter- Verband beigetreten waren. Es ist ganz zivcifellos. dast infolge dieser Zustände eine gewaltige Gährung unter den Bergarbeitern herrscht, von der manche keine Ahnung haben, obwohl sie mitten nuter ihnen wohnen.— Bei unserer Forderung eines Reichs-Berggesetzcs ist uns das Wichtigste, dast der Staat endlich den Versuch macht, die Accord- arbeit im BergwcrkSbetricbe vollständig zu verbieten.— Das srstc Gedinge.müst für alle Arbeiter eingeführt Iverden und ferner mnst ein gewisser Minimallohn gctvährlcistct werden. Es darf nicht vor- kommen, dast eine Sstihidige Schicht unter Tage mit weniger als 4M. ciulohnt ivird. Die jetzigen Gewinne der Bergwerlsbesitzer genügen sehr wohl dazu, um eine derartig feste Entlohnung zu ermöglichen. Die Kohlenpreise werden ja bei jeder Gelegenheit erhöht, denken Sie doch nur an den großen Streik, der jetzt in Oestreich ans- gebrochen ist. Sofort ist der Preis der Kohle wegen Kohlernnangels in die Höhe gegangen. Und dasselbe geschieht jeden Winter, ohne dast die Produktionskosten sich auch nur um einen Pfennig vermehren.— Jedenfalls mnst aber unbedingt der Accordlohn abgeschafft und ein Minimallohn bewilligt werden. Auch die Inspektion ist sehr mangelhaft. Mir hat einmal ein Bergmann erzählt, er habe in 15 Jahren einmal einen Berg- beainten zu Gesicht bekommen. Di- Bergbeainlcn gehen nicht etwa in den von mir bezeichneten Gängen iiiiiher. sie gehen nur in den Hauptgängen spazieren, wo die Pferdebahn fährt. Da kann nur dann Abhilfe geschaffen werden, wenn den Bergarbeitern selbst ein Teil der Kontrolle gegeben wird. ES ist nur ein Gebot der Menschlichkeit, dast endlich auf diesem Gebiete eine einheitliche reichSgeictzliche Regelung eintritt. Wen» die Regierung bis jetzt eine socialpolitische Maßnahme ergriffen hat,' hat sie stets einen Fehlgriff gethau. Hoffentlich thut sie hier das Rechte. Denn ich trage kein Bedenken z» sagen: Kein Thron eines deutschen BundeSfürstcn ist so wertvoll, ivie die Gesundheit irgend eines Bergarbeiters.(Lebhafter Beifall bei den Social- dcinokraten.j Abg. Franken(»all.): Im rhciniich-westsäliichc» Bezirk sind die Löhne der Bergarbeiter wesentlich gestiegen. Die Direktionen haben a»ch freiwillig für ge- sundc und sr-nndliche Arbeiterwohiuingen gesorgt. Der Abg. Sachse hat kürzlich auch das Grubenunglück ans der Zeche„Borussia" erwähnt und zugegeben, dost Schutzvorrichtungen da waren. Wer nun die Explosion verschuldet hat, ist nicht zu ermitteln gewesen. Auch wir bedauern, dast dabei Bergarbeiter ums Leben gekommen sind. Aber der Tod macht eben keinen Unterschied. Wir Männer der Praxis glauben überhaupt nicht. dast ein Mann wie der Abg. Sachse ei» Sachverständiger in Bcrgarbcilerfragcn ist. Wo berechtigte Klagen laut werden, wollen wir gern die Hand bieten, nni dem Bergarbeiter in seinem schweren Berufe Erleichterungen zu schaffen. Abg. Hikbck(notl.): Der Abg. Thiele hat es gerügt, dast die jugendlichen Bergarbeiter oft in so niedrigen Gängen arbeiten nuusen. Wollte man aber überall größere Räume herstellen. so würden dadurch so gewaltige Kosten cutstchcn, dast der Bergbau überhaupt nicht mehr lohnte. In den niedrige» Gängen nmffcir junge Leute beschäftigt werden, erwachsene tonnen dort nicht arbeiten.(Lachen bei den Social- demokraten.) Ob Sie(zu den Socialdcmokratcn) das für richtig halten, kann mir gleich sein. Ich erkläre gern, dast unsere ganze Partei den Wunsch hat. dem Bergmami in seinem schweren Berufe Erleichterungen zu bringen. Aber den Wunsch des Abg. Thiele, dast man im Rcichs-Bcrggcfetz die Accordarbcit beseitigen möchte, kann ich nicht teilen. Die fleißigen und geschickten Arbeiter würden auf einmal degradiert. Im Bergwerk läßt es sich nun einmal nicht machen, dast die Arbeiter alle in einem großen Saale thätig sind. Sie muffen einzeln arbeiten, und da muii jedem Gelegenheit gegeben werden, sich durch Fleiß und Geschicklichkeit ein höheres Ein- kommen zu verschaffen als die andern. Abg. Sachse hat in der letzten Sitzung, in der wir vom RcichS-Bcragesetz sprachen, auch ausgeführt, die Arbeiter hätten von der„Westsälia" nicht den Lohn bekommen, der ihnen versprochen worden sei. Es ist aber vor Gc- richt festgestellt worden, dast die Angabe, es sei ein Mindestlohn von 4 M. versprochen worden, nicht Ivahr ist.(Hört! hört I bei den Nationnlliveralen.) Herr Sachse hätte das Urteil lcnncu müssen. Ein Aergarbciterführcr hat ja die Leute verführt, zu llagcn. Wenn aber Herr Sachse von dem Prozeß nicht erfahren hat, dann hat er so leichtfertig gehandelt, dast wir ihm in Zukunft nicht wieder glauben werden.(Sehr richtig! bei den Rational- liberalen.) Herr Sachse hat schlicstciai behauptet, die Berieselmtgs- Vorrichtungen seien selten im stände. Schuld daran sind die Arbeiter. Sie benutzen die Vorrichtungen erst, wenn der Verginspeklor kommt. Sind sie dann nicht in Ordnung, dann lönnen sie natürlich nicht in einem Augenblick in stand gesetzt werden. Die Täuschung geht aber nicht von der Verwaltung, sie geht von den Arbeiter» aus. (Bravo I bei den Nationalliberaleii.» Abg. Arendt(Rp.): Ich danke dem Vorredner für die Sympathie, die er den Mansfelder Bergleuten entgegengebracht Hot. Herr Thiele hat recht, der Bergbau ist schwer, aber das liegt in der Natur des Berg- bans, und das ist nicht zu ändern, wenn man den Bergbau selbst nicht aufgcbcii will. Die Mansfelder Bergleute werden älter als Herr Thiele gesagt hat. Ruinieren sie sich aber zeitig, so kommen sie auch zeitig in Pension. Das Lohnsystem, das in Mansfeld be- steht, ist bei den dortigen Bergleuten durchaus beliebt. Mir ist noch keine Beschwerde zugegangen und ich bin doch Landtags- Abgeordneter für den Kreis Mansfeld.(Lachen links.) ES ist nur eine Stimme der Anerkennung unter den Arbeitern für die Betriebsleitung. Die Arbeiter sind Jahrelang beschäftigt worden, ohne dast der Bergbau für die Besitzer Gewinn brachte. WennJ jetzt wieder eine kleine Dividende verteilt wird, so ist das nichtö Unrechtes. Die Art der Agitation der Herren Thiele und Sachse wird der Socialdcmokratie den so sehnlichst erwünschten Eingang in das Mansfelder Gebiet nicht schaffen. Rohhcitsdelikte sind vorgcloinmcii, es handelt sich aber da- bei nicht um die eingesessene» Mansfelder Bergleute, sondern um eingewanderte, namentlich um Ausländer» Italiener. Schlimmer wie anderswo ist eS in Mansfeld auch nicht. Die Mansfelder Berg- leute sind so hochentwickelt, dost sie sich der Socialdcmokratie nicht ergeben haben. Daher auch der Zorn der Socialdemokratie. Herr Thiele sprach von Bestechungen. Wie hoch müßte das Einloinmen der bestochenen Steiger und der bestechendeii Kamerad- schaften sein, wenn so hohe Summen abgeführt werden könnten. Warum bringt Herr Thiele nicht snbstanttierte Beweise für seine Bchauptniigcn? Er wird es nicht lönnen. Häuser besitzen viele Steiger, aber auch viele Arbeiter. Durchstechereien in gröberem Umfange aber kommen nicht vor. Die Steiger bekämpfen die Social- demokraten nicht fanatischer Ivie die Arbeiter selbst. Von einer dumpf gährenden Stimmung der Mansfelder Bergleut- ist leine Rede, es herrscht überall frohe Zuversicht. Das beweist auch der Rückgang der socialdemokratischen Stimmen. Für die Social- demokratie stimmen nur Nicht- Bergleute.(Lachen links.) In Berg- arbeiterorten sind süc mich 1100, für die Socialdemolratie 9 Stimmen abgegeben worden. Die Bergleute setzen ihre Ehre darein, dast keine socialdemokratische Stimme unter ihnen abgegeben wird. In Mansfeld bekämpfen eben die Arbeiter die Socialdemo- kralen und diese Art der Bekänipsting ans den Arbciterkrciscn heraus halte ich»ür eine Grundlage der Socialdeniolrateiibekämpsung überhaupt. Aus den Arbeilerkreiseit selbst muß die Bekämpfung kommen, denn für keinen Stand ist die Socialdcmokratie gefährlicher als für die Arbeiter, deren Interessen zu schützen die Herren zwar vorgeben, die durch die hetzerischen Agitationen aber nur geschädigt Iverden.(Beifall rechts. Lachen bei den Socialdeinokraten.) Abg. Thielc-Halle(Soc.): Ich habe inich vorhin nur so wenig als möglich mit den politische» Verhältnissen des Mansfelder Bergrcviers beschäftigt, aber die AuSsi'chrnngen des Herrn Vorredners zwingen mich darauf noch etwas näher einzugehen, um zu zeigen, in welch schlechten patriarchalischen Verhältnissen die Bergleute dort sich befinden. Herr Arendt sagte, ihm hätte noch kein Bergmann eine Beschwerde vor- getragen.' Noch den Erfahrungen, die ich in, Mansfelder Bezirk ge- macht habe, finde ich das begreiflich. Ich möchte die Worte, die nur gegenüber über die Person des Herrn Arendt und den Zwang, ihn zum Reichstag wühlen zu müssen, gefallen sind, nicht wiederholen. Das aber kann ich ihn, sagen! Schmeicheleien waren es gerade nicht. lHeitcrkeit bei den Socialdeiuokralen.) Wie sollen sich diese Leute also mit ihren Beschwerden persönlich an Herrn Arendt wenden? Wenn Sie glauben. Sie seien der Vertraute der Bergleute, so sind Sie ans dem Holzwege, Herr Arendt.(Heiterkeit bei den Socialdemo- kraten.) Sie schätzen uns auch zu klein. wenn Sie meinen. wir haßten die Bergleute. weil wir sie noch nicht für uns gewoimcn haben. Wie siebt es denn mit der Mansfelder Organisation? Sie bestand gegen Gesetz und Recht, solange das Bcrbindungsvcrbot politischer Vereine noch Gesetz war. Obwohl alle politischen Tages- fragen in den einzelnen Vereinen erörtert wurden, wurden die Vereine von der StoatSanwalt'chaft nicht als politisch angesehen. Die Bersammliingen des reichStrcnen Vereins sind oft schlecht be- sucht. Die Steiger aber zwingen dann die Leute zum Versammlungs- besuch. So sagte der Krug'hürtcr Steiger Enke. ein Donnerwetter soll dreinschlagc'u. wenn die nächste Versammlung nicht besser besucht ist.(Heiterkeit.) So sieht die Musterorganisation der Mansfelder Bergleute ans. Doch zu wichligeren Dingen I Herr Arendt verlangte den Beweis für die llnredlichleit der Steiger. Nun, einem Blinden kann inan nicht das Sehen beibringen, und wenn Herr Arendt behauptet, die Berhältnisse dort zu kennen und von dieser Bestechlichkeit trotzdem nichts gemerkt hat, so mnst er blind sein. Wenn er aber durchaus Beweise verlangt, so will ich ihm auch einen Fall anführen. Der Steiger Rothe, mit..th". in Benndorf. mit 2„n"(Heiterkeit), hat mit den, Material der Gewerkschaft und von Maurern nnd Zimmerlcuten der Gewerkschaft für sich ein Haus errichten lassen und das sind nicht Hänser. die die Gewerkschaft befürwortet. Ebenso ist es auch jedem. der die Verhältnisse dort kennt, ganz bekannt, dast dort häufig Steiger die Frauen der Bergleute als ihr Eigentum de- trachte». Wenn wir solche Behauptiingen in unserer Presse ans- stellen, werden wir ja immer bestraft. Denn der Beweis der Wahr- hcit kann nie erbracht werden, weil die Leute aus Furcht, entlasten zu werden, die Aussage verweigern, Demi im Mansfelder Kreise abgelegt zu werden, bedeutet so viel als des Landes verwiesen zu werden. Herr Arendt hat es weiter so hingestellt, als seien die Pensions- Verhältnisse im Mansfelder Revier so günstig, dast eS für die Arbeiter ein wahrer Genuß wäre zu verunglücken. Dagegen spricht die That- fache, dast gerade aus diesem Gebiet heraus misterordentlich viel Klagen an das Neichs-Versichernngsamt kommen wegen zu geringer Festsetzung der Rente. Die Leute werde» zum Teil direkl um ihre Rente geprellt.— Wenn Herr Arendt behauptet hat, dast er von einer erregten Stimmung unter den Mansfelder Bergleuten nichts wisse, so beweist das auch Ivieder nur, dast er gegenüber den Thatsachen blind ist.— Von einer großen Arbeiter- fürsorge der Mansfelder Unternehmer, die Herr Arendt rühmend herborhob, kann keine Rede sein; gewiß sind ja einige Wohnhäuser für die Arbeiter gebaut, aber was will das sagen bei einer Anzähl von 80 000 Arbeitern, Wie traurig die Verhältnisse der Arbeiter dort sind und wie zurückgeblieben sie geistig sind, geht auch schon daraus hervor, dost Eisleben, welches seiner Zeit einen Luther in die Welt schickte, heute einen Arendt zu seinen: Vertreter wählt. Abg. Dasbach/, llhr. Deutsches. Der Probekandilmt. Ansang?>/, Uhr. Lessing. Als ich wiederlam... Ansang?>/, llhr. Berliner. Das deutsche Jahr- hundert. Anfong 7>/.. Uhr. Schiller. In Behandiung. Anfang 8 llhr. Neues. Ein unbeschriebenes Blatt. Ansang T/s Uhr. 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Januar cr.. vorm. 10 Uhr» bei P a st e r. Juselstr. 40 v. 4 Dr.: oräentUelie üitgliellei'- Versammlung. Tages- Ordnung: 149/1 1 Kassen- und Revisionsbericht vom 4. Quartal 1899. 2. Neuwahl des Kassierers, des 2. Bevollmächtigten, des 2. Schriftführers und zweier Revisoren. 3. Innere Kasscnangelcgenheitc»._ Mitgliedsbuch legitimiert!"VQ Der Vorstand. Arbeiter-Bildnngsschule. Sonntag, den 28. Janaar. abends 7 Uhr, Im Liohal des Herrn Herzberg. Alte Jakobstr. 75: Vortrag des Herrn M. Pauly über:„Feuerbestattung" (durch Vorführung eines künstlichen Krematoriums). Xach dein Vortrag: CiemUtllches Beisammensein u.Tanz. Eintritt 10 P/g. Garderobe 10 Pfg. 4/8* Verband der Stock- und Scbirmbranche Berlins nnd Umgegend. Sonnabend, den 27. Januar, im„Schweizer Garten" _ am Königsthor: Grosser Viener Masken-Ball. Anfang 8>/- Uhr.— Blliet 40 Pfennig. Billets sind bei sämtlichen Vertrauensmännern der Werkstätten,' sowie beim Kassierer Karl Liebe, Frankfurter Allee 4 zu haben. 175/2 Um recht zahlreichen Zusprach bittet Der Vorstand. ' Die Zahlstelle ist am Festabend geschlossen. Beerdignngsvereio Berliner Zlnerleote. Sonnabend, den 3. Februar Grosser Viener Maskenball in der Brauerei Friedrichshain(früher Lipps) am KUnigsthor. jßtF Anfang S1/-. Uhr. Ende?'i-WE Mitglieder und Freunde werden gütigst, dazu eingeladen und ersucht, tccht zahlreich zu erscheine.!. Billets a 50 Pf. sind vorher bei den unterzeichneten Komitee- Mitglieder» zu haben: Klcbb, Marieudorferstr. 2, Stss. 4 Tr. Liebe. trau, Rene Königstr. 18. Krasst, Graunstr. 19, Ouerg. 4 Tr. Schwanz. Wriezenerstr. 8, vorn 3 Tr. l. Brunzel. Wilsnaclerstr. 61, Stss. 3 Tr. Schneider, Zoffencrstr. 35, v. 3 Tr. Petermann. Reinickendorfcrstr. 65, v. 4 Tr. Mahn, Eisenbahnstr. 31, v. 2 Tr.(ssitke, Waldemarstr. 52, v. 1 Tr. Ferner bei Herrn Bandelow. Langestr. 13, iin Restaurant, und Herrn Schmidt, Münchcbergerstr. 28, im Restaurant. 259/1 Da» Komitee. May injpinS Test-Säle, IViaA Allein Hasenheide 13, 14, 15. Im neuen Festsaal, Eingang Hasenheidc 13, jeden Sonntag: Dr. (nstrnmental-Konzcrt. Anfang 6 Uhr. Entrcc 30 Pf., Vorverkauf 25 Pf.— Nach dcni Konzert Tanzkrünzchen!— In den Nr. 14 und 15 belegenen Sälen jeden Sonntag: Drösser Ball! Anfang 4 Uhr, Ende 2 Uhr.— Empfehle meine gesamten Säle Vereinen und Gescttschasten zu Versammlungen und Festlichkeiten.— Die Osterfeiertage sind noch zu Matinecs zu vergeben.[3449Ü*] Max Klieni. Deutslsje Metallarbeiter-Gewerlschast. N a ch r n f! Am Donnerstag, den 18. d. M., verstarb unserMitglied, der Metall- drehcr UUsx Ehre seinem Andenken! Tie Lrisverwaltung Berlin. Heute TonnerStag u ebun gsstunde. Der Borstand. Natur- Heilversahreit. t Haut-Harn- u Blasenleiden, P Frauen Krankheit., heilt sicher» ohne Berufsstörnnq. 13444?" M lt. Wagner. KZAL E isken-Cerderolie'S grosit. Institut O. 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In den Alabasterwarcnfabriken von Habilt u. Eomp.. Elisabeth-Ufer 29 Goldschmidt». Eoinp.. Ritterstr. 40, giasfet u. Fleischer. Britzerftr. 7, haben sämtliche Drechsler ivcgcn Dissc- reuzen die Arbeit niedergelegt. Znzna fernhalte». Die OrtSverwaltiiug. Seit dem 4. Dezember sind die Kollegen bei Laborenz, Rixdorf, Kncsebeckstraftc. iui Ausstand. Zuzug scrnzuhalten bittet 145.5 Der Borstaud des Verbandes. Serontwortlicher Siedactem: Maal m B«»m. Li» de« Anieratevleil v«°»tw«rtlick: Tb.«Irckc m Berlin. Druck und Verleg von Max Babing in Berlin. Ur. 20. 17. Jahrgang. 2. KeilM des„Umöck" Kerlm UcksdlÄ»"'>-«»> 2S. Imiiilir lWV. Ein schweres Eisenbahn-Unglück kat sich gestern morgen um 2 Uhr auf dem Bahnhof Schönhauser Allee des Nordrings der Stadt- und Ringbahn zugetragen. Bei der Entgleisung eines Güterzuges wurden' der Heizer Tesche aus Rummclsburg getötet, der Lokomotiv- uud der Zugführer und ein Bremser schwer verletzt, die Maschine und neun von zwöl' Wagen zertrümmert. Zwölf mit Preszkohlcn beladene Wagen sollten von Rummels bürg über den Nordring nach dem Rangierbahnhof zu Pankow ge bracht werden. Der Zug hatte den Bahnhof Schönhauser-Allee und die Ueberführung der Schönhauser-Allee passiert, als er plötzlich mit einein gewaltigen Krachen liegen blieb. Etwa hundert Schritte jenseits— westlich— der Ueberführung liegt eine Weiche, etwa zehn Schritte weiter ein sogenanntes Herzstück, das Maschinen und Wagen nach llebcrfahren der Weiche in das richtige Geleise zu bringen hat. Die Maschine nahm nun auch den rechten Weg, die Wagen aber folgten nicht dem Herzstück, sondern gerieten auf einen falschen Strang. Die Folge war, dajj die nachdrückenden, festverkuppelten Wagen die Maschine mit einem gewaltigen Ruck herumrissen, so dast sie aus dem Geleise flog und sich vollständig umdrehte, und dann umkippte, so daß sie jetzt in Trümmern mit den Rädern nach oben daliegt. Die Wagen schoben sich neben- und übereinander zu einem großen mit Preß- kohlen untermischten Trümmerhaufen, einzelne Teile flogen seitwärts gegen die Böschung. Der Heizer Tesche versuchte, sich durch einen Sprung von der Maschine zu retten, geriet jedoch gerade zwischen die Lokomotive und die nachdrückenden Wagen und wurde totgequetscht. Der Lokomotivführer T i e tz wurde durch den Dampf, der nach dem Abbrechen des Wasserstandsrohres dem Kessel entströmte, ain ganzen Körper schwer verbrüht, der Zugführer Kümmert, der hinter der Maschine im Packwagen gc- sessen hatte, erlitt einen doppelten Schcnkelbnich und eine Quetschung der Brust, und einem Bremser, dessen Name noch nicht bekannt ist, wurde ebenfalls der Brustkasten' eingedrückt. Zur Befreiung der Verunglückten aus dem Triimnierhaufen wurden sofort die Bahnhofs arbeiter zusanimen gerufen. Leider waren während der Nacht nur wenige anwesend, so daß die NetlungSarbeiten ziemlich lange dauerten. Tesche war, als man ihn endlich unter den Trümmer» hervorziehen konnte, bereits tot. Die Schivervcrwundetcn wurden der nahegelegenen Unfallstation II zugeführt. Diese ließ sie mit einem Krankenwagen nach dem LazaruS-KrankenhrniS bringen. Hier mußte» fic wegen Platzmangels abgewiesen werden(II), so daß man nun erst den weiten Weg nach dem Krankenhaus am Fricdrichshain machen mußte.' Die Leiche Tesches wurde Ipäter nach dein Schauhause abgeholt. Der Betrieb war an der Unfallstelle vollständig gesperrt. Die Geleise waren zum Teil ver- bogen und auseinander gerissen. Nur ein Geleise blieb unversehrt. Dieses wurde zunächst von den Trümmern befreit, um den Nord- ring-Vcrkchr aufzunehmen. Viele Tausende gingen im Laufe dcS Vormittags hinaus, um sich die Unglücksstelle anzusehen. Auch der Vater des vcrnuglückten Heizers Tesche erschien, um sich nach seinem Sohn zu erkundigen. mußte aber erfahren, daß er tot und bereits nach dem Schauhäusc gebracht war. Tesche hinterläßt eine Frau niit einem dreijährigen Töchtcrchen. Von der Ueberführung der Schönhauser Allee und einem nahe an der Strecke gelegenen Müllabladeplätze aus hatte man einen vollständigen Ueberblick über die Trümmerstätte. Diese beiden Stelle» waren denn auch fortwährend dicht besetzt. Die Trümnier bildeten ein wüstes Durcheinander hon Maschinenteilen, zerbrochenen Rädern, Balken- und Bretterstückcn, Puffern, Preßkohlen und anderen Güter- stücken aus den zertrümmerten Packwagen, Kleidungsstücke der ver- ungliicktcn Leute zc. Eine große Blutlache mit Gehirnmasse bezeichnete die Stelle, an der Tesche bei dem Versuche, durch einen Sprung sein Leben zu retten, vielleicht auch bei einem Absturz infolge des heftigen Ruckes, zwischen Maschine und Wagen geriet und zu Tode gequetscht wurde. Ein Photograph nahm ein Bild von der Ver- Wüstling auf. Einen schauerlichen Eindruck machte das Unglück auf die Ohren- und Augenzeugen. Die Bewohner des Hauses Schönhauser Allee 128 wurden um 2 Uhr durch ein furchtbares Krachen aiiS dem Schküsc geweckt. Bestürzt eilten sie au die Feilster, die»ach der Bahn hinausgehen. Im selben Augenblick wurde die Strecke plötzlich tagshell erleuchtet, wie man erst allmählich erkannte, durch das Kohlcnfeucr der zertrümmerten Lokomotive, ein gewaltiges Zischen des ausströmenden DanipseS übertönte alle andcni Geräusche. Erst als der Dampf sich verzogen hatte und es wieder dunkel ge- worden ivar, hörte man die Hilferufe der vcrunglückicn Leute, die schauerlich durch die Nacht erschallten. Bald darauf sah nian Neine Lichter sich heranbelvcgen. Die geretteten Bremser und andere Ar- beiter kamen mit ihren Laternen heran, um sofort sich an die Rettung der verunglückten Kameraden zu machen. Der Lokomotivführer Tictz und der Zugführer Kümmert sind so schwer verletzt, daß kaum noch Hoffnung vorhanden ist, sie am Leben zu erhalten. Beide sind verheiratet. Der dritte Verletzte ist ein Bremser Kohl. Er ist so glimpflich davongekommen, daß er keiner Krankenhans-Behandlung bedarf sondern nach Hause gehen konnte. Eine Kolonne der Handwerker machte sich vormittags daran, die zertriimmerte Lokomotive auseinander zu nehmen und den Koloß mit Windeil zu heben und in eine andre Lage zu bringen. Der Personenverkehr konnte nachmittags wieder über beide Geleise gehen, der Güterverkehr mußte über de» Südring geleitet werden. Gestern Abend hoffte ma». in» Laufe der Nacht auch mit der Erneuerung der Gütergeleise fertig zu werden. Die Ursache des Unfalles wird sich mit Sicherheit wohl niemals feststellen lassen. Der Lokomotivführer hörte nur an der Unglücks- stelle ein Knacken uud Stoßen auf dem Geleise und in der Maschine. Er schrieb das aber der Steigung an jeiier Stelle zu und wollte um sie besser Überwinden zu können, noch mehr Dampf geben. In diesem Augenblick war aber das Unglück schon geschehen. Uoknlvs. Achtung, L.Wahlkreis: Heute abend 8'/» Uhr: Versamm- Iiiiig des Wahlvereins in den„Spreehallen", Kirchstr. 27. Vortrag des Herrn Dr. Max Schütte über das Socialistengesetz. Diskussion. Verschiedenes. Der Vorstand. Freie Volksbühne. Die Mitglieder werden auf die heute Abend S'/i Uhr in den Anninhallcn stattfindende General- Versammlung aufmerksam gemacht. Außer einem Bortrag der Frau Dr. Z e p I e r über Ibsen stehen wichtige VcreinSangelcgcn- heilen auf Tagesordnung. Sind die Gcmeindrschnlklassen noch überfüllt? Es scheint nicht so. Die durchschnittliche Besetzung der Klaffen geht ja seit längerer Zeit ständig zurück. Sie war z. B. am 1. Mai 1880 SS, 64 Kinder pro Klasse, aber am 1. Mai 1899 nur noch SV, 67 und am 1. November 1809 50,34 Kinder pro Klasse. Von 1889 bis 1899 macht das pro Klasse einen Rückgang um 5 Kinder. Der Leiter inisreS Gcmeindcschulwesens pflegt mit Stolz auf den in diesen Zahlen hervortretenden Fortschritt zum Besseren hinzuweisen, sobald m der Stadtverordnetcn-Vcrsammluug darüber geklagt wird, daß die Gcmeindeschulklasien viel zu stark besetzt sind. Ein Rückgang»m 5 Kinder pro Klasse, d. h. nur um ein Elfte! der Durchschnittsbesctzung von 1889. das ist nun eigentlich für den Zeitraum eines vollen Jahrzehnt» gerade kein sehr hervor- ragender„Fortschritt". Die Gemeindeschitlverwalwng darf also auf die gegenwärtigen� Frequenzverhältnisse unsrer Gemeindeschulen keineswegs schon besonders stolz sein. Sie darf das bor allem auch deshalb nicht, weil durch den an- dauernden Rückgang der durchschnittlichen Besetzung nichts an der Thatsache' geändert Ivird, daß in die u n t e r st e n Klassen nach wie vor bis 69 Kinder hineingesteckt werden dürfen, daß diese hohe Zahl häufig auch voll erreicht und gelegentlich— der entgegen stehenden Bestimmung zuwider— sogar noch überschritten wird. So lange nicht die'Maximalzahl sehr erheblich herabgesetzt wird, so lauge der Mißstand der Ueberfüllung nicht überhaupt beseitigt, sondern nur in seiner Verbreitung beschränkt wird, kann von einer wirklichen Besserung keine Rede sein. Die oben angegebene durchschnittliche Besetzung ist im übrigen ein Durchschnitt aus allen Klassen. Berechnet man die besondere» Durchschnitte der einzeliic» Klassen stufen, so crgiebt sich z. B. für den 1. November 1899 als durchschnittliche Besetzung der ersten Klassen 39,95, der zweiten 45.18, der dritten 48,05, der vierten 53,82, der fünften 58,99, der sechsten 58,37 Kinder pro Klasse. In dieser Reihe präsentieren sich namentlich die fünften uud sechsten Klassen schon mit erheblich weniger günstigen Zahlen als»ach dem all- gemeinen Durchschnitt. Eine Vergleichuug mit den Zahlen von 1889 zeigt überdies, daß gerade die untersten Klassen an dem Rückgang am wonigsten beteiligt sind, oblvohl sie als die stärkstübcrfüllten am ehesten und am meiste» hätten ent- lastet werden müssen. Noch ungünstiger gestaltet sich das Bild, wenn man jede Klasse einzeln nimmt und aus der Magistrals-Vorlage über die Gcmeindeschul-Freqncnz vom 1. November 1899 ihre Besetzung feststellt. Da crgiebt sich, daß von 655 sechsten uud 649 sünfteii Klassen 229 bezw. 243 Klassen mit je 50—59 Kindern und 349 bezw. 346 Klassen mit je 60—69 Kindern besetzt ivaren. 1 sechste und 1 fünfte Klasse waren sogar mit der bcstimmungs- gemäß unzulässigen Zahl von 70 Kindern besetzt. WaS nützt es den in solchen Klasse» untergebrachten Kindern, daß der Frequenzrückgang anderer Klassen den Durchschnitt verringert hat? Der allgemeine Durchschnitt stellt sich. wie angegeben, gegenwärtig auf rund 50 Kinder pro Klasse, aber für die sechsten uud fünften Klassen ist die Besetzung mit lucniger als 50 Kindern immer noch recht selten. Etwas häufiger wird sie in den vierten Klassen, aber auch hier gicbt es noch eine ganze Menge Klassen, deren Frequenz noch sehr beträchtlich über den Durchschnitt hinausgeht, ja selbst das bestimmungsgemäße Maximum, das für diese Klasscustufc auf 60 festgesetzt ist,' wird in 62 ivon überhaupt 726) vierten Klassen überschritten. Erträglichere Zustände finden sich erst in den dritten und zweiten und bcionders in den ersten Klassen. Natürlich giebt es aber auch hier gelegentlich noch recht hohe Frequenzen uud selbst Ucbcrschrcitungcn des für diese Klasseustufeu auf 50 festgesetzten Maximums. Die Frage, o b m a» bei unseren Gemeindeschulen n o ch v o n II e b e r f ü l l u u g sprechen kann, muß nach den angeführten Zahlen nach ivie vor mit einem sehr eutschiedeucn I a beantwortet werden. Will man sich dabei— wie billig— auf den Standpunkt einer vernünftigen Pädagogik stellen, so muß man beinahe alle Gcmeindeschnlklasscn überfüllt nenne n. Es gicbt zahlreiche Pädagogen, die 40 Kinder pro Klasse schon für zu viel hnltcu. und nicht' wenige möchten die Klassen- frcqucnz noch unter 30 herabgedrückt sehen. Wo bliebe da der Ruhm der Berliner Gemciudeschule?! Unter 30 ist bei uns, von den Ncbcnklnsscu für Schwachbcfähigte abgesehen, etwas ganz Ver- ciuzcltcs, fast nur unter besonderen Verhältnissen ZngelasscucS, (diese Frequenz hatten nur 1 sechste Klasse, 1 fünfte, 1 vierte, 2 dritte, zweite, 29 erste), und unter 40 ist wenigstens in den unteren Klassen eine große Seltenheit. Die städtische Schulverwaltung sieht freilich erst da eine„Ueberfüllung", wo die von ihr festgesetzte Maximalzahl über chrittcn wird. Von diesem Standpunkt aus hat sie dann aller dingS ein Recht, die ihr gemachten Vorwürfe als.unberechtigt' zurückzuweisen, so lange sie„nur" 69 Kinder in eine fünfte oder sechste Klasse hineinstopft._ Ein Aufruf zu einer Gedächtnisfeier für Giordano Bruno, der. ein Märtyrer der Wahrheit, am 17. Februar 1600 zu Rom den Holzstoß besteigen mußte, wird jetzt von einer Reihe angesehener Männer erlassen. Es heißt in dem Aufruf:„Eine Feier, die nicht nur der Erinnerung dient, sondern auch der Mahnung. In der ganzen Kulturwelt ivird der 17. Februar würdig begangen werden. besonders natürlich in Italien. wo dem Propheten uiid Märtyrer bereits in Neapel und Rom Denkmäler errichtet sind. Deutschland. wo Bruno Jahre hindurch gelebt hat. vor allem Berlin darf nicht zurückstehen. wenn es sich um eine Kundgebung dcS freien Geistes handelt— unter den heutigen Verhältnissen weniger denn je", lieber die Einzelheiten der Berliner Feier wird noch Näheres bekannt ge geben. Unter dem Aufruf finden wir die Namen Heinrich Hart. Rechtsanwalt Victor Fränkl, Wilhelm Bölsche. Dr. Max Drcycr, Prof. Dr. Paul Förster, Julius Hart, Dr. Ludwig Jacobowsth, John Henry Mackcy. Dr. Gustav Mauz, Dr. Paul Renner, Hof kapellnieistcr Richard Strauß. Professoren der Berliner Universität sind in dem Ausschuß zu dieser Feier nicht vertreten. Die Stadtverordnetcn-Nachwahl im 44. Bezirk soll am 14� Februar ini A r t u S h o f stattfinden. Dies Lokal liegt außer- halb dcS Wahlbezirks und von einigen Straßen soweit entfernt, daß viele Wähler von ihrer Wohnung dahin etwa 20 Minuten zu gehen haben. Was das für Arbeiter bedeutet, die oft erst im letzten Augenblick ihre politische Pflicht wahrnehmen können, braucht hier wohl nicht näher dargelegt zu werden. Für manchen Wähler kommt ein derartiges Stück WahlkreiS-Geo Metrie der Auf Hebung des Wahlrechts nahe. Wer trägt die Schuld an dieser arbeiterfeindlichen Anordnung und liegt ihr eine Absicht zu Grunde? So darf man wohl fragen und gleichzeitig erwarten, daß von zu- ständiger Seite das Bestreben ausgeht, die Wähler deS 44. Bezirks dort wählen zu lassen, wo es rechtens ist. � Beleidigte Kommunalbeamte. Wegen Beleidigung eines ArmcnkonmiilsionS-VorfteherS wurde ein hiesiger Einwohner voni Schöffengericht I zu einer Woche Gefängnis' oerurteilt. Einem andern wurde von demselben Gericht wegen Beleidigung eines Mit- gliedcs der VorcinschätzungSkonimission eine Geldstrafe von 25 M. auferlegt, die im NichtbeitrcibuiigSfalle durch 5 Tage Haft abgebrummt werden sollen. Mit der öffentlichen Impfung ist es in Berlin recht mangelhaft bestellt. Muß eS schon bedenllich genannt werden, daß die Mütter gezwungen sind, oft einen stundenweiten Weg nach dem Jmpflokal zurückzulegen, so steht es um die Impfung selber erst recht nicht zum besten. Bon Ordnung kann nur in sehr bedingtem Maße die Rede sein. So werden in dem Impf- lokale in der Wilhelmstraße 117 beispielsweise den Ankommenden keine Nummern gegeben, so daß die Frauen, denen die Energie und die Lust zum Drängen fehlt, off eine beträchtliche Zeit hinter dem rückstchts- loseren Teil der Anwesenden zurückbleiben müssen. Es ist nichts Seltenes, daß eine entkräftete Mutter mit ihrem Kinde auf dem Arm eine bis zwei Stunden stehend zu warten hat, bis an sie die Reihe kommt. Denn nur die wenigsten finden in dem engen Klassenzimmer, in das sie eingepfercht werden, auf den Schulbänken Platz; und da deS Raummangels wegen immer nur eine Person mit einem Kinde cingelasscn wird, so ist eine Abwechslung im Halten des kleinen Geschöpfes ausgeschlossen. Ist die Impfung noch einer Wartepause von abermals einer halben Stunde beendet, so wird die Mutter von einem Schutzmann in ein andres Zimmer gewiesen, wo in ähnlicher Unordnung wie vorhin. die Abnahme erfolgt. Auch bedeutet ein Polizci-Beamter hier den Müttern in energischem Tone. daß sie sich mit dem Ankleiden der Kleinen möglichst zu beeilen hätten. Manche Mutter zieht eS daher vor, ihr Kind auf dem kalten zugigen Korridor in Ordnung zu bringen. Sollte eS in einer Stadt wie Berlin, wo so vieles Geld für überflüssige Dinge ausgegeben wird, nicht möglich sein, hier schleunigst Wandel zum Bessern zu schaffen? Erhöhung der AlterSznlaaen für Gemeindeschnllehrcr. Die Stadtverordneten Cassel und Genossen haben folgenden Antrag in der Stadtverordneten«Versammlung eingebracht:„Die Stadt- verordneten-Versammlung beschließt, den Magistrat zu ersuchen, wenn möglich, für das Etatsjahr 1900—1901, jedenfalls aber für das Etatsjahr 1901—1902 eine Erhöhung der Altersznlagen der Lehrer an Gcmcindeschulen derart zu bewirken, daß nach 17 Dienstjahren 1300 M., nach 20 Dienstjahren 1500 M., nach 23 Dienstjahren 1700 M., nach 26 Jahren 2060 M.. nach 29 Jahren 2200 M., nach 31 Jahren 2400 M. gewährt werden. Zu dem Vorkommnis ans dem städtische» Schlachthof, über das wir jüngst berichteten, wurde von fachmännischer Seite ge- schrieben, daß es sich hier um cineu äußerst seltenen Fall handle. Dem scheint leider nicht so zu sein. Denn ein ähnlicher und ebenso schlimmer Vorgang beschäftigt schon w i e d e r die Behörden. Der Schlächtermeister B r u n z e l aus Stralau schlachtete vorvorgestern auf dem städtischen Schlachthof mehrere Schweine. Nachdem die Flcischschan diese als vollständig gesund freigegeben hatte, schaffte er sie nach seinem Stand Nr. 338 in der Central- Markthalle, uni sie an Ladcnschlächtcr weiter zu ver- kaufen. Am DienStagiiachmittag� erschien nun bei einem Polizeiticrnrzt auf dem städtischen Schlachthof ein Laden- schlächter mit Schweinefleisch, das er von Vrimzel an dem bezeichneten Stande gekauft hatte, weil er glaubte, darin Tuberkel- b a c i I l e n entdeck! zu haben. Die Untersuchung ans deni Polizei- Schlachthofe ergab, daß die Befürchtung des Mannes zutraf. Sofort wurden Schritte gethan, um das andre Fleisch dem Verkehr zu ent- ziehen. Da Bruiizel nicht anwesend war, so ließen sich ein Polizei- lierarzt und der Wachtmeister der Markthalleiipolizci den Stand von der Verwaltnng anfschließru. Die Iliitersuchinig zeigte, daß auch der Teil, der sich von dem Schwein noch in dem Stande befand, so stark ttibcrkulös war, daß man es sofort der Abdeckerei übergeben mußte. Mau fand aber nur noch die Hälfte des Schweins vor, und von dieser war der Schinken auch schon verkauft, ohne baß man den Käufer kennt. Der Polizeipräsident v. Windheiiu hat in Begleitung des Dezetiieiiten der Vcteriiiärpolizci, RegierunaSrat Kautz, des Polizei- Hauptmanns Maurer und anderer Persönlichkeiten, wie die„Allg. Fl.-Ztg." mitteilt, unter Führung des Direktors Hausbnrg die F l e i s ch k o ch a n st a l t auf dem Schlachthof einer cingeheiideii Be- sichtigung unterzogen. Wie weiter gemeldet ivird, will das Ministerium dcS Jmicrn energische Vorkehrungen treffen, damit sich solche Mißstände in der Fleischkochanstält, wie sie in letzter Zeit von uns ge- schildert worden sind, nicht wiederholen. Die Errichtung ciues Gyninasiumö vor dem Hallesche» Thor forderte der fortschrittliche Verein dieses Stadtteils in seiner vorgestrigen Versammlung. Hygienische Bortragskurfe. Die Vortragsknrse, welche bereits am 18. Januar ihren Anfang genommen haben, werden am Donners- tag. den 1. Februar fortgesetzt. Wir wollen nicht uiitcrlasscii, noch- ninls darauf hinzuweisen, daß heute abend drei weitere Vortrags- cyklcn beginnen, und zwar ebenfalls mit einem Vortrag über Wobnungshygiene". lieber dieses Thema sprechen: Dr. Rudolf Bc nn hoff in der 110.— 174. Gemeinde- schnle, Schönhauser Allee 166 a; Dr Otto S ch i f t a n in der 189. Gcmcindeschiile, Stephan st rnße 24, und Dr. Paul Bernstein in der 40. Genieindeschule, G n e i s e n a u st r a ß e 7. Zu den Vorträge» haben nicht nur die Kasscmnitgliedcr, sondern auch deren Famili'cnaiigchörigen unentgeltlich Zutritt. Eine Legitimation ist nicht erforderlich. Die Vorträge beginnen Punkt 8V2 Uhr. Die gute Anfiiahnic, welche die ersten Vorträge beim Publikum gefunden haben, läßt erwarten, daß der Bestich hinfort noch besser werde. Sclbsimordvcrsnch eines Berliner Tefraudanten. Der Buchhalter Otto Koppe, der bei der hiesigen Snbdireltion einer Spiegelglas- Versicherungsgesellschaft angestellt und nach Unter- schlagiin'g von etwa 8000 M. flüchtig geworden war, hat in Neu- Ruppin eincii Selbstmordversuch nnsgefnhrt. Er brachte sich zwei Rcvolvcrschüsse bei und liegt im Ncu-Riippincr Krankenhause hoffmiiigsloS danieder. Eine schwere Gasexplosion, bei der drei Personen erheblich verletzt würden, erfolgte gestern(Mittwoch) abend in der Lessing- straßc 54. Als die Gasflammen der ober» Stockwerke bereits angezündet waren, machte sich im Erdgeschoß, namentlich in der Kellerwohnung des Portiers O. Schulze, ein intensiver Gas-� gcruch bemerkbar, der sich von Minute zu Minute verstärkte, w daß die Hausbewohner in großer Angst schwebten und sämtliche Lichter auslöschten. Die Gasanstalt wurde benachrichtigt, die sofort einen technischen Beamten und einen Arbeiter entsandte. Diese sorgten zunächst für Abstellung des Hanpthahnes und ermittelten dann, daß ein starkes Leitungsrohr unter der Portierwohnung defekt geworden war. Vorher waren schon sämtliche Fenster und Thürcn dieser Wohnung längere Zeit geöffnet gewesen, aber dann teilweise wieder geschlossen worden. Der Gasbeamte mochte mm wohl an- nehmen, daß daS ausgeströmte GaS sich bereits verfluchtet habe, denn er gestattete der Frau Schulz, mit der brennenden Lampe die defekte Stelle abzuleuchten. Ehe es aber dazu kam, erfolgte eine ge>valtige> Detonation, die Thüre» und Fenster zertrümmerte und auf Ivette Ent- � fernuug hin verspürt wurde. Gleichzeitig schlug eine Stichflamme auf, die den GaSbcaintcu. sowie Frau Schulze mit ihrer ebenfalls au- wesendcu 17jährigcii Tochter erfaßte, so daß diese laut um Hilfe rufend nach deni Hofe stürzten. Alle drei Iviesen im Gesicht und an den Händen starke Braildwundeii auf. die ans der nächsten Unfall- station verbunden wurden. Durch den Gasdruck wurde die Zimmer- decke stark besck)ädigt uud die Marmorbckleiduiig am Treppeuaufgauge abgcriffcu. Die alarmierte Feuerwehr fand den eutstandeneu Brand schon gelöscht, brauchte aber doch längere Zeit zum Aufräumen. .Bon den Alpen zum Besnv" ist der Titel des neuen Aus- stattnugsvortrages. der am Mittivochniittag in der Urania einer geladenen Gesellschaft vorgeführt wurde. In wirknngsvolleii Bilden: geht es vom Brenner zum Gardasee, von da nach Venedig und hierauf Rom entgeacu. das in moderuer und in den Resten antiker Pracht vor uns aufsteigt. Nachdem wir Tivoli und den Wassersturz der Ania gesehen, beschäftigte sich der zweite Teil deS Vortrages mit Neapel, Pompeji. Capri, Sorrent und Auialst, um auf dem Gipfel de« Vesuv Halt zu machen. Ans der Fülle der Bilder ragen namentlich hervor die venctiaiiische Mondscheiiilandschaft, der Wasser- stiirz der Ania, die blaue Grotte und die prächtige Wandel- dcloration, die nnS den Golf von Neapel von der Höhe des Vesuv ans zeigt. Was den geistigen Gehalt deS Vortrags betrifft, so schien er uns nicht so auf der Höhe zu stehen, wie man eS von der Arbeit eine« Gelehrten, wie Herrn Dr. C. Schwahn, erwarten sollte. Es ist ja gewiß ein harte» Stück, dem niibcfangeuen Zuhörer in der kurze» Zeit von anderthalb Gtundeu nicht allein die landschaftliche Herrlich- leit der italienischeu Landschaft, sondern auch, so gut es in diesem knappen Rahmen zulässig, die kulturhistorische Bedeutung des für die Menschheit einzigen Landes zu erschließen. Aber wir meinen, daß eS kein Unglück gewesen wäre, wenn der Vortrag sich ein llei» wenig mehr als geschehen vom Stil des Gartenlauben- Feuilletons entfernt, über das angeiiehme Geplauder des Nornialreisenden erhoben Härte. Man sollte auch mit der Mandel- dckoratton als Hiiitergrnnd einen Hiniveis auf den Kulturstaiid cineS Volkes nicht verschmähen. Gewiß ist der Vortrag auch in der gestern lehalteuen Forni aller Achtung wert, ober so leicht und sonnig, wie ich Jtalia darin giebt, dürfte sie dem modernen Menschen nach allem, was er von ihrer Gegenwart weiß, kaum erscheinen. Die volkstümlichen Hochschulkursc» auf die wir mehrfach hinweisen konnten, haben in der Bevölkerunc, Berlins vollauf die Anerkenmmg gefunden, die sie verdienen. Alle Kurse sind bis auf den letzten Platz von einer aufmerksamen Zuhörerschaft besetzt, und die Lehrer verstehe», soweit unsere Erfahrung reicht, ihrem Publikum auch die schwierigeren Gegenstände in Ivohldurchdachtem Vortrage verständlickr zu machen. Dienstagabend wohnten wir iin Kunst- gewerbe-Mnseum dem ersten von Pryf. Dr. G r ä f über griechische Bildhauerkunst gehaltenen Vortrag bei. Herr Gräf behandelte die Ansänge dieser Kunst, soweit Spuren aus der Zeit vom achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung an von ihr Zeugnis ablegen. und wußte in besonders glücklicher Darstellung von der schrittweise» Entwicklung der griechischen Künitlergcnerationen ein Bild zu geben. Jngteichcn war die Erklärung der unbefangenen Freude anr Nackten, welche die Griechen über frühere und spätere Völker emporhob, überzeugend und lichtvoll. Es verdient bemerkt zu werden, daß sowohl zu diesem wie auch zu anderen Kursen die Frauen ein besonderes zahlreiche Kontigent stellen. Vielleicht findet an dieser Stelle ein Hinweis Beachtung. Von Quartal zu Quartal habe» die Hochschulkurse an Vielseitigkeit ge luonnen; und besonders behandeln die für diesen Winter angesetzten Vorträge die mannigfachsten Wissensgebiete, lind dennoch scheu wir im Vergleich zu der ersten Serie vom Herbst 1808 eine Lücke. Das rein volkswirtschaftliche Gebiet, das damals besonders in dem von Herrn Professor Schmoller über Handelsgcschichte gehaltenen Vor trägen wirksam behandelt wurde, liegt nach dem'ersten Anlauf un- betreten da. Unter allen späteren Kursen findet sich kein einziger, der sich über socialpolitische und gesetzgeberische Gegenstände verbreitet. Welche Ursache lag vor, fortan gerade dies Gebiet zu meiden? Fcuerbericht. Mittwochnachmittag gingen Prenzlauer Allee 202 Lumpen in Flammen auf. Gert raudten st ratze Nx. 18/10>uar durch Unvorsichtigkeit ein kleiner Wohnungsbrand entstanden, bei dessen Ablöschung sich die Wohnungsinhaberin' Brand- wunden an den Händen zuzog. Vormittags mutzte K o t t b u s e r Damm 43 in einem Posamcntierladen ein Schadenfeuer abgelöscht werden, das Regale und Waren zerstörte. Wcideuweg'20 er- folgte in der Wohnung des Lackierers Poser ein Zimmerbrand, der anscheinend aus Brandstiftung zurückzuführen ist. Dienstagabend wurde die Wehr nach Lütz owstratze 73 gernfen, wo ein kleiner Zimmcrbrand zu beseitigen war. Dasselbe war Schifsbaucrdamm 15 der Fall. Ein Alarm nach Spenerstrahe 6 war dadurch vcraulatzt. datz dort auf einem Backofen lagernde Utensilien sich entzündet hatten. Ko m m a n d a n t e n ft r a tz e 49 mutzte ein Brand beseitigt werden, der Gardinen und Möbel beschädigte. Autzerdem erfolgte noch ein Aus- rücken nach R e i ch e n b e rg c r st r a tz e 130. Hier hatten Lumpen und Gerümpel in einem Keller Feuer gefangen, das infolge starker Verqualnumg nur schwer abgelöscht werden konnte. 3lus de» Nachbarorte». Britz. Im Volks- Bildlingsverein(bei Dorn) spricht Genosse Stramm am Freitagabend 8>/e Uhr über„Russische Denkwürdig- leiten". In Adlershof läuft das Mandat des Gcmciudcvcrtüctcrs Gc nossen Wadepnhl am t. April ab. Da die Wählerliste bis zum 30. Januar ausliegt, mutz bis zu diesem Tage jeder Parteigenosse die Liste nachgesehen und seinen etwa notwendig gclvesenen Einspruch erhoben haben. Wer keine Zeit hat. die Liste nachzusehen, wolle sich bei Stemmwedel, Bismarckstr. 53; Wadepuhl, Gcnossenschaftsstr. 2V; Tempel, Kronprinzenstr. 6; oder bei Hildebrandt. Feldherrnstr. 10. unter Abgabe der Steuerkarte oder des MictskontraktS melden. An den am 29. ds. MtS. stattfindenden Ergänzungswahlen für den Gemcinderat, deren Mitglieder von 0 auf 12 erhöht werden, wird sich die Partei nicht beteiligen, da ein Hausbesitzer gcivählt werden mutz und ein solcher innerhalb deS Kreises der Partei- genossen nicht vorhanden ist. I» Dalldorf liegen die Wählerlisten zur G e m e i n d c w a h I bis zum 30. Januar aus. Wer keine Zeit hat, selber aus das Gemeindebureau zu gehen, melde sich bei Steinstirth, Rosenthalcr- stratze 4 und bei Clanjus, Orauicnburgerstr. 10 im Laden. Die Steuersätze der Stadtgemrindc Schöucberg werden im Etatsjahre 1000/1001 auf derselben Höhe erhalten bleiben, wie im letzten Jahre. Die Gemeiude-Einkommenfteuer wird 100 Proz. der Staats-Einkoinmcnsteuer betragen. Die Arbeitcr-Krankeuversicherung in Charlotteuburg. Die Mitgliederzahl sämtlicher Arbeiter-Krankenkassen, soweit sie den An- fordcrungen des Krankenversichcrungs-Gesetzes genügen, einschlietzlicki der eingeschriebenen Hilfskassen, welche im Jahre 1896 bei den Ar- bcitern zivischeu 13 280(im Januar) und 15 896(im Juli) schwankte, bclief sich im folgenden Jahre in» Minimum auf 13 432(Februar), im Maximum auf 17 000(November), im Jahre 1803 im Minimum auf 15 264(Januar), im Maximum auf 18 846(Juli). Bei den Arbeiterinnen schwankte die Zahl im Jahre 1896 zivischen 2314(Januar) und 2698(Oktober), 1897 zwischen 2303 (Februar) und 3002(November), 1898 zwischen 2892(Januar) und 3324(Dezember). Rechnet man die' monatlichen Mitglicderzahlen als Prozent des jedesmaligen Jahresdurchschnitts, so zeigt sich deutlich, wie die Mitgliedcrzahl, und da diese wesentlich von der Beschäftigung der Arbeiter abhängt, wie die Erwcrbs- gelegcnhcit im Laufe der Jahre schwankt. Januar, Februar, zum Teil auch noch März, stehen für beide Geschlechter am ungünstigsten, während Juli und August, zum Teil auch noch Oktober beim mänii» lichen Geschlecht, dagegen November und zum Teil noch Oktober und Dezember beim weiblichen Geschlecht am günstigsten stehen. Was die Mitgliederzahl betrifft, so wiesen Ende De- zcmber 1808 die beiden Orts-Krgnkenkasscn 11766 männliche und 3094 iveibliche, im Jahresdurchschnitt 11 876 männliche und 2921 wcib- liche Mitglieder auf. Die zwölf Betriebs-(Fabrik-)Kasien zählten 3111 männliche und 181 weibliche, im Durchschnitt 3396 männliche und 185 weibliche Mitglieder, die beiden JnnungS-Krankenkassen der Bäcker und Maler zusammen 238 männliche und 14 weibliche, im Durchschnitt 274 männliche und 12 weibliche Mitglieder, die ein- geschriebenen Hilfskassen 1774 männliche und 41 weibliche, im Durchschnitt 1762 männliche und 40 weibliche Mitglieder. Alle Kassen zusammen zählten Ende Dezember 1898 16 839 männliche und 3330 iveibliche. im Durchschnitt des Jahres 17 308 männliche und 3158 weibliche Mitglieder. An K r a n k h e i t s't a g e n entfielen bei allen Kassen zusammen auf das männliche Geschlecht 151 659, auf das weibliche 35 670, an Sterbefällen 144 bezw. 14. Von je 100 männlichen Mitgliedern erkrankten 44,3, von je 100 weiblichen 47.2. Auf je 1 männliches Mit- glied kanien 8,8 Kraiikheitstage, auf je 1 weibliches 11,3. Auf je eine Erkrankung kommen beim männlichen Geschlecht 19,8, beim weiblichen 23,9'Krankheitstage. Die Einnahmen betrugen im Jahre 1898 bei den OrtS- Krankenkassen 389 090,05 M., bei den Betriebs- Krankenkassen III 176,40 M., bei den Fnnungskassen 4979,11 M. und bei den ein- geschriebenen Hilfskasscn 54 070,45 M., insgesamt 560 225,01 M. Die Ä u s g a b e n bclicfen sich bei den einzelnen Kassengruppen auf 386 890,31 bezw. 105 838,52 bezw. 4391,92 bezw. 48 350,98 M., ins- gdsamt auf 545 471,73 M. Die Kassen erzielten einen Gesamtüberschutz von 312 146,81 M. Nutzer den dem Kranken-Versicherungsgesetz entsprechenden Kosten befanden sich Ende 1898 noch 5 freie auf Grund landcsrcchtlickier Vorschriften genehmigte Hilfskassen in Charlotteuburg mit insgesamt 1585 Mitgliedern. Ferner hatten noch 25 Verwaltungsstellen aus- Wärtiger Krankenkassen ihren Sitz in Charlotteuburg. lieber die Beschäftigung schulpflichtiger Kinder hat jetzt auch der Polizeidirektor von Charlotteuburg eine Verordnung erlassen. Diese stimmt mit den in Berlin und andern Vororten er- lassenen Bestimmungen übcrein. Ter Arbeiter Köberle, der in Potsdam wegen Doppelmordes im Untersuchungsgefängnis sitzt, hat jetzt auch eingestanden, datz er sein Kind selber erdrosselt hat. Bisher hatte er immer nur zu- gestanden, datz er seine Frau erwürgt hätte, weil diese das Kind um- gebracht hättei Gevichks-'Jettuns» Bildung und Umsturz. Eine Ausschreitung zweier Akademiker, des. stuck, zur. Max T r a n t o w und des stuck, meck. Fiedler. beschäftigte gester» die sechste Strafkammer des Landgerichts I in der Berufungsinstanz. Trantow war vom Schöffengericht zu 100 M. wegen Mitzhandlung, Fiedler wegen groben Unfugs zu 20 M. Geld- strafe verurteilt worden, wobei folgender Thatbestand als erwiesen angenommen worden war: Als der Buchdrucker Nischan in der Nacht zum 29. April v. I. gegen 4 Uhr von der Nachtarbeit kam und auf dem Wege zu seiner Wohnung das Kastanienwäldchcn passierte, bemerkte er zwei Herren, die Kies' vom Erdboden aufhoben und da- mit nach den elektrischen Bogenlampen warfen. Nischan war soeben an einem Schutzmann vorübergegangen, er kehrte zurück und teilte chm seine Wahrnehmungen mit. Der Beamte überzeugte sich, datz einer der„Herren" das Werfen. fortsetzte, er ging an ihn heran und Uetz sich dessen Studentenkarte zeigen, die ans den Namen des Angeklagten Fiedler lautete. Die Persönlichkeit des Bucki druckerS Nischan wurde ebenfalls festgestellt und damit war diese Angelegenheit erledigt. Nischan ging seines Weges über die Fricdrichsbrücke weiter, der Beamte sah. datz die beiden Studenten ihm folgten. Am folgenden Tage erstattete Nischan Anzeige, datz er das Opfer eines Ueberfalls geworden sei. Die beide» Studenten hätten ihn in feiger Weise überfallen und mitzhandelt. In der Ver- Handlung vor dem Schöffengericht wurden diese Angaben bestätigt. In der Urteilsbegründung hietz es:„Mit Rücksicht auf die um st ü r z l e r i s cki e n Bestrebungen, deren Anhänger es sich angelegen sein lassen, derartige Ausschreitungen von G e b i l d e t e n zum Ziele ihrer Angriffe zu. machen, mutzten die An- geklagten bestrebt sein, ihr Benehmen st r eng innerhalb der gesetzlichen Grenzen zu halten und sich vor Aus- schreitungen zu hüten". Im gestrigen Termin erhoben die Angeklagten den Einwand. datz sie noch eine Meitze hatten trinken wollen und nicht nach den Bogenlampen, sondern nach dem Laterncnständer geworfen hätten. Der am wonigsten Treffsichere sollte die Meitze bezahlen. Durch diesen Einwand wurde erwiesen, datz auch Trantow sich an dem groben Unftig beteiligt hatte. Der Gerichtshof hob bei der Urteilsverkündigung hervor, datz die Angeklagten gar keine Veranlassung gehabt hätten, gegen das erste Urteil Berufung einzulegen; ihr Einspruch sei zu verwerfen. Wären wir eitel, so konnten wir es uns zur Ehre anrechnen, datz der„Umsturz" als eine Kraft betrachtet wird, deren nioralische Wirkung stark genug sein sollte, um auch akademische Rüpel im Zaum zu halten. Der Krawallprozcst in Augsburg. Aus Augsburg wird un über die Schwnrgerichts-Vcrhnndlnng. auf die wir gestern bereits hinwiesen, berichtet: Das Verhör der Angeklagten nimmt fast de» ganzen Tag in Anspruch. Der Angeklagte?N e h r i n g e r, Vor- sitzender der Zahlstelle Augsburg des Ccntralvcrbandes der Maurer Deutschlands, giebt u. a. an: Der Zweck unstes Verbands ist. die Loge der Arbeiter im Baugewerbe, insbesondere die Lohnvcrhält- Visse zu verbessern. In, Herbste 1898 ivar zum crstennial vom Streik die Rede. ES ist, aber davon' abgeraten worden, weil die Organisation noch nicht so festen Futz gcfatzt hatte. Im April 1809 ist der Streik mit überwältigender Rkehrhcit beschlossen worden. Es wurde nnn versucht, mit den Arbeitgebern ins Benehmen zu treten, die Verhandlungen sind aber gescheitert. Von den 27 Baumeistern, ivelche die Forderungen unterschrieben, haben in Wirklichkeit mir drei oder vier bewilligt. Es sollten durchweg alle Arbeiter um 3 Pfg. aufgebessert werden. So haben es auch die Arbeitgeber verstanden. Es lag kein Mitz- Verständnis, sondern eine Täuschung vor. Die Unternehmer haben ihr Versprechen nicht gehalten, sondern sich eines Wortbruchs schuldig gemacht. Die Meister haben nun fremde Arbeiter, darunter auch Italiener, zu gewinnen gesucht und zu diesem Zwecke den Leuten auswärts fälschlicherweise vorgespiegelt, datz der Streik bereits bei- gelegt sei. Am Sonnabend, den 15. Juli 1899, wo die Italiener hier ankämen, standen wir Streikposten auf dem Bahnhof. Es waren mehrere Baumeister. Poliere inid Schutzleute anwesend, um die Italiener zu empfangen und zu eskortieren. Sie sind nach dem Schlacht- und Viehhof geführt worden. Wir sind ihnen nachgegangen, um zu sehen, wo sie hinlommen. Am Montag, den 17. Juli, hörten wir, datz die Italiener nach der Seukclbnchfabrik überführt worden sind. Wir wntzten aber nicht, datz die Italiener in der Fabrik auch beherbergt wurden. Unsere Streikposten sind deshalb hinausgegangen. um mit ihnen in Verbindung zu treten und durch gütliches Zureden auf sie einzuwirken. Vau de» übrigen Angeklagten stellen die meisten jede aktive Bc- tciligung an den Krawallen' entschieden in Abrede. Mehrere bc- Haupte,,', datz sie von den Schutzleuten mitzhandelt worden sind. Vor Eintritt in die Zeiigenveruehnuing stellte Rechtsanwalt Dr. Bernhei», de» Antrag, es möge an Ort und Stelle ein perfön- sicher Augenschein durch den Gcrickitshof nud die Geschworenen vor- geuommeii werden. Die Mitverteidiger schlietzcn sich diesem Aulragc an nud verzichten auf die Zuziehung der Angeklagten. .Justizrat Hcrzfelder beantragt, die drei SaiistätSleutc. welche auf der Wache im Pförtiierhäuschen der>scnkclbachfabril stationiert waren, als Zeugen zu laden. Der Staatsauwall bekämpft diesen Antrag, da die Vorgänge im Wachlolale in keinem Zusammenhange mit der Anklagesache stehen. Rechtsanwalt Dr. B c r„ h e i m: Ich schlictzc mich dem Antrage an. Es werden hauptsächlich Schutzleute als Belastlnigszcugen er- scheine». Sämtliche Sckmtzlcutc haben vor dein Landgericht auf Eid geleugnet, datz sie sich einer Mitzhandlung schlildig gcmackt haben. Wenn nun durch einwandfreie Zeugen bestätigt wird, datz thatsächlick, solche Mitzhaiidluilgen vorgekommen sind, so ist das für die Verteidigung von ivcsciiisichem Wort. Rechtsanwält B e r n st e i n: Auch ich schlictzc mich dem Antrage an. Was die Schutzlcnrc während der Aufruhrtage gegen die Vor- schristcn gethan haben, ist menschlich ganz gewitz begreiflich und entschuldbar, aber während der Aufruhrtagc sind seitens der Schutz- Mannschaft Excesse der schwersten Art, Mitzhandsimgen der gröbsten Art, Ucberschreitiliigcn der Dienstvorschriflen der gröblichsten Art vorgekommen. Das ist für die Verteidigung erheblich. Das ist wesentlich für die Beurteilung der Angeklagten. Zum Gattcnmord-Prozeß i» Liegnitz erhalten wir von dort folgendes Telegramm: WirlschaftSinspektor Malkwitz, welcher vergangene' Woche vom hiesige» Schwurgericht wegen Gift- inorducrsnckis,' verübt gegen Rittergutsbesitzer Berndt. zu fünf Jahre» Zuchthaus verurteilt wurde, hat gegen dies Urteil R e- Vision eingelegt._ Tie öffentliche Bibliothek und Lesehalle zu unentgeltlicher Bc- Nutzung für jedermann- Alexnndrinenstr. 26, Gartenhaus— ist geöffnet: wochcntäglich von ö'/z-io Uhr abends, an So,,,,- und Feiertagen von 9-1 und von 3—6 Uhr. Verband deutscher Barbiere. Frisenre und Pcrrückenmachcr sZweigvercin Berlin). Donnerstag, de» 25. d. M., abends 16>/, Uhr, bei Schiller, Roscnthalcrstr. 57: Bersaniullung. Gäste willkommen. Arbeiter- Samariter- Kolonne. Die Jonuar-Uebungsstunde kann Umstände halber erst morgen, Freitag, abends 9 Uhr, üt der Dresdener- straffe 45 stattfinden._ VevmiptzkvSä Der Rhein ist in feinem mittleren Lauf in fortwährendem Steigen begriffen, während vom Obcrrhein ein Fallen des Waffers gemeldet wird. Die Uferwcge der Werfte bei Barmen sind auf weile Strecken überschwemmt. Der Strom führt Bäume, Sträucher:c. mit sich. Auch der Neckar ist plötzlich über 2 Meter gestiegen. DaS ganze Neckarthal ist überflutet. Ganze Fabriken wurden niedergerissen. Durch uicdcrgchcltdcs Gestein wurden, wie man uns aus Leimbach i. Th. berichtet, in de» Freiesleben-Schach t e n (Thüringen) im Mansfeldschen Gebirgskreise fünf Bergleute überrascht. Vier kanten mit geringfügigen Verletzungen davon, während der fünfte, der Bergmann Knorr. unter den Gestein- trümmern begraben wurde und nur als Leiche hervorgeholt werden konnte. In München- Gladbach ist die Weberei L. Rosenthal gänzlich ausgebrannt. Der Schaden ist beträchtlich.— In Mann- heim brannte die Maismühle Hoffftätter u. Co. nieder. Der Schaden wird auf 100 000 M. angeschlagen.— Ferner sind das SchiffsmaschinenhauS und die Schlosserei der Schiffswerft Henry Koch in L ü b e ck infolge Kurzschlusses durch Grotzfeuer teilweise zerstört worden. Es ist ein erheblicher Materialschaden entstanden. Die Be- triebsstörung ist umso empfindlicher, als die Werft mit Aufträgen überhäuft ist. In Königsberg i. Pr. ist gestern der linke Flügel des Alt- städtischen Rathauses ausgebrannt. In dem Warenlager von Fürst u. Bodenstein, das sich dort befand, ist ein 17 jährig er Lehr- lingverbrannt. Urberfall durch einen Soldaten. In G n e s e n wurde eine junge Frau von einem Soldaten des dortigen Infanterie- Regiments angefallen. Der Soldat packte sie am Genick und warf sie der Länge nach zu Boden. Auf ihr Geschrei kam der Ehe- mann schnell genug hinzu, warf sich auf den llebelthäter und hielt ihn fest. Als' letzterer sah, datz er nicht entrinnen konnte, geberdete er sich wie ein Rasender. Die junge Frau ist erkrankt, und da sie sich in gesegneten Umständen befindet, ist„och keineswegs abzusehen, welche Folgen diese Roheit haben kann. Selbstmord eines BankdircktorS. Wie man aus Lemberg meldet, hat sich der Direktor der„Galizischen Borschutzbank" Franz KuczynSki in R z e s z o w wegen mitzlicher Bermögensverhältnisje ersckossen. Das Revisionskomitee der Bank erklärt, datz die Bücher in Ordnung seien. Gegen die Urwüchsigkeit deS bayrischen Landvolkes zieht ina» jetzt mitt Mirbachijcher Sittenstrenge zu Felde. Vor dem SÄösieugcricht zu Dachau in Oberbayern hatten sich vor einigen'Tagen drei Mägdlein zu verantworten, die bei einem Bauern zu Jndersdorf im Dienste stehen und beschuldigt sind, gelegentlich der Ernte- Arbeiten auf dem Felde einen 19 Jahre alten Dienstknecht mit Anwendung von Gewalt eines Kleidungsstücks entledigt zu haben, das zwar im klassischen Altertum als barbarisch verworfen wurde, unter der christlichen Kultur unsres rauhen Nordens jedoch von unanssprechlicher Notwendigkeit erscheint. Autzerdem sollen die Mägdelein den Hut des Knechts mit einer sehr„muffligen" Flüssigkeit gefüllt habe». Die Beklagten wurden beschuldigt.' dadurch öffentliches A e r g e r n i s erregt zu haben. Der Thatbestand wurde durch Zeugen festgestellt. worunter einer die«traflhat als einen landesüblichen S ck, e r z hinstellte. Aucb der Verteidiger der Angeklagten bczcickiuete die Vorkommnisse als grob«. auf dem Lande aber übliche„Scherze", die dort so tragisch nicht genommen und als sitt- lichcs Acrgcruis nicht empfunden werden. Die Angeklagten sind in der Hauptsache geständig. Das Gericht fatzte jüe Sache sehr ernst auf»nd verurteilte das eine Mädchen wegen Sachbeschädigung„mit Rücksicht anf die dabei zu Tage getretene besondre Roheit" zu acht Tagen Gefängnis, verwies jedoch im übrigen die Angeklagten wegen Nötigung und SitllichkeitSvergehcns an das Landgericht München II. Ein 13 jähriger Vatermörder. In der Gemeinde Saint- Georgcs-d'Oscg be, Montpellier erschotz, wie aus Paris berichtet wird, der 15 jährige, als gefährlicher Raufbold verschriene Georges Miecamp seinen 43 jährigen Vater, weil dieser ihm eine berechtigte Rüge hatte zu teil werden lassen. Zu Italic» ninimt die Influenza einen gefährlichen Ilm- sang an, Turin hatte Dienstag 52 Tote durch diese Krankheit. Die mittlere Sterbeziffer beträgt 20, I» Livorno wurden 12 000 In- fliicnzafälle seit 14 Tagen konstatiert. Auch in Rom wütet die Influenza stark._ Marktpreise von Berlin am 23. Januar 1000 luirfi Ermittlung«» des Igl. Polizeivriisldnniis, »Mcizc» D-Ctr. VltoflßCi Futter-Gerste„ Hafer gut »nllel gering llilchtstroh„ Heu r)ClbIcir 'e)Spcisctoh„«u t.iLiitH'» Knitoffeln, neue Rwditrisch. Keilt« 1 kg do. Bauch, ) Ermittelt pro 14,80 14,20 13,80 15,— 14,10 13.30 4,32 7,20 40,- 45,— 70- 7- 1.60 1,20 Tai»,« 13,90 13,50 13,- 14,20 13,40 12,60 4,10 4,- 25,— 25,- 30,— 5,— 1,20 1,- va» Schweinefleisch Kalbfleisch Hammelfleisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Hechle Barsche Schleie Bleie Krebse IllS 60 Stück 1 kg per Schock der CciilratfleNe der Prciih, Land- wirtschastskammern— Noticrungsstclle— nud umgerechnet vom Polizei- prasidnii» für du, Toppe, centoer. f) Kleinhandelspreise, Produkte nniarkt vom 24, Januar, Aus Frankreich, wo die G e t r e i d e p r c i i e in de» letzten Tagen um 1 Franks gestiegen sind, hatte mau heute schwächere Notierungen erwartet, doch btieben die Preise fest und gewannen noch eine Kleinigkeit. Auch Amerika war nach schwächerem Be- ginn gut erholt. Das Geschäft war auf Deckungen nnb Neukänfe etwas belebter, besonders in Weizen, welcher am Frühmarkt bis 0,75 M, anzog, Während Roggen unter dem Druck dauernden Jnlandsangebots still und nur behauptet war. Mittags ging auch Weizen infolge matter Notierungen in Qcstreich- Ungarn im Preise zurück und schloß 0,25 M, über gestern. Haser lag still, fast unverändert. Rüböl auf mattes Paris 0,20 M. weichend. Am SptrituSiunrlt wurden 15 000 Liter 70cr loeo mit 47,— (-}- 0,13) gehandelt, Städtischer S cb l a ch t v i c h in a r k t, Berlin, 24, Januar 1900, Amtlicher Bericht der Direktion. Znu, Berka», stände, t: 300 Rinder, 1962 Kälber, 303 Schafe, 9536 Schweine, Bezahlt wurde» für 100 Pfund oder 50 Kilogramm Schlachtgewicht in Mark c beziehungsweise für 1 Pfund in Pf.): Für Rind er: Ochsen: a) vaUflciichige,»usgeu, ästet», höchste» Schlachtwcttcs, höchstens 7 Jahre alt 00-00, d) funge fleischige, nicht ausgemästete nud ältere ausgemästet« 00— 00; o)„läffig genährte junge und gut genährte ältere 00- 00; ck) gering genährte jeden Allere 00-00,— Bullen: a) vollflcischige höchsten Schlachtwcrtcs 00-00; b) mäfflg genährte jünger- und gut genährte ältere 00- 00: c) gering genährte 47-50- Färsen und Kühe: a) vollfleifchige, ausgemästete Färsen höchsten Schlachlwerts 00-00; b) vnllfleischige, aiisgeinäsicle Kühe höchsten SchlachtwertcS bis zu 7 Jahren 00—00; c) allere anSgen, ästet« Kühe und wenig gut eulwickelt« jünger« Kühe nud Färsen 00—00; ck) mäfflg genährtc Kühe und Fällen 46—49; «) gering genährte Kühe und Färse» 43—45,— Kälber: a) feinste Masl> lälber(Loumilchmasl) und beste Saugkälber 73—76, b) inittlcre Mastkälber und gute Saugkälber 62—66, v) geringe Saugkälber 50—56, ck) ältere, gering genährte iFrcffer) 40-43,- Schafe: a) Masllämmer und jüngere Mast- Hammel 60—63, b) ältere Mast Hammel 55—69, e) inäffig genährte Hauuuel und Schafe(Merzschase) 47—52. ck) Holsteilier Niederungs- 'chaie(Lebendgewicht) 00-00,- Schweine: a) vollfleischige, der feineren Raffen und deren Kreuzungen im Alter bis zu l1/, Jahren 47, b) Käser 00-00, c) fleischige 44-46, ck) gering enlwickette 41-43, s)-Sauen 4-2-43, Verlauf und Tendenz, Vom Rinderaustrieb blieb ungefähr die Hälfte unverkauft. Der Kälbcrhandel gcslaltcle sich langsam; es wird kaum ausverlauft. Die Schafe wurden bis auf 35 Stück verlaus», Ter Schwememarkt verlies schleppend. Um 1 Uhr wurde wegen Ausbruchs von Klauenseuche die Schweineaussuhr verboten, ?r?t,terii»gSiibcrslcht von, 24. Jailiinr 1996. iiiorgc»»«Uhr. Staiionei, Saparanda ttersburg Cork Aberdee» Paris äz: 2%i iU _& «3» 10 7 i. 6 Bsclter- Prognose für Tonnerstag, den 25. Januar 1900. Ziemlich trübe und regnerisch bei mäffigen bis snsche» südwestliche» Winden und wenig veränderter Temperatur. Berliner Wetterbureau Bernnworiiicher Rcdacteur: Paul John in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb.«locke m Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.