Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 206. Freitag� den 21. Oktober. 1910 (NaSdruS verboten� 76] Der Stitgleiftc. Von Wilhelm H o l z a m e r. Aber dann kam es wie ein Sturm über ihn. Das Werk Doktor LaforSts war noch unter der Presse, er las noch die Korrekturen seines Anteils, da begann er mit seiner ganz eigenen Arbeit. Er sprach seinem Chef davon. „Sie wollen also doch mein Konkurrent werden," lächelte der.„Werden Sie esl Es ist gut. Es schiebt nur meine Positionen weiter vor, es beschleunigt den Vormarsch. Wir werden so nur um so sicherer an der Tete bleiben." „Aber ich werde deutsch schreiben." Doktor Laforöt stutzte. „Sie wollen ins Land der Theorien und nicht in unseren Verwirklichungen bleiben?" „Ich mutz mein ganzes Wesen geben können, in der Sprache, in der es wurzelt. Das ist notwendig. Ich will eine Darstellung geben, in der das Wissenschaftliche aus seiner strengen Gebundenheit herausgehoben ist, so, daß es doch be- stehen bleibt. Ich will aus unseren Anstaltsmauern hinaus, aus unseren Bibliotheken und Zirkeln hinaus ins Leben! Und ich kann es nur da, wo mir das Leben selbst am lebendigsten wird: in meiner Sprache. Ich bin hier im Grunde doch ein Fremdling— und das ist gut so. Mein eigentliches Leben lebe ich d a h e i m— und wenn ich eine Vollkraft in mir fühle, fühle ich sie aus dem Heimatlichen aufsteigen und im Heimatlichen sich befestigen. Die Heimat hat mich ganz im Besitz— und in ihr besitze ich mich erst ganz." Doktor Lafordt neigte den Kopf ein wenig, um sich besser im Spiegel besehen zu können. „Wenn wir Franzosen nicht so reich wären, mutzten wir eigentlich die Gastfreundschaft bedauern, die wir gewähren. Ich hätte gewünscht, daß sich Ihre Gedanken in unserer Sprache ausgesprochen hätten, sie gibt den Gedanken selbst etwas— tun Sies in der Fhren. Wir beide stehen dann hüben und drüben, aber wir gehen vereint vor auf ein gleiches Ziel. Ich reiche Ihnen noch besonders die Waffenbruderhand, lieber Freund." Und er neigte noch ein wenig den Kopf, einen leichten Schein im Spiegel bester zu sehen, der gerade um seine linke Schläfe spielte und einen eigenen Reflex in sein linkes Auge warf. Philipp fiel der Titel ein:„Psychologie der Psycho- pathie. Die Zukunft der Jrrenheilkunde." Ehe er an die Arbeit ging, schrieb er an Weil. Es wurde ein langer Brief: Erzählung von Vorgänge- nem, Pläne der Zukunft. „Ich werde nun bald durch sein. Es war wie mit Eisen und Feuer, aber ich habe nun meinen ganzen Menschen heraus. Er ist aus lauter Gegensätzen geworden, aber nun spüre ich, wie die Gegensätze sich lösen. Enge und Weite, Unterdrückung und Freiheit, Heimat und Fremde: und kehre ich an einem stillen Ort ein— das Enge ist weit geworden, das Fremde verbindet sich mit dem Heimatlichen, ich halte Umschau und— wenn es glückt, ich halte auch Vorschau. Und ich Habs nun ganz allein erreicht. Wenn ich eine Hilfe hatte, war es eine Hand, die ich hielt. Aber die Hand selbst wußte nichts davon. Nun werd ich bange, das gerade sei nicht gut gewesen— könnte nicht gut sein. Nun der Besitz Winkl, bangt mir vor der Resignation. Und der Besitz ist doch alles, ist das Freie und Wahre, das andere ist Zwang und Gewalt samkeit. Aber mag es gut sein, wie es ausschlägt, ich habe mich fügen gelernt, ohne mich zu unterwerfen. Denn ich habe das Leben gelebt. Man mutz das Leben leben, um seine Weisheit zu haben. Sonst hat man die Weisheit, aber das Leben nicht, oder man hat das Leben, aber seine Weisheit nicht. In diesem Satze wollen wir uns als Freunde aus lösen.— Nicht wahr— so stimmts doch? Und so ist es uns bewußt! Es ist doch das Schönste, bewußt zu sein dessen was schön ist. Dann geht nichts verloren. Eine Dame klagte mir einmal, daß sie schön war und es nicht gewußt habe— und da sie es gewußt habe, sei sie nicht mchr schön gewesen. Das ist der Betrug in ihrem Leben gewesen, der sie um ihr Glück gebracht hat. Aber warum uns um das Glück bringen, um das Glück bringen lassen? Es schafft allein alles Gute und Schöne und Große. Das Leid mc g es auslösen, aber schaffen, schassen kann das Leid nichts. Es lebe das Glück! Denn es lebe das Leben!" Dieser Brief kam nach drei Tagen zurück: die Post hatte einen kleinen grünumrahmten Zettel darauf geklebt:„Ver- swrben." Und der Postmeister hatte seinen Namen darunter geschrieben. Der Tod Weiks traf Philipp im Innersten. Aber fast mehr noch schmerzte ihn die Art, wie er die Nachricht erhalten hatte. Denn sie war hätzlich, peinlich. In Weiks Tod konnte er ein Einklingen in das All sehen, eine Harmonie, die ver- wirklicht war, nachdem sie im Leben ihren Grundakkord nicht hatte finden können. Er konnte sich vorstellen, datz er schön hinübergeschlummert sei und datz es eine Schönheit, ein Frie- den für ihn sein könnte. Nun blühte er auf dem Felde der Ewigkeit, in der Farbe und dem Glänze, wie er sie sich in dieser Jrdischkeit gewonnen. Das Schönste, was er gewesen, und das Beste, was er besesten, nun lebte es weiter in der Erinnerung, in dem Gedanken an ihn und seine Freundschaft. Das konnte er denken, davon konnte er erfüllt sein. Aber diese Art der Nachricht, das war eine Härte, daS war wie ein Gertenhieb in sein Antlitz, den ihm die Vergangenheit noch einmal versetzt hatte. Sie hatte sich die beste Gelegenheit dafür ausgesucht, damit die Wunde dauernd schmerzen sollte und unvergeßlich sein mutzte. Wie lange war er schon tot? Woran war er gestorben? Hatte er ein langes Krankenlager gehabt? Er ließ sich willig von all diesen Fragen quälen. Dann raffte er sich aus der Dumpfheit auf, die ihn niedergeworfen hatte. Er mutzte auch damit abschließen. Er fuhr zum Kirchhof Pöre Lachaise. Er kaufte Blumen, viel, viel Rosen, und sonst alle Sorten, die er haben konnte. Es begann bereits ein wenig zu düstern, die Wächter ließen schon niemand mehr herein. An Bartl)olom6s Denkmal„Für die Toten" legte er seine Blumen nieder, und einen Rosen- strautz warf er in die dunkle Pforte, in- die verklärt das Menschenpaar schreitet, nachdem es über die Schwelle des irdischen Jammers getreten ist. Und er schritt die einsamen Wald- und Wiescnwegc. die er mit Weil gegangen— sie pflückten Blumen am Rande des Weges, und sie sahen über das Land hinaus, wo es fern und ferner wird und ins Un- bestimmte wächst. Er feierte seinen Toten. Aus dem Grauen löste sich eine Gestalt und schritt ihnen entgeaen. Und dann war der Freund von seiner Seite ver- schwunden. und Philipp harrte allein der Kommenden entgegen. Da wurde ihm Angst. Hätte er nicht schon den Brief schreiben sollen, der zwischen ihnen ausgemacht war? 5könntc nicht sein Brief ähnlich zurückkommen? Der Wächter mahnte. Auf dem Heimwege nahm sich Philipp trotz der ausge- standenen Angst doch vor, noch nicht zu schreiben. Aber er fühlte, das Rad war noch nicht ausgerollt, er mußte es ge- währen lassen, ohne einzugreifen. So schrieb er in der Aufgerührtheit seines Gemütes sein Buch. Er fühlte selbst, es bekam alles, was es brauchte. Es bekam auch die Bewegtheit des Schwärmens, so gezügelt sie war. Und es bekam den Herzenston, der die Gedanken ein- dringlicher machte, der sie förmlich ausschloß, wie ein kleiner geheimer Schlüffel, der ein schweres Schloß zu öffnen weiß. Die Darstellung war anschaulich, die Artikel, die er früher vergebens geschrieben hatte, kamen ihm zugute, und die Phan- taste war wie eine gute Freundin, die man im fremden Lande findet, datz sie einen hier heimisch mache. Sie machte ihn heimisch, auch wo er in die Fremde geriet. Mitten in seiner Arbeit kam einer der seltenen Briefe von der Mutter. Er war ungewöhnlich groß. Er erzählte vom Spengler Schlüssel, wie er angeklagt gewesen, wie er Gemeinderat geworden und wie nun das ganze Land ein Feuer und eine Flamme sei: der Schlüssel sei als Sozial- demokrat in den Reichstag gewählt worden. „Kein Mensch hätt das einmal gedacht. Auf der Kanzel predigts der neue Kaplan, daß es Satanswerk sei. Fn der Fastenzeit hat schon ein Kapuziner gepredigt, der Antichrist geht in der Welt um. Wenn sie jetzt sagen Satan oder Anti- christ, so ist jedesmal der Schlüssel gemeint. Ueberall hat er Reden gehalten, in Mainz und überall. Wer sich das sein Lebtag eingebild't hätt! Jetzt geht er nach Berlin." So schrieb die Mutter. Dann kam auch ein Brief vom Schlüssel selbst, und es wurde alles Tatkraft und Heimat um Philipp, Heimat und Tatkraft in ihm. Das drängte in ihm und beflügelte seinen Geist und führte seine Gedanken und Gefühle zu einem Ziele hin, zu einem starken, großen Ziele, das nicht mehr ferne sein konnte. Was sich aber daheim vollzogen, das war die neue Zeit. die in sein Dorf gefunden hatte. Sie sollte auch ihn am Platze finden. Nicht wie es der Schlüssel in seinem Briefe meinte. Aber ebenso groß— und ebenso ganz. Ein Ganzer wollte er auf den Plan treten. Wie dieses Jahr vergangen warl Es erschien ihm wie ein Pferd, das, vom sicheren Reiter gelenkt, in die Zügel knirscht. Nun war es zum dritten Male Mai geworden, seit er sich von Pierre getrennt hatte— nun waren die Bäume läng? der Seine wieder grün, nun lag Paris wieder im Duft der Maien, gesckmückt mit seinen schönsten Buntheiten und seiner verführerischsten Anmut. Der Himmel war hell und flockig. Man fühlte, daß die Welt weit war. daß sie sich von aller Winterenge freigemacht hatte. Die„Jrrenpflege" erschien, von Doktor LaforSt und Philipp bearbeitet. Das Manuskript seines Zukunftswerkes gedieh. Da kam eine seltsame, drängende Unruhe über ihn. Er fühlte die Fremde, das Fremdsein. Das nahm ihm ein Teil Sicherheit. Und wie ein Traum im Tage in leisen An- klängen aufwacht, so wachte es in ihm auf und sammelte sich und wurde deutlich und klar. Im Luxembourg-Park schlugen die Amseln, die Beete waren bunt, die Alleen waren belebt, die Wasser sprangen. In den Champs-Elysäes blühten die Rhododendren, blühten die italienischen Anemonen, glänzte der Reichtum. Der glänzendste, vornehmste Reichtum. Aber er war fremd hier, auf einmal fremd. Er war trunken des Schönen, und er blieb ihm dennoch fremd. Es war für ihn ein Verklingen von all dem, was er hier gelebt hatte, wund und voller Wehmut, und es weckte ein Helleres herauf, das sein eigen war. darin sein Herz und seine Liebe war, seine ganze Liebe und sein ganzes Herz. Er stieg auf-den Are de Triomphe und blickte über die beglänzte Stadt, er sah hinaus nach dem Montmartre, der im grauen Glanz der durchleuchteten Luft lag. Und es wurde ein Lebewohl. Ein tiefes und dankbares Lebewohl, dies Schauen über die Stadt, die ihm schon Erinnerung geworden war in dieser Stunde voll wohliger Schmerzen. Er, fuhr zu Cook in die Avenue de l'Qp�ra und ließ sich ein Billett zusammenstellen. Als er das Reisebureau verließ, fügte es der Zufall, daß er die Alg6ricnne noch einmal sah. Im sogenannten„Loch", wo sich immer die Wagen und Auto- mobile stauen und ansammeln, besonders zu den Stunden, in denen die Rue de la Paix von den vornehmen Herrschaften und großen Halbweltdamen besucht wird, hielt ein vornehmes Anto. Philipp wand sich zwischen den Fuhrwerken hindurch, gerade als es sich wieder in Bewegung setzte. Sein Blick fiel auf die Insassin des Autos. Es war die Alg6rinne. Sie sah auch ihn. Aber er blieb ungewiß, ob es ein Leuchten, allerdings ein sehr kurzes, in ihren Augen gewesen war. Sie lehnte sich in ihren Sitz zurück, blickte gelangweilt über die Menge hin und übersah ihn. Nein, nein, es war alles schon Erinnerung geworden jn ihm. Und diese war ohne Schmerz. ' Lange stand er in der Nacht vor dem Hause des Mont- martre, in dem er mit Pierre gewohnt hatte. Rings wars dunkel und still. Es fuhr schon kein Omnibus mehr. Mäh- lich löschten die Lichter in den Fenstern aus. Dann und wann Passanten. Ein Pärchen hielt vor dem Hause an und klingelte. Tos Tor ging auf und das Paar trat ein. Dann war alles wieder still. Und dann ging oben ein Licht auf— oben in ihrem Stäbchen, seinem und Pierres. Ganz einsam ein Licht, hoch über der dunklen Straße, hoch über Paris. Schatten, die sich bewegten. Dann wurde das Fcn- fter aufgemacht— ein Liedchen klang. Ein garstiges, hartes Frühlingsliedchcn von Jehan Rictus. Philipp kannte die Weise und den Text— und es schnitt ihm in die Seele:„Es riecht nach SUiin und nach Dreck/ Er ging. Als er über der Brücke Kar. die den Friedhof überspannt, sah er sich noch einmal um. Das Licht in dem Fenster brannte noch. Und rings wars dunkel und still. 22. Philipp verließ Paris mit geschlossenen Augen. Nichts sehen, nichts hören, jetzt nicht zurückdenken. Keinen Teil der Stadt mehr sehen, kein Bild der Straße. Jetzt fuhr der Wagen über einen belebten Platz: jetzt rollte er über eine Seinebrücke. Und nun war es still und einsam rings. Philipp wußte nicht, wo das Gefährt jetzt passierte und wollte es nicht wissen. Nur fort. Im Gedränge des Nord-Bahnhofs. Von dem Augenblick an, da der Zug stand, stieg er ein. Deutsche Laute. Er sah nach der Uhr. Noch eine Viertel» stunde. Er setzte sich in seine Ecke und studierte sein Billett. Ein Geistlicher stieg noch ein. »Ist das der Zug nach Köln?" „Ja, mein Herr." Der Zug fuhr. Der Geistliche betete sein Brevier. Phi- lipp dachte des Abschiedes von Doktor Laforöt, der Vorschläge und Versprechungen, ihn im letzten Augenblick zu halten. Der Aussichten in französischen Diensten. Der Geistliche betete noch sein Brevier. Philipp schlief ein. „Liege!"— er hob ein wenig den Kopf und schlief weiter. Der Morgen war rot und feucht, da er aufwachte. Es war in dem sanften, grünen Tale von Verviers. Hügel, Tal- senkung, Weide, helle Birken. Stille. Schwarzgefleckte Kühe, die weideten. Berschwiegenheit und Einsamkeit. Ein Wasser» lauf. Liebliche Bilder. Da preßte es ihm die Brust und machte sie ihm doch weit. Auf der Höhe irgendwo hob sich eine Glocke und klang übers Land, hell, freundlich, ladend. Da umwehte ihn Erinnerung, das Herz wurde ihm weich. Da umschmeichelte ihn Liebe. Sein Dorf, die Wiesen, die Eulenmühle und die Selz, die Hügel mit den Wingerten. die Dörfer auf der Höhe. Er versank in ein Träumen. Dann fragte ihn der Geistliche nach deutschen Sitten, nach deutscher Art und Sprache. Sie kamen in ein angeregtes Gespräch. Und als sie Herbesthal passiert hatten und nur Deutsch ge- sprachen wurde, im scharfen preußischen Schnarrton. da war es Philipp, er müsse sich am Wohllaut der französischen Sprache festklammern, und er behielt sie bis Köln bei, das Gespräch mit dem Geistlichen, der übrigens aus Tours war und ein wunderbares Französisch sprach, immer mehr aus» dehnend. lFortsetzung folgt.il 151 Die f anriUe Krage. Von Johann Skjoldborg. Autorisierte Uebersetzung von Laura Held!. Doch die Mauern wuchsen höher von Tag zu Tag. Dabei war nichts zu machen; denn jetzt, wo es einmal so weit gekommen war. sollte es auch ganz durchgeführt werden. Nicht mit seinem kleinen Finger würde er Jürgen helfen, sobald das Zimmer fertig war. Jetzt sollte die Brauchbarkeit des Kontraktes erprobt werden. Das stand unerschütterlich fest. Aber oft verfiel er, die Mauerkelle in der Hand, in tiefes Sinnen und schaute mit schwermütigen Blicken zu. Ihm war, als bauten sie sein Gefängnis. In diesen Raum sollte er hinein» gesperrt werden wie ein Unruhstifter. Täglich empfand er das deutlicher und schwerer. Trotzdem baute er selber unverdrossen mit und ohne zu mucksen, als folge er dem unabwendbaren Gesetz des ewigen Schicksals. Aber fern Mund schloß sich fester und fester und sein Kopf sank immer tiefer, während er die Steine zu seinem eigenen Gefängnis zusammentrug. — Jürgen dagegen schien eine schwere Bürde abgestreift zu haben, wodurch seine fröhliche Natur überall zum Durchbruch kam. — Jetzt sah es ja endlich so aus, als ob der Druck weichen sollte, der von Anders Persönlichkeit ausging, dessen Geist hier eines weiten Spielraumes bedurft hatte bei Tag und bei Nacht. Jetzt mußte er weichen, dieser Geist der Kleinigkeitskrämerei, und sein dörrender Atem sollte die Luft des Kraaeschen Hauses nicht mehr verunreinigen, die fortan eine günstige Fortpflanzungsstätte neuer Zeitgedanken sein sollte.— Jetzt war es nickst mehr Anders, der die Karre zog. Jetzt mutzten die Dünenbewohner ihn für voll nehmen...... Gewiß, sie würden seine Hand ergreifen als Freund und Kamerad. Diese starken, einfältigen, treuherzigen Männer! Und der alte Anders, der würde schließlich auch noch dazu kommen!— Ja, ja, es ward heller um ihn!..... Jürgen bewegte sich leicht und lebhaft, war bald draußen, bald drinnen, scherzte mit den Handwerkern, war freundlich zu Anders und lächelte Marie zu. Die alten Möbel wurden ins Abnahmezimmer hineintrans- portiert, die Uhr, der Konftrmationsvers, die ftrochgeflochtenen Stühle und das lose, nicht niet- und nagelfeste Hausgerät. Jürgen pflückte mit flinker Hand alles herunter, bis nur noch die nackten Wände dastanden. Gerade so gefiel eS ihm. Er kaufte beim Tischler eine Sofabank aus Fichtenholz mit Strohkissen belegt, die ward zwischen den Fenstern an die Wand gestellt, dazu neue Tische und Stühle. Er kaufte eine große Litho- graphie von Friedrich VII., die über dem Sofa aufgehängt ward. Das Bild des Vorstehers der Hochschule brachte er an dem Balken neben dem Bett an. Es ward eine Bretterdiele gelegt und Gar- dinenkappen aufgehängt. Es war nicht niehr das alte Zimmer des Krageschen Hauses. Als das Abnahmezimmer vollständig fertig geworden war, nahm Anders von der Türschwelle aus mit einem langen Blick Ab- schied von seinem Eigentum, als solle er dem Leben Valet sagen. Dann ging er hinein wie in eine Grabkammer und schloß die Tür fest hinter sich zu. Und das alles tat er mit einer Seelenruhe, wie sie die alten Zigeunerhäuptlinge bewiesen, wenn sie sich lebendig begraben ließen in der Heide. Jürgen und Marie aber fegten und säuberten ihr eigenes Zimmer und setzten sich dicht zusammen wie zwei Neuvermählte, die zum erstenmal mit voller Lunge die festliche Luft des wirklich eigenen Heims einatmen. XIV. Seitdem Jürgen jetzt durch Scheune und Stall schreiten konnte, ohne auf Anders zu stoßen, fühlte er sich als freier Grund- besitzer im Reiche. Erst zetzt eigentlich gehörte das Haus ihm. Auf all den Dingen, an denen er da drinnen vorbeischritt, ruhten seine Augen frisch und fröhlich, als sei es das erstemal, daß er wirklich Besitz davon ergreife. Und er fütterte, streute, düngte, striegelte und arbeitete hier in seinen eigenen Außenräumen mit lächelndem Munde. Aber bald begriff er, daß die vielen Kleinigkeiten ihn fest- halten würden vorn frühen Morgen, wenn er aus dem Bett stieg, bis zum späten Abend. Nur im Frühjahr und Sommer hatte man eben Zeit zum Atemholen. Lange dauerte es. bis er die großen, sandigen Becker gepflügt und besät hatte. Und dann gab es Heu, das gemäht werden und Torf, der gegraben werden sollte, Gräben mußten ge- reinigt und Kartoffeln ausgegraben werden,— eine Arbeit griff in die andere über; es war eine fortlaufende Kette, von der kein Glied fehlen durfte. So oft er fort gewesen war, lag daheim das Versäumte und wartete auf ihn. Als dann der Winter kam, mußte der Dreschflegel fast unauS- gesetzt geschwungen werden. Da war der Sack mit dem Brotkorn, der gefüllt sein muhte, dann der Sack mit dem Mehl, mit Malz und Kleie für die Schweine, und da war die Häckselmaschine, die mit leerem Rachen dastand und gähnte und neues Futter verlangte— das alles ballte sich zusammen zu einer einzigen großen Forderung. Es war wie ein stets geöffneter Rachen, der nie gefüllt werden konnte und der ihn aus jedem Winkel und jeder Ecke anrief. Jedes Ding wollte zu seinerzeit gemacht sein und er mußte allein für alles aufkommen. Beinahe hätte Anders ihm gefehlt. Denn nicht nur mußte er seine Arbeit allcine verrichten, sie nahm sogar all seine Gedanken ■m Anspruch, so genau mußte er alles abwiegen und berechnen, wenn zeder und jedes zu seinem Recht kommen sollte. Er hatte beim Kaufmann gesehen, oaß er ihm soviel schuldete, als eine ganze Seite dieser großen rotliniierten Kaufmannsbücher fasten konnte. Die Bauerei hatte mächtig Geld gekostet. Und da waren noch andere Stellen. Und dann die Abnahme. Die Dünenbewohncr wuchsen geradezu in Jürgens Augen in dieser Zeit. Es mußten bei Gott doch ausgewachsene Männer sein, wenn sie sich hier draußen nähren wollten. Und bange waren sie auch nicht; fast alle hatten sie von vorne angefangen auf dem bloßen Sandboden. Und sie hielten aus, Sommer und Winter, jabrelang in ihrer ruhigen Weise. Aeußerlich merkte man ihnen nichts an; sie veränderten sich nicht, wenn es ihnen mißglückte, und noch weniger, wenn es ihnen glückte, diese starken, störrischen Männer.— Im Grunde war es za so begreiflich, daß die ständige Schufterei eine Rinde in das Innere dieser Menschen hatte wachsen lassen.... Jürgen begriff, wie diese Menschen ganz von selber an den täglichen Kleinigkeiten kleben bleiben mußten, die unausgesetzt ein Netz spannen, das auch ihn gefangen nehmen wollte unter dem Dach des Krageschen Hauses. Aber er wollte nicht in diesem ArbeiiSgespinst gleich einer toten Fliege hängen bleiben. Wohl wollte er arbeiten� und zwar mit Leib und Seele, wenn es Vonnöten war. Aber der Kopf mußte frei bleiben. Sollte das Leben aus solch niedrigem Vorwärtskriechcn bestehen?— Niemals! — wenigstens das seine nicht. Und dann lud Jürgen zu einer Versammlung ein. Er glaubte bestimmt, daß eS jetzt gehen würde. Mehrmals hatte er deutlich gemerkt, wie etlichen Dünenbewohnern eine Ahnung zu dämmern begann, wenn er mit ihnen sprach. Er sah es ihren Augen an. Natürlich ließen sie sich nichts merken. Aber eines Tages mußte es doch hervorbrechen, gleich einer von beiden Seiten geöffneten Schleuse, und die Verbindung zwischen ihm und ihnen würde da sein. Ein herrlicher Tag! Und fast glaubte er ihn nahe. Ihm war, als spüre er es an sich selber. Und zetzt stand er auch viel besser und sicherer und freier da als ehedem, schien eS ihm, Mit dem Staublappen ick der Hand stand Marie da und lieg ihre Blicke voll Stolz durchs Zimmer gleiten. Sie hatte erst kürz- lich einen neuen Bettvorhang bekommen, die Bretter des Fußbodens waren weiß, und dann hatte Jürgen einen viereckigen, hölzernen Spucknapf angefertigt, der neben dem Sofa stand. Die Augen der schlanken jungen Frau glänzten mehr als früher, und ihr ovales Antlitz trug noch das echte Gepräge gesunder Schönheit. Jürgen trat ein mit zwei frischgrüncn Wacholderzweigen, die er kreuz» weise hinter das Bild Friedrich VII. steckte. „Ich fand, er sollte eine Krone haben!" sagte er. Sie blickten sich vergnügt ringsum. „Aber wo sollen wir die Leute unterbringen?" fragte sie.„Hier sind zu wenig Sitze. Jetzt fehlen uns die lange Bank und der Schemel!" Indessen Jürgen wußte Rat. Er schaffte ein Bierfaß, einen Holzblock und ein paar Kisten herbei. Ueber diese Gegenstände wurden Bretter gelegt, und auf diese Weise brachte er einige pri- mitive Bänke zustande. „Es ist beinahe wie im Versammlungshause!" lächelte sie. „Ja— ja! Das übrige müssen wir nun abwarten!" Die Lampe mit der Glasglocke brannte. Die beiden Knaben waren in dem einen Bett hinter den Vorhängen zur Ruh gebracht, und Klein-Kjesten lag in der Wiege, die in den Ofenwinkel ge- schoben war— die blauangestrichene Wiege mit der ausgebesserten Stelle. Die beiden jungen Eheleute waren bereit, ihre Gäste zu empfangen. Er breitete die„Volkszeitung" vor sich aus; sie strickte an einem Strumpf. Es war sehr still. Die festgesetzte Zeit war überschritten, und Jürgen saß noch immer über seiner Zeitung, obwohl er in der Zeit zehn Zeitungen hätte durchstudieren können. Plötzlich richteten sich beide mit einem Ruck auf. Eine Sekunde lang standen die Stricknadeln still. Im Flur ertönten Holzschuh- schritte. Es war Sören Knak, der ein Bündel Papier unter dem Arm trug. „Guten Abend!" „Willkommen, Sören!" Er legte das Bündel Papier aus der Hand und nahm stille Platz. „Dies war also das erste Quartal," sagte er.„hier bringe ich die Hälfte der Blätter zurück; die sind ja immer schön zum Ein- wickeln zu gebrauchen. (Fortsetzung folgt. Geclanken über Revolutionen. Von Georg Christoph Lichtenberg. Zu den wenigen Deutschen, die das Glück empfanden, Feit» genossen der größten Weltumwälzung, der französischen Revolution, zu sein, gehört G. Ch. Lichtenberg. Auch die Hinrichtung Ludwigs XVL, die so viel entbusiastische Schwächlinge umstimmte, vermochte diesen klaren Kopf nicht umzustimmen. Er ist nicht ohne Vorbehalt gegen die Einzelerscheinungen der französischen Revolution, ist aber überzeugt, daß in Revolutionen sich die Eutwickelnng der Menschheit vollzieht. Lichtenbergs Notizbücher sind erst in den letzten Jahren, nach mehr als hundertjährigem Schlaf, soweit sie er- halten geblieben find, vollständig und genau von Albert Leitzmann veröffentlicht worden. Es ist kein witziger Einfall, sondern die lautere Wahrheit, daß vor der Revolution die Jagdhunde des Königs von Frankreich mehr Gebalt hatten, als die Akademie der Inschriften. Die Hunde 40 000, die Akademisten 30 000, Hunde waren 300, Mitglieder der Akadentie 30. 9 Glaubt etwa jemand, daß sich alte Mißbrauche aus der Welt so leicht wegwischen lasten? Die französische Revolution wird manches fute zurücklassen, das ohne sie nicht in die Welt gekommen wäre, es ei auch waS eS wolle. Die Bastille ist weg. * Unter die Mißverständnisse oder die falschen Darstellungen bei der französischen Revolution gehört auch die, daß man glaubt, die Nation werde von einigen Bösewichtern geleitet. Sollten nicht viel- mehr diese Bösewichter sich die Stimmung der Nation zunutze machen? Die französische Revolution hat durch die allgemeine Sprache. zu der eS mit ihr gekommen ist, nun ein gewisses Wissen Jmter die Leute gebracht, das nicht leicht wieder zerstört werden wird. Wer weiß, ob nicht die Großen genötigt sein werden, eine Barbarei ein- zuführen. Jetzt im Herbst 1790 rüstet fich Rußland, das wäre vor- trefflich dazu. Von diesem unwirtbaren Schlamm läßt fich vieles für unsere Staaten erwarten. » Experimentalpolitik. die französische Revolution. Der sK wachste aller Menschen ist der Wollüstring, der nach dem Leide sowohl als der nach dem©eiste, ich meine der Hurer und der Betbruder, der, der mit Mädchen und der mit Religion hurl. Gott dewahre alle Menschen vor einein so hurenden Könige und Minister. Und©Ott behüte einen solchen König und Minister vor vernünftigen Untertanen. Darf ein Boll seine Staatsverfassung ändern, wenn es will? Ueber diese Frage ist sehr viel Gutes und Schlechtes gesagt worden. Ich glaube, die beste Nntwott daraus ist: Wer will es ihm wehren, wenn es entschlossen ist? Allgemein gewordenen Grundsätzen ge- rnäsz handeln ist natürlich, der Versuch kann falsch ausfallen, allein es ist nrm einmal zum Versuch gekommen. Diesem Versuche vor- zubeugcn, mützlen die Weisesten die Oberband haben, und diese Weriesren müßten eine Menge der Weisesten oder der Unweisesten. gleich viel, tommandieren können, um die Vernunft der Besseren, und den Gehorsam der Schlechteren immer nach derselben Seite zu lenken. Schreiben des uettmxedttuS Zfimmermann) an die Pest zu Kon- stantinopel, nebst seiner Majestät Antwort darauf. Er bittet sie im Namen des gesamten aristokratischen Deutschlands, einen Einfall in Frankreich zu tun. um den Hunden den Garaus zu machen. Es wird ihm aber in Gnaden abgeschlagen. Unterzeichnet Faulfieber. » Was der Soldat für ein Tier ist, siebt man deutlich aus dem gegenwärtigen Krieg. Er läßt sich gebrauchen, Freiheit festzusetzen, Freiheit zu unterdrücken, Könige zu stürzen und auf dem Thron zu befestigen. Wider Frankreich, für Frankreich und wider Polen. VolKstlimttcbe l�usik. Volkstümliche Konzerte. Ein„Volksliedersaal" hat sich in Berlin aufgetan, tmternommen von Ludivig Renner und Erik M e y e r- H e l m u n d, und hat am Freitag seine Konzerte begonnen, die nun allwöchentlich dreimal(Sonntag, Dienstag, Freitags im Tiergartenhof stattfinden sollen. Preis 0,75 und 1.25 M, an Biertischen ohne Rauchen. Man kann einem solchen Unternehmen mit seinem guten Willen, weiteren Kreisen eine leicht zugängliche Musik darzubieten, von vornherein nur mit Interesse ent- gegenlommen. Bei dem ersten dieser„volkstümlichen Liederkonzerte" hatten wir sogar die Freude, einigen wirk- lichen Volksliedern zu begegnen. Die meisten von ihnen wurden gesungen von Hedwig K a u fm a nn- W e i d e r t, die uns von einem Konzerte der„Freien" her in gutem Andenken steht; und da tat eine auSdrucksreichc Gesangskunst noch das Ihrige dazu, um uns ein„JiitländischeS Tanzlied" und ein paar süddeutsche Volks- ftrophen recht sympathisch zu machen. Der Vortrag einiger un- begleiteter Chöre durch den Grell-Verein eriunerle uns an den vor mehreren Jahrzehnten hier wirkenden Komponisten und Dirigenten E. L. G r e l l, der mit seiner Begeisterung für den ausschließlichen Wert der Vokalmusik wohl auch an dem neuen Unternehmen seine Frerrde haben würde. Aber nun darf man doch fragen: Wenn schon der volkstümlichen Liederkuust und speziell dem VolkSlicde selbst gehuldigt werden soll, ist es da berechtigt, wieder nach landläufiger Konzertweise ein Durch- einander von Allerlei zu geben und dabei Kunstgeiänge voranzu- stellen, wie man sie auch sonst zu hören pflegt? Ein Festchor aus einer Gluckichen Oper ist allerdings eine erfreuliche Seltenheit, im Gegensatz etwa zu einer italieirischen Arie von Beethoven, aber was ist daran„volklich"? Könnten wir nicht mal z. B. eine Auslese aus Ludolf Waldmann bekommen, für den jetzt eben zu einer Ehrengabe aufgerufen wird? Es scheint fast ein Verhängnis auf all unseren Gcsangsgesell- schaften zu lasten t sie finden nicht recht den Anschlnj; an die Sanges- tradition unseres Volkes. Wie dankenswert und dankbar würde es sein, wenn sie uns ein Sild davon gäben, wie die verschiedenen Stände seinerzeit ihre Leiden und Freuden hinauSgcsungen baben und wie sie es wahrscheinlich heute noch tun! Aber gute Klassikermusik und schlechte Liedertafelei beherrschen fast allein die Sangesprogramme. An bereits zahlreichen Volköchöreu— im Sinne von gemischten Arbeiterchören— fehlt es nicht. Jedoch z. B. schon bei unserem„Berliner Volkschor" ist ein eigentlicher Volkslied-Abend, IV ie eS der nculiche mit den Madrigalen war, eine SllSnatznre. Die stetige lleberlicfcrung urwüchsiger HcimatSmusik ist wohl gar nicht in der Gesangs-, sondern vielmehr in der Instrumental- musik zu suchen. Nnmentttch draußen auf dem Lande soll es mit dem Gesangvereiuswesen ganz jämmerlich stehen und das Volk selbst gar keinen Auteil an ihm nehmen— dank einem guten Instinkt. Um so mehr aber tvcrden die Musikkapellen, die eigentlichen Spielleute, zumal in den Astienländern, als gute Bewahrcr uralter Tradltionen gerühmt. Dazu kommt, daß in vielen kleinen Städten «roch die alte Einrichtung der Stadlmusikanten besteht, die ganz einfach das Handwerk vom Lehrling augefangen vertreten. Aber wohin ist die frühere Fürsorge eifriger Siädte für ihre Turmmusik oder für all die Varianten der„ritterlichen Trompeterkunst" u. dergl. ent« Kerautw. Redakt.: Carl Mermuth. Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: schwunden? In Berlin gibt sich ein oder der andere Kunstler alle Mühe, die alten Schätze und Gepflogeuheiten wieder zu erwecken. Doch es scheint da ganz besonders an unseren Stadtverwaltungen zu fehlen, die gerade hier versagen. An volkstümlichen oder sagen wir: billigen Konzerten fehlt es ja keineswegs mehr. In Frankfurt a. M., Hamburg, Nürnberg und München und wohl auch anderswo, zum Teil durch Gewerkschaften, finden solche Konzerte mit Preisen von etwa 30 oder 40 Ps. statt. In Berlin bekommen die uns schon bekannten Versuche Fortsetzung und Ergänzung. Am Sonntag begannen die Populären Kon» z e r t e des B l ü t h n e r o r ch e st e r s(75 Pf. bis 1,50 M.) und die Sonntagskonzerte des Schiller-TheaterS(75 Pf. bis 1 M.); am Dienstag wurden„Bolks-Sinfonie-Kon- z e r t e" in der Neuen Welt, und zwar als st ä d t i s ch e Veranstaltung von R i x d o r f eröffnet(20 bis 60 Pf., mit Alkohol und Rauch). Mehrere Appelle au Städte wie Berlin und Wien um öffenl- l i ch e S Musikipiel scheinen vergebens. Aber vielleicht machen uns diese populären Jnstrumentalkonzerie die besondere Freude mtd besinnen sich besserer Programme, als es die der üblichen Kunst« oder vielmehr küiisilichen Abende sind. Vorläufig sind sie hauptsächlich nur für Hörer angelegt, denen der musikalische Stoff bereits näher verlraut ist. Ain meisten gilt dies wohl von den Konzerten im Schiller-Theater. Namentlich das dort gepflegte Klaviertrio ist eine Feiuschmeckersache, allerdings auch in dem Sinne, daß die Stücke mit feinem Geschmack vorgetragen werden. Breiter ivirken etwa Lieder von Schubert, zumal wenn sie so vollendet zu hören sind, wie dort. Aber nun denke man sich einmal in die Hörer aus weiteren Kreisen hinein: was bedeutet für sie eine Programm- Ankündigung wie„Em. Chabrier: Espana» Rhapsodie" im Blüthner-Konzert, oder„Lrszt:„Les Preludes", sinfonische Dichtung im Rixdorfer Konzert? Hier hats die Stadt gleich sin größeren angelegt: Blütbner» Orchester unter Hofkapellmeister v. Strauß. Sogar Beethovens Pastoralsiiifouie gab es da; doch wieviel würde gewonnen sein, wenn das Programm auch die deutlichen Erläuterungen des Kam» ponisten hinzufügte I Uever die Bortragsleistimgen selbst ist da wie dort am wenigsten zu klagen, zumal wenn man annimmt, daß der Nindorfer Abend noch nicht über viel Proben verfügen konnte. Merkwürdig: alle die drei letztgenannten Konzerte hatten, und zwar wohl mit besonderem Eindruck, den Ruflen Tschaikowsky auf dem Programm. Wenn aber solche Konzertunternehmungen nicht auch in die Tradition der Volksmusik hsiieinlaugeu: wo bleibt uns da sonst noch Hoffnung darauf?_ sz. Kleines f euületon» Märtyrerinnen der Tanzkunst. Der genießende Bewunderer körperlicher Anmut und Grazie, der wohlig in seinem Parkettsitz zurückgelehnt die zierlichen Balletteusen mit einem Lächeln auf dem rosig gepuderten Gesichtchen über die Bühne schweben siebt und auf den Augenblick wartet, in dem schließlich die berühmte Prima Balle» riua, die große Tänzerin, aus den bunttchillenrden Kulisien hervor- huscht, er weiß wenig von den furchtbaren Oualen, von den körper» lichen Leiden und Entbehrungen, die der berühmre Star überwinden mußte, ehe er wagen durste, unter dem rauschenden Beifall be» wundernder Zuschauer die Gesetze der Schwerkraft scheinbar zu wider» legen. In„London Magazine" schildert James de Conlay die Mühen und Leiden der geschulicn Tänzerin. Mit Entzücken sab jeder die Gen«e mit ihren zierlichen Füßchen in wirbelnden Pirouetten über die Bretter gleiten, aber wer von den Tausenden ivciß, daß die vielbewnnderte Tänzerin fast allabendlich nach dem Auftreten hinter den Kuliffen vor Schmerz weinend zusammenbrach und mit peinverzerrten kippen auf die kleinen Füße sah. die soviel Begeisterung hervorgerufen halten. Odette Valerie mußte schließlich den ganzen Tag über in einem vollkommen dunklen, stillen Raum liegen, um ihre Nerven von den gewaltsamen Anstrengungen zu erholen, die ihr Berus ihr grau- sam auferlegte. Wenn die Pawlowna am Abend ihren Tanz voll- endet hat, dann sinkt sie in die Knie. Große Tänzerinnen sinken nach anstrengenden Leistungen hinter dem Vorhang oft kraftlos hin, wenn nicht eine Ohmnacht das gewaltsam gestörte Gleichgewicht der Natur wiederherstellt. Die kurzen Augen- blicke des Triumphes sind teuer erkauft, die heiteren Genüsse des Lebens bleiben der echten Tänzerin fast immer verschlofseu. Die Vollsmeinung geht irre, wenn sie mit einer Tänzerin so gern die Vorstellung von einem sorglosen, ausgelassenen Lebenswandel per- knüpft. Die Anforderungen des Berufes find rein körperlich so schwer, daß sie von selbst eine Reinheit des Lebenswandels zum Gesetz er» heben. Das Ballett erzieht feine Zöglinge zu den ehrsamsten Frauen der Welt, zu denen, die hari arbeiten und malellos leben. Als kleines Kind von sechs Jahren beginnt für die kommende Tänzerin der Ernst und die Bitterkeit deS Lebens, und jeder Schritt, jede Bewegung erfordert fast ein Jahr Lehrzeit. Viele Jahre ver» gehen, bis sie zmn ersten Male als Elevin ein paar Mark Wochen» gage verdienen, und fast immer liegt eine zehnjährige Lehrzeit hinter dem zarten Mädchen, bis eS sich zur„ersten Reihe" vorgearbeitet hat und eine Wochengage von vielleicht 40 M. bezieht. Aber dann, wenn Fleiß und Talent sich glücklich vereinen, dann kommt auch die bessere Zeit._ vorwärts BuchSruckerei u. Verleg«anstatt Paul Surger&©o. jBcrlm S\SI.