Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 204. Mittwochs den 19. Oktobet. 1910 (Nachdruck perdoteuj li] Der Entgleiste. Don Wilhelm Holzamer. 19. Der Apotheker aus der Rue Lepic hatte Philipp eine Ab- rechnung geschickt. Er schrieb ihm aus dem mit seinem Heil- mittel erzielten Gewinn einen Anteil von hundert Frank zu, die er in einem schönen neuen Schein beilegte. Philipp lächelte. Nun, er mochte reich damit werden. Er kannte seine lieben Franzosen schon. Im nächsten Jahre— oder noch in diesem— hatten die Pillen einen schönen Namen und gingen als Universalmittel, hübsch verpackt und gut empsohlen. Pierre hatte kein Geld nötig. Er war traurig. Er hatte auf einmal alles über Bord geworfen. Aber plötzlich schnellte die Lebenslust wieder in die Höhe. Philipp ängstigte sich. War's Galgenhumor? Er beobachtete Pierre. Nein, es war alles ohne Bitterkeit. Seine gesunde Natur und seine Pracht- volle Oberflächlichkeit hatten richtig den Sieg davongetragen. „Ich bin wie eine Feder in der Luft," sagte Pierre. „Weht der Wind stark, fliegt sie weit, weht er schwach, fällt sie bald wieder. Aber beim ersten Lüftchen hebt sie sich wieder auf und läßt sich davontragen. Und einmal fällt sie auf die Straße— und ein hübsches Mädel tritt mit ihrem kleinen Schuh auf sie. Ist das nicht hübsch? Vielleicht wird sie ab- gestrichen, vielleicht bleibt sie auch an den niedlichen Sohlen kleben. Ist das nicht hübsch? Sag dochl" Philipp sah ihn lange an. „Hübsch gedacht, Pierre?" „Hübsch gedacht— das macht ihr Deutschen so! Wir Franzosen, wir denken's nicht nur, wir wissen's auch zu leben. Das ist der Unterschied." „Also Du brauchst kein Geld?" „Wozu, ich verdiene ja— und wenn ich kcins verdiene, brauche ich auch keins? O, seid ihr schwerfällige Leute! Ich möchte beileibe kein Deutscher sein." Philipp schickte den hübschen, sauberen Hundertfrankschein an seine Mutter. Und schrieb ihr einen kleinen Brief dazu. Schrieb, er stehe vor einer neuen Tür des Lebens. Das könne sie nicht verstehen, aber sie möge es ruhig lesen und wieder- holt, da werde es wie die Worte in den Kirchenliedern, die sie auch nicht verstehe und doch gebrauche und lebendig habe. Es sei eine große, schwere, aber schöne Tür. Und sie möge sich nicht sorgen! Von dem Gelde aber möge sie sich eine Flasche Champagner kaufen, extra in Mainz, im„Pfälzer Hof", französischen, für fünfzehn oder zwanzig Mark und so übermütig dabei werden, wie er selbst in diesem Augenblick sei! So ganz übermütig, daß man sich selbst nicht begreifen könne. Wenn es einem schwer sei in der Seele, das verstehe man leicht. Aber das Glück, das Glück verstehe kein Mensch! Aber man müsse es leben! Und so müßte sie's auch leben. Nur einfach leben! Er fühlte, er könnte ihr tausend Bogen schreiben über das Glück und wie man es leben müsse. Er fühlte auch, es wäre der Mutter eine fremde Sprache. Aber, dachte er, es müsse sich doch etwas davon in ihr Herz finden! Es findet sich auch von dem Friihliug etwas ins Herz, vom blauen Himmel und dem' schweigenden Mittag, und kein Mensch auf der Welt hat es je begreifen und ganz verstehen können, was es sei. Dann kam der Abschied. Er verließ zusammen mit Pierre das kleine Zimmer, das sie bewohnt hatten. Sie drückten der Portierfrau die Hand. Vorm Tor rollte sich Pierre eine Zigarette, spuckte aus, wischte sich mit dem Acrmel den Mund und sagte: „Also zu Ende! Auf Wiedersehen!" Sie hielten sich die Hände. „Wir haben den gleichen Weg," sagte Philipp. „Gut," sagt« Pierre,„nehmen wir ein Gläschen zum Ab- schied— das sind wir einander noch wert." Er zerkaute seine Zigarette uni� rollte eine neue. „Gehen wir in die„goldene Schnecke"," schlug Philipp vor.„Da Hab ich angefangen, wollen wir da auch Schluß machen!" Pierre war einverstandene Der Wirt war glücklich, Philipp wiederzusehen. „O, er erinnere sich, er erinnere sich noch." Nur ein Blick— die feine Diskretion des Franzosen er» laubte keine Frage, keine weitere Bemerkung. Er spendete eine Flasche aus seinem eigenen Weinberg in seiner Heimat. Sie tranken ihn aus hohen, flachen Champagnerschalen, ob» gleich er nicht moussierte. Pierre rollte sich eine Zigarette nach der anderen. Er zerkaute sie mehr, als er sie rauchte. Und sie hielten ihm nicht Feuer. „Sie rauchen Streichhölzer!" scherzte der Wirt. Sie scherzten alle drei zusammen. Pierre stand auf und ging hinaus. Philipp, und der Wirt plauderten weiter. Dann wurde Philipp unruhig. Pierre kam nicht zurück. Er kam nicht mehr. Er war gegangen. Und Philipp wurde der Wein hart und sauer auf der Zunge. Dann ging er auch. Er ging den weiten Weg zur Ville Evrard zu Fuß. Und auf dem langen Wege nahm er langen und schmerzlichen Abschied von Pierre.— Mit einem leisen Knarren schloß sich hinter ihm das Tor der Anstalt. Er stand im Hofe— rings Mauern und Gitter. Während ihn der Portier zum Bureau führte, schickte er einen letzten Gedanken hinaus in die Welt. Tann hatte er sich ganz in der Gewalt. Er war nun nicht mehr Philipp Kaiser, er hieß Philippe Villebois und war Wärter der Irrenanstalt von Ville Evrard. Es war alles für ihn besorgt. Seine Papiere lagen bereit, er hatte nur zu unterschreiben. Er wurde eingekleidet und dem Abteilungsarzt und seinem Hilfs- arzt vorgestellt. Es ging alles mit höflichen Worten und sehr rasch ab. „Führen Sie sich gut, halten Sie sich genau an meine Anweisungen und seien Sie höflich zu den Kranken. Sie sind nicht alle unheilbar, die Sie unter den Händen haben — also hüten Sie sich— unsere Presse ist wachsam, und ich lasse nicht mit mir spaßen. Politik, lassen Sie sich das auf alle Fälle gesagt sein, gibt's hier in der Anstalt nicht! Lassen Sie Herrn Jaurös in der Kammer reden, aber lesen Sie seine Reden nicht. Es gibt keine Politik in der Anstalt!" Philipp war entlassen— und lebte nun seinem Amt und seiner Aufgabe. Er erfüllte sie, wie seine Kollegen. Es war ihm nichts anzumerken. Er hütete sich sogar, nur einen Rat zu erteilen, denn er fürchtete das kleine Glied de» Fingers, das er damit seinem Berufe reichen würde. Er hielt nur die Augen offen, diese anderen Augen, von denen kein Mensch wissen konnte. Die diese scharfe und verschwiegene Linse hatten, die alle Beobachtungen und Eindrücke auf eine andere Bewußtheit warf, wo sie ein scharfes Bild abgaben, ein Bild von den Kranken in den kleinsten Intimitäten ihrer Zustände und Behandlungen, ein Bild von den Aerztcn, ihrem Verständnis, ihren Vorkehrungen, ihrem Verhalten, ein Bild endlich von den Zuständen im Hause und allem. was sich auf die Pflege und Behandlung, auf Vorkehrung und späteres Eingreifen den allgemeinen Prinzipien nach bezog. Es entging ihm nichts, und er zog stillschweigend seine Schlüsse, so, wo gefehlt wurde, wo die Anforderungen er- weitert werden mutzten, wo eingeschlagene Wege zu verlassen und neue zu betreten wären. Und im Geiste ging er auf diesen neuen Wegen. Die Praxis lehrte ihn so viel von den Kranken selbst, schloß chm so viel Verborgenes von ihnen auf, daß es zu verwundern war, wie die Theorie hier noch unzu- länglich war. Es war eben für die Kranken, so viel auch untersucht und beobachtet wurde, doch ein anderes, ob der Arzt es tat. oder, ganz verschwiegen und ohne Inszenierung, der Wärter, der jeden Augenblick Gelegenheit hatte, mit dem Kranken in Verkehr zu treten. Der Wärter war bislang nur ein Organ des Arztes, er konnte ihm nicht geistig Helsen, weil ihm die Schulung fehlte, er konnte nur berichten über äußere Erscheinungen, über die äußeren Umstände, unter denen sie zuiage getreten waren, und er konnte dann, mehr mechanisch als beherrschend, die Weisungen des Arztes ausführen. Philipp erschien nicht anders, außer, daß er vielleicht her- vorragend eifrig war. In der Verschwf�genheit seines Innern sammelte es sich guälend an. Wenn er seine neuen Erkenntnisse nur formulieren, nur prüfen könnte, an denen anderer messen und reiben! Aber er mußte still bleiben. Und er wurde seiner Herr. Er hielt die körperliche Anstrengung feines Berufes aus. Er ruhte Tage und Nächte nicht. Er e r r a n g sich seinen Lebensberuf, er errang sich sein Arztsein. Es war ein Neues und Anderes, ein Höheres und Ver- tiefteres. Aber er brauchte Geduld, Erniederung, Energie und Ausdauer. Nicht vorschnell mit Schlüssen, nicht zu rasch mit der Ablehnung. Wasser, Luft, Licht und die Heil- und Beruhigungsmittel der Apothke— nur nicht unbedingt das eine gegen das andere. Der persönliche Einfluß mußte ein anderer werden. Die Bettbehandlung bedurfte genauerer Ueberwachung. Kein Dogmatismus der Vererbungstheorie. Erkennen und nicht verzweifeln. Seelische Einwirkung und immer mehr auf das Einfache, Natürliche zurückkommen. Eine verschwiegene Suggestion. Ein Altes, Vergessenes wurde in ihm wach und wirksam: der alte Arzt im Hunsrück mit feinen Hausmitteln. Er hatte seinen Namen vergessen, aber nun war er da. Nun ließ sich auch aus seiner Art ein Wert, ein gesunder Kern, eine vernünftige Beziehung erkennen. Was er früher schon aus ihr erkaiuit hatte, es erhielt eine nettd Bedeutung. Und er zog Kreise um Kreise, sie schnitten sich, sie berührten sich, Ausschnitte und Ringe, und er fühlte, es werde sich einmal der Mittelpunkt finden, sie mit einem größeren Kreise und Ring alle einzuschließen. Anfangs hatte er versucht, die Erfahrungen jedes Tages am Abend kurz aufzuzeichnen. Aber er kam nicht weit auf diese Art. Er war zu erschöpft, der Geist arbeitete nicht, wie es nötig war, er produzierte nicht, er hob höchstens aus den Kammern seiner Erinnerungen heraus, aber es fehlte dann die Verbindung. Es blieb alles lose und zusammenhanglos. Da lernte Philipp aus seiner Erfahrung den Wert der Phantasie erkennen, wie ohne sie auch die wissenschaftliche Arbeit nicht gedeihen könne. So richtete er sich anders ein. Jeden zehnten Tag hatte er frei. Kein Mensch fragte, was er mit dem Tage anfing. JJr blieb zu Hause und machte feine Aufzeichnungen. Dabei hatte er ein starkes und tragen- des Vollgefühl von Gewinn und Fruchtbarkeit. Er fühlte das Joch der Arbeit von sich genommen. Sie wurde ihm Genuß. Ein eigener Trieb lag in seinem Tage: ein undeutliches Zu-etwas-Hindrängen. Und oft fiel ihm die Vorstellung ein, wie er sich hinsetzen würde und den Namen Melanie Güß- feld auf ein Kuvert schreiben— und poste restante, bareau des postes No. 96(Grand Hotel) darunter. Es war ihm dabei, wie wenn man aus dem kühlen Schatten in die warme Sonne tritt. Man muß nun in dieser warmen Sonne weiter gehen, sonst fröstelt man. Man kann nicht in den Schatten� zurück. Und er ging und ging und sah den Tag näher kommen, an dem er den Brief schreiben und ihm seine Adresse geben würde. Den Tag, an dem er es könnte, schön und reich und in einer großen Ruhe und Sicherheit könnte. 20. In der Zieglergasse ist großer Auflauf. Zwei Gen- darmen sind gekommen, den Spengler Schlüssel zu verhaften. Das ganze Dorf ist zusammengelaufen. Der Spengler Schlüssel! Was sollte denn der alte Mann noch angestellt haben? Gestohlen, gemordet hat er nicht. Langsam sickerte es durch: sozialdemokratische Umtriebe, Hetzschriften, Auf- reizung zum Klasienbaß: das sind die Gründe. Man versteht das nicht. Hier in Rh-ft, Hessen ist man gewöhnt, seine Mei- uung zu sagen, wie man sie hat. Keiner hält mit dem, was er denkt, hinterm Berge. Und kommt's einmal grob heraus, nun so kommt's grob heraus. Das ist egal. Ter Schlüssel ist Sozialdemokrat— sonst ist er nüchtern, fleißig, ehrlich, ruhig. Er hat Flugblätter geschrieben, die Hand und Fuß haben. Der Rheinhesse hat Respekt vor allem, was-�inen Kopf verrät und Hand und Fuß hat. „Wir lassen uns doch das Maul nicht verbinden," sagt einer. „Haben wir noch einen Großherzog, wo ist der Groß- herzog, daß er das zuläßt!" ein anderer. „Still," meint einer.„Wir machen nichts gut damit. Der Großherzog will's gut und meint's gut—"„Es lebe der Großherzog!" ruft einer hinein. 8er das Wort aufge- schnappt hat, und„Es lebe der Grotzherzog!" rufen gleich viele!— Der erste nimmt wieder sein Wort auf. „Unser Großherzog will's gut und meint's gut, aber er kann auch nix machen. Das sind die hohen Herrn, die's machen. Er weiß davon gar nix. Aber wir sind doch nit aufs Maul gefallen. Wir geh'n nach Darmstadt, wir reden ein Wort mit ihm." „Er soll mit sich reden lassen!" „Natürlich, er hat schon manchen angehört." „Na, Dich wird er nit anhören!" „Aber wir sind doch nit in Preußen! Kreuzdunnerkeil! Wir sind doch noch Hessen! Rheinhessen, zum Teufel, und freie LeutI" (Fortsetzung folgt.)' igi Die familie Krage. Von Johann Skjoldborg. Autorisierte Uebersetzung von Laura Heidt. Jürgen:„Die Kleinen können nur dadurch stark werden, daß sie sich zusammenschließen." Der stille Peter zu Jürgen:„Mir scheint, Du ersinnst fo viel merkwürdige Dingel" Niels Malle meinte blinzelnd:„Solch eine Kommisstellung, die könnte Dir wohl behagen, Jürgen, wie?"— Heiterkeit „Oh— ja, warum nicht I" „Ich dacht es mir beinahe."— Gelächter. Die Angelegenheit ward noch weiter besprochen und Jürgen blieb ihnen keine Antwort schuldig. Endlich sagte Krün Hvas:„Du hast ein gutes Mundwerk, Jürgen, aber uns kriegst Du, meiner Seel, doch nicht ruml" Und dabei blieb es. Nun trat Paul Klinker zur Tür hinein. Er war von überaus kräftiger Gestalt, trug eine Jslandswolljacke unter dem zerrissenen Rock, ans dessen Seitentasche ein Flaschenhals hervorlugte. Seine Augen waren grün und blutunterlaufen und sein Gesicht glänzte kupferrot. Bei seinem Anblick stießen die Leute einander an und duckten den Kopf, aber Jürgen runzelte die Stirn. „Guten Abend, Herr Pastor," begann er foppend und setzte sich. Nun entstand ein Kichern und Prusten und Durcheinander» schwatzen, so daß das Ganze sich in Gelächter und Ulk aufzulösen und ein Zerrbild von dem werden zu wollen schien, was Jürgen daraus hatte machen wollen. Ihm war zu Mut, als säße er auf dem Wagen und die Ochsen gingen mit ihm durch und hätten ihm die Zügel ans der Hand gerissen. Dann nahm er sich mit einem Ruck zusammen und durch all das Gemurre und Gemurmel hindurch schnitt plötzlich Jürgens helle Stimme wie ein leuchtender Streifen durch ein Nebelmeer. Die ganze Versammlung horchte. Er sprach von der Enthalt- samkeitsbewegung so sicher und leicht verständlich. Die Leute hörten ' mit offenen Augen zu. Dann aber begann Klinker in seinem Winkel zu knurren und ihn zu unterbrechen. Er stank auf zehn Schritt Entfernung nach Fusel. Jürgen sprach mit steigender Wärme, Klinker brummte lauter und lauter. Die Versammlung horchte, sehr in Anspruch genommen von dem Gedanken, wer von beiden wohl der Stärkere sein werde. Schließlich erhob Klinker sich halb von seinem Sitz und rief: „Wenn nicht Anders Dir Deinen Unterhalt verdient hätte, dann wärst Du schon längst vor Hunger krepiert, Du armer Lump!" Die Leute vermochten ihre Heiterkeit nicht zu unterdrücken. Jürgen wandte sich rasch an Paul:„Willst Du wissen, welch ein Unterschied zwischen Dir und einem Schwein ist, wenn Ihr beide im Dreck liegt?" „Das Schwein kann aufstehen und davongehen, aber das kannst Du nicht!" So bekam Jürgen die Lacher auf seine Seite. Er schloß mit den Worten, daß neue Mitglieder sich bei ihm einschreiben könnten. Paul zog die Flasche aus der Tasche, machte irgendeine Be- merkung, über die die Zunächststehenden lachten und setzte sie an den Mund. „Daraus wird nichts hier in meinem Hause," rief Jürgen mit einer Bestimmtheit, die alle stutzig machte. Aber da erhob sich Klinker in seiner ganzen Größe und rief: „Ho, halloh,— Du Enthaltsamkeitsapostel I— Du Tropf, der hier bei uns neue Lehren einführen will! Halt Du Dich lieber an das. was Du in Deiner Jugend gelernt hast und trink Deine Schnäpse zum Brot, das kann Deinem Bauch meiner Treu gut tun! Prost!" _ Die Versammlung lachte Tranen, aber Jürgen ward kreide- bleich. Er ging bin und öffnete die Tür, die ins Freie führte und ersuchte darauf eib 5?ar Männer zur Seite zu gehen. Alle wandten sich um, einige erhoben sich. Kopf an Kopf standen sie da mit gespanntem Ausdruck. Und bevor noch jemand wußte, wie es zugegangen war, brüllte Klinker auf und verschwand mit Jürgen in der Türöffnung. Einen Augenblick später kam Jürgen zurück, und alle machten ihm Platz; denn Klinker war ein baumstarker Kerl. Dieser Auftritt machte jedoch der Versammlung ein Ende und das Zimmer war bald darauf leer. Anders stand auf und blickte den Schwiegersohn an, als wolle er etwas sagen. Er besann sich indessen, als er sah, wie Jürgens Hand, die nach dem Bierkrug griff, vor Erregung zitterte. XII. Anders Krage gehörte nicht zu den Leuten, die viele Worte machen, und das einsame Leben der vielen Jahre auf seinem Fleck- chen Erde draußen zwischen den Sanddünen hatte nicht dazu bei- getragen, ihn gesprächiger zu machen. Trotzdem wußte jedermann, was seine eigentliche Meinung sei; sie äußerte sich im Gesichtsausdruck, in der Stimme, in den harten Linien seines eckigen Wesens.— namentlich wenn er mißvergnügt war. Eine Zeitlang hüllte er sich in düsteres Schweigen; dann eines Tages, als Jürgen zur Versammlung war und Marie— infolge gewisser Umstände hatte zu Hause bleiben müssen, trat er ins Zimmer. Erst ging er auf ein offen stehendes Fenster zu, das Jürgen mit Haken versehen hatte, und zog es mit solcher Gewalt zu. daß das Glas klirrte.„Erst den Ofen heizen, bis er glüht, und dann die Fenster angelweit aufsperren, das ist so die richtige Methode, fein!" Marie, die an einem Wickelband strickte, dessen aufgerolltes Ende in ihrem Schoß lag, rückte unruhig hin und her auf ihrem Stuhl. Er wandte sich kurz um und platzte los:„Aber das ist auch so eine von den neuen Moden hier!— Ich möchte wohl wissen, wann Ihr eigentlich zu Verstand kommt!" „Was wollt Ihr damit sagen?" frug Marie, ohne ihn anzu- sehen. „Möchtest Du mir nicht sagen, was für Herrlichkeiten eigent- lich da drüben in Lem und Gott mag wissen, wie die Orte alle heißen da draußen, zu finden sind." „Gewiß!" antwortete sie bestimmt.„Wenn Jürgen und ich das blaue Dach des Versammlungshauses mit der wehenden Fahne sehen und dazu die Leute, die von allen Seiten herbeiströmen, dann haben wir das Gefühl, als gingen wie zu etwas Schönem. Es ist schön, von den großen Männern und Frauen der Vorzeit zu hören und von all den Dingen, die unsere Zeit bewegen; dann begreift man, wie alles zusammenhängt, und viele schöne Gedanken stellen sich ein.— Und das will ich Euch nur sagen,"— sie blickte den Vater fest in die Augen,„wenn wir mit all den anderen dort zusammen- sitzen und zuhören, dann ist es, als säßen wir unter einer feineren Art von Menschen!" „Fein!— Das ist ein schmutziges Wort in Deinem Munde, mein Kind!" „Ich halte zu Jürgen!" rief sie erregt und stand auf. „Ja, das kannst Du wohl bald auswendig!" „Jürgen hat recht!" rief sie ihm mit funkelnden Augen ent- gegen. „Wenn Du nicht ein Frauenzimmer wärst, Marie?......' antwortete Anders mit leiser Stimme, die zitternd vor zurück- gehaltener Erregung war. Er klopfte mit den Knöcheln auf den Tisch und ging. Marie begann zu weinen und Kjesten sagte:„Wie kannst Du es auch nur wagen, Marie!— Ach du lieber Himmel," seufzte sie, „welch ein jammervolles Hans das ist!"— Abends, nachdem die Alten gemolken hatten, gingen sie durch die Scheune. Er hob die Laterne in die Höhe.„Sieh all die Gaben Gottes an! Ist es nicht merkwürdig, daß es ihnen keine Ruhe läßt, bei alledem hier zu Hause zu bleiben, wie?" „Bedenk ihre Jugend, Anders!" „Jugend!— Ja, wenn es noch ein Vergnügen wäre, hinter dem sie dann und»wann her wären, dann würd ich mich absolut nicht darum kümmern, aber dies hier...... Aber es schwante mir schon, als ich ihn zum ersten Male sah und er diese blanken Kappen an den Stiefeln hatte, da schwante es mir meiner Treu schon, daß er ein Luftikus sei!..... Was sagst Du?" „Ich!— ich Hab kein Sterbenswörtchen gesagt!" Sie blickte furchtsam mit schüchternen Augen zu ihm auf. „Aber auf die Dauer kann es nicht so weiter gehen. Ich glaubte, es würde schließlich mal ein Ende nehmen, aber ich muß doch wohl mal versuchen, der Sache einen Riegel vorzuschieben!" Sie hatten die Küche erreicht und Kjesten nahm das Mulltuch, bedeckte damit den Rand des Eimers und seihte die dampfende Milch in die gelben Lehmschüsseln, die auf dem Tisch standen. Dabei sagte Anders so leise, daß es drinnen nicht gehört werden konnte:„Und dabei ist es wahrlich kein Vergnügen, ein Teufel sein zu müssen, weil man ihr Bestes will!" — Die Bewohner des Krageschen Hauses hatten in dieser Zeit nachts schwere Träume und tags über gingen sie umher, wie von einer schweren Last zu Boden gedrückt. Anders sah aus, als ob er jeden Augenblick etwas vorbringen wolle, das er dann doch stets wieder verschwieg; sein Antlitz hätte mit einigen wenigen geraden und scharfen Strichen gezeichnet werden Können. Auch aus Jürgens Antlitz waren die weichen, jugendlichen Züge verschwunden, und um seine Lippen bebte ein verhaltener Schmerz. Und dann hatte er ein nervöses Schulter« zucken bekommen, wie jemand, der eine Bürde von sich stößt. Wenn die beiden Männer aneinander vorbei mußten, hielt sich jeder auf seiner Seite. Und waren sie zusammen, dann war Ge, witterschwüle in der Luft. Gesprochen wurde nicht, aber jeder fällte durch sein Tun da? Urteil über den anderen. Sogar der Türdrücker verriet beim Auf« und Zumachen den jeweiligeen Gemütszustand. Und von Tag zu Tag ballte das Schweigen sich fester zu einer Gewitterwolke zusammen. .(Fortsetzung folgt.)) lNuchdruck MtBoten.l VcrbrecbemUgiofität. Dr. Mader(Berlin). Der Klosterbruder und Brudermörder Macoch, der seinem von ihm ermordeten, im Todeskampfe röchelnden Bruder rasch noch aus „religiösen" Bedenken die Absolution erteilte, ist zwar ein trasseS Beispiel der eigenartigen Vcrbrccherreligiosität. Aebnliches kommt aber nicht nur ini finsteren Rußland vor, sondern auch bei uns. So hatte sich in Bamberg vor einiger Zeit ein Oekonom, ein eifriger Kirchenbesucher und überzeugter' Anhänger des Zentrum«. wegen Wilderns zu verantworten. Trotz seiner Frömmigkeit wurde er zu einer Gefängnisstrafe von ll'/z Monaten verurteilt, da er seit Jahren die Schlingenstellerei mit lolchem Erfolg getrieben hatte, daß es im Schlüsselauer Revier bald keinen Hasen mehr gegeben hätte. Auf seinen Jagdstreifereien führte er als kostbares Amulett ein Zauberbüchlein bei sich,„Das wahre geistliche Schild", angeblich 1647 gedruckt und von Papst Leo 10. bestätigt.— in Wirklichkeit ein Produkt moderner, gewissen» loser, auf den religiösen Aberglauben der Menge leider immer noch mit Erfolg spekulierender Buchhändler. In diesem„Gebet» buch" finden sich gar vielerlei Zauberformeln religiösen Charakters gegen allerlei böse Leute, gegen Hexen usw.. dienlich in mancherlei Drangsal und Nöten. Auf welch niedrigem moralischen Niveau die« Zauberbnch steht, zeigt zur Genüge die Tatsache, daß es nicht nur Gebete einhält, um das Wild dem Schlingensteller zuzutreiben, sondern daß sich darin auch ein von dem Angeklagten, freilich ohne Erfolg, benutztes Gebet findet, das den Wilderer vor Ueberraschungen durch Jäger schützen soll. Dieses interessante Gebet, das vor Gericht verlesen ivurde, lautet folgendermaßen: „Es sind drei heil. Blutstropfen Gott dem Herrn über sein heiliges Angesicht geflossen. Die drei heil. Blutstropfen sind vor das Zündloch geschoben, so rein als unsere liebe Fran von allen Männern war, ebensowenig soll ein Feuer oder Rauch aus dem Rohre gehen. Rohr, gebe du weder Feuer, noch Flammen, noch Hitze. Jetzt gehe ich aus, denn Gott der Herr geht mit mir hinaus. Gottes Sohn ist bei mir, Gott der hl. Geist schwebt ob mir, in allen Zeiten. Amen." Daß durch derartige„Gebete" auf das Volk erzieherisch ein» gewirkt wird, dürfte man kaum behaupten können. Eher läßt sich annehmen, daß„fromme" Seelen, im Vertrauen auf göttlichen Schutz, durch derartige Gebetbücher geradezu dem Verbrechen in di« Arme getrieben werden. Wenngleich niemand behaupten wird, daß ein durch und durch rechtschaffener Mensch allein durch diese Schund» literatur zum Verbrecher werden wird, so muß man doch zugestehen, �daß derartige Zauberbücher äußerst verderblich anreizend wirken önnen. Die» zeigte ein anderer, gleichfalls aktenmäßiger Fall von Ver- Wendung eines derartigen„Gebetbuches" als Talisman, und zwar beim Meineid I In Würzburg hatten sich nämlich kürzlich zwei Frauen vor Gericht zu verantworten, die eine wegen Meineides, die andere wegen Anstiftung zum Meineid. Beide Frauen halten einen eigenartigen Betrug ins Werk gesetzt. In dem Betrngsprozeß als Zeugin vernommen, hatte dann die eine auf Anstiften der anderen, der cigentlickien Urheberin auch der Betrügereien, einen Meineid zu leisten. Um die GewissenSbedenken der bigotten abergläubischen Person zu beschwichtigen, gab sie ihr ein Gebctbüchlein als Aniulctt, um es bei der Bernehnillng bei sich zu tragen, dann könne ihr nichts geschehen, ein derartiger Schwur sei keine Sünde, der Teufel habe keine Macht über sie, da das„Gebetbuch"— vermutlich der„Geistliche Schild" oder ein ähnliches„Zauberbuch" sie vor bösen dämonischen Ein» flüssen schützte. Wer mit den Anschauungen gewisser Volksschichten nicht vertraut ist. wer nicht weiß, wie viel echt Heidnisches im modernen Christen- tum, besonders in bigott katholischen Ländern, noch fortlebt, mag denken, daß wir es hier mit einem einzigartigen Fall zu tun habe», da abergläubische Praktiken„frommer", an gottliche Vergeltung glaubender Verbrecher, um getrost einen Meineid schwören zu können, sonst kaum vorkommen dürften. Gerade das Umgekehrte ist aber der Fall. Mystische Zeremonien beim Meineid, durch die man der Gottheit ein Schnippchen zu schlagen glouBv, gibt eS unzählige, besonders Wieder in erzkatholischen banden. So findet sich überaus ofl der .Blitzableiter" als derarrige meineidtilgende Geste, besonders in ganz Bayern, aber auch in Ostpreußen, Tbürmgeu. Böhmen und anderen Ländern, ja selbst bei den Wotiaken. Man glaubt, der Meineidige werde auf der Stelle durch einen rawenden Blitzstrahl zerschmettert. Um sich nun davor zu sichern, stellt man mit der linken Hand, die man nach unten oder hinten ausstreckt, eine Art Blitzableiter dar und spricht dann bezeichnenderweise von einem .kalten" Eid, wie man auch im Volksmunde einen Blitz, der ein- schlägt, ohne zu zünden, einen»kalten Blitz" nennt. Diese Blitz- ableiteridee ist nur eine der mannigfachen Formen, durch die sich abergläubische Meineidige zu sichern suchen und die gerade neuere Forschungen in ungeahnter Reichhaltigkeit nachgewiesen haben. Eine derartige Frömmigkeit steht vollkommen auf gleicher Stufe mit der einiger afrikanischen und ozeanischen Stämme, die die der- derblichen Folgen eines falschen Schwures dadurch glauben paraly- fieren zu können, daß sie Gegcnopser darbringen und dadurch die erzürnte Gottheit zur Versöhnung zwingen. Nock eine Stufe tiefer aber stehen„fromme" Verbrecher unseres kullurstolzen Europa, die ihren Gott und ihre himmlischen Mächte um Gelingen ihrer Schand- taten in inbrünstigem Gebete anflehen und ihnen für den Fall der Erhörung gar mancherlei mehr oder weniger prächtige Geschenke in Aussicht stellen I Klarer kann der traurige Standpunkt derartiger naiver Seele», die mit ihrer Frömmigkeit einen schwunghaften Handel zu treiben hoffen, kaum zum Ausdruck kommen! So wurde im vorigen Jahre erst im Elsaß ein Einbrecher er- wischt, und durch einen Schuß schwer verletzt, der sein Mißgeschick darauf zurückführte, daß er diesmal nicht, wie sonst immer, vor Beginn seiner Diebesfahrt gebetet habe. Aehnliche Fälle sind in der krinnnalislischen Literatur öfters geschildert. In der Bretagne fleht noch heutigen Tages in der Nähe von Tregnier eine Kapelle, in der nian des Nachts zur„Madomin des Höffes" um das Gelingen grauen harter Schandtaten fleht: Die Fran betet dort»m den Tod eines verhaßten Gatten und der Sohn um das Ende eines Vaters, der ihn zu lange auf die Erb- schaft warten ließ. Gleiche fromme Wünsche und Gebete wurden vor einigen Jahren in dem großen Rempiener Beirugsprozeß zur Sprache gebracht, und auch im Schwarzwald kommt cS nach Hansjakob hier und da noch vor, daß der Sohn um ein baldiges seliges Ende für den Bater betet, weil ihin das Altenteil zur Last wird. In dem Mordprozeß Fenayron, der vor etwa zwei Jahrzehnten ge- waltiges Auffehen erregte, kam es zur Sprache, daß die Gatten- Mörderin kurz vor der Tat in der Küche auf den Knien gelegen hatte, inbriinftig den Himmel anflehend nm das Gelingen des geplanten Verbrechens. Und ein junger Mann, cm Verehrer jener„Madonna des Haffes", der seinen Vater zu Tode geprügelt hatte, meinte bei der Verhandlung:„Sicherlich hat die Madonna meine Hand geführt, denn gleich beim ersten Schlag stürzte mein Vater tot zu Boden." So sehen wir, wie hier die Gottheit von Dieben und Mördern als Schutz- und Schirmherr verehrt wird. Es ist daher nicht der» »vunderlich, daß zahlreiche Gewohnheitsverbrecher überaus eifrige Kirchenbesncher sind und daß die Gefängnisgeistlichen über die religiöse Empfänglichkeit ihrer Zöglinge meistens sehr erbaut sind. Hierzu paßt auch, daß etwa ein Drittel aller tätowierten Verbrecher religiöse Symbole eingeätzt trägt und daß sich bei Verbrechern .Himmelsbricse" und mancherlei Religuien gar nicht selten vorfinden. Es dürste interessant sein, einen derartigen„Segen" religwien Charakters wiederzugeben, der nach Löwenstimms Bericht Ansang der achtziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts einem russischen Pferdedieb abgenommen wurde. Tie? sonderbare Schriftstück lautete folgendermaßen „Im Namen deS Vaters, des SohneS und des Heiligen Geistes, Amen! Ich Knecht Gottes gehe auf dunkelen Pfaden und meinen Weg; mir entgegen kommt der Herr Jesus Christus selbst auS dem herrlichen Paradiese, gestützt auf einen goldenen Krummstab, behängen mit seinem goldenen Kreuze. Zu nieiner Rechten ist die Mutter GotteS, die heilige Gottesgcbärerin, mit Engeln. Erzengeln, Seraphen und mit himmlischen Mächten. An uierner Linken steht der Erzengel Gabriel und über mir der Erzengel Michael. Hinter mir. den, Knechte Gottes, fährt der Prophet Elias ans feurigem Wagen; er strahlt Feuer mis und reinigt meinen Weg und deckt mich zu mit dem Heiligen Geiste und mit dem lebenspendenden Kreuze des Herrn. Das Schloß der Mutter Gottes, der Schlüssel Petri und Pauli. Amen!" Roch tiefer in den Abgrund abergläubischer Vorstellungen reli« giösen Charakter? blicken wir. wenn wir religiöse Handlungen in verbrecherischer Weise verwendet finden. Wir meinen den allgemein verbreileten Brauch des Totbetens, d. h. den Glauben, einen Widersacher durch die Kraft von Zaubergebeten töten zu können. Bei uns geschieht die? bekamitlich meistens in der Art, daß man den 109. Psalm unter Beobachtung gewisser Zeremonien ein Jahr lang Tag für Tag betet. Doch auch in der Form eines gewövnlichen Gebets kann dieses Totbeten geschehen. So gestand der wegen Mordes im Jahre 1?l3 verurteilte bayerische Pfarrer Riembaner, er habe einst, um einen verhaßten Menschen ans der Welt zu schaffen, zu Gott gebetet, daß er ihn töten möchte, und Gott habe auch sein Gebet erhört, der Mensch sei wirklich gestorben. Daß das Totbeten, das zwar seit Fenerbach in den kriminalistischen Lehrbüchern als Schul- Vsrantw. Redakt.: EarlWermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: beispiel für den absolut untauglichen Versuch angeführt wird, durch« aus nicht so harmlos ist, sei nebenbei bemerkt, denn zahlreiche wohl« verbürgt« Berichte von den Naturvölkern und ähnliche bei uns ge« machte Erfahrungen zeigen, daß das Opfer derartiger Prozeduren, wenn es von ihnen erfährt, lediglich an der Einbildung erkranken und selbst sterben kann. Bei einer derartigen Auffassung der Religiosität kann es uns wahrlich nickt Wunder nehmen, daß der Glaube an die Kraft, die allen geweihten kirchlichen Gegenständen anhastet, zu Kirchendieb» stählen Anlaß giebt. So sind Fälle bekannt, wo Hostien, geweihte Kerzen, Reliquien lind ähnliches entwendet wurden, um sie bei magischen Heilkuren zu verwenden, um ein immer treffendes Gewehr zu erhallen und zu ähnlichen Zwecken zu gebrauchen. In Kijew stahl vor zwanzig Jahren ein Bauer beim Küssen der heiligen Reliquien 45 Kopeken, die in einer Opserichale lagen, weil er den Glauben hegte, das von den Reliquien geraubte Geld werde ihm in der Wirtschaft Glück bringen. Vor zwei Jahren wurde in Ostpreußen eine Frau wegen Diebstahls einer Stola verurteilt, die sie für einen trefflichen Talisman hielt, um in allen Prozesien obzusiegen. Analog ist der weitverbreitete Glaube, man müsse an bestimmten kirchlichen Feiertagen stehlen und werde, wenn dieser Diebstahl gelinge. daS ganze Jahr bei seinen Diebesstreifereien nicht eindeckt. In Lrpve, Westfalen und der Niederlausitz muß dieser Diebstahl in der Christnachr während deS Festgeläutes geschehen, in Franken am Silvesterabend, ebenso in Mecklenburg und Branden« bürg, in der Oberptalz zu Fastnacht. Doch nun genug! So wenig Beispiele für„fromme" Ver- brecher wir hier auch anführen konnten, so dürfte doch soviel auch auS diesen Angaben sich ergeben, daß Religiosität im landläufigen Sinn durchaus nicht verbrecherische Gesinnung und Betätigung aus» schließt, ja daß die abergläubi'che Gestaltung, die die religiösen Ideen vielfach anzunehnien pflegen, sogar einen günstigen Boden für die Kriminalität abgibt, ja nicht selten sogar unmittelbaren Anreiz zu verbrecherischen Handlungen bildet. kleines feuitteton. Technisches. Der mechanische Stenograph. In der„Geschäfts- auZstcllung", die zur Zeit in der„Olympia" in London abgebalten wird, werden eine Menge neuer mid vervollkommneter Apparate ge- zeigt, die nur den Zweck haben, in den großen Handels- und Bank« Häusern menschliche Arbeitskräfte zu ersparen. Die ganze Ausstellung ist eine Demonstration des unaufhaltsamen Fortschritts der Technik, der in unserer anarchischen kapitalistischen Produktionsweife wie ein indischer Götzenwagen Taufende von menschlichen Existenzen zermalmt. Man findet dort wunderliche mechanische Rechner, die Summen bis zu 1000 Millionen Pfund Sterling multiplizieren, addieren, sub- Irahieren und dividieren, Apparate, die Adresien schreiben, 2000 in einer Stunde, Zirkulare zurecht machen, so daß man sie nur in den Briefkasten zu stecken hat, und Huirderte von anderen niechauischcn Arbeiten verrichten, bei denen die menschliche Arbeitskraft gar nicht mehr konkurrieren kann. Der wunderbarste Apparat aber, den man dorr sehen kann, ist der mechanische Stenograph, der, obwohl er nicht ganz neu ist, heute doch derart vervollkommnet erscheint, daß er wohl in jkurzer Zeit den mensch» lichen Rivalen in der Geschäftswelt ganz aus dem Felde schlagen wird. Der Apparat besteht auS einem Phonographeii, in den man das Diktat hrneinspricht. Ist der Zylinder, den man etwa hundertmal Hintereinauder gebrauchen kann, eingestellt, so wird er durch den Fuß mittels pneumatrschen Drucks in Bewegung gesetzt und man kann mit dem Diktat ansangen. Ein Dnick aus einen Hebel genügt, um den Zylinder jederzeit zurückzustellen und den Apparat init dem reproditzierenden Instrumente in Verbindung zu seyen, so daß der Sprechende sein Diktat kontrollieren oder den ettva verloreneu Faden seiner Rede wieder ausnehmen kann. Ist das Diktat zu Ende, so wandert der Zylinder zum Maschincnschreiber, der daS ihm durch einen Phonographen überniittelte Wqrt niederschreiben kann. Die Apparate, die schon in vielen Londoner Geschäfts» Häusern im Gebrauch sind, sind iu Anbetracht ihrer Nützlichkeil kaum leuer zu nennen; sie kosten zwischen 230 und 370 M. Die Behauptung der Erfinder, daß der Apparat in wenigen Monaten das Anlage- kapital wieder einbringt, ist daher nicht als übertrieben z» bezeichnen. Mag der mechanische Stenograph auch nicht so revolutionierend wirken loie manche anderen Erfindungen, so demonstriert er doch in einer höchst klaren und allgentein verständlichen Weise die Ent» ivickelungstendenzen des Kapitalismus. Aus der einen Seite werden Tautende von Stenographen, die sich durch jahrelange Hebung eine große Geichickfichleit angeeignet haben, aufs Pflaster geworfen, auf der anderen Seite iverden die Maschiueiffchreiber zu einer intensiveren und eintönigeren Arbeit herangezogen. Denn fie werden das Diktat nicht mehr von dem Stenogramm ablesen, sondern das gesprochene Wort lliugl ihnen beständig gebieterisch in den Ohren. Im Geschäfts» leben wird der Stenograph es mit seinem mechanischen Kon» kurrenten— das muß jeder zugeben, der diesen bei der Arbeit gesehen hat— nicht mehr lange ausnehmen können._ Aurwarro Buchtruckere» u.VcuaglauitaUPaiU Stnger&*o., Berlin SW.